Kurzgeschichte
Wie im Märchen - Beitrag zur Schreibparty 66

0
"Wie im Märchen - Beitrag zur Schreibparty 66"
Veröffentlicht am 19. Januar 2018, 18 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Alles Infos unter artemzolotarov.com Ich schreibe seit 2010 Gedichte, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Songs. Ich habe bis jetzt drei Gedichtbände und zwei Poetry Slam Textsammlungen mit Hörbuchfassungen veröffentlicht. Eine Übersicht gibts auf meiner Homepage. Auf meiner Facebookseite gibt es täglich aktuelle Infos, Gedichte, Geschichten, Videos, Musik und und und. Ich würde mich sehr über euren like ...
Wie im Märchen - Beitrag zur Schreibparty 66

Wie im Märchen - Beitrag zur Schreibparty 66

Wie im Märchen

Beitrag zur Schreibparty 66

Text inspiriert durch "Mitternachtsball" – Juliane Werding


Vorgabewörter: Glas Leben Spiegel Schnabel Liebste Zettel Freund Morgenrot Schatten Tanz küsst Wein



Wie im Märchen


Ich hatte ein kurzes, aber schönes Leben. Es endete leider zu früh, aber wer bin ich schon zu entscheiden, wann die Zeit zu gehen gekommen ist? Als ich merkte, dass es keinen Ausweg mehr gibt, hob ich mein Glas mit Wein, nahm einen großen Schluck und küsste die Stirn meines Mörders. Sie war kalt wie Eis. Das Lämpchen am Armaturenbrett blinkte rot. Noch bevor ich mir überlegen konnte, was jetzt am besten zu tun sei, verröchelte der Motor seinen letzten Lebensfunken und das Auto rollte langsam aus.

Jegliche Wiederbelebungsversuche mittels

energischer Zündschlüsselgewaltakte blieben erfolglos. Ich steckte fest. Draußen breitete sich die Nacht langsam über dem Wald aus und ich saß mitten auf einer einsamen Landstraße in meinem alten VW-Käfer und hatte keinen Akku mehr. Mein Freund würde sich vielleicht irgendwann fragen, wo ich stecke und sich auf die Suche machen. Anderseits könnte es auch Tage dauern, bis er sich Gedanken macht. Wir hatten uns gerade auf eine Beziehungspause geeinigt, genauer gesagt, hatte er mich vor vollendete Tatsachen gestellt, indem ich eines Tages einen Zettel auf meinem Schreibtisch fand. Auf dem Zettel stand kurz und deutlich: „Liebste, ich brauche eine Pause. Melde mich, wenn ich reden will.“ So war er, dieses

gefühlskalte, manipulative Drecksschwein, doch ich fiel immer wieder auf ihn herein. Ich konnte nicht anders. Hollywoodfilme und Liebesromane hatten ein zu schönes Bild von Liebe in meinen Kopf eingepflanzt und als Resultat dieser Geschichten stand eine Trauerweide auf einem weiten, kahlen Feld und wartete, bis sie jemand achtete und ihr Selbstwertgefühl mit Komplimenten und Zuneigung begoss. Die Schatten der Bäume wurden immer größer und schlichen im Sinkflug der Sonne langsam über die einsame Straße. Bald würde es kälter werden und irgendwann nachts, wäre es so kalt, dass ich aus dem Auto steigen müsste, um mich warm zu halten. Also entschied ich mich lieber gleich auszusteigen

und nach Hilfe zu suchen. Ich ging die Straße entlang und hoffte in absehbarer Zeit ein Dorf oder wenigstens ein Notfalltelefon zu finden und tatsächlich leuchtete nach etwa einer halben Stunde Fußmarsch ein kleines Licht, nicht weit der Straße, auf einer Waldlichtung. Als ich näher kam, sah ich Autos, die vor dem Haus geparkt standen. Von drinnen hörte ich laute Musik und ausgelassene Stimmen, die sangen und sich unterhielten. Ich war sehr froh über dieses fast schon unverschämte Glück. Mitten im Wald ein großes Haus mit vielen Menschen, von denen sicherlich einer mir helfen würde. Ich klingelte. Die Tür ging auf und ein adrett gekleideter älterer Mann trat in Erscheinung.

Ein prachtvoller, grauer Schnauzer dominierte sein Gesicht, das freundlich doch starr in meine Richtung blickte. Der Mann war blind. „Gnädige Frau, Sie wünschen?“, begrüßte er mich freundlich. Woher wusste er, dass ich eine Frau war? Ein unheimliches Lächeln legte sich auf seine dünnen, trockenen Lippen. „Keine Angst, ich habe Ihr Parfum gerochen“, beantwortet er meine ungestellte Frage. „Übrigens ein sehr schöner Duft. Ist es Lavendel?“ „Ja“, sagte ich verlegen. „Sie können wohl Gedanken lesen.“ „Nein, ich sehe nur sehr gut, was man nicht mit den Augen sehen kann.“ Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass mein Auto liegen geblieben war und ich Hilfe

brauchte, nickte er ruhig und sagte: „Das ist kein Problem. Wir können Ihnen morgen sofort einen Abschleppwagen rufen.“ Ich äußerte den Wunsch um sofortige Hilfe, den er aber ablehnte: „Das geht leider nicht. Heute werde Sie keinen Abschlepper mehr erreichen können. Wir leben auf dem Land und es ist Samstag. Die Leute feiern und trinken oder sitzen mit ihren Familien vor dem Fernseher. Kommen Sie einfach herein und feiern Sie mit uns. Wir haben eine kleine Party.“ Ich trat ins Haus. Durch einen Spiegel im Flur konnte ich einen Blick ins Wohnzimmer werfen. Das Erste, was ich sah, war ein Mann, der in einen großen, schwarzen Umhang gehüllt war und eine Maske trug. Die Maske war mit goldenen Spiralmustern verziert und

hatte einen dünnen langen, leicht nach unten gebogenen Schnabel, der mich sofort an einen Kolibri denken ließ. Der Mann unterhielt sich mit einer Frau, die ebenfalls eine Maske und ein elegantes Abendkleid trug. Just in dem Moment, in dem ich das maskierte Paar erblickte, wandte er seinen Kopf in Richtung des Spiegels und sah mich an. Es schien fast, als ob er meinen Blick auf sich gespürt hatte. Instinktiv wich ich zur Seite, um seinen Augen zu entkommen und sah nun mich selbst im Spiegel. Ich sah müde und abgekämpft aus. Dunkle Augenringe untermalten meine Augen und mein Haar war zerzaust. Hektische versuchte ich es, ein wenig in Ordnung zu bringen. „Das Bad ist den Flur entlang links“, sagte der

blinde Portier, als ob er genaue gesehen hätte, was ich gerade vor dem Spiegel tat. Ich stockte kurz und schaute ihn verblüfft an. Woher wusste er … „Sie wollen sich bestimmt frisch machen“, beantwortete er wieder meine gedachte Frage, worauf hin ich bejahte und ins Bad ging. Als ich wieder zurückkam, hielt mir der Blinde eine Maske hin und erklärte, dass heute ein Maskenball stattfände und jeder Gast eine Maske zu tragen habe. Meine Maske war smaragdgrün. Die Ränder waren mit feinen Fransen geschmückt, die etwas aufgebauscht den Zweigen und Blättern einer Weide glichen. Ich zog die Maske auf und schritt ins

Tanzgetummel. Die Musik war laut und ausgelassen. Die Gäste tanzten wild durcheinander; Männer mit Männern, Frauen mit Frauen, auch Gruppen aus drei oder vier Tänzern vergnügten sich zum Rhythmus der Musik. Ich verlor mich im Taumel und vergaß überhaupt, wo ich war. Nach einem Drink von der Bar verwandelte sich mein Frust in Ekstase. All die negative Energie strömte, die mein kaputtes Auto und meine kaputte Beziehung mir beschert hatten, strömte im Schweiß der körperlichen Eskalation aus mir heraus. Schamlos lasziv beschrieben meine Hüften in kreisenden Bewegungen anrüchige Geschichten und es dauerte nicht lange, bis sich der erste Balzgefährte mir näherte. Ich

spielte einen Augenblick mit dem Gedanken, ihn näher an mich heranzulassen, aber sofort befahl mir meine Intuition, ihn von mir zu stoßen. Ich genoss die Enttäuschung in seiner Körpersprache. Seine Augen schauten mich vorwurfsvoll hinter der Maske an. Ich lachte ihn spöttisch an und drehte mich weiter, weiter, immer weiter, zum nächsten Abenteuer, zur nächsten verliebten Mitternachtsmotte, die an der Hitze meiner Reize verbrennen würde. Doch irgendwann wurde ich müde. Ich setzte mich auf eine Couch unweit der Tanzfläche und atmete durch. Ein Mann setzte sich zu mir. Sein schwarzer Umhang legte sich um die Couchlehne und streifte meinen Körper. Ich sah ihn an und erkannte den Kolibrischnabel

seiner Maske wieder. Seine Stimme kam mir sehr bekannt vor: „Na, genug getanzt?“ – „Ja, kenne ich dich?“ – „Noch nicht, aber das können wir ändern. Ich bin Jeff.“ – „Ich bin Adina.“ – „Hallo, Adina.“ Wir plauderten ein wenig und entschieden uns kurz darauf vor die Tür zu gehen. Das Morgenrot breitete sich langsam über dem Wald aus. Vögel sangen den nahenden Tag herbei. Es war genau wie in all diesen Liebesgeschichten und Liebesfilmen, die ich immer wieder begierig las und schaute, die eine perfekte Parallelwelt beschrieben, in der die Frauen immer begehrenswert und umworben waren. Ihr Traumprinz war stark und schön und liebte nur sie. Nach ein paar Schwierigkeiten und Missverständnissen,

fanden sie am Ende immer zu einander und es gab ein Happy End. Wie unglaubwürdig und konstruiert das war. Eine perfide Marketingstrategie, die einsame und vom Leben enttäuschte Hausfrauen in Traumwelten entführten, nur um sie dann immer wieder in den Alltag zu entlassen, wo sie einsam oder bestenfalls von eher enttäuschenden männlichen Exemplaren in ihrem Liebesleben begleitet wurden. Doch heute schien sich die Wirklichkeit für mich zu einem Märchen zu entwickeln. Der Mann neben mir war schön und intelligent. Er konnte gut reden und zeigte aufrichtiges Interesse an mir. Fast wäre ich auf seine Masche reingefallen. Ich war doch nicht in einem Märchen.

Ich entschuldigte mich und sagte, dass mein Auto noch mitten auf der Straße steht und ich möglichst schnell nach Hause kommen wolle. „Das trifft sich ja gut. Ich habe den einzigen Abschleppdienst im Umkreis von 200 Meilen. Ob du willst oder nicht, heute kommst nicht drumherum, mit mir nach Hause zu fahren.“ Er lachte mich schelmisch an und zog die Maske ab. Ein makelloses Modelgesicht strahlte mich an. Sein markantes Kinn umspielte ein leichter Dreitagebart. Die ozeanblauen Augen wurden von kräftigen Brauen und schwungvollen Wimpern betont.

Ich schluckte.

Ich nickte.

Ich fuhr mit.

0

Hörbuch

Über den Autor

koollook
Alles Infos unter artemzolotarov.com

Ich schreibe seit 2010 Gedichte, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Songs.
Ich habe bis jetzt drei Gedichtbände und zwei Poetry Slam Textsammlungen mit Hörbuchfassungen veröffentlicht. Eine Übersicht gibts auf meiner Homepage.

Auf meiner Facebookseite gibt es täglich aktuelle Infos, Gedichte, Geschichten, Videos, Musik und und und. Ich würde mich sehr über euren like freuen:

https://www.facebook.com/artem.poetry

http://www.bookrix.de/_ebook-artem-zolotarov-fuer-c/

http://www.bookrix.de/_ebook-artem-zolotarov-verstehst-du-mich-1/

Ich vertone meine Gedichte und Geschichten auch seit ein paar Monaten.
Auf soundcloud könnt ihr meinen letzten Band komplett vorgelesen hören (alle Gedichte sind auch downloadbar):

https://soundcloud.com/koollook_poesie

Seit Januar 2013 führe ich ein Projekt das "Ich schreibe über DICH!" heißt. Dabei kann mir jeder ein Bild von sich schicken und ich schreibe ein Gedicht dazu. Mit dem Projekt versuche ich Lyrik näher an den Leser zu bringen, um zu zeigen, dass sie nicht immer unverständlich und kompliziert sein muss ohne dabei in den Kitsch von Teetassenpoesie zu verfallen.
Wer mitmachen möchte, kann mir seine Bild an koollook_poesie@gmx.de schicken.
Hier könnt ihr die bisherigen 167 Bilder und Gedichte sehen:

http://ichschreibueberdich.tumblr.com/

Seit 2014 nehme ich auch an Poetry Slams teil. 2015 wurde ich Rheinland-Pfalz Meister in dieser Disziplin.
Videos von Auftritten gibt es bei youtube.

Leser-Statistik
22

Leser
Quelle
Veröffentlicht am

Kommentare
Kommentar schreiben

Senden
AngelaFinck Hallo Koollook
Noch einmal Leben.
Noch einmal Aufleben, bevor der Tod mich nimmt.
Sehr tolle Geschichte. Gerne gelesen.
Vielen Dank für deinen Beitrag
LG Angela
Vor langer Zeit - Antworten
Andyhank Ach, mist ... wie geht's weiter?
Tolle Geschichte, voll mein Geschmack!
Einzig: warm zu halten ... also, warmzuhalten wäre korrekt. Jemanden warm halten ... ergibt irgendwie keinen Sinn. ;)
Ansonsten, prima Beitrag! :)
Vor langer Zeit - Antworten
welpenweste Da bin aber auch gerne mitgefahren!
Günter
Vor langer Zeit - Antworten
matzetino Ein Märchen was den Leser sofort mitnimmt. Sehr gerne gelesen.

Liebe Grüße und viel Erfolg
Martina
Vor langer Zeit - Antworten
Kornblume Das Ende offen ,ein Alptraum oder nicht ?
Gefällt mir sagt die Kornblume,Jurymitglied
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Na, wenn das kein Märchen ist ... :-)
Fantasievoll, ein bisschen ironisch, prickelnd, aber vor allem gut geschrieben, da die Vorgabewörter unverkrampft in die Handlung und den Text einfließen. Super!
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
Himbeere Eine fein ausgearbeitete Geschichte um den Mitternachtsball.Vielschichtig und auch humorvoll finde ich, passt super zum Lied :) . LG Himbeere
Vor langer Zeit - Antworten
Lynny Interessante und spannende Story, viel Erfolg.
LG. Lynny
Vor langer Zeit - Antworten
koollook Vielen Dank.
Vor langer Zeit - Antworten
Mia_Mondstein Was für ein Abenteuer... war bis zur letzten Seite gespannt, wie es ausgehen würde.

Viel Glück . LG Mia
Vor langer Zeit - Antworten
Zeige mehr Kommentare
10
13
0
Senden

156648
Impressum / Nutzungsbedingungen / Datenschutzerklärung