Kurzgeschichte
Gruß aus dem Jenseits

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"Gruß aus dem Jenseits"
Veröffentlicht am 17. März 2019, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Serghei Velusceac - Fotolia.com
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Hi! Ich heiße Katharina. Ich lebe mit meinem Mann und meinen vier Kindern in Niederösterreich. Nach der Matura habe ich die Buchhandelslehre gemacht, und weil mir das nicht genug war, habe ich noch den vierjährigen Lehrgang für Grafik Design absolviert. Ich schreibe leidenschaftlich gerne, zwischendurch male und zeichne ich. Im Mai 2019 erscheint mein erster Krimi - Der Corvinusbecher.
Gruß aus dem Jenseits

Gruß aus dem Jenseits

Es war etwas mit ihm im Raum, irgendetwas. Er richtete sich auf. Die Garage sah aus wie immer. Seine blaue Maschine stand blitzeblank geputzt inmitten von Kramuri, das sich in den Jahren angesammelt hat. Trotzdem wirkte die Garage anders. Feindlich. Er unterdrückte den Fluchtinstinkt, schluckte, nahm das Putztuch erneut zur Hand und polierte die Rückspiegel des Motorrads.

„Wuff!“, sagte ein Hund unvermittelt und erschreckte ihn fast zu Tode. Schweißperlen erschienen auf der Stirn des Mittvierzigers. Wäre doch seine Frau noch am Leben. Diese Einsamkeit machte ihn fertig. Vor mittlerweile zwei Jahren

hatte sie sich das Leben genommen. Wieso? Eine schwere Depression. Sie wollte immer Kinder, aber es war ihnen nicht vergönnt. Und dann kam sie, diese schlimme Krankheit. Maria ist von einem Psychiater zum anderen gegangen, aber keiner konnte ihr wirklich helfen. Oh, wie gerne hätte sie ein Kind adoptiert, ein Baby bei sich aufgenommen, aber es war alles schief gelaufen.

Paul schielte zu der Wodkaflasche auf dem Regal neben ihm. Der einzige Trost für viele Monate. Ja, er war jetzt Antialkoholiker. Aber ...

„Liebling“, säuselte eine Stimme in sein Bewusstsein.

„Maria?“, erwiderte Paul irritiert. Nein,

nein, schon wieder hörte er Stimmen. War er schizophren? Er wandte sich um, schaute in alle Richtungen, ließ seinen Blick schweifen. Nichts. Was für ein Unsinn. Seine geliebte Maria war tot, begraben, nicht mehr da.  

„Paul, mein Liebster“, flüsterte es in seinem Kopf.

„Du bist tot“, erwiderte er in Gedanken und hielt sich die Ohren zu. Eine Träne bahnte sich ihren Weg über seine Wange. Er ließ das Putztuch fallen und verließ fluchtartig die Garage. Er hetzte in seine Zweizimmerwohnung. Er wohnte erst seit kurzem hier, eigentlich seit seine Frau Suizid begangen hatte, einfach so. Maria hatte ihn verlassen. Jawohl. Wie

egoistisch! Er sollte sie dafür hassen ... Hätten sie nicht ein schönes Leben gemeinsam haben können? Ihren Lebensabend miteinander verbringen? Und jetzt?

Paul setzte sich auf das Sofa und schaute aus dem Fenster. Inzwischen war es dunkel geworden. Das Fensterglas spiegelte sein Antlitz wider.

„Paul“, wisperte es.

Er schüttelte sich. Eine Kältewelle packte ihn urplötzlich.

„Liebling“, wiederholte die vertraute Stimme.

Paul war unheimlich zumute. Er konnte das Zittern nicht unterdrücken. Marias Worte klangen sanft, aber zugleich

gruselig. Sie kamen von außen, nicht aus seinen Gedanken, da war er sich sicher.

„Sieh mich an“, raunte Maria.

Paul sah auf. Sein Blick fiel auf das Spiegelbild am Fensterglas. Er konnte das Sofa sehen, sich und . Paul gefror das Blut in den Adern. Neben ihm auf dem Sofa saß seine Frau, seine geliebte Maria. Die Spiegelung im Glas war eindeutig. Aber aus dem Augenwinkel konnte er klar erkennen, dass er alleine auf der Bank war. Alleine! Aber das Spiegelbild seiner Frau winkte ihm zu.

„Mein Schatz“, flüsterte Maria. „Ich habe dich immer geliebt“, setzte sie fort und ließ die Hand auf ihren Schoß gleiten. Sie sah ihn jetzt direkt aus dem

Fensterglas an. Ihre Blicke trafen sich und Paul erschauderte.

„Ich wusste keinen Ausweg. Es tut mir unendlich leid. Immerzu habe ich versucht, mit dir Kontakt aufzunehmen, aber es blieb mir verwehrt.“

Paul schwieg und starrte auf das Spiegelbild seiner Frau.

„Ich wurde dir zur Last, ich konnte es spüren.“

Der Mann versuchte, etwas zu erwidern, aber er brachte kein Wort zustande.

„Lass mich los, Paul. Lebe dein Leben und werde glücklich. Bitte. Ich liebe dich.“

Nach diesen Worten verschwand Marias Spiegelbild. Paul starrte noch

minutenlang auf die dunkle Scheibe.

Am frühen Morgen erwachte Paul schweißgebadet auf dem Sofa. Sein Blick wanderte sofort zum Fenster. Es war helllichter Tag, die Sonne schien vom blauen Himmel. Paul sah sich um. Eine leere Wodkaflasche stand vor ihm auf dem Couchtisch. Daneben einige Dosen Bier. Paul hielt sich den Kopf. Er dröhnte. Was für ein irrsinniger Traum. Maria ... Paul versuchte aufzustehen, mein Gott, war ihm schwindelig! Er hatte Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten. Wenige Schritte, dann stürzte er zu Boden.

„Verdammt!“, fluchte er. Sein Blick fiel auf ein Porträtfoto seiner verstorbenen

Frau, das vor ihm im Regal stand. Sekundenlang starrte er es an. Irgendetwas schien anders. Nach einer Minute wusste er es. Maria hatte ihren Blick abgewandt. Sah nicht mehr direkt in die Kamera, sondern zu Boden. Seltsam. Er musste sich irren. Paul lief wieder ein Schauder über den Rücken, als er erkannte wohin Maria sah. Ein Ring, ein goldener Ring lag vor ihm auf dem Parkettboden, am Fuße des Buchregals. Oh, wie lange hatte er ihn gesucht! Den Ehering seiner Frau. Vorsichtig krabbelte er vorwärts. Ihm war noch immer schwindelig. An Aufstehen war nicht zu denken. Vorsichtig griff er nach dem Ring. Als er

ihn in seiner Hand hielt, spürte er einen tiefen Impuls, begleitet von Kraft und Freude. Tatsächlich, tiefer echter Freude, die er seitdem seine Frau von ihm gegangen war, nicht mehr verspürt hatte. Mit einem Mal richtete sich Paul auf, schritt mit ins Schlafzimmer und öffnete die Lade seines Nachtkästchens. Er nahm die kleine Schmuckschatulle zur Hand und legte den Ehering hinein. Danach zog er seinen vom Ringfinger und gab ihn vorsichtig dazu. Rasch stellte er die Schatulle an ihren Platz zurück, ging ins Wohnzimmer und schaute zu dem Porträt seiner Frau. Fröhlich blickte sie ihm entgegen, direkt in die Kamera. Das Foto sah wieder aus wie immer. Paul nickte

ihr zu. Vielleicht irrte er sich, aber für einen Moment glaubte er, dass Maria ihm zuzwinkerte. Er schüttelte den Kopf. Ein Lächeln huschte über sein sonst so ernstes Gesicht. Er konnte sich nicht erklären, was mit ihm letzte Nacht geschehen war. Waren es die versöhnlichen Worte seiner Frau? Dass ihr alles leidtat? Keine Ahnung. Paul öffnete das Fenster und ließ die kühle Morgenluft ins Wohnzimmer. Er atmete einige Male durch, danach räumte er die Flaschen weg und schwor sich, nie mehr Alkohol anzurühren. Abermals fiel sein Blick auf das Foto seiner Frau. „Ich liebe dich“, dachte er beim Vorübergehen. „Aber du hast recht, ich lebe und ich

fange jetzt neu an.“

Eine halbe Stunde später verließ Paul die Wohnung. Der Rausch war wie von Zauberhand verflogen, alles was von ihm geblieben war, war leichtes Kopfweh. Raschen Schrittes ging er zu seiner Garage, nahm die dunkelblaue blankpolierte Maschine und fuhr los. Zunächst würde er sich ein Frühstück holen, dann mit Freunden treffen und wer weiß? Vielleicht endlich sich ein Rendezvous mit Nina vereinbaren, die er schon so lange vertröstet hatte.

Es war Sonntagmorgen und etwas Neues lag in der Luft. Ein Neuanfang.

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Über den Autor

Kathi71
Hi! Ich heiße Katharina. Ich lebe mit meinem Mann und meinen vier Kindern in Niederösterreich.
Nach der Matura habe ich die Buchhandelslehre gemacht, und weil mir das nicht genug war, habe ich noch den vierjährigen Lehrgang für Grafik Design absolviert. Ich schreibe leidenschaftlich gerne, zwischendurch male und zeichne ich. Im Mai 2019 erscheint mein erster Krimi - Der Corvinusbecher.

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Sternwunde Gefällt mir wie Du die Verbundenheit mit einem Verstorbenen in Deiner Geschichte so intensiv beschreibst. Paul hat die Nachricht aus dem Jenseits geholfen mit seinem Leben weiterzumachen.. Beruht Deine Kurzgeschichte auf eigener Erfahrung?
Vor ein paar Monaten - Antworten
Gast Wow, tolle Geschichte. Gruselig und berührend zugleich.
Vor ein paar Monaten - Antworten
Ninamy67 Oh...die gefällt mir richtig gut. Die ist wirklich schön!

LG
Nina
Vor ein paar Monaten - Antworten
KaraList Eine "unheimlich" gut geschriebene Geschichte. Ein ernstes Thema unterhaltsam und spannend umgesetzt.
LG
Kara
Vor ein paar Monaten - Antworten
Himbeere Eine wirklich schön erzählte und spannend aufgebaute Geschichte, die das Ineinandergreifen, Verschmelzen und Verschwimmen von Innen und Aussen schön wiedergibt finde ich. Das Leben bietet so oft in unerwarteten Momenten auf unerwartete Weise neue Impulse. :) LG Himbeere
Vor ein paar Monaten - Antworten
GertraudW 
Liebe Kathi,
danke für diese herrliche Geschichte, sie hat mir gut gefallen.
Liebe Grüße und einen schönen Tag
Gertraud
Vor ein paar Monaten - Antworten
Bleistift 
"Gruß aus dem Jenseits..."
Oh, was für eine richtig gut geschriebene Kurzgeschichte,
mit wundervollen Emotionen, die ich sehr gern gelesen habe... ...smile*
LG
Louis :-)
Vor ein paar Monaten - Antworten
EvchenM Weiter, immer weiter (O.Kahn, Ex-Ballfänger und Philosoph im Nebenjob).
Gut geschrieben. Da kann man mitfühlen.
LG Das Evchen
Vor ein paar Monaten - Antworten
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