Kurzgeschichte
Mondnacht

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"Mondnacht"
Veröffentlicht am 15. April 2019, 8 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Hi! Ich heiße Katharina. Ich lebe mit meinem Mann und meinen vier Kindern in Niederösterreich. Nach der Matura habe ich die Buchhandelslehre gemacht, und weil mir das nicht genug war, habe ich noch den vierjährigen Lehrgang für Grafik Design absolviert. Ich schreibe leidenschaftlich gerne, zwischendurch male und zeichne ich. Im Mai 2019 erscheint mein erster Krimi - Der Corvinusbecher.
Mondnacht

Mondnacht

Der Mond schimmert durch die hohen Zweige der Nadelbäume und spendet etwas Licht. Wohin sich wenden? Langsam dreht sich das Mädchen um die eigene Achse. Rund herum Bäume, keine Lichtung, nichts. Eine Lichtung würde ihm Schutz bieten, es könnte sehen, wenn er auf es zu stürmt.

Vorsichtig setzt Ylvi einen Fuß vor den anderen. Die Nadeln stechen, Steine bohren sich in ihre nackten Fußsohlen. Ihr blondes langes, seidiges Haar glänzt silbern im Mondschein. Wieso verfolgt er sie? Was hat sie ihm getan? All die Opfer, die sie gebracht hat und jetzt?

Ein tiefes kehliges Knurren. Ylvi hält inne und lauscht. Er ist ganz in ihrer

Nähe. Ihre Armhaare sträuben sich, als ihr ein eiskalter Schauder über den Rücken läuft. Sie sieht sich panisch um. Nein, da ist nichts. Weiter! Das Mädchen stolpert über einen Baumstamm und purzelt auf den harten Waldboden. Wieder ertönt das schauerliche Knurren. Diesmal ganz aus seiner Nähe. Ylvi wischt sich die Tränen von den Wangen. Nie hätte sie gedacht, dass es so enden würde. Er war doch noch so süß, als er jung war. Sie hat ihn von Hand gefüttert, großgezogen. Und jetzt? Ist das der Dank dafür? Ihre Eltern hatten sie gewarnt. Er wäre kein normaler Hund, haben sie gesagt. Sie hat es erst geglaubt, als es zu spät war. Jetzt ist ihre Familie tot,

getötet von ihrem einstigen Freund.

Ylvi rappelt sich auf und huscht weiter, wie ein Schatten durch die Mondscheinnacht. Ihr langes Nachthemd ist am Saum zerrissen, eigentlich gleicht es mittlerweile einem formlosen Fetzen. Doch Ylvi will dem Ungeheuer keine Spur hinterlassen. Sie möchte zum Fluss. Von dort aus, wird sie dem Mond folgen und ins nächste Dorf gelangen. Sie braucht Hilfe.

Der Fluss plätschert sachte durch die Stille. Ylvi kann ihn hören. Es ist vertraut. Sie kann das Schimmern des Wassers im Mondenschein deutlich zwischen den Bäumen erkennen. Aber sie muss vorsichtig sein. Er kann spüren,

wohin sie sich wendet. Da ist sie sich sicher. Wenige Sekunden später erreicht sie den ersten Felsen, sieht sich um und klettert darauf. Die dunklen Baumwipfel heben sich vom Himmel ab. Sterne kann sie keine erkennen, der Mond ist zu hell.

„Wende dich dem Moor zu“, wispert unvermittelt eine Stimme tief unter ihr. Ylvi erstarrt und glaubt wahnsinnig zu werden. „Wer hat hier gesprochen?“, stammelt sie verängstigt.

„Ich“, erwidert die Stimme. Ein kleines Wesen steht neben ihr am Felsen und blickt zu ihr nach oben. „Er ist dir auf den Fersen, mein Kind. Er wird bald hier sein.“Ylvi geht in die Hocke und betrachtet den winzigen Menschen. „Wer

bist du? Woher willst du wissen, dass ich auf der Flucht bin.“

„Ich bin ein Elf, Ylvi und der Wald trägt einem vieles zu. Du musst ihn vernichten.“Die letzten Worte des Männchens donnern über das Rauschen des Flusses hinweg.

„Er ist mein Freund“, stammelt das Mädchen.

„Er ist und war niemals dein Freund. Er ist ein Höllenhund. Locke ihn ins Moor, dort wird er sterben. Wenn nicht, dann wirst du deiner Familie folgen.“

„Vielleicht ist es ohnehin besser“, seufzt das Mädchen und setzt sich auf den Stein. „Es hat ja keinen Sinn mehr.“

„Willst du dein Leben aufgeben? Futter

für das Ungeheuer werden?“

Ylvi schweigt, dann schüttelt sie den Kopf. „Nein, ich locke ihn zum Moor.“

Wenige Sekunden später ist der Elf verschwunden. Sie sitzt alleine am Stein am Fluss, hört nur noch das Flüstern der Wellen. Hat sie sich getäuscht? Sicher. Elfen, die gibt es doch gar nicht, oder? Nur in Märchen und Geschichten. Und doch ist er da gewesen. Ylvi springt auf, sieht sich um. Der Elf hat von dem Moor gesprochen, aber wo ist es? Das Mädchen muss sich eingestehen, dass es keine Ahnung davon hat.

Ein tiefes Knurren. Ylvi kann nicht reagieren. Etwas zerrt sie vom Felsen. Spitze Zähne bohren sich in ihr Fleisch.

Ylvi schreit, kreischt, brüllt, aber nach kaum einer Minute ist es vorbei. Der Schmerz wird vom Tod verdrängt.

Der Fluss flüstert, er erzählt die Geschichte von Generation zu Generation von dem Mädchen, das ein Monster großgezogen und es mit dem Tod bezahlt hat.

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Hörbuch

Über den Autor

Kathi71
Hi! Ich heiße Katharina. Ich lebe mit meinem Mann und meinen vier Kindern in Niederösterreich.
Nach der Matura habe ich die Buchhandelslehre gemacht, und weil mir das nicht genug war, habe ich noch den vierjährigen Lehrgang für Grafik Design absolviert. Ich schreibe leidenschaftlich gerne, zwischendurch male und zeichne ich. Im Mai 2019 erscheint mein erster Krimi - Der Corvinusbecher.

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Bleistift 
"Mondnacht..."
Mit dieser Geschichte bist Du deinem eigenen Thema treu geblieben,
sich allein in einem riesigen Wald verloren zu fühlen und dabei stets
in der Hoffnung, einer wie auch immer drohenden Gefahr zu entkommen...
Auch wenn es diesmal erfolglos schien, so hast Du dennoch einen guten
Spannungsbogen in dieser Geschichte erzeugt... ...smile*
LG
Louis :-)

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Buhuuuh Düstrer Text von dir aber gut geschrieben soweit ich las. :-p
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