Krimis & Thriller
Monsieur Tourette

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"Einbalsamierung; ausgestopfte Körper; Taxidermist;"
Veröffentlicht am 11. Juli 2019, 38 Seiten
Kategorie Krimis & Thriller
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Über den Autor:

"I've gazed into the abyss and the abyss gazed into me, and neither of us liked what we saw." Brother Theodore
Einbalsamierung; ausgestopfte Körper; Taxidermist;

Monsieur Tourette

Monsieur Tourette

Arsène Tourette ist ein blasser, leptomorpher Mensch, dessen Augen von jener Scharfsichtigkeit zeugen, welche auch die Pupillen der auf toten Ästen an den Wänden seines Arbeitszimmers hockenden Greifvögel so beunruhigend lebensnah macht. „Kunst“, doziert er, saugt am elfenbeinernen Mundstück der Shisha und lässt kapriziöse Gespinste aus Rauch um den entlaubten Schädel tanzen, „Kunst kommt von Können, nicht von

Wollen. Mehr noch: Kunst bedeutet für den Ausführenden, den Künstler, stets einen Schritt weiterzugehen als der profane Rest der Menschheit.“ Ein anheimelndes Feuerchen knickelt und knackelt im Kamin. Schwere Vorhänge aus Damast sind vor die mannshohen Fenster gezogen und versperren den Blick auf die Place de la République. Der Meister, in einen pelzbesetzen Hausmantel aus nachtblauer Seide gehüllt, thront hinter seinem Empire-Schreibtisch und betrachtet versonnen jene Geschöpfe, die vermittels seiner Fertigkeiten scheinbar zu neuem Leben erwacht sind: Ein Grizzlybär, aufrecht stehend, die mit scharfen Zähnen

überreich bewehrten Kiefer zu einem wütenden Knurren entblößt, eine Boa Konstriktor, die ein Wasserschwein tödlich umfangen hält, ein Wolf im grauen Winterpelz, den Kopf geduckt, bereit, sich auf ein zitterndes Lamm zu stürzen sowie, last but not least, ein possierlicher Dachshund, Baudelaire gerufen, der bis zu seinem Hinscheiden des Künstlers engster Vertrauter war. All diese Geschöpfe, und andere mehr, hat Tourette in vollendet lebensnahen Posen für die Ewigkeit festgehalten - und es damit zu einigem Wohlstand gebracht! Nicht grundlos vermeldet „Vanity Fair“ in seiner Weihnachts-Ausgabe, dass die Jeunesse dorée zwischen Saint-Tropez

und Biarritz, St. Moritz und Bad Ischl geradezu verrückt danach sei, ihre kleinen vier- oder zweibeinigen Lieblinge nach deren Hinscheiden präparieren zu lassen: „John Gilbert“, dem Windhund der Garbo, wurde diese Behandlung ebenso zuteil wie Scott Fitzgeralds Papagei „Zelda“, oder auch „Garcia Lorca“, der andalusischen Promenadenmischung des Bürgerschrecks Bunuel. Einige wenige, die nicht warten können oder wollen, befördern ihre Siamkatzen, Leoparden oder Komodowarane bereits vor der ihnen bemessenen Zeit ins tiefgekühlte Jenseits. Das allerdings ist eine Unsitte, die man auf keinen Fall gutheißen

darf! „Recht bedacht ist es doch so“, ertüchtige ich mich in Erklärungsversuchen und nippe dabei genießerisch an meinem „Perroquet“, „was bedeutet Ihnen, verehrter Maître Tourette, schnöder Luxus? Eine Sommerresidenz auf Juan-les-Pins zum Beispiel, eine Yacht, die vormals den deutschen Kaiser über die Wogen des Mittelmeeres trug, ein Apartment im teuersten Arrondissement von Paris, ein ebensolches in New York City sowie ein pinkfarbener Bentley nebst Chauffeur und Sitzbezügen aus Schneeleopardenfell, wenn es doch stets

und immer nur darum geht, darum gehen muss!, die Grenzen des Unbekannten auszuloten, tief verborgene Wahrheiten zu offenbaren und nach geistigen Kontinenten aufzubrechen, deren Gestade nie zuvor von eines Menschen Fuß betreten wurden.“ „Ganz recht, mon Ami.“ Tourette entzündet seine Cervantes und schnippt das Streichholz in den als Aschenbecher zweckentfremdeten Schädel eines ängstlich die Zähne bleckenden Kapuzineräffchens. „Und das, exakt, ist der Grund, warum ich mein Betätigungsfeld vor einiger Zeit erweitert habe, um die Krone der Schöpfung nämlich, um den Menschen,

den fintenreichen Homo Sapiens – selbstredend in dem Bestreben, das zu tun, was kein anderer vor mir je gewagt hat.“ Er berührt sanft die Stirn des mit einem wässrigen Lächeln und geschlossenen Lidern auf seiner Chaiselongue ruhenden Uljanow. „Man stelle sich vor: Die Russen waren dieser Ikone überdrüssig. Überdrüssig! Das ist in etwa so, als ob wir La Gioconda auf dem Flohmarkt feilböten, weil im Louvre kein Platz mehr ist.“ Er seufzt. „Die immensen Summen, die Jahr für Jahr aufgewendet werden mussten, um den toten Körper am Leben zu erhalten, wuchsen dem notorisch klammen Bolschewiki-Staat über den

Kopf. Aus diesem Grund wurde das Original durch eine Wachsfigur ersetzt. Klammheimlich versteht sich. Die Mumie, die nun nicht länger benötigt wurde, konnte ich Stalin für einen Spottpreis abhandeln. Er schenkte mir überdies eine signierte Gesamtausgabe seiner Werke, eingebunden in scharlachrotes Leder aus Menschenhaut. Seither krönt der alte Revolutionär diese kleine, aber feine Sammlung anatomischer Objekte.“ „Dennoch, wenn ich das recht verstehe, sind Sie im eigentlichen Sinne kein Balsamierer, M. Tourette.“ „Das ist wahr. Ich bin, um den korrekten Terminus zu gebrauchen, Taxidermist.

Das bedeutet, ich ziehe die von Muskel- und Fettresten befreite und zuvor entsprechend präparierte Haut wie einen Taucheranzug über das mit Garn und Stroh umwickelte Drahtgestell, aus dem ich zuvor die vom Auftraggeber gewünschte Pose modelliert habe. Anschließend werden künstliche Pupillen, Haarteile und die Kleidung angepasst und gegebenenfalls kleinere Korrekturen mit Pinsel und Spatel vorgenommen; zum Schluss wird das Ganze wie ein Sack vernäht. Der Unterschied zu einer Mumie ist der, dass diese den Menschen stets in seiner sterblichen Hülle präsentiert, während ich meinen Probanden gewissermaßen

neues Leben einhauche. Wie ein Bildhauer, der aus dem toten Stein Carraras die Göttin Aphrodite schlägt.“ „Beeindruckend!“ „Hier haben Sie Gelegenheit, einige meiner besten Arbeiten zu studieren.“ Tourette erhebt sich und tritt neben ein junges Mädchen von entzückender Lebensfrische, dessen Haut so zart und vom Blut durchpulst erscheint, dass man es in den Arm nehmen und liebkosen möchte. „Das ist Camille, die Tochter des Fleischwurstkönigs Le Boeuf. Sie hat sich im letzten Jahr entleibt – aus Liebeskummer. Ihr Angebeteter war ein Apologet der vegetarischen Front.“ „Ich hörte

davon.“ „Die Unglückliche hielt es für angemessen, ein Bolzenschussgerät in den Rachen zu stecken, was bewirkte, dass der hintere Teil ihres Schädelknochens komplett vom Rest abgesprengt wurde. Zum Glück lassen sich derlei Kalamitäten mit einer Perücke gut kaschieren. Ihr Kopf ist nun mit Stroh befüllt. Le Boeuf versicherte schmunzelnd, das sei zu Lebzeiten nicht anders gewesen. Trotzdem war es den Eltern ein natürliches Verlangen, die Hülle ihres vielgeliebten Kindes nicht allein dem Wirken der Maden zu überlassen.“ „Noblesse

oblige.“ „Ganz recht. - Nur noch ein paar Handgriffe hier und da, ein etwas frischerer Teint, die Büste deutlich aufpolstern, und alsbald wird unsere Maid die Eingangshalle der Boeuf’sche Sommerresidenz auf ganz praktische Weise verschönern. Als Ablage für Regenschirme und Visitenkarten nämlich.“ „Incroyable!“ „Und dort …“, - er wendet sich einem etwa fünfjährigen Knaben zu, der einen lustigen Strohhut mit weißen Bändern, einen atlantikblauen Matrosenanzug, rot-weiß geringelte Söckchen und schwarze Lackschuhe mit silbernen Schnallen trägt

-, „… dort haben wir den kleinen Jean-Luc, der als erstes Opfer eines Straßenbahnunglücks in der stolzen Geschichte seiner Heimatstadt Besançon gelten darf. Die größte Schwierigkeit bestand darin, dem Körper die eigentliche Form wiederzugeben.“ „Auch oder gerade, weil ich nur ein Laie bin, übersteigt das Ergebnis meine Vorstellungskraft.“ „Ich danke, lieber Freund. Um die Wirkung meiner Kunst auf die Probe zu stellen, haben wir Jean-Luc in der großen Pause auf dem Hof seiner ehemaligen Schule deponiert. Ach, war das ein Jauchzen und Frohlocken! Zahlreiche seiner kleinen Freunde,

durchaus auch einige Vertreter des Lehrkörpers, haben sich minutenlang verlustiert, bevor sie gewahr wurden, dass es sich bei dem vermeintlichen Wiedergänger lediglich um ein Artefakt handelte. - Dasselbe wird übrigens morgen im Rahmen einer festlichen Zeremonie dem Museum in Besançon übergeben. Dort soll es den Wandel des innerstädtischen Verkehrs im Laufe der Jahrhunderte illustrieren.“ „Famos!“ „Gleich daneben finden sich Präparate aus dem ethnographischen Bereich: Vater, Mutter, Sohn und Tochter, die ursprünglich in Neuguinea beheimatet waren. Allesamt verdienten sie ihr

täglich Brot als Mitarbeiter eines Kuriositätenkabinetts, wo sie unter dem Namen ,Die Wilden von Bora-Bora‘ manch wagemutige Kunststückchen vollführten. Ich selbst hatte leider nie Gelegenheit, einer dieser Darbietungen beizuwohnen, doch wurde mir versichert, dass es ein durchaus beeindruckendes Spektakel gewesen sei, diese halbnackten Kannibalen ihre steinzeitlichen Keulen schwingen zu sehen.“ „Und wie kommt es, dass sie nun allesamt tot sind – tot und überdies ausgestopft?“ „Der Vater hatte sich bei einer Dirne in Marseille die Syphilis eingefangen; er verschied nur Wochen später. Als der

Betreiber des Kuriositätenkabinetts, ein gewisser Marschall Pétain, die sterblichen Überreste an den örtlichen Abdecker verkaufen wollte, in der Absicht, die Bestattungskosten zu sparen, liefen die restlichen Wilden Sturm dagegen. Dem braven Manne blieb keine Wahl, er musste sie erschießen. In Notwehr selbstverständlich, aber auch als abschreckendes Beispiel für die übrige Belegschaft. Sie hatten sich nicht nur geweigert, den verwesenden Leichnam rauszurücken, sondern auch, wozu sie doch vertraglich verpflichtet waren, allabendlich ihre drolligen Kapriolen vorzuführen. The Show must go on, wie man in Amerika zu sagen

pflegt. Der Abdecker wiederum, anstatt Seife aus ihnen zu kochen, überließ mir die Kadaver für eine Flasche Absinth. Aus Gründen der christlichen Nächstenliebe, wie er glaubhaft versicherte. Das Musée de l’Homme hat bereits Interesse signalisiert, ,Die Wilden von Bora Bora‘ demnächst in einer großen ethnographischen Ausstellung zu präsentieren.“ Just in dem Moment schrillt das Telefon, und der Hausherr bittet mich, für einen Moment im angrenzenden Salon Platz zu nehmen. Ich gehorche und bin unversehens in allerbester Gesellschaft: Politiker der Regierungskoalition sind

dort ebenso versammelt wie die der streitsüchtigen Opposition. Stadtbekannte Saloniéren verkehren einträchtig mit Halbweltdamen, Marquisen mit Wäscherinnen, Kokotten mit Schwestern des Ordens vom Herzen Jesu – kurzum, es handelt sich um ein mannigfaltiges Kaleidoskop der französischen Gesellschaft. Zu meiner Überraschung sind unter den dort Versammelten nicht wenige „Unsterbliche“, von denen ich eigentlich angenommen hatte, dass ihre Knochen längst zu Staub zerfallen seien: Gustave Flaubert e. g., durch den Schnauzbart an ein freundliches Walross gemahnend, weist mit ausgestrecktem Arm auf einen

Punkt jenseits unserer Wahrnehmung; Jules Verne, Autor der Voyages extraordinaire, steht unmittelbar daneben, gewissermaßen auf Augenhöhe, und streicht versonnen durch seinen eisgrauen Bart. Claude Monet, das Barett verwegen auf dem Kopf, schwingt den Pinsel über die Leinwand, auf der wir bereits das „Bassin aux Nymphéas“ hervorschimmern sehen. Auch er ist von einer Lebensnähe, die verblüfft, wenn nicht gar dazu angetan ist, feinfühligere Naturen in ihren Grundfesten zu erschüttern. In welch‘ einer glorreichen Epoche leben wir doch, wir, die Bewohner des 20. Jahrhunderts; in einer Epoche, in der die Wissenschaft und die

Kunst immer neue, immer höhere Gipfel der Schöpfung erklimmen. Tourette, soviel steht fest, darf als einer der bedeutendsten Gestalter des Menschlichen überhaupt gelten! Ja, ich bin geneigt zu sagen, dies auf Augenhöhe mit den Größten seiner Zunft: Auguste Rodin beispielsweise oder Aristide Maillol! Auch er, der vortreffliche Rodin, gehört im Übrigen zu den hier Versammelten, im Tode genauso aristokratisch wie die Natur ihn einst erschaffen hat. Das Kinn stolz emporgereckt, den Blick auf jenes Land gerichtet, das wir gemeinhin die Zukunft heißen, steht er mit Hammer und Meißel vor dem ungefügen Stein, den es mit

wohldurchdachten Schlägen in kluge Form zu bringen gilt – ganz so, wie es sich für einen wahrhaftigen Meister geziemt. Neben ihm, anmutig in den Hüften wiegend, vollführt die bekannte Doppelagentin Margaretha Zelle alias Mata Hari einen ihrer Fruchtbarkeitstänze. Sie hat die Arme lockend ausgebreitet, wirft den Kopf spielerisch in den Nacken, und ihre Lippen sind zu der Andeutung eines herzförmigen Lächelns geöffnet, unter dem die Zähne wie kleine Akoya-Perlen hervorschimmern. Angetan ist sie mit diversen Schleiern aus einem gazeartigen Stoff, die ihre formschönen Brüste lasziv

entblättern, einer vielfarbigen Haremshose und einem mit Edelsteinen besetzen Bustier, das dem Vernehmen nach vom österreichischen Thronfolger anlässlich einer sehr privaten Darbietung ihrer Künste überreicht wurde. Ich trete einen Schritt beiseite, um die fachmännisch gestopften Einschusslöcher aus der Distanz besser begutachten zu können - unschöne Relikte ihrer Exekution durch ein französisches Erschießungskommando! Dabei stoße ich versehentlich gegen einen Schrank, dessen Tür sich knarzend öffnet. Ich drehe mich um, in der Absicht, das Innere zu inspizieren – und erstarre auf der Stelle wie einstmals die

gute Frau Lot! Dort steht nämlich, genauso, wie ich ihn nur wenige Minuten zuvor verlassen habe, der leibhaftige M. Tourette. Nur dass er jetzt nicht mehr am Leben ist, sondern genauso tot wie alle anderen hier, demnach ein kunstvoll gefertigtes Präparat seiner einstigen Hülle. Sogar der mit Pelz besetzte Hausmantel, die absinthgrünen Hosen und die türkischen Pantoffeln sind exakt die gleichen, mit denen er zuvor bekleidet gewesen ist. Seine Miene drückt Überraschung aus. Das Kinn hängt schlaff und vielfaltig herab. Die Nüstern scheinen zu beben. Die großen, porzellanblauen Augen sind weit aufgerissen und starren wahnhaft ins

Leere. Die zu kurz geratenen Arme hat er mit konvulsivisch krampfenden Händen erhoben, um etwas offenkundig Schreckenerregendes abzuwehren. Ich beuge mich nach vorn, weil ich in der Zeitschrift Le Décadent gelesen habe, dass die Retina des Ermordeten das letzte gesehene Bild wie eingraviert in sich trägt, als ich urplötzlich, in den Pupillen sich widerspiegelnd, eine flüchtige Regung über meiner linken Schulter wahrnehme. Ich beuge mich weiter nach vorn, in der Annahme, dass mir die Nerven einen Streich gespielt haben, und muss feststellen, dass ein Irrtum ausgeschlossen ist. Hinter meinem Rücken nähert sich, auf leisen Sohlen

verstohlen schleichend, eine Gestalt, die ein gewaltiges Schlachtermesser in die Höhe reckt. Wie von der Tarantel gestochen fahre ich herum – und glaube im ersten Moment, nicht recht bei Sinnen zu sein! Vor mir steht, wild mit den Augen rollend und dünne Speichelfäden aus den Mundwinkeln absondernd, kein anderer als – ein weiterer M. Tourette! Auch er gewandet in den nachtblauen, mit Pelz verbrämten Hausmantel, die absinthgrünen Hosen und die türkischen Pantoffeln. Verwirrt wandern meine Blicke zwischen dem lebenden und dem präparierten Präparator hin und her, hin und her, hin und her: Kein Unterschied ist zu erkennen, sie scheinen absolut

identisch. Doch noch bevor ich Gelegenheit finde, meiner Verwunderung verbalen Ausdruck zu verleihen, stößt der Wahnsinnige einen Schrei aus, fürchterlich wie das waidwunde Blöken eines Dromedars, holt Schwung und macht einen gewaltigen Satz nach vorn, in der offenkundigen Absicht, mich niedermetzeln zu wollen. Mit einem Schlag, der wie Donner in den Ohren dröhnt, löst sich die Kugel aus meinem getreuen Six Shooter und trifft den Wahnsinnigen gerade noch rechtzeitig ins Herz. „Oy“, entfährt es den bebenden Lippen. Er blickt an sich hinab, betastet das Einschussloch, um das sich schnell ein

rubinroter Fleck ausbildet, sinkt auf die Knie, das Messer weiterhin kraftlos schwingend, und fällt dann, ohne weitere Umschweife und mit dem Gesicht nach unten, auf den verschlissenen Perserteppich, der den marmornen Fußboden bedeckt. Ein letzter, röchelnder Atemzug, ein Seufzer, ein rasch verebbendes Zittern der Gliedmaßen, dann – Finis! M. Tourette ist nicht mehr. *** Dies ist die Geschichte zweier Brüder, die, wie einstmals Kain und Abel oder Romulus und Remus, nicht nur durch

Neid entzweit, sondern darüber hinaus auch noch zu anderen, weit größeren Abscheulichkeiten getrieben wurden. Ich spreche von Arséne und Jacques Tourette aus der Kleinstadt Belfort, die beide, wie schon vor ihnen ihr Papa und vor dem dessen Vater, das ehrbare Handwerk des Tierpräparators erlernt hatten. Jacques, der Ältere, übernahm das Geschäft des Seniors in der Rue Camille Desmoulins. Arséne hingegen machte sich auf nach Paris, um dort ein eigenes Unternehmen zu etablieren. Innerhalb weniger Jahre gelang es dem findigen Jung-Taxidermisten nicht nur als ein hochangesehener und weit über die Landesgrenzen hinaus geschätzter

Meister der Präparation zu reüssieren (spezialisiert auf Giraffen, Krustenechsen, Finnwale und Kugelfische), sondern sich auch als ein wohlhabender und gesellschaftlich in den höchsten und allerhöchsten Kreisen verkehrender Bonvivant zu etablieren. Kann es demnach verwundern, so frage ich, dass im Älteren, dessen Geschäfte in der Provinz keineswegs so gut liefen (Welcher Landwirt käme auf den Gedanken, seinen Hofhund auszustopfen?), dem tatsächlich Tag für Tag und Woche für Woche die blanke Not im Nacken saß (gleichwohl seine Kunst keineswegs geringer war), kann also demnach verwundern, dass in dieser

gepeinigten Seele, diesem verkannten Genie, die Missgunst allmählich zu gären begann? Ich sage, nein! Zumal seine flehentlichen Bitten, die Situation in Nantes durch ein wenig monetäre Unterstützung zu konsolidieren, bei Arsène durchweg auf taube Ohren stießen! Als dann Justine, Jacques‘ Lieblingstochter, schwer erkrankte und es der Onkel in Paris rundheraus ablehnte, die erforderlichen Mittel vorzustrecken, worauf das Mädchen klaglos verschied, war es um den Vater geschehen. Innerhalb weniger Stunden verfiel er einem rasenden Irrsinn, der lediglich ein Ziel kannte, das nämlich, blutige Rache zu üben!

In der Nacht, in der Justine ihren letzten Seufzer tat, schlachtete er nicht nur seine treusorgende Gattin und die übrig gebliebenen Kinderlein ab, sondern stopfte überdies deren sterbliche Hüllen mit Stroh, alten Lumpen und abgetragenen Kleidern aus, um das Ergebnis anschließend gegen klingende Münze in fragwürdigen Etablissements einem nach Sensationen heischenden Publikum zu präsentieren. Dies in der Absicht, wie er seinem Journal intime anvertraute, genug Geld für die Reise nach Paris zu verdienen. Als er dann später, nach vielen Monaten wahnwitzigen Umherirrens über die

Rummelplätze der République, die Hauptstadt erreicht hatte, begab er sich schnurstracks in die Rue du Temple, erdolchte dort den ahnungslos in seinem Bett schlummernden Bruder mit 62 berserkerhaften Messerstößen, präparierte Jacques (der Jahre später von mir durch Zufall im Schrank entdeckt wurde) und nahm statt seiner als Patron hinter dem Empire-Schreibtisch Platz. Nicht einer seiner Kunden und nicht einer seiner Geschäftspartner schöpfte Verdacht oder wäre auch nur in der Lage gewesen, einen geringfügigen Unterschied zu entdecken. (Die Gebrüder Tourette waren Zwillinge und ähnelten sich wie ein Apfel dem anderen.) Da er

überdies Geschmack an der künstlerischen Gestaltung des menschlichen Körpers gefunden hatte, des toten menschlichen Körpers wohlgemerkt, und durchaus imstande war, dergleichen Kunst mit einigem Geschick zu betreiben, stahl er alsbald aus den umliegenden Krematorien die dort aufgebahrten Leichname, präparierte ihre Hüllen in seiner eigenen, streng geheimen Werkstatt unter einem stillgelegten Gotteshaus, um sie hernach - ohne jegliche Skrupel! - nichtsahnenden Kunden als Gustave Flaubert, Jules Verne oder auch Mata Hari anzudrehen. So wurde beispielsweise Kardinal Richelieu gleich

auf sechs verschiedenen Rummelplätzen von der Polizei in Gewahrsam genommen. Überflüssig zu erwähnen, dass nicht einer der spitzbärtigen Herren der echte Staatsmann war. Ebenso wenig wie es sich um den echten Flaubert oder die echte Mata Hari gehandelt hatte. Auch deren toten Körper gehörten einstmals völlig unbescholtenen Bürgern. Derjenige Mata Haris sogar einer leibhaftigen Oberin vom Orden der Zisterzienser. Tourettes eigene Hülle, inklusive Einschussloch, wurde, gemäß den Vorkehrungen, die er Jahre zuvor sinnreich getroffen hatte, nach allen

Regeln der Kunst gesotten, gestrafft, gebürstet und vernäht, um fürderhin, das Schlachtermesser wider die sich wohlig gruselnden Besucher schwingend, im Musée de l’Homme als Beispiel für eine „besonders abnorme geistige Deformation“ zu dienen. Noch viele Dekaden später, lange nachdem das Exponat aufgrund gewisser Vorbehalte kirchlicher Würdenträger in einem Seitengelass den Blicken der Öffentlichkeit entzogen worden war, gab es vereinzelt Angestellte, die bereit waren, der frühreifen Jugend den Unhold zu präsentieren. Gegen einen kleinen Obolus, versteht sich. Und das auch nur, um der Volks-Fortbildung im

Allgemeinen und der sittlichen Verrohung im Besonderen einen wertvollen Dienst zu erweisen. „Non vitae, sed scholae discimus!“ (c) 2019 Doktor Seltsam. Alle Rechte vorbehalten.

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cassandra2010 
Mon!!! Dieu!!! docteur, que vous êtes dégueulasse, avec tous ces fauves affreux , naturalisés... ils m'ont rendue malade à en crever... j'ai dû m'en jeter plusieurs "perroquets"

Encore ensuquée
Cassy
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DoktorSeltsam Euer Liebden, ich hoffe doch sehr, dass meine zweifelsohne fahrlässig unklug gewählten Worte die allergnädigsten Ohren nicht allzu sehr inkommodiert haben. Wäre das nämlich der Fall, ich sähe keine andere Möglichkeit der Wiedergutmachung, als mich hier auf der Stelle vor Ihro huldvollen Augen in meinen Degen zu stürzen!

Seid gewahr, dass mein Herz, meine Hand und das bisschen Verstand, das mir mein Vater vererbt hat, jederzeit Eurer ohnvergleichlichen Majestät angehören.

Wolfenbüttel am 15. Julio im Jahre des Herrn 2019

Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen
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cassandra2010 
Ufff.... und ich dachte schon, du seist mein guter Lessing! Was HABEN wir doch wunderbar soupiert und getoastet in seinem entzückenden Haus daselbst!
Habe mich inzwischen von meiner Malaise erholt und werde mich mit des Doktors gleichnamigem Syndrom beschäftigen~~~
Vaya con dios
la principessa
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Friedemann 
Rabenschwarzer Humor, wie er mir gefällt.
Dein gepflegtes, französisiertes Deutsch passt zudem bestens zu Deinem Monsieur Tourette und klingt sehr nach Hercule Poirot, dem belgischen Meisterdetektiv mit seinen grauen Zellen, der in seinen Filmen meist für einen Franzosen gehalten wird.

Liebe Grüße,
Friedemann
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DoktorSeltsam Vielen Dank, Friedemann, insbesondere auch dafür, dass Du Monsieur Poirot nicht zu einem Franzosen machst. Ich habe in meiner goldenen Jugendzeit viel von Agatha Christie gelesen und kann mich heute immer noch über ihren sehr trockenen britischen Humor amüsieren.

Liebe Grüße
Dok
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FLEURdelaCOEUR 
Oh, Doc - wie gruselig!
Dank deiner Fantasie und Schreibtalents hast du das so exzellent beschrieben, dass ich dir jedes Wort glaube! ;-)
Mir fällt dabei gerade ein Besuch des Château de Vascoeuil ein, wo ich im Musée Jules Michelet neben Picasso und anderen sehr lebensechten Figuren Kennedy barfuß im Sarg liegen sah ... Jedoch waren die aus Wachs oder Plastik, jedenfalls nicht ausgestopft ... oder doch??? Mich gruselt's!
Liebe Grüße
fleur
Vergangene Woche - Antworten
DoktorSeltsam Ein großes Kompliment, liebe fleur, ich hoffe aber, Du hast auch an der einen oder anderen Stelle schmunzeln können, denn Schrecken und Heiterkeit gehen bei mir oftmals Seite an Seite.
Ich wünsche Dir ein angenehmes Wochenende.
Liebe Grüße
Dok
Vergangene Woche - Antworten
FLEURdelaCOEUR 
Und wie ich geschmunzelt habe! Und als ich Uljanow auf dem Sofa liegen sah, konnte mein Zwerchfell sich lange nicht wieder entkrampfen ...
;-))))))
Dir auch ein entspanntes WE!
Vergangene Woche - Antworten
Bleistift 
"Monsieur Tourette..."
Prédicat: excellent!
Vraiment excellent écrit, cher docteur ... ... sourire*
In dieser opulenten Sammlung fehlt nur noch der vergiftete Bonaparte...
LG
Louis :-)
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DoktorSeltsam Merci beaucoup mon cher crayon!
Bons baisers
Le docteur
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