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Frag doch einfach Madame Luzie...

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"Mit Zauberpulver gegen Mobbing"
Veröffentlicht am 14. März 2019, 40 Seiten
Kategorie Jugendbücher
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Über den Autor:

1967 in Hamburg geboren, seit 1988 verheiratet, Mutter von 5 Kindern
Mit Zauberpulver gegen Mobbing

Frag doch einfach Madame Luzie...

Frag doch einfach Madame Luzie.... “Hey, guckt mal...da kommt ja endlich die Gummistiefel-Anja!” Die meisten Kinder in der Klasse lachten, als Anja wieder einmal viel zu spät die Klasse betrat. Frau Federmann, die Klassenlehrerin, blickte streng. “Anja, nach der Stunde möchte ich noch mit dir sprechen!” verkündete sie unheilvoll. Anja seufzte. Na! Also der Tag hatte ja schon richtig super angefangen! Jetzt fehlte nur noch eine unangekündigte Mathe-Arbeit, sozusagen

als Sahnehäubchen....

Dabei war es genau genommen nicht ihre Schuld. Es war Mamas Schuld. Anja, die alleine mit ihrer Mutter am Stadtrand wohnte, hatte einen ziemlich weiten Schulweg, weswegen ihre Mutter sie jeden Morgen zur Schule brachte. Dabei war sie leider chronisch unpünktlich. Sie wuselte morgens durch das Haus, machte dies und das, um dann plötzlich zu bemerken, dass es schon wieder viel zu spät war.

Anja setzte sich auf ihren Platz. Direkt vor dem fiesen Julian. Julian war es, der sie als erster „die

Gummistiefel-Anja” genannt hatte. Und das nur weil sie ein einziges Mal mit ihren glitzernden pinken Gummistiefeln in die Schule gekommen war. Ein einziges Mal! Es hatte in Strömen geregnet und ihre Mutter hatte gesagt, dass es vollkommen idiotisch wäre bei diesem Hundewetter mit ihren Sneakers in die Schule zu gehen und jetzt hatte sie diesen albernen Spitznamen weg. Als ob es nicht auch so schon schwer genug war eine pummelige Elfjährige in der Schule zu sein.

Sie hatte keine Freundinnen in ihrer

Klasse. Ihre Mitschüler hörten auf sich zu unterhalten sobald sie in ihre Nähe kam, oder sie tuschelten leise hinter ihrem Rücken. Sie ahnte natürlich auch warum das so war. Denn Lisa, ihre Mutter, war Madame Luzies Schwester.

Manche nannten sie auch “die Hexen-Luzie”. Gronberg, die Stadt in der sie lebten, war ein kleines Nest, in dem Jeder Jeden kannte. Und Madame Luzie war bestimmt die bekannteste aller Gronberger Einwohner. Sie war eine überaus schillernde Persönlichkeit, die keineswegs so aussah wie man sich eine Hexe vorstellte!

Weder war sie hässlich, noch alt oder bucklig. Keine Warze zierte ihre kleine grade Nase. Einen Zauberstab besaß sie nicht und auch keine Kristallkugel. Nein! Sie war eine, mit Astrologie und Voodoo Riten vertraute, moderne Hexe. Im Internet betrieb sie ein Orakel und auf Wunsch legte und deutete sie Tarot oder zeichnete astrologische Geburts-Analyse-Horoskop- Diagramme. Außerdem konnte sie mit Runen verzierte Steine und Knochen auf schwarze Samttücher werfen, um aus ihnen dann die Zukunft vorherzusagen.

Statt in Hogwarts ausgebildet worden zu sein, hatte sie an einer bekannten Universität vor einigen Jahren sogar eine Doktorarbeit über moderne Hexerei geschrieben. Sie war demnach eine Frau Dr. Hexe, die mit Vorliebe ihre langen lockigen Haare orangerot färbte, dunkelgrüne Kontaktlinsen und sehr auffällige Kleidung trug. Mit ganz besonderer Vorliebe eine bodenlange, mit Perlen verzierte, grasgrüne Tunika, die zu guter Letzt auch noch mit bunten Schmetterlingen bemalt war. Manchmal auch einen lila-rot gestreiften Hosenanzug mit Fledermausärmeln, bei

dessen Anblick einem leicht schwindelig werden konnte. Kurzum, sie war in der ganzen Stadt sowohl bekannt, als auch ein bisschen gefürchtet. Anja hingegen mochte ihre Tante sehr. Früher hatte Luzie sie immer zu Hause besucht, besonders wenn es ihrer Schwester Lisa nicht gut ging. Dann bereitete sie für Lisa ihren berühmten “Befreie-dich-vom-Stress-Tee”, frisch aufgebrüht aus einer besonderen Kräutermischung, die sie selber herstellte. Doch dann hatten sich die beiden Schwestern irgendwann böse gestritten. Anja wusste den Grund nicht, aber ihre

Mutter und ihre Tante hatten seitdem nicht mehr miteinander gesprochen. Vielleicht war Mama in letzter Zeit ja deswegen so zerstreut und manchmal richtiggehend mürrisch. Eines war auf jeden Fall sicher. Eine Hexe als Tante zu haben, hatte ihr bis jetzt in der Schule keinerlei Vorteile gebracht, sondern nur die blöden Hänseleien ihrer Mitschüler.

Einmal hatte sie sogar gehört wie Lena aus der Nachbarklasse sie abfällig “ Hexenbrut” genannt hatte, die “wahrscheinlich zu dick zum Zaubern war”! Alle hatten gelacht. Julian war von allen der Schlimmste, der die meiste Zeit des Unterrichts damit

verbrachte, Anja zu ärgern. Er machte es, weil er damit die anderen zum Lachen brachte.

Er zog an ihrem Zopf, beschmiss sie mit Papierkügelchen oder zeichnete krakelige Bilder auf Zettelchen, die er dann im Klassenzimmer herumreichte. Einmal hatte Anja einen solchen Zettel gefunden, mit einer echt schrecklichen Zeichnung, die wohl sie selbst darstellen sollte. Es stand ja auch unmissverständlich “Gummistiefel-Anja” darunter. Sie hatte dann deshalb die Pause über im Mädchenklo geheult.

Warum genau Julian so gemein zu ihr

war, konnte sie sich nicht erklären.

Frau Federmann sagte ihr am Ende der Stunde, dass sie unbedingt mit ihrer Mutter über das andauernde Zuspätkommen reden musste und das sie ihr das bitte ausrichten solle. Anja hatte es schon geahnt.

In der nächsten Stunde hatten sie zwar Mathe, aber zumindest schrieben sie keine unangekündigte Arbeit. Dafür gab es dann aber einen Vokabeltest in Englisch, in der dritten Stunde, für den sie natürlich nicht gelernt hatte. Am Ende der letzten Stunde bemerkte sie einen Knubbel hinten im Zopf und stellte

fest das da ein Kaugummi drin hing.

Das war bestimmt der Julian gewesen! Sie probierte ihn wegzumachen, aber er klebte einen ganzen Strang Haare zusammen und ließ sich nicht einfach so entfernen.

Weinend lief sie nach Hause.

Ihre Mama schaffte es mithilfe eines Eiswürfels, den Kaugummi komplett aus dem Haar zu entfernen. Aber selbst dann ging es Anja noch nicht wieder gut. Um ihre Tochter wenigstens halbwegs zu beruhigen, machte Lisa heißen Kakao und Kekse und ließ sich dann von ihr alles erzählen. Beide saßen dabei gemütlich unter einer

Kuscheldecke auf dem Sofa und Lisa kraulte behutsam den Kopf ihres Töchterchens. “Weißt du,” sagte sie leise “ ich hatte es in der Schule auch nicht leicht!” “Wieso das denn?” “Es ist nicht einfach eine Hexe als Tante zu haben, aber es ist natürlich noch komplizierter eine als Schwester zu haben.” “Aber sie war doch als Kind noch gar keine Hexe, oder?” “Oh, man ist eine, oder man ist keine! Das Alter spielt dabei keine Rolle.” “Hmm...aber was hat sie denn gemacht?” “Nichts eigentlich...sie war eben nur sehr auffällig. Und in der Schule auffällig

sein, macht einem das Leben nicht unbedingt leichter.” Lisa seufzte und starrte eine Weile die Wand an, an der die Familienbilder hingen. “Weißt du was, Mäuschen? Morgen gehst du einfach mal nicht in die Schule. Ich glaube eine klitzekleine Auszeit kann dir in diesem Fall nicht schaden! Morgen früh gehst du einfach mal zu deiner Tante Luzie! Frag sie nach dem Rezept von 1992.” “Was denn für ein Rezept, Mama?” “Nun, das wirst du dann schon herausfinden! Aber es hat mir damals auch geholfen.” “So wie der “Befreie-dich-vom-Stress-Tee”??

“Ja, ...ähm...so etwas in der Art!” Anja schlief in dieser Nacht viel besser als sonst. Sie wachte gut gelaunt auf. Allein das sie heute nicht zur Schule gehen brauchte, war schon Grund genug für gute Laune. Dann noch Tante Luzie besuchen zu können. Super! Neugierig war sie natürlich auch auf das geheimnisvolle Rezept von dem ihre Mutter gesprochen hatte. Was es damit wohl auf sich hatte?

Madame Luzie hatte ihre Wohnung in einem anderen Stadtviertel, aber sie musste nicht an der Schule vorbei, um

dort hinzugelangen. Und das war auch ganz gut so, denn von einem der Lehrer oder Mitschüler wollte sie nicht gesehen werden. Freudig drückte sie auf die Haustürklingel und wartete. Der Summer erklang und die Tür sprang auf als sie leicht mit ihrer Schulter dagegen drückte. Sie rannte erwartungsvoll die zwei Treppenabsätze hinauf und stürzte atemlos in die Wohnung ihrer Tante, deren Tür sperrangelweit offen stand. Tante Luzie war, dem Lärm nach zu urteilen, in der Küche am werkeln, denn aus dieser Richtung schallten Anja scheppernde und klirrende Geräusche entgegen.

“Kommen Sie ruhig rein, ich bin gleich bei Ihnen,” rief es fröhlich aus der Küche. Anja grinste. Ihre Tante erwartete also einen Kunden.

Das es nur ihre Nichte war konnte sie ja nicht wissen, denn Anja hatte sich nicht angekündigt. Sie steckte ihren Kopf in die Küche und sah Tante Luzie mitten im Abwasch.

“Hallo Tantchen!” “Nanu Anja! Dich hätte ich ja nun gar nicht erwartet! Wie schö dass du da bist!”

“Du erwartest aber jemanden, nicht wahr? Ich habe mir eine ungünstige Besuchszeit ausgesucht....aber es ist halt

dringend!” “Geht es Lisa etwa nicht gut? Ist irgendetwas passiert??” fragte Luzie besorgt .

“Nein, bei uns zu Hause ist alles okay! Alles ist gut. Ich brauche einfach nur deinen Rat und Mama hat mich sogar extra deswegen hergeschickt.” “So,so ....hat sie das? Nun gut. Ich habe tatsächlich gleich einen Termin. Du könntest aber solange in mein Zimmer gehen und dort warten. Würde dir das was ausmachen?”

“Nein Tante Luzie. Du weisst ja wohl genau dass ich sehr gerne in deinem Zimmer warte!” Und das stimmte sogar. Das Zimmer ihrer Tante war so ziemlich

der faszinierendste Ort den Anja sich vorstellen konnte. Er war voller Überraschungen. Das fing schon mit dem ausgestopften schwarzen Raben an, der direkt an der Wand hinter ihrem Bett angebracht war. Daneben hing eine Sammlung von Schmetterlingen und anderen Insekten. Die andere Wand war von oben bis unten von einem übervollen Regal bedeckt, aus dem die Bücher bereits herausquollen. Buchtitel wie “Magische Erkenntnisse unserer Zeit”, oder

“Hexenverfolgung des 17. Jahrhunderts” gehörten zu dem größten Anteil der Lektüre, aber es gab auch jede Menge Märchenbücher, Krimis und

Liebesromane. Das Zimmer war mit dicken persischen Teppichen ausgelegt die jeden Schritt dämpften. Fast schon in der Mitte des Raumes stand Tante Luzies sehr romantisches Himmelbett, mit weißen Seidenvorhängen. Überall wo an den Wänden Platz übrig war, hingen Familienbilder. Ein paar zeigten Anja als Baby auf Luzies Armen, andere zeigten Luzie und Lisa Arm in Arm. Das größte aller Bilder war ein schwarz-weiß Foto das ein Pärchen im sechziger Jahre Hippie-Outfit zeigte.

Die Frau schaute dem Mann verträumt in

die Augen. Das waren Anjas Großeltern die sich dort so verliebt anblickten. Sie waren leider beide vor langer Zeit gestorben, als ihre beiden Töchter noch junge Mädchen waren. Anja hatte sie nicht mehr kennengelernt. Tante Luzie sagte immer – Guck, das da ist Oma Gudrun, die erste Hexe in unserer Familie- und dabei lächelte sie immer etwas traurig.

Das Beste an dem ganzen Zimmer war jedoch eine alte Kommode mit drei breiten Schubladen. In ihnen waren Luzies Schätze versteckt. Die Oberste war voller Schminkutensilien und glitzerndem

Modeschmuck, den Anja liebte. In der mittleren Schublade gab es ein Sammelsurium an bunten Kopftüchern, Bändern, und witzigen Mützen. In der untersten bewahrte Madame Luzie ihre speziellen Halbedelsteine auf -mit denen ich meine Chakren aktiviere- wie sie immer sagte. Außerdem gab es verschiedene Talismane aus Holz geschnitzt, oder aus anderen glänzenden Materialien hergestellt. Anja liebte es in dieser Kommode herumzustöbern. Jetzt jedoch ließ sie sich lieber mit einem Buch, das sie sich aus dem Bücherregal holte, auf Luzies großes bequemes Himmelbett fallen und las, bis

ihre Tante schliesslich ihren Kopf ins Zimmer steckte und ihr Bescheid sagte, dass sie jetzt für beide in der Küche eine schöne heiße Tasse Tee machen würde. Als sie beisammen saßen, erzählte Anja welche Probleme sie momentan in der Schule hatte. All das gefühlte Unglück der letzten Zeit strömte aus ihr heraus, wie ein dunkler kleiner See, der sich in Form vieler vergossener Tränen auf dem Küchentisch ausbreitete. Luzie reichte ihr Taschentücher und nickte hin und wieder, oder schüttelte unwillig ihren roten Lockenkopf. “Mama hat gesagt ich soll dich nach einem Rezept fragen!”

“Hm...sie meint wohl das von 1992...” überlegte Luzie, “ das Semper-empathicus-Niespulver!” “Semper-was?” “Empathicus! Das ist ein Pulver, hergestellt aus einigen seltenen Pflanzen, die nur in den Tiefen des Südamerikanischen Regenwaldes wachsen.

Und nur die dort einheimischen Indianerstämme dürfen sie sammeln. Hmm....da ist heutzutage schwer dranzukommen....aber ich glaube, ich habe noch ein bisschen in meinem Kräuterschrank.” Luzie erhob sich und ging zu einem

unscheinbaren Küchenschrank, von dem Anja immer gedacht hatte er wäre mit Geschirr gefüllt. Tatsächlich aber war er voller brauner und grüner beschrifteter Gläser und Fläschchen. Tante Luzie kniete davor und schob das eine oder andere hin oder her, vor oder zurück, bis sie endlich “Heureka” ausrief und ein kleines dunkelblaues Schraubglas hochhielt. Sie stellte es neben sich und suchte weiter. Zum Schluss kam sie mit ganzen sieben verschiedenen Gläsern zu Anja an den Küchentisch. “Soooo, also! Ich habe die nötigen Zutaten und werde dir das Semper-empathicus-Niespulver

herstellen. Doch du musst die Anweisungen ganz genau befolgen, sonst wird es nicht helfen.” “Wird gemacht!” “Gut...erstens musst du wissen, das es nicht giftig ist. Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen, das du deine Mitschüler damit vergiftest! Und zweitens wirkt es nur, wenn du es selber auch benutzt . Das Semper-empathicus wirkt nämlich nur wenn alle Beteiligten die gleiche Dosis bekommen. Gut das heute Nacht Vollmond ist, so kannst du es auch gleich benutzen....sonst hättest du noch ein paar Tage warten müssen. Also...wenn du heute Abend schlafen gehst, nimmst du eine kleine

Fingerspitze voll und streust sie auf dein Kopfkissen. Neben deinem Bett muss ein Glas Wasser stehen! Du wirst deinen Kopf auf dein Kissen legen und wirst dreimal Niesen. Danach musst du das Glas Wasser austrinken.” “Das ist alles?” “Ja. Du wirst sehr viel träumen, Anja. Aber du brauchst keine Angst zu haben. Es sind heilende Träume!” “Gut...und dann?” “Am nächsten Morgen nimmst du das Fläschchen mit dem Pulver mit in die Schule. Du gehst in der Pause in das leere Klassenzimmer und streust erneut eine kleine Fingerspitze voll von dem Pulver auf alle Tische. Auch auf den

deiner Lehrerin. “ “Hm...ja...das ist machbar, aber das mit dem Wasser wird dabei schwierig!“ „Das Glas Wasser braucht man nur wenn man nach dem Niesen schlafen will!” „ Dann ist ja gut. Vielen Dank Tante Luzie!!” “Wenn du mich das nächste Mal mit deiner Mutter besuchst, erzählst du mir dann wie's jetzt läuft, gut?“ “Ja Klar! Aber meinst du das Mama beim nächsten Mal mitkommt?” “Och Kindchen, ich könnte mich ja wohl kaum Madame Luzie nennen, wenn ich so etwas nicht voraussagen könnte, oder?” Beide lachten. Luzie nahm eine kleine Küchenwaage und fing an die

verschiedenen Pulver abzuwiegen und in einem neuen leeres Glas zusammenzumischen. Einige hatten einen unangenehm stechenden Geruch, andere wiederum glitzerten nur und waren geruchlos. Mit dem gefüllten Fläschchen in ihrer Jackentasche lief Anja beschwingt nach Hause. Am Abend ging sie mit einem vollen Glas Wasser in ihr Zimmer und holte das Fläschchen mit dem mysteriösen Pulver aus ihrer Jackentasche. Sie streute ein winziges Häufchen auf ihren Zeigefinger und bestäubte damit ihr Kopfkissen.

Als sie ihren Kopf darauf bettete, stieg ihr ein scharfer Geruch in die Nase und reizte sie zum Niesen. Wie Tante Luzie vorhergesagt hatte, nieste sie exakt dreimal. Danach trank sie das Wasser komplett aus und schlief fast augenblicklich ein. Anja träumte wilde Träume. Sie träumte das sie in der Schule war. Sie sah sich selber an ihrem Tisch sitzen, sah sich auf der Mädchentoilette, sah sich auf dem Pausenhof...aber niemand ärgerte sie. Alle anderen waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie schienen in

Seifenblasen gefangen umherzuschweben und dies nicht einmal zu bemerken. Dann bemerkte Anja, dass auch sie selbst in einer Seifenblase gefangen war. Sie musste plötzlich niesen, so dass ihre Blase zerplatzte und sie auf den harten Boden fiel. Davon wachte sie auf und ihr wurde klar....sie war aus dem Bett geplumpst und ihr Wecker klingelte. Es war noch ziemlich früh, aber sie war vollkommen wach und beschloss alleine zur Schule zu gehen. Wenn sie früh genug loslief, konnte sie auch ohne Verspätung ankommen. Anja zog sich an und frühstückte im Schnelldurchlauf. Ihre Mutter fragte bestimmt fünfmal, ob

sie wirklich zu Fuß zur Schule zu laufen wollte. Dann fragte sie wie der Besuch bei ihrer Tante gewesen war. Anja lächelte. “Ich erzähle dir alles nach der Schule, ja Mams?” Ihre Mutter grinste und zwinkerte mit dem Auge. “Na dann, Viel Spaß!” Anja befolgte die Anweisung ihrer Tante haargenau. Sie streute kleine Prisen des Pulvers auf jeden Tisch im Klassenzimmer. Dann hieß es abwarten. Die Schüler betraten nach der Pause den Raum. Alle schlurften oder rannten an ihre angestammten Plätze.

Anja setzte sich ebenfalls. Julian hinter ihr holte plötzlich fiepend Luft. “H...ha..haaaa...tschiiiiii!” polterte er los. Und als ob er damit einen Sturm ausgelöst hätte, fingen nach und nach auch alle anderen um Anja herum an, zu niesen. “Aaaa...tschiiiiii!....Haaaaa...tschumm!....Ha..ha...hrrraaa....tchiiii!.....Auuu...tschummmm!” Es schien gar nicht mehr aufzuhören, aber das lag nur daran das es immerhin 23 Kinder waren, die jeweils exakt dreimal niesten. Es war also ein ganzes Nies-Orchester. Als Frau Federmann in die Klasse kam,

hatte die Nieserei gerade aufgehört, aber hie und da zog noch jemand die Nase hoch. Oder schnäuzte sich lautstark. “Seid ihr etwa alle plötzlich erkältet , oder was?” fragte sie stirnrunzelnd “Nein, Frau Federmann!” kam die einstimmige Antwort. Alle sahen misstrauisch zu Anja hin, die mit gekreuzten Armen ruhig auf ihrem Stuhl saß und die als einzige im Raum nicht mit geniest hatte. Frau Federmann setzte sich an den Pult und zog kurz die Nase kraus, bevor sie, wie schon ihre Schüler vor ihr, laut -“HAAAAA...haaa...tschiiiiiiii”- quer durchs Klassenzimmer trötete. “Huch, was

war...Haaaaa....aaaaa...aaaaa...tschiiiiiiinng!....das ..Aaaaa....hhhh....tschiiiiiii.....denn!?” Verzweifelt kramte sie in ihrer Jackentasche nach einem Taschentuch. “Du liebe Güte...” brabbelte sie verstört, “ das kam aber überraschend!” Alle in der Klasse waren still. Anja hörte auf einmal ein leises “plopp”. Dann noch einmal...plopp, plopp...plopp, als würden lauter Seifenblasen um sie herum zerplatzen. Es erinnerte sie an ihren Traum. Die anderen schienen nichts dergleichen gehört zu haben. Doch alle hatten einen etwas überraschten Ausdruck im Gesicht.

Anja drehte sich um. Julian saß mit offenen Mund da und starrte ins Leere. Anja schnippte mit ihren Fingern vor seinem Gesicht. Er schüttelte langsam den Kopf, als müsste er aus einem Traum aufwachen, dann grinste er Anja an und fragte sie flüsternd. “Sag mal, weißt du ob wir die Deutscharbeit morgen schreiben oder erst nächste Woche?” Anja lächelte zurück. “Ich glaube morgen!” Frau Federmann räusperte sich. “ Ich wollte gerne noch mit euch allen

über die Klassenfahrt reden. Ihr müsst gemeinsam abstimmen wohin die Reise gehen soll. Das können wir ja dann jetzt gerne mal besprechen” In dieser Stunde wurde noch viel geredet und gelacht. Alle hatten Vorschläge und alle machten mit. Und diesmal war Anja mittendrin. Keine gehässigen Worte, kein verletzendes Flüstern. Man stellte ihr Fragen und sie antwortete fröhlich. Sie fragte etwas und bekam freundliche Antworten. Alles war anders als sonst. Die Klasse war eins mit ihr und sie war

eins mit der Klasse. Als die letzte Stunde um war und sie ihre Sachen in die Schultasche stopfte tippte ihr Julian von hinten auf die Schulter. “Hey Anja, ich wollte dir nur sagen dass mir das mit dem Kaugummi letztens echt leid tut!” Anja sah Julian ernst an. Doch dann zuckte sie mit den Schultern. “Ach, alles halb so schlimm! Meine Mutter hat es mit Eis rausgekriegt...” “Echt? Das funktioniert?” “Ja...es wird ganz kalt und hart und dann bricht es in lauter kleine Stücke.” Julian sah ihr beim Packen zu. “Du wohnst doch oben in der Langenborgstrasse, oder?” fragte er.

“Ja, warum fragst du?” “Na ja, ich wohne in der gleichen Straße, nur weiter oben. Wir könnten doch heute mal zusammen hoch laufen, oder?” Anja sah Julian an. Dann lächelte sie. Madame Luzie war definitiv die beste Hexe aus Gronberg. Und die beste Tante sowieso! Anja hatte sich noch nie so gut gefühlt wie jetzt in diesem Augenblick. Sie stieß Julian mit dem Ellbogen freundschaftlich in die Rippen. “Na super, dann lass uns mal losgehen!”

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Ninamy67
1967 in Hamburg geboren, seit 1988 verheiratet, Mutter von 5 Kindern

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KaraList Auch diese Geschichte finde ich wunderbar, liebe Nina. Frisch und unverkrampft behandelt sie ein ernstes Thema. So manches Kind wird sich nach dem Lesen eine Tante Luzie wünschen. :-)
LG
Kara
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Ninamy67 Ja, so eine Tante Luzie ist schon etwas besonderes. Ich hätte in der Schule früher gerne so eine gehabt!

LG
Nina
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Brubeckfan Gute Geschichte. Besonders das Seifenblasenbild hats mir angetan.
Da wir aber auch zum Meckern hier sind: Guck doch mal, wo "das" besser "dass" hieße... Deine Kinder können sicher helfen ;-)
Viele Grüße,
Gerd
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Ninamy67 Tja, das sind die Fehlerteufel die sich auch beim zigsten Mal beim überarbeiten einschleichen...Man wird ja irgendwann Betriebsblind.
Beim nächsten Korrekturlesen finde ich bestimmt sogar noch mehr Fehler als nur "dass"...hehehe
LG
Nina
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Brubeckfan Ja, da war noch was zwischendurch... Aber Du hast ja Helfer wie Word oder eben uns hier.
Mach mal schön weiter so.
Gerd
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Ninamy67 Hilfe kann man beim Schreiben nie genug haben!

Schönen Sonntag noch

LG
Nina
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Darkjuls Sehr lebendig und gut geschrieben. So wünscht man sich eine Geschichte, in der man mitfühlen kann und Bilder vor Augen hat. LG Marina
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Ninamy67 Dankeschön liebe Marina,
Das ist sehr großes Lob!

LG
Nina
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baesta Wie lebendig Du erzählen kannst, einfach nur klasse. Ich glaube, das Pulver hätten wohl viele Menschen nötig, weil der Egoismus der Empathie oft im Wege steht. Mobbing ist ein weites Themenfeld, auch ich konnte in der Schule ein Lied davon singen. Aber ich habe es zum Glück ohne ernstliche seelische Schäden "überlebt". Das geht aber wohl nur mit ein wenig gesundem Selbstbewußtsein.

LG Bärbel
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Ninamy67 Die verflixten Fehlerteufel!!! Ja...ich habe den Text schon mehrere Male überarbeitet, aber irgendwann wird man Betriebs-blind und sie verbergen sich!
Wie schön das dir die Geschichte so gut gefallen hat. Da ist auch viel eigene Schulerfahrung von mir mit reingeflossen, Mobbing gab es ja schon immer.

LG
Nina
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