Kurzgeschichte
Das Versprechen - Beitrag zur 20. Autorenchallenge

0
"Das Versprechen - Beitrag zur 20. Autorenchallenge"
Veröffentlicht am 04. Oktober 2017, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Pixabay
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Meistens bin ich ruhig. Im wahren Leben habe ich einen Mann, zwei Töchter, eine Hand voll Enkelkinder, zwei Katzen und alle zusammen leben wir im Süden Deutschlands. Wenn ich nicht schreibe, fotografiere ich, denn Fotos sind für mich auch kleine Geschichten - wenn man sie lesen kann. Ansonsten bin ich optimistisch, (fast) immer gut drauf und stehe mit beiden Beinen fest im Leben. Ergänzung: Das wahre Leben gibt es nicht mehr. Ich musste ...
Das Versprechen - Beitrag zur 20. Autorenchallenge

Das Versprechen - Beitrag zur 20. Autorenchallenge

Das Versprechen Vorbemerkung: Die Geschichte ist rein fiktiv und hat nichts mit meiner eigenen Geschichte oder mit Ereignissen mir bekannter Familien zu tun.

Immer wieder gleiten meine Gedanken zum geöffneten Fenster hinaus. Ein Sommertag wie aus einem Urlaubskatalog beginnt sich dort draußen zu entfalten. Ein Tag, der einlädt, an den See zu fahren oder in die Berge. Dort oben die Weite genießen, das wäre sicherlich sehr befreiend. Oder sich treiben lassen im kühlen Wasser, Schwerelosigkeit fühlen und danach in der wärmenden Sonne liegen und träumen. Zu lange ist das alles her.

Leise seufzend beende ich die verlockende Illusion und sammele meine Gedanken wieder hier in diesem Zimmer. Mein Blick bleibt an dem kleinen braunen Fleck hängen, der sich ungewollt erneut in mein Sichtfeld drängt. Ich weiß nicht, wie er an die Wand gekommen ist, aber er ist lästig, lenkt meine Konzentration immer wieder ab. Auch die flirrenden Schatten, die die Sonne durch den Baum vor dem Fenster an der Decke erzeugt, strengen mich an. Im Grunde zerrt jeder Reiz an meinen Nerven. Ein Zeichen dafür, dass ich mich schon viel zu lange in diesem Zimmer aufhalte. Ich bin krank. Mit 34 Jahren so krank, dass ich mit ziemlicher Sicherheit meinen 35. Geburtstag nicht mehr erleben werde. Eine

Krankheit, die mich an dieses Zimmer fesselt und alles, was sich vor dem Fenster abspielt zu einer unrealen Farce mutieren lässt. Inzwischen ist mein Zustand soweit fortgeschritten, dass ich nur noch wenige Schritte ohne fremde Hilfe bewältigen kann. Meine Kraft schwindet immer mehr und ich benötige rund um die Uhr ein Sauerstoffgerät. Drei Jahre nach der Diagnose stelle ich die Frage ‚Warum gerade ich?‘ schon lange nicht mehr. Die Verbitterung ist gewichen, die Träume vom Familienglück im Einfamilienhaus, vom Weltenbummeln und vom Erfolg im Beruf wurden schon lange vor mir begraben. Die Frage ‚Warum darf ich nicht selbstbestimmt über mein Leben

entscheiden?‘, ist geblieben.

Warum wurde ich in einem Land geboren, in dem das Gesetz, beschlossen von gesunden Politikern, verbietet, über mein Leben und mein Lebensende selbst zu entscheiden? Wut, Ärger, Enttäuschung und beginnende Schmerzen, erzeugt durch die Anstrengung, die all die Gefühle in mir auslösen, lassen mich erneut in meinem Sessel zusammensinken. Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn und rinnen juckend über mein Gesicht. Mühevoll wische ich sie ab. Es fällt mir schwer, den Arm soweit zu heben. Wie deprimierend wird es sich anfühlen, wenn ich diese kleine Bewegung nicht mehr bewältige? Wenn ich sogar zum Kratzen im Gesicht Hilfe benötigen werde?

Ich bin klar bei Verstand, wie mir jeder Arzt bestätigt, aber ich werde körperlich immer mehr verfallen, da meine Muskeln nicht mehr gesteuert werden. ALS nennt sich diese Krankheit, aber das ist egal. Am Ende werde ich ersticken und ich habe Angst davor. Viel mehr Angst, als vor dem Tod selbst, denn der bedeutet Erlösung. Hier in der Klinik werde ich gut versorgt und betreut, es gibt ein großes Team von Medizinern und Psychologen, die uns Kranken das „Leben“ so angenehm wie möglich machen, oder es zumindest versuchen. Sie versprechen zu helfen, damit das Ende schmerzfrei verläuft, ohne zu wissen, ob es dann wirklich so geschieht. Es hat hinterher noch niemand darüber berichtet.

Mit mitfühlender Miene sitzen sie am Bett, stellen immer neue Medikamente vor, beraten, trösten, verstehen, lachen und weinen mit uns Patienten … aber … sie dürfen uns nicht helfen, unseren letzten Tag würdevoll und selbstbestimmt festzulegen. Schon wieder stöhne ich und bin gleichzeitig froh darüber, dass ich das immer noch kann. Amelie kann nicht einmal mehr das. Ich ergreife ihre Hand und schaue sie zum bestimmt einhundertsten Mal in der letzten Stunde an. Heute ist ihr - unser Tag. Meinen Sessel musste ein Pfleger ganz dicht an ihr Bett schieben. Natürlich hat er das ohne Fragen für mich erledigt, denn Amelie ist meine Ehefrau. Sie teilt mit mir die gleiche Krankheit und da wir verheirate sind, auch das

selbe Zimmer. Vielleicht wäre unter anderen Umständen aus uns ein glückliches Paar geworden. Als wir uns hier in der Klinik kennen lernten, war mit uns schon nicht mehr viel los. Kein Date, wie das bei jungen Leuten üblich ist, keine Unternehmungen, keine körperliche Liebe. Uns verbanden von Anfang an Sauerstoffgeräte, Medikamente, Depressionen und Hilflosigkeit. Hilflosigkeit und Wut über unseren fremdbestimmten Krankheitsverlauf. Geheiratet haben wir nicht aus Liebe, aber unser Eheversprechen, das wir uns in der winzigen Klinikkapelle ganz ohne Gäste gaben, war dennoch ein Versprechen. Ein Versprechen an die Zukunft, die wir beide nicht mehr haben. Die Zeit sollte

entscheiden.

Wieder drängen meine Gedanken fort, aber die ungleichmäßigen Geräusche der Überwachungsgeräte, die Amelie am Leben erhalten, holen mich zurück. Ich schaue in das Gesicht meiner Frau. Wer ist sie? Warum kommt auch ihre Familie nicht? Hätte ich sie jemals lieben gelernt? Fragen, auf die ich keine Antwort mehr bekommen werde. Auch sie schaut mich inzwischen an, hat die Augen geöffnet. Als sie ganz leicht mit dem Kopf nickt, streiche ich sanft über ihr Gesicht und gebe ihr einen Kuss auf die Stirn. „Bis bald!“, flüstere ich leise. Dann ziehe ich den Stecker über ihrem Bett.

Memory (Oktober 2017)

0

Hörbuch

Über den Autor

Memory
Meistens bin ich ruhig.
Im wahren Leben habe ich einen Mann, zwei Töchter, eine Hand voll Enkelkinder, zwei Katzen und alle zusammen leben wir im Süden Deutschlands.
Wenn ich nicht schreibe, fotografiere ich, denn Fotos sind für mich auch kleine Geschichten - wenn man sie lesen kann.
Ansonsten bin ich optimistisch, (fast) immer gut drauf und stehe mit beiden Beinen fest im Leben.
Ergänzung:
Das wahre Leben gibt es nicht mehr. Ich musste meinen Mann, meine große Liebe, ziehen lassen. Seit dem steht die Welt still.

Leser-Statistik
31

Leser
Quelle
Veröffentlicht am

Kommentare
Kommentar schreiben

Senden
Andyhank Hm, hm. Also erstmal eine gut ausgewähltes Genre, was du dir da vorgenommen hast. Ich störe mich etwas an dem Wörtchen "hier" - kommt mir hier zu oft vor. :D
Der Spruch am Ende, ist der so gewollt mit dem "bist" oder soll es "bis" heißen? Weil es halt ein Unterschied ist, wie es gemeint sein könnte.

Sonst gibt's nichts zu kritisieren. Dein Stoff liest sich flüssig und echt interessant. Wie aus dem wahren Leben halt. Gute Auswahl, Daumen hoch! :)
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Vielen Dank für deinen Kommentar und auch für Favo und Coins. Freue mich über alles.
Das "t" am Ende habe ich entfernt, danke für den Hinweis.
"Hiers" tauchen drei mal auf, das finde ich bei 842 Worten nicht zu viel.
Ansonsten gibts nix zu meckern an deiner Kritik :))
Lieben Gruß
Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
Frettschen Stecker gezogen ...
Beklemmende Geschichte - zum Glück nicht real, obwohl sie sich genau so zutragen könnte.
Das Thema: schwierig. Zu gerne entziehen wir uns solcher Gedanken. Eine Patientenverfügung sollte jeder in der Brusttasche mit sich führen. Ich denke das oft - habe aber selbst noch keine verfasst.
Dein Text liest sich leicht und flüssig - hier gibt es keine Beanstandung meinerseits.
Das Thema - schwierig, aber gut gewählt und sehr gut umgesetzt.
So meine Meinung.
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Danke dir. Freue mich über deinen Kommentar und übers Nachdenken. Das war mein Ziel.
Es ist wirklich erstaunlich, was die Challenge alle ans Licht bringt.
Lieben Gruß
Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
Kornblume Hallo Sabine,
ich war sicher die 1.Leserin Deines Textes gleich nach der Veröffentlichung hier bei my storys und doch habe ich bisher mit meinem Kommentar gezögert.
Aus Erschütterung über den Inhalt des Textes, der mich sehr aufwühlt und gleichzeitig zwingt mit dem Inhalt und dem Thema Sterbehilfe auseinanderzusetzen. Ich bin so traurig beim nochmaligen Lesen und muss weinen.Ich kennen die Krankheit nicht ,doch das spielt keine Rolle. Beide Protagonisten noch jung( auch das spielt nur eine nebengeordnete Rolle ,verstärkt aber die Dramatik im Text) die Situation ausweg- und hoffnungslos.Wie soll und würe ich entscheiden. Ich wüßte es nicht mal für mich, geschweige für den Partner. Welche Konsequenzen für und durch die Hinterbliebenen(nebensächlich doch wichtig) hat der Protagonist sicher sorgsam bedacht. Um seine Erkenntnisse beneide ich ihn, auch um die konsequente Umsetzung seines Versprechens, doch ob gut, richtig oder schlecht kann ich nicht einschätzen. Auch der Staat ist in der Pflicht, damit Ärzte und Hinterbliebene mit der Entscheidung des Einzelnen weiterleben können. Doch ob je eine für alle gültige Regel und nicht angreifbare Lösung gefunden werden kann, steht in den Sternen.

Beim Lesen dieses Textes wäre und ist es mir völlig gleich, ob sich Fehlerchen eingeschlichen habne oder die Zeichensetzung nicht stimmig ist.
"Ich sende herzliche Grüße und danke Dir als Leserin, für diesen starken Text und die tolle Umsetzung des Themas", die Kornblume
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Vielen vielen Dank, liebe Kornblume, für deinen emotionalen Kommentar.
Ja, das Thema ist erschütternd und aufwühlend und gerade darum habe ich die Geschichte so geschrieben. Nachdem, was ich selbst erleben musste, finde ich es gerade so unendlich wichtig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und eben nicht die Augen zu verschließen, in der Hoffnung, dass es "mich" hoffentlich nicht trifft.
So schwer, schlimm und unschön das Thema ist, rate ich jedem dazu, darüber zu reden. Nur so kann man im Zweifelsfall vielleicht die richtige Entscheidung für die Liebsten treffen, oder die für einen selbst.
Die politische Lösung ist noch mal eine andere Sache, die in den Kommentaren schon angeschnitten wurde.
Noch mal DANKE und ganz lieben Gruß
Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
Magnolie 
Liebste Sabine,
Gänsehautzeilen ...
Herzlichst und nachdenklich zu dir
deine Manu
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Danke, dass du hier warst, liebe Manu.
Liebe Grüße ins Wochenende
deine Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
mohan1948 Sehr traurig (könnte sich wirklich abgespielt haben) denn es gibt so unsagbar viel Leid auf der Welt
liebe Grüsse
Hannelore
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Es gibt viel Leid, aber es gibt auch Leid, das man gesetzlich erleichtern könnte. Darum ging es mir.
Danke dir, liebe Hannelore.
Liebe Grüße
Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
Zeige mehr Kommentare
10
37
0
Senden

154629
Impressum / Nutzungsbedingungen / Datenschutzerklärung