Fantasy & Horror
Ozon - Kapitel 4-6

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"Ozon - Kapitel 4-6"
Veröffentlicht am 30. September 2019, 78 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
© Umschlag Bildmaterial: Yuumei - The art and musings of a disillusioned idealist www.yuumeiart.com
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Über den Autor:

Es ist so eine Art Obsession, glaube ich. Das Schreiben fasziniert mich so sehr, daß, wenn es mir verboten würde, ich langsam daran sterben würde. Johannes Mario Simmel
Ozon - Kapitel 4-6

Ozon - Kapitel 4-6

Kapitel 4: rENA

Die Tautropfen des Morgens schaukelten sich tänzelnd von den Grashalmen als das Licht der aufgehenden Sonne die Erde berührte. Es war ein kalter Morgen, der die warme Luft aus den Lungen in Nebel verwandelte. Ich zog den weichen Mantel fester über meine Schultern und mit schweren Tritten stampfte ich, mit meinen ledernen Schuhen, das Tauwasser der Wiese zurück in die Erde. Es war wie immer schwierig mit den schnellen Schritten von Lodar mitzuhalten. Mit jeder Bewegung die ich tat, verströmte der Mantel den Duft von Lavendel. So weich und warm der Mantel auch war, er

gehörte einer fremden Frau. Einer Frau, die Lodar liebte und von der ich nur wenig wusste. Es war noch Nacht gewesen, als Lodar mich aus meinem traumlosen Schlaff riss. In der Finsternis und im Schein einer flackernden Kerze, hatte ich mich angezogen, das Gesicht gewaschen und ihre Haare zu einem Zopf gebunden. Wenige Minuten später folgte ich Lodar durch den Wald. Ein schmaler Pfad führte durch den Wald und zeigte uns den Weg in das Dorf, das zwei Stunden von Lodars Hütte entfernt war. Nur zwei Stunden trennten mich von meinem wahren Leben. Bald würde ich erfahren, wer ich wirklich war. Doch statt an mich zu denken, musste ich

ständig über die gestrige Nacht nachdenken. In diese Nacht hatte Lodar zwar nicht viel über seiner Frau gesprochen, aber ich erfuhr vom Krieg, dem König und den Bluthunden. Wie gebannt saugte ich die Worte seiner Erzählung in mich auf, um die Teile in meinem Kopf zu einem Ganzen zu vereinigen. Doch wie alles andere, waren auch diese Worte für mich fremd. Mit jeder Erfahrung und jeder Geschichte füllte sich die Leere in meinem Kopf und ich hoffte, dass eines Tages alle Erinnerungen zurückkehren würden. Vor zwölf Jahren herrschte in Katalova ein fünfjähriger brutaler Krieg gegen die Königsblutline der Sorats. Seit

Menschengedenken hatte die Blutlinie der Sorats das Vorrecht auf den Thron und somit die Macht über Katalova. Die Sorats hatte eine besondere Gabe, die ihnen die Kraft gab, die Energie und die Magie aus einem Menschen zu saugen und sie für eigene Zwecke zu nutzen. Unter dem Volk wurden Geschichten erzählt, die behaupteten, dass dieses Vorrecht nur durch das Vergießen von schwarzem Blut möglich war. Als der Krieg an seinem Höhepunkt angelangt war, beschwor Vidar Sorat I entsetzliche Bluthunde, die durch alle Dörfer, Städte und Kriege streiften, um Menschen mit besonderen Kräften zu finden und sie zu vernichten. Bluthunde konnten die

besondere Gabe reichen, wenn sie genutzt wurde. Hatte ein Bluthund den Geruch eines Menschen mit besonderen Kräften erst einmal wahrgenommen, war eine Entkommen nicht mehr möglich. Sie schafften es den Menschen aufzuspüren und zu töten. Keiner war auf eine solche Waffe vorbereitet. Die Rebellen verloren den Krieg und hunderte von Kriegern, Familien, Freunden und Kindern. „Wenn wir im Dorf sind, bringe ich dich direkt zu Nephele. Sie ist die alte Seele des Dorfes und wird uns weiterhelfen.“, unterbrach Lodar meine Gedanken. „Das wird vielleicht gar nicht nötig sein. Wenn ich das Dorf betrete, erkennt mich vielleicht jemand. Mein Vater oder meine

Mutter.“, antwortet ich voller Vorfreude. „Mach dir da lieber nicht allzu viele Hoffnungen. Viele der Bewohner arbeiten auf den Feldern außerhalb des Dorfes. Es sind Bauern, die nur zum Handeln und Tauschen ins Dorf kommen. Oder zum Saufen!“. Er lachte. Schlagartig verwandelte sich meine Vorfreude in pure Panik. Die ganze Nacht lang hatte ich mir vorgestellt, wie ich auf den Straßen des Dorfes laufe, eine schrille Stimme aufgeregt meine Namen ruft, auf mich zuläuft und mich erleichtert umarmt. Diese Vorstellung verblasste von einem auf den anderen Moment. Kalter Wind wirbelte durch meine Haare und ein Regentropfen

benetzte mein Gesicht. Ich zog die Kapuze meines Mantels über den Kopf und schütze mich vor dem einsetzenden Nieselregen. „Wie lange ist deine Frau schon fort?“, fragte ich Lodar, um mehr über die Frau zu erfahren, deren Kleidung ist trug. „Zwei Jahre!“ „Wie ist es geschehen?“. Meine Neugier war kaum zu überhören. „Sie hatte es mir versprochen, aber sie hat ihr Versprechen gebrochen. Wenn Menschen mit besonderen Kräften ihre Gabe einsetzten, dann riechen das die Bluthunde kilometerweit. Ihre Gabe, nein vielmehr der verdammte Fluch, der auf ihr lag, war die der Heilung. Wir sind in

den Wald gezogen, fern der Dörfer und Städte, damit sie dort sicher als Heilerin arbeiten konnte, ohne ihre Kräfte zu gebrauchen. Aber sie brach ihr Versprechen, als eines Tages ein kranker Junge an ihre Tür klopfte.“, er rieb sich mit der Hand über den Bart, „Dieser verdammte kleine kranke Junge! „Sie hat ihn mit seinen Kräften gerettet, nicht wahr?“, unterbrach ich seine Erzählung „Ich hatte keine Ahnung davon. Erst als die Bluthunde unser Hütter stürmten, wusste ich, was sie getan hatte. Es ging alles zu schnell und ich hätte noch viel mehr tun können“, er blieb mitten im Gang stehen und schaute

gedankenverloren in den dunklen Himmel, „Am Ende ist sie freiwillig mit ihnen mitgegangen, nur um mich zu beschützen. Ich hatte keine Chance gegen diese dreckigen Bestien. Ich lag halbtot am Boden, als sie mir einen letzten Blick zuwarf. “ „Wo haben sie deine Frau hingebracht?“ „Ich weiß es nicht.“, antwortet er kühl. Ich hackte weiter nach: „Wieso sucht du nicht nach ihr? Lodar drehte sich schlagartig um und seine Stirnfalter verriet mir, dass er wieder kurz von einem Wutanfall war, „Weil die es mir verdammt nochmal verboten hat und ich war so dumm ihrem Verbot zu folgen. Sie schickt mir immer

wieder kleine Zeichen, kleine Botschaften.“ Es war wie ein Puzzleteil, dass sich in meinem Kopf zusammensetzt: „Deswegen warst du am See und dachtes, dass ein Zeichen dort auf dich warten würde.“ „Sie versprach mir, dass alles gut war und dass ich sie nicht suchen dufte. Wenn ich sie finden und holen würde, dann würden wir beide sterben.“ „Es war das einzige Richtige, was du tun konntest, um euch beide zu beschützen.“, versuchte ich ihn zu tröten. „Das Richtige?“, seine Stimme bebte, „Du hast doch keine Ahnung. Lauf mir einfach hinterher und sprich kein Wort.“ Nach einer weiteren Stunde hatten wir

endlich das Dorf erreicht und auch der Nieselregen hatte sich gelegt. Ich lief durch die matschigen Straßen, vorbei an mehreren Hütten, Ställen und an einigen Kaufleuten, die energisch versuchten, ihre Waren von der Nässe zu säubern. Ich hatte mir das Dorf anders vorgestellt. Belebt und voller Menschen, stattdessen liefen nur wenige Gestalten umher, von denen keiner mich erkannte. An einem großen Gasthaus abseits der Hütten blieben wir stehen. Lautes Getöse, klirrende Gläser und lachende Menschen waren durch die Hauswand zu hören. Ich schaute ihn fragend an, aber in seinem Gesicht konnte ich sehen, dass er noch immer wegen dem Gespräch im Wald

aufgewühlt war. Ich folgte ihm ins Gasthaus und als ich mitten in dem riesigen Raum stand, erblickte ich duzende von feiernden Menschen. Es schien so, als wären alle Menschen aus ihren Hütten in dieses Gasthaus geflohen. Die Bänke waren beladen mit lachenden Männern und beschwipsten Frauen. Der Ton einer Flöte und einer Trommel tanzten durch den Raum, gefolgt von dem Gesang zweier Männer. Es war ein lebendiges Lied, dass sie sangen und die Menge zum jaulen und tanzen brachte. Der Geruch von Bier und gebratenem Hähnchen erfüllte den Raum. Unser Eintreten fiel keinem der Dorfbewohner auf bis einer der Männer

auf den Bänken von seinem Platz aufstand und durch die Musik zu Lodar rief, „Oh seht her, der Einsiedler lässt sich auch mal wieder unter dem gemeinen Volk blicken.“ Die Menge lachte über die Worte des Mannes, aber Lodar schenkte ihm und seiner abfälligen Bemerkung keine Aufmerksamkeit. Mit zielstrebigen Schritten lief er die hölzerne Treppe zum zweiten Oberstock hinauf. Ich folgte ihm nicht gleich, sondern schaute vorher jedes einzelne Gesicht der Dorfbewohner genau an, in der Hoffnung, dass ich mich an eines davon erinnern konnte, doch es waren leere Gesichter ohne Inhalt. Und andersherum schien sich keins dieser

Gesichter für mich zu interessieren. Es gab keine weinende Mutter, die ihre Tochter vermisste, kein Vater der einen Suchtrupp zusammenstellte, um seine vermisste Tochter wiederzufinden und keine Geschwister, die sehnsüchtig auf mich wartenden. All die Hoffnung in mir begann zu verschwinden. Die Chance auf die Rückkehr meines Bewusstseins rückte weiter in die Ferne. Lodar rief ungeduldig nach meinem Namen und voller Ernüchterung folgte ich ihm die Treppe hinauf. Auf der Treppe kamen uns zwei kichernden Frauen entgegen, die Lodar mit einem charmanten Lächeln begrüßten und mir nur einen missgünstigen Blick zu warfen. Es schien

ihnen nicht zu gefallen, dass ich an Lodars Seite war. Ich machte mir keine weiteren Gedanken mehr über die Frauen, denn nur wenige Schritte weiter, befand sich der Raum, in dem Nephele sich befand. Oben angekommen schaute ich ein letztes Mal über das Geländer hinunter zum lauten Treiben der Menschen. Nicht davon weckte irgendeine Vertrautheit in mir. Nephele war meine letzte Hoffnung. Vor einer grünen Tür blieb Lodar stehen, er öffnete die Tür vor sich einen kleinen Spalt und sofort schoss uns der Geruch von Baldrian in die Nase. Es war ein starker Baldriangeruch, der nur vermuten ließ, wie extrem der Geruch im inneren

sein würde. Bevor ich den Raum betreten konnte, näherten sich Lodars Lippen an mein Ohr: „Bevor du den Raum betrittst, solltest du wissen, dass Nephele etwas seltsam ist.“ Noch bevor ich fragen konnte, was er damit meinte, drang eine helle Frauenstimme von der anderen Seite der Tür zu uns, „Seltsamkeit ist das Wunder, dass wir im Alltag erleben. So kommt herein und schließt die Tür bevor der Rauch noch das Zimmer verlässt.“ Lodars Worte war ein leises Flüstern, bei dem selbst ich Schwierigkeiten hatte, sie zu verstehen. Doch diese Frau hat ein bemerkenswertes Gehör und als ich den

Raum betrat und die kleine alte Gestalt vor ihr sah, war sie noch verwunderter. Eine Falte nach der anderen legten sich über ihr kleines Gesicht und graue dünne Locken fielen in Wellen über ihren Rücken. Mit ihrer dünnen Haut wirkte sie wie eine zerbrechliche Puppe. Die alte Dame saß mitten im Raum auf dem Boden, nur ein dünnes Kissen trennten ihren runden Körper vom hölzernen Boden. Vor ihr stand ein Tisch, der gedeckt war mit Tassen und einem Krug voll dampfendem Tee. Ein kleines Feuer brannte in der Ecke und über dem Kamin hingen unzählige Baldrianblumen, die durch die Hitze bräunlich wurden. Im Schrank eingelagert waren Gläser mit

Baldrianwurzeln und einigen anderen Pflanzen, die ich nicht kannte. Es erinnerte mich an eine kleine Teestube. Bevor wir uns zu ihr setzten konnten, bat die alte Dame Lodar auf, Wasser aus dem Eimer über die Steine des Kamins zu schütten. Lodar nahm die Kelle, füllte sie mit Wasser und goss die Flüssigkeit auf den heißen Stein. Augenblicklich stieg Dampf auf, der den Geruch des Baldrians verstärkte und das Atmen erschwerte. Ich schnappte nach Luft, aber meine Lungen füllten sich nur mit dem warmen Dampf. Binnen weniger Sekunden fühlte ich mich benommen, meine Muskeln und meine Stimmung wurden leichter. Mein Körper und mein

Kopf fühlten sich so an, als würden sie eine Pause von meinem Dasein und meinen Problemen machen. Das Gefühl gefiel mir. Zum ersten Mal nach langem fühlte ich mich frei von meiner Suche nach meinem Gedächtnis. Im Schneidersitzt nahmen wir vor der alten Dame Platz. Das Kissen unter meinem Hintern fühlte sich unglaublich weich an. Nephele begrüßte uns beide herzlich und schenkte uns beiden eine Tasse mit dem heißen Tee ein. Eisblaue Augen funkelten mich an, als ich die Tassen entgegennahm. Die Hitze der Tasse wärmten meine Hände, die durch den Regen und den langen Marsch durch den Walt leicht betäubt waren. Es gelang mir

nicht, meinen Blick von den eisblauen Augen der Frau abzuwenden. Bei jedem Blinzeln schien sich das Blau in ihren Augen mit grellem Silber zu verschmelzen bis sie fast wie Spiegel aussahen. „Starr mich nicht so an, mein Kind!“, bat Nephele mich und zog mich aus dem Bann ihrer Augen. Beschämt blickte ich in meine Tasse, der Dampf benetzte meine Haut. „Ich bin zwar blind, aber nicht ohne Sehkraft.“ Ich schaute überrascht von meiner Tasse zu ihr auf. In ihrem Gesicht suchte ich nach Anzeichen für Blindheit, doch sie wirkte wie eine Sehende. Selbst die Tassen hatte sie perfekt befüllt. Nur ihre

Augen war das Ungewöhnliche an ihr. Ich nahm einen Schluck von meinem Tee und ich merkte, dass nicht nur Baldrian in ihm war. Der Geschmack war seltsam, aber nicht schlecht. Also nahm ich noch ein Schluck. Erst nach dem dritten Schluck bemerkte ich, dass der Tee eine besondere Nebenwirkung besaß. Meine Augen schweiften durch den Raum, dabei leuchtenden die Farben in besonders hellen Tönen und alle Bewegungen fanden verzögert statt. Obwohl es ein ungewohntes Gefühl war, fühlte ich mich zufriedener als je zuvor. Nephele lächelte mich an und wandte sich zu Lodar: „Also was führt meinen Enkel nach so langer Zeit zu

mir?“ Wären meine Lungen nicht bis zum Anschlag mit Baldrian gefüllt und mein Bewusstsein vom Tee nicht benebelt, wäre ich wohl vor Überraschung zusammengezuckt. Stattdessen neigte ich meinen Kopf zu Seite und begann zu lachen. Es war ein seltsames Lachen, dass ich nicht von mir kannte. Lodars grimmige Stirnfalte zeichnete sich in seiner Stirn ab und deutete mir an, den Mund zu halten, doch ich schaffte es nicht mein Lachen zu kontrollieren. „Recurarum – eine entspannende und süße Pflanze.“, erklärte Nephele, „Beim ersten Trinken kann sowas schon mal passieren. Nun ja Lachen ist gesund,

nicht wahr?“ Erst als Lodar mit scharfem Ton sprach, verstummte mein Lachen: „Ich bin sehr ungern hier, das weißt du ganz genau. Ich mag es nicht, wenn du diese Kräfte benutzt, aber dich kann man nicht abhalten. Diese Frau braucht deine Hilfe und du bist wahrscheinlich die Einzige, die ihr helfen kann.“ „Unsere Kräfte sind unsere Gabe. Ein Geschenk, ein Segen.“; erwiderte Nephele. Lodar überkreuzte wütend die Arme, „Ich bin nicht hergekommen, um erneut über dieses Thema zu diskutieren.“ „Es wird aber endlich Zeit, dass du –„, Nephele konnte ihren Satz nicht beenden,

da Lodar sie mit lauter Stimme schroff unterbrach, „Verdammt nochmal! Ich will mit diesen Kräften nicht zu tun haben. Es ist kein Segen. Alle Kräfte sind Flüche. Jede Kraft hat ihren Preis. Oder ist Blindheit ein angemessener Preis oder sogar Tod ein Segen? Vielleicht sollten wir meine Mutter fragen, aber das geht ja leider nicht, weil unsere Blutlinie beim Gebären von Söhnen, verflucht ist zu sterben. Nur Frauen sind erlaubt und die bekommen dann auch noch beim Benutzen ihrer Kraft die Blindheit. Grandios.“ Stille kehrte in den kleinen Raum ein. Der Baldrian schien bei allen bis auf Lodar zu wirken. Seine Stirnfalte lag so

tief, dass selbst der Tee nicht helfen konnte. Lodar hatte einen gewaltigen Schmerz in der Brust, der tiefe Narben hinterließ. Eine verstorbene Mutter, eine Kindheit ohne sie und eine entführte Frau. Eine Frau, die er über alles liebte. Deren Lavendelgeruch er ohne ihre Anwesenheit nicht ertragen konnte. Für einen kurzen Moment sah ich wieder einen gebrochenen Mann vor mir, doch das änderte sich schlagartig, als sich die Falte auf seiner Stirn löste und er seine Großmutter um Verzeihung bat. Nephele nickte ihrem Enkel sanft zu, blickte zu mir und streckte ihre flache Hand in ihre Richtung. Unter ihrer dünnen Haut zeichneten sich dicke blaue Venen ab.

Ihre Augen blickte tief in Renas und Rena fürchtete, wieder in diesem eisigen Blau zu versinken. Trotz des Baldriannebels in meinem Kopf, versuchte ich einen klaren Gedanken zu fassen. Mir fielen Lodars Worte über die Bluthunde ein und ich fragte Nephele, ob das Anwenden ihrer Kräfte sicher sei. Sie beruhigte meine Ängste. Der Baldrian war nicht nur zum beruhigen der Nerven da, sondern überdeckte auch den Geruch der Kräfte. Seit über zehn Jahren war kein Bluthund mehr in das Dorf gekommen. „Was suchst du, mein Kind?“, fragte Nephele. „Ich will wissen wer ich bin, woher ich

komme. Mein Kopf ist leer. Ich will mich endlich wieder erinnern.“, antwortet ich. „Gib mir deine Hand und ich werde deinen Geist durchsuchen.“ Dünne faltige Finger umklammerten meine Hand. Ich beobachtete, wie sich Nephele blauen Augen schloss und ich spürte ein warmes Kribbeln zwischen meiner und Nepheles Hand. Es war das gleiche Kribbeln, wie bei den leuchtenden Schmetterlingen im Wald. Ein Gefühl, das berauschend und stärkend war, doch auch Angst durchdrang meinen Körper. Die Angst, dass Nephele zu Staub zerfallen würde. Ich wollte meine Hand fortziehen, um Nephele zu schützen, aber die alte Frau

umklammerte meine Hand fest. Das Kribbeln wurde zu Funken, die wie kleine Nadelstiche in meine Haut drangen. Kurz bevor der Schmerz unaushaltbar war, ließ Nephele meine Hand los. Sofort massierte ich meine Handfläche, um mich vom Schmerz zu befreien. „Was hast du gesehen?“, fragte Lodar neugierig an meiner Stelle. Nepheles Blick war fest auf mich gerichtet. Der Blick war bohrend und suchen, als verstände sie nicht, welche Frau dort vor ihr saß, „Erst sah ich nichts, nur Leere. Doch dann erkannte ich ein Labyrinth. Wenn ich ihm folge, wird er mich zu deinem wahren Geist

führen. Es wird mich und auch dich Kraft kosten.“ Mit einer akkuraten Genauigkeit beschrieb Nephele ein Kräuterglas in ihrem Regal, das Lodar für sie holen sollte. Sie öffnete das Glas, nahm einige gelbe Kräuter hinaus und mischte sie in meinen Tee. Sie befahl mir das gesamte Glas mit den Kräutern auszutrinken und damit meinen Geist für die Reise zu lockern. Ein Schluck reichte aus und ich hatte den gesamten Tee geleert. Es dauerte nicht lange bis Müdigkeit über mich herfiel. Erneut ergriff die alte Dame meine Hand, doch diesmal begann Nephele dabei zu summen. Ihr Kopf wippte vor und zurück und ihre Augen

bewegten sich unter dem Lid viel zu schnell von rechts nach links. Das Summen war wie eine beruhigende Melodie, die mich dazu verführte, mein Gesicht auf die Tischplatte zu legen und einzuschlafen. Welle eines tobenden Meers stürzten auf mich herab und rissen mich in eine tiefe Dunkelheit. Ein Funkeln durchleuchtete die Finsternis. Ein Körper aus Glas strahlte mir entgegen. Es war mein eigener Körper. Ein vertrauter Traum. Ich berührte das kalte Kristall und mein Körper zersprang in tausend Einzelteile. Mit nackten Händen griff ich nach den Scherben, die in mein Fleisch schnitten. In den Scherben sah ich Bruchstücke

meiner Vergangenheit als wären es Tore zu einer anderen Seite. Doch bevor ich eine dieser Scherben entschlüsseln konnte, packte mich ein Wirbelsturm und brachte sie in einen anderen helleren Raum. Aus einem Glaskörper wurden zwei Einzelne. Eines der beiden Glaskörper gehörte einem Mann. Mein eigener Glaskörper lag dicht bei dem des Mannes. Die Stirn feste gegeneinandergepresst. Die Knie waren von beiden bis zur Brust herangezogen und die Arme waren fest um die Beine gewickelt. In dieser Position wirkten sie was Spiegelbild des anderen. Gleiche Stellung, zwei unterschiedliche Körper und dennoch war sie seltsam gleich.

Rechts über den Glaskörper leuchtete ein rotes Licht. Bei genauerem Hinsehen sah ich, dass es sich um ein schlagendes Herz handelte. Plötzlich begann der Glaskörper des Mannes sich zu bewegen und lebendig zu werden. Er rannte auf mich zu, packte mich an den Schultern und schüttelte mich gewaltsam. Grüne Augen, ähnlich wie die meinen, funkelten mich wütend an. Die Glashände schnitten in meine Schultern und mit einem Schlag begann mein Bauch zu schmerzen. Krampfhaft griff ich nach meinem Unterleib. An meinen Beinen floss rotes Blut hinab. Panisch rang ich nach Luft. Der Schmerz betäubte mich und ich fiel im Traum in

Ohnmacht. Als ich wieder zu Bewusstsein kam, sah sie, dass aus dem Summen der Alten ein Stöhnen und aus dem Kopfwippen ein Zittern geworden war. Nepheles Augen waren weit gespreizt und kein einziger Wimpernschlag war zu sehen. Ängstlich blickte ich zu Lodar, der Nephele anschaute, als wäre alles in Ordnung. Der Griff der alten Frau wurde immer stärker, dass ich befürchtete, die Alte könnte mir meine Knochen brechen. Kurz darauf ließ Nephele ihr spitzes Kinn auf die Brust fallen und die Schultern schlapp heruntersinken. Ihr Griff lockerte sich ein wenig, doch noch war sie fest um meine Hand gewickelt.

Nephele bewegte sich nicht bis sie langsam hinauf zu mir schaute. Es war eine seltsame Stille, die den Raum erfüllte. Nephele blickte war mit einer solchen Furcht versetzt, dass ich mich Unwohl fühlte. Die Lippen der alten Frau zitterten, als wolle sie Worte formen. Ihr warmer Atem vermischte sich mit dem Baldrian und die Luft drückte wie Steine auf meine Schultern. Ich versuchte den Sinn aus den Lippenformungen der alten Frau abzulesen, aber es war unmöglich. Was hatte der Frau gesehen, was hatte sie so sehr erschrocken? Plötzlich wurde die Stille durch einen schrillen Schrei unterbrochen und ruckartig stand Lodar auf seinen Beinen.

„Verdammt nochmal, was ist dort unten los?“, fluchte Lodar. Erst jetzt bemerkten allen im Raum, dass die Musik, das Getöse und die lachenden Menschen verstummt waren. Noch immer starrte Nephele leblos und erschrocken in meine Augen. Lodar ging zu Tür hinaus. „Ich habe es gesehen!“, hauchte Nephele mit zitternder Stimme, als Lodar fort war. „Was hast du gesehen, die Glaskörper?“, fragte ich. „Die Zukunft. Und ich bin kein Teil von ihr.“, sie blickte tief in meine Augen, „Ich bin ein Teil von dir.“ Ich schaute sie verständnislos an:

„Erzähl es mir! Wer bin ich? Was weißt du?“ „Wenn du es weißt, kannst du nie mehr zurück.“ Weitere schrille und ängstliche Schreie drangen durch die Tür zu mir, gefolgt vom fallenden Schränken, zerbrechendem Glas und fliehenden Schritten. „Bluthunde!“, brüllte Lodar als er panisch zurück in die Teestube kam, „Wir müssen hier sofort raus!“ Während Lodar damit beschäftigt war, die Tür mit einem Regal zu verbarrikadieren, versuchte ich die Worte von Nephele zu verstehen. „Es tut mir leid!“, flüsterte Nephele mir traurig zu, „All der

Schmerz.“ Nepheles Griff um meine Hand wurde wieder stärker und bevor meine Hand wegziehen konnte, schlugen Funken und Nadelstiche in meine Handfläche. Die Stiche wurden zu einem Brennen. Jede Zelle meines Körpers schien in Flammen zu stehen. Ich schrie, versuchte meine Hand zu befreien, doch der Schmerz lähmte mich und machte mich schwach. Es dauert nur eine Minute, dann war der Schmerz vorbei. Nephele fiel leblos auf den Tisch und ich spürte eine kraftvolle Energie in mir. Das Feuer in meinen Zellen wurde zu Stärke. Es wurde ein Teil von mir. Bevor ich die neue Energie auskosten konnte, rannte Lodar auf mich

zu, zog mich auf die Beine und befahl ihr aus dem Fenster zu klettern, doch ich blieb wie angewurzelt stehen. Ich konnte mich kaum bewegen. Lodar war dabei Nephele aus ihrem Schlaf zu wecken, aber Nephele schlief nicht. Immer wieder schüttelte Lodar den weichen Körper seiner Großmutter und bettelte sie an, endlich aufzustehen, doch Nepheles Augen blieben verschlossen und die Lungen blieben leer. „Sie ist tot!“, wisperte ich vorsichtig. „Halte deinen Mund!“, bellte Lodar mich wütend an, „Sie schläft und ich werde sie tragen. Hilf mir sie auf meine Schultern zu hieven.“ Ich rannte zu Lodar, packte sein Gesicht

mit beiden Händen und wiederholte meine Worte: „Sie ist tot. Wir müssen hier weg bevor die Bluthunde hier hochkommen und uns auch töten.“ Lodar schaute mich kurz voller Traurigkeit an, dann schubste er mich von sich weg, doch ich gab nicht auf. Ich zog ihn an seinem Hemd bis zum Fenster. Die Tür konnten wir nicht nutzen und durch das Fenster war es nur ein kleiner Sprung. Widerwillig gab Lodar meinem Zerren nach und sprang mir hinterher.

Kapitel 5: Rena

Der dumpfe Aufprall auf dem Boden erschütterte meinen ganzen Körper. Menschen liefen schreiend durch die Straßen. Meine Sinne waren noch immer leicht benebelt. Ich drehte mich zu Lodar um, der noch immer wie versteinert hinauf zum Fenster blickte. Plötzlich streckte sich ein hässliches Gesicht aus dem Fenster. Es schien nach Luft zu schnappen. Ich war vom Anblick des Wesens überwältig. Entlang der scharfen schiefen Zähne, ragte eine lange trockene Zunge aus dem Maul des Bluthundes heraus. Die Nase war platt und eingedrückt, als hätte ein sehr starker

Mann sie mit einem Holzpfahl in das Gesicht des Ungetüms geschlagen. Graue runde Augen ohne Pupillen funkelten aus einem pelzigen Gesicht. Noch grässlicher als der Anblick des Bluthundes war das Geheul, dass er von sich gab. Eine Mischung aus Schmerzschrei und Bärengebrüll. Das Geheule war eine Art Rufschrei, der zwei weitere Bluthunde aus dem Haus lockte. Es waren Wölfe auf zwei Beinen, die Körper übersät mit gewaltigen Muskeln. „Renn!“, brüllte Lodar und rannte in Richtung des Waldes. Ohne nachzudenken folgte ich ihm. Mein Herz pocht vor Angst und die Bluthunde folgte uns als wären wir ihre Beute. Die

Hütten im Dorf tauschten mit jedem meiner Schritte ihren Platz gegen Bäume bis wir tief im Wald angekommen waren. Das Geheul der Bluthunde dröhnte wie ein verhöhnendes Lachen durch den Wald. Wild trampelten unsere Füße auf dem nassen Laub. Noch immer benebelt vom Tee, verlor ich Lodar aus den Augen. Ich rannten fort. ohne zu wissen wohin. Bäume, Steine ein großer Sprung. Schlamm spritzte in jede Richtung. Das Grunzen wurde immer lauter. Ein kurzer Blick nach hinten, und ich sah das riesige Untier hinter mir herjagen. Mit Zähnen so spitz und lang wie die eines Keilers. Ich rannte so lange bis die Luft in meinen Lungen brannte und jeder

Muskel meinem Körper schmerzte. Meine Beine wurden schwer wie Blei, mein Tempo wurde langsamer und meine Energiereserven neigten sich dem Ende zu. Das nasse Laub rutschte unter meinen Füßen weg. Kein Halt nur der Schmerz des Aufpralls auf meiner Schulter. Ich rolle den Abhang hinunter. Ein Baum hielt meinen Sturz mit Gewalt auf. Um mich herum drehte sich die Welt. Die Bäume tanzten um meine Augen und die Wolken fielen herab. Das Grunzen weckte mich aus der starre. Panisch versuchte ich hinauf auf den Baum zu klettern, aber kein Ast war in Griff nähe. Graue Augen blitzten mich aus dem Gebüsch an. Augen. in denen sich der

Tod spiegelte. Für einen kurzen Augenblick herrschte stille zwischen dem Grunzen und meinem unkontrollierten Atmen. Der Bluthunde nahm mit seiner platten Nase meinen ganzen Geruch auf, dann setzte zum Sprint an. Ich starrte dem Biest in seine leblosen Augen. Plötzlich schnaubte das Tier wild auf und rannte an mir vorbei. Ein brennender Pfeil hatte ihm am rechten Auge getroffen. Jemand packte mich am Arm und zog mich auf die Beine. Der Matsch quietschte unter meinen Füßen und erneut verfolgte uns das Geheul. Vor mir sah ich den braunhaarigen Hinterkopf eines rundlichen Mannes. Das Biest hatte uns

eingeholt, Blut floss aus dem verwundeten Auge. Ein zweiter brennender Pfeil flog in sein gesundes Auge und verzweifelt schlug das Biest um sich. Ein weiterer schmaler Mann schoss zwischen den Bäumen hervor, rollte sich blitzschnell unter das Biest und rammte sein langes Schwert in seine Bauchhöhle. Voller Schmerz schrie das Biest auf und viel dann in einen schnellen Tod. „Achtung!“, brüllte der rundliche Mann und schubste mich kräftig zur Seite, als ein zweiter Bluthund sich von der Seite näherte. Ich landete mit meinem Bauch auf dem Boden, das Biest begab sich auf alle

viere, bereit seine krallen in meinem Körper zu spießen. Doch bevor er nur einen Zentimeter auf mich zukommen konnte, traft ihn ein riesiger Feuerball. In tobenden Flammen rannte das Tier brüllend im Kreis. Hinter dem brennenden Biest stand eine große Frau, das Haar rostbraun. Sie rieb ihre Hände gegeneinander bis glühende Funken aus ihnen schossen und ihre Hände mit Flammen bedeckt waren. Das Feuer in ihren Händen schien ihr keinen Schmerzen zu bereiten. Der Geruch von verbranntem Fleische dehnte sich im Wald aus, bis ein weiterer Feuerball seinen Körper befiel und nur noch ein Hauch von Asche übrigblieb.

Ich starrte die drei Gestalten vor mir ungläubig an. Ich hatte keine Zeit zu fragen, wer sie waren oder weshalb sie mich gerettet hatten, denn Lodars Stimme drang durch die Bäume zu mir. In seiner Stimme war Angst und Gefahr. Blitzschnell rannte ich der Stimme nach.


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Mein Körper bebte vor Adrenalin, als ich sah, wie der Bluthunde Lodars kampfmüden Körper am Hals packte und davor war seine gewaltige Faust auf seinen Schädel zu rammen. Bevor ich verstand, was ich tat, was alles schon

geschehen. Das Knistern in der Luft übertönte jedes Geräusch. Kein einziger Wind fegte durch die Bäume. Ich stand inmitten des Waldes, die Arme weit von meinem Körper gestreckt und vor mir regte sich kein Leben. Es waren versteinerte Statuen aus Fleisch und Blut. Ich hatte eine Luftblase ohne Zeit geschaffen, in der die Beiden gefangen waren. Eine Blase, in der ich über Zeit und Raum herrschte. Sekunden wechselten zu unendliche Minuten. Trotz der Langsamkeit konnte ich in der Stille die Herzen der beiden hören. Lodars Herz schlug schnell und unregelmäßig, als würde es jede Sekunde in tausende Teile

explodieren. Jeder Muskel und jede Zelle spannten sich in meinem Körper an. Das Schaffen eines Raumes ohne reale Zeit, kostet mich erhebliche Kraft. Die Gruppe der Fremden war mir gefolgt und schauten sich das Schauspiel fasziniert an. Meine Hände begannen zu zittern und meine Kräfte neigten sich dem Ende zu. Erschöpft rief ich der Gruppe zu, dass sie ihn retten sollen. Wie von einer Trance geweckt, begann die Gruppe ihre Arbeit zu verrichten. Der rundliche Mann zog das Biest mit seiner Leine von Lodar weg, die rothaarige Frau löste die Hand des Biestes von Lodars Hals und der dürre Mann mit dem Schwert stach das Biest ins Herz. Als ich die zeitlose Blase

fallen ließ, erwachten Lodar und das tote Biest aus der Starre. Entkräftet fiel ich auf den Boden. Das aufrechterhalten der Blase kostete enorme körperliche und geistige Kräfte. Lodar lag bewusstlos am Boden und die drei Retter stellen sich mit fragenden Blicken über mich. Sechs Augen musterten mich oben bis unten. „Was?“, fragte ich die Drei genervt und strich dabei mit dem Handrücken über die Nase. Ich hatte Nasenbluten bekommen. Die Drei warfen sich einen vielsagenden Blick zu bis die rothaarige Frau das Wort ergriff: „Erst einmal sollten wir uns in Sicherheit begeben, dann reden wir.“ Der rundliche Mann warf Lodars Körper

auf die Schulter und die rothaarige Frau befahl mir, ihnen zu folgen, aber ich weigerte sich. Sie wollte keinen Fremden folgen, ohne das Lodar seine Zustimmung gab. „Und ich soll euch einfach so folgen, ohne dass ich weiß wohin? Ich werde warten bis Lodar wieder zu Bewusstsein kommt!“, widersetze sich ich mich ihrer Anweisung. Verärgert zog die rothaarige Frau mich auf die Beine. Sie fauchte mich scharf an: „Wir haben gerade dein und sein Leben gerettet, Kleines! Als beweg deinen sturen Hintern bevor noch mehr diese Monster auftauchen.“ Als ich noch immer keinen Fuß vor den

anderen setzte, zuckte die Frau gleichgültig mit den Schultern: „Dann bleib eben hier. Der Mann kommt mit!“ Es war ein kluger Einfall der Rothaarigen Lodar als Druckmittel zu nutzen. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen. Ich konnte Lodar unmöglich allein mit den Fremden gehen lassen.

Kapitel 6: vidar

Der Bärenpelz unter Vidars nacktem Bauch fühlte sich gut an. Das weiche Fell des Tieres streichelte über seine Haut und wärmte ihn zugleich. Einst hatte es dem Bären gehört und ihn in den Wintermonaten gewärmt, doch nun gehörte es ihm. Alles gehörte ihm. Das Tier hatte keine Chance gegen sein scharfes Schwert gehabt. Noch immer konnte er das Knacken der Schädelwand, sein Jaulen und sein Brüllen hören, als die Klinge seines Schwertes ihn traf. Fast schon majestätisch. Der König des Waldes, geboren zum Herrschen, Fressen und Schlafen. Ein prächtiges Leben bis

sein Blut Vidars Klinge berührte. Die Klinge, die Menschen erstach und Männer spaltete. Der Gedanke und das Gefühl dabei zuzusehen, wie das Leben aus einem Körper wisch, versetzte ihn jedes Mal aufs Neue in Ektase. Es erregte ihn daran zu denken, wie das Blut des Bären aus seiner Halsschlagader trat, nachdem er seinen Kopf abtrennte. Vidar konnte sich gut an die braunen Augen des Tieres erinnern, die voller Demut zu ihm sprachen und den Geschmack des Eisens in seinem Mund schmecken. Der Pelz unter ihm roch noch immer nach feuchtem Sommerlaub. Mit seinen Fingern fuhr er sanft den Pelz entlang, immer weiter hinauf bis seine Finger die

Haut eines Anderen trafen. Die sanfte Haut von Raik. Sein schlafender Körper lang neben ihm. Raik war die einzige Person auf dieser Welt, der Vidar zum Erzittern erbrachte, dessen Tod ihn nicht erregte. Vidars Finger glitten über Raiks Schultern, streiften seine Brusthaare und blieben auf der Narbe über seinem Herzen stehen. Die Narbe war dick und alt und Raik war jung und stark. Mit streichelnden Bewegungen wanderten Vidars Finger hinab zu Raiks Glied. Es füllte seine Hand komplett aus und er merkte, wie der erregende Gedanke ihn überwältigte. Er wollte Raik. Mit einem schnellen Schwung drehte Vidar den schlafenden Körper von Raik auf den

Bauch und streifte ihm das Unterkleid von den Beinen. Unter seinem schweren Körper begann Raik sich zu wehren und Vidars Lust steig immer weiter an. Raik war die Bestie, die er zähmen wollte. Er sollte allein ihm gehören. Nur ihm, wie der Pelz unter seinem Bauch. Mit seiner rechten Hand krallte sich Vidar in Raiks blondes Haare, der wild versuchte, sich von Vidars Griff zu lösen. Sein angestrengtes Schnaufen brauchte Vidar dazu, ihn noch mehr zu wollen. Mit aller Gewalt drückte er Raiks Kopf in das Kissen. Vidar wollte ihn verletzten, ihm wehtun und ihn spüren lassen, was seine Anwesenheit mit ihm macht, wie verrückt es ihn macht. Ein leiser Schrei

verstummte im Kissen, als Vidar sein Glied ihn einführte. Vidar wollte, dass Raik noch mehr schrie, dass sein Blut sich über seinen Körper ergoss, doch er konnte ihn nicht töten. Jeden könnte er töten, nur nicht ihn. Immer wieder stieß er in ihn rein. Sein Geist begann sich von seinem Körper zu lösen und sich in eine Sphäre der Vollkommenheit zu begeben. Raiks bloßes Dasein hatte eine solche Macht über ihn, dass er ihn fürchtete. Er spürte das Zittern in seinen Körper und das Stöhnen von Raik unter sich. Mit seinem nächsten Stoß lag er schweratmend auf Raiks Rücken. Er rollte sich zur Seite und blickte in Raiks braune Augen. Sie waren so braun wie

die des Bären. Doch seine Augen warne nicht voller Demut, in ihnen tobte ein Kampf. Ein Kampf um Hass und Liebe. So stark und doch so schwach. Raik war sein Tod und er war seine Zerstörung. Das Klopfen an seiner Schlafzimmertür riss ihn aus seinen Gedanken und aus dem Gefühl der Vollkommenheit. Mit nacktem Körper öffnete er die Tür. Ein kleiner Junge von zwölf Jahren stand verängstig vor ihm. Die Stimme des Jungen zitterte und er versuchte krampfhaft sein Gesicht nicht hinab auf den nackten Körper des Königs zu richten: „Mein Herr, ich wollte sie nicht stören, doch…“ Bevor er seinen Satz beenden konnte,

zog Vidar ihn in das Zimmer, den Arm um seine Schulter gelegt. Er zog den Jungen in die Mitte des Raumes vor einen Spiegel. Gemeinsam betrachten sie ihre Spiegelbilder. „Wen sie siehst du in diesem Spiegel?“, fragte Vidar den Jungen. Ängstlich starrte der Junge in den Spiegel: „Meinen König.“ „Und wen noch? „Mich.“ „Und wer bist du?“ „Ihr Gehilfe, mein König.“ Vidar schnalzte drei Mal verneinend mit der Zunge, „Du bist ein Niemand.“ „Ja mein, König. Sie haben Recht. Ich

vergaß.“ Sanft legte Vidar seine Hand auf den Hinterkopf des Jungen, dann packte er kräftig in seine Haare und schleuderte seinen Kopf gegen den Spiegel. Bevor der Junge verstand, zersprang der Spiegel in seinem Gesicht und Blut floss seine Stirn herab. Raik hatte sich blitzschnell auf die Beine gestellt, überrascht vom lauten Knall des Aufschlags. Noch immer hatte Vidar die Haare des Jungen in seinen Händen, „Und warum missachtet ein Niemand meine höchste Regel? Keine Störung in meinen privaten Gemächern?“ Der Junge antwortete nicht und Vidar

schüttelte seinen Kopf bis er Worte aus seinem Mund presste: „Ich bitte um Gnade mein König. Es kam ein Rabe mit einem Brief. Einem schwarzen Brief.“ Sofort ließ Vidar den Jungen los: „Wenn du mich noch einmal in meinem privaten Schlafgemach störst, werde ich dir eigenhändig deine Hände abhacken. Mit einem rostigen stumpfen Schwert. Geh mir aus den Augen.“ Mit blutüberströmtem Gesicht verließ der Junge das Zimmer. Lachend drehte sich Vidar zu Raik um, der ihn missgünstig ansah. Er konnte in seinen Augen ablesen, dass er Abscheu für ihn empfand. Vidar schnaubte und verdrehte die

Augen: „Worauf wartest du? Hol mir diesen Brief!“ Ohne ein Wort über den Vorfall zu verlieren zog Raik seine Uniform über, legte sein Schwert an und verließ ebenfalls wie der Junge vor ihm den Raum. Vidar war fünf Jahre älter als Raik, aber dafür war Raik einen halben Kopf größer als er. Tiefausamtend warf sich Vidar zurück in sein Bett. Er streichelte das Bärenfell und begann dann sein Königsgewand anzuziehen. Es dauerte nicht lange bis Raik wieder vor ihm stand, er entriss ihm den schwarzen Umschlag und öffnete das rote Siegel. Er konnte der Tinte auf dem Papier nicht glauben. Generationen vor ihm hatten auf

diesen Brief gewartet und nun hatte der Seher endlich geantwortet. Er blickte zu Raik, „Ruf sofort alle Generäle ein. Sag ihnen, dass jeder Abwesenheit mit dem Tode verurteil wird.“ - Eine Woche später waren alle Generäle im Schloss von Vidar vereinig. Sieben starke Männer, welche die Ländereien des Königs schützen. Alle Männer saßen am runden hölzernen Tisch, die Teller vollgepackt mit dem besten, was die Königsküche hergab. Saftiger Braten, Pasteten und Eintöpfe. Sie schlangen, tranken und lachten.

„Hier sitzen wir nun. Fressend, während die Kopfgeldjäger, diese armseligen Rebellen, meine Lieblinge abschlachten.“, sagte Vidar und trank einen Schluck von seinem Wein, „Sagen sie mir General Tram, wie viele Bluthunde musste ich schon einbüße?“ Alle Blicke waren auf den Kleinsten der Runde gerichtet, der sich nervös den Mund mit dem Handrücken abwischte. „Die Rebellen sind unter Kontrolle, das versichere ich ihnen.“, sagte der Kleine. Vidar beugte sich vor, „Sagen sie mir

General Tam, ist es richtig, dass so kleine Männer wie sie auch die kleinsten Schwänze haben?“ Der General verstummte, während die Männer über die Worte des Königs feixten. Plötzlich rammte Vidar sein Messer mit lautem Knall mitten auf den Tisch. Eine Kerbe zog sich durch die Platte. Alles Gelächter verschwand. In ihren Gesichtern konnte er ihre Unsicherheit lesen. Sie hatten Angst und dass gefiel Vidar. Für ihn war dieser Raum gefüllt mich lächerlichen Maden. Keiner dieser Männer hatte es geschafft, die letzten Rebellen auszurotten. Das einzige, was sie schafften, war ihre Schwänze in Huren zu stecken und auf

seinen Kosten zu leben. Sie waren allesamt ihren Kräften nicht bewusst und jämmerlich verblödet. Ruckartig stand einer der Generäle von seinem Platz auf, „Majestät, wir werden mehr Truppen aufstellen und auf die Jagd nach diesen Verbrechern gehen. Wir werden nicht Ruhen bis der letzte von ihnen unter unseren Schwertern liegt. Wir werden sie offensiv angreifen.“ Wieder schnalzte Vidar drei Mal mit der Zunge. Mit schroffem Ton befahl er dem General sich hinzusetzen. Er zog den schwarzen Brief aus seiner Tasche und warf ihn auf den Tisch. Vidar schaute in jedes einzelne ungläubige Gesicht. Keiner von diesen Maden dachte, dass

der Brief jemals eintreffen würde. Doch die Prophezeiung war eingetroffen. „Die Seele, die mein Kind der Unsterblichkeit gebären wird, ist endlich gefunden.“, unterbrach Vidar die Stille, „Bald wird meine Blutlinie nicht nur die Macht über Katalova haben, sondern ich werde die Unsterblichkeit annehmen und Katalova auf ewig beherrschen.“ Mit der Unendlichkeit konnte Sorat seine ganze Kraft bis in die Unendlichkeit ausdehnen. Er wäre nicht nur unsterblich, sondern auch der mächtigste Mann auf der ganzen Welt. Keiner konnte ihn besiegen. „Und ihr meine Männer, werdet mir helfen, diese Seele zu finden.“, er deutet

dem Diener an, die Tür zu öffnen, „Komm herein, mein Liebe.“ Eine braunhaarige Frau, die ihre Haare elegant zu einem Zopf gewickelt hatte, betrat den Raum. Vidar betrachtet ihr Anblick, als wäre sie ein Schatz von unglaublichem Wert. Giftgrüne Augen blitzten unter langen geschwungenen Wimpern hervor. Ihr zierlicher Körper war bedeckt mit einem roten Kleid. Das riesige Muttermal auf ihrem langen Hals verriet den Männern, was sie war. Die Männer blicken sie mit Augen der Begierde, aber auch mit Augen des Erstaunens an. Es ist wahrscheinlicher eine Jungfrau im Bordell zu finden als eine

Hexe. „Ihr lächerlichen Gestalten lasst euer Blut töten und seht dabei tatenlos zu. Ihr seid eine Schande. Eure Seelen werden mir mehr dienen, als eure Körper.“ Voller Panik standen mehrere Männer vom Tisch auf, doch die Hexe sprach einige Worte und sie blieben versteinert auf ihren Plätzen stehen. Keiner von ihnen konnte reden oder gehen. „Ihr wollt doch nicht vorzeitig gehen und euren ruhmreichen Tod verpassen? Waren eure Worte nicht, mir für immer zu dienen? Nun können eure Worte zu Wahrheit werden.“ Die Hexe griff nach Vidars Schulte, ihre Augen waren geschlossen. Sie flüsterte

stumme Worte vor sich hin und die Männer fielen alle im selben Moment krampfhaft auf ihre Knie. Vidar spürte die Kraft der Hexe in sich, wie sie alle Energien der Männer miteinander verknüpfte. Er fühlte jede einzelne Seele, die Angst und die Kraft. Die Hexe war ein Mittel, um alle Kräfte in sich zu vereinigen. Nun war Vidar an der Reihe. Er nahm die Hand der Hexe auf seiner Schulter als Leiter und zog allen Generälen die Kraft aus ihren Seelen. Sein Rücken krümmte sich vor Schmerz. Jede einzelne Energie floss durch seine Adern wie Blutegel durch eine kleine Röhre. Doch der Schmerz war all die neue Kraft wert. Mit ihr konnte er seine

Bluthunde versorgen, sie stärker und besser machen. Alle mussten nach der Seele suchen, die sein Kind gebären würde. Es durfte kein unnötiger Augenblick verstreichen lassen. Nach wenigen Minuten stoppte die Hexe ihre Worte und die leblosen Körper der Männer fielen auf den Boden. Die neue Macht in seinem Körper machte ihn fast besinnungslos. Er stütze sich am Stuhl ab und lies die Macht in sich wirken. Mit jedem Atemzug kam er von seiner Erschöpfung zurück. „Und nun gib mir das, was du mir versprochen hast.“, forderte die Hexe ihn auf. Vidar lächelte sie an, „Du bist viel zu

wertvoll, mein Liebes. Ich muss wohl mein Versprechen brechen.“. Mit einem Nicken rief er die Wachen zu sich. Die Hexe schaute in entsetzt an: „Das kannst du nicht tun. Nein!“, die Wachen packten sie an dem Armen. Wild versuchte sie sich von ihnen zu befreien. „Du hast es mir versprochen! Du hast mir für diesen Dienst den Tod versprochen. Tu es endlich oder ich verfluche dich bis and ein Lebensende.“ Vidar stellte sich dicht vor ihr, die Wachen hielten sie noch immer fest, „Du hast recht. Ich werde mein Versprechen halten.“ Er zog sein Messer von der Tischplatte und ging auf die Hexe zu. Mit festem

Griff packte er sie am Kinn und drückte mit seinem Daumen und Zeigefinger ihre Wangen zusammen bis ihre Lippen sich zu einem Fischmund formten. „Es tut nur ein kleines bisschen weh.“, trötete er die Hexe. Dann packte er mit seiner anderen Hand die Zunge der Frau, zog sie nach draußen und schnitt sie mit dem Messer ab. Blut strömte über seine Hände, das Fleischstück lag weich in seinen Händen. Die Frau schrie vor Schmerz. „Droh mir noch einmal und bis zu deinem Tod werde ich dir jeden Tag ein weiteres Stück deines Körpers abschneiden.“, warnte er die Hexe, „Deine Zaubersprüche sind für mich ohne

deine Zunge wertlos geworden, aber deine Kraft kann mir noch behilflich sein.“ Mit einem Blick forderte er die Wachen auf, die Frau wegzubringen.

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Über den Autor

Immortality
Es ist so eine Art Obsession, glaube ich. Das Schreiben fasziniert mich so sehr, daß, wenn es mir verboten würde, ich langsam daran sterben würde.
Johannes Mario Simmel

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