Kurzgeschichte
Die Taube

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"Die Taube"
Veröffentlicht am 23. November 2019, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Katharina Durrani
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Hi! Ich heiße Katharina. Ich lebe mit meinem Mann und meinen vier Kindern in Niederösterreich. Nach der Matura habe ich die Buchhandelslehre absolviert. Weil mir das nicht genug war, habe ich nach einem Jahr auf der Universität für Bodenkultur noch den vierjährigen Lehrgang für Grafik Design an der Wiener Kunstschule abgeschlossen. Ich schreibe leidenschaftlich gerne, zwischendurch male und zeichne ich. 2019 ist mein erster Krimi - Der ...
Die Taube

Die Taube

Mitten in der Nacht erwachte sie schweißgebadet. Was hatte sie aufgeweckt? Ein Geräusch? Sie starrte in die Dunkelheit. Da hörte sie es: Ein Klopfen an der Scheibe. Danach wieder unangenehme Stille. 

Ihr Schlafzimmer befand sich im ersten Stock ihres Einfamilienhauses inmitten eines wunderschönen Gartens. Hohe alte Bäume. Eine Tanne, ein steinalter Nussbaum mit riesenhaften Nüssen, einigen Obstbäumen. Kahlen Obstbäumen, denn es war November und schon ziemlich kalt. 

Jasmin lauschte in die Dunkelheit. Der Wind rüttelte an den Fensterläden, sie konnte sein Sausen und Brausen deutlich hören. Irgendetwas muss heruntergefallen sein, beruhigte sich die Mittvierzigerin, zog die

Decke höher und rollte sich zur Seite. Sie lebte alleine in dem Haus. Ihr Mann hatte sie verlassen, ihre einzige Tochter war bereits ausgezogen. Jetzt hatte sie nur ihre Katzen und die Hühner im Garten. 

Sie war bereits im Einschlafen, als es erneut und deutlich an der Fensterscheibe klopfte. Jetzt schaltete Jasmin das Licht ein, denn an Schlaf war nicht mehr zu denken. Nein, sie musste der Sache auf den Grund gehen! Ein loser Ast? Nein, die Bäume standen nicht so knapp am Haus. Ein lockerer Ziegel. Möglich. Jasmin zog die Vorhänge zur Seite. Aber sie konnte nichts sehen, weil sich das Licht ihrer Nachttischlampe im Glas spiegelte. In dem Moment, als sie das Licht ausschalten gehen wollte, klopfte es erneut an die Scheibe. „Lass

mich rein!“, flüsterte es. Jasmin überkam ein eiskalter Schauder. Wer hatte da gesprochen? Wurde sie wahnsinnig?

„Bitte!“, raunte es durch das gekippte Fenster. Jasmin schlief selbst bei Temperaturen um den Gefrierpunkt mit offenem Fenster. Sie liebte die frische kalte Luft in ihrem Schlafzimmer.

Abermals klopfte es. Diesmal penetranter. Doch Jasmin hatte zuviel Angst um sich umzudrehen und zum Fenster zu sehen.

„Bitte, hilf mir“, flehte das Stimmchen. „Er ist hinter mir her. Bitte.“Ein Schluchzen und heulen. Danach die Worte: „Bei dir bin ich sicher. In deinem Haus, bei deinen Katzen. Deine Hühner, sie sind bereits tot.“

Was? Jasmin fuhr wie der Blitz herum,

hechtete zum Fenster und öffnete es, um zum Hühnerstall sehen zu können. Ein Vogel saß vor ihr auf der Fensterbank. Eine Taube. Ihr Gefieder war seidig und weiß. Sie hatte einen kleinen zarten Schnabel, wie alle Tauben. Sie flatterte mit einem „Danke“auf den Parkettboden und verschwand unter Jasmins Bett. „Schließe das Fenster!“, rief das Tier panisch. Doch Jasmin versuchte den Hühnerstall zu erblicken. Alles lag ruhig vor ihr. Keine Gefahr. Aber diese Taube. Sie konnte mit ihr sprechen. Jasmin rieb sich die Augen. Sie träumte, denn die weiße Taube konnte sie nicht mehr sehen. Sie war verschwunden.

Jasmin wollte soeben wieder zu Bett gehen, als der Ruf eines Vogels, der durch die

Dunkelheit der Nacht anschwoll, sie fast zu Tode erschreckte. Ein Raubvogel! Hier bei ihr im Garten inmitten der Stadt? Im Augenwinkel sah sie einen dunklen mächtigen Schatten durch den Garten fliegen. Sie konnte das Rauschen der Federn hören. Abermals ertönte der Ruf. Nein, es war keine Eule, sondern ein mächtiger Adler, eher ein mutierter Adler! Jasmin sah den Vogel gegenüber von ihr auf der Tanne sitzen. Seine Flügelspannweite war größer als das geöffnete Fenster. Sein Schnabel mächtig, seine Klauen riesig und todbringend. Alles, was sie in diesem Moment konnte, war die Luft anzuhalten und den Vogel anstarren. Seine Augen leuchteten durch die Finsternis. Sein Ruf ließ Jasmin das Blut in den Adern gefrieren.

„Das Fenster!“, schrie die Taube. Der Raubvogel lauschte einen Augenblick, wandte den Kopf. Plötzlich schwang er seine Flügel, stieß Jasmin zur Seite und landete auf ihrem Bett. „Wo ist sie?“, fragte er mit tiefer melodischer Stimme.

Jasmin war komplett verwirrt und erstarrt.

„Ich weiß, dass sie hier ist. Hier bei dir. Wie es das Orakel prophezeit hat. Wenn du sie weiterhin vor mir versteckt hältst, wirst du sterben.“

Jasmin brachte jedoch kein Sterbenswörtchen heraus. In dem Augenblick, als sich der Adler auf sie stürzen wollte, schlug sie die Augen auf und ....


Jasmin lag in ihrem Bett. Die blasse Sonne

schien in das Schlafzimmer. Was für ein irrer Traum! Die Frau strich sich die Haare aus dem Gesicht und stand auf.

„Miau“, ertönte es. „Miau.“ Eine ihrer Katzen saß in der Türe und maunzte.Wieso stand die Türe offen? Sie schloss sie doch jede Nacht. Seltsam. Jasmin schüttelte den Kopf. „Was ist los, Mia?“, fragte Jasmin. „Hast du Hunger?“

Jasmin suchte nach ihren Hausschuhen. Was machte die weiße Feder in ihrem Schuh? Seidigweich und schön. „Charly!“, schrie sie entsetzt, als sie ihren Kater inmitten von Federn unter ihrem Bett sah. „Raus da!“Wie waren die beiden Katzen in ihr Zimmer gelangt? Sie schliefen doch unten im Wohnzimmer bei verschlossener Türe und wieso hatten sie ihre Beute unter ihr Bett

getragen? Jasmin nahm eine Feder in die Hand und betrachtete sie im Licht. Der Traum! Die Taube! Der Adler! Oh mein Gott!, schrie sie innerlich auf. Sie holte einen Besen, verscheuchte die Katzen und kehrte die Federn unter dem Bett hervor. Keine tote zerfleischte Taube, nur Federn. War sie entkommen? Oder hatten ihre Katzen sie gefressen? Jasmin überkam ein eiskalter Schauder. Trotzdem machte sie Ordnung in ihrem Zimmer und saugte mit dem Staubsauger die letzten Federn weg. Dann wandte sie sich dem Fenster zu, öffnete es und schaute in den Garten. Alles in Ordnung. Sie atmete durch. Seltsamer Traum! Doch dann erblickte sie den Hühnerstall, das Freigehege. Federn, soweit das Auge reichte.

Tierkadaver. Ihre Hühner! Alle tot! Jasmin rannte die Treppe hinunter, hinaus in den Garten. Mit Tränen in den Augen, sah sie sich das Gemetzel an. "Wieso?", schrie sie, wie von Sinnen. "Wieso?" 

Als der alte Nachbar auf das Geschrei aufmerksam wurde, sah er Jasmin scheinbar leblos neben dem Hühnerstall liegen. Er verständigte sofort die Rettung. Aber der herbeigerufene Notarzt konnte nur noch Jasmins Tod feststellen. Vermutlich hatte sie einen Herzinfarkt. Der alte Mann stand betrübt am Zaun und beobachtete die Rettungsleute. Die Hühner liefen im Stall munter auf und ab und suchten Futter. Wieso Jasmin so laut geschrien hatte, konnte er sich nicht erklären. Doch dann fiel sein Blick auf den alten

Nussbaum. Eine schneeweiße Taube saß dort und putzte ihr Gefieder. Sie war wunderschön. Plötzlich schaute das Tier mit seinen sanften dunklen Augen auf den alten Mann herunter. "Jasmin wurde vom Geistervogel getötet", hauchte es. Der alte Mann rieb sich die Augen. Hatte die Taube soeben mit ihm gesprochen? Geistervogel? Was für ein Unsinn! Als er wieder zum Nussbaum sah, war die Taube verschwunden.

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Hörbuch

Über den Autor

Kathi71
Hi! Ich heiße Katharina. Ich lebe mit meinem Mann und meinen vier Kindern in Niederösterreich.
Nach der Matura habe ich die Buchhandelslehre absolviert. Weil mir das nicht genug war, habe ich nach einem Jahr auf der Universität für Bodenkultur noch den vierjährigen Lehrgang für Grafik Design an der Wiener Kunstschule abgeschlossen. Ich schreibe leidenschaftlich gerne, zwischendurch male und zeichne ich.
2019 ist mein erster Krimi - Der Corvinusbecher - im Medimont Verlag erschienen und mein Jugendfantasyroman "Experiri". Im Herbst 2020 erscheint mein zweiter Kriminalroman mit meiner Protagonistin Simone Jaan, weiters arbeite ich an Fortsetzungen von Experiri - als Fantasy/Sciencefiction/Psychothriller.

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AlexejLich du hast einen interessanten Rhythmus in dem was geschrieben steht. es ist eine spannung zu merken, ein schreibfluss der einem wildfluss ähnelt, eine unruhe, welche den leser in spannung versetzt und man irgendwie weiterlesen will, was passiert, was als nächstes geschieht oder nicht geschieht, damit die innere spannung gelöst werde und sich das noch ungewisse auflöse....die taube wirkt sehr mystisch und es ist auch ein interessantes symbol....doch wer ist die taube? ist sie real oder geist? ist sie warnung? Botin oder Fabelwesen, welche etwas erkannt hat; bzw. etwas sieht, was ander nicht so sehr sehen, sie aber in andern auch fähigkeiten entwickeln kann, dass sie sie dann sehen und auch weiteres....mal schauen, vllt werde ich sie auch mal im traum sehen.....danke für diese geschichte....

ps.: Tschuang tzu träumte einst er sei ein Schmetterling und fragte sich die fragen: ist es er der träumte er sei ein schmetterling oder ist es ein schmetterling, der träumte er sei Tschuang tzu? wer weis...wer weis...

wir könnten auch fragen: Träumte Jasmin sie sei mit einer Taube oder träumte die Taube, sie sei Jasmin? wer weis...wer weis....vllt der geist?

LG.. Alexej
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Bellador " Die Taube" und dein passendes Bild...Ich habe eine Geschichte über Frieden, Reinheit, Schönheit erwartet.
Der Überraschungseffekt ist dir sehr gelungen! Sehr spannend geschrieben. Am Ende habe ich wie Fleur gedacht...
LG Bella
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FLEURdelaCOEUR 
Oh, wie schrecklich!
Das ist ja schlimmer als ein Albtraum!

Liebe Grüße
fleur
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