Kurzgeschichte
Vernebelt

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"Vernebelt"
Veröffentlicht am 26. Februar 2018, 14 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Ich liebe die Mäßigung und hasse die Gewalt ; mit ruhigem Blick schau ich in die Zukunft. Die höchsten Wellen erreichen niemals den Meeresgrund
Vernebelt

Vernebelt

Vernebelt

Nieder senkt sich der Tag, rings die Erde, im schwarzem Tuch, träumend schläft ein. Vor dem Fenster in den hohen Parkbäumen schaffen sich Krähen lautstark Schlafräume und im Zimmer der Kranke sich in den heilenden Schlaf drängen will.

Es ist ihm als hätte er die Nacht schon hinter sich.

Dieses ewige Wechselspiel zwischen Wachen , Albträumen ,fiebriger Hitze und Hoffen auf den erlösenden Morgen. Unter der Tür erlischt das Licht des langen, mit gerillten Fliesen belegten Flures,jeder Neuankömmling, hier Eingewiesene benamt ,

klappert mit seinem Bett für alle hörbar in seine Hoffnung, die Schritte der Schwester klappern nebenher. Es ist Mitternacht, die Nachtwache ist gekommen und es bleiben noch Stunden, bis ihm Fürsorge widerfahren wird. Die Nachtleuchten werden eingeschaltet und ihr bläuliches Licht quält sich kraftlos in den Hoffnungsschlitz der Tür. Leise Musik aus dem Schwesterzimmer, Chopin Nocturnes, verraten ihm die stille immer an teilnehmende Inge ist in dieser Nacht nur eine Zimmerwand entfernt und er weiß, wenn sein Finger nur den kleinen Knopf am Bettgestell berührt, wird sie neben ihm stehen, seine Stirn kühlen und mit ihren traurig sehenden Augen ihn beobachten, bis er wieder eingeschlafen ist

Am Anfang seines Aufenthaltes, noch vor dem alles entscheidenden Termin, als die Schmerzen kaum mehr erträglich ihm schienen, benutzte er dieses Klingelzeichen oft, schlurfende Schritte kündigten Hilfe an und noch ehe ein neuer Schmerzensschub sich meldete, stand Schwester Inge in der Zimmertür, war mit schnellen Schritten ans Bett getreten, das Krankenblatt vom Fußende in der Hand, nahm sie mit der anderen ein Tuch und trocknete die fiebrig feuchte Stirn, legte alles wieder hin und eilte ein schmerzstillendes Präparat der tropfenden Flüssigkeit beizufügen. Nach kurzer Zeit schien alles wie weggeblasen und eine leichter schwebender Zustand breitete sich in

ihm aus. Der Raum war wie ein zu feucht gehaltenes Aquarell vor seinen Augen zerflossen und über ihm standen zwei runde braune Kreise. Die Schritte, des hüftgeschädigten kleinen weißbekitteltem Engel ,hörte er schon nach wenigen Minuten nicht mehr. Alles drang wie durch Watte gepresst in sein Bewusstsein, selbst das ewig unbequeme und falsch gefaltete Kissen war weich und ihm willig. So war seine erste Begegnung ihm zum Trost und zur stillen Hoffnung geworden, wenn diese unregelmäßigen Schritte auf dem langem Flur sich näherten oder entfernten zwischen den dreißig Zimmertüren, die er am zweiten Aufenthaltstag noch gezählt hatte, als sie ihn vom dämmrigen Kellergeschoss, wo er

in einer langen Röhre, nachdem die Lärmbeschützer eng an seinen Ohren sich schmiegten, innerlich fotografiert wurde, dann mit dem Fahrstuhl wieder in den sechsten oder siebenten Stock fuhren und den langen Flur bis in das Zimmer mit der Nummer die nun seinen Aufenthaltsort bestimmte brachten. Nach der zweiten Nacht, in der ihm wieder der Schlaf entflohen war, zwischen den hohen Pappel legte sich der kühle Sonnabendmorgen der dritten Septemberwoche, einen rotdurchglüten Morgenmantel zwischen den verblassten Sternen über, bemerkte er, dass von dem hochaufgerichteten Kopfteil des Nachbarbettes das vertraute leise pfeifende Schlafgeräusch nicht mehr zu hören war. Das

Bett stand jetzt dicht unter dem Fenster, mit strahlend weißer plattgewalzten Betttüchern und einem hoch aufgerichtetem zweizipfliegem Kopfkissen gerückt, leer da. Seine Augen nahmen die Silhouette eines starren Pferdes war, jetzt wusste er, es waren die Medikamente, welche die Konturen verzerren ließen.

Vier Stunden später, die Schar der Chefvisite füllte jede Ecke im Raum, erfuhr er seinen Befund und durch die Blicke der Stationsschwester auch den möglichen Verbleib seines Mitbewohners , zu deutlich wanderte ihre Aufmerksamkeit zwischen ihm und dem Pferd unter dem Fenster hin und her. Er wollte sich schnell aufrichten erhob sich zu schnell, aber damit erweckte er von neuem

den schauderhaften Schmerz und musste einen Versuch, die Füße aus dem Bett zu schieben, abrupt abbrechen. Es hatte wohl keinen Sinn, es gab keine Möglichkeit der Flucht. Die folgenden Stunden nahm ihn ein Tagtraum in seine beschützenden Arme, der ließ ihn Bilder sehen, die nirgends einzuordnen waren. Den Wechsel des Tropfenbehälters hatte er schon nur noch wie im Nebel wahrgenommen. Bald erschienen ihm alle Freuden des Lebens, mit menschlichen Masken bedeckt  vereinigt , in der Gesellschaft einer jungen Frau, deren Gesicht er nicht erkennen konnte .Die Nacht war gekommen, und noch war die Gesellschaft nicht gegangen, so sehr er es

sich doch wünschte. Alle gingen im gleichen stoischem Tempo um sein Bett, schon stundenlang, redeten kein Wort mit ihm und auch nicht untereinander, doch strichen sie ihm , wenn sie in der Höhe seiner Stirn angelangt waren mit dem linken Zeigefinger über die rechte Braue. Es war schon komisch, er sagte ihnen, diese stundenlange Berührung empfände er nun als schmerzlich , doch schien es, niemand könnte seine Sprache verstehen. Nach weiterem Umrunden, begann in Höhe der Tür angekommen, jeder Dritte eine Drehung um sich selbst zu machen und war darauf aus dem Raum verschwunden. Nur das nebelhafte Frauengesicht beugte sich noch über ihn und bewegte die Lippen, als

wenn sie spräche, die Augen traurig und tränenlos. Wortlos ging sie, seine Stirn zuvor  mit leidenschaftlicher Traurigkeit küssend. Das allmorgendliche Hupen des Lieferautos, weckte ihn diesen Morgen .Als die Entladegeräusche verstummt waren, der Himmel ließ seine Sterne noch hell durch die leicht geöffnete Jalousie grüßen, versuchte er wieder in Schlaf zu verfallen. Doch er konnte nicht schlafen. Hatte er sich auf einen Augenblick beruhigt, dann fasste ihn ein neuer Schauer, wenn er die flehenden, verzweifelten Augen auf sich gerichtet fühlte. Die Stille im Raum, das fehlende Schlafgepfeiff, brachten ihn doch irgendwann wieder in Morpheus elfenbeinernes

Bett. Er stieg aus einem Bett kleidete sich an, ging leise bis zu dem Zimmer der Unbekannten, wagte kein Geräusch zu machen, um sie nicht zu wecken, wenn sie noch schliefe; aber ebenso wenig fand er den Mut, in sein eigenes Zimmer zurückzukehren, wo Himmel und Erde und seine Seele ihn mit ihrem Gewicht zu erdrückten schienen. Er blieb da, an der Schwelle des Zimmers der jungen Frau und fühlte in jedem Augenblick, nun sei seine Kraft am Ende, und er müsse zu ihr. Dann erschreckte ihn der Gedanke, dass er dieses sanfte Vergessen zerstören sollte ,denn sie schlief mit tiefem Atmen, dessen sanftes Gleichmaß er fühlte. Weshalb sie grausam der Reue und Verzweiflung

ausliefern, während sie sich jetzt in den Schlaf geflüchtet hatte, der ihm so lang entflohen schien ? So blieb er denn an der Schwelle, er saß, er kniete, manchmal lag er da. Am Morgen kehrte er in sein Zimmer zurück, verfroren und beruhigt, schlief lange und erwachte am späten Vormittag, ausgeruht und voller Wohlbefinden, seine Bettdecke lag zertreten unter den Füßen. © mk 2012

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Nereus
Ich liebe die Mäßigung und hasse die Gewalt ; mit ruhigem Blick schau ich in die Zukunft.
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Myriel da kommen Bilder in mir hoch. Erst einige Monate her, sechs Wochen Krankenhaus, dann langsam ins Leben zurück. Welch Glück, welche
Chance. Danke für die Geschichte, die ich vor allem in ihrem Schreibstil so spannend fand.
Lieben Dank
Myriel
Vergangenes Jahr - Antworten
Nereus Dann wünsch ich Dir, die Bilder mögen sich langsam vernebeln,
meine Erfahrung: nicht alles, was in solchem Hause mir geschehen, ist mir zuträglich gewesen.
schönes Wochenende , lieben Dank und gruss
marku
Vergangenes Jahr - Antworten
KaraList Auf diesen Text muss man sich einlassen.
Ein Erinnern an Vergangenes, das sich nur in nebulösen Fragmenten zeigt, weil nur sie ins Bewusstsein drangen, ein Wachtraum mit realem Hintergrund? Interpretationsspielraum ist auf jeden Fall vorhanden.
Eine beeindruckende Geschichte, lieber Markus.
LG
Kara
Vergangenes Jahr - Antworten
Nereus genauso liebe Kara steigt es stückchenweise aus dem Unterbewussten
ans Licht
dank und lieben Gruß
markus
Vergangenes Jahr - Antworten
Memory 
Keine leichte Kost, aber sehr gut.
Lieben Gruß
Sabine
Vergangenes Jahr - Antworten
Nereus Deshalb liebe Sabine lag es auch so lange im Ordner der Unveröffentlichten, wo selbst die" Nachbarn" erleichtert wohl sind
dank und lieben Gruß
markus
Vergangenes Jahr - Antworten
mukk Lieber Markus, ein sehr bedrückender Text, den ich atemlos gelesen habe. das heißt, ich musste ihn ein paarmal lesen, so tief hat er mich berührt. Er erinnerte mich an die Zeit, da ich als Krankenschwester arbeitete und mich daher gut in deine Zeilen hinein versetzen konnte.
Sei herzlichst gegrüßt!
Ingrid,
(die damals auch Sr. Inge gerufen wurde )
Vergangenes Jahr - Antworten
Nereus Danke Schwester Inge !
Es ist ein Bericht von der anderen Seite !, von" Einem", der den Knopf aus heutiger Sicht sicherlich zu oft, weil voller Angst, drückte.
dank allen Weißkitteln ist noch heute in mir, auch in den Träumen, die immer einmal wieder erinnern.
dank und lieben Gruß
markus
Vergangenes Jahr - Antworten
derrainer lieber markus,
was ist traum was ist wirklichkeit,
übergänge die in einandergreifen.

lieben gruß rainer
Vergangenes Jahr - Antworten
Nereus lieber Rainer auch Träume gehören unter gewissen Um- und Zuständen
zur erlebten Realität
dank und lieben Gruß
markus
Vergangenes Jahr - Antworten
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