Romane & Erzählungen
Geschichten aus dem Baum

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"Geschichten aus dem Baum"
Veröffentlicht am 19. März 2019, 92 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Geschichten aus dem Baum

Geschichten aus dem Baum

Heute war einer der Tage, an denen der alte Mann seinen Zuhörern eine Geschichte aus dem Baum vorlas. Es waren mittlerweile ĂŒber 100 Leute, die sich bei seinen „Lesungen“ einfanden, grĂ¶ĂŸtenteils aus den umliegenden WohnhĂ€usern. Manchmal war auch ein Reporter da.

Begonnen hatte es vor mehreren Monaten, als der alte Baum gefĂ€llt werden sollte. Er stand mitten in einer Wohnhaussiedlung. Eigentlich stand er schon ewig da, noch bevor auf diesem Areal ĂŒberhaupt was gebaut wurde. Im

Laufe der Zeit wurden die BĂ€ume ringsum gefĂ€llt und es entstand eine Wohnsiedlung ringsum. Der alte Baum blieb, letztendlich wurde er zum Mittelpunkt einer Spielwiese. Unter seinem großen BlĂ€tterdach spielten die Alten Karten, Schach und Backgammon. Die Jungen knutschten nachts an seinen Stamm gelehnt oder machten ihn zum Mittelpunkt ihrer Spielabenteuer. Der alte Mann hatte Jahrzehnte seines Lebens in dieser Siedlung verbracht und speziell in den letzten Jahren eine besondere Beziehung zu ihm hergestellt.

Nun wollte die Wohnungsbaugesellschaft den Baum fÀllen, um einen Blumenladen mitten in die Wiese zu bauen. Als die

Nachricht die Runde machte, war der Schock groß fĂŒr den alten Mann. Aber auch viele andere Bewohner aus der Siedlung waren empört und so entstand sehr schnell eine Initiative gegen das FĂ€llen des Baumes.

Der alte Mann wusste aus seiner Lebenserfahrung, dass dies nur eine Hinauszögerung sein wĂŒrde. Man wĂŒrde die große Mehrheit beschwichtigen, man wĂŒrde in einer Stadtratssitzung die Gefahren die von dem alten Baum ausgingen analysieren, um dann letztendlich zu dem Ergebnis zu kommen das sein Verbleib nicht mehr tragbar wĂ€re.

Er verbrachte immer mehr Zeit unter dem

Baum, bis er eines Tages einen Rucksack mit allem notwendigen packte, sich eine Leiter besorgte und in den Baum stieg. Er wollte 1-2 Tage im Hause seines alten Freundes wohnen, dem Baum.

Der Tumult, der dabei entstand, ist aus anderen Aktionen hinlĂ€nglich bekannt: UnterstĂŒtzung seitens der Umweltschutzorganisationen, Feuerwehr, Berichterstatter, Parteileute und viele andere mehr oder weniger interessierte. Nachdem der alte Mann bekanntgab, nach 2 Tagen wieder runterzukommen und belegen konnte, das er fĂŒr diese Zeit alles nötige dabei hatte und auch geistig voll da wĂ€re, legte sich die Aufregung. Der alte Mann zog sich im BlĂ€tterdach so

weit zurĂŒck, das er aus dem Blickfeld der anderen geriet. An einen dicken, knorrigen Ast gelehnt gab er sich seinen GefĂŒhlen fĂŒr den „alten Freund“ hin. Er begann zu spĂŒren, dass die Schwingungen seiner GefĂŒhle immer mehr eins mit denen des Baumes wurden. Er versank in eine Art Trance und fĂŒhlte sich geborgener als zu jedem anderen Zeitpunkt der letzten Jahrzehnte.

Irgendwann viel ihm ein Blatt aus einem ĂŒber ihm befindlichen Ast in den Schoß. Er nahm es mit zittrigen HĂ€nden auf, da ihn das GefĂŒhl befiel, sein Freund wĂŒrde mit einem langen Abschied beginnen. Als er es genauer betrachtete, wurde er hellwach. Das Baumblatt war

beschrieben. Es berichtete von einem Tag aus dem Leben eines Anwohners der Siedlung. Der alte Mann betrachtete die BlÀtter ringsum und stellte fest, dass alle BlÀtter beschrieben waren.

Nachdem er einen ganzen Tag lang die beschriebenen BlĂ€tter gelesen hatte, kam er zu der Überzeugung das der Baum hier auf jedem Blatt Geschehnisse aus dem Leben der Menschen innerhalb des „Sichtkreises“ des Baumes gespeichert hatte. Und zwar seit dem Zeitpunkt der ersten Wohnungen bis heute.

Um nicht aufzufallen, kletterte er nach den angekĂŒndigten 2 Tagen vom Baum und verkĂŒndete , fĂŒr ihn sei es eine Art Therapie, ein paar Stunden „auf dem

Baum“ zu verbringen und er beabsichtige, dies tĂ€glich ein paar Stunden zu tun, so lange der Baum noch da sei. Die Menschen nahmen es mit einem LĂ€cheln, teilweise auch mit Besorgnis und auch zum Teil mit VerstĂ€ndnis zur Kenntnis.

Daheim packte er ein paar mitgenommene BlĂ€tter aus seinem Rucksack, um weiter zu lesen. Er musste feststellen, dass es da nichts zu lesen gab. Die vorher beschriebenen BlĂ€tter waren grĂŒn und unbeschrieben. Am nĂ€chsten Tag kletterte er mit dem ersten Tageslicht wieder auf den Baum und stellte erleichtert fest, dass die BlĂ€tter wieder beschrieben waren.

Er konnte die Geschichten also bloß auf dem Baum  lesen, stelle aber auch fest dass auf den abgerissenen BlĂ€ttern die Zeilen zu verblassen begannen. Jedes Blatt wĂŒrde also nur fĂŒr eine gewisse Zeit seine Geschichte preisgeben und dies auch bloß auf dem Baum. Er empfand ein GefĂŒhl großer Trauer: sollten diese Zeugnisse aus der Vergangenheit so vieler Menschen einfach so verschwinden? Jede der Geschichten, die er bisher gelesen hatte, offenbarten wahre Wunder, es waren keine ErzĂ€hlungen irgendeines normalen Tages. Jede Geschichte berichtete ĂŒber einen besonderen Tag eines Menschen, manche fröhlich, manche besinnlich,

manche traurig.

Er beschloss, sich ein AufnahmegerÀt zu besorgen und wÀhrend des Lesens im Baum alle Geschichten aufzunehmen. Er besorgte sich mehrere der kleinen Technikwunder, wobei ihm einige Jugendliche sehr hilfreich zur Seite standen.

Nach ein paar Tagen fiel es auf, dass er mit einem Blatt vor seinen Augen stundenlange Diktate aufnahm.

Man war besorgt! Also erzÀhlte der alte Mann die Wahrheit. Das eben auf jedem Blatt des Baumes eine Geschichte aus dem Leben eines Menschen, der in einer der umliegenden Wohnungen gelebt hatte oder noch lebte, zu lesen sei. Lachend

erklommen etliche Menschen den Baum, doch keiner konnte was lesen. Sie hielten nur grĂŒne BlĂ€tter in der Hand, welche der alte Mann ihnen besorgt abnahm.

Jetzt war man noch mehr besorgt! Der alte Mann ergriff die Flucht nach vorn und las ihnen eine der Geschichten vor.

Die Zuhörer staunten. Der alte Mann konnte faszinierende Geschichten erzĂ€hlen. Man sah, dass er fĂŒr sich sorgen konnte und außer dieser Eigenart, nur im Baum die faszinierendsten Geschichten zu erfinden, schien er ja noch in Ordnung zu sein. Im Laufe der Zeit wurde er so manchem unheimlich. Es geschah, das er Geschichten erzĂ€hlte, in denen sich Menschen aus der Siedlung

wieder erkannten oder zumindest diese jemandem zuordnen konnten. Also begann der alte Mann, die Geschichten, die er vorlas sorgsam zu selektieren, um nicht zu viele vor den Kopf zu stoßen.

Er wurde zu einer BerĂŒhmtheit! Menschen außerhalb der Wohnsiedlung kamen, um seine Geschichten zu hören. Aber auch Leute von lokalen Sendern, Zeitungen und sogar von einem kleinen Verlagshaus kamen vorbei. Nachdem ihm verschiedene Angebote gemacht wurden, die er anfangs alle ablehnte, blieb ihm nichts anderes ĂŒbrig als sich das Urheberrecht fĂŒr diese Geschichten anzueignen.

Unter dem Baum fand ein geselliges

Treiben statt, BĂ€nke wurden herbeigebracht, manche kamen mit Picknickdecken und Provisionen an Essen und Trinken, andere mit AufnahmegerĂ€ten. An dem Baum hatte er ein bedrucktes Blatt angebracht, in welchem er die Aufnahme und Weitergabe der Geschichten gestattete, so lange diese nur fĂŒr den persönlichen Gebrauch waren. Jede kommerzielle Wiedergabe war nur mit seiner ausdrĂŒcklichen Genehmigung erlaubt. Diese gab er ab und zu einer Zeitung, mit der Auflage, den ausgehandelten Betrag an die örtliche Naturschutzorganisation zu ĂŒberweisen. Mit Hilfe seiner jugendlichen Fans waren auch 2

Lautsprecher und 1 Mikrophon installiert worden. Diese nutzte er, wenn mehrere Zuhörer da waren.

Unter dem Baum wurden noch 2 BehĂ€lter angebracht, eine mit frischem Wasser aufgefĂŒllte Schale, in welche die abgefallenen BlĂ€tter gelegt wurden (diese nahm er dann jeden Tag mit in den Baum und las sie als erste). Die Zweite war fĂŒr kleine Spenden, um den Baum (und auch den alten Mann)zumindest so lange am Leben zu erhalten, bis kein Blatt mit einer Geschichte mehr erschien.

Zumindest wurde im Stadtrat jede Entscheidung bezĂŒglich des Schicksals des Baumes bei jeder Sitzung vertagt.

                

                          I.

Heute wĂŒrde er „ihnen“ eine ganz besondere, aktuelle Geschichte aus dem Baum vorlesen. Er hatte BĂ€che von TrĂ€nen vergossen, als er diese Geschichte gleich bei Tagesanbruch als erste las. Das Blatt war ihm in den Schoß gefallen. Er wusste, diese BlĂ€tter waren von dem Baum speziell auserkoren. Auch wenn es sich um eine Person handelte, die heute noch da wohnte und von den anderen Bewohnern identifiziert werden konnte. Entgegen seiner Gewohnheit, Geschichten mit identifizierbaren

Personen zu vermeiden, diese musste erzÀhlt werden!

Also begann er mit vom Weinen geschwÀchter Stimme:

              

Jetzt weine ich alleine!

Ahmud hatte mit 15 Jahren schon mehr traumatisches erlebt, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben.

Weinen war fĂŒr ihn etwas AlltĂ€gliches, es gehörte zu seinem Leben wie Wasser und Brot.

Er weinte wenn die Bomben fielen! Bei jedem Bombeneinschlag setzte das Leben zwei Mal fĂŒr Sekundenbruchteile aus! Das erste Mal, wenn man das Jaulen der

abgeschossenen Bomben hörte. Wenn dieses GerĂ€usch nicht mehr zu hören war, setzte das Leben fĂŒr einen Sekundenbruchteil aus. In diesem einen Augenblick war nur Stille! Danach erst brach die Hölle aus. Man hörte den Einschlag! Ein Krachen welches die Hölle noch nĂ€her brachte. Das Krachen war unterschiedlich, je nach Entfernung des Einschlags und auch abhĂ€ngig davon, was getroffen wurde. Dann war meist wieder nur eine sich elendig lang anfĂŒhlende Stille. Obwohl auch dies nur Augenblicke waren.

Danach kam das normale Leben. Man stellte in Sekunden fest, dass man nicht getroffen war, das alle im Raum noch da

waren und lebten. Dann hörte man schon die anderen Komponenten des normalen Lebens: Schreie, Weinen, derbe trĂ€nenerstickte MĂ€nnerflĂŒche.

Und da konnte man endlich weinen. Der Vater, die Mutter, die Geschwister und andere Verwandte oder Freunde, die gerade da waren. Alle weinten! Jeder auf seine Art ! Und man konnte selbst mitweinen, ohne jede Hemmung, ohne Scham!

Dabei weinten sie alle schon lange nicht mehr aus Angst vor dem eigenen Tod! Sie weinten, weil sie Angst hatten, das schon wieder jemand gestorben sei, ein Verwandter, ein Freund, ein Nachbar. Dieser Schmerz einte sie und brachte sie

zur Verzweiflung. In diesen Momenten wĂŒnschte er sich, selbst derjenige zu sein, der dieser Hölle durch den gnĂ€digen Tod entkommen konnte. Doch dieses gemeinsame Weinen war alles, was ihnen noch geblieben war. Das gab ihnen zugleich auch die StĂ€rke, sich immer und immer wieder dem Schicksal zu stellen.

Eines Tages kam der Vater mit einem Onkel heim und sagte, dieser Onkel wĂŒrde Mahmud wegbringen und als Garant in der TĂŒrkei bleiben, bis er in Europa sei. Mit großen Augen sah Mahmud, wie sein Vater einen BĂŒndel Geld in verschiedene PĂ€ckchen teilte. Ein  Packerl fĂŒr die Leute, welche ihn

und seinen Onkel bis zur tĂŒrkischen Grenze bringen wĂŒrden. Ein weiteres fĂŒr den Onkel, damit er sich und Mahmud ĂŒber Wasser halten konnte, bis Mahmud die Reise antrat. Und das GrĂ¶ĂŸte Packerl fĂŒr die Garantie. Dies sollte bezahlt werden, wenn Mahmud in Europa war. Dann wurde erst mal gemeinsam geweint.

Danach nahm der Vater Mahmud an der Hand und fĂŒhrte ihn in ein abgeschiedenes Zimmer. Hier erklĂ€rte er ihm, es gĂ€be nur noch diese Möglichkeit um Mahmud „rein“ zu halten. Wobei er ihm nicht erklĂ€rte, was „rein“ bedeutete, er wusste es auch so. Mahmud sei jetzt beinah 15 und „sie“ wĂŒrden jetzt alle hinter ihm her sein und seine Dienste

verlangen. Die Regierung, die verschiedenen Rebellengruppen oder die „anderen“, die einen weiteren Staat installierten.

Sie kannten alle keine Gnade. Ohne die Zugehörigkeit zu einer der Gruppen wÀre er ein toter Mensch, unweigerlich!

Dann wĂŒrde der Schmerz noch grĂ¶ĂŸer sein fĂŒr die Gebliebenen.

Mahmud wusste, der Vater hatte sich mit einer der Gruppen „arrangiert“, sonst hĂ€tten sie kein Geld mehr und der Vater wĂŒrde auch nicht mehr unter ihnen sein. Der Vater gestand dies auch und sagte ihm, er wĂ€re da eh nur pro Forma, um die Familie am Leben zu erhalten. Aber er könne und wolle Mahmud nicht zum

mordenden Monster werden lassen. Und vielleicht könne Mahmud sie sogar eines Tages nachholen.

Danach weinten sie alle zusammen, die Mutter, der Vater, die Geschwister, Verwandten und anwesende Freunde. Sie weinten den Rest des Tages bis tief in die Nacht. Dann mussten sie los, Ahmud und der Onkel.

Ahmud musste danach noch oft weinen, manchmal alleine, manchmal mit dem Onkel oder anderen Fremden, die sein Schicksal teilten. Auch als sein Onkel erschossen wurde! Auch als er erniedrigt und fĂŒr Sexspiele missbraucht wurde ! Auch als er halbtot geschlagen wurde!

Doch er hielt durch! Er wollte nicht, dass

sie wegen ihm weinten. Die, welche noch zusammen weinen konnten!

Irgendwann, er nahm es nur durch die Schleier der Wirklichkeit wahr, kam er in Europa an. Und kam auch in Deutschland an.

Sie gaben ihm Hilfe; Kleider, Medikamente, Unterkunft, Lehrer. Und auch viel MitgefĂŒhl. Doch keiner weinte mit ihm.

NĂ€chtelang weinte er alleine, betete fĂŒr seine Eltern, Geschwister, Freunde und Verwandten. Er vermisste sogar die Boten des Todes und das anschließende Umarmen und zusammen weinen.

Sie lernten ihn die Sprache, Gesetze, Sitten und GebrÀuche. Zu allem gab es

Regeln! Er lernte auch diese, kam schließlich zu einer sehr netten Familie und durfte auch zur Schule. Manchmal sahen ihn die Menschen scheu oder auch mit UnverstĂ€ndnis an. Sein bisheriges Leben und das einsame Weinen hatten sich in seine GesichtszĂŒge eingegraben: aus einem hĂŒbschen Jungen war ein befremdender junger Mann geworden. Die Familie war nett zu ihm, er hatte ein eigenes Zimmer, war wohl behĂŒtet und hĂ€tte sich ĂŒber sein Leben in Sicherheit freuen können. Doch darĂŒber hinaus fĂŒhlte er tĂ€glich, das sie nie mit ihm zusammen weinen wĂŒrden.

Er ging sogar ein paar Mal auf den nahe gelegenen Friedhof und sah, dass sie

selbst bei Beerdigungen nicht zusammen weinten. Nur jeder fĂŒr sich ! Wenn ĂŒberhaupt.

Es gab viele nette Menschen um ihn herum, aber sie konnten nicht weinen. Abends schlich er sich oft zu dem alten Baum, lehnte sich an seinen Stamm und weinte. Hier hatte er das GefĂŒhl, das er nicht alleine weinte.

Von der Familie, bei der er lebte hatte er sich nur eins gewĂŒnscht, ein Handy. Er bekam es auch und durfte es auch fĂŒr Anrufe nach Syrien benutzen, so lange er es nicht ĂŒbertrieb. Die Regeln waren wichtig! Dabei hatte er eh keine Rufnummern aus Syrien, außer von seiner Familie. Hier aber antwortete

keiner. Als er schon befĂŒrchtete, es gĂ€be seine Familie nicht mehr, kam eine Nachricht von seiner Mutter. Sie hĂ€tten sehr selten Funkverbindung und Nachrichten wĂ€ren da der bessere Weg. NatĂŒrlich schrieb sie ihm noch vieles vom Herzen und Mahmud weinte.

Er schrieb ihr auch gleich eine Antwort.

„ Mama. Ich bin In Europa. In Deutschland. Es geht mir gut.

Ich gehe zur Schule. Ich lerne und lebe nach den Regeln.

Aber ich brauche euch! Auch wenn ich in Sicherheit bin, muss ich oft weinen!

Und, Mama, jetzt weine ich alleine ... “

Der alte Mann war, es gewohnt das nach seinen Geschichten geplaudert, debattiert

wurde. Doch jetzt herrschte eine nie dagewesene Stille. Mit gesenktem Kopf ging einer nach dem anderen. Bei manchem konnte er die TrÀnen sehen, die meisten versteckten sie. Sie weinten allein!

Er las eine weitere Geschichte fĂŒr sein AufnahmegerĂ€t. Als er viel spĂ€ter den Kopf hob, sah er, dass etliche wieder gekommen waren und  sich schweigsam um ein großes selbstgebasteltes Plakat versammelt hatten. Darauf stand in großen Buchstaben:

 „Mahmud, komm lass uns zusammen weinen!“

II.

Trotz seines Alters war auch er noch

empfindlich fĂŒr Romantik.

Vielleicht wĂŒrden seine Zuhörer heute erstaunt aufsehen, wenn er ihnen eine Liebesgeschichte vorlas. Die handelnden Personen waren verzogen. Dessen war er sich sicher, da noch einige BlĂ€tter von ihrem Schicksal berichteten. Auch die heutige Vorlesung hatte er aus 3 BlĂ€ttern, die ihm im Laufe des Monats zugefallen waren, zusammengeschnitten. Er schmunzelte. Nun war es so weit, das er selber aktiv in den Inhalt der BlĂ€tter eingriff. Der Titel fiel ihm einfach. Er nannte die heutige Geschichte

                      

Love Story

Wie schön das Leben sein konnte! Das Wochenende hatten sie miteinander verbracht. Alles war so gewesen wie davor-  bevor sie diesen Abend mit Micha und Elli verbracht hatten.

Am Samstag waren sie nach MĂŒnchen gefahren und hatten am Rathausplatz mit ihrem neuen Projekt begonnen. Dieses wollten sie in den nĂ€chsten Monaten in verschiedenen StĂ€dten durchfĂŒhren. Er war der aktive Teil, sie stand im Hintergrund und filmte mit dem Smartphone das Geschehen. Das Projekt war recht einfach. Er setzte sich in ungewaschener Kleidung auf eine zerlumpte Decke, neben sich einen Hut. Wie ein Bettler eben ! Daheim hatten sie

zweisprachig (deutsch und englisch) Kartons beschriftet: „statt einer MĂŒnze gib mir lieber ein LĂ€cheln oder ein freundliches Hallo“(instead a coin give me a smile or a friendly hello“). Immer wenn jemand vor ihm stehen blieb, hielt er die Kartons in die Höhe. Ihre Rolle war die einer Touristin, die filmte. Es gab viele sehr interessante Reaktionen, die meisten waren einfach verblĂŒfft, das einem Bettler ein LĂ€cheln wichtiger war als eine Spende. Und genau das wollten sie erreichen: den Menschen zu zeigen, was wirklich wichtig war. Besonders fĂŒr die Menschen, die am untersten Rand der Gesellschaft waren. Trotzdem erhielt er auch etliche MĂŒnzen, so dass ihre

Fahrtkosten sich amortisierten.

Das gab natĂŒrlich GesprĂ€chsstoff fĂŒr den Samstagabend. Sie sahen sich die Aufnahmen an, debattierten darĂŒber und machten PlĂ€ne fĂŒr den nĂ€chsten „Auftritt“. Dem folgte eine sehr schöne Nacht.

Den Sonntag verbrachten sie mit gemeinsamen Kochen, rumalbern und GesprÀchen.

Diese GesprĂ€che ĂŒber Gott und die Welt liebte sie am meisten. Ob Politik, Glauben oder Wirtschaft: sie fanden immer Themen zu denen sie sowohl kontrovers als auch harmonierend ihre Meinungen wiedergaben, korrigierten und letztendlich beinah immer zu einem

gemeinsamen Konsens kamen. Der „Konsens“ wurde dann immer mit einem feierlichen Schluck Wein „gefeiert“.

Dabei war es nicht immer so in ihrem Leben. Sie hatte vor ihm noch einmal geliebt. So wie man im Elan und der UnerschĂŒtterlichkeit der Jugend nur lieben konnte. Ihr damaliger Freund war dann irgendwann der RealitĂ€t entglitten und begann, Drogen zu nehmen. Eines Abends hatten sie wegen einer Belanglosigkeit gestritten. Sie war wĂŒtend zu Freunden gefahren. Als sie nachts wieder heimkam, lag er tot auf der Couch. Überdosis! Sie hatte danach enorme Psychische Probleme. Irgendwann begann sie mit

ehrenamtlichen TĂ€tigkeiten. Diese fĂŒllten ihr Leben aus und durch das Kennenlernen des Leides anderer, wurde ihr eigenes Leiden geringer.

Dann lernte sie ihn kennen. Er war einfach anders. Sie hielt ihn fĂŒr einen weltfremden Spinner. Bis sie einmal ein lĂ€ngeres GesprĂ€ch fĂŒhrten. In diesem GesprĂ€ch versuchte er ihr klarzumachen, dass ihr soziales Engagement eine falsche Ursache hĂ€tte. Sie solle erst den Menschen sehen und dann die Situation. Dann wĂŒrde sie auch mehr als nur Befriedigung erleben. Sie wĂŒrde zu wenig geben und zu viel nehmen. Dabei meinte er mit Nehmen das BedĂŒrfnis, damit ihr eigenes Trauma zu bewĂ€ltigen.

Er hielt ihr den virtuellen Spiegel vor. An diesem Abend ging sie in dem festen Glauben heim, diesen Spinner und sein komischen Ansichten schnell zu vergessen. Doch stattdessen starrte sie immer wieder in den Spiegel, seine Worte waren wie eingebrannt darin.

Sie trafen sich wieder. Sie kam zu der Einsicht, dass sie bisher eher eine soziale FunktionĂ€rin war. Sie wurde zu einem mitfĂŒhlenden Menschen. Danach war auch ihr Trauma kaum noch von Bedeutung. Sie konnte aber auch ihm einige ihrer Ansichten nĂ€her bringen. Es entstand so was wie eine lockere Freundschaft. Bis er eines Abends mit einem Lachen verkĂŒndete, er wĂ€re sich

sicher dass sie innerhalb der nĂ€chsten Wochen miteinander schlafen wĂŒrden. Daran hatte sie im Traum noch nicht gedacht und bedachte ihn nur mit einem LĂ€cheln.

2 Wochen spÀter war es so weit

Ihre Augen fĂŒllten sich mit dem Schmerz und der SĂŒĂŸe der Erinnerungen. Zum zweiten Mal las sie die Zeilen auf dem vergilbten Papier. Ein StĂŒck Papier aus den Zeiten, als die Welt noch in Ordnung war, als die Menschen noch GefĂŒhle kannten und Ihre Sorgen eher banal waren. Sie hatte ihm das Papier nach dem wunderschönen Abendessen zusammen mit der Flasche kalten

Champagner auf den Tisch gestellt. Dann ging sie ins Bad und kam spĂ€ter im Negligee zurĂŒck. Sie wĂŒrde die Nacht so oder so mit ihm verbringen. Doch er hatte verstanden. Es wurde ein wunderschöner Abend. Sie redeten stundenlang, erkundeten ihre Seelen. Die Nacht wurde noch schöner.

„Zieh mich sorgsam aus, mein Liebster. Nein, nicht die Kleider. Lass das fĂŒr spĂ€ter, wenn du mich als Deine Frau kennen gelernt hast und nicht als jemand der bloß durch dein kaltes Bett gleitet. EntblĂ¶ĂŸe meine Seele, so dass ich verstehe dass du Liebe suchst und nicht geliehene GefĂŒhle. Versuche mich

 kennen zu lernen. Nimm dir die Zeit und suche jenseits von schönen Beinen und schönen BrĂŒsten. Ich bin nur eine Frau und will deine Aufmerksamkeit. Deine WĂ€rme ! Deine Liebe!

EntblĂ¶ĂŸe meine Ängste. Ich habe Angst vor der Vergangenheit und bin bereit, sie mit dir zu teilen. Ich habe Angst vor einer Zukunft, die ich noch viel lieber  mit deiner Seele teilen möchte. Ich habe Angst, dass du genauso bist, wie andere vor dir. Verwunde mich nicht .Gib mir die Ruhe deines Morgens und die Sicherheit der Abende die ich an deiner Brust verbringe. Gib mir deine ehrlichen Worte. Gib mir die Zuversicht dass alles gut sein wird. Gib mir die Sonne im

Herzen.

EntblĂ¶ĂŸe das Schweigen. Bring mich dazu, dir alles zu erzĂ€hlen. Deine RatschlĂ€ge zu lieben und mich in schweren Zeiten an deine Schultern zu lehnen. Mach aus mir die Frau mit Lebenslust, die ich mal war und immer sein wollte. Mach mich zu dem Menschen, mit dem du abends deine Sorgen, Ängste und Erfolge teilst. Mach den Menschen aus mir, der dir eines Tages sein Herz schenkt, Mit Schmetterlingen und verrĂŒckten SchlĂ€gen. Gib mir den Krach der morgendlichen Stunden, in denen wir Kissenschlachten machen. Und die VerrĂŒcktheit der Stunden nach

Mitternacht. Und die Kraft, um satt an deinen Schultern zu lĂ€cheln Gib mir ein ehrliches “ich liebe dich”.

EntblĂ¶ĂŸe mich der Ablehnungen. Bring mich so weit, nie mehr nein zu sagen. So weit, das ich meine Welt voll bunter Schmetterlinge fĂŒr dich öffne. Sei der, mit dem ich PlĂ€ne schmiede und TrĂ€ume lebe. Befreie mich  vom Bedauern und von Reue. Befreie mich von NĂ€chten ohne Schlaf und nicht getrockneten TrĂ€nen. Dann will ich dich lieben, wie nur ich das kann und meine Schmetterlinge werden dein Kissen sein. Gib mir einen Kuss, damit ich das Gute kennen lerne. Gib mir deine Ruhe und Schweigsamkeit, damit ich sie in ein

LĂ€cheln verwandle. Gib mir das GlĂŒck eines einfachen, aber schönen Lebens. Ich will kein Auto, kein Haus oder Reichtum. Gib mir Liebe! Und zieh mich sorgsam aus.

Zieh mich sorgsam aus. Zuerst die Seele, Liebster, dann die Kleider.. „

3 Tage spÀter hatte er ihr auch eine Nachricht auf dem Tisch gelassen.

„Es gibt kein Vorher und kein Nachher. Es gibt keine Zeit. Es gibt nur dich und mich und das in Ewigkeit.

Der Kuss, den du mir heute zum Abschied gegeben. Der war in dem Moment, als ich ihn spĂŒrte, schon Vergangenheit. Und doch war er fĂŒr mich

die Allerschönste Gegenwart. Und wird fĂŒr immer Zukunft bleiben.

Unsere Liebe ist Ewigkeit. Je nachdem, wo wir uns befinden, ist sie Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart.

Betrachtet vom Punkt X  sehe ich den ersten Moment, in dem dein Augenlicht in meines tauchte und den Regenbogen der GefĂŒhle entfachte. Von diesem Punkt  aus kann ich all die schönen, verzauberten Momente nochmal erleben. Und wenn ich das öfter tun will, gehe ich nach jedem Betrachten noch ein StĂŒck weiter weg vom Punkt und kann das Ganze dann von vorn erleben. Und das bis in alle Ewigkeit. Und so wird Punkt X immer wieder zur Gegenwart. Wenn

ich zu weit weg bin von dem Punkt, dann wird er zur Zukunft und ich kann es kaum erwarten, deinen Kuss wieder zu spĂŒren.

So wie ein Lichtstrahl durch das Ganze Universum schwebt, so ist jeder Moment unserer Liebe fĂŒr immer unterwegs. Stell dir vor, du wĂ€rst an der Spitze dieses Lichtstrahls. Du könntest jederzeit  zurĂŒck schauen, zu dem Ursprung deiner Reise. Unsere Liebe ist schneller unterwegs als dieser Lichtstrahl, sie hat keine Hindernisse zu ĂŒberwinden und wird in aller Ewigkeit da sein. Auch dein letzter Kuss.

Du bist nicht Sehnsucht, nicht Verlangen. Du bist viel mehr als das. Du schaffst in

mir Vertrauen und Licht fĂŒr die Dunkelheit. Ich möchte jeden deiner Schmetterlinge mit Namen kennen, ihn umarmen. Wenn Morgen Gestern, Gestern Heute und Heute Morgen wird, dann will ich dich an meiner Seite und mit dir Eines sein.

Lass uns noch viele dieser Momente in dieses Album der Liebe und der Ewigkeit einfĂŒgen, so dass wir am Punkt X recht lange verweilen können um nicht dauernd nach kurzen Momenten wieder nach vorn zu rĂŒcken.

So wie die Welle der Zeit Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart in sich vereint, so wird auch unsere Liebe dies vereinen. Und ich bin immer da, am Punkt X 
“

So verschieden die Inhalte auch waren, der alte Mann war ĂŒberzeugt dass beide eine Großartige Zeit miteinander verbracht hatten. Er kannte auch einen weiteren Teil ihrer Geschichte. Diese wĂŒrde er ein anderes Mal vorlesen. Wenn ĂŒberhaupt !

Er nahm seine Brotzeitschatulle und sein Sitzkissen und stieg bedÀchtig vom Baum.

Das wahre im Leben war die Liebe! Mit diesem Gedanken ging er zu seiner Wohnung.

III.

Manchmal gab es auch Geschichten zum Schmunzeln.

Da er heute die Nachricht bekommen hatte, dass der Stadtrat beschlossen hÀtte, den Baum noch mindestens bis SpÀtherbst stehen zu lassen. Damit hatte sein Freund noch ein paar Monate sicher und er konnte auch noch einige hundert BlÀtter lesen.

Er Beschloss, heute eine der Geschichten eines ziemlich verrĂŒckten Zeitungszustellers vorzulesen.

Auch von dem gab es mehrere Geschichten, nicht alle waren lustig.

Allerdings hatte dieser Zeitungszusteller diese Geschichten wohl selber erfunden und geschrieben.

 

Die Russen kommen

Seit seiner Geburt wohnte Richard in diesem kleinen Dorf nahe Neuburg. Das Dorf war etwas abgelegen, die Hauptstraße war eine Verbindung zwischen 2 weiteren Dörfern. In seiner Jugend hatte er den Schreinerberuf erlernt und bis zur Übernahme des Bauernhofes von seinen Eltern auch ausgeĂŒbt. Danach war er bis zum siebzigsten Lebensjahr Landwirt. Er

hatte nur eine Tochter, die das Leben in der Stadt vorzog und dort eine Familie grĂŒndete.

Also verbrachte Richard seinen Lebensabend auf den Resten des einst so stolzen Bauernhofes.

Im Laufe der Jahre hatte er sich intensiv mit der Geschichte Deutschlands und Russlands befasst. Er war zu der Meinung gekommen, dass die Russen den Deutschen den letzten Weltkrieg noch lange nicht verziehen hatten und eines Tages wieder kommen wĂŒrden. Er war sicher, dass sie schon da waren und im Untergrund Vorbereitungen fĂŒr die Invasion Deutschlands trafen. Er wĂŒrde seine Haut so teuer wie möglich

verkaufen und seinen Hof und das Dorf verteidigen. Dazu hatte er sich dank seines Jagdscheins gut bewaffnet und stand oft nachts im dunklen am Fenster und beobachtete die Straße.

So auch in dieser Nacht ! Alles lief schief in dieser Nacht. Er war gegen 3.00 aufgewacht und hatte sich auf seinen Posten am Fenster begeben. Nach kurzer Zeit musste er auf die Toilette. Um sich keine BlĂ¶ĂŸe vor dem „Feind“ zu geben, benutzte er eine Kerze fĂŒr den Toilettengang. Und dann geschah es! Er sah aus den Augenwinkeln eine fremde Person. Besser gesagt, er sah die Person nicht, sondern nur ihr Abbild im Spiegel. Es war eine Horrorfigur. Der Bart eines

unfertigen IS KĂ€mpfers, die irren und roten Augen eines DĂ€mons. Die Haare waren in Klumpen in alle Richtungen weisend. Er erstarrte. Die Person bewegte sich auch nicht. Da er sein Gewehr am Fenster liegen lassen hatte, nahm er einfach den erst vor kurzem von seiner Tochter erhaltenen Bluetooth Lautsprecher und schleuderte ihn mit gekonntem Griff auf den Kopf des Fremden. Und landete einen Volltreffer! Der Fremde zersplitterte in tausend Scherben!

Und aus jedem Splitter sah ihn das Gesicht des Fremden an! Erstaunt, fassungslos! Nun ja, er hatte sich seit Tagen nicht rasiert und auch sonst nicht

auf sein Aussehen geachtet. Schnell kehrte er die Splitter des Spiegels zusammen und begab sich auf seinen Posten.

Seit einigen Tagen war ihm eine Gestalt aufgefallen, die nach 4.00 morgens in seiner Straße die Höfe auskundschaftete. Heute kam diese Gestalt auch auf seinen Hof und leuchtete das Hoftor und anschließend auch seine HaustĂŒr mit einer Taschenlampe ab. FĂŒr Richard war die Sache klar: es ging los und man wollte ihn als den womöglich einzigen nĂ€chtlichen Aufpasser im Dorf ausschalten. Er zögerte nicht, nahm die Person ins Visier und drĂŒckte ab.

Robert hatte nicht viele Zustellungen in

diesem Dorf. Aber da waren auch die Briefe. In dieser Nacht war ein Brief fĂŒr eine Adresse in einer Seitenstraße. Wie so oft in abgelegenen Dörfern war auch hier nur an jedem dritten Haus eine Hausnummer angebracht. Nach enormer Detektivleistung hatte er endlich die Hausnummer gefunden und suchte nun mittels Taschenlampe den Briefkasten. Als er sich dem Haus nĂ€herte, wurde ihm urplötzlich die Taschenlampe aus der Hand geschleudert und er hörte einen lauten Knall, begleitet von einem Blitz. Bevor er sich versah, spĂŒrte er etwas an meinem Kopf vorbeizischen und sich mit einem Knall in einem Blecheimer entladen. Nach dem dritten Knaller

wurde ihm bewusst; er wurde beschossen. In Panik robbte er bĂ€uchlings zu seinem Auto. Als er dieses erreichte und das Handy suchte, um Polizei, Sanka, Kriegsministerium anzurufen, kamen auch schon die ersten Nachbarn an. Diese kannten den SchĂŒtzen anscheinend und ĂŒberredeten ihn nach heftigen Debatten ĂŒber Russen, Spione und Krieg zur Aufgabe.

Kurzum, nach einiger Zeit war er zusammen mit den Nachbarn und dem SchĂŒtzen bei einem Kaffee. Diesem wurden die Waffen entzogen, dafĂŒr erhielt er ein Fernglas und eine Sirene. Robert hörte sich Richards Geschichte an und ĂŒberzeugte ihn, dass er eigentlich

eine gute Patrouille sei, da er jede Nacht durch das Dorf fahren wĂŒrde. Seit damals schaut Robert einmal in der Woche nach dem letzten Kunden bei Richard vorbei und erstattet ihm Bericht bei einem Kaffee. Er ist zwar immer noch ĂŒberzeugt, dass die Russen kommen, schlĂ€ft aber mittlerweile nachts, da Robert ja seine Aufgaben ĂŒbernommen hat.

Es gab viel GelÀchter von seinen Zuhörern.  Alle waren guter Laune. Irgendeiner hatte Geburtstag und hatte

ein Fass Bier sowie einen großen Grill hingestellt. Man prostete sich zu, lachte und scherzte. Dem alten Mann brachten sie auch ein Glas Bier sowie einen Teller mit WĂŒrsten und Kartoffelsalat und forderten ihn auf, noch eine lustige Geschichte vorzulesen. Die meisten glaubten nach wie vor nicht, dass er diese aus den BaumblĂ€ttern las.

Er hatte noch eine Geschichte von diesem Zusteller auf Band und las auch diese vor. Da die Fußball-WM gerade begonnen hatte, fand er sie passend.

Das Kicken

Noch bevor der Mensch aufrecht gehen konnte, praktizierte er schon das Kicken. TotenschĂ€del, runde Steine sowie runde FrĂŒchte dienten dazu. Historiker sind der Meinung, dass wir den aufrechten Gang dieser Zuneigung zu verdanken haben. Die Affenmenschen begeisterten sich immer mehr fĂŒrs Kicken. Sie merkten schnell, dass es viel effektiver war, wenn sie dabei aufrecht standen. Die „Meisterkicker“ unter ihnen vererbten diese Leidenschaft auf ihre Nachkommen. Da diese es schon ganz frĂŒh praktizierten, kam nach einigen Generationen der aufrecht stehende Kicker zustande. Im weiteren Verlauf wurde das SpielgerĂ€t,- der Ball-

perfektioniert. Man fertigte diesen aus den HĂ€uten der erlegten Tiere, z.B. Dinos. Auch hier kamen durch diese Fertigkeit als Nebenprodukt etliche nĂŒtzliche Dinge zustande- BehĂ€ltnisse, Lederkonfektion, etc. Auch im weiteren Verlauf der menschlichen Evolution waren etliche große Entdeckungen dem Spaß am Kicken zu verdanken. So kam ein schlechter Kicker, aber leidenschaftlicher Zuschauer eines Tages auf die Idee, weitere Runde Dinger zu erfinden und erfand das Rad. Wahrscheinlich wĂŒrde der Mensch ohne die Leidenschaft zu kicken auch heute noch auf BĂ€umen leben.

Auch auf die KriegsfĂŒhrung hatte das

Kicken Einfluss. Die Feldherren wussten, dass sie zur ErtĂŒchtigung und Motivation ihren Kriegern nur einen Ball geben mussten. Es kam sogar vor, das sich feindliche Armeen gegenĂŒberstanden und erst ein paar BĂ€lle hin und her kickten, bevor sie sich gegenseitig abschlachteten. Nachweise zu diesem Einfluss :

- In den Regeln und Begriffen der durch die Kickleidenschaft entstandenen Sportart Fußball wimmelt es von aus dem Kriegsgeschehen entliehenen Bezeichnungen. Kriegsfallen (Abseitsfalle), Tore schießen, Flanken schießen, Verteidigung, Angriff, Abwehrschlacht, Sturm, Ansturm,

Köpfen und viele mehr.

- Auch als man spĂ€ter Regeln festlegte und das Fußballspiel seine Evolution begann, wurden die meisten dieser Regeln aus dem Kriegsgeschehen entliehen. So spricht man von der „eigenen oder gegnerischen HĂ€lfte“ -praktisch das Territorium. Wenn ein Spieler sich als Kundschafter (Spion) betĂ€tigt, d.h. sich vor die Gegner schleicht und dabei entdeckt wird, wird dies bestraft (Abseits). Die Tore symbolisieren das Tor einer Festung. Wenn der Ball im Tor landet, hat man das Tor zur Festung geöffnet und diese erobert. Auch die Mannschaftsaufstellung (TorhĂŒter,

Sturm, Verteidigung) sowie die Taktiken gehen auf Kriegsstrategien zurĂŒck.

Das Fußballspiel

Nachdem das Kicken erwiesenermaßen die Evolution der Menschheit nachhaltig beeinflusst hat, ist es nicht verwunderlich, dass der grĂ¶ĂŸte Teil der Weltbevölkerung an der daraus entstandenen Sportart Fußball emotional teilnehmen.

Das kann man auch durch etliche Fakten belegen. Die großen Helden des Fußballs haben einen viel grĂ¶ĂŸeren Bekanntheitsgrad als jede andere Persönlichkeit. Ronaldo, Pele, Beckenbauer sind mind. 60% der Weltbevölkerung bekannt. Hannibal,

Napoleon und Hitler haben dagegen einen Bekanntheitsgrad von etwa 40%. GegenwĂ€rtige Politiker wie Trump, Merkel oder Putin kommen dagegen auf max. 30%. Genauso ist es auf nationaler Ebene: der gebrochene Knöchel von TorhĂŒter Manuel Neuer hat mehr Menschen beschĂ€ftigt als jedes andere Thema auf nationaler Ebene.

Das Spiel selber ist leicht erklĂ€rt. Je 11 Mann aus einer Mannschaft verteidigen die eigene Festung (dafĂŒr steht symbolisch das Tor) bzw. greifen die Festung (Tor) der anderen Mannschaft an. DafĂŒr gibt es verschiedene Strategien. Wichtig sind die Tore. In jedem Tor steht ein Tor HĂŒter. Tore kann

man aus dem Spielgeschehen heraus erzielen oder auch aus einem Straf-stoß heraus, dem Elfmeter symbolisch ist da fĂŒr jeden Mannschaftskameraden 1Meter. 11 Mann-11 Meter. Der Ball darf nur von dem TorhĂŒter mit jedem Körperteil gespielt werden, die Feldspieler dĂŒrfen dafĂŒr die HĂ€nde nicht benutzen. Als besonders schmerzhaft ist der Lattentreffer hervorzuheben. Komischerweise gibts diesen auch im Frauenfußball.

Ansonsten ist es wie im Krieg- aber ohne Waffen. Die Zuschauer wĂŒnschen der gegnerischen Mannschaft Pest und Cholera sowie jeden sportlichen Misserfolg. Nach dem zumeist

90-minĂŒtigen Krieg gehen sie Bier trinken, und streiten bis sie sich in die Arme fallen. Eine Ausnahme hiervon ist die Huuligans (altdeutsch: Höhlengans). Diese Spezies sind Primaten, die sich nicht weiter entwickelt haben. Sie haben keine Favoriten, sind gegen alles und alle. Meistens kĂ€mpfen sie gegen andere HuuligĂ€nse, da zivilisierte Menschen sich nicht mit ihnen abgeben.

Die Spiele werden von den Göttern in Schwarz geleitet. Auch hier ist Symbolik ein wichtiger Faktor. Diese Götter auch Schiedsrichter genannt- tragen die Farbe des Todes. Aus einem ganz einfachen Grund: sowohl der Tod als auch die Entscheidungen des Schiedsrichters sind

nicht rĂŒckgĂ€ngig zu machen. Kein Machthaber dieser Welt, keine noch so starke Armee, kein Gesetz dieser Welt- nicht mal Gott- können die Entscheidung eines Schiedrichters Ă€ndern.

Bei den Weltmeisterschaften gibt es genauso viele Favoriten wie Mannschaften. Jeder Fan einer Nationalmannschaft zĂ€hlt seine Mannschaft zu dem engeren Kreis der Favoriten selbst die HollĂ€nder oder Österreicher. Geleitet werden die Mannschaften von einem Trainer, welcher stellvertretend fĂŒr die Millionen Spezialisten die Mannschaft vorbereitet. FĂŒr die BewĂ€ltigung der vielseitigen Aufgaben hat er den Trainerstab.

Nun wisst ihr, welche Bedeutung das Kicken fĂŒr die Menschheit hat. Ich wĂŒnsche euch viel Spaß fĂŒr die nĂ€chsten Wochen.

Die Stimmung war gut. Sie wurde sogar ausgelassen. Daher ignorierte der alte Mann die Aufforderung nach einer weiteren lustigen Geschichte. Er ließ sich aber gern noch ein Bier raufreichen und diktierte weitere Geschichte von den heute aufgelesenen BlĂ€ttern.

IV.

Heute war einer der Wochentage, an denen sich kaum Leute unter dem Baum versammelten. Zu dem Umstand, dass es ein Werktag war kam hinzu, dass kaum ein Sonnenstrahl die Wolkendecke durchbrach. Daher konnte sich der alte Mann verstĂ€rkt seiner Hauptaufgabe widmen, die Geschichten von den BaumblĂ€ttern mittels seines DiktiergerĂ€tes fĂŒr die Nachwelt zu erhalten. Nach einiger Zeit stellte er fest, dass einige Ă€ltere Menschen sich eingefunden hatten.

Er nahm das nÀchste Baumblatt und las ihnen vor.

Opa, ich will dein Erbe nicht!

Ludwig war ein zufriedener Rentner. Er hatte eine sehr gute Rente und auch sonst einiges an materiellem Wohlstand. Seine Kinder waren beide glĂŒcklich verheiratet und hatten ihm die Sonne seines Lebens beschert: drei Enkelkinder. Die Ă€lteste war Julia. Sie war mittlerweile 14 und besuchte ihn ziemlich oft. Sie hörte gern Geschichten aus seiner Jugend und sog diese förmlich in sich auf.

Doch heute war das anders. Sie kam rein, setzte sich zu ihm, nahm seine Hand und schaute ihn voller Ernst an.

„Opa, ich habe dich sehr lieb. Aber andererseits gibt es auch Tage, wo ich dich verachte. Und davon werden es immer mehr.“ Sie sah ihn mit traurigen

Augen an.

Er erschauerte. War es so weit? War  der Unterschied zwischen der Gebrechlichkeit des Alters und der Frische und Unbefangenheit der Jugend  inzwischen so deutlich, dass sie die UnzulĂ€nglichkeiten seiner Erscheinung als Maßstab setzte? Bevor er darauf eingehen konnte, fuhr sie fort.

„Du hast mir so viele schöne Geschichten aus Deiner Zeit erzĂ€hlt: von Zeiten ohne Telefon, PC und sonstigen neuen Erfindungen. Von Zeiten, in denen Menschen viel Zeit miteinander verbrachten, in denen Entbehrungen an der Tagesordnung waren und man trotzdem unbeschwert lachen, leben,

lieben konnte. Von der Neugier auf all das Neue, das im Laufe der Jahrzehnte aufkam. Von den VerĂ€nderungen, die es mit sich brachte.“ Sie machte eine Pause, legte sich die Worte fĂŒr die nĂ€chsten Äußerungen zurecht.

Er schweifte in Gedanken ab. Es stimmte. Er war immer schon neugierig gewesen. Hatte alles in sich aufgesogen und mitgemacht. Vom WĂ€hlscheibentelefon zum frei tragbaren Tastentelefon und dann zum Handy und Smartphone, von der LohntĂŒte bis zur Kreditkarte, vom Taschenrechner zum PC.

Voll Enthusiasmus hatte er die technologischen Errungenschaften

gefeiert und im Rahmen seiner Möglichkeiten mitgemacht. Er konnte heute noch mit PC und Internet besser umgehen als seine Kinder und Enkelkinder. Glaubte er zumindest. Gleichzeitig beklagte er die damit zunehmende GefĂŒhlskĂ€lte und die mangelnde menschliche Kommunikation. Ein Paradox in seinem Leben wie so viele andere.

Sie fuhr mit trauriger Stimme fort. „ Opa, ich glaube du hast uns nicht richtig lieb. Mich, deine anderen Enkel und deine Kinder. Zumindest scherst du dich einen Dreck um unsere Zukunft:“

Erschrocken sah er sie an. Er liebte sie doch mehr als alles andere. Seine Kinder

und Enkelkinder! Sollte sie an eine eventuelle Erbschaft denken? War das alles, was sie noch von ihm erwarteten?

„Das stimmt doch wirklich nicht. Ihr seid doch alles in meinem Leben. Was soll denn sonst fĂŒr mich zĂ€hlen? Weißt du, wenn..“

Sie unterbrach ihn. Sprach mit derselben Bitterkeit in ihrer Stimme weiter.

„ Nein, nicht diese Art von Liebe ist es, die ich meine. Die hast du und die nehme ich dir ab. Die Verantwortung meine ich. Die schmerzende Ignoranz ob unserer Zukunft. Du sagst selber immer öfter, dass du zum GlĂŒck nicht mehr erleben wirst wie unsere Welt sich verĂ€ndert. Aber wir, Opa, wir werden es erleben

mĂŒssen. Und wir können nichts dafĂŒr. Wir haben diese VerĂ€nderung nicht herbeigefĂŒhrt. Wir mĂŒssen lernen, arbeiten, funktionieren. Aber du hast Zeit, du musst all dies nicht mehr tun. Du könntest den Rest deines Lebens damit verbringen, einiges davon wieder geradezubiegen, was deine Generation verbockt hat.“

Schweigen! Sie sah ihn mit ihrem zornigen Kindesblick an. Sie war doch erst 14! Konnten solch junge Menschen schon derartige Schlussfolgerungen ziehen? War das der Grund, warum sie ihm so anders vorkamen? Anders als seine Erinnerungen an dieses Alter? War das der tatsÀchliche Generationen

Unterschied? Sahen die Enkelkinder schon in jungen Jahren nur noch die Entwicklung in eine dĂŒstere Zukunft? War das der Grund des Schweigens der Jugend?

Dutzende solcher Fragen drÀngten sich ihm auf. Und dann kam eine Erkenntnis nach der anderen.

Sie waren zu jung um selber VerĂ€nderungen herbeizufĂŒhren. Andererseits waren sie Dank den zur VerfĂŒgung stehenden Mittel wie Internet usw. durchaus in der Lage, zu begreifen wohin die Reise fĂŒhrte. Diejenigen, die heute noch den Lauf der Welt bestimmten waren aber ĂŒberwiegend aus seiner Generation. Mit derselben

Unbeschwertheit, mit der sie die Erfindungen der letzten Jahrzehnte gefeiert und genossen hatten, fĂŒhrten sie die Menschen immer weiter ins Verderben. Trotz geförderter wissenschaftlicher TĂ€tigkeit hörten sie immer seltener auf diejenigen, die ihre Lebenszeit damit verbracht hatten zu studieren, zu analysieren und zu warnen. Sie wollten ihre kindliche Welt erhalten! Diese Welt, in der beinah tĂ€glich ein Wunder geschah. In der Wissenschaft, in der Technik und in so vielen anderen Bereichen. Sie wollten immer weiter nach oben, ohne zu sehen wie tief es nach unten ging.

Sie waren selber wie Kinder. Immer

noch, trotz zunehmenden Alters! Und es hatte niemand gegeben, der sie vor bestimmten gefĂ€hrlichen Spielzeugen gewarnt oder geschĂŒtzt hĂ€tte. Außer den eigenen Kindern und Enkelkindern!

Er schluckte schwer. TrĂ€nen traten ihm in die Augen. Sein Atem wurde immer schwerer. Er fĂŒhlte sich wie ein Verbrecher, der erst nach der Tat die Schwere seiner Schuld einsah. Und wie ein solcher versuchte er, mildernde UmstĂ€nde fĂŒr diese Tat zu finden.

„Ich gebe dir ja Recht. Aber was kann ich als Einzelner schon tun? Ich war nie politisch aktiv und hatte auch sonst keine Entscheidungsvollmachten. Ich wĂŒrde ja
“

„Hör auf“, schrie sie ihn mit gequĂ€lter Stimme an. „du hast als Einzelner diesen Unsinn mitgemacht. Voller Enthusiasmus! Du hast davon profitiert und dich einen Dreck darum geschert, wenn andere mit lauter Stimme warnten. Du erzĂ€hlst mir jedes Mal von einer Welt, die du noch erleben durftest. Ich aber nicht !“

Es stimmte. Er hatte schon vor 30 Jahren seine Einstellung kundgetan „wir kommen aus dem Industriezeitalter ins Kommunikationszeitalter“ und sein Leben entsprechend gestaltet. Hatte von dieser Einsicht profitiert und als Folge einiges an materiellen GĂŒtern sowie einer exzellenten Altersversorgung sein

Eigen nennen können. Bis heute war er sogar Stolz darauf gewesen.

Die TrÀnen in seinen Augen mehrten sich und verschleierten seinen Blick.

Sie fuhr unerbittlich fort. „ Das wenige, das du als Einzelner verbockt hast, kannst du vielleicht wieder gut machen. Selbst wenn du dich tĂ€glich ein paar Stunden wo hinstellst mit einem Plakat und damit deine Meinung zu einem Thema kundtust. Damit könntest du andere deines Alters motivieren, ihren Lebensabend sinnvoll zu gestalten. Es könnten immer mehr werden. Man wĂŒrde beginnen, zu fragen und zu reagieren.“

Sie machte eine Pause. Mit viel milderer Stimme fuhr sie fort.

„Opa, als erste wĂŒrden auch wir Enkelkinder uns ab und zu dazu stellen. Wir wĂŒrden euch beistehen und helfen.“

Er begann zu zittern. Seine TrĂ€nen wurden zu BĂ€chen, die an seinen Wangen herunter liefen. Heiß und brennend. So heiß und brennend wie sein Verlangen, sein Enkelkind glĂŒcklich zu machen.

Er weinte hemmungslos. Sie nahm ihn in die Arme und schmiegte sich an ihn.

„Opa, das wĂ€re es, was ich von dir erben möchte. Das, was du mir momentan vererben könntest, das Opa, möchte ich am liebsten ablehnen. Geht aber leider nicht.“

Sie schmiegte sich an ihn, so wie sie es als kleines Kind so oft getan hatte und

weinte leise mit.

Der alte Mann wartete, bis alle gegangen waren. Dann erst schlich er sich vom Baum und ging gebeugt heim. Er wusste, er war auch einer der Schuldigen!

V.

Auch wenn es bis Weihnachten noch lange hin war, entschloss sich der alte Mann diese Weihnachtsgeschichte heute schon vorzulesen. Wer weiß, ob er sie zur Weihnachtszeit noch vorlesen könnte.

Die Weihnachtskugel

Heiligabend! Ein besinnlicher Abend ohne seine Kinder, Enkel oder sonstigen Verwandten. Wie jedes Jahr wĂŒrden sie

ihn zu sich einladen, er wĂŒrde dankend absagen und froh sein, dass sie sich nicht aufdrĂ€ngten, zu ihm zu kommen. Er nahm gerne Einladungen fĂŒr die folgenden Feiertage an.

Keiner von ihnen verstand es. Heiligabend war fĂŒr ihn ein spezieller Tag. Seit einigen Jahren verbrachte er ihn allein. Eigentlich nicht allein, sondern mit jenen, die nicht mehr da waren. HauptsĂ€chlich mit seiner viel zu frĂŒh verstorbene Ehefrau, aber auch fĂŒr seine Eltern und oft auch fĂŒr zu frĂŒh gegangene Freunde oder sonstige Verwandte.

Dies hatte nichts mit Trauer zu tun, es war eher seine Art, das Fest „der

Besinnlichkeit“ zu beginnen. Dabei spielten kleine Rituale eine Rolle, diese bestimmten aber nicht den Abend. Je nach Disposition holte er alte Bilder hervor, erzĂ€hlte „ihnen“ von seinem Leben, seinen GefĂŒhlen oder manchmal auch nur Geschichten aus der gemeinsamen Vergangenheit. Manchmal sah er sich alte Filme an und genoss dabei die Verbindung zu alten Zeiten. Er bezeichnete das Ganze als ein „in sich gehen“, welches ihn in eine zutrauliche Stimmung versetzte.

Eins der wenigen Rituale, die er jedes Jahr ausfĂŒhrte, war das BaumschmĂŒcken. Dabei sagte er sich jedes Jahr, dies sei nicht

mehr nötig, da er keine Besuche bekam und es eher  lĂ€stig empfand. Trotzdem kaufte er jedes Jahr ein kleines BĂ€umchen, holte den alten Baumschmuck hervor und empfand jedes Mal das kindliche VergnĂŒgen, den Baum zu schmĂŒcken.

So auch in diesem Jahr. Er hatte einen kleinen eingetopften Baum gekauft. Es war zwar erst 14.00 Uhr. Da aber in diesem Jahr kein Schnee lag, war er eher soweit als sonst. Er wĂŒrde bis 17.00 das BĂ€umchen schmĂŒcken, ein Bad nehmen, Tisch und Essen vorbereiten und die nötigsten Telefonate fĂŒhren (damit er nachher seine Ruhe hatte). So wĂŒrde er ab 17.00 seine Ruhe haben und sein „in

sich gehen“ genießen.

Er holte den alten Baumschmuck hervor. Dieser bestand eigentlich nur noch aus einem Set handbemalter Weihnachtskugeln, einer Spitze, ein paar Kerzenhalter, drei hölzernen Figuren und altem Lametta. Wachskerzen waren auch noch vom letzten Jahr da. VergnĂŒgt begann er mit der Arbeit. Zuerst musste alles entstaubt werden und dann kam das richtige VergnĂŒgen: sich einen Plan machen, wie er alles verteilen wĂŒrde.

Und da begann der Zauber des Festes schon. Vor seinem inneren Auge sah er sich als kleiner Junge zusammen mit seinem Vater diese Aufgabe in Angriff nehmen. Das BĂ€umchen wurde zu einem

prĂ€chtigen Baum, welcher ein ganzes Eck des Wohnzimmers einnahm. Es roch nach frischer Tanne, der von der Mutter auf dem Tisch ausgebreitete Baumschmuck glitzerte in allen Farben und versprach einen Blick in den Himmel. Aus der KĂŒche kamen die verschiedensten lockenden GerĂŒche. Der Vater schickte ihn zu Mutter, um Faden, Schere oder sonst was zu holen. Wenn er also schon in die KĂŒche kam, wollte er natĂŒrlich die letzten Reste von Cremes aus den verschiedenen SchĂŒsseln auslecken, was die Mutter immer mit einer drohenden Geste zu unterbinden versuchte. Dabei lachte und strahlte sie aber. SpĂ€testens da vermischten sich seine Visionen. Er

sah sich und seine Kinder, - mit kleinen Änderungen - dasselbe tun.

VergnĂŒgt- mit denselben erwartungsvollen GefĂŒhlen wie der 10-jĂ€hrige Junge- machte er sich an die Arbeit. Der kleine Baum war schnell geschmĂŒckt. Danach bereitete er den Tisch vor- es gab BauernwĂŒrste mit Sauerkraut, eine Flasche des Rotweines, den er und seine Frau so gerne tranken, selbstgemachtes GebĂ€ck von seiner Tochter. Dann nahm er ein Bad, rasierte sich und kleidete sich adrett.

Nun begann sein Abend. Erst rief er Kinder und Geschwister an, sagte seinen Besuch fĂŒr die nĂ€chsten Tage an und scherzte mit den Enkelkindern.

Und dann kam die Vorfreude. Er wĂŒrde diesen Abend wieder mal mit den Gegangenen verbringen. Er dimmte das Licht, legte die Fotoalben bereit, deckte den Tisch und zĂŒndete die Wachskerzen an. Kaum waren diese angezĂŒndet, stockte ihm der Atem.

Die alten Glaskugeln- schon seit Generationen im Familienbesitz- sahen anders aus als sonst. Die schönen Motive kamen normalerweise durch das Kerzenlicht wunderbar zum Vorschein. Jetzt aber waren sie verblasst, man konnte kaum was davon sehen. DafĂŒr schienen sich in der Glaskugel ganz andere Bilder zu spiegeln. Vorsichtig nahm er eine der Kugeln ab, um sie zu

begutachten. Nach ein paar Sekunden des Betrachtens schnappte er nach Luft. Zum GlĂŒck war ein Schemel direkt neben dem Baum. Da setzte er sich hin, legte die Kugel zur Seite und griff sich an die Stirn. Minutenlang blieb er regungslos da sitzen. Er musste Halluzinationen haben. Er griff nochmal nach der Kugel, nahm sie voller ZĂ€rtlichkeit in die Hand und sah- dasselbe wie vorhin.

Die Kugel hatte ein Innenleben. Da lief ein Film ab. Er sah sich und seine Frau in jungen Jahren, sah die beiden Kinder im zarten Alter der Vorschulkindheit. Und alle bewegten sich. Das war ein Film- das spielte sich vor knapp 30 Jahren ab. Aber er hatte damals nichts

gefilmt!

WĂ€hrend TrĂ€nen leise an seinen Wangen entlang kullerten, hielt er mit zitternden HĂ€nden die Glaskugel und starrte die bewegten Bilder an. Die Aufnahmen mussten von der Glaskugel selber sein, man sah Teile eines schönen geschmĂŒckten Tannenbaumes, und die besagten Familienmitglieder ringsum. Die vor Aufregung geröteten Backen der Kinder, das glĂŒckliche LĂ€cheln seiner Frau ! Und er als junger Mann mittendrin! Momente des GlĂŒcks damals und heute ! Die Zeit war stehen geblieben, es gab nur Michael, die Glaskugel und deren Innenleben. Er saß einfach da auf seinem Schemel, weinte

und lachte- war glĂŒcklich wie noch nie. Vergessen war das Essen. Erst sehr viel spĂ€ter öffnete er die Flasche Rotwein und prostete seiner Frau im Inneren der Kugel zu. Sie hielt auch ein Glas in der Hand und sah ihn mit diesem Blick voll Liebe und VerstĂ€ndnis an.

Viel spĂ€ter nahm er auch eine der anderen Kugeln zur Hand. Seine Erwartung wurde erfĂŒllt. Jede Kugel lieferte einen Film von Heiligabend. Aus verschiedenen Zeiten, mit verschiedenen Akteuren. Da war ein Heiligabend seines Großvaters in jungen Jahren, auf einer anderen waren seine Eltern mit ihm und seinen BrĂŒdern, dann wiederum eine als seine Eltern und Schwiegereltern

Heiligabend zu Besuch waren.

Die Stunden verrannen. Die Kerzen brannten nicht ab. Michael saß neben dem Weihnachtsbaum, trank von dem Rotwein und wĂŒnschte sich, das wĂŒrde alles ewig so bleiben. Doch um Mitternacht erlosch der Zauber. Die Kugeln nahmen wieder die gewohnte Farbe an, die Kerzen brannten ab.

MĂŒde, aber selig schlief Michael ein. Das Geheimnis bewahrte er lange Zeit fĂŒr sich, es wĂŒrde ihm ja eh keiner glauben.

Er ist ĂŒberzeugt, dass die Kugeln ihm jedes Jahr zu Heilig Abend Geschichten liefern werden, so lange er diesen Abend wie auch bisher den Gegangenen widmet.

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Gast schöne Geschichten- Emotionen aller Art. Gerne mehr davon
Vor ein paar Monaten - Antworten
Ninamy67 Mir gefällt es auch sehr...flüssig geschrieben!
Manchmal ist es schade das nicht alle Texte hier auffallen...wer schreibt denkt dann, es ist nicht gut. Das stimmt aber nicht!

LG
Nina
Vor ein paar Monaten - Antworten
tschick Danke für deinen Kommentar
Du hast ja so Recht. Manchmal entsteht der Eindruck, das von "Unbekannten" max. 2.seitige Texte gelesen werden
Vor ein paar Monaten - Antworten
KaraList Eine skurrile Methode, die Aufmerksamkeit für den Erhalt eines Baumes zu gewinnen. Doch sie hatte Erfolg.
Ganz wunderbare Geschichten in "einer Geschichte". Beobachtungen, Erlebnisse, die den Baum während seines Wachstums über viele Jahre begleitet haben. Trauriges, Lustiges, nachdenklich Stimmendes.
Mir gefällt Dein Buch sehr.
Du könntest vielleicht einen größeren Leserkreis gewinnen, wenn Du das Buch in drei Teilen veröffentlichen würdest. Längere Texte werden aus den unterschiedlichsten Gründen nicht so häufig gelesen.
LG
Kara
Vor ein paar Monaten - Antworten
tschick Danke für deinen Kommentar
Bzgl. größerer Lesekreis: das Buch selber ist 3x so umfangreich (22 Geschichten)- ich habe also eh erst ein drittel publiziert
Vor ein paar Monaten - Antworten
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