Jugendbücher
Jakob

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"Eitelkeit kommt vor dem Fall"
Veröffentlicht am 22. August 2018, 22 Seiten
Kategorie Jugendbücher
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Über den Autor:

1967 in Hamburg geboren, seit 1988 verheiratet, Mutter von 5 Kindern
Eitelkeit kommt vor dem Fall

Jakob

Jakob

Es war ein wundervoller Sommertag. Der Wind säuselte sanft durch die Blätter der Bäume, die Gräser neigten sich anmutig vor diesem unsichtbaren Orchester das die ganze Natur umspielte. Die Sonne am Himmel, als Hauptdarstellerin an diesem Tage, gab mit all ihrer wundervollen Hitze und ihrem leuchtenden Licht die prächtigste Vorstellung. Mitten in diesem Schauspiel der Natur wuchs ein kleiner Apfel, nennen wir ihn

einfachheitshalber Jakob, an einem alten ehrwürdigen Apfelbaum. Dieser Mutterbaum hatte schon so manches Jahr erlebt, sein Stamm war dick, knorrig und gesund. Seine kräftigen Äste spreizten sich seitwärts in fast geordneten Abständen, kurzum, er war das prachtvollste Exemplar eines Apfelbaumes, weit und breit. Der kleine Jakob wuchs und wuchs, jeden Tag ein bisschen mehr. Er hing an einem ganz besonders günstigen Ast, an dem er haargenau genug Sonne, genug Schatten und genug Regen abbekam, so das er mit jedem Tag immer feister und runder wurde.

Mit der Zeit bekam er einen leichten, rosa Hauch und nur wenig später hatte er die vollkommensten roten Bäckchen, die sehr appetitlich aussahen. Bienen und Wespen flogen vorbei und bewunderten ihn. Doch wenn sie an ihm naschen wollten sprach er: -Oh, ihr lieben Wespen und Bienen, schaut doch nur wie perfekt ich bin! Meine Schale glänzt und ist makellos. Geht zu meinen Brüdern, denen macht euer Naschen nichts aus- Auch Raupen starrten ihn hungrig an,

aber Jakob sagte ihnen das gleiche. Er sagte es auch zu den Vögeln und den Waschbären und auch allen anderen Tieren die gerne Äpfel aßen. Denn Jakob hatte große Pläne. Weder die Tiere aus Feld und Flur, noch die vielerlei summenden Insekten sollten sich an seinem köstlichen Saft laben. Nein! Er wollte zu den Menschen gelangen. Der Mutterbaum hatte seinen Apfelkindern nämlich allerlei fabelhafte Geschichten zugeraunt. Geschichten von Lastwagen, Kisten und sammelnden Händen, die nur die Schönsten von ihnen mitnehmen würden,

wenn die Zeit der grossen Ernte käme. Dies war alles was Jakob wollte. Des Nachts träumte er daher von Menschenhänden, die ihn erfassten. Menschen die ihn hin und her drehend mit großen glänzenden Augen betrachteten und ihn dann mit einem lauten: -Oh, welch wundervolles Exemplar eines Apfels- auf ein wunderschönes silbernes Tablett legten, wo er nunmehr von weiteren ebenso begeisterten Menschen betrachtet werden konnte. Er träumte, man hielte ihn mit Samthandschuhen, mit einem weichen

Tuche polierend, bis er feuerrot glänzte. Es würde gewiss ein wundervolles Leben sein, dachte er freudig. Der Mutterbaum flüsterte noch weitere Geschichten. Von Gewürzen, mit denen makellose Äpfel in absoluter Perfektion zusammenpassten. Von Nelken, Zimt und Honig. Vom wundervollen Geschmack eines perfekten Apfels in köstlichem Teig zu Kuchen gebacken. Zu goldfarbigen Saft gepresst, oder gar zu schmackhaften Wein gegoren. Und so träumte Jakob von

Menschennasen die an ihm schnupperten, da er so gut roch und von Mündern die ihn kosteten, weil er so lecker schmeckte. Ein perfekter Apfel namens Jakob, um den sich alle reißen würden. Als es an der Zeit war die Äpfel zu ernten, kam ein kleiner Laster mit zwei Männern und einer Leiter. Sie verteilten mehrere Kisten unter dem Baum und stellten dann die Leiter an den Stamm. Jakob frohlockte. Es geschah genau wie in den

Geschichten. Jetzt würden sie sehen wie wunderschön und makellos er hier an seinem Ast hing. Sie würden ihn bemerken und natürlich als erstes abpflücken. Sie würden in abpflücken und polieren und ihn in eine besondere Kiste, speziell für die allerschönsten Äpfel legen. Die Männer kletterten derweil mithilfe der Leiter auf den Baum und zupften zunächst die Äpfel die nahe am Stamm hingen. -Ach, ist nicht schlimm!- dachte Jakob - Gleich werden sie mich bestimmt

entdecken- Dann hangelten die Männer nach den ganz oben hängenden Früchten. -Ach, ist nicht schlimm!- dachte Jakob -Gleich werden sie mich bestimmt entdecken- Die Männer fingen an, die seitwärts hängenden Äpfel zu pflücken, aber sie sahen Jakob nicht, denn er war unter einem dichten Blätterdach verborgen. -Ach, ist nicht schlimm!- dachte Jakob -Gleich werden sie mich bestimmt

entdecken- Nun stiegen beide die Leiter hinab und fingen an die schon heruntergefallenen Äpfel aufzusammeln. Sie stapelten die vollen Kisten auf den Lastwagen und fuhren davon. Aber Jakob hing noch immer an seinem Ast. Sie hatten ihn tatsächlich, trotz all seiner Pracht, übersehen. Er war zurückgeblieben, mitsamt allen seinen Träumen. -Mach dir nichts draus- sprach der Mutterbaum tröstend. -Sie kommen bestimmt noch einmal

wieder!- Die Tage vergingen und Jakob spürte, dass er sich nicht mehr allzu lange festklammern können würde. Und so kam es, dass er an einem besonders windigen Tag, einfach von seinem Ast herabfiel. Mit etwas Glück landete er jedoch auf einem weichen, frisch aufgeworfenen Maulwurfhügel, von dem er dann sanft zum Boden hinunterkullerte Erleichtert stellte er fest, dass er bei dem Fall keine Beule erlitten hatte. Höchstens ein winziger Kratzer an seiner Schale, nicht mehr! Immer noch

makellos. Aber was würde jetzt mit ihm passieren? Würden die Menschen ihn wohl doch noch finden? Doch der Laster kam nicht wieder. Stattdessen näherten sich eine Gruppe Kinder mit lachenden Stimmen die die Luft erfüllten. Sie waren sehr erfreut noch Früchte anzufinden. Kleine Hände sammelten die abgefallenen Äpfel vom Boden auf, begutachteten sie prüfend von allen Seiten. Drückten sie mit kleinen, festen Fingerchen. Diejenigen die noch nicht allzu heftig

angeschlagen waren, warfen sie in mitgebrachte Tüten oder stopften sie in ihre Hosentaschen. Jakob bekam Hoffnung. Mit seiner für Menschen allerdings unhörbaren Apfelstimme, rief er die Kinder. Aber sie hörten ihn nicht. Sie hörten nur die zirpenden Grillen, summenden Bienen, brummenden Hummeln, den in der Mutterbaumkrone rauschenden Wind und ihr eigenes lautes Lachen. -Seht doch nur her- rief

Jakob. -Seht doch nur, ich liege hier und bin herrlich, köstlich, unübertrefflich und wundervoll. Nehmt mich doch mit-. Aber sie hörten ihn nicht. Und leider sahen sie ihn auch nicht. Dann fing es plötzlich an zu regnen und die Kinder liefen laut kreischend weg. Tage vergingen. Jakob hielt sich wacker am Rande des Maulwurfhügels. Keinerlei Tier oder Menschenzähne nagten an seiner noch immer vollkommenen Schale, aber er spürte den Zahn der Zeit bereits an seinem Inneren

nagen. Sein Fleisch, bis vor kurzem noch fest und saftig, verwandelte sich allmählich und wurde langsam weich. -Aber ich bin noch immer köstlich... sogar noch köstlicher als zuvor! Ich bin reif und süß- dachte Jakob voller Stolz und einem Hauch von Traurigkeit, denn niemand kam um seine Süsse zu probieren. Niemand kam um ihn aufzuheben und mitzunehmen. Niemand würzte ihn mit Zimt und Nelken. Niemand polierte ihn, um ihn auf einem silbernen Tablett

vorzuzeigen. Niemand machte einen Kuchen aus ihm, oder Saft, oder Wein. Er war in seiner Vollkommenheit gänzlich allein. Keiner erfuhr etwas von seiner Unübertrefflichkeit. Und nach einiger Zeit verging sie. Denn nichts bleibt für immer makellos. Nicht einmal perfekte kleine Äpfel. Seine Schale verschrumpelte und bekam tiefe Rillen. Seine ursprünglich wunderschöne rote Farbe verwandelte sich in ein hässliches braun, gesprenkelt mit einigen schwarzen

Flecken. Niemand wollte ihn mehr. Weder Wespen, noch Bienen. Nicht einmal die Fliegen -dabei weiß jeder, dass Fliegen wirklich alles fressen- wollten etwas von ihm! Allerlei Tiere hatten ihn mit ihren Nasen angestupst, aber keines von ihnen hatte Lust gehabt ihn auch nur ein bisschen anzuknabbern So lag er nun, ohne Träume und von allen verschmäht auf der Wiese. Freudlos und jeder Eitelkeit beraubt. Bis, ja bis eines Tages etwas höchst Seltsames geschah. In einer mondhellen Nacht hörte Jakob

Gesang. Der Mutterbaum rauschte aufgeregt mit seinen Blättern. Eine fröhliche Melodie, gesummt von einer jungen Frau, die ganz plötzlich direkt unter dem Baum erschien! Sie hatte lange weiss-graue Haare, mit vielerlei Blumen geschmückt. Sie trug ein langes weisses Kleid und trug eine Tasche umgehängt, aus der Kräuter hervorschauten und kleine Zweiglein. Sie bückte sich geschmeidig hie und da, hob den einen oder anderen Apfel auf, vorsichtig drückend und begutachtend . Ein neuer Hoffnungsschimmer durchzuckte den armen

Jakob. Ob ihn wohl doch noch jemand gebrauchen konnte? -Bitte, bitte- flehte er -lass mich bitte nicht hier verderben- Die Frau hielt einen Moment lauschend inne. Sie drehte sich tatsächlich in seine Richtung und betrachtete suchend den Boden vor sich. Jakob konnte es fast nicht glauben. Sie hatte ihn gehört. -Hier liege ich, holde Dame-

rief er noch einmal mit letzter Anstrengung. Dabei quoll ihm sogar etwas von seinem Saft aus der Schale. Die Frau, eine Waldnymphe, sah ihn, bückte sich und hob ihn auf. Jakob traute sich kaum zu hoffen, doch sie drehte ihn in ihrer Hand und lachte froh. -Du bist perfekt- rief sie. -Gerade richtig für den süßesten Zaubertrank den ich unbedingt noch heute bei diesem wundervollen Mondlicht zubereiten werde, da er so am besten wirkt. Welch braver kleiner Apfel! Wie

wunderbar, wie wundervoll!- Sie legte ihn vorsichtig in ihre Tasche und verschwand so plötzlich wie sie erschienen war. Ein leichte Brise fuhr sanft durch die Blätter des Mutterbaumes. -Ja- flüsterte er -Vollkommenheit ist für jeden etwas anderes-

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Ninamy67
1967 in Hamburg geboren, seit 1988 verheiratet, Mutter von 5 Kindern

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Trollmops Jeder hat seine eigenen Talente, seine Vorzüge, sein Wesen. Und all das hat keiner so wie man es bei sich selbst finden kann. Jeder ist verschieden, und jeder ist auf seine Weise volkommen. Das ist die Botschaft, die man nicht nur den Kindern vermitteln muss. Kinder werden es verstehen ...

LG Det
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Ninamy67 Ich habe für diese Geschichte ganz bewusst einen anderen Ton gewählt, von dem ich hoffe das er Kindern AUCH gefällt...aber es ist schon fast eher eine "Fabel" für Erwachsene...das hast du ganz richtig bemerkt...

LG
Nina
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Feedre Jaaa....Vollkommenheit ist für jeden anderst...
eine zauberhafte Idee und Geschichte..:-)))
lieben Gruß
Feedre
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Ninamy67 Vollkommenheit liegt tatsächlich "in den Augen des Beschauers" wie ein altes Sprichwort sehr treffend besagt...wir erinnern uns in unserer medialen Perfektionisten-Welt nur eben zu selten daran.
Das man halt immer nicht nur den eigenen Ansprüchen genügen möchte, sondern dem was andere uns vorgeben.

LG
Nina
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baesta Was für eine hübsche Geschichte. Du hast wirklich sehr viel schöne Fantasie und so extrem hochmütig fand ich das Äpfelchen gar nicht.
Wieder so richtig was für Kinderherzen und die sich noch etwas aus der Kindheit ins Alter hinüber gerettet haben. Werde bei meiner nächsten Apfelernte daran denken.
Gefällt mir sehr gut. Du hast wirklich großes Talent.

LG Bärbel
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Ninamy67 Du weißt ja nicht wie sehr ich mich über einen lobenden Kommi freue!
Ich probiere tatsächlich nicht nur für Kinder zu verfassen, denn ich bin selber ein großer Fan von Kinder und Jugendbüchern, in denen ich mich bis heute wie zu Hause fühle. Kinderliteratur ist ein ernstes Geschäft, dort werden die Wurzeln angelegt für spätere Bücherliebhaber!

LG
Nina
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KaraList In der Regel kommt Hochmut vor dem Fall, bei diesem Apfel hatte er auch nach dem Fall noch Bestand. :-))
Eine märchenhafte Geschichte mit einer zutreffenden Aussage.
LG
Kara
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Ninamy67 Vielen Dank für deinen super Kommentar ?....leider Coin-Sperre...

LG
Nina
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Bleistift 
"Der eitle Apfel..."
Märchenhaft... Genau drei Mal habe ich über Äpfel
geschrieben, einmal landeten sie in einer Igel-Kiste,
ein andermal wollte der Apfelbauer Mecke sie gleich
sackweise auf dem Markt verkaufen und zuletzt lagen
zwei wunderschöne Exemplare den Winter über zu lange
im Regal und wurden mit der Zeit etwas schrumpelig... ...smile*
Aber nie hatte einer von ihnen eine solch interessante
Persönlichkeitsstruktur, wie dieser Jakob... ...smile*
Hübsch geschrieben...
LG
Louis :-)
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Ninamy67 Vielen Dank f?r dieses super Feedback. Die Geschichte schwirrt mir seit 2 Jahren im Kopf herum, aber irgendwie kam sie erst Gestern aus mir herausgepurzelt...?
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