Romane & Erzählungen
Fünf Prozent Liebe 3. Kapitel - Nur Fünf Prozent Verständnis

0
"Fünf Prozent Liebe 3. Kapitel - Nur Fünf Prozent Verständnis"
Veröffentlicht am 11. Januar 2019, 54 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
© Umschlag Bildmaterial: lassedesignen - Fotolia.com
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Hallo liebe "myStorys" Gemeinde. Schön, dass es Euch noch gibt. Vor langer Zeit, in den Anfängen dieses Forums, damals waren es gerade mal 64 Mitglieder, hatte ich als "Trollbär" auch einige Texte verfasst. Wir hatten in dieser Zeit einen sehr netten Umgang und haben die Sammelbände "MyStory's" und "MyStory's 2" zu Wege gebracht. Auch ein Autorentreffen hat damals stattgefunden. Das Leben trifft manchmal merkwürdige Entscheidungen. Das war ...
Fünf Prozent Liebe 3. Kapitel - Nur Fünf Prozent Verständnis

Fünf Prozent Liebe 3. Kapitel - Nur Fünf Prozent Verständnis

Titel

Nur fünf Prozent Verständnis … nur fünf Prozent

… Vergessen

Von Gefühlen überwältigt werfen Lügen weite Schatten. Und in deren Dunkelheit wird die Wirklichkeit vergessen Aber warum

..? „Nein, es geht wirklich nicht! Ich melde mich morgen wieder, aber heute geht’s auf gar keinen Fall. Was? Nein, nein ist schon Ok, wie gesagt, ich denke, dass ich morgen wieder fit bin. Ich melde mich bei euch, bis dann.“ So, das wäre für heute erstmal geklärt.

Ich lege das Handy beiseite und lasse mich hilflos seufzend auf die Bettkante plumpsen. Ich muss mit irgendjemandem reden. Bloß mit wem? Caro ist um diese Zeit schon im Büro, Florian ist auf Dienstreise … und Hannes? Nein, ich will ihn damit nicht belasten. Ich kann mich ja vor den Spiegel stellen. Aber dieses Häufchen Elend, das mir darin begegnet, wird mir auch nicht helfen können. Ich entschließe mich dazu, meiner Mutter einen Besuch abzustatten. Vielleicht hilft es mir, mich ein wenig abzulenken. Die Krankmeldung gibt mir zumindest für heute etwas Zeit dazu. Außerdem muss ich meine Gedanken neu ordnen.

Wahrscheinlich hätte ich sowieso nicht konzentriert arbeiten können. Die letzte Nacht war die Hölle, trotzdem erscheint sie mir besser als die vorletzte. Mein Blick fällt auf die Wanduhr mit ihren kitschig bunten Figuren, die, im Takt der Sekunden zuckend, um das Ziffernblatt tanzen. Halb acht durch, denke ich, und noch immer sitze ich, nur mit Slip und T-Shirt bekleidet, auf der Bettkante. Was mach’ ich hier eigentlich? Ob er wohl schon zuhause ist? Ist mir eigentlich auch egal. Soll er doch machen, was er will! Ich will jetzt erstmal unter die Dusche. Zum Glück gibt es eine auf dem Zimmer. Ich stehe auf, krame in der Reisetasche

nach frischen Sachen und einem Handtuch. Okay, Handtuch ist nicht. Hab ich wohl in der Eile gestern vergessen, aber ein kurzer Blick zur Dusche gibt mir die Gewissheit, dass ich nachher nicht warten muss, bis ich von selbst getrocknet bin. Es befinden sich ausreichend hauseigene Tücher in zwei verschiedenen Größen in den Regalen. Das Wasser prasselt an mir herab. Es tut gut, und ich genieße den warmen Schauer, der mit dem Seifenschaum den ganzen Müll der vergangenen neun Jahre meiner Ehe mit sich nimmt und ihn für immer im Abfluss verschwinden lässt. Ich drehe den Hahn ab und stelle fest, dass ich mich doch wohl zum Trocknen

in den Wind stellen muss – ich habe das Handtuch nicht mitgenommen. Es liegt noch im Regal, das viel zu weit von der Dusche an der Wand angebracht ist und man nicht drankommt, ohne dabei die Kabine verlassen zu müssen. Und ohne es zu wollen muss ich jetzt grinsen. Nun gut, meinen Humor habe ich noch nicht verloren! Auch fühle ich neue Kraft in mir aufsteigen. Es ist kurz nach neun, als ich das Hotelzimmer verlasse. Draußen schlägt mir ein kühler, unangenehm nasser Wind entgegen. Das Wetter hat über Nacht umgeschlagen, und es kommt mir vor wie eine Ohrfeige, die mir zu gelten scheint. Der Wind hat sich gedreht – genauso wie

mein Leben, das sich von gestern auf heute um 180 Grad gedreht hat. In meinem Kopf taucht immer wieder dieselbe Frage auf. Warum? Ich nehme die U-Bahn, die mich in die Stadt bringen soll. Sie ist völlig überfüllt, und ich bin gezwungen, mich an einer der Haltestangen festzuhalten. An einen Sitzplatz ist nicht zu denken. Schulkinder drängeln sich mit ihren viel zu großen Schulranzen durch den schmalen Gang, streiten sich zu dritt oder zu viert um einen Platz und machen dabei einen Höllenlärm. Die letzte Woche vor den Ferien. Ja, denke ich, nicht alle sind auf

Klassenfahrt. Auf der rechten Seite, ziemlich weit vorne, fällt mir eine ältere Dame auf, die mit ihrem roten, viel zu großen Sommerhut aus der Menge heraussticht. Auch das grüne Seidentuch, welches die Hutkrempe verziert, trägt nicht wirklich dazu bei, hier unauffällig zu bleiben. Vielleicht macht sie das mit Absicht, denke ich so. Aber sie scheint das nicht zu kümmern. Sie sieht aus dem Fenster, und es kommt mir vor, als wäre sie mit sich und der Welt im Reinen. Nur dieser Hut … bei diesem Wetter …? In der Mitte des Ganges, direkt vor dem

Ausgang, steht ein junger Mann mit hellgrauem Anzug, einer passenden Krawatte, und einem schwarzen Aktenkoffer, den er am Boden zwischen seinen Füßen abgestellt hat. Ständig auf die Armbanduhr schauend und immer wieder nervös mit dem Smartphon hantierend, hat er Mühe, seinen festen Stand zu behalten. Mein Blick trifft sich zufällig mit dem einer jungen Frau. Sie trägt einen weißen Rollkragenpullover und darüber eine ärmellose Lederweste. Ihre dunkelbraunen, leicht gelockten Haare, fallen ihr bis auf die schmalen Schultern. Auf den Knien hält sie eine braune

Wildlederhandtasche. Sie lächelt kurz, ich lächele zurück, zucke mit den Schultern und deute eine gewisse Hilflosigkeit an. In den kommenden fünf bis zehn Minuten treffen sich unsere Blicke noch mehrmals, bis sie sich an einer Haltestelle winkend ohne ein Wort von mir verabschiedet. Ich frage mich, warum ausgerechnet sie mir in der Menge auffällt. Währenddessen bemerke ich, dass mich ein Mann mittleren Alters die ganze Zeit über ansieht und ständig versucht, dasselbe zu machen, wie es das junge Mädchen getan hat. Er ist weder mein Typ, noch habe ich Lust, mich im

Moment mit einem Mann zu beschäftigen. Von Männern habe ich momentan die Nase gestrichen voll! Ich bemühe mich, ihn nicht zu beachten. „St. Georg Gymnasium!“, schallt es undeutlich aus den Lautsprechern, und eine Lawine grölender Schulkinder bahnt sich ohne Rücksicht, drängelnd und schubsend, ihren Weg zum Ausgang und nimmt alles mit sich, was sich ihr in den Weg stellt. Ein schwarzer Aktenkoffer nimmt seinen Weg rutschend, scheppernd den Mittelgang entlang, bis fast zum vorderen Ende des Wagens. Umständlich

versucht der Herr im Anzug ihm hinterher zu eilen und entschuldigt sich tausendmal bei den übrigen Fahrgästen. Ihm ist das sichtlich peinlich. Besser als Kino, denke ich und muss schon wieder grinsen. Die Bahn ruckt wieder an und es wird deutlich ruhiger. Der Herr im Anzug ist nicht mehr da, und ich frage mich schmunzelnd, ob er in der Menge untergegangen, oder ob er freiwillig ausgestiegen ist. Endlich sind auch wieder Sitzplätze frei. Die alte Dame mit Hut ist noch da. Ich finde sie interessant. Höflich frage ich sie, ob ich mich neben sie setzen darf. Sie sieht mich an,

mustert mich für den Bruchteil einer Sekunde und sagt mit sicherer Stimme: „Kindchen, der Platz hier ist doch leer, warum solltest du dich nicht setzen dürfen. Alle anderen fragen doch auch nicht. Also setz dich.“ „Danke“, sage ich, etwas verunsichert. Ich setze mich vorsichtig, bemüht, ihren Hut nicht zu berühren, mit etwas Abstand an den Rand der roten Sitzbank. „Hast du Angst vor mir?“, fragt sie, ohne mich dabei anzusehen. „Was … äh … nein“, sage ich und werde von ihr unterbrochen. „Brauchst du nicht, Kindchen, brauchst du nicht. Ich tu dir nichts, das macht das Leben von ganz allein.“ Ich nicke, lächle höflich.

Dann fährt sie fort: „Du hast doch was auf dem Herzen, Kindchen, das spürt man doch. Hat er eine Andere?“ Abrupt fahre ich herum, will etwas sagen, doch die Worte bleiben im Hals stecken. „Und jetzt bist du auf der Flucht, was?“, fährt sie fort. „Was glaubst du, wie weit du kommst, Kindchen?“ Sie soll mich nicht immer Kindchen nennen! „Na ja …“, will ich antworten, doch sie gibt mir mit einer Geste ihrer erhobenen Hand zu verstehen, dass ich jetzt lieber nichts sagen sollte. Ich halte Inne. „Habt ihr Kinder?“ Jetzt sieht sie mich an. „Ihr habt Kinder. Also wie weit, hmm?“

Der Lautsprecher knackst zwei Mal, bevor die Stimme den nächsten Halt durchgibt: „Marienhospital!“ Die alte Dame dreht sich kurz auf ihrem Platz und greift nach ihrer Handtasche, bevor sie aufsteht. Sie stützt sich mit der linken Hand auf meiner Schulter ab. „Ich muss hier raus“, sagt sie, „wir sehen uns noch, Kindchen, wir sehen uns noch.“ Ich stehe auf, lasse sie durch und sehe ihr noch nach, wie sie die U-Bahn in Richtung Hospital verlässt. „Aber wie kann ich sie denn … erreichen?“, rufe ich ihr noch nach, aber es ist bereits zu spät. Die Bahn hat sich schon wieder in Bewegung gesetzt und ist nun auf dem

Weg zur letzten Station – meiner Station. Der Typ von vorhin steht plötzlich direkt neben mir. Den hatte ich schon fast vergessen. „Na“, versucht er ein Gespräch zu erzwingen, „auch so früh schon unterwegs?“ Erst jetzt gelingt es mir, ihn irgendwie einzuordnen. Etwa Mitte fünfzig, schütteres Haar, graue Schläfen, unrasiert. Nicht etwa so ein Dreitagebart wie Hannes ihn manchmal trägt – bei ihm hat das noch was Erotisches – nein, hier wirkt es schlichtweg ungepflegt! Ganz kurz nur schweifen meine Gedanken ab, bevor mir sein Ehering

auffällt. Er scheint es bemerkt zu haben, hebt kurz die Hand und erzählt mir was von gescheiterter Ehe und dass er sich von seiner Frau trennen will und blah, blah, blah. Nervös schaue ich auf die Uhr. Ich will ihn nicht mehr ertragen müssen, will aber auch nicht unfreundlich sein. Trotzdem erinnert mich das Ganze wieder an Marc. Ob er auch solche Sprüche losgelassen hat? „Tut mir leid für Sie“, sage ich, „aber ich muss jetzt hier gleich raus.“ „Darf ich Sie ein Stück begleiten? Wir könnten eine Kleinigkeit essen, ich lad’ Sie ein, und dann könnten wir vielleicht …“ Weiter kommt er nicht, denn in mir brodelt

gerade ein Vulkan, der kurz vorm Ausbruch steht. Noch gefasst und mit etwas Ironie in der Stimme führe ich seinen Satz fort: „… anschließend ein bisschen vögeln oder was? Lassen sie mich in Ruhe. Sparen sie sich das für Ihre Frau, die wartet bestimmt schon auf Sie!“ Ich stehe von meinem Platz auf. Er rührt sich keinen Zentimeter, so dass ich mich dicht an ihm vorbeidrängeln muss. Er riecht nach Schweiß. Ich spüre seine Blicke. Wie sie mich ausziehen – widerlich. Die Bahn hält an, ich steige aus und laufe zielstrebig in das nächste Stehcafe. Erst als ich dort ankomme, wage ich

mich umzudrehen. Der Typ ist mir nicht gefolgt. „Gott sei Dank“, rutscht es mir heraus. Ich bestelle eine Tasse Kaffee und ein Buttercroissant, schließlich habe ich heute noch nicht gefrühstückt. Dabei schweift mein Blick noch immer suchend umher, um sicher zu gehen, dass er auch wirklich weg ist, doch er scheint nicht mehr da zu sein. „Suchen sie jemanden?“, fragt die die Dame hinter der Theke. „Nein, ich hab nur gedacht … ich werde von jemandem verfolgt. Alles in Ordnung.“ „Ich mein’ ja nur, weil Sie eben, als sie rein gekommen sind, „Gott sei Dank“

sagten...“ „Ja, da war eben so’n Typ in der U–Bahn. Hat versucht, mich anzubaggern. Aber jetzt scheint er ja weg zu sein.“ „So Typen kenn’ ich. Haben zu Hause nichts zu melden und hängen gleich an jedem Rockzipfel. Männer sind doch alle gleich.“ „Meiner nicht“, sage ich und versuche jetzt cool und selbstsicher zu wirken. Es gelingt mir nicht. „So, was bekommen sie?“ „Drei achtzig.“ Ich zahle, und schon hat mich die Straße wieder. Mittlerweile hat es sich eingeregnet. Der Wind hat an Kraft zugelegt und spielt mit den Regenschirmen der Leute. Ich ziehe den

Kragen höher. Nur noch ein paar Straßen weiter, dann bin ich da. Schumannstraße 4. Ich lasse meinen Blick kurz schweifen. Da ist es. Das kleine, gepflegte Haus mit dem blau angemalten Balkongeländer, an dem die Farbe allmählich abzublättern beginnt. Der Springbrunnen mit dem vom Wetter ausgeblichenen Froschkönig, der früher immer gequakt hat, wenn man an ihm vorbei lief. Dann die kleine Gartenlaube, in der ich mich immer versteckt hielt, wenn ich etwas angestellt hatte. Vater fand mich regelmäßig dort und setzte sich zu mir auf den Boden. Dann waren wir immer ganz leise, unterhielten uns im Flüsterton und taten immer so, als

müssten wir ein Geheimnis bewahren. Dabei klärten wir jedes meiner kleinen Vergehen, ohne dass jemals ein böses Wort fiel. Ich mochte ihn sehr. Der Regen peitscht noch immer auf mich ein, und es fühlt sich an, als wolle er mich strafen. Strafen für etwas, für das ich keine Schuld empfinde, mir keiner Schuld bewusst bin. Ich denke an Vater, ich bräuchte ihn jetzt. Der rostige Griff am Zauntürchen ist immer noch derselbe wie früher. Langsam drücke ich ihn herunter. Quietschend öffnet sich das Tor, und kurz darauf hocke ich, völlig durchnässt und mit Tränen in den Augen, auf dem

morschen Holzboden der kleinen Laube. Vater kommt nicht – er wird nie wieder kommen, aber ich bin mir sicher, dass er mich jetzt trotzdem sieht. Mama hat mich nicht bemerkt. Ich kann nicht ewig hier sitzen bleiben, und nach ein paar Minuten der Selbstfindung stehe ich vor der Haustür und drücke den Klingelknopf. „Judith, wie siehst du denn aus? Was machst du denn hier? Musst du nicht arbeiten, hast du frei heute? Komm rein, ich mach uns einen Kaffee. Schön, dass du da bist, setz dich und zieh erstmal die nassen Klamotten

aus.“ So ist sie, meine Mutter! Redet und redet, ohne Pause, stellt tausende von Fragen gleichzeitig, lässt einen selbst nicht zu Wort kommen und wundert sich anschließend darüber, dass sie keine Antworten bekommt. Das spielt am Ende auch keine Rolle mehr, weil sie zum Schluss gar nicht mehr weiß, was ihre erste Frage gewesen ist, und sie, glaube ich, sowieso nicht wirklich eine Antwort erwartet. Bevor ich also etwas sagen kann, legt sie sich abermals ins Zeug. Ich warte, bis sie ihr Pulver verschossen hat, dann muss ich ihr, wohl oder übel

erklären, was in den letzten beiden Tagen passiert ist. Ich traue mich nicht – fühle meinen Mut schwinden. Für sie ist Marc doch der Vorzeigeschwiegersohn! Hektisch trocknet sie ihre Hände an der blaukarierten Schürze ab und legt eine Küchengabel auf die Anrichte. „Ach Kleine, wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, hätte ich noch eingekauft. Wie bist du eigentlich hierher gekommen? Wo ist Marc? Ist er nicht mitgekommen? Sind denn eigentlich noch Ferien? Ach, dann ist er bei der Kleinen geblieben,

was?“ „Nein Mama …“ „Nicht? Ich dachte, weil du …“ „Nein Mama“, unterbreche ich ihren Redeschwall, „Er hat ’ne Andere.“ Jetzt ist es raus, schneller als ich wollte, aber es war die einzige Möglichkeit, hier mal Ruhe einkehren zu lassen. Sie hält für einen kurzen Moment inne, dreht den Kopf schief, so wie sie es immer tut, wenn sie glaubt, nicht richtig gehört zu haben, und dann sieht sie mich fragend

an. „Was? Marc hat …?“ „Eine Andere, ja.“ „Sag das noch mal. Marc hat … nein das glaub ich nicht. Wie kommst du denn darauf?“ „Na, wie komme ich wohl darauf? Er hat mir am Telefon brühwarm erzählt, dass er sich in eine Andere verliebt hat, Punkt.“ Ich drehe mich zum Fenster, um ihrem Blick nicht standhalten zu müssen. Mein ganzer Körper zittert. Mir fehlt der Schlaf. Das macht sich erst jetzt so richtig bemerkbar, und ich vergrabe meine Hände ganz tief in den

Hosentaschen. „Das kann ich mir bei ihm gar nicht vorstellen“, sagt sie schon fast vorwurfsvoll, „bist du dir da ganz sicher? Vielleicht hast du da nur was falsch verstanden. Hattet ihr Streit? Also ich kann jetzt gar nicht glauben.“ „Mama!“ Ich drehe mich zu ihr. Sie steht da, den Kochlöffel in der Hand, in der Suppe herumrührend und sieht mich nicht mal. „Mama, ich muss wieder los“, sage ich und frage mich im selben Moment, warum ich überhaupt hergekommen

bin. „Du willst schon wieder gehen? Bist doch gerade erst gekommen. Warte wenigstens, bis das Essen fertig ist. Hast du denn keinen Hunger?“ „Mama, ich habe keinen Hunger, der ist mir vergangen. Außerdem, würdest du mich nur einmal ansehen, dann würdest du vielleicht auch mal merken, dass es mir nicht gut geht, aber … ach ist ja auch egal.“ Dass ich wieder weg bin, bemerkt sie erst, als die Haustür laut krachend ins Schloss fällt. Jetzt erst scheint alles über

mir zusammenzufallen. Die Tränen nehmen mir die letzte Kraft und brechen nun voll und ganz aus mir heraus. Kraftlos heulend nehme ich den Weg zurück in die Innenstadt. Soviel zu Mutter. Verdammt, ich komme mir so allein gelassen vor! So … als ob ich wirklich an allem die Schuld trage. Umständlich krame ich nach einem Papiertaschentuch und werde wütend darüber, dass ich es nicht gleich finde und dass es dann auch noch beim Herausziehen zerreißt. Der Regen tut das Übrige. So sieht man wenigstens die Tränen nicht, denke ich. Die Fußgängerzone ist nicht sehr weit, und ich habe sie schon fast erreicht, als

mir die junge Frau von heute Morgen aus der U–Bahn über den Weg läuft. „Hey, hallo. So trifft man sich wieder“, sagt sie und lächelt. „Ja“, sage ich, „ist schon merkwürdig.“ „Na dann“ sagt sie, „bis wieder einmal vielleicht.“ „Ja bis dann, vielleicht“, gebe ich zurück. Doch dann, nach ein paar Schritten, drehe ich mich nach ihr um, laufe zurück und habe sie bald schon eingeholt. „Lust auf einen Kaffee?“, frage ich sie spontan. Ich muss mit jemandem reden, und wenn nicht mit meiner Mutter, dann wenigstens mit ihr, einer wildfremden Frau, denke ich. Und irgendwie scheint sie mir vertraut. „Ähem, Kaffee? Ja, warum nicht“, sagt

sie, wundert sich einen kurzen Augenblick, lächelt, reckt den Kopf und sieht sich kurz um. „Da drüben?“, fragt sie und zeigt auf ein kleines Bistro ganz in der Nähe. Ich bin einverstanden, und kurz darauf sitzen wir uns gegenüber, wissen nicht so recht, über was wir reden sollen. Da bemerkt sie meine roten Augen. „Ist was nicht in Ordnung?“ „Nein“, antworte ich schnell, „ist nichts. Nur der Heuschnupfen.“ „Ah, Heuschnupfen. Ist ein echter Scheißkerl oder?“ Ich denke mir, warum wissen die alle bloß, was mit mir los ist. Alle, nur Mama nicht! „Ja … nein … eigentlich – da meint man

den Mann, mit dem man seit neun Jahren verheiratet ist, zu kennen und dann …?“ „Dann hat er ne Andere. Ist es so?“ Bamm!!! Das hat gesessen. Mitten ins Herz. Da trifft man jemanden wildfremden und … unmöglich. „Und jetzt?“, fährt sie fort, „bist du abgehauen oder was?“ Ich nicke nur. Das Mädchen, Saskia, sie hat mir ihren Namen verraten, holt tief Luft, presst die Lippen aufeinander und sagt: „Dann sind wir ja fast so was wie Leidgenossinnen. Meiner hat mir brühwarm erzählt, dass er verheiratet ist. Aber natürlich erst, nachdem wir zusammen im Bett waren. Die sind alle gleich, das kannste mir

glauben.“ „Meiner nicht“, höre ich mich wieder sagen, doch glaube ich das bald selbst nicht mehr. „Er hat sich verliebt, na und? Soll vorkommen …“ Ich kann die aufgestauten Tränen jetzt nicht mehr länger zurückhalten, lasse sie einfach laufen, versuche, sie zu ignorieren, doch unaufhaltsam nehmen sie ihren Weg über die Wangen zu den Mundwinkeln und kitzeln mich dort, als wollen sie mich wachrütteln. Wütend wische ich sie mit dem Ärmel weg. Mit verschwommenem Blick und laufender Nase sehe ich, wie Saskia mir ein Papiertaschentuch reicht. „Danke“, sage ich, wische die Tränen aus dem Gesicht

und putze mir die Nase. Mir ist das Ganze peinlich und ich entschuldige mich bei ihr. „Ist gut“, sagt sie ruhig, „ich kann das verstehen. Ging mir nicht viel anders. Das wird wieder.“ Umständlich stecke ich das Tuch in die Hosentasche und sehe sie dabei an. Klar, es wird wieder. Aber wie wird es wieder? Und wann? Schließlich hat sich von heute auf morgen so ziemlich alles in meinem Leben verändert. Schniefend versuche ich, die Fassung wiederzuerlangen. „Sorry“, sage ich, „tut mir leid, aber ich weiß im Moment einfach nicht mehr weiter.“ „Ist schon okay. Bei mir war das auch so. Erst verspricht er mir das Blaue vom

Himmel, geht schick mit mir essen und ist der zärtlichste Typ, den ich mir vorstellen kann. Verständnisvoll, zuvorkommend, nett, und dann erzählt er mir was von seinem „kleinen“ Problem. Ich war so sauer, das kannst du dir nicht vorstellen. Na ja, hat ja nicht lange gedauert. Der kann sich jetzt wieder um sein kleines Problem kümmern. Ich bin dann weg und hab auch keine Lust mehr auf den. Ich meine, einerseits war er ja ehrlich, und wir hatten wirklich den schönsten Sex, den ich seit langem hatte, aber hätte er das nicht gleich sagen können?“ Saskia hat sich so richtig in Rage geredet, und nun tut sie mir schon ein

wenig leid. Unsere Blicke treffen sich, und mir ist, als würde ich sie schon eine Ewigkeit kennen. Mit rot geweinten Dalmatineraugen sitzen wir an diesem Bistrotisch, alle beide den Kopf auf die Ellenbogen gestützt, und sehen uns an. Zwei bemitleidenswerte Gestalten, die sich am liebsten in die hinterste Ecke des Lebens verkriechen und nie wieder zum Vorschein kommen wollen. Verkriechen – einbuddeln – weg. Ganze fünf Sekunden halten unsere Blicke stand, dann müssen wir beide lauthals lachen. Kichern wie zwei Teenager. Wir pfeifen auf die Männer. „Die können uns mal“, sind wir uns

einig. Einige der anwesenden Gäste schauen herüber. Manche grinsen, manchen ist es unangenehm. Uns ist es in diesem Moment völlig egal, was die denken. Für diesen einen kurzen Augenblick ist der ganze Mist vergessen. Wir lachen uns den Frust von der Seele, und es tut gut! Wir bestellen keine zweite Tasse Kaffee mehr, und Saskia deutet an, dass sie aufbrechen will. „Ich muss jetzt los“, sagt sie, „muss noch zur Uni, ein paar Unterlagen abgeben.“ „Okay, ich will auch weiter. Mein altes Leben abgeben.“ Und wieder können wir das Lachen nicht unterdrücken. Wäre es

nicht so verdammt ernst, wäre ich in diesem Moment wirklich glücklich, aber ich bin es nicht. Wir verabschieden uns herzlich umarmend, wie zwei Freundinnen, die sich schon seit Ewigkeiten kennen. Als wollte er uns nicht stören, so hat auch der Regen eine kurze Pause eingelegt, um nun mit seinem nassen Handwerk fortzufahren. Saskia dreht sich im Gehen noch einmal um, winkt mir zu und ist im Gewühl verschwunden. Merkwürdig, denke ich noch, als ich ihr hinterher schaue; man trifft einen wildfremden Menschen, und es fühlt sich

an, als kenne man ihn schon seit Ewigkeiten, wogegen einem die eigene Mutter fremd geworden ist. Mein innerer Akku hat sich etwas aufgeladen, und ich fühle mich besser als noch vor einer Stunde. Die Hoffnung auf ein offenes Ohr bei Mutter hat sich zwar zerschlagen, doch tat mir das Gespräch mit Saskia gut. Ich schlendere an den Schaufenstern entlang, prüfe in ihnen mein Spiegelbild, das inmitten gut aussehender Schaufensterpuppen erbärmlich aussieht. Auch wenn ich mich im Moment körperlich etwas besser fühle, so gibt es mir doch brutal und unmissverständlich

zu verstehen, wie es in meinem Inneren wirklich zugeht. Mein Handy klingelt. Das ist Marc, denke ich und weigere mich dranzugehen. Von einer Sekunde auf die andere bin ich wieder völlig aufgewühlt und zittere am ganzen Körper. Ich lasse es vier oder fünf Mal klingeln, dann verstummt es von allein. Der Verkehr, die Leute … alles zieht an mir vorüber, ohne dass ich es wirklich mitbekomme. Ein junger Mann mit Aktenkoffer in der einen, und dem Handy in der anderen Hand, drängt mich rücksichtslos zur Seite. Wie jemand, der hier keinen Platz mehr hat, werde ich einfach beiseite geschoben – fast

entsorgt. Wie Marc, der mich auch einfach so gegen eine Jüngere austauscht. Abermals spüre ich die Vibration meines Telefons und den anschließenden Klingelton. Ich sehe auf die Uhr. Fast halb zwei. Marc ruft normalerweise nie um diese Zeit aus dem Büro an. Aber was ist seit gestern schon normal? Wahrscheinlich ist er nicht einmal im Büro. Ich will nicht, dass es noch mal klingelt – ich schalte ab. Endlich erreiche ich die U–Bahn Station. Vom Laufen tun mir die Füße weh, und ich sehne mich jetzt nach einem Sitzplatz. Die Wagen sind jetzt am Nachmittag ziemlich leer. Ich setze mich

direkt vorne ans Fenster und frage mich, was mir dieser Tag eigentlich gebracht hat. Außer der Erkenntnis, dass selbst die eigene Mutter, von der ich zumindest Verständnis erwartet hätte, mir nicht mal zugehört hat, ist nicht viel passiert. Ich bin trotzig, gebe allem und jedem die Schuld für die schmerzenden Beine: dem blöden Telefon, diesem Idioten von heute morgen. Ach und geregnet hat es auch den ganzen Tag! Wieso klingelt das Telefon eigentlich nicht? Hat doch den ganzen Tag gebimmelt. Ach verdammt … wieder füllen sich meine Augen mit Tränen, doch versuche ich mich zusammenzureißen. Es ist still in dem Abteil. Die Bahn ruckt an, bringt mich

wieder zurück – zurück in das einsame Hotelzimmer, das ich gewählt habe, um mit meiner Traurigkeit und der Enttäuschung allein zu sein. Ich muss an Marc denken. Er ist immer noch mein Ehemann. Was hat er sich nur dabei gedacht? Neun Jahre Ehe schmeißt man doch nicht einfach so weg! Vielleicht liegt es ja auch an mir. Wie oft waren wir nicht einer Meinung? Wie oft hab ich ihn angeschrieen? Hab ihn mit Sexentzug bestrafen wollen, was mir in den seltensten Fällen wirklich gelang. Ich liebe Marc, verdammt, und ich will ihn wieder haben!

Möchte wissen, wer dieses Miststück ist, das ihn mir wegnehmen will. Trotzig, wütend verspüre ich Tatendrang, doch diese Bahn hält mich hier gefangen. Sie soll schneller fahren. Ich hasse sie jetzt dafür, dass sie an jeder Haltestelle einen Stopp einlegt und irgendwelche Leute ein– und aussteigen lässt. Noch zwei Stationen, dann ist es geschafft. Der nächste Halt – ich werde ungeduldig. Da höre ich eine Stimme, die ich heute schon einmal gehört habe. „Darf ich mich setzen?“, fragt die ältere Dame. Ich schaue sie an, bin erstaunt und freudig

überrascht, lasse mir aber nichts anmerken: „Der Platz neben mir ist leer“, sage ich, „natürlich können Sie sich setzen.“ Mir entflieht ein leichtes Lächeln. „Danke, Kindchen“, sagt sie. Ich mag es nicht, wenn sie mich Kindchen nennt, sehe sie nicht an, kann aber die Freude über das Wiedersehen nicht verbergen. „Na, Kindchen, wie weit bist du gekommen? Bist wohl schon wieder auf dem Rückweg?“ Langsam drehe ich den Kopf zu ihr, sehe ihr in die Augen. „Nicht weit, oder?“ Ich schüttele den Kopf, und wieder läuft mir eine Träne über die Wange. Die Alte

zieht mich zu sich, ich lasse es geschehen, sie tut mir gut. „Das Leben spielt ein Spiel mit uns“, sagt sie. „Manchmal gewinnen wir, und manchmal verlieren wir. Aber dein Spiel ist noch nicht zu Ende, glaube mir. Du bist noch jung, hast noch viel Zeit. Wenn du glaubst, dass du alles verloren hast, denke mal darüber nach, was dir geblieben ist. Du hast Kinder, oder?“ Ich nicke. „Eins“, schluchze ich, „ein Mädchen – Sophie. Ist letzten Monat acht geworden.“ Ich löse mich aus der Umarmung, wische die Tränen aus dem Gesicht und wünsche mir, dass die Bahn schneller fährt. Ich will so schnell wie möglich heim. Auch wenn sie noch nicht

da ist, Sophie braucht mich jetzt mehr den je. Die Alte scheint meine Gedanken zu lesen. Sie sagt: „Siehst du, hab ich es nicht gesagt? Die Kleine braucht dich jetzt, und du brauchst sie, nicht wahr. Mich braucht niemand mehr. Ich bin alt und verbraucht. Ich hab auch kaum noch jemand, zu dem ich gehen kann. Sind alle schon weg. Mein Georg ist schon seit fast acht Jahren nicht mehr, und die Ärzte wollen mich umbringen. Viel Gemüse, frisches Obst, leichte Kost und ja kein Schnäpschen. Da muss man ja zugrunde gehen.“ Ich muss grinsen. „Dabei trinke ich so gerne mal ein kleines Likörchen. Das lass ich mir auch

von denen nicht verbieten“, sagt sie gespielt empört. „Sage zwar immer, dass ich alles mache, was die mir sagen, aber wenn ich dann wieder zuhause bin, gönne ich mir ab und zu einen kleinen, na du weißt schon. Ich liebe meinen Kirschlikör, ach ja.“ Wieder muss ich grinsen. Ich mag die alte Dame. „Sie sind nicht alt und verbraucht“, sage ich, „also ich finde Sie nett. Wissen Sie was? Ich möchte mich bei Ihnen bedanken.“ „Wofür denn Kindchen? Du brauchst dich doch nicht bei mir zu bedanken.“ „Doch“, gebe ich zurück, „will ich aber. „Sie haben vollkommen recht. Mein

Spiel geht jetzt erst richtig los.“ Ich muss an all diejenigen denken, denen ich heute begegnet bin. Noch einmal lasse ich die Bilder in meinem Kopf Revue passieren. Ich denke an diese schlaflose Nacht, die Notlüge meinem Arbeitgeber gegenüber. Ich sehe die Kinder in der U–Bahn, den Lackaffe, mit dem Aktenkoffer und Mutter, von der ich wenigstens fünf Prozent Verständnis erwartet hätte. Auch Saskia fällt mir wieder ein. Und dann diese nette alte Dame mit Hut. Erst jetzt fällt mir auf, dass sie ihn gar nicht mehr trägt. „Wissen Sie was? Ich lade Sie ein und

dann zeige ich Ihnen meine kleine Sophie. Ich habe so viele Bilder von ihr, wissen Sie. Und ein Likörchen hab ich auch. Übrigens, wo ist eigentlich Ihr schöner Hut?“

0

Hörbuch

Über den Autor

Trollmops
Hallo liebe "myStorys" Gemeinde.
Schön, dass es Euch noch gibt. Vor langer Zeit, in den Anfängen dieses Forums, damals waren es gerade mal 64 Mitglieder, hatte ich als "Trollbär" auch einige Texte verfasst. Wir hatten in dieser Zeit einen sehr netten Umgang und haben die Sammelbände "MyStory's" und "MyStory's 2" zu Wege gebracht. Auch ein Autorentreffen hat damals stattgefunden.

Das Leben trifft manchmal merkwürdige Entscheidungen. Das war letztendlich einer der Gründe, weswegen ich dieses Forum verließ. Nun führt mich mein Weg wieder hierher, und ich hoffe sehr, dass ich Euch mit meinen Texten und Gedichten erfreuen kann.

Ich bin verheiratet, die Töchter sind erwachsen, und privat betreiben wir die "Kleine Zeitenwindbühne" auf der in unregelmäßigen Abständen Lesungen, Minikonzerte und andere Formen der Kleinkunst dargeboten werden. Des Weiteren trete ich vor interessiertem Publikum auf und lese meine Texte, welche ich mit Musik unterstreiche.
Wer mehr von mir wissen möchte, darf mich gerne fragen oder bei Facebook unter Trollbär Lyrik und Kleine Zeitenwindbühne heimlich gucken.

Liebe Grüße an dieser Stelle von mir, dem Trollbär

Leser-Statistik
1

Leser
Quelle
Veröffentlicht am

Kommentare
Kommentar schreiben

Senden
Zeige mehr Kommentare
10
0
0
Senden

160568
Impressum / Nutzungsbedingungen / Datenschutzerklärung