Romane & Erzählungen
√úber das Ankommen

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"√úber das Ankommen"
Veröffentlicht am 14. April 2019, 16 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

Hallo ihr Lieben :) Ich bin Marie und ich bin neunzehn Jahre alt und schreibe nur so zum Spaß. Ich freue mich wenn ihr mir Feedback gebt oder mich sogar abonniert!
√úber das Ankommen

√úber das Ankommen

Dahin, wo es still ist

Das erste, was mir in Deutschland auffiel, war das Fehlen von Stille. Ich hatte mit vielem gerechnet,was mich hier erwarten w√ľrde. Mit dem Geruch von Backwaren am Bahnhof, der Enge einer vollen S-Bahn, der grauen Tristesse von eigentlich allem und dem beklemmenden Gef√ľhl, dass dies hier mein Zuhause war. √úberw√§ltigt wurde ich jetzt aber nicht von Ger√ľchen und visuellen Eindr√ľcken - sondern schlichtweg von der v√∂lligen Abwesenheit von Stille. Noch am Flughafen hatte ich das Gef√ľhl, mir stecke Watte in den Ohren. Das Ger√§usch der Klimaanlage im Flugzeug hatte sich

gemischt mit dem Turbinenl√§rm in meinen Ohren festgesetzt, die stundenlang nicht aufh√∂rten zu rauschen. Als Abl√∂sung des Rauschens diente die gew√∂hnliche Kulisse eines Terminals am K√∂ln-Bonner Flughafen. Mit mehreren Dutzend Urlaubsreisenden wartete ich am Gep√§ckband auf meinen Koffer.Gemeinsam mit all diesen Menschen starrte ich in das g√§hnende schwarze Loch, vor dem ein Schild davor warnte, hier seine Kinder aus den Augen zu lassen. Mir fielen augenblicklich einige Kinder ins Auge, denen ich eine karussel√§hnliche Fahrt auf dem Flie√üband geg√∂nnt h√§tte. Das Warten zerm√ľrbte sie und h√§tte ich es in den

letzten Monaten nicht bereits so intensiv mit mir selbst aushalten m√ľssen, w√§re es mir wohl √§hnlich ergangen. W√§hrend die Kinder von offensichtlicher Langeweile geplagt durch die gro√üe Halle jagten,einander fingen, abklatschten oder schlicht mit ihren hochfrequenten Stimmen fragten, wann es denn nun endlich so weit sei und sie nach Hause d√ľrfen, langweilten sich die Eltern weniger offensichtlich.Ein Paar stritt, ich hoffte sie kamen nicht gerade aus den Flitterwochen. Viele Leute telefonierten. Wir waren auf einem anderen Terminal angekommen, als geplant, weshalb viele ihre Abholdienste kontaktierten. Ich hatte keinen Abholdienst zu informieren

gehabt und h√§tte auch sonst nicht gewusst, wen ich anrufen sollte. Dann waren da noch die Leute, die endlich wieder das Roaming ihrer Handys einschalten und sich die Instagram- und Facebook-Posts der letzten Wochen anschauen konnten. Geb√ľckt standen sie da, vor ihren kleinen Apparaten, die Schultern gesenkt, den Blick in die ganz eigene Welt gerichtet, die sich da vor ihren Augen abspielte. Ich erwischte mich dabei, wie ich sie kurz beneidete. Vor zwei Jahren hatte ich all meine Social-Media-Konten gel√∂scht und mein Netflix-Abo gek√ľndigt.Damit hatte ich quasi den Gro√üteil meiner gesellschaftlichen

Unterhaltungs-Kompetenz eingeb√ľ√üt. Dann war ich in einen Flieger gestiegen, der mich sehr weit weg brachte. Ich hatte keinen R√ľckflug gebucht, wollte einen Retreat machen - raus aus dem Alltag, mich neu orientieren, das Gl√ľck finden. Den Topf mit Gl√ľck am Ende des Regenbogens hatte ich allerdings nicht gefunden, denn auch in fernen L√§ndern ist das Ende des Regenbogens nicht zu erreichen, egal wieweit der Flieger einen wegbringt. W√§hrend das Band nach wie vor still stand, begann eine Mutter, die mir gegen√ľber auf einer Wartebank Platz genommen hatte, ihr Kind zu stillen. Die

beiden wirkten wie im Vakuum, wie unter einer Glocke, w√§hrend alles um sie herum flimmerte. Es gab in diesem Warteraum nichts zu tun au√üer zuwarten - trotzdem schien die Zeit zu rasen, w√§hrend die Leute unruhig umherliefen, sich laut unterhielten, stritten, diskutierten und auf ihre Bildschirme schauten. Die Mutter und ihr Kind schienen eins zu werden, w√§hrend das Baby trank. Niemand p√∂belte sie an,weil sie in der √Ėffentlichkeit ihre Brust entbl√∂√üte - ob die Leute bewusst wegschauten realisierte ich nicht, denn ich starrte die beiden regelrecht an. So viel Harmonie und Frieden, wie dieses Bild f√ľr mich ausstrahlte, hatte ich bei

meiner Ankunft hier nicht erwartet und ich fragte mich, ob noch jemand das gleiche sah, wie ich. Ein anschwellendes Vibrieren unterbrach nahezu alle Aktivit√§ten im Raum. Das Flie√üband bewegte sich. Wir standen darum herum geschart wie um einen Propheten, der jetzt begann zu sprechen. Auf der Suche nach Verhei√üung traten wir alle einen Schritt n√§her an das Flie√üband heran. Es war noch kein Koffer in Sicht, trotzdem kam Bewegung in die Leute, Kinder jubelten, Telefonate wurden abgew√ľrgt, weil es ‚Äějetzt endlich

losgeht". In der Bahn, die mich vom Flughafen wegbrachte in Richtung Elternhaus, war es leer. Es war ein Mittwochmittag. Gew√∂hnliche Menschen arbeiteten um diese Zeit oder a√üen zu Mittag mit ihrer Familie. Ich teilte mir einen Vierer mit meinem Koffer und einem √§lteren Herrn, der die BILD las. Das sanfte Klackern der Bahn beruhigte mich irgendwie und ich atmete zum ersten Mal seit Stunden wieder durch. ‚ÄěDu musst in Bauch atmen, Kind." ‚ÄěMeine Lungen sind aber hier oben,nicht im

Bauch". Yuri schnalzt mit der Zunge, recktden Kopf in den Nacken, was die alte Frau gr√∂√üer erscheinen l√§sst,und sch√ľttelt den Kopf. ‚ÄěLung en gro√ü, Lungen viel Platz",erwidert sie in belehrendem Tonfall. Also atme ich. Und atme.‚ÄěMenschen schneiden sich ab von Gef√ľhlen. Sie arbeiten nur hier oben", sagt Yuri und bedeutet mit ihren H√§nden den Umfang ihrer schm√§chtigen Brust. W√§hrend sie im Raum auf und ab geht atme ich weiter. Die Holzbretter knarzen ab und zu unter ihren Schritten,drau√üen heult der Wind und ich wei√ü nicht, welches Ger√§usch mich mehr beruhigt. W√§hrend ich das wahrnehme, atme ich.

Ich knie auf einem flachen Kissen auf den Holzbrettern, die Yuri immer wieder abschreitet. ‚ÄěGef√ľhl ist viel in Bauch. Hast du Stress, kriegst du Bauchschmerzen, willst du Vereinigung mit Mann, f√ľhlst du W√§rme in dein Bauch... Hast du Angst, wird Bauch ganz eng... Du kannst nicht abschneiden hier". Yuri redet sich in Rage, jetzt fuchtelt sie mit den H√§nden, als w√ľrde sie ihren K√∂rper unterhalb der Brust abschneiden. ‚ÄěDu sollst Augen zu machen, habe ich gesagt!". Als der Mann vor mir aufstand holte mich das aus meinen Gedanken. Unbewusst hatte ich auf die R√ľckseite

seiner Zeitung gestarrt, auf der sich eine nackte Frau r√§kelte. Ich blinzelte einmal - wir waren stehen geblieben. Eine Station noch. Drau√üen wurde es l√§ndlicher. Meine Eltern hatten sich noch vor meiner Geburt ein Grundst√ľck im Gr√ľnen gekauft. Der Hausbau hatte ein paar Jahre gedauert. Es gibt Bilder von mir in Jeans-Latzhosen auf der Baustelle, auf denen ich ganz offensichtlich wichtigen T√§tigkeiten mit einem Zollstock in der Hand nachgehe. Seit es fertig gestellt wurde, lebten sie dort drau√üen, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen. Der Schulbus fuhr damals zwei Stra√üen

weiter ab und die meisten Kinder stiegen vor mir aus und nach mir ein. Ich war mit ein paar Jungs aus der Oberstufe immer beiden letzten Fahrg√§sten dabei. In meinen letzten Schuljahren fuhr ich die letzte Station ganz allein. Heute w√ľrde mich kein Bus nach Hause fahren, sondern mein Vater. Vor ein paar Wochen hatten wir telefoniert und eine Abholzeit ausgemacht. Er erkl√§rte sich einverstanden und mehr gab es nicht zu tun. Als ich an der n√§chsten Haltestation die Bahn verlie√ü, stand der alte SUV meines Vaters auf dem Pendlerparkplatz um mich und meinen Koffer voll gesammelter Erfahrung

abzuholen. ‚ÄěEmma, mein Schatz!". Papa war ausgestiegen, als er mich kommen gesehen hatte und lief auf mich zu.In einem akrobatischen Kunstst√ľck versuchte er mich gleichzeitig in den Arm zu nehmen und mir meinen Rucksack abzunehmen. Am Ende nahm er mir nur den Rucksack ab, weil ich ihm nicht sonderlich entgegenkam mit einer Umarmung. Das ist eine dieser Sachen in meiner Familie: Wir sind nicht so die gro√üen Umarmer. Wir k√∂nnen allerdings stundenlang Worte dar√ľber verlieren, warum wir das nicht sind und warum wir uns so wohler f√ľhlen. Fr√ľher hab ich mir

auf unsere Wortgewandtheit etwas eingebildet, aber in diesem Moment f√ľhlte sich die gesamte Situation an wie eine Art Kulturschock. Ich war von meiner Reise Herzlichkeit gew√∂hnt und wusste in diesem Moment einfach nicht wohin mit mir. ‚ÄěHey Paps", erwiderte ich nur und beeilte mich, meinen Koffer im Auto zu verstauen, um dann eilig auf den Beifahrersitz zuspringen. Das Auto roch noch genauso wie vor zwei Jahren. Vermutlich war es auch noch immer das gleiche orangefarbene Duftb√§umchen, das am R√ľckspiegel baumelte und verantwortlich war f√ľr den Geruch muffigen Orangenaromas. ‚ÄěUnd? Wie war's?", fragte Papa, w√§hrender den

Motor startete und sich anschnallte. Wie es war? Das war etwas, das man nach einer viertägigen Klassenfahrt fragen konnte.Aber wie es war wenn das Leben und alle Werte, die man gelernt hatte,plötzlich eine 180-Grad-Wende erfuhren und man zwei Jahre lang ein völlig anderes Leben lebte, das konnte ich unmöglich in einer Autofahrt zusammenfassen.

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Liyane
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Frettschen Wie war es?
Mich hast du mitgenommen - mitten in deine Arme - auch wenn ... - ach, das war sicher einmal.
Ich denke, mit dieser Geschichte umarmst du jeden, der sich drauf einlässt.
Mich hast du gefesselt und sehr gut unterhalten, mich eingepackt - Sack und Pack ...
Bin einfach begeistert.
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Liyane Danke für den lieben Kommentar!
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hingekritzelt Ausgezeichnet! Das Thema Ankommen wirklich gut umgesetzt. Sprachlich treffsicher, detailliert und mit ein paar schönen Formulierungen (z.B "auf der Suche nach Verheißung"). Gut!
Ein paar Einschränkungen gibt es, aber die behalte ich für mich :-)
Würde mich nicht wundern, wenn Du beruflich mit dem Schreiben in irgendeiner Form zu tun hättest.
Wünschen würde ich mir - gerade von jungen Leuten - dass die bewährten Pfade mal verlassen würden.
Also: Daumen hoch und ich bin gespannt auf mehr von Dir!
Uli
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Liyane Danke für den lieben Kommentar. Dies hier ist nur das erste Kapitel und ich veröffentliche die anderen nach und nach. :) Über Kritik freue ich mich aber genauso wie über Lob!
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