Fantasy & Horror
Ozon - Kapitel 1-3

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"Ozon - Kapitel 1-3"
Veröffentlicht am 28. September 2019, 70 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
© Umschlag Bildmaterial: Yuumei - The art and musings of a disillusioned idealist www.yuumeiart.com
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Über den Autor:

Es ist so eine Art Obsession, glaube ich. Das Schreiben fasziniert mich so sehr, daß, wenn es mir verboten würde, ich langsam daran sterben würde. Johannes Mario Simmel
Ozon - Kapitel 1-3

Ozon - Kapitel 1-3

Kapitel 1: Rena

Es war wie ein Brennen in meinen Zellen, ein Schmerz den ich nicht kannte, der mich verzerrte und mich verschlang. Leise raschelten und knisterten die brennenden Grashalme vor meinen Augen. Mein Atme berührte die trockene Erde und die Dunkelheit berührte mein Gesicht: Der Geschmack von Erde hiterließ einen bitteren Eisengeschmack in meinem Mund. Zwei Schatten tanzten in der stillen Nacht. Kein einziger Ton war zu hören, nur das Rascheln und das Knistern der Grashalme. Der Klang übertönte die ganze dunkle Welt. Feuer wütete in meinem Körper und mit jedem

Wimpernschlag verdunkelt sich die Nacht bis sie im tiefen Nichts versank und die Tänzer mit sich nahm. In diesem tobenden Nichts sah ich das Abbild meiner Selbst, wie es zusammengerollt am Boden lag. Nur die Konturen meines Körpers zeichneten sich ab und die Haut war durchsichtig wie Glas. Ein schlafender Glaskörper. Es war mein Körper und doch fühlte ich ewige Fremde. In diesem Wesen aus Glas leuchtet ein Licht auf. Im Takt meines Herzens fackelte das Licht zu einem grellen Strahl, der den Glaskörper in tausend Splitter zerspringen ließ. Mit aller Kraft versuchte ich meinen Blick vom Glaskörper abzuwenden, doch die

Splitter rasten auf mich zu bis sie im vollkommenen Nichts versanken. In mir selbst. Das grelle Licht verschwand und ich hörte die Glocken eines Windspiels singen und dieser Gesang entriss mich aus dem Nichts. Der Gesang schoss meinen Geist mit aller Kraft zurück in meinen wahren Körper. In den Körper voller Gefühle, Schmerzen und Hoffnungen. Nicht das Feuer brannte mehr in mir, sondern die Furcht. Ich öffnete die Augen und die Dunkelheit verschwamm zu einem blauen wolkenlosen Himmel. Mein Herz schlug in ruhigen Schlägen. Unter meinen Händen spürte ich vertrocknete Erde. Behutsam zog ich meine Hände vor mein

Gesicht. Sie waren mit Ruß überzogen. In meinem Kopf wütete ein Sturm, der mich für Bewegungen unfähig machte. Ich war dem tiefen Nichts entkommen, aber mein Geist war noch in ihm gefangen. Schwarze weite leere war in meinem Kopf und es gab keine Informationen, die ich abrufen konnte. Ich und doch so fremd. Mit all meiner Kraft zwang ich meinen Oberkörper zu einer aufrechten Position. Die Welt um mich herum drehte sich viel zu schnell. So schnell, dass ich ihr nicht folgen konnte. Ein großer runder See zog sich durch ein grünes Wiesenmeer. Es war ein wunderschöner Ort, den ich nicht kannte. Leist und fast unbemerkt löste sich der

Sturm in meinem Kopf und die Welt um mich herum kam endlich zum Stillstand. Ich war angekommen in der Fremde. Jeder Muskel in meinem Körper zuckte in mir auf und meine Kraft kehrte wieder zurück. Auf zittrigen Beinen bewegte ich mich zum See. Auf meinem schmerzenden Körper trug ich ein verrußtes weißes Nachtkleid. Der weiße Stoff hatte sich in meine linke Brust eingebrannt und schmerzte, doch nichts brannte so sehr, wie der Durst in meiner Kehle. Am Seeufer angekommen, tauchte ich meine schmutzigen Hände in das kalte Wasser. Ich putze den Ruß von meinen Fingern, bevor ich aus meinen Händen

eine Mulde formte und das Wasser aus dem See trank. Mit jedem Schluck der meine Kehle hinunterfloss, trocknete mein Mund weiter aus. Mein Speichel war fort, meine Lippen ausgedörrt und das kalte Wasser brachte mir keine Erleichterung. Wahnsinnig vor Durst zerrte ich meinen Körper weiter in den See hinein. Wie eine kalte Decke der Erlösung, legte sich das Wasser über meine geschundene Haut. Es beruhigte den Brand auf meiner Brust und befeuchtet zugleich meine Kehle. Ich trank und trieb mit dem Rücken auf dem Wasser. Der Ruß löste sich langsam von meiner Haut. Das Wasser gab mir das Gefühl der Schwerelosigkeit. Duzenden

Vögel flogen am blauen Hintergrund des Himmels vorbei und erhellten mit ihrem Gesang den Wind. Vorsichtig neigte ich mein Kinn nach oben bis meine beiden Ohren komplett vom Wasser überdeckt waren. In dieser Position konnte sie zum Waldrandblicken. Die Sonne kämpfte sich mühsam durch die Baumzweige und wärmte mit ihrem Licht die einzelnen Blätter. Das Strömen des Wassers wiegte mich in Ruhe und ich schloss müde meinen Augen. Ich versuchte das Nichts in meinen Kopf zu durchbrechen, doch ich wusste nicht, wie ich etwas durchbrechen sollte, dass ich nicht kannte. Ich war eine Fremde, die sich an einem fremden Ort befand. Gedanken

über den Tod kreisten um meinen Kopf. Diese wundervolle Landschaft und diese erfüllende Ruhe, all meine leeren Gedanken und das Unwissen in meinen Kopf waren Anzeichen für meinen Tod. Alles was ich war und alles in mir war ausgelöscht. Es konnte keine andere Erklärung geben, als die, dass der Tod mich geholt und ins Nichts gebracht hat. Gedankenverloren öffnete ich wieder meine Augen und mein Blick richtet sich erneut auf den Waldrand, doch statt wie erwartet nur die im Wind wehende Bäume zu sehen, sah ich ein Mann am Rande des Waldes stehen. Er beobachtete mich und ich ihn. Sein Wesen erschien mir nur schemenhaft. Ich hatte keine

Angst, den ich wusste nicht, wovor ich Angst haben sollte. Der Mann war noch zu weit von mir entfernt und konnte mich nicht verletzten. Niemand konnte das. Ich beobachtete, wie er von einem Moment auf den anderen seine beiden Arme hoch in die Luft warf, als würde er einen schrecklich albernen Tanz aufführen. Gerade als ich verstand, dass er mich auf etwas aufmerksam machen wollte, packte mich etwas Weiches am linken Bein und zog mich tief unter die Wasseroberfläche. Tausende kleine Luftbläschen wirbelten vor meinen Augen und versperrten mir die Sicht auf das Dinge, dass mich in die Tiefe des Wassers zog. Panisch versuchte ich mich

aus dem Griff zu befreien, der Druck in meinen Ohren wurde mit jedem Sinken erdrückender und das Wasser um mich herum verdunkelte sich immer weiter. Das Wasser schnürte sich fest um meinen Hals und drückte mir jegliche Luft aus den Lungen. Plötzlich rammte mich etwas mit einem heftigen Schlag von der Seite und der Griff ab meinem Fußgelenk löste sich. Ich trieb im dunklen Wasser, als ich die Ursache für mein Sinken in die Tiefe erblickte. Im fahlen Licht des Wassers erkannte ich die Umrisse einer nackten Frau, die statt zweier Beine einen Fischkörper am Leib trug. Die Flosse, die statt Beinen aus ihrer Hüfte ragte, war lang und kräftig. Aus einer

wurden zwei. Die fischförmigen Frauen begangen sich mit ihren klauenbesetzten Händen zu bekämpfen. Der Kampf lenkte die beiden Fischfrauen ab und ohne weiter nachzudenken begann ich durch Treten meiner Beine und Rudern meiner Arme zurück an die Oberfläche zu schwimmen. Das Wasser um mich herum wurde immer heller und das Funkeln der Wasseroberfläche zeichnete sich vor meinen Augen ab. Mit meinem letzten Schwimmzug durchbrach ich mit meinem Kopf die Wasseroberfläche und meine leeren Lungen füllten sich wieder mit Luft. Hektisch versuchte ich zurück and Ufer zu gelangen, doch kurz bevor ich das Ufer berühren konnte, spürte ich den

Griff der Fischfrau an meinem Fußgelenk. Vor Angst schrie ich auf und nun wusste ich auch, wovor ich mich fürchten musste. Doch nicht nur die Fischfrau ergriff ein Körperteil von mir, sondern auch der Mann vom Uferrand. Er war zu mir gerannt, während ich von diesem Wesen unter Wasser gezogen wurde. Beide zerrten mit heftigen Hieben an meinen Körper. Die Fischfrau war stark und mir blieb nichts anderes übrig, als ihr mit meinem anderen Fuß heftig gegen das Gesicht zu treten. Ruckartig ließ die Frau mein Fußgelenk los und es gelang dem Mann, mich aus dem Wasser zu ziehen. Schweratmend lag ich neben dem Mann, der mein Leben gerettet

hatte. Der Kopf der Fischfrau ragte noch immer aus dem Wasser und als meine Augen ihre trafen, geschah etwas in mir. Ihr hellblauen Augen leuchteten mich mit all ihrer Schönheit an. Millionen verschiedener Blautöne wirbelten wie ein Wasserstrudel um ihre Pupillen. Ich versank in dem Blau ihrer Augen. Ihre Gesichtszüge waren dem eines Menschen gleich, doch anders als bei normalen Menschen, war ihr Gesicht von einer besonderen Schönheit geprägt. Es war die Art von Schönheit, die einen in den Bann zog. Doch das Besondere war die Traurigkeit, die in ihren Augen steckte. Eine melancholische Schönheit. Ohne dass ihren Lippen sich bewegte, hörte ich

ihren Gesang in meinem Geist. Ein leidvolles Summen, das schöner nicht sein konnte. Ich nahm ihren Ruf nach mir wahr. Sie wollte mich zu sich holen und ich wollte zu ihr gehen. Um ihre Traurigkeit zu beenden, hätte ich alles getan. Das betörende Summen umwickelte mich komplett und durch ihren Gesang hindurch, konnte ich einen Namen hören. Erst ganz leise und dann ganz deutlich: Rena. Es war das erste Vertraute, dass ich seit meinem Erwachen vernahm. Das Wesen vor mir kannte meinen Namen und pure Dankbarkeit bebte in mir auf. Durch sie hatte ich einen kleinen Teil von mir wiedergefunden. Der Gesang und der Ruf

nach mir wurde immer stärker und alles in mir wollte die Traurigkeit in diesem Wesen beenden. Der Wunsch nach ihr war stärker als die Angst vor der Gefahr. Mein Blick war feste auf ihr zartes Gesicht gerichtet, als auf einmal ein schwerer Stein das Fischwesen am Kopf traf. Der Gesang in meinem Geist stoppte, der Wunsch nach ihr verschwand und die blauen Augen vor mir verwandelten sich in dunkelgrüne fast schon schwarze Augen. Die Traurigkeit war verschwunden. „Hau ab, du Ungeheuer!“, brüllte der Mann mich endgültig aus der Trance. Mit zischendem Knarzen und wütendem Fauchen reagierte die Fischfrau auf den

Kopfschlag und auf das fiese Gebrüll des Mannes. Die Kiemen an ihrem Hals flatterten dabei unkontrolliert umher. Sie machte keinen weiteren Versuch mich zu bezirzen, sondern sank zurück in die Tiefe des Sees. Auch wenn mich die Fischfrau beinahe getötete hätte, sie gab mir etwas, für das ich mich nicht bedanken konnte. Sie gab mir ein Teil meine Identität zurück. „Verfluchte Biester!“, fluchte der Mann. Seine Augen musterten mich vorwurfsvoll, „Wie kann man bitte so einfältig sein und in den See steigen. Haben dich deine Eltern überhaupt nichts gelehrt?“ Überrumpelt von seiner bissigen

Reaktion auf mein beinahs Ableben, fiel mir keine gescheite Antwort auf seine Frage ein. „Bist du jetzt auch noch stumm? Das würde wenigstens deine Dummheit erklären und deine anzügliche Aufmachung“, spottete er und blickte auf mein nasses weißes Kleid, dass an meiner Haut klebte und keine Geheimnisse mehr zuließ. Es machte mich wütend wie er mit mir sprach „Hey!“, sagte ich schnippisch und etwas erschrocken darüber, meine eigene Stimme zu hören. Der Klang meiner Stimme kam mir so vertraut vor und doch war sie fremd, „Niemand hat dich

gezwungen mir zu helfen.“ „Keiner hält dich auf: Los, spring rein! Das Aussehen von Fischfutter hast du ja schon. Ah ja, viel Spaß dabei, wenn dich die Nixen beim Kampf um die Beute lebendig in Einzelteile zerreißen.“, er machte eine kurze Pause, „Falls du vorher nicht erstickst. Das wäre eine Gnade“ Es machte mich wütend wie er mit mir sprach. Er hatte mich gerettet, aber das bedeutete nicht, dass er mit mir sprechen konnte wie er will. Dankbarkeit hätte er für meine Rettung verdient, doch seine Arroganz verbat meinem Stolz sich bei ihm zu bedanken. Eine gute Sache hatte

dieser Vorfall zu mindestens: ich war nicht tot. Nur lebendiges kann sterben. Die Angst, die ich gespürt hatte, war lebendiger als alles was ich vorher gespürt hatte. „Na komm, sag mir deine Sippe und ich bringe dich zurück dorthin.“. Ungeduld war aus seiner Stimme zu hören und etwas Besorgnis. Während er auf meine Antwort wartete, zog er seine Lederjacke aus und legte sie mir über die Schultern. Es hätte eine nette Geste werden können, wenn er nicht mit scharfem Unterton erwähnt hätte, dass er das nur tat, weil er nicht zulassen konnte, dass mich jemand in einem solchen Anblick sah. Dieser

Anblick war auf mein nasses, viel zu kurzes Nachtkleid bezogen und obwohl ich es nicht wollte, erfüllten mich seine Worte mit Scharm. Ich betrachtete den Mann vor mir. Grüne Augen blitzen unter langen schwarzen Wimpern hervor und ein brauner Bart umrahmte sein Gesicht. Mit jedem Stirnrunzeln bildete sich eine kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen. Seine Haare waren wild und ungezähmt, aber sie war nicht ungepflegt. Er trug eine graue Bluse und eine braune Hose aus festem Leinenstoff. Es war seltsam, wie sich mein Kopf an all die Kleinigkeiten auf der Welt erinnerte, aber mein eigenes Sein unauffindbar war.

„Haben dir die Nixen die Zungen rausgebissen? Jetzt sag schon, wohin soll ich dich bringen?“, fragte der Mann mich gespannt. Ich wusste nicht, ob ich diesem Mann vertrauen konnte. Einem Mann, der mein Leben gerettet hatte und doch ein Fremder war. Ein Fremder wie ich selbst. Doch seine Augen, die von einer seltsamen Einsamkeit geprägt waren, strahlten eine Wärme aus, die mich befiel und die mir jegliche Angst nahm. Die Angst vor mir selbst. Also entschied ich mich ihm zu vertrauen und von meinem verlorenen Gedächtnis zu erzählen. An seinem Gesichtsausdruck,

versuchte ich seine Gedanken abzulesen, doch außer nachdenklichen kleinen Stirnfaltern blieb mir alles verborgen. Ich berührte mit ihren Fingern, das von der Sonne gebräunte Gras. Zum ersten Mal betrachtete ich das Umland. Das braungrüne Gras wuchs wild und in verschiedenen Längen auf dem Boden der Lichtung und zahlreiche Blumen wickelten sich in verschiedenen Farben um Steine und Bäume. Ein gewaltiger Weidenbaum stand am anderen Ende des Sees und ragte mit seinen Ästen samt Blättern in das Wasser des Sees hinein. Es wäre ein perfektes Schaubild für ein Gemälde gewesen, wenn nicht Mitten auf diesem Meer aus Gras ein großer,

kreisförmiger und verkohlter Brandfleck gewesen wäre. Als hätte eine gewaltige Macht mit einem heftigen Fausthieb auf den Boden geschlagen und alles Leben darunter vernichtet. Statt der lebendigen Wiese war an dieser Stelle nur tote Erde zu sehen. Der Mann folgte meinem Blick bis zur toten Erde und mit ernster Miene erzählte er von seinem Ursprung. In der Nacht viel ein heftiger Lichtstrahl auf die Erde und der Groll war bis in die Tiefen der Einöde zu hören. Das Licht war greller als der hellste Sonnenstrahl. Es schien, als ob in der Nacht der Tag angebrochen war. Keine Dunkelheit war zu sehen, nur reines weißes Licht. Es

hielt nur einige Sekund und dann war alles vorbei. Die Nacht hatte wieder ihren rechtmäßigen Platz eingenommen. Getrieben von seiner Neugier hatte er sich auf den Weg gemacht, um die Erde zu finden, auf den der Lichtstrahl gefallen war. Der Mann streichelte über seinen Bart, „In seinem ganzen Leben habe ich ein solches grelles Licht noch nicht gesehen. Umso enttäuschender war es, nur ein kleines Stück verbrannte Erde aufzufinden. Ich habe auf ein Zeichen gehofft.“ „Ein Zeichen?“, wisperte ich fragend. Sein Blick wanderte in die Leere, die nachdenkliche Stirnfalte zeichnete sich

wieder ab und fast leblos wiederholte er meine Worte: „Ein Zeichen.“ Einige Minuten der Stille und der Mann vor mir schüttelte seine Körper und all die Leere schien von ihm abzufallen, „Du hast also kein Wissen darüber, wie du hierhergekommen bist? Wer du bist oder woher du kommst?“ Ich verstand, dass er das Thema ändern wollte, also schüttelte ich nur den Kopf. „Wahrscheinlich wurdest du vom Blitz getroffen und bist deshalb Verrückt im Kopf!“, scherzte er lachend über seine eigene Vermutung, doch sein Lachen verwandelte sich in eine Art des Nachdenkens. Stirnfalten über Stirnfalten.

„Wohl kaum!“, erwiderte ich bissig, „Das würde niemand überleben. Außerdem bin ich nicht verrückt, sondern nur ohne Gedächtnis.“ „Naja, du bist in den See gestiegen, obwohl jedes Kind weiß, dass dort verfressene Nixen leben! Gedächtnisverlust ist eine Sache, aber Einfältig sein eine andere. Wahrscheinlich bist du auch noch absichtlich in den Blitz gelaufen.“ „Du hättest mich sterben lassen sollen. Nichts ist so schlimm wie dein Gerede.“, zischte ich zurück und überkreuzte die Arme. „Schon gut, schon gut!“, dämpfte er die

geladene Stimmung ab, „Es wird spät. Ich wohne in der Nähe. Wir gehen zu mir nach Hause und am nächsten Tag suchen wir das Dorf auf. Heute werden wir es nicht mehr schaffen. Das Dorf ist zu weit entfernt.“ Er reichte mir die Hand, um mir beim Aufstehen zu helfen. In meinem Kopf suchte ich nach Antworten über mich selbst, doch ich musste mir eingestehen, dass ich zurzeit nicht nur gedächtnislos war, sondern auch allein. Wenn ich mit diesem Mann zurück in ein Dorf oder in einer Stadt gehen konnte, dann würde ich vielleicht jemanden aus meiner Familie wiederfinden oder jemand würde mich finden. Eine Familie, die nach mir suchte

und mich vermisste und die mir sagen konnte, wer ich war. Entschlossen griff ich nach seiner Hand und er zog mich auf die Beine. Es war ein Risiko, auf das ich sich einlassen musste. Auf den Beinen angekommen macht sie wir uns gemeinsam auf den Weg. Es war gefährlich einem Fremden zu vertrauen, aber der Weg war beschritten und der Ausgang zunächst unwichtig, denn Bewegung war das, was mein Geist brauchte.

Kapitel 2: Rena

Als wir am Waldrand ankamen, wartete ein am Baum angebundener Schimmel auf uns. Das Pferd schnaubte zur Begrüßung in unsere Richtung. Mit sanften Bewegungen streichelte der Mann die weiße Schnauze des Tiers. Die großen braunen Augen und die große Statur des Tiers, strahlten eine angenehme Anmut aus, die mich mit Ehrfurcht erfüllte. Gern hätte ich das Pferd selbst berührt, doch stattdessen ließ ich den Mann das Tier von der Ankettung abbinden und in den Wald ziehen. Die Schritte des Pferdes schallten leise durch den Wald.

„Du hast mir gar nicht deinen Namen genannt.“, merkte ich an und versuchte seinen schnellen Schritten zu folgen. Es verwunderte mich nicht, dass er nicht zu mir herüberblickte, als er genervt seinen Namen kundgab. Mein arroganter Retter hatte den Namen Lodar. Es kränkte mich etwas, dass er nicht nach meinen Namen fragte, doch dann blieb er abrupt stehen und drehte sich mit schnellem Schwung zu mir um. Seine Augen musterten mich von oben bis unten. Unter seinem strengen Blick fühlte ich mich unwohl. „Du sieht aus wie eine Zara!“, fügte Lodar plötzlich seinem finsteren Blich

hinzu, „So sollten wir dich nennen!“ Der Klang des Namens gefiel mir und ich frage neugierig, wie er auf diesen Namen kam. Lächelnd drehte er mir wieder seinen Rücken zu. Er setze seinen Gang fort und grunzte, „So hieß mein hässlichstes Schwein!“ Sein dumpfes Lachen erhellte den ganzen Wald und selbst das Pferd schien über diesen Witz zu schnauben. Ich musste mich selbst tadeln – ich hielt das Tier für anmutig. „Deine Manieren gegenüber Frauen hast du wohl auch von Schweinen gelernt!“, konterte ich gekonnt zurück und brachte damit sein Lachen zum Ersticken, „Auch wenn es dich nicht wohl kaum

interessiert. Ich habe schon einen sehr schönen Namen: Rena!“ „Hast dein Gedächtnis anscheinend doch nicht verloren.“ „Das ist das einzig, was ich von mir weiß.“ Mein Name und das Vertrauen zu einem Fremden, war alles was mir blieb Wir bewegten und tiefer in den Wald hinein und die weiche Wiese unter meinen nackten Füßen wurde durch steinigen Erdboden ersetzt. Gemeinsam mit der Abenddämmerung kam die Kälte und mein noch immer feuchter Körper begann zu zittern, Ich schlüpfte in die viel zu große Jacke, die Lodar mir am See gegeben hatte. Die Ärmel überdeckten meine Hände und der kalte

Wind prallte an dem harten Leder ab. Dennoch fror ich am ganzen Körper. Meine blonden Haare kräuselten sich durch den Wind zu kleinen unmäßigen Locken. Mit jedem Schritt bohrten sich spitze Kiesel und abgebrochene Zweige unter meine Füße Bei jedem Schritt versuchte ich ein Flecken mit Laub oder Graß zu erwischen und den Schmerz damit zu mindern, doch das ständige Ausweichen machte mich erheblich langsamer. Es dauerte nicht lange bis auch Lodar meinen lahmen Gang bemerkte. „Wenn wir noch heute Nacht ankommen wollen, solltest du dich etwas mehr beeilen.“, sagte er vorwurfsvoll über

seinen Rücken hinweg. Ich biss mir auf die tauben Lippen und beschleunigte meinen Gang. Ich musste den Schmerz durchstehen. Vor Lodar wollte ich auf keinen Fall schwach wirken, aber vor allem wollte ich keine herablassenden Sprüche von ihm hören. Sein Gerede machte es einem wirklich schwer, ihn zu mögen. Seine scharfen Worte konnte mich nicht verletzten, was mir Angst machte, war meine eigene Reaktion. Ich traute mir zu, beim nächsten Spruch, der mir nicht gefiel, das Weite zu suchen. Doch allein im Wald umherzuirren war gefährlich. Aus diesem Grund versuchte ich jegliche Gespräche auf ein Minimum zu

begrenzen. Dennoch strebte ich danach, den Schmerz unter meinen Füßen so schnell wie möglich loszuwerden. Mit jedem weiteren Fußtritt, kniff ich qualvoll die Augen zusammen – bis ich ruckartig nach vorne stürzte. Das Jackenleder um meine Hände dämpften meinen Sturz ab, aber meine Knie wurden von den spitzen Steinen und dem harten Boden nicht verschont. Mein Aufprall hatte Lodar zum Stehen gebracht. Er stand einige Meter von mir weg. Meine Hände waren noch auf den dreckigen Erdboden gelehnt, aber auch in dieser Position konnte ich Lodars strengen Blick auf mir spüren. In seinem Gesicht konnte ich seine Gedanken nicht

ablesen. Aber ich wusste ganz genau, was er über mich dachte. Bald würde er sich über mich lustig machen. Mein Sturz war kein Großer und doch hatte er mich aufgewühlt. Ich fühlte mich wie eine leere Hülle: allein und verlassen. Der Fremde vor mir war meine einzige Chance, um ein Dorf zu finden und diese Abhängigkeit machte mich ohnmächtig. Immer wieder fragte ich mich selbst, was ich auf dieser Lichtung getan hatte und wie ich dort hinkam. Die fehlenden Erinnerungen zerrten an mir. Ich traute einem Fremden, den ich nicht kannte und von dem ich nichts wusste. In mir flammte eine Angst auf, die zuvor verschwunden schien. Die Angst vor dem

Ungewissen. Ein dumpfes Geräusch zog mich unsanft aus meinen Gedanken. Als ich zur Seite blickte, um die Quelle des Geräuschs auszumachen, entdeckte ich einen dicken schwarzen Stiefel neben mir auf dem Boden liegen. Verwirrt schaute ich zu Lodar, der sich mit einer Hand am Baum abstützte und mit der anderen Hand seinen anderen Stiefel vom Fuß streifte. Mit gewagtem Schwung warf er auch seinen letzten Stiefel vor meine Nase. Sein schroffer Ton befahl mir, die Stiefel anzuziehen. „Und du?“, fragte ich und meine Stimme zitterte dabei durch die Kälte in meinem Körper, „Du musst deine Stiefel

tragen!“ Es war mir unangenehm, dass Lodar mir seine Stiefel überreichte. Lodars Füße waren nur noch mit Socken umhüllt. Aus einem kleinen Loch in der Socke schaute sein kleiner Zeh heraus. Er wollte mir seine Stiefel überlassen, aber dadurch müsste er selbst über spitze Steine und scharfe Zweige laufen. Das konnte ich nicht erlauben. Keiner sollte wegen mir Schmerzen haben. Also nahm ich seine Stiefel in die Hand und wollte sie ihm zurückgeben, doch statt sie anzunehmen, streckte er energisch den Arm vor mir aus. „Glaub nicht, dass ich das tue, weil du mir so leidtust, aber ich möchte nicht die

Nacht in den Wäldern verbringe. Dunkelheit bringt Wesen hervor. Wesen, die ich nicht kennenlernen will. Also zieh die Dinger jetzt an und lass uns gehen bevor du noch erfrierst.“ Plötzlich fühlte ich mich vom Wald beobachtet. Mein Blick schweifte durch die Bäume. Wenn es hier im Wald solche Wesen gab wie im Wasser, dann wollte ich diesen Wesen auf keinen Fall begegnen. Widerwillig zog ich die Stiefel über meine geschundenen Füße und schnürte sie feste zu. Die Stiefel rochen nach einer Mischung aus Schlamm und Schweiß, aber sie waren warm und gemütlich. Etwas zu groß für meine Füße, aber alles war besser, als

meine nackten Füße auf dem Waldboden. Dass Lodar mir seine Stiefel gab, war ein unglaublich nette Geste, auch wenn er es nicht als solche ansah. Ein böser Mensch mit bösen Absichten würden einem nicht seine Schuhe überlassen oder seine Jacke. Lodar war zwar ein Fremder, aber er hatte mir in kurzer Zeit bewiesen, dass ich ihm vertrauen konnte und Vertrauen war das, was ich zurzeit am meisten brauchte. „Die gute Elma kann uns leider nicht auf ihrem Rücken tragen, wenn du dich das gefragt hast!“, sagte er und streichelte das Pferd am Hals, „Sie hat ein kaputtes Bein und ich nutze sie nur noch als Köder.“

„Köder?“, fragte ich und war von seiner Begründung sichtlich überrascht. „Nun ja, die See haben ihre Wasserungeheuer und die Wälder ihre Waldungeheuer.“, antwortet er und deutete mit einer Handbewegung an, dass wir uns wieder auf den Weg machen sollten. Als ich ihn nach den Wasserungeheuern fragte, schien es ihn zunächst zu überraschen, dass diese Wesen für mich unbekannt waren, doch dann erzählt er mir von ihnen. Es seien böse Wesen: halb Mensch und halb Fisch. Sie leben in Seen, die unterirdisch miteinander verbunden waren. Ihr einziger

Lebensinhalt bestand darin, Menschen zu fressen und durch das Wasser zu schwimmen. Ich war zwar mit seiner Erklärung nicht ganz zufrieden, aber ich ließ es auf dieser knappen Aussage beruhen. Es dauerte nicht mehr lange bis wir eine Lichtung erreichten, auf dem eine kleine Holzhütte stand. Aus dem Kamin qualmte leichter Rauch. Lodar brachte das Pferd in den Stall und öffnete die knarrende Tür der Hütte.

KAPITEL 3: Rena

Ich beobachtet, wie das Feuer im Kamin mit den Holzstücken tanzte und dabei Hitze in jede Seite des Raumes verströmte. Das Knistern des Feuers klang wie weiche Musik, die mich in die Müdigkeit wiegte. Meine Augenlieder waren schwer und meine Knochen schmerzten vor Erschöpfung. Lodar betrat den Raum, ging an mir vorbei zum Kamin und nahm den Kessel mit kochendem Wasser in die Hand. Er verschwand im Badezimmer und kurze Zeit später war das Plätschern von Wasser zu hören. Als er zurück kam deutet er mir an, das Bad zu benutzen

und auch wenn ich mich zierte, ein fremdes Badezimmer zu nutzen, meine Haut klebte, stank und juckte vom Wasser des Sees. Vorsichtig schloss ich die Tür hinter mir und der heiße Dampf benetze mein Gesicht. Ich wollte nichts Sehnlicheres meinen Körper dem Kleid befreien. Doch zuvor musste ich behutsam die eingebrannten Fäden von meiner Wunde entfernen. Nachdem der Stoff meinen Körper verlassen hatte und ich nackt vor der Wanne stand, überkam mich das Gefühl der Freiheit. Das Kleid auf meinen Körper hatte sich angefühlt, wie Steine auf meinen Schultern. Sanft berührte ich das Wasser mit meinen Fingerspitzen. Sofort schlug das Wasser

kleine Wellen, die am Wannenrand zum Stehen erstarken kamen. Neugierig blickte ich mich im dem kleinen Raum um. In einem Regal standen Gefäße mit verschiedenen Flüssigkeiten. Noch bevor ich den Verschluss des ersten Fälschens öffnen konnte, wickelte sich der Duft von Lavendel um meine Nase. Ich konnte dem blumigen Geruch nicht widerstehen und goss eine großzügige Menge in die dampfende Wanne. Der Geruch des Lavendels begleitet mich in die hölzerne Wanne und als meine nackte Haut das heiße Wasser berührte, spürte ich, wie sich meine Muskeln entspannten. Nur das Wasser, das die verbrannte Wunde auf meiner Brust traf, schmerzte wie kleine

Nadelstiche. Meine Augen schlossen sich und vorsichtig tauchte ich meinen Kopf unter Wasser. Ich fühlte die Wärme auf meiner Haut und das Wasser, dass sich wie ein Schutzmantel um mich legte. Irgendwas war mit mir passiert und so sehr ich mir auch wünschte, die Wahrheit über mich zu erfahren, hatte ich Angst, ob die Wahrheit mir gefallen würde. Ich dachte an den Lichtstrahl und an die Bemerkung von Lodar. Konnte das Licht meine Erinnerung geraubt haben oder waren diese Gedanken nur Irrsinn? Ich war ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ich war sicherlich nicht tot, denn der Tod würde sich anders anfühlen. Der Tod wäre lebendiger als das Leben. Als alle

Luft aus meinen Lungen gewichen war, tauchte ich wieder auf. Lodar hatte mir Kleidung im Badezimmer breitgelegt. Es waren Frauenkleider. Ein Tages- und ein Nachtgewand sowie ein Unterkleid und ein paar Socken. Mit feuchten Fingern hob ich das Tagesgewand in die Höhe und betrachtete dabei jedes Detail. Es war ein braunes Wildlederkleid mit einer schwarzen Hose dazu, eher praktisch als edel. An der Brust waren braune Schnüre angebracht, um das Kleid an den Körper anzupassen. Trotz der schlichten Aufmachung, gefiel mir das Kleid. Neben dem Tagesgewand lag ein weißes Nachthemd, ähnlich wie

mein eigenes, nur dass dieses bis über die Knie ging und die Ärmel die kompletten Arme bedeckten. Auch der Brustbereich war üppiger zugedeckt als beim anderen Nachtkleid. Nachdem ich mich umgezogen hatte, schaute ich in den kleinen Wandspiegel. Meine blonden Haare lagen wie nasse Wolle auf meinen Schultern und kleine Sommersprossen besprenkelten mein Wangen bis hin zur Nasenspitze. Neben meiner blassen Haut wirkten meine Lippen fast blutrot. Ich blickte tief in die Augen, die mir mein Spiegelbild entgegenstrahlte. Bei jedem Wimpernschlag tanzten grüngelbe Farbkleckse um meine Pupillen. Das in

diesem Spiegel war ich und doch erkannte ich mich nicht. Es war eine Fremde, die mich anblickte. Meine Lungen füllten sich viel zu schnell mit Luft und das Atmen fiel mir schwer. Ich hoffte, dass meine Augen mir etwas über mich verraten würden, doch in meinem Kopf war nur leer. Enttäuscht wandte ich mein Gesicht vom Spiegel ab und verließ das Badezimmer. Lodar hatte vor dem Kamin platz genommen und mit einem langen Stock stocherte er in der Glut herum. Im Licht des Kaminfeuers wirkte er zerbrechlich, fast sanft. Vorsichtig lief ich an ihm vorbei, um mich neben ihn an den Tisch zu setzte, doch dann packte er mich mit

einer solchen Gewalt am Handgelenk, dass ich zum ersten Mal in seiner Nähe Angst verspürte. Er blickte mir nicht ins Gesicht, stattdessen schaute er weiter in die Flammen im Kamin. „Lass mich los!“, befahl ich ihm und versuchte dabei mein Handgelenk von seinem festen Griff zu lösen. Wütend presste er heraus: „Du verschwindest jetzt sofort aus meinem Haus!“ Verwirrte blickte ich an, doch sein Gesicht war noch immer ins Feuer gereichtet. Mit meiner freien Hand wollte ich nach seinem Kinn greifen und ihn zwingen, mir endlich ins Gesicht zu blicken, doch er war schneller als ich. Er

packte mein anderes Handgelenk und blickte mir tief in die Augen. Sein Blick war mit einem solchen Zorn gefüllt, dass ich zurückschreckte. All die Sanftheit, die ich vor kurzem in ihm sah, waren verschwunden. Ruckartig ließ er meine Hände los. „Was ist nur in die gefahren?“, fragte ich ihn. Sein Blick blieb düster: „Wenn du nicht sofort verschwindest, werde ich dich eigenhändig herausschmeißen. Und glaub mir, dass würde dir nicht gefallen.“ Die Ohnmacht, die ich im Wald gespürt hatte, kehrte wieder in mir ein. Ich war diesem Mann gefolgt, habe mich abhängig von ihm gemacht und meine

Hoffnung in ihn gesteckt und nun warf er mich ohne ein Wimpernzucken aus seinem Haus. Mitten in der Nacht und ohne eine Erklärung. Wie angewurzelt blieb ich auf den Holzdielen stehen. Ich verstand nicht, weshalb er mich aus seinem Haus werfen wollte, obwohl er vorher all diese netten Gesten für mich getan hat. Er hatte mich vor den Fischfrauen gerettet und im Wald gab er mir seine Stiefel. Selbst in seinem Haus hatte er mir ein heißes Bad eingelassen, damit ich mich reinigen konnte. Doch auch wenn ich nicht begriff, was vor sich ging, musste ich seiner Aufforderung folgen. Es war sein Haus und ich war die Fremde. Ich nahm tief Luft und ging zur

Haustür. Das kalte Metall des Türgriffs legte sich um meine Hand, doch ich schaffte e nicht, die Klinke herunterzudrücken und das Haus zu verlassen. Nicht bevor er mir eine Erklärung für sein Verhalten gab. „Ist das ein krankes Spiel für dich? Du rettest mich, nimmst mich mit und dann wirfst du mich ohne Vorwarnung aus dem Haus. Ich werde nirgendwo hingehen. Du bringst mich in das Dorf, wie du es mir versprochen hast und dann wirst du mich los!“. Ich merkte, wie auch in mir die Wut aufkeimte. „Was sagst du da?“, brüllte Lodar warnend und stand wild von seinem Hocker auf. Der Hocker fiel mit einem

lauten Knall auf den Boden, „Verlass dieses Haus!“ Sein Zorn bohrte sich in mich wie ein Pfeil in aufgescheuchtes Tier. Ich fühlte mich in die enge getrieben und mir blieb nichts anderes übrig als sein Haus zu verlassen. Kalter Wind streifte durch mein Nachtkleid und auf meinen Socken entfernte ich mich von der Hütte. Es waren langsame Schritte. Auch nach seinem aggressiven Verhalten hoffte ich, dass er die Tür öffnen und mich zurückholen würde, doch nichts davon geschah. Ich war auf mich eingestellt, aber aufgeben war keine Option für mich. Vor dem Waldrand blieb ich stehen. Die riesigen Bäume ragten bis in

den Himmel. Der Wald war gewaltig und ich war klein. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte oder welche Richtung die richtige war, um zum Dorf zu gelangen. Kurzer Hand entschied ich mich in die entgegengesetzte Richtung zu gehen, von der wir gekommen waren. Es war schwer sich in der Dunkelheit zurechtzufinden und immer wieder stolperte ich über Baumwurzeln. Irgendwann gab ich die Hoffnung auf das Finden eines Dorfes auf und setzte mich an den Rand eines Baumes, die Beine nah an meinen Körper gezogen und das Gesicht auf meinen Knien abgelegt. Trotz des Nachtwindes war die Sommerwärme mein Freund, aber die

Dunkelheit war mein Feind. Ich musste ständig an die Waldungeheuer denken, von denen Lodar mir erzählt hatte. Jedes Knacken und jedes Heulen eines Tieres ließen mich zusammenzucken. Und dann sah ich etwas. Ein leuchtender Punkt, der sich zwischen den Bäumen schlängelte und in meine Richtung flog. Binnen weniger Sekunden tauchten ein duzend weiterer weißer Punkt auf, die ihren Weg durch den Wald bahnten. Es war ein Schwarm glühender Schmetterlinge. Wie kleine Kerzenlichter erhellten sie den dunklen Wald mit ihrer Leuchtkraft. Die Tierchen kreisten wie fallenden Laubblätter um die Baumstämme. Auch um meinen Baumstamm zogen die

leuchtenden Schmetterlinge ihre Kreise. Behutsam streckte ich meine Hand in die Luft und es dauerte nicht lang bis eines der weißen Tierchen auf meiner Handfläche landete. Ich war überrascht von dem schweren Gewicht der Schmetterlinge. In der Luft wirkten sie leicht wie Federn, doch auf der Hand waren sie so schwer wie Äpfel. Die Flügel ähnelten zerbrechlichen Blütenblättern. Ein filigranes Muster durchzog das hauchdünne Flügelbett. Ich konnte durch die Flügel schauen, wie durch ein kleines leuchtendes Fenster. Das Krabbeln des Schmetterlings auf meiner Haut, ließ mich ein Kribbeln spüren, dass kurz darauf zu einem Gefühl

der Taubheit wurde. Es war eine Taubheit, die sich rasch in wärmende Stärke verwandelte. Noch in meiner Hand verglühte der Schmetterling zu einer leeren Hülle und die Flügel verwelkten zu dunklem Schwarz. Erschrocken schüttelte ich den leblosen Körper von meiner Hand. Die Taubheit auf meinen Händen und die wärmende Stärke gefiel mir. Es fühlte sich lebendig an und doch fühlte ich mich unwohl. Das Tier starb in meiner Hand, doch die Lust noch mehr von diesem Gefühl der Lebendigkeit zu spüren, animierte mich noch ein Tier auf die Hand zu nehmen. Mit einem schnellen Griff fing ich einen der umherschwirrenden Schmetterlinge

ein. Das Tier krabbelte auf meiner Hand ohne zu wissen, dass es wie sein Vorgänger verglühen wird. Ich beobachtete, wie das Licht im inneren des Schmetterlings immer weiter verblasste bis es schlussendlich in einem tiefen Schwarz versank. Es fühlte sich so an, als würde die Wärme und die Energie des Schmetterlings auf mich übergehen und ein Teil von mir werden. „Was tust du da?“, hörte sie eine dunkle Stimme zu mir rufen. Überrascht von der Stimme ließ ich den Schmetterling zu Boden fallen. Es war Lodar, der nach mir gerufen hatte und kurze Zeit später vor mir stand. Ich hoffte, dass er nicht gesehen hatte, was ich den kleinen armen

Tierchen angetan hatte. Scharm erfüllte mich bei dem Gedanken an meine Tat. „Ratten der Lüfte!“, zischte er und schlug nach den leuchtenden Schmetterlingen, als wären sie Ungeziefer, „Ich hasse diese Dinger.“ Die leuchtenden Punkte entfernten sich von uns bis sie außerreichweite waren und die Nacht wieder seinen Platz im Wald einnahm. Lodar forderte mich auf, wieder zurück in die Hütte zu kommen, doch auf seine Spielchen hatte ich keine Lust mehr. Seine Launen zwischen Güte und Zorn warne nervenauftreibend. Als er mich aus seinem Haus schmiss, hatte er mir das Vertrauen zu ihm genommen. „Ich bin kein Hund, den du vor die Tür

werfen kannst.“, sagte ich schroff, „Du kannst mich nicht rauswerfen und rufen wann du willst.“ „Komm einfach mit!“, sagte er genervt. „Das werde ich sicherlich nicht tun. Es war ein Fehler mit dir mitzugehen.“. Ich überkreuzte energisch die Arme. Lodar nickte: „Das war es wohl.“ Mein wütender Blick traf seinen und er setzte seine Worte fort, „Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht so behandeln.“ „Das hast du aber!“, erwiderte ich. Seine Augen wirkten müde und ernst: „Lass uns in die Hütte gehen, dann können wir reden, aber nicht hier im Wald.“ „Hast du etwa Angst vor leuchtenden

Schmetterlingen?“, spottete ich. „Diese Biester sind die Verboten der Scheuchen. Wenn sich zu viel von diesen ekligen Dingern ansammeln, dann kommen die dreckigen Gestalten aus ihren Löchern. Du kannst das ja nicht wissen, weil dein Kopf so hohl ist.“, bellte er wie gewohnt zurück. Seine herablassende Antwort machte mich wütender als ich schon war. Zwar war mir mulmig zumute, dass diese wundervollen Wesen böse Gestalten hervorlocken sollten, doch neben Lodar fühlte ich mich sicher. Ich konnte selbst nicht verstehen, weshalb ich mich in seiner Nähe sicher fühlte. Noch vor einer Weile hatte er mich verängstigt und von

sich gestoßen. „Geh einfach zurück in dein Loch!“, antwortet ich ihm, „Da gehören so Menschen wie du hin!“ Genervt packte Lodar mich am Arm und zog mich widerwillig auf meine Beine, „Du kommst jetzt mit mir!“ „Erst, wenn du mir sagst, warum du mir das angetan hast.“, zischte ich und zerrte mit einem starken Ruck meinen Arm aus seinem Griff. Er stöhnte genervt, „Ich werde dir alles in der Hütter erzählen und ich werde dir sowas nie mehr antun. Versprochen!“ Ich konnte in seinen Augen ablesen, dass er mir die Wahrheit sagte, also folgte ich

ihm zurück in die Hütte. Aber ich musste mir eingestehen, dass ich das nicht nur tat, weil ich ihm vertraute, sondern weil ich nicht wusste, was ich ohne ihn machen sollte. Der Wald war ein Labyrinth aus Bäumen. Ohne ihn und das Dorf würde ich mein Gedächtnis niemals zurückgewinnen. In der Hütte setzten wir uns gemeinsam an den Esstisch. Lodar reichte mir ein Stück Brot und Käse. „Mehr habe ich leider nicht im Haus, aber es sollte für heute reichen.“, begann er die Stille im Raum zu unterbrechen. Lodar füllte einen Becher mit warmem Tee und schob ihn meine Richtung. Erst mit dem Brot in meiner Hand und dem Geruch des Käses in meiner Nase,

bemerkte ich, wie hungrig ich war. Ausgehungert biss ich in das trockene Stück Brot und dann in den weichen Käse. In meinem Mund vermischen sich die verschiedenen Geschmäcker und befriedigten meinen Hunger. „Es war das Lavendelöl.“, erzählte Lodar während ich schmatzend das Brot vertilgte. Ich war überrascht, dass er das Lavendelöl ansprach. Mit vollem Mund versuchte ich mich zu verteidigen: „Ich hätte dich Fragen sollen, es ist dein Haus, aber das ist doch wirklich kein Grund – „ Lodar unterbrach mich sofort: „Es gehört meiner Frau. Der Duft hat mich an sie

erinnert und das habe ich nicht ertragen.“ Ich sah, wie sich Lodars Augen mit Traurigkeit füllten. In der Hütte sah es nicht so aus, als hätte hier in letzter Zeit eine Frau gehaust. Staub und Unordnung sammelten sich in jeder Ecke, es gab keine frischen Lebensmittel und die Hütte roch durchweg nach Mann. Nur die Kleidung, die er für mich organisiert hatte, weißten auf eine Frau in seinem Leben hin. „Hat sie dich verlassen?“, fragte ich ohne genauer über meine Worte nachzudenken. Ich hätte mir selber auf die Zunge beißen könne. Lodar blickte entsetzt auf, „Nein gar hat

sie nicht! Sie wurde entführt.“ Bei diesem Satz verschluckte ich mich am Brot und hustete so wild, dass Lodar mir auf den Rücken klopfen musste, damit ich wieder Luft bekam

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Über den Autor

Immortality
Es ist so eine Art Obsession, glaube ich. Das Schreiben fasziniert mich so sehr, daß, wenn es mir verboten würde, ich langsam daran sterben würde.
Johannes Mario Simmel

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