Kurzgeschichte
Der Stecker und die Steckdose

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"Vom Rein und Raus ..."
Veröffentlicht am 16. Oktober 2017, 16 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Andyhank
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Über den Autor:

Der Alltagslyriker Andyhank (sprich: Ändihänk), mit bürgerlichen Namen "Andreas Hanke", zeichnet und schreibt, musiziert und komponiert, bastelt, kreiert, kocht und gärtnert. Humor ist sein liebstes Steckenpferd, was nicht immer bedeutet, dass alles, was hervorgebracht wird, auch lustig sein muss. Lassen wir Leser uns bezaubern von einer Denkweise der Dichtkunst, die nicht allzu oft anzutreffen ist, lassen wir Betrachter uns anstecken von ...
Vom Rein und Raus ...

Der Stecker und die Steckdose

Stecker wollen im Prinzip immer nur das eine! Allerdings helfen so plumpe Anmachsprüche, wie: „Willst du mit mir strömen?“, überhaupt nicht. Vielleicht sollte ein Stecker die Steckdose seiner Wahl zuerst einmal zum Essen einladen, was eigentlich auf das gleiche Ergebnis herausläuft, nur ist es dann nicht so plump und offensichtlich, obwohl, wie die Steckdosen es wissen wollen - derartige Aktionen der Stecker letztendlich auf das Gleiche wie schon bemerkt, hinauslaufen. Und wer hat jemals davon gehört, dass ein Stecker eine Steckdose zum Essen eingeladen hat? Dat jeht doch jarnich ...




Betrachtet man sich die Grundsätze der Stecker, wird einem schnell klar, wohin das Ganze hinausläuft: Strömen macht grundsätzlich Spaß! Unter Strömen versteht man in der Regel: „Das Reinstecken und Rausziehen der zwei Stifte des Steckers“, in den Löchern der Steckdose. Das macht dem Stecker besonders viel Freude, wenn es bis zum Kurzschluss nicht länger als 5 Millisekunden dauert. Die Steckdose dagegen kann beim reinen Rein- und Rausziehen der Steckerstifte zu 80 Prozent gar keinen Kurzschluss kriegen.



Das ist schon technisch kaum möglich, doch trotzdem glauben die meisten Stecker, dass der oft vorgetäuschte Kurzschluss der Steckdosen echt ist. Bei der Steckdose muss man anders zu Werke gehen, um ihr einen vernünftigen Kurzschluss zu bescheren. Besonders wirkungsvoll ist dabei das Antippen der Steckdosenabdeckung. Dabei stupst der Stecker mit seinen Stiften unter leichtem Druck immer an der Abdeckung der Steckdose entlang. Viele Stecker sind aber auch dazu zu blöd und tappen irgendwo an der Tapete herum, was der Steckdose zwar auch Gefühle beschert, aber meistens nur die Ahnung eines Kurzschlusses bringt.

Doch auch dieses schöne Thema hat eine Kehrseite! Da gibt es z.B. eigenartige Geräusche, die einem die Laune verderben können. Grundsätzlich sollte man das Tapeteschaben beim Strömen vermeiden. Dies gelingt nicht immer - vor allen Dingen, wenn der Stecker unpassende Stifte besitzt, als die Steckdose eben vorzuweisen hat. Da kann je nach Lage der Steckerstifte so einiges schwarzgebrannt werden, einschließlich der Steckdosenabdeckung. Beim Strömen direkt entstehen meistens nur leise Reib- und Ratschgeräusche. Das ist nicht weiter tragisch, denn die gleichen Geräusche entstehen auch beim Reinstecken und Rausziehen der zwei Stifte

des Steckers, je nach passender Größe und des Stiftdurchmessers, bei Steckern und Steckdosen gleichsam.

Doch da gibt es auch noch ein Geräusch, was sich beim Reinstecken und Rausziehen der zwei Stifte des Steckers häufig nicht vermeiden lässt: Der Steckdosenklick, auch Dosenklick, Ratschpute, Trübkratzer oder Steckdosenquietscher genannt. Dieser entsteht, wenn der Stecker seine Stifte beim Reinstecken und Rausziehen zu weit rauszieht, um dann mehr Kraft beim Reinschieben zu haben. Dabei komprimiert er jedesmal Luft in die Steckdose.


Diese muss halt irgendwann entweichen und das geht meistens nicht ohne ein pfeifendes und knartschendes Geräusch ab. Unerfahrene Stecker glauben dann oft, dass die Steckdose einfach nur aus ihren Kontakten geklickt wurde. Dabei sind sie mit ihrer ungestümen Reinsteck- und Rauszieherei selber Schuld! Geräusche sind meistens noch lustig - Gerüche oder Gestank schon nicht mehr. Wer gerne Reinsteckt und Rauszieht, oder an der Tapete kratzt, sollte sich mal öfters entgraten. Besonders die Kurzschluss-Aussonderung vom Stecker fängt spätestens eine halbe Millisekunde nach dem Strömen voll an zu miefen und klebt wie Haushaltskleber.


Egal ob Steckerstifte oder Steckdosenkontakte - wenn die Abdeckung zu schmelzen anfängt, stinkt es nach freundlich verbranntem Kunststoff. Wer also drei Tage lang seine Stifte nicht entgraten lässt und anschließend die Steckdose auffordert zu Strömen (was ja gar nicht geht, schließlich wird sie von der Dosenabdeckung daran gehindert, aus der Wandhalterung zu hüpfen), riskiert ein paar Gramm geschmolzene Abdeckung auf seinen Stiften. Autsch, das brennt wie Blausäure!



Außerdem vergisst der Genötigte den Geruch bestimmt nicht, denn er hat immer beim Reinstecken und Rausziehen der zwei Stifte (auch bei anderen Steckdosen) das Gefühl, dass irgendwo eine Kunststoffrecyclinganlage rumsteht. Selbst alte Steckdosen sagen noch heute oft: Trotz peinlichstem Entgraten ist ein leichter Kunststoff- und Metallgeruch nicht zu vermeiden! Eine große Rolle spielt dabei auch die Stecker- und Stiftform. Aber es gibt noch andere erregende Düfte beim Strömen. Kunststoffstaubgeruch soll ja angeblich sehr stimulierend auf Steckdosen wirken. Ölgeruch ist dagegen einfach widerlich, egal ob beim Reinstecken und Rausziehen der zwei Stifte, des Steckers oder im Inneren der Steckdose.


Doch gerade Stecker glauben oft, dass Ölgeruch steckerhaft ist und demzufolge ein Deodorant darstellt wie z.B. etwas für Stecklinge. Stecklinge sind Stecker, die die Steckdosen ignorieren und sich lieber selbst untereinander vergnügen, was meist in Kabelsalat und verbogenen Stiften endet.

Es soll auch Steckdosen geben, die sich untereinander vergnügen, doch sind die Ströme meistens zu schwach, als da etwas rüberkommen kann. Jedenfalls, gerade die Stecklinge sind meistens geübt im Reinstecken und Rausziehen der zwei Stifte, weil niemand mit ihnen strömen will.

Weiterhin kommt es vor, dass es beim Reinstecken und Rausziehen der zwei Stifte der Stecker, untereinander, oft nach verschmolzener Abdeckkappe stinkt, weil einer oder beide; bedingt durch die praktizierende Kabelaufwicklungsstellung und deren Reibung untereinander, mehrere unisolierte Kabelstränge aufzuweisen hat. Deshalb sei jedem Stecker nur zu empfehlen: Vor dem Reinstecken und Rausziehen der zwei Stifte ist gut entgratet schon halb geströmt! Doch eins muss zum Schluss noch bemerkt werden: Am lustigsten nach dem Strömen ist, wenn die Steckdose unter Hochspannung krampfhaft die Kurzschlusswerte in die

Sicherungen zu überspielen versucht,

ohne dass etwas davon wieder in die Stifte des Steckers zurückfließt. Dabei brummen sie alle wie Samson von der Sesamstraße.

Die Spannung muss zu den Sicherungen, sonst verklemmen die Stifte des Steckers und es geht gar nichts mehr ... Beim nächsten Mal, wenn die verhochspannte Steckdose die Stifte herauszudrücken versucht, hört sich das an wie ein Ploppgeräusch gewisser Bierflaschenverschlüsse. Ratsch ... und dann kommt der leckere Kunststoffabdeckungsgeruch hinterher.

Da will man sofort wieder Reinstecken und Rausziehen, oder? So – und was lernen wir daraus?

Genau:


Die Steckdose ist am spannungsgeladensten, wenn der Stecker draußen ist! Nun gibt es regionabhängig die verschiedensten Reinsteck- und Rausziehmöglichkeiten der Stifte des Steckers, sowie die dabei erforderlichen Maßnahmen, um zum gemeinsamen Ziel zu kommen. Offiziell spricht man im örtlichen Raum von zwei Positionen, inoffiziell sollen es sogar noch mehr sein. Anderswo sieht es da schon anders aus, gerade dort, wo die Stecker nicht genug bekommen können und statt zwei sogar drei Stifte zum Reinstecken und Rausziehen benötigen sollen.

Humbug!


Hüben wie drüben gibt es nur EINE Art des Strömens und dabei ist es unerheblich, ob nun mittels zweier Stiften oder sogar dreier, der Kurzschlusseffekt ist in seiner Variablen der Gleiche! Eines sollte dabei immer bedacht werden: Es soll für jeden Stecker eine passende Steckdose geben. Wer sich aber denkt, diese „Regel“ ignorieren zu müssen, soll nachher nicht über etwaige Deformierungen seiner Stifte und andersartiger Form von Schwierigkeiten klagen.


Jedem Stecker sei es natürlich selbst überlassen, wem er einen Kurzschluss verpasst, doch wie er es vollzieht und ob seine Kontakte auch die richtigen sind – sollte vielleicht vorher geklärt werden, ehe es zu unsagbarem Übel kommt.


Und wenn der Stecker noch auf der Suche nach einer bestimmten Steckdose ist, sollte er nicht traurig sein, wenn er nichts entsprechendes findet. Wer sich selbst gewisse Grenzen schafft, darf nachher nicht rumjaulen, er fände nichts!

Und bis dahin?


Gibt es ja immer noch diese gewissen Reinsteck- und Rauszieh-Aktionen, und wenn es nur untereinander ist – aber Vorsicht vor unisolierten Kabeln – obwohl, der Kurzschluss ist ja eigentlich immer das Ziel der Vereinigung, ob nun mit Hochspannung oder nicht, grins.

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Über den Autor

Andyhank
Der Alltagslyriker Andyhank (sprich: Ändihänk), mit bürgerlichen Namen "Andreas Hanke", zeichnet und schreibt, musiziert und komponiert, bastelt, kreiert, kocht und gärtnert.

Humor ist sein liebstes Steckenpferd, was nicht immer bedeutet, dass alles, was hervorgebracht wird, auch lustig sein muss.
Lassen wir Leser uns bezaubern von einer Denkweise der Dichtkunst, die nicht allzu oft anzutreffen ist, lassen wir Betrachter uns anstecken von der Phantasie und Kreativität, von den unendlichen Weiten, aus den unerschöpflichen Vorräten der Andyhankologie.
Weitere Informationen gibt es auf: www.andyhank.de und auf Instagram @knahydna

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Apollinaris Gelungen illustriert
Vor einem Monat - Antworten
Andyhank Natürlich, wie immer. :D
Vor einem Monat - Antworten
Memory 
Halleluja!
Ich muss schon sagen - wenn einer das Thema getroffen hat, dann du :)
So viel Stecker rein und raus, da wird einem ja ganz duselig.
Nein, im nächsten Leben komme ich auf jeden Fall nicht als Steckdose auf die Welt.
Lieben Gruß
Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
Andyhank Tja, warum eigentlich nicht? Dann bist du diejenige, die den Saft hat ... :D
Danke für dein Runfumpaket! :)
Vor langer Zeit - Antworten
welpenweste Ich habe einen amerikanischen Stecker kennen lernen dürfen. Die dünnen Metall-Schienen waren schwarz und er heulte furchtbar. Er hätte so schön gesteckt und wäre fast verreckt!
:-)
Günter
Vor langer Zeit - Antworten
Andyhank Diese Art von Stecker kenne ich nur vom Sehen her. Ich wusste gar nicht, dass Stecker heulen können. Vermutlich war er bekümmert, dass du ihn nur dringelassen hast ... :D
Vor langer Zeit - Antworten
JeanneDarc Was bin ich froh dass ich kein Stecker bin, hätt die Nas so gern in Löchern drin. Die Löcher sind, so mag es scheinen, auch noch die Nasen von paar Schweinen. Da bleib ich lieber Mensch und steh als Mensch mal unter Strom
so ich besser in dem Leben vorwärts komm...;)
Vor langer Zeit - Antworten
JeanneDarc Was bin ich froh dass ich kein Stecker bin, hätt die Nas so gern in Löchern drin. Die Löcher sind, so mag es scheinen, auch noch die Nasen von paar Schweinen. Da bleib ich lieber Mensch und steh als Mensch mal unter Strom
so ich besser in dem Leben vorwärts komm...;)
Vor langer Zeit - Antworten
Andyhank Aha ... (und) ... oh ... :D
Vor langer Zeit - Antworten
Kornblume Hallo Andy,
bist Du Elektriker, weil Du Dich so gut mit Steckern und Steckdosen auskennst?
Habe drei Fragen in diesem Zusammenhang an Dich als Fachmann :
1. was passiert, wenn die Steckdose schon ein bisschen ausgeleiert ist und der Stecker gerade erst aus dem Baumarktregal genommen wurde. 2. wie oft muss eigentlich eine Steckdose ausgewechselt werden um die Sicherheit(oder Ähnliches) des Steckers zu garantieren
3. Kann man einen Stecker mit Abnutzungserscheinungen noch unbedenklich weiter verwenden oder sollte man ihn lieber doch gleich entsorgen.

Grüße an Dich von der Kornblume, die schon neugierig auf Deine Antworten ist.
Vor langer Zeit - Antworten
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