Kurzgeschichte
Meine schwule Seele - biografisch angehauchte Anekdote

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"Meine schwule Seele - biografisch angehauchte Anekdote"
Veröffentlicht am 07. November 2017, 22 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Meine schwule Seele - biografisch angehauchte Anekdote

Meine schwule Seele - biografisch angehauchte Anekdote






Für M. der Matthias heißt,

von L. , die Leonie ist.

schön, das ses dich für m ich gibt!

Die hauchdünne Karamellkruste der nach Vanille duftenden Crème brulee, knackte gleich einer frischen Eisschicht auf einem winterlich gefrorenen See, als der silberfarbene Löffel sie durchbrach. Die Hand, die ihn in faltigen Fingern mit kurzen, teilweise abgerissenen Fingernägeln, hielt, zitterte leicht, wie auch die schmalen Lippen in dem ausdrucksvollem Gesicht, dem das was die Medien „Schönheit“ nennen, fehlte, bebten „Tief in deiner Seele bist du schwul.“ Hatte er ihr gesagt. Ihr war sehr wohl bewusst, dass er „schwul“ und nicht „lesbisch“ meinte, als Kompliment, nicht als anzügliche Anspielung auf ihre

sexuelle Ausrichtung. Und dennoch hingen L. diese Worte nach, wie Knoblauch, der zwar eine Speise angenehm würzt, doch einen üblen Geschmack und Geruch hinterlässt. Sie ließ die lauwarme, zartschmelzende Crème genussvoll auf der Zunge zergehen, die Augen geschlossen um seinem Blick nicht begegnen zu müssen. So wie die Süße der Nachspeise ihren Gaumen streichelte, so wärmten allmählich seine Worte ihr Herz. Sie öffnete die Augen und lächelte. „Du hast ..“ setzte sie an, doch M war nicht mehr da. Er stand in der einen Hand eine seiner so heiß geliebten

Zigaretten, in der anderen das Handy, mit dem er, wie sie vermutete ein Gespräch mit seinem noch viel heißer geliebten Freund führte, vor der Fensterfront des Restaurant. Die dekorativ mit Blumen und Teelichtern in bunten, Martinslaternen ähnlichen gläsern geschmückten Tische spiegelten sich in den großen Scheiben, doch M. war dahinter deutlich zu erkennen. L. schüttelte den Kopf, ob über ihn oder sich wusste sie selbst nicht so genau, aber warm war ihr immer noch ums Herz. Im Kopf allerdings tanzten die Gedanken Tango. Das war eines der Probleme in ihrem Leben, sie konnte ihren Kopf niemals ausstellen. L. seufzte

schicksalsergeben, nahm dann zuerst noch einen weiteren Löffle der verführerischen Crème und dann einen tiefen Schluck Pinot Grigio. Sie seufzte ein weiteres Mal, allerdings klang dieser Seufzer in ihren Ohren, genüsslich, gleich einem Stöhnen. „So schlimm? So schön?“ die Stimme, hatte einen Klang, wie Seide sich an einem warmen Sommertag kühl und angenehm anfühlt- oder Samt an einem kalten Winterabend. Noch immer gefangen von der perfekten Kombination von schmelzender Süße und kühlender Säure in ihrem Gaumen, blickte sie sich nach dem Besitzer dieser umwerfend Stimme um, auch wenn

irgendwas ihr sagte, das sie eigentlich peinlich berührt sein müsste denn er hatte sie stöhnen und seufzen hören. Dann sah sie in die betörensten grün-braunen Augen, die sie seit Langem gesehen hatte. Ein Dschungel, in dem Frau sich mit Freude und Leidenschaft verlief, die flucht vor der Peinlichkeit , gar nicht in Betracht ziehend, das das Hirn zwar noch arbeitete aber irgendwie nicht mehr so ganz an dem Ort saß, an dem es normalerweise beheimatet war. „Äh … Ja..Creme Brulee …“ stammelte sie. ‚Wenn ich jetzt sabbere‘, dachte sie gleichzeitig bei sich, kann ich es

immerhin auf Wein und Nachtisch schieben.‘ Denn der Typ am Nebentisch hatte neben Stimme und Augen noch so einiges mehr, das drei ihrer fünf Sinne ansprach: Er klang nicht nur nach Samt und Seide, er roch auch schwach nach Eau Sauvage von Yves St. Laurent, einem Klassiker der Herrendüfte, sondern er sah traumhaft gut aus. Gefährlich das sah sie auf den ersten Blick, war die Tatsache, dass er sich seiner Wirkung, seiner Schönheit überhaupt nicht bewusst war oder dass es ihm egal war. „Ja, die Crème brulee ist fantastisch hier. Wie schön ist es eine Frau zu sehen, die so ungeziert genießen kann.“ Er klang ganz und gar männlich, aber

ungekünstelt. Ein weiterer Aspekt, der ihn anziehend für L. machte. Gefährlich anziehend. Sie war drauf und dran ihm einen Schluck Wein anzubieten, als er auch schon weitersprach: „Meine Freundin ist leider nicht …“ L. sollte nie erfahren, was seine Freundin nicht war, wohl aber, dass eine Frau, die der Bezeichnung „Tussi“, nicht passender entsprechen konnte,lautstark wie auch handgreiflich Besitzansprüche an ihn erhob. Ihr Parfüm "soulmate" von S.Olivier überdeckte penetrant, seine zarte "Wildheit". L war sicher, dass die Tussi, ihr Parfüm, des Namens wegen

und um wenigstens etwas Seele zuhaben, gewählt hatte. Wohingegen sie hoffte, seine Wahl, entsprach seinem Temperament.Zumindest in gewissen Situationen .... Lippen und die, nun auf seinen breiten Schultern liegenden, Krallen gleichen spitzen Fingernägel der Frau, waren im selben knalligen Pink geschminkt, die Augen, deren Blau vermuten ließ, das farbigen Kontaktlinsen ihnen ihre Farbe verlieh,waren von Wimpern umrahmt, die, wie es sich für eine medienabhängige Frau von heute, die sich durch ihren Körper definiert, gehört, an falsche erinnerten. Ihre Haare waren blondiert und

Extention-verstärkt. Ohne das alles wäre sie zwar unwesentlich schlanker, aber auch nicht wirklich schöner als sie selbst, stellte L nun fest. Ferner konnte sie nicht umhin festzustellen, dass ihr, selbst, ohne das von M. verlangte Accessoire tiefrotgeschminkter Lippen, viel besser stand, als der Freundin des Mannes mit der Samtstimme und den, wie sie jetzt sah, als er sie um die Taille seiner extrem nah bei hm stehenden Begleitung legte, wunderschönen Hände, die L. Leider nie spüren würde. Ihres leisen Seufzers schämte L, sich nicht. Schwule Seele, extrem heterogenes Herz. Es gelang ihr das aufkommende Kichern

in einen Hustenanfall zu verwandeln, wenn auch nur knapp. Einen vernichtenden Blick, den auch je Handbewegung nicht hätte verstärken können, die bedeutet: „Ich habe dich genau im Blick.“ „Musstest du lange warten mein Schatz?“ säuselte die Frau nun. Im Gegensatz zu ihm war an ihr nichts echt. Alles war Pose und Teil des Spieles, das L. noch nie spielen konnte. „Ich will doch schön sein für dich.“ ‚Bitte‘, betete sie, wider besseren Wissens., bitte sag es nicht.‘ Aber natürlich blieb ihr stummes Gebet unerhört.

„Du bist doch immer schön, Liebling. Die Schönste.“ Er ließ es zu, dass sie ihn, auf eine Art küsste, von der L. wusste, hier wird das „Weil ich dich mindest so will, wie du mich, sag ich, dass ich NICHT will“-Spiell eingeläutet. Sie wandte sich ab und verdrehte die Augen, gerade als M. ihren Tisch trat, sich zu ihr hinüber beugte, den linken Zeigefinger in ihre Crème brulee steckte und nach dem er ihn lasziv abgeleckt hatte, flüsterte: „Die Crème ist so kalt, wie der Typ, da heiß.“ L., die zwar bemerkte, dass sie rot wurde, schlug spielerisch nach ihm, merkte aber wie gleichzeitig ein Hebel in ihr sich umlegte, der ihren Kopf freier

machte. Dass die Tussi inzwischen beschlossen hatte, ihre Spielchen unter Ausschluss der Öffentlichkeit fortzusetzen und bald darauf samt ihres schönen Spielzeuges das Lokal verließ, tat ein Übriges. Der Abend ging in jener schönen Harmonie weiter, die erlaubt, den eigenen Gedanken nachzuhängen ohne das Gegenüber zu vernachlässigen. Sie redeten über Gott und die Welt, oder besser gesagt über Tussis, Macho-Luschen, also ihrer beider Probleme mit Männern, Spielchen versus Echtheit. Aber tote Sängerinnen, deren Stimmen immer noch verzaubern, Tenöre oder

solche, die sich dafür hielten und dann wieder über unerfüllte Liebe und Verlustängste. Je länger sie redeten, ernsthaft oder auch mal scherzend oder sich foppend, desto so klarer wurde die Wirkung des in L. umgelegten Seelenschalters und M. Worte über ihre Sinnlichkeit, ihre Stärke, die Unfähigkeit von Männern, mit Stärke umzugehen, obwohl sie keine Schwäche wollten. Auch bei anderen nicht. Plötzlich konnte L verstehen, das, das was sie damals für Liebe zu einem unerreichbaren Mann hielt, gar nicht hätte klappen können. Denn in seine Welt passten keine Frauen, die ihn zwar anhimmelten und doch sagten, sie

würden es nichts erwarten und es auch so meinten. Menschen, wie M. und ich, dachte sie irgendwann bei sich, wir sind schon eine Herausforderung für andere. Irgendwie: liebevoll und einfühlsam auf der einen Seite, dabei auch die eigenen Schwächen nicht beschönigend. So nannte M. sich stets selbst Tunte und das mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie immer von ihrer Zeit als stark übergewichtige Frau mit 150 Kilo, als die Zeit in der sie so richtig fett war, sprach. Beide wussten sie jedoch auch um ihre Stärken und doch … In Gedanken ging sie die nicht gerade hohe Zahl, ihrer

Freunde durch: fast alle waren jünger, was für geistige Beweglichkeit sorgte und, trotz mangelnder Maße die Chance erhöhte nicht einsam und freu(n)dlos zu sterben und von ihren männlichen Freunden, war einer glücklich verheiratet, und, wenn auch nicht vom Alter, so doch von Dauer der Freundschaft her,"uralt" und der Rest war schwul. Ein Omen? Ein Omen! Irgendwann rezitierte sie, wein- und freundschaftsselig, ihre beiden Gedichte (Tango der Liebe und Versuchung), die M. zu seiner Bemerkung über Sinnlichkeit und schwule Seelen, gebracht hatten. Und während sie so der eigenen Stimme

lauschte, den Blick auf den Freund gerichtet, der viel weniger flippig war, als sie ihn sich vor dem ersten Treffen vorgestellt hatte und der überzeugt verlauten lassen hatte, dass er immer wüsste, er gut für ihn wäre und zu ihm passen würde und wer nicht, spendete der umgelegte Schalter endlich das Licht des Verständnisses, in Seele, Herz und nie schweigendem Kopf. Nur in Worte fassen konnte L. es immer noch nicht. „Danke noch mal für die Seelensache.“ Sagte sie, etwas benommen von zu viel Wein, wie auch von Nähe und Freude. „Glaub mir, Kleines,“ M. nahm einen letzten tiefen Schluck Pinot Grigio,

„Irgendeiner, der …“; „… keine Angst hat vor einer starken Frau, die keine Spielchen spielt, weil ihre Seele schwul ist, tritt irgendwann in mein Leben und bleibt.“ Unterbrach L. den Freund und fügte hinzu: „Vielleicht heute noch. Richtig, Großer?“ Eine Antwort bekam jedoch sie nicht sofort. Irgendjemand der M. ablenkte, trat anscheinend tatsächlich gerade durch die Tür, die M von seinem Platz aus gut im Blick hatte. Er grinste. „Richtig!“ Als sie sich umdrehte, sah sie ihren Mr. Seidenstimme ohne Anhängsel, durch die regennassen Haare und eine gewisse

Atemlosigkeit, deren Ursprung ihr egal ist, noch schöner an ihren Tisch eilen. Er strich sich, die Haare aus der Stirn, was L. zusammen mit seinem Lächeln den Rest gab, „Ich hatte gehofft, dass Sie … dass du noch da bist.“ Sagte er, als er vor ihr steht. „Ich hatte gehofft, dass du zurückkommst.“ Sagte sie. „Tschakka!“ Sagte M. Und ging.

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LadyBoomerang

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Himbeere Wow, eine unmittelbar ins Leben eingetauchte Geschichte,und dann mit happyend :D .
Und ich erinnere mich: das Leben zaubert manchmal ja wirklich ähnliches aus dem Hut :D .Yes. LG Himbeere :)
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LadyBoomerang Matthias gibt es, siehe Cover wirklich un auch der Spruch mit er schwulen Seele ist von ihm... Ergo... du hast recht!!
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Dakota ja, das bist du :-)
immer noch der besondere Schreibstil,
der den Leser ins Geschehen zieht.
Sehr schön!

lieber Gruß
Dakota
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LadyBoomerang ach.... was für ein Lob. das tut gut!! Danke!
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LightningDream Chapeau! Danke, dass du bei mir vorübergeflogen bist!
Ansonsten hätte ich diese Story glatt verpasst. Ich werde deine Storys und was du sonst noch so "auf Lager m" hast abonnieren.
LG
Martina
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LadyBoomerang Vielen, Dank!!!!Hoffentlich gefällt dir auch anderes!
lG
Leo
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Finnley Bemerkenswert die Unverfälschtheit deiner Geschichte. Sie hat mich geradezu ins Geschehen gezogen! Toller Schreibstil!
Gruß Finn
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LadyBoomerang Herzlichen Dank!! Sorry, weiß grad nix sinnvoles , wasich sagen kann....
lG
Leo
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Bleistift 
"Meine schwule Seele - biografisch angehauchte Anekdote..."
Hier in dieser Anekdote zeigt es sich wieder einmal,
denn das Spezielle, das ist deine ganz besondere Stärke...
Gerne auch noch einmal neu gelesen... ...smile*
LG
Louis :-)

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LadyBoomerang hab es noch mal gelesen und zwei drei Sahen geändert ;-) Danke!!
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