Kurzgeschichte
Druckabfall

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"Druckabfall"
Veröffentlicht am 27. September 2017, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Pixabay
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Über den Autor:

In meinem Garten steht kein Birnbaum - trotzdem unschwer zu erkennen wo mein Zuhause ist. Der Dichter, der dieses Land mit Leidenschaft beschrieb, muss damals schon gewusst haben, dass ich mich dort niederlassen würde. Das Schreiben habe ich - wie fast alle - mit dem ABC erlernt. Eigene Gedanken zu Papier zu bringen ... viel, viel später. Mich hat weder die Muse geküsst, noch fühle ich mich berufen meine Mitmenschen mit meinen literarischen ...
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Druckabfall

Der Regen fiel gleichmäßig. Seit Stunden. Sie hatte das Fenster geöffnet und blickte über das Feld zum nahe gelegenen Wald. Durch den Feuchtigkeitsschleier wurde er in diffuses Licht getaucht. Was verbarg er? War sie in Gefahr? Natürlich war sie das. Das war sie immer. Aber dieses Mal betraf es vielleicht auch ihre Familie. Einen Mann gab es nicht in ihrem Leben. Aber ihre Eltern, ihre Schwester ...

Die Legende, die ihr Leben begleitete war gut, dicht an der Wahrheit. Die Lüge dahinter war schwer zu erkennen.

Er hatte recherchiert. Sie wusste es. Zu einer Zeit als er ihr bereits vertraute. Dass er

Erkundigungen über sie zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens einzog, gehörte zu seinen unumstößlichen Gesetzen. Er war vorsichtig ... und gefährlich. Warum jetzt? Nur durch Zufall war sie auf die erneuten Recherchen gestoßen, die er über sie anstellte.Wann und wo hatte sie einen Fehler begangen?

Das herauszufinden war von entscheidender Bedeutung. Erst dann konnte sie die nächsten Schritte planen.

Würde er sie hier finden? Unwahrscheinlich. Dieses alte abgelegene Haus hatte sie vor Jahren gekauft. Von außen wenig einladend, doch innen hatte sie alles was sie benötigte.

Ihr Refugium, ihr Rückzugsort, wenn sie allem entfliehen wollte.

Ihrem nervenaufreibenden Alltag, ihrer

zurecht verständnislosen Familie, die dieser von ihr gewählten Tätigkeit mit Kopfschütteln, fast mit Ablehnung begegnete, obwohl sie nicht wusste, was sie wirklich tat. Das wusste niemand - nun ja, sie hatte Auftraggeber. Aber vor allem floh sie vor ihren Dämonen.

Wieder glitt ihr Blick über den Waldrand. Wo war er? Er suchte sie, konnte gar nicht anders. Sie wusste zuviel, obwohl ihr der letzte Beweis noch fehlte.

Wie oft war sie schon in dieser Situation gewesen. Zu oft! Ihr letzter Auftrag. Sie würde aussteigen. Mit den Vorbereitungen dafür hatte sie schon lange begonnen.

Eine leichte Windboe trieb ihr feinen Regen ins Gesicht. Er hatte zugenommen.

In der Fensterscheibe war schemenhaft ihr Spiegelbild zu sehen. Es anzuschauen ersparte sie sich. Ihr würde eine mittelgroße Frau in verwaschenen Jeans und einem schlichten Pullover entgegenblicken. Das lange kastienbraune Haar war der Schere zum Opfer gefallen. Stattdessen zierte eine langweilige Kurzhaarfrisur ihren Kopf. Einige Strähnen des glanzlosen mittelblonden Haares fielen ihr in die Stirn.

Die unkleidsame Brille mit den runden Gläsern und dem schwarzen schmalen Metallrahmen vervollständigte den Gesamteindruck ... eine graue Maus.

Kein Mann würde ihr hinterherpfeifen.

Die Frauen würden ihr ein mitleidiges Lächeln schenken. Sie beherrschte die

Kunst der Verwandlung. Wer sich jedoch die Mühe machte genauer hinzuschauen, erkannte die feinen Gesichtszüge, die vollen, schön geschwungenen Lippen, die makellose Haut.

Fröstelnd zog sie die Schultern hoch.

Sie starrte auf die Pfütze auf dem von Unkraut überwucherten Gehweg, der vom Gartentor zur Haustür führte. Einige Blätter der Steineiche schwammen in ihr. Trieben ziellos an den Rand, änderten die Richtung um sich dann im Zentrum der Pfütze in einem nicht enden wollenden Reigen zu drehen. War sie genau so ziellos?

Nein! Sie war vorbereitet. Sie würde IHN suchen. Mit allen ihren Möglichkeiten, mit ihrem Spürsinn, ihrer Hartnäckigkeit, ihrem

Willen zu überleben. Wie sie es immer tat.

Entscheidend würde sein, wer wen zuerst fand.

Das monotone Geräusch des Regens lullte sie ein bisschen ein. Trotzdem war sie wachsam, nahm jede Veränderung wahr, hörte jedes Geräusch. Es war alles ruhig. Nur der Warnruf einer Eule drang vom Wald zu ihr. Wer wagte sich bei diesem Wetter auch in eine so einsame Gegend? ER!

Leise schloss sie das Fenster. Eigentlich hätte sie das Licht anschalten müssen. Es war dämmerig im Haus. Sie verzichtete darauf. Selbst wenn es stockfinster im Haus gewesen wäre, hätte sie sich sicher und geräuschlos darin bewegen können. Im Flur stand die Reisetasche. Sie packte noch

einige Toilettenartikel ein. Die Waffe schob sie ganz nach unten.


Luisa las den letzten Satz und klappte mit einem Aufatmen den Laptop zu. Ein Lächeln zog über ihr Gesicht. Das erste Kapitel war fertig. Morgen würde sie ihre Agentin anrufen. Der Verlag wartete schon lange auf ein Zeichen. Warum hatte sie gerade bei diesem Roman solche Schwierigkeiten? Doch jetzt würde sie zügig vorankommen. Der Plot hatte Gestalt angenommen.

Sie atmete auf. Zufrieden kuschelte sie sich in die Couchecke.





© KaraList 08/2017

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Über den Autor

KaraList
In meinem Garten steht kein Birnbaum - trotzdem unschwer zu erkennen wo mein Zuhause ist. Der Dichter, der dieses Land mit Leidenschaft beschrieb, muss damals schon gewusst haben, dass ich mich dort niederlassen würde.
Das Schreiben habe ich - wie fast alle - mit dem ABC erlernt. Eigene Gedanken zu Papier zu bringen ... viel, viel später. Mich hat weder die Muse geküsst, noch fühle ich mich berufen meine Mitmenschen mit meinen literarischen Ergüssen zu überschütten.
Nach gefühlten 20 000 gelesenen Büchern, habe ich mir gesagt, eine Geschichte oder ein Gedicht schreiben, das kannst du vielleicht auch. Und wenn der geneigte Leser nach der letzten Zeile das Buch mit dem Gedanken zuschlägt ´schade, dass es zu Ende ist` - dann war die Mühe nicht umsonst. Denn, Schreiben ist Arbeit.

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Moscito Wenn ich auch deine Gedichte mag, aber diese Art deiner Bücher ist mir wesentlich lieber. Spannend und detailliert. Ich würde diese 10 Seiten als Prolog bezeichnen und warte auf ... das kannst du unmöglich so stehen lassen.
Lieben Gruß
Silke
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Du bist nicht die Einzige, die eine Fortsetzung erhofft. Es freut mich sehr, das Dir die Geschichte gefällt, doch es wird keine Fortsetzung geben. Sie ist als Kurzgeschichte mit einem abrupten und unerwarteten Ende gedacht ... obwohl zur Weiterführung mir schon einige Varianten durch den Kopf schossen. Ja, ich bin schon gemein, wie Sabine schreibt. :-))
Vielen herzlichen Dank für den Favo, liebe Silke.
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
pekaberlin Nun sind Krimis nicht unbedingt mein Ding, ich glaub ich las nur einen. Den allerdings mindestens fünf Mal. Denn er hatte eines, diese wundervolle Personenbeschreibung, wie du sie hier vorlegst. - die stolze, großartige Person im grauen Mäusepelz.
Liebe Grüße
Peter
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Ich liebe Krimis, nicht zu verwechseln mit Detektivromanen - die mag ich nicht! :-)
Würde ich diese Geschichte weiterschreiben, verlöre meine "graue Maus" ein paar Federn, bzw. Mäusehaare.
Obwohl kein Krimifan, hast Du Dich an meine Geschichte gewagt. Das freut mich. Ein herzliches Dankeschön dafür, Peter.
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
"Druckabfall..."
Tja, liebe Kara, mit diesem supertollen 10-Seiten-Ding
hast Du dir selbst einen Riesen-Cliffhanger
vom Zaun gerissen und musst nun zusehen,
wie es weitergeht, oder mit diesem Cliffhanger
einfach leben lernen... grinst*
...dennoch fein geschrieben, es hat richtig Spaß gemacht,
mal wieder etwas Spannendes von Dir zu lesen... ...grinst*
Ein "Druckabfall", der seinem Namen übrigens alle Ehre macht... ...grinst*
LG
Louis :-)
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Was mach´ich nun? Diese Geschichte zu einer gaaaanz langen werden lassen oder ... ??? Schaun wir ´mal. :-))
Ich freue mich über Deinen lobenden Kommi und den Favo und bedanke mich herzlich, lieber Louis.
Die Wahl des Titels schien mir auch passend. :-)
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
Luap Tolle Inszenierung einer spannenden Kurzgeschichte mit überraschendem Ende. Die angewandte Sprache in kurzen Sätzen passt sehr gut und auch die Beschreibung der Protagonistin ist überaus gelungen.

Liebe Grüsse
Paul
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Diesmal habe ich mich in meiner Geschichte wirklich sehr kurz gefasst. :-) Umso mehr freut es mich, dass sie gefällt.
Vielen herzlichen Dank für Dein Lob und das Geschrenkpaket, lieber Paul.
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
Magnolie 
Puuuhh, liebe Kara,
Spannung pur und plötzlich die Erleichterung, dass nichts passieren wird. Jetzt noch nicht ...
Herzlichst
Manu
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Wenn ich ein bisschen Spannung erzeugen konnte, freut mich das ... und was später passieren wird, wer weiß ... :-))
Vielen herzlichen Dank für Deine Lesezeit, liebe Manu.
LG
Kara
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