Kurzgeschichte
ihr wahrer Name

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" Ungefähr 20 Jahre alt und gekürzt als Krimi in der FUNK UHR als Leserkrimi erschienen."
Veröffentlicht am 04. Januar 2019, 22 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Ungefähr 20 Jahre alt und gekürzt als Krimi in der FUNK UHR als Leserkrimi erschienen.

ihr wahrer Name

Ihr wahrer Name

Das freundlich helle Zimmer in dem sie sitzt, ist sehr gemütlich eingerichtet: seidige Vorhänge in Pastellfarben vor den Fenstern, dicke Veloursteppiche auf dem Boden, ein weißes Sofa und ein dazu passender Sessel, eine offene Schrankwand aus hellem Holz und auch sonst viel Holz und viel, viel Glas auch ein Terrarium voller Pflanzen. Und Kerzen, viele Kerzen, die überall im Raum verteilt; Wärme, Licht und zarten Duft verbreiten. Die nicht mehr so junge Frau in diesem Zimmer ist in ein schwarzes bodenlanges Gewand mit Kapuze gehüllt. Sie wirkt düster in

dieser freundlich anheimelnden Umgebung. Genau wie die dramatische Musik (Mahlers 3. Sinfonie), die sie so gerne hört. Mona, die alle Mona Lisa nennen -Ironie oder Gemeinheit -, denn sie lächelt schon lange nicht mehr, hat kalte, tote, blass grüne Augen ihr Gesichtsausdruck ist ernst, fast verhärmt. Ihr schönes Haar hatte nie geholfen um einen Mann auf Dauer an sie zu binden. Dabei hatte sie sich doch immer genau an die Spielregeln gehalten. Oder nicht? Nein, vielleicht. hatte sie immer zu schnell gegeben was verlangt wurde - oder was sie für verlangt hielt. Sie würde sie alle töten. All die Männer, die ihr irgendwie weh getan hatten. Alle. Alle

die sie noch nicht getötet hatte. Chris war ihre erste Liebe gewesen. Der Star ihres Jahrganges in der Schule. Er sah aus wie der Held aus dem Bilderbuch: 190 cm groß, schlank und sportlich, mit strahlenden blauen Augen und goldblonden Locken. Damals, als er sich im Lateinleistungskurs neben sie gesetzt hatte, hatte sie sich unbesiegbar, und wie die schönste Frau der Welt gefühlt Doch dieses Hochgefühl hatte nicht lange angehalten. Schon in der Pause war Schluss damit gewesen, denn beim Händewaschen hatte sie einen Blick in den Spiegel geworfen: ein junges

Mädchen mit tollen braunen, Haaren aber hässlichem Gesicht, das eine Auge war wesentlich kleiner, was ihr noch heute einen behinderten Touch gab. Heute, als erwachsene Frau fragte sie sich öfter ob dieser Moment, diese Pause nicht der Anfang vom Ende ihres Lächelns und die Geburt ihres Spitznamens gewesen war. “Ja, denkt sie, „das stimmt überhaupt, Chris war es, der mir diesen Namen gegeben hat. Genau in jener Pause.” Die Erinnerung schmerzt noch immer. Trotzdem, fast zärtlich und verklärt nun, blickt sie auf den, der neben ihr sitzt. Damals hatte er ihr vor allen anderen gesagt, sie hätte das Lächeln von der

Frau auf Da Vincis Meisterwerk. Alle hatten es für einen guten Witz gehalten. Es wurde gelacht und es fielen Bemerkungen wie „Du, als unser großer Künstler musst es ja wissen!“ und „Na, dann nimm sie doch als Dein Model!“ Der Name war ihr geblieben. Sie hatte es nicht gestört, ein Name war so gut wie der andere, das hat sie von einer Zigeunerin gelernt: ”Es ist egal wie man dich nennt- eines Tages findest du selbst den einen, den einzigen Namen - der zu dir gehört.” Sie knetet ihre kräftigen Hände ineinander. Hände mit schon immer faltigen Fingern. Fingern die sie schon immer gehasst hatte und schrecklich

hässlich fand. In diesem Moment allerdings, zufrieden und im Einklang mit sich, findet sie ihre Hände schön. Es sind die Hände einer Künstlerin- die Formen erschaffen, toten Dingen Leben einhauchen - oder entstehendes mit einem Schlag wieder vernichten können. Sie fühlt wieder diesen tiefen, unüberwindbaren Hass. Früher hatte sie die ganze Wut gegen sich selbst gerichtet. Bis zu ihrem ersten Mord. Mord? Es war eher eine Art ”Experiment” gewesen: Sie wollte sehen, wollte fühlen, ob es wirklich ein Gefühl übergroßer Macht ist, das jemanden der tötet, durchfließt. Es war tatsächlich so gewesen. Sie hatte es genossen, wie er,

Chris, unter ihren Händen, gezittert hatte, gewimmert und gelitten. Nur ein kleiner, kräftiger Druck, bis 60 zählen, warten, und dann war alles vorbei. Er war so erstaunt und perplex gewesen, dass er sich kaum zu wehren gewagt hatte. Er hatte es verdient. 2 Jahre lang hatte er sich von ihr umschwärmen lassen. Hatte ihr Interesse an ihrer Person vorgemacht. „Mensch Mona,” hatte eine dieser gewissen guten Freundinnen zu ihr gesagt. „Der ist doch sowieso schwul. Sorry, aber meinst du, der würde sich sonst mit d i r abgeben?” „Der ist doch nur auf Deine Hilfe in Latein und Mathe scharf!” hatte eine andere gesagt. „Du bist doch nur seine

”Quotenfrau”, - sein bester Fan eben, der seine Popularität am kochen hält!” ”Genau, ein so schöner Typ mit Hang mit sozialem Tick, kommt doch gut bei den Mä... - den Jungs!” Sie hatte ihnen nicht geglaubt, hatte fest an seine Freundschaft geglaubt, hatte ihn mit Glücksbringern und Tipps vor besonders schweren Klausuren oder später bei seinen ersten Ausstellungen, versorgt- heimlich versteht sich. Dann - nach dem Abitur? Sie hatte ein paar Mal bei ihm angerufen- Aber entgegen seinen Beteuerungen hatte er sich nie bei ihr gemeldet. „Warum?” hatte sie gefragt. ”Weißt du, ich...” er hatte gestottert und

gezögert,” mir wird das mit unserer Freundschaft zu kompliziert, Sorry, Mona. Du findest schon jemanden der Deiner wert ist.” Gianni, den nächsten, hatte sie dann - dieses Mal wirklich typisch weiblich -- vergiftet. Dies hatte ihr überhaupt nicht zugesagt: die vom Arsen ausgelöste Krämpfe ekelten sie an. Und ihr fehlte das Gefühl, unter den Fingern zu spüren wie der Puls immer langsamer wurde um endlich endgültig zu verstummen. Er war Lastwagenfahrer für einen Weinhändler gewesen... Sie hatte ihn und seinen Chef durch ihre Freundin Renate, wahrend eines Urlaubs in Italien kennen gelernt, die hatte vermittelt, dass Mona mit den beiden nach Florenz fahren

konnte. Die hatte es gerne getan, war begeistert, besonders von der Aussicht 3 Tage mit einem so schönen Mann wie Gianni zu verbringen - der wider Erwarten Interesse an ihr zu haben schien. Na ja, abgesehen von ihrem Gesicht, das jetzt zwar weniger pickelig aber immer noch nicht schön war, hatte sie eine gute Figur. Und wenn sie sich so benehmen würde wie Männer es immer wollten, also nichts komplizierte, da würde er schon der ihre werden. So hatte sie gedacht, und deswegen, nach einigem hin und her, nach einigen Zweifeln und dann wieder Gewissensbissen, hatte sie mit ihm geschlafen. Es war das erste Mal für sie

gewesen, hinten in der Lastwagenkoje, es hatte schrecklich wehgetan und sonst nichts. Danach, mit dem Gefühl nun aber endlich dazu zu gehören, hatte sie zu Gianni gesagt: ”Jetzt will ich gerne schwimmen gehen!”Er hatte es ignoriert und überhaupt nie wieder, während der gesamten- der fruchtbar langen - Fahrt nach Florenz mit ihr gesprochen. Sie durfte auch nicht mehr weiter mit ihm fahren, sondern musste in das Begleitauto, das von seinem Chef gefahren wurde. Der dritte, war Dennis gewesen. Bei ihm hatte sie es mit dem guten alten Skalpell probiert, doch da sie mit seinem Umgang nicht vertrat war, floss mehr

Blut als geplant--mehr als sie ertragen konnte. Folglich war die Betrogene wieder zum Erdrosseln zurückgekehrt. Dennis, das Schwein. Bei ihm hatte sie sogar zweimal nach Liebe gesucht, hatte ihm beide Male gegeben, was er wollte. So waren doch die Spielregeln oder? Na ja, nicht für schöne Frauen, die durften locken und zappeln lassen, aber solche wie sie? Er war Kellner gewesen, in einer kleinen Kneipe, die einem Studentenkino angeschlossen war. Mit diesem Job hatte er sein BWL Studium finanziert. Schon bei ihrem ersten Treffen hatte er sie mit zu sich genommen, als sie nicht mit ihm schlafen wollte, sollte sie ihn wenigstens oral

befriedigen. Sie hatte sich eingebildet, es auch zu wollen. Dennis war dann einige Nächte zu ihr gekommen, hatte gesagt: ”Ich liebe dich” Sie war auch heute noch sicher, er hatte es auch gemeint. Aber eben nur in dem Moment nicht für länger, aber das hatte sie zu der Zeit nicht wahrhaben wollen. Dann war er verschwunden und nach Jahren wieder aufgetaucht. Sie hatte sich gefreut. Denn Dennis kam im richtigen Moment. Gerade hatte Mario, die feige Ratte, ihr, etwas Ähnliches gesagt, wie vor langer Zeit Chris: ”Das wird mir zu eng und zu kompliziert mit uns!” Aber dieses Mal hatte Dennis sie nur benutzt um seine Freundin zurückzugewinnen. Es

hatte geklappt. All diese Männer”, hatte ihr Therapeut gesagt, „All diese Männer sind nicht wirklich schlecht.” „Das weiß ich, Ich hab Schuld.” „Nein, niemand hat Schuld sie müssen nur raus finden warum Sie sich immer wieder an Männer binden wollen die...” Blablabla! Sie hatte schon lange die Nase voll vom analysieren, vom Versuch zu verstehen, dass sie bisher nicht anders handeln konnte, dass es aber sehr wohl die Möglichkeit geben würde ... Schluss damit! Für heute hat sie sich etwas Neues ausgedacht. Das heißt, man hatte ihr einmal erzählt, dass die sicherste Methode diese ”Viecher” ein für alle mal los zu werden, war, sie bei

lebendigen Leibe mit Benzin zu übergießen und dann an zu zünden. Die Benzinflasche hält sie bereits in der Hand. Doch jetzt hat sie Zweifel. Beginnt den Gestank zu fürchten, und dass vielleicht etwas schief gehen könnte. Dass nicht nur, Mario, ihr heutiges Opfer in Flammen aufgehen würde, sondern auch ihre ganze Wohnung. All die schönen Möbel, all die Bücher die seit langer Zeit schon ihre einzigen wahren - Freunde waren. Außer natürlich Morgane, die sie von der anderen Seite des Zimmers aus, mit ihren dunklen Augen fixiert und sich mit der Zunge über ihre kaum vorhandenen Lippen

fährt. Ja, hier ist ihr zu Hause ihr Reich, das sie seit geraumer Zeit - dem Internet sei Dank! - nicht einmal mehr zum Einkaufen verlassen muss „Ja, du hast ja recht.” Die Enttäuschte wendet sich an ihre Mitbewohnerin, greift mit der Hand langsam und vorsichtig an den Hals des schlafenden Mario, erdrosselte ihn. „So, meine Süße, hier ist der vorerst letzte ”Mann” der mir weh getan hat. Lass dir die Ratte schmecken!” Mit diesen Worten packt die Frau das tote Nagetier am haarlosen Schwanz und wirft es der lauernden Schlange ins Terrarium. Ja, sie würde sie weiterhin alle töten. Alle Männer die ihr einmal weh getan

hatten, wenn auch nur symbolisch durch das Ermorden von Morganes Futterratten, die diese oft genug verschmäht. Sie liebt das Töten, liebt es, wenn ihre Opfer leiden. „Genau wie ich, nicht wahr?” Versonnen betrachtet Mona ihre Hände. Lächelt, wie jene Edle, deren Name Chris ihr vor langer Zeit gegeben hatte. „Das ist es. Ich bin wie du. (Auch) ich bin Morgane!! Morgane, der Name jener immer verschmähten, verkannten Zauberin, aus der Sage um König Artus. Morgane, die dank ihrer Kräfte verdammen und verschonen konnte, ganz wie es ihr beliebte. Ganz wie es für ihre ureigenen Zwecke am dienlichsten war. Sie erhebt

sich und nimmt ein in blutroten Samt gebundenes Fotoalbum aus einem Fach des Schrankes. Es enthält Fotos aus Ihrer Schulzeit- wie jenes von Dorothea, die sich ihre beste Freundin nannte, aber hinter ihrem Rücken Sachen gesagt hatte wie: „ So hässlich wie die ist, ist sie sicher eine Hexe, weil, glaubt mir, ich kenn sie. Sie ist nicht wie wir anderen!“ Morgane betrachtet ihr Spiegelbild im Glas der Schranktür und lächelt wieder (oder ist es immer noch?). Sie hatte lange gebraucht um es zu akzeptieren, dass sie anders war, dass sie Kräfte hatte, von denen niemand außer ihr wusste. Aber hier in diesem Album

waren die Beweise. Denn es gab auch Zeitungsausschnitte. Zeitungsausschnitte die, von Unfällen und plötzlichen Toden berichteten. Da war ein Mal Gianni S., Fernkraftfahrer für einen bekannten Weinhändler. Er war nach dem Genuss eines edlen Tropfens qualvoll gestorben: Gift, von dem niemand wüsste wie es in die Flasche gelangt war. Dann Dennis G. und Mario H. auch sie waren unabhängig voneinander eines geheimnisvollen Todes gestorben. Und Chris D.? Auch von ihm gab es Berichte, Berichte die älter waren als die anderen. ER hatte überlebt, bei ihm hatten ihre Kräfte versagt. Man hatte ihn in seiner Wohnung gefunden, besser gesagt, sein Lebensgefährte hatte ihn

buchstäblich in letzter Sekunde vor dem Erstickungstod bewahren können. Furore hatte diese Geschichte gemacht, weil Chris schon damals ein bekannter Künstler war und -- die Frau lacht laut und bitter auf- weil der „Unfall“ während ihres Liebesspieles statt gefunden hatte. Sie legt das Buch zurück. Ja, Chris, war damals wirklich nur ein „Experiment“ gewesen. Sie hatte noch nicht genug an Ihre Kräfte und sich geglaubt, war sich ihrer gar nicht bewusst gewesen. Außerdem war ihre Liebe zu ihm damals sehr stark gewesen, stärker als alles andere. Doch nun? Nun hat sie alle hinderliche Sentimentalität hinter sich

gelassen. Hat gelernt auf sich, und nur auf sich zu vertrauen. Und auf die Kraft ihres wahren Namens und dessen Macht und Zauberkraft. Nun muss sie ihn nur wieder finden und dann. .Entschlossen greift sie nach dem Telefon, wählt jene nie vergessene Nummer. Sie hat Glück. Nach dem 4. Klingeln nimmt jemand ab. Er ist es. Er lebt noch. Noch. Alles liegt in ihrer Hand.

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LadyBoomerang

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Ninamy67 Sehr gut geschrieben, very dark!

LG
Nina
Diese Woche - Antworten
LadyBoomerang vielen Dank!!
Diese Woche - Antworten
Bleistift 
"Ihr wahrer Name..."
Mit dieser Geschichte, die ich irgendwie zu kennen glaube,
festigst Du weiterhin deinen Ruf als Drama-Queen... ...smile*
Auch ich habe mich schon um Protagonisten aus der
Artus-Saga bemüht und mir gefällt diese moderne Version
von deiner Morgana... ...smile*
LG
Louis :-)
Vor ein paar Monaten - Antworten
LadyBoomerang Hihi,klar kennste die, mein Louis!! Der Name früher war allerdings Lysistratra...
Frohes Neues bis hoffentlich bald in der Hauptstadt
gglg
DQ ;)
Vor ein paar Monaten - Antworten
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