Kurzgeschichte
Text

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"analog"
Veröffentlicht am 10. Juli 2019, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Ich versuche mit guten Geschichten zu unterhalten. Hoffentlich glückt es. Ich bin Jahrgang 1958, in München geboren. Seit meiner Kindheit schreibe ich, habe aber nie eine Profession daraus gemacht. Meine zarten Versuche mal eine meiner Geschichten bei einem Verlag zu veröffentlichen sind gescheitert. Hier gibt es eine Auswahl von Kurzgeschichten aller Art. Sie sind in ihrer Kürze dem Internet und e-pub Medium angepasst.
analog

Text

Vorbemerkung

Hier lasse ich den Text selbst zu Wort kommen. Mal sehen, was er denn für eine Meinung hat.








Copyright: G.v.Tetzeli

Cover: G.v.Tetzeli

Internet:

www.welpenweste.de

Hallo, lieber Leser,

ich darf mich vorstellen.

Ich bin ein ganz normaler Text, einfach Geschreibsel. Ich bin altmodisch und bestehe aus Buchstaben.

Sicher, das bieten Worte auf Twitter, Facebook und Co auch, aber ich bin ehrlich, sozusagen analog. Am liebsten würde ich mich brieflich an Dich wenden. Du wüsstest, wer geschrieben hat, was der Inhalt ist und Du kannst überlegen, ob und wie Du antwortest.

Ein unglaublicher Vorteil ist, dass Du zumindest eine Nacht darüber schlafen könntest, was Du zurückschreibst. Das ist bei Mail und Instagram gar nicht mehr möglich. Wenn keine blitzschnelle Reaktion passiert,

unter Umständen ohne vorher nachzudenken, dann kommt schon der Vorwurf: „Hast Du meine Mail nicht gelesen?“. Es kann sogar sein, dass die Frage aufkommt. „Bist Du krank?“.

Siehst Du, Du hättest den Vorteil Dich nicht digital hetzen lassen zu müssen. Und wenn Du keine Lust hast zu antworten, dann eben nicht. Auch verlange ich nicht andauernde Erreichbarkeit, praktisch Tag und Nacht, nein, Du kannst mich sogar zwei, drei Tage liegen lassen. Ich verlange auch nicht, wie viele Schritte Du am Tag absolvieren sollst, sperre deinen Kühlschrank nicht elektronisch ab, weil ein Algorithmus sagt, dass die berechnete Nahrungsaufnahme für heute genug sei.


Sollen wir eine Pause einlegen, damit Du dazwischen die Neuigkeiten von Tablet, Smartphone oder Alexa aufsaugen kannst?


Siehst Du, das verlange ich als Text gar nicht von Dir. Du hast die Freiheit einfach aufzuhören mich zu lesen.

Kannst Du Dich aber gegen Reklame, Junk Mails, Freundschaftsanfragen von Unbekannten wehren? Wehren gegen schnelle Nachrichten, welche Dich nicht interessieren?

Und nun kommt noch eines dazu:

Ich kenne Dich nicht. Ich bin nur froh und glücklich, dass Du mich als Text bis hierher überhaupt gelesen hast. Aber im Netz, da kennt Dich irgendjemand, ein Anonymer,

praktisch ein Außerirdischer, kennt Dich besser, als Du dir ausmalst, nämlich der Algorithmus.

Das Auto (egal von welchem Hersteller) fragt Dich ab und meldet es, um Dich zu berechnen, buchstäblich Dich auszuhorchen. Wann hast Du getankt? Wo, wie viel, welche Ölfirma? Wie viele Kilometer fährst Du wann und wohin, Zentimeter genau? All dieses hinterlistige Ausfragen kaufst Du mit dem Auto gleich mit. Aber kommen wir zu uns beiden zurück, lieber Leser.

Was biete ich denn mehr, als all diese elektronischen, digitalen Medien? Ich bringe es auf den Punkt:

Ich frage Dich nicht ungefragt aus,

sammle keine Informationen, die Du mir nicht persönlich mitteilst. Frage nicht, ob Du gerne eine Kristallvase hättest, welche Du mal eine im Internet angeschaut hast und sende dir nicht ungefragt Werbung über Kristallvasen.

Ich mache auch kein Geschäft mit deinen Vorlieben, mit deiner Erscheinung, mit deinem Aufenthaltsort, oder registriere, wie oft Du Sport machst und was Du einkaufst.

Ich bin analog, nur informativ in einer Richtung.

Und wie schön wäre es, wenn Du mir persönlich antworten würdest.

Da drängle ich nicht, da mülle ich keine Freizeit von dir zu, ohne dass Du das selber möchtest. Wenn Du mich bis hierher gelesen hast, dann doch freiwillig, oder nicht?

In der heutigen Zeit ist die Dateninformation, ist das Sammeln von Daten genauso, wie das Geschäft mit dem Öl des letzten Jahrhunderts. Und genauso skrupellos. Ich mache kein Geschäft mit Dir.

Im Gegenteil, ich investiere.

Der, welcher mich niedergeschrieben hat, der brauchte Zeit, Liebe, Muße, um zu texten. Und noch einen Vorteil habe ich als Text. Ich kann Gefühle vermitteln, Gedankengebilde und Geschichten übertragen. Das ist nicht im Sinne der Digitalisierung. Die Algorithmen sind gnadenlos, werfen Ergebnisse aus der Kombination von Daten aus, die Dich persönlich beschreiben. Und ich kann mir erlauben aus diesem Mainstream auszubrechen.

Leider kann ich auf digitale Übertragung, wie hier in myStorys nicht verzichten, denn ich kenne Dich eben nicht. Kenne die Adresse von dir nicht, bin einfach nur ein Angebot, das Du umsonst und ohne Hintergedanken von mir konsumieren kannst. Doch, einen Hintergedanken, einen egoistischen Punkt habe ich doch.

Es freut mich, wenn man mich wahr nimmt, mich liest. So sei gegrüßt, lieber Leser, auf dass Du entscheidest, ob Du mir einen Kommentar zurückgibst. Liebe Grüße

Dein analoger Text.

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Hörbuch

Über den Autor

welpenweste
Ich versuche mit guten Geschichten zu unterhalten.
Hoffentlich glückt es.
Ich bin Jahrgang 1958, in München geboren.
Seit meiner Kindheit schreibe ich, habe aber nie eine Profession daraus gemacht. Meine zarten Versuche mal eine meiner Geschichten bei einem Verlag zu veröffentlichen sind gescheitert.

Hier gibt es eine Auswahl von Kurzgeschichten aller Art. Sie sind in ihrer Kürze dem Internet und e-pub Medium angepasst.

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Friedemann 
Hoppla
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Friedemann 
Lieber Text,
so wie Du trauere auch ich diesen unvergesslichen Zeiten hinterher, als Du nicht nur analog, sondern auch noch handgeschrieben in einem Umschlag in den Briefkasten eingeworfen wurdest - wohlgemerkt: sanft eingeworfen (damit Deine Ecken nicht einknicken) und nicht reingeschmissen wie Altpapier in den Müllcontainer. Und wohl wissend, dass Dich nicht innerhalb einer Nanosekunde ein ohrenbetäubender Schrillton ankündigt, sondern dass Du – obwohl Du sehnlichst erwartet wirst – ein oder zwei Tage auf dem beamtenlahmen Postweg unterwegs sein wirst (ins Ausland manchmal gar ein Woche). Umso schöner hinterher Deine Aufbewahrung - vielleicht in einer fein lackierten China-Schatulle zusammen mit Deinen Vorgängern (sofern Dein Inhalt mit Freuden entgegengenommen wurde) - und nicht auf einem profanen chinesischen USB-Stick.

Liebe Grüße,
Friedemann
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SaenaPJ Es war mir eine Freude lieber Text
Und du hast mich nicht zugetext :-)

Klasse Idee

Liebe Grüße Petra-Josie
Vergangene Woche - Antworten
Miranda Ein kleiner Brief an den Text.

Lieber Text,
ich bin hocherfreut dass du mir nichts verkaufen willst! Keine ultimativen Saug- und Wischroboter, keine Anti - Falten- Creme und keine Versicherung, vielen Dank erstmal dafür.Außerdem kann ich dich lesen ohne vorher komplizierte Mail - Programme zu öffnen, denn leider bin ich eine technische Niete. Aber dich, lieber Text kann ich geradezu locker aufnehmen, auch ohne Doktorgrad, DAS ist sehr entspannend und erinnerungsträchtig, als es die schöne Zeit des Briefeschreiben noch gab, ja; man könnte noch ganz althergebracht zur Feder greifen und einen Brief verfassen, wenn nicht die Briefmarken so teuer wären.
So, nun beende ich diesen kleinen Brief an dich, lieber Text
und verbleibe mit freundlichen Grüßen,
sigrid

P.S. Guter Text, gefällt mir sehr!
LG
sigrid....analog
Vergangene Woche - Antworten
Bleistift 
"Text..."
Starker Text, da ich aber permanent im Rollstuhl sitze
kann ich in aller Ruhe direkt am Mainstream campieren
und ihn gefahrlos an mir vorüberplätschern lassen... ...grinst*
LG
Louis :-)
Vergangene Woche - Antworten
FLEURdelaCOEUR Daumen hoch!
Gruß fleur
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Noxlupus Hallo Text, der du viel zu sagen hast, wenn man aufmerksam durch deine Zeilen gleitet :-)
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