Romane & Erzählungen
Fünf Prozent Liebe 5.Kapitel - Fünf Prozent Reue

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"Fünf Prozent Liebe 5.Kapitel - Fünf Prozent Reue"
Veröffentlicht am 11. Januar 2019, 60 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

Hallo liebe "myStorys" Gemeinde. Schön, dass es Euch noch gibt. Vor langer Zeit, in den Anfängen dieses Forums, damals waren es gerade mal 64 Mitglieder, hatte ich als "Trollbär" auch einige Texte verfasst. Wir hatten in dieser Zeit einen sehr netten Umgang und haben die Sammelbände "MyStory's" und "MyStory's 2" zu Wege gebracht. Auch ein Autorentreffen hat damals stattgefunden. Das Leben trifft manchmal merkwürdige Entscheidungen. Das war ...
Fünf Prozent Liebe 5.Kapitel - Fünf Prozent Reue

Fünf Prozent Liebe 5.Kapitel - Fünf Prozent Reue

Fünf Prozent Reue

… aber wirklich nicht mehr …

Und wieder füllen sich die Bäche,

die zum Strom geworden, alles mit sich reißen, was geschah.

Doch bleiben davon fünf Prozent.

Und nichts wird so, wie es mal war.

„Danke.“

„Danke, wofür?“

„Dafür, dass du mich gehalten hast.“

Mit gesenktem Kopf stehe ich Hannes gegenüber. Er hält meine Hände.

Schweigen.

„Hannes ich …!“

„Schon gut“, unterbricht er mich und haucht mir einen zarten Kuss auf die Stirn.

„Hannes, ich will jetzt nicht, dass du denkst …“

Erneut unterbricht er meinen dämlichen Versuch, für die vergangene Nacht eine

Erklärung zusammenzustottern. Ich will ihm keine falschen Hoffnungen machen.

Er zieht mich an sich, legt seinen Zeigefinger auf meine Lippen: „Pssst. Es ist alles in Ordnung.“

„Aber …“

„Schon gut. Ich weiß doch. Wir wissen es beide, nicht wahr?“

Ich nicke nur.

Er legt den Finger unter mein Kinn, ich hebe den Kopf, sehe ihm in die Augen.

„Ach Hannes“, heule ich los und drücke ihn ganz fest an mich. Ich halte ihn fest,

ganz fest. Seine Nähe tut mir gut und gleichermaßen auch so unendlich weh. Es zerreißt mich innerlich. Ich will das alles nicht. Ich werde Hannes allein lassen müssen, auch wenn alles in mir nach ihm ruft. Jetzt, nach dieser Nacht mit ihm meldet sich der Rest meines noch verbliebenen Verstandes, der mich dazu zwingt, etwas zu tun, was ich nicht will, aber tun muss.

Ich weiß, dass ich Hannes sehr weh tun werde. Auch in mir herrscht eine Baustelle, die es gilt, an mehreren Ecken gleichzeitig fertig zu stellen. Dabei lässt sich mein Herz zum jetzigen Zeitpunkt auf gar keinen Fall reparieren. Viel zu viele Stücke liegen achtlos herum, und

nur eines davon hat seinen Platz nicht verlassen, das, in dem Sophie wohnt.

Bei diesem Gedanken fährt ein Schauer durch meinen Körper, ich werde unruhig. Ich hebe den Kopf an, schaue nach rechts, nach links und lasse von Hannes ab. Mein Blick trifft sich für einen kurzen Moment mit seinem. Mit dem Ärmel wische ich die Tränen aus dem Gesicht, drehe mich um, suche nach einem Papiertaschentuch, schnäuze die Nase. Hannes steht noch immer da.

Meine innere Unruhe zeigt mir plötzlich und unbarmherzig mein schlechtes Gewissen. Ich muss hier weg, sofort!

Ich drehe mich zu Hannes um, der längst begriffen hat, was mit mir los ist.

„Ich bring dich heim“, sagt er.

„Das wäre lieb“, höre ich mich sagen.

Ein komisches Gefühl baut sich auf. Ein merkwürdig schweigendes Sprechen.

Hannes hat nie etwas verlangt, hat mir immer Verständnis entgegengebracht, mich niemals bedrängt, aber jetzt fühlt es sich genauso an. Ohne dass er es konkret tut. Ich spüre es deutlich. Ich habe ihn gebraucht, gestern Nacht. Er hat mir gut getan, sehr gut. Aber nun erschlägt mich mein Egoismus. Mir tut Hannes leid, und ich fühle mich schuldig und elend. Ich würde jetzt gerne allein sein. Ich denke, dass es ihm ähnlich geht.

„Ich fahr dich jetzt. Bist du soweit?“

„Gleich“, sage ich knapp, „nur noch meine Tasche.“

Mir ist schlecht. Ich wage kaum, Hannes in die Augen zu schauen. Er merkt es und nimmt mich noch einmal in seine starken Arme. Noch einmal kommen sich unsere Lippen viel zu nah, doch ich zögere.

„Bitte Hannes“, sage ich, „lieber nicht jetzt.“

Doch ich widerstehe ihm genauso wenig wie er mir. Es sollte für eine lange Zeit der letzte Kuss gewesen sein.

Ich heule schon wieder. Es ist grausam, wie er immer alles versteht. Liebe ich ihn denn schon? Nein. Nein, ich mag Hannes wirklich sehr, aber Liebe …?

Ich schiebe diesen Gedanken in die unterste Schublade meines Seins und nehme mir vor, ihn vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt wieder hervor zu kramen. Nein, Liebe ist es nicht. Schade, denke ich.

Als er vor unserem Haus anhält, schauen wir uns noch einmal kurz an. Ihm geht es nicht gut, das sehe ich ihm an, aber momentan kann ich einfach nicht anders. Ich muss ihn mit diesem Gefühl jetzt alleine lassen. Ich gebe ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und steige aus.

Für einen kurzen Moment durchzuckt mich der Gedanke, wieder einzusteigen

und für immer mit ihm zu gehen, doch die zuschlagende Wagentür nimmt mir diese Entscheidung schnell ab. Der Motor heult auf, und ich stehe verzweifelt am Straßenrand ohne eine Chance, ihn doch noch aufhalten zu können. Auf dem Weg ins Haus habe ich Mühe, den aufkommenden Weinkrampf im Zaum zu halten. Ich versage kläglich und lasse es raus.

Marc ist nicht da, und das Haus ist kalt. Ich lasse mich auf das Sofa fallen und weiß nicht mehr, wo das alles noch hinführen soll. Nur die Tränen kennen ihren Weg.  

Das Geräusch des Haustürschlüssels erschreckt mich. Ich muss eingeschlafen sein. Ganz steif geworden setze ich mich aufrecht und merke erst jetzt, in welch  unbequemer Position ich hier gelegen haben muss. Noch immer stecken mir die Nacht mit Hannes und der wenige Schlaf in den Knochen. Ein paar Haare kleben in den Resten meiner Tränen, und ich löse sie schniefend von der Wange. Mir ist kalt.

Ich höre, wie sich die Haustüre wieder schließt. Gleich wird Marc vor mir stehen. Wie soll ich ihm begegnen, jetzt, wo ich mich selber „schuldig“ gemacht habe. Wird er es mir ansehen? Auf der anderen Seite frage ich mich gerade,

wieso er nicht im Büro ist. Es ist später Vormittag. Ein ganz klein wenig fühle ich mich im Vorteil und beschließe eine Angriffsposition einzunehmen.

„Wo kommst du her?“, frage ich.

Marc sieht an mir vorbei, sagt kein Wort, geht in die Küche und stellt den Kaffeeautomaten an.

„Hallo!“, werde ich deutlicher, „kannst du mir bitte mal sagen, warum du nicht im Büro bist.“  

Endlich dreht er sich zu mir um, lehnt mit dem Hintern an der Anrichte. Der Kaffee schnorchelt aus der Maschine und plätschert in die untergestellte Tasse. Marc sieht mich nicht an. Sein Blick richtet sich stattdessen nach links unten

auf den Fußboden. Unerträglich lange Sekunden vergehen, die es zu überwinden gilt, um mich nicht ansehen zu müssen. Zischend gibt die Kaffeemaschine ein Signal, und unterbricht das peinliche Schweigen.

Ich stehe vom Sofa auf. Sämtliche Glieder schmerzen. Ich rieche nach Sex und einer durchgemachten Nacht. Im Moment stört es mich nicht sonderlich. Im Moment will ich einfach nur wissen, wie es weitergeht. Langsam gehe ich auf Marc zu, der mir den Rücken zukehrt und an seiner Kaffeetasse nippt.

„Marc“, beginne ich noch mal, doch wesentlich ruhiger, um die Situation nicht unnötig aufzuheizen, „wo kommst

du jetzt her? Ich bin dir nicht böse, aber rede mit mir, bitte!“

Er dreht sich zu mir um, sieht mir in die Augen. Ich lege die Arme um seinen Körper, lehne den Kopf an seine Brust. Seine rechte Hand, die noch immer die  Kaffeetasse in die Höhe hält, stellt diese auf dem Tresen ab. Sanft, aber ganz bestimmt, schiebt er mich von sich. Ich lasse los, schaue ihn an. „Was ist  denn, hmm?“, frage ich unsicher, und schon wieder geht ein Schauer durch meinen Körper. Und dann zucke ich zusammen, denn auf die nächste Frage war ich nicht vorbereitet. „Wo warst du eigentlich heute Nacht?“, fragt er mit siegessicherem Blick.

Ich atme durch. Jetzt bin ich diejenige, die zu Boden geht. „Ich war bei Caro“, lüge ich schnell und vermeide einen direkten Blickkontakt.

„Bei Caro, aha“, sagt er. „Okay. Und, wie war es so, bei Caro?“

Mist, bei dieser Art der Fragestellung fühle ich mich ertappt. „Gut“, sage ich knapp. „Wir haben uns unterhalten.“

„Die ganze Nacht?“

„Ja, die ganze Nacht. Schließlich gibt es ja ´ne Menge zu erzählen, im Moment.“

Ich sollte jetzt besser aufhören und stattdessen den Spieß umdrehen.

„Wo kommst du jetzt her?“, frage ich, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.

„Musst du denn nicht im Büro sein?“

„Hab mir heute frei genommen.“

„Frei? Wieso? Hast du was vor? Oder warst du wieder bei …?“

„Nein, ich war nicht bei ihr, wenn du das meinst.“

„Marc ich … wie soll das weitergehen mit uns?“

„Ich weiß es nicht.“

„Denk doch auch mal an Sophie. Sie kommt schon bald wieder und findet nur noch Trümmer vor! Das kann doch nicht sein, oder wie siehst du das? Sie ist nicht mehr so klein, dass sie das nicht mitbekommt! Was ist denn jetzt? Liebst du mich noch?“

„Ja klar liebe ich dich …“

„Aber?“

„Nichts aber. Ich möchte wissen, wo du heute warst.“

Ich spüre, wie die nackte Angst in mir hochsteigt. Sage ich ihm die Wahrheit? Aber er kann eigentlich gar nichts wissen. Oh Mann, ich fühle mich so schuldig, so verdammt schlecht. Ich mache ihm Vorwürfe und bin am Ende nicht viel besser. Aber warum passiert uns das? Warum? Wir haben doch eine perfekte Ehe geführt … Aber anscheinend war sie doch wohl nicht so perfekt.

„Ich habe mit Caro gesprochen“, sagt er plötzlich.

„Mit Caro? Wann?“

„Ich wollte mit ihr über uns reden und hab mir deswegen heute frei genommen. Wir waren zusammen frühstücken.“

Bamm!!!

Das hat gesessen. Er hat mich ertappt. Mein gesamter Körper fängt an zu zittern. Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll.

„Ich war in einem Hotel“, beginne ich einen zweifelhaften Erklärungsversuch. „Allein!“

„Zwei Tage? Ich habe versucht, Hannes zu erreichen. Er war nicht im Büro, und ich brauche dringend ein paar Unterlagen von ihm. Komisch, ich habe mehrmals

versucht, ihn anzurufen, aber er hat mich jedes Mal weggedrückt.  Du weißt nicht zufällig, wo er steckt?“

„Nein … wieso sollte ich …?“

„Ich frage dich ja nur. Bei Caro warst du jedenfalls nicht. Ich dachte, vielleicht brauchtest du ja auch jemanden zum Reden.“

„Und da denkst du gleich, ich …“, sage ich und bekomme nur ein aufgesetztes Lachen heraus.

„Hätte ja durchaus sein können. Das Wochenende mit ihm muss ja super gewesen sein! Na ja, jedenfalls warst du nicht bei Caro.“

Ich fühle mich in der Defensive; in die

Ecke gedrängt, wie ein gehetztes Tier. Dabei war er es doch, der eine Affäre hatte oder sie immer noch hat. Also warum soll ich mich jetzt …? Doch … doch ich war auch nicht besser.

„Marc? Du, ich muss dir was beichten.“

„Okay, schieß los.“

„Du hast ja recht. Also … ich war nicht bei Caro.“

„Okay, wo warst du?“

„Bei Hannes“, platzt es mir heraus. „Aber nicht, was du denkst, ja? Ich war völlig fertig, als ich das mit dir und Saskia gehört habe. Mit dir wollte ich nicht sprechen, Caro war nicht zu erreichen und Mutter … vergiss es.

Hannes hat dich sprechen wollen und dich nicht erreicht. Es ging wohl um diese Unterlagen. Wir haben uns getroffen, im Rileys. Er hat mir gut getan und hat mir zugehört.“

„Die ganze Nacht? Das kannst du mir nicht erzählen!“

Ich war kurz vorm Explodieren. Wieso muss ich mich jetzt rechtfertigen? Gut, das mit Hannes war sicher nicht richtig, trotzdem war ich Marc doch „nur“ körperlich untreu. Aber was hat er denn gemacht? Ich mag nicht aufrechnen. Wir haben beide unseren Mist gebaut. Jetzt will ich einfach, dass wir uns wie erwachsene Menschen unterhalten…

„Ja, du wirst es nicht glauben, die ganze Nacht!  Erzähl mir lieber, was denn jetzt mit dir und deiner …“

„Saskia“, erinnerte er mich. „Saskia.“

„Ja, wie auch immer die heißt … was ist nun? Treibst dus noch mit ihr oder was?“

„Jetzt gehst du zu weit! Und wenn du es genau wissen willst: Nein, ich bin nicht mehr mit ihr zusammen!“

„Und, wie stellst du dir das jetzt vor mit uns?“

Marc greift nach der Tasse Kaffee und nimmt einen kräftigen Schluck. Ich stehe immer noch vor ihm. Ich weiß nicht, wohin mit meinem Blick, mit meinen Armen, meinen Beinen, meinen

Gedanken. Kurz, mir geht es schlecht.

„Ich weiß nicht, wie es weitergeht“, sagt er.

„Liebst du sie?“, frage ich.

Er antwortet nicht auf diese Frage, und mir schießen die Tränen in die Augen. Ich kann nicht mehr, drehe mich hilflos und wütend um, greife nach meiner Tasche, meinem Schlüssel und laufe zur Haustür. Marc folgt mir nicht. Ich zögere, bevor ich das Haus verlasse, warte noch, in der Hoffnung, dass er vielleicht doch noch hinterher kommt, aber er kommt nicht, und somit lasse ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen.

Als ich etwa eine Stunde später wieder nach Hause komme, ist Marc nicht mehr da.

Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so allein gefühlt. Ich hasse mich dafür, dass ich mit Hannes geschlafen habe und gebe mir die Schuld an dem Schlamassel. Marc ist nicht mehr mit dieser Saskia zusammen. Das hat er gesagt. Vielleicht war es auch nur ein Ausrutscher, wie man immer so schön sagt. War es das bei mir auch? Ein „Ausrutscher?“ Kann man das vergleichen? Ich habe doch nur Trost gesucht, und den habe ich bei Hannes gefunden. Es war schön mit ihm, ja, aber

es war gewiss nicht richtig. Ich liebe Marc, und ich will ihn zurück, ganz egal was auch passiert ist.

Erstmal muss ich aus den Klamotten raus. Kurze Zeit später liege ich in einer Badewanne in der das heiße Wasser, zumindest für diesen Augenblick, die Probleme von der Seele zu spülen scheint, um sie dann im Seifenschaum gänzlich verschwinden zu lassen.

Aus der Stereoanlage kommt die Stimme von Glen Frey, der mich mit seinem „River of Dreams“ in eine Welt entführt, die weit ab von all meinen Problemen liegt. Dorthin will ich entfliehen, denke ich.

Ich muss plötzlich an die alte Dame denken. Was die wohl jetzt gerade macht? Sie ist mit sich und der Welt im Reinen. Mir huscht ein Lächeln übers Gesicht, und ich habe das Bedürfnis sie wiederzusehen.

Nach einer ganzen Weile stehe ich, in ein Badehandtuch gewickelt, vor dem Spiegel und frage mich, wer diese Frau im Spiegelbild wirklich ist.

Ich frage mich, ob es das jetzt schon war, was mir das Leben geben wollte.

„River of Dreams“. Ja, denke ich, der Fluss, der die  Träume mit sich nimmt. Meine Träume. Einmal hat er sie mir mitgebracht und nun …? Nun gehen sie

dahin und versickern still im Sand.

In den frischen Sachen fühle ich mich gleich sehr viel wohler. Eine Jeans, einen weiten Strickpullover und weiche Wollsocken … ja, das bin ich, so bin ich.

Mein Handy klingelt irgendwo. Ich sehe mich um, kann es nicht finden. Ah, dort unter der Zeitung. Bis ich drangehen kann, hört es auch schon wieder auf. Die Nummer im Display kenne ich nicht. Meine Laune hat sich nach dem Bad spürbar gebessert, und meine Neugier zwingt mich zu einem Rückruf.

„Hofmeister?“, klingt die Stimme am anderen Ende und mir ist, als hätte ich

sie schon einmal gehört.

„Hallo, wer ist denn da?“

„Ja hallo, hier ist Kellermann, Judith Kellermann. Sie haben bei mir angerufen, aber so schnell war ich nicht. Mit wem spreche ich denn?“

„Ach“, freut sich die Stimme in der Leitung, „Kindchen, bist du es?“

   *

Das ist unfassbar! Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Gerade habe ich noch an sie gedacht. Ich freue mich richtig.

„Ach hallo“, rufe ich in den Hörer. „Das ist aber schön. Wie geht es Ihnen? Hier ist Judith Kellermann.“

„Hab doch nicht gewusst, ob die Nummer hier stimmt. Wie gehts dir Kindchen? Hab oft an dich denken müssen. Mir geht es gut, wenn man mal das Schlechte weglässt, nicht wahr? Muss heute wieder ins Marienkrankenhaus. Meinem Herbert geht es nicht gut. Ich will ihm ein Stück von meinem selbstgebackenem Apfelkuchen bringen, den mag er doch so gerne. Ach und dann wollte ich fragen, ob wir uns nicht mal zu einer Tasse Kaffee treffen wollen. Das wollten wir doch, oder? Schließlich steht die Einladung ja noch.“

Ich kann es noch immer nicht fassen und zögere einen Moment.

„Kindchen? Bist du noch da?“

„Ja“, antworte ich „ich bin noch da. Ich war nur nicht darauf gefasst.“

„Oh, ich störe doch nicht etwa?“

„Nein, nein. Sie stören überhaupt nicht. Ich freue mich wirklich. Ja … klar unseren verpassten Kaffee! Warum eigentlich nicht? Aber es ist doch heute Donnerstag, da wollten Sie doch nicht …“

„Ach“, erwidert sie, „heute will ich mir mal die Zeit nehmen.“

Gegen halb fünf sitze ich ihr im Cafe Heinbach an einem mit Blumen geschmückten Tisch gegenüber. Sie trägt eine weite, beigefarbene Hose, eine

schlichte weiße Bluse und eine zur Hose passenden Jacke. Ihr dunkler Mantel hängt an der Garderobe am Eingang, und auf dem Kopf sitzt ihr einzigartiger roter Hut.

„Ich habe Sie schon von weitem erkannt“, lache ich. „Der Hut macht Sie einfach unverwechselbar.“

Sie lächelt ebenfalls.

„Diesen Hut, Kindchen, ja den erkennt man schon von weitem. Aber nun erzähl mal. Wie ist sie denn nun ausgegangen, deine Geschichte?“

Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück, wende meinen Blick kurz von der alten Dame ab und hoffe insgeheim, dass die Kellnerin endlich auf uns aufmerksam

wird, um die Bestellung aufzunehmen und mir die Antwort auf die Frage, wie es mir ergangen ist, erspart bleibt.

„Du musst mir nichts erzählen, wenn du nicht willst, Kindchen. Geht mich ja auch nichts an.“

Ich schaue sie wieder an, versuche ein Lächeln, aber es misslingt. Stattdessen rollen mir wieder Tränen über die Wangen.

„Ich heiße übrigens Margret, und so schlimm sehe ich doch nicht aus, dass einem gleich die Tränen kommen, oder?“

Unwillkürlich muss ich lachen und wische mir die Tränen aus dem Gesicht. „Judith Kellermann“, sage ich und reiche ihr meine Hand.

„Nein, Sie sehen nicht schlimm aus. Ich mag ihren Hut. Ist das so was wie ein Markenzeichen oder so? Er hat so was wie …“

„Oh“, unterbricht mich Margret, „dieser Hut hat seine eigene Geschichte, weißt du. Wenn du willst, erzähle ich sie dir.“

„Ja bitte“, sage ich näselnd, „sehr gerne“, und suche vergeblich nach einem Papiertaschentuch.

„Einen Moment“, sagt Margret und hält mir kurz darauf ein frisches, gebügeltes Stofftaschentuch hin.

„Aber das ist doch …“

„Ein Taschentuch, ganz recht. So was hat man früher einmal gehabt, bevor man immer alles weggeworfen hat. Dies hier

hat meinem Georg gehört. Er wollte es nie benutzen, weil es so schön zusammengefaltet war. Er wollte es nicht zerknittern und schmutzig machen.“ Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Aber er hat sicher nichts dagegen, wenn ich es dir gebe. Hier Kindchen, nimm es und wisch dir die Tränen aus dem Gesicht.“

„Danke“, sage ich, nehme es an und schnäuze kräftig die Nase.

Margret lacht kurz auf und macht eine abweisende Handbewegung: „Jetzt will er es ganz bestimmt nicht mehr wieder haben.“

Wir müssen beide lauthals lachen, und einige der Gäste schauen zu uns herüber. Endlich kommt auch die Kellnerin an

unseren Tisch. „Was darf es sein?“

Margret bestellt eine heiße Schokolade mit viel Zucker und Sahne, ich nehme einen Cappuccino.

„Lecker, nicht wahr, Kindchen? Man soll das Leben genießen, auch wenn es dick macht. Vielleicht sollte ich meinen selbstgebackenen Kuchen auspacken …“  Und wieder lachen wir, darum bemüht, diesmal nicht so sehr aufzufallen. Es gelingt uns nicht wirklich. Margret schafft es doch tatsächlich, dass ich für einen Moment die Gedanken, die mich so sehr beschäftigen, vergessen kann. In diesem Augenblick, hier in diesem Cafe, zusammen mit dieser alten Dame, fühle ich mich plötzlich frei, und ein Gefühl

von Glück fährt mitten durch mein Herz. Ich mag sie, die alte Dame mit Hut. Ich mag sie wirklich.

„Also, was war denn nun mit dem Hut?“, frage ich, nachdem ich mich ein wenig gefangen habe.

Margret legt einen sehnsuchtsvoll verschmitzten Blick auf, schmunzelt, nimmt den Hut vom Kopf, legt ihn zur Seite und richtet mit der rechten Hand die Haare. Dann sucht sie meine Hand, hält sie fast schon zärtlich, und es hat den Anschein, als würden bereits ihre Augen viele Geschichten erzählen können.

„Mein Georg“, beginnt sie, „ Gott habe

ihn selig, war kein schlechter Mann, weißt du. Er war immer gut zu mir. Er hat mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Vierundfünfzig Jahre waren wir verheiratet! Vierundfünfzig Jahre! Stell dir das mal vor. Heute findet man das nicht mehr. Heute trennen sich alle, lassen sich viel zu schnell scheiden. Eine Welt ist das heute! Weil man nicht mehr bereit ist, füreinander da zu sein. Lieber schmeißt man alles hin und fängt was Neues an. Ach was solls …“

Noch immer hält sie meine Hände fest, dann fährt sie fort.

„Wir haben eine gute Ehe geführt, mein Georg und ich. Haben alle Höhen und Tiefen überstanden. Vor allem aber

haben wir zusammengehalten. Aber … er war auch ein Schlingel, mein Georg. Er mochte die Frauen, ja, und er hätte sie alle haben können, aber er nahm mich. Wir heirateten, nahmen uns eine kleine Wohnung, bekamen Kinder und so weiter und so weiter. Warte mal … ich glaube, ich hab da ein Foto.“

Sie kramt in ihrer Tasche und zieht aus einer ledernen Geldbörse ein altes Schwarzweißfoto hervor. „Hier, das bin ich, das ist Georg, und das hier ist Anne, meine Älteste“, zeigt sie stolz. Dann fährt sie fort: „Ach, das ist schon so lange her. Heute lebt sie in Frankfurt mit ihren Kindern. Sie hat zwei. Die jüngere ist so eine „Seelentante“ geworden mit

einer eigenen Praxis in Hannover. Psychotherapeutin. Ach Kindchen, die Zeit vergeht so rasch. Man darf sie nicht vergeuden.“

Ich höre ihr zu, und mir macht es nichts mehr aus, dass sie mich Kindchen nennt. Ich schaue ihr in die Augen, die klein und faltig wirken, aber glücklich.

„Jetzt schweife ich ab. Ich wollte dir doch von dem Hut erzählen. Irgendwann, es muss so Ende der Sechziger gewesen sein, da lernten wir Herbert und seine Frau kennen. Sie bewohnten ein Haus in derselben Straße, und wir besuchten uns oft gegenseitig. Aber Herberts Frau starb sehr früh, und es war eine schwierige Zeit. Nicht nur für ihn, sondern für uns

alle. Georg war zu dieser Zeit sehr viel unterwegs, und Herbert und ich kamen uns näher.“

Ich war ein wenig erschrocken. „Ha,“ unterbrach ich sie kurz, „Sie sind doch nicht etwa …“

„Fremdgegangen?“, bringt sie meine Frage zu Ende.

„Ich weiß es nicht. Jedenfalls sind wir uns zu nahe gekommen. Ja ich habe mich seinerzeit in ihn verliebt und er sich in mich, obwohl wir beide ganz genau wussten, dass es falsch war. Aber gegen Gefühle kann man einfach nichts machen. Trotzdem beendeten wir unsere Affäre nach kurzer Zeit wieder.

Herbert zog nach Augsburg, ich blieb mit

Georg hier. Wir sind nie von hier weggezogen.  Georg fragte auch nie nach dem Grund von Herberts Umzug. Er sprach auch nicht mehr über ihn. Ich glaube, er hat es gewusst, zumindest geahnt. Ich hätte mich damals dafür ohrfeigen können und habe mich fürchterlich geschämt. Dennoch habe ich Herbert nie vergessen können. Umso mehr freute ich mich über die überraschende Nachricht, dass er wieder hierher zurückkehren wolle. Fast zwanzig Jahre waren vergangen, und wir wollten uns unbedingt wiedersehen. Also telefonierten wir miteinander und verabredeten uns. Und wir vereinbarten ein Erkennungszeichen. Als ob ich ihn

nicht wiedererkennen würde …! Er wollte einen weißen Schal um den Hals tragen und in der rechten Hand eine rote Rose. Ich entschied mich für diesen auffälligen roten Hut. Ich war völlig aufgeregt. Wie ein junges Schulmädchen fieberte ich dieser, wieder einmal heimlichen Verabredung entgegen. Wir brauchten unsere Erkennungszeichen gar nicht. Wir fanden uns gleich auf Anhieb. Mindestens zwei Stunden lang haben wir uns unterhalten. Es war wie früher. Und es lag noch immer eine seltsame Spannung zwischen uns. Er hat nicht wieder geheiratet, ist für sich geblieben. Nachdem wir uns dann verabschiedeten, versprachen wir uns gegenseitig, uns

nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Und obwohl wir nicht mehr so weit voneinander entfernt wohnten, trafen wir uns seither selten.“

Sie hält inne und schweigt. Ich denke, dass sie nicht will, dass ich ihre Tränen bemerke.

„Acht Jahre ist es jetzt schon her, seit wir meinen Georg zu Grabe getragen haben.“

Margrets Augen starren ins Leere. Jetzt bin ich es, die ihre Hände hält. Es sind gepflegte Hände, die sich warm und weich anfühlen. Dann spricht sie weiter, versucht ein Lächeln und sagt: „Das

muss dich doch langweilen oder?“ „Nein“, entgegne ich, „überhaupt nicht. Bitte, ich möchte wissen, wie es weitergeht.“

„Weißt du, Kindchen, ich erzähle dir das, weil nichts auf dieser Welt wirklich so ist, wie es scheint. Es blieb nicht aus, dass wir uns wieder trafen, der Herbert und ich. Nein, nicht was du jetzt denken magst. Wir fingen nichts mehr miteinander an. Oh nein, nein, dazu fühlen wir uns inzwischen zu alt. Aber uns verbindet noch immer ein gewisses Etwas.“

Sie lächelt verschmitzt und sieht mich an.

„Und wo ist er jetzt?“, frage ich, um das

Gespräch nicht zu einseitig wirken zu lassen.

„Als mein Mann tot war, war Herbert derjenige, der mich tröstete und mir über die schwersten Tage hinweg- geholfen hat. Und vor einem halben Jahr etwa erfuhr ich dann von seiner schweren Krankheit. Ihm geht es sehr schlecht. Die Ärzte sagen mir nicht alles, weil ich ja nicht mit ihm verwandt bin, aber ich weiß, dass es nicht gut um ihn steht. Manchmal erkennt er mich nicht und fragt dann, wer ich bin. Ach das ist schlimm, Kindchen. Aber weißt du, an was er sich jedes Mal erinnern kann?“

„An den Hut“, sage ich spontan.

„Genau! Und deshalb trage ich ihn, und

ab und an lasse ich ihn bei ihm am Bett liegen, dann lächelt er manchmal. Ich glaube, dass er dann glücklich ist. Und nun besuche ich ihn jeden Donnerstag im Marienhospital.“

„Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie an die Affäre zurückdenken?“, frage ich und bin mir im selben Moment nicht sicher, ob diese Frage jetzt hierher passt. „Und, wenn das nicht zu indiskret ist, lieben Sie ihn noch?“

Mist, denke ich und beiße mir auf die Zunge, jetzt habe ich den Bogen überspannt, doch dann antwortet sie mir.

„Das, Kindchen, ist es, worauf ich hinaus wollte. Ich habe meinen Mann sehr

geliebt. Und auf irgendeine andere Weise liebe ich Herbert auch.

Du siehst also, es passiert nicht nur dir, sondern allen anderen Menschen auf dieser Welt auch. Und ob ich es bereue? Naja, für einen kurzen Moment in meinem Leben war ich schwach, aber bereuen … nein, bereuen tue ich es nicht. Es hat mein Leben ja nicht ärmer gemacht. Und ja, wenn ich so an Georg denke … ja dann bereue ich es, aber nur ein ganz klein wenig.“

Sie hebt den Kopf und sieht zur Decke.

„Ach Georg, wenn du das hörst, vergib mir bitte.“

Ich sehe sie an, sie leidet, aber doch scheint sie nicht unglücklich zu sein.

Den letzten Rest ihrer Schokolade lässt sie übrig.

„Ich muss jetzt los“, sagt sie. „Wir werden uns sicher bald wiedersehen. Lass den Kopf nicht hängen und denk darüber nach.“

Schon hat sie wieder den Hut auf dem Kopf, reicht mir die Hand, lächelt mich an und verlässt das Cafe. Einfach so. „Tschüss“, rufe ich ihr noch nach, doch sie ist mit ihren Gedanken längst woanders.

Eine Weile bleibe ich noch und versuche ihre Geschichte irgendwie einzuordnen, sie in mein Leben zu integrieren, aber noch bekomme ich das nicht hin. Ich zahle und mache mich ohne besondere

Eile auf den Heimweg. Gedanken gehen mir durch den Kopf. Viele Gedanken. Gedanken und die kleine Geschichte der alten Dame mit Hut.

„Liebe ich Marc noch? Was ist mit Hannes? Kann ich beide lieben? Nein, nein, nein, Judith! Nein!“

Ich entschließe mich dafür, zu Fuß zu gehen und nicht die U Bahn zu nehmen. Der Wind hat nachgelassen, und es regnet jetzt auch nicht mehr. Noch immer sind viele Menschen auf den Straßen, und jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte, denke ich. So wie ich, so wie Margret, wie Marc, wie Hannes …

Ich schlendere an den Schaufenstern vorbei und finde plötzlich, dass ich gar

nicht so schlecht aussehe und lege diesen Gedanken in mein privates „nur für Judith Fach“ ab. Auf der anderen Straßenseite erkenne ich den Lackaffen mit dem Aktenkoffer aus der U Bahn wieder. Links und rechts zwei langbeinige Schönheiten, die über seine flachen Witze lachen, nur um an den schönen Schein des Lebens zu gelangen, oder die schönen Scheine in seiner Brieftasche. Ganz nüchtern sind die auch nicht mehr. Ganz sicher geht er heute Nacht auch nicht leer aus.

Nicht weit davon entfernt betritt ein feiner Schlipsträger mit gesenktem Kopf ein stadtbekanntes Bordell. Es wird nicht lange dauern, bis er mit demselben Blick

wieder heraus kommt.

Ich muss an Saskia denken. Sie kann irgendwie nichts dafür. Oder doch? Schließlich wusste sie, dass sie sich mit einem verheirateten Mann einlässt. Sie wusste, dass sie sich zwischen Marc und mich drängt, also warum …? Hat Marc sie angelogen? Hat er ihr etwa gesagt, dass er sich von mir trennen will? Oder hat er ihr gar nicht erzählt, dass er verheiratet ist? Nein, Saskia hat selbst gesagt, dass sie sich betrogen fühlt. Und ich? Wie stehts eigentlich mit meinen Gefühlen für Hannes? Mir kommt ein älteres Paar entgegen. Als ich mich umschaue, sehe ich, dass der Mann mir direkt auf den Hintern glotzt. Seine Frau

sieht in eine andere Richtung. Sie will es nicht bemerken. Kurz darauf überquere ich einen Zebrastreifen.

Den Schlipsträger  hinter dem Steuer des dicken Mercedes erkenne ich wieder. Wird er jetzt nach Hause fahren zu seiner Frau und seinen Kindern? Und wird er ihnen erzählen, wie stressig es im Büro war? Und wie wird er die „Überstunde“ im Bordell erklären? Ich weiß es nicht. Ich will es auch nicht wissen. Ich weiß nur eins, es widert mich an. Alles widert mich an.

Und ja, ja, ja … ich bereue die Nacht mit Hannes aber im Hinblick auf all das hier, lediglich zu maximal fünf Prozent!

Den Rest lege ich unter „Judiths gutes Recht“ ab.

Es trennen mich nur noch wenige Straßen, nur noch ein paar Minuten von meinem Zuhause. Ein Zuhause, das mir fremd geworden ist. In diesen paar Minuten treffe ich eine Entscheidung. Eine einsame Entscheidung. Eine Entscheidung, bei der ich noch nicht ganz sicher bin, ob sie richtig ist oder falsch. Doch es ist meine Entscheidung.

Vor unserem Haus steigt Marc auf der Beifahrerseite eines roten Cabriolets ein, an dessen Steuer eine junge Frau sitzt. Er hat mein Kommen nicht bemerkt. Ich

erkenne das junge Mädchen wieder, mit dem ich vor kurzem erst in einem Cafe gesessen habe Saskia. Sie tut mir leid.

Und morgen kommt Sophie von der Klassenfahrt zurück.

Epilog

Der feine Sand unter meinen Füßen ist um diese Jahreszeit immer noch angenehm warm, obwohl die Sonne schon

sehr viel ihrer Kraft an den herannahenden Herbst abgegeben hat. Mittags kann man durchaus noch im kurzen Shirt unterwegs sein, aber zum Nachmittag hin ist eine Jacke oder eine Strickweste jetzt schon ganz angebracht. Die seichte Brise, die von Westen her über das Meer kommt, streichelt meine Haut und lässt die Haare im Wind wehen. Wie lange mag ich hier wohl schon sitzen? Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Es ist noch gar nicht so lange her, als ich hier, an diesem Ort, mit Hannes saß. Manchmal denke ich noch an ihn. Er ist mir ein Freund geblieben; wie die Wellen und das Meer. Wie die Möwen und der Sand.

Ich stehe auf, streife den Sand von der Hose und gehe langsam zwischen den Dünen hindurch, bis zu dem mit Schotter und Sand befestigten Weg, der in das kleine Fischerdorf führt, welches mir zur neuen Heimat geworden ist. Mit der Arbeit als Verkäuferin hier im einzigen Supermarkt des kleinen Ortes, verdiene ich nicht gerade ein Vermögen, aber für Sophie und mich reicht es allemal.

Sophie hat sich recht gut eingelebt, doch vermisst sie ihren Vater, den sie alle vierzehn Tage regelmäßig besucht. Sie gibt niemandem die Schuld daran, aber sie leidet unter der Trennung.

Marc ist längst nicht mehr mit Saskia

zusammen und lebt allein. Ich weiß nicht, wie es ihm geht, und ich glaube, ich will es auch nicht wissen, jedenfalls im Moment noch nicht.

Und ich? Ich warte darauf, dass mir der Westwind neue Träume schenkt und dann … wer weiß das schon?

Ende

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Trollmops
Hallo liebe "myStorys" Gemeinde.
Schön, dass es Euch noch gibt. Vor langer Zeit, in den Anfängen dieses Forums, damals waren es gerade mal 64 Mitglieder, hatte ich als "Trollbär" auch einige Texte verfasst. Wir hatten in dieser Zeit einen sehr netten Umgang und haben die Sammelbände "MyStory's" und "MyStory's 2" zu Wege gebracht. Auch ein Autorentreffen hat damals stattgefunden.

Das Leben trifft manchmal merkwürdige Entscheidungen. Das war letztendlich einer der Gründe, weswegen ich dieses Forum verließ. Nun führt mich mein Weg wieder hierher, und ich hoffe sehr, dass ich Euch mit meinen Texten und Gedichten erfreuen kann.

Ich bin verheiratet, die Töchter sind erwachsen, und privat betreiben wir die "Kleine Zeitenwindbühne" auf der in unregelmäßigen Abständen Lesungen, Minikonzerte und andere Formen der Kleinkunst dargeboten werden. Des Weiteren trete ich vor interessiertem Publikum auf und lese meine Texte, welche ich mit Musik unterstreiche.
Wer mehr von mir wissen möchte, darf mich gerne fragen oder bei Facebook unter Trollbär Lyrik und Kleine Zeitenwindbühne heimlich gucken.

Liebe Grüße an dieser Stelle von mir, dem Trollbär

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Memory 
Fertig :)
Sehr fein erzählt, lieber Det.
Du verstehst es, Gefühle zu beschreiben, all die Zweifel, Wahrheiten und das ganze Chaos. Nie zu viel oder zu wenige Worte.
Und das Ende - wenn auch nicht überraschend, war es doch bis zum Schluß offen.
Daumen hoch und ich wäre bereit für die Fortsetzung :)
Lieben Gruß
Sabine
Vergangene Woche - Antworten
Trollmops Vielen Dank für Deinen Kommentar. Und schön, dass Dir diese Geschichte gefallen hat.Mit der Fortsetzung geht es dann nächste Woche erst weiter. Ich komme diese Woche leider nicht dazu.
Gruß Det
Diese Woche - Antworten
Trollmops Diese Geschichte um Julia Kellermann, könnte mit dem hier letzten Kapitel beendet sein, doch wohin führt ihr Weg? Nimmt alles noch eine gute Wendung?
Der Roman "Goldenes Herbstlaub und fünf Prozent Wind" hält die Antwort auf all die Fragen bereit.
Vergangene Woche - Antworten
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