Kurzgeschichte
Verirrte Seelen - Die Tochterfrau

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"Verirrte Seelen - Die Tochterfrau"
Veröffentlicht am 06. Dezember 2018, 18 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Ulrich Seegschütz
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Verirrte Seelen - Die Tochterfrau

Verirrte Seelen - Die Tochterfrau

Verirrte Seelen - Die Tochterfrau


Der Tag der Entscheidung Die 17jährige Daniela von S. aus Krefeld lief bis zur Mitte der Rheinbrücke, die nach Duisburg führte.

Es war fünf Uhr früh an einem Sonntag und die Stadt gehörte ihr fast ganz allein. Ein Zeitungsausträger huschte im morgend-lichen Zwielicht vorbei, einige Kraftfahrer fuhren von A ihrem eigenen Schicksal nach B entgegen und niemand interessierte sich für das Mädchen.

Es fasste mit beiden Händen das Brückenge-länder, schaute sich kurz um und schwang sich dann hinüber, um auf der anderen Seite auf dem schmalen Betonstreifen stehen zu bleiben. Sie

hielt sich am Geländer fest, lehnte sich vor und blickte in die Tiefe. Eine Stunde zuvor hatte sie regungs- und tatenlos mit angesehen, wie ihr Begleiter sich mit der rechten Hand an die Brust gegriffen, sie mit großen Augen angestarrt und mit der linken Hand wild zuckend immer wieder auf das Telefon gedeutet hatte. Er hatte auf dem Boden gesessen, mit dem Rücken an das zerwühlte Bett gelehnt und herum gezappelt. „Wie ein Fisch“, hatte Daniela so für sich gedacht. „Ja. Wie ein alter, dicker, wabbeliger Fisch“. Und er war nackt. So nackt, wie ihn Gott sicher nicht erschaffen hatte. Überhaupt keiner der Götter, auch keiner der längst vergessenen, hätte so etwas erschaffen. Höchstens geduldet. Aber auch das nur zähneknirschend.





Prinzessin Daniela


Das schlossähnliche Anwesen lag in dem grünsten grünen Viertel von Krefeld.

Malerisch, den Geruch von Geld ausdünstend und abgeschottet von der normalen Welt durch eine nicht mehr ganz so malerische Mauer. Die sechsjährige Daniela hockte auf dem Fußboden ihres Kinderzimmers und knuddelte ihren Teddy, der neugierig über ihre Schulter in die Welt hinaus sah. Er hatte nur noch ein Knopfauge, weil das andere längst weg geliebt worden war, aber das störte ihn nicht. Er liebte und wurde geliebt. Nur das zählte. Wenn es etwas gab, das ihn störte, dann war es das Jucken auf dem Kopf, denn dort waren

schon viel zu viele Tränen in seinem Fell versickert und getrocknet. Sein Auge fiel auf die vielen pädagogisch wertvollen Bücher, die ungelesen im Regal standen. Daniela las lieber richtige Kinderbücher und träumte bisweilen, wie sie auf der kleinen Raupe Nimmersatt durch Taka-Tuka-Land ritt und mit Räuber Hotzenplotz spielte. Das war die Zeit, in der Daniela ihren Vater zwar vermisste, aber immer noch liebte. In den folgenden Jahren änderten sich ihre Gefühle für den selten anwesenden Vater, der den Globus mittlerweile öfter umrundet hatte als der Weihnachtsmann. Aus Enttäuschung wurde Ärger und aus Ärger

schließlich Wut. Einmal, als sie im Fernseher etwas von einer Testamentsstreichung gehört hatte, riss sie ein Blatt Papier aus ihrem Matheheft und verfasste extra ein Testament, nur, um ihren Vater daraus zu streichen. „Hiermit vermache ich alle meine Spielsachen und meine wertvollen, pädagogischen Bücher Papa, Mama und meiner Freundin Bea“. Danach strich sie mit dem härtesten Bleistift, den sie hatte, das „Papa“ mehrmals durch. Als Daniela neun Jahre alt war, erfuhr sie, dass ihre Eltern schon seit Jahren geschieden waren.


Gespielin Daniela Der attraktive Herr in den besten Jahren saß auf der Terrasse im Tennisclub bei einem kühlen Drink und registrierte mit Genugtuung den einen oder anderen bewundernden Blick von Damen verschiedener Altersklassen. Er gab sich gelangweilt und harmlos.. Niemand sollte bemerken, dass er eine bestimmte Person beobachtete. Diese Person hatte zwei schlaksige dünne Beine und die blonden Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden, der mit dem kurzen, weißen Röckchen um die Wette

hüpfte. Auf der Sporttasche der Person, die die Sommerferien nutzte, um mit ihrer besten Freundin Tennis zu spielen, stand der Name Daniela. Prinzessin Daniela Daniela kletterte den Berg zum Abitur in einem exklusiven Internat in einem idyllischen Städtchen in der Schweiz empor. Das Lernen fiel ihr leicht, die Mitschüler waren ebenfalls aus gutem Hause und ihren Teddy hatte sie auch dabei. Das war die Zeit, als Daniela versuchte, ihren Vater aus ihrem Leben zu verbannen. Trotzdem weinte sie sich lange Zeit abends in

den Schlaf. Gespielin Daniela Der attraktive Herr verließ die Terrasse des noblen Krefelder Tennisclubs und schlenderte zu dem Tennisplatz, auf dem Daniela und ihre Freundin Bea gerade ihr Spiel beendet hatten. Er baute sich auf, vergrub die Hände in den Hosentaschen und lächelte den beiden entgegen. Tanja, von Haus aus misstrauisch, gab sich distanziert, als er sich mit Christian Degenhardt vorstellte und ihr seine gepflegte, schöne rechte Hand zur Begrüßung reichte. Sie sah verlegen zu ihrer Freundin Bea, die unmerklich mit den Schultern zuckte. Dann blickte Daniela kurz wieder zu dem Fremden und beschäftigte sich bald darauf mit

ihrer Sporttasche. Derweil ihre Seele den attraktiven Mann keine Sekunde aus den Augen ließ! Sein Lächeln, seine strahlend weißen Zähne, seine braun gebrannte Haut, der lässig über die Schultern geworfene Pulli und seine ruhige, aber feste Stimme bei dem kurzen Small Talk führte dazu, dass Daniela ohne ihre Seele den Club verließ, weil diese schon zu Christian geflogen war, und weil sie sie wieder haben wollte, stimmte Daniela einem Treffen mit ihm zu. Und so saß Daniela nur 24 Stunden später neben Christian in seiner Luxus-Limousine mit Chauffeur und sah durch die Heckscheibe, wie die Tennis-Anlage, an der sie sich verabredet hatten, immer kleiner wurde. Da es angefangen hatte zu regnen, fuhren sie nur so durch die Gegend und redeten. Christian stellte die Art von Fragen, die man

gerne beantwortet, und so erzählte Daniela bereitwillig von sich und ihrem Leben. Abends schwärmte Daniela in ihrem Tagebuch von dem schönen Tag und dem fast 50jährigen Mann und schlief kurz darauf mit einem Lächeln ein. Beim zweiten Treffen führte Christian die 16jährige in ein nobles Café und beichtete ihr seine Einsamkeit seit dem Tod seiner Frau. Und weil er Daniela nicht wie einen Teenager, sondern wie eine erwachsene Frau behandelte, wollte sie ab diesem Tag als Erwachsene kein Tagebuch mehr führen und schlief ohne Eintragung lächelnd ein. Bereits bei der dritten Verabredung lag plötzlich seine Hand auf ihrem Oberschenkel. Sie saßen wieder in seiner Limousine, die fast geräuschlos durch Krefeld auf dem Weg zu

seinem Haus rollte. Daniela trug ein leichtes Sommerkleid, und als Christians Hand so unerwartet ihre Haut berührte, zuckte sie zusammen, aber sie ließ es geschehen. Starrte unsicher aus dem Fenster und niemand sagte etwas. Seine Hand streichelte sie sanft. Knapp oberhalb ihres Knies. Daniela, die aufgeklärt war und keineswegs hinter dem Mond lebte, was „diese Dinge“ betraf, schloss die Augen und lehnte sich zurück. Eigentlich ging ihr das alles zu schnell. Aber, dass er sie begehrte, war ja wohl auch ein Zeichen seiner Liebe. So oder so: Sie wollte ihn auf keinen Fall verlieren. Und als sie wenig später sein Haus, sein Schlafzimmer erreichten, führte der erfahrene Mann das Mädchen auf Gipfel, von deren Existenz es bisher keine Ahnung gehabt hatte. Danielas Glück war nun vollkommen.



Das war die Zeit, in der Daniela gar nicht mehr an ihren Vater dachte. Austauschschülerin Daniela Fast ein Jahr lang war alles in Ordnung. Daniela liebte nicht mehr nur ihren Teddy sondern auch Christian. Sie vertraute ihm und himmelte ihn an. Lediglich ihre Freundin Bea tat ihr etwas leid, weil sie ein bisschen zu kurz kam. Und Christian schätzte die Stunden der Zweisamkeit. Er konnte von ihrem kleinen Po, ihrem festen , aufregendem Busen, der biegsamen, schlanken Gestalt und dem hübschen

Gesicht seiner Kindfrau gar nicht genug bekommen. Er kaufte schöne, teure Kleider für sie. Einige davon so eng, das sie wie eine zweite Haut an ihr klebten und spannten. Aber bereits nach neun oder zehn Monaten zog es ihn immer öfter in den Tennisclub. Und dort saß er bei einem kühlen Drink in der Frühlingssonne, genoss den einen oder anderen bewundernden Blick von Damen verschiedener Altersklassen und beobachtete ein dralles, junges Ding, wie es mit kurzem, wippendem Röckchen über den Tennisplatz sprintete. Und wieder traf sich Daniela heimlich mit Christian am Tennisplatz. Und wie meistens, fuhren sie zu ihm nach Hause. Alles war so wie immer. Bis sie den älteren Herrn im Wohnzimmer

entdeckte, der schon auf sie wartete. Christian machte sie miteinander bekannt, erzählte Daniela, dass er sich neu verliebt hatte und dass sein Freund Erich sehr einsam sei. Wie durch einen Nebel hörte Daniela die geliebte Stimme reden und musste hilflos mit ansehen, wie Christian mit dem Vorschlaghammer der Gleichgültigkeit ihre schöne Welt zertrümmerte. Innerlich gestorben, ließ sie sich ohne Gegenwehr von dem Alten in ein Zimmer führen. Ließ sich schlagen, ausziehen und aufs Bett werfen. Die widerlichen Dinge, die er sagte und tat, registrierte jemand anders. Nicht sie. Irgendwann wehrte sie sich. Schlug um sich. Versuchte, das Gewicht, das auf ihr lag, weg zu schieben undzur Tür zu gelangen. Aber sie hatte keine Chance. Schließlich, als ihr Peiniger sich an die Brust

griff und blass wurde, hätte Daniela weglaufen können. Aber sie blieb und starrte ihn an, bis es vorbei war. Der Tag der Entscheidung Daniela wusste nicht, wie lange sie schon das Geländer umklammerte und in die Tiefe starrte. Sie hatte nicht nur kein Zeitgefühl mehr, sondern überhaupt keine Empfindungen. Sie konnte auch keine Entscheidung treffen. Falls sie sich in ein paar Minuten fallen ließ, dann weil eine Stimme in ihr dazu riet. „Komm schon. Lass los. Dann ist der Schmerz vorbei“. Zwei kräftige Arme packten sie von hinten und

hielten sie so fest, dass ihr die Luft weg blieb. Zwei weitere Arme erschienen und Daniela fühlte sich über das Geländer gezogen. Sie sah verwirrt in ein besorgtes Gesicht, das irgendwie in einer Uniform steckte, dann in ein zweites, das fast genau so aussah. Dann knipste jemand das Licht aus. Als sie wieder zu sich kam, ruhte sie sicher im Arm ihres Teddys, der sie erleichtert aus einem Auge ansah.

Rechts von ihrem Krankenhausbett saß ihre Mutter, hielt ihre Hand und lächelte.

Auf der linken Seite saß sogar ihr Vater und blickte besorgt drein.

Daniela hatte einen Moment lang ein schlechtes Gewissen, weil er ihretwegen Sorgen zu haben schien.

Sie blickte wieder auf ihren Teddy.

Da war etwas in seinem einen Auge......

Er lächelte sie an.


Er wusste etwas, das sie in ihrer Benommenheit noch nicht wusste: Alles würde wieder gut werden.








© Ulrich Seegschütz

Dez|2018

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Myriel Lieber Uli,
die Geschichte ist gut, sie ist eine verirrte Seele. Nur, mich irritiert der Schluß der Geschichte. Der Teddy im Krankenbett einer 17jährigen, die schon zur Frau wurde.
Wenn er wieder Rolle spielen soll, dann vielleicht nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus, zu Hause in ihrem Zimmer als sie ihn, dem sie als Kind
so vieles anvertraut hat, wiedersieht. Darf ich dir das so sagen bzw. schreiben?
Liebe Grüße
Myriel
Vergangene Woche - Antworten
hingekritzelt Natürlich darfst und sollst Du so etwas schreiben.

Ich musste jetzt erst mal nachdenken, ob diese Seelen-Geschichten überhaupt und so.....und ich meine: ja.
Zum dem Schluss: Ich sehe Dany eben noch mehr als Kind, denn als Frau. Und wenn ich ihr Vater wäre und hätte von den schrecklichen Erlebnissen erfahren, ich hätte auch ihren Lieblingsteddy mit ins Krankenhaus genommen. (Bin sicher, dass ich mal im TV gehört hab, dass ein Promi seinen Teddy aus der Kindheit mit ins Erwachsenenalter genommen hat).
Ändern "kann" ich inhaltlich - oder den Titel - ohnehin nicht. Logiklöcher und Fehler: ja. Aber nicht die Geschichten selbst
Es ist meine Art zu schreiben, meine Sichtweise der Dinge.

Ich danke Dir und wünsche mir ausdrücklich auch weiterhin Deine Meinung,.

LG Uli
Vergangene Woche - Antworten
Darkjuls Hallo Uli, irgendwie komme ich nicht ganz klar. Daniela erlebte die Hölle der Vergewaltigung und des Ausnutzens ihrer Gefühle, wollte sich umbringen, wacht dann im Arm ihres Teddys auf neben Vater und Mutter und alles würde wieder gut werden??? Wie kann das Geschehene ungeschehen werden? Bitte hilf mir weiter! Lieben Gruß Marina
Vergangene Woche - Antworten
hingekritzelt Ungeschehen sicher nicht - aber sie wäre fast gestorben und lebt nun weiter. Das ist schon mal "gut". Und nachdem sie nun auch ihr Vater moralisch unterstützt und nach ein oder mehreren Therapien hat sie das Schlimmste überstanden und mit 18 oder so noch das ganze Leben vor sich. Vlt. mit einem Mann, der auch altersmäßig besser zu ihr passt.
Zum Ablauf: Ich glaube, sie wäre auch ohne die Vergewaltigung zur Brücke gelaufen, um diesem unfassbaren Schmerz zu entfliehen. Ich denke, viele bringen sich um oder versuchen es, wenn eine große Liebe kaputt geht. Und bei ihr kommt noch hinzu, dass es nicht nur die erste große Liebe war, sondern auch die so lang vermisste Vaterfigur. Und sie liebte und vertraute ihm voll! Als sie merkt, dass er sie nur verarscht hat, bricht für sie einfach zu viel zusammen, um das verarbeiten oder bewältigen zu können. Ich weiß es nicht aus erster Hand, aber ich könnte mir vorstellen, dass, wenn der Schmerz groß genug ist, man völlig neben sich steht und gar nicht mehr mitbekommt, was man tut.
An der Brücke steht sie ne Weile. In die Tiefe zu springen, sich umzubringen ist bestimmt auch in so einem Schockzustand nicht so einfach. Denke ich mir. Jedenfalls retten sie zwei Polizisten ("Uniform"), die entweder zufällig auf Streife da vorbei gekommen sind, oder jemand hat Dany beobachtet und die Bullen gerufen.
Und als sie im Krankenhaus ("Krankenhausbett") aufwacht, sieht sie die Dinge, die ihr von der Kindheit vertraut sind, außer dem Vater, der kommt noch oben drauf:-) und das ist bestimmt wichtig, dass sie in dieser labilen Situation Altbekanntes, Vertrautes um sich herum hat.

Puh! Viel Text, lach.
Aber gut, dass Du gefragt hast.
Jedenfalls sehe ich Dany, 100prozentig als "Verirrte Seele". Eigentlich sogar 200prozentig. Aber das führt jetzt zu weit:-)
Danke Dir und mach's Dir gemütlich!
Liebe Grüße
Uli
Vergangene Woche - Antworten
Darkjuls Vielen Dank Uli für die ausführliche Antwort. Ja, die Dany ist eine verirrte Seele, die wohl dann auf den Weg zurückfindet, so wie Du es beschreibst. Ich dachte noch, Daniela wäre doch tot und im Himmel mit Vater und Mutter vereint an ihrem Bett, als ging ihr Wunsch in Erfüllung. Die Geschichte gibt zu denken, auf jeden Fall. Mädchen streben ja immer ihrem Vater nach, wollen gefallen und suchen ihren Mann unterbewusst danach aus. Was sie erdulden, ist auch bereits in der Kindheit verankert. So wie das Meiste, was uns prägt. Lieben Gruß Marina
Vergangene Woche - Antworten
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