Jugendbücher
Reich mir deine Hand

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"Sie läuft vor ihren Ängsten weg. Er vor seiner Vergangenheit."
Veröffentlicht am 14. Juli 2017, 94 Seiten
Kategorie Jugendbücher
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Über den Autor:

23.07.2017 - Kapitel 6 von "Reich mir deine Hand" wurde veröffentlicht ! Hey, mein Name ist Selina und ich liebe es mir Geschichten auszudenken. :) Am meisten liebe ich Geschichten die über Liebe, Drama und Schicksal handeln, da kann ich am besten mit fiebern und mal ein bisschen abschalten. Ich hoffe auch, dass Euch meine Stories gefallen und WENN sie Euch gefallen dass ICH aktiv bleibe ^^" ~ Sel Auch bei Wattpad unter dem Namen ...
Sie läuft vor ihren Ängsten weg. Er vor seiner Vergangenheit.

Reich mir deine Hand

❖PROLOG❖



»Du verdammter Mistkerl!«, brüllt einer der Männer über den Hof, rennt Ardian entgegen und schleudert ihn mit voller Wucht auf den harten Betonboden. Statt Schmerzenslaute hört man nur das wutentbrannte Schnaufen des Angreifers. Dieser kniet über Ardian und schlägt mehrmals auf ihn ein. Er versucht sich zu wehren, schlägt halb blind nach oben, versucht das Gesicht seines Angreifers zu erwischen. Dabei verrutscht die Strickmütze, die er so gut wie immer trägt, und braune Haarsträhnen kommen zum Vorschein.

»Haltet seine Arme fest! Macht schon!«, befiehlt der Mann und einer seiner Komplizen eilt herbei, greift nach Ardians wirbelnden Armen und nagelt diese mit seinem Gewicht auf dem harten Boden fest. »Lasst ihn in Ruhe!

Hört auf!«, schreie ich, doch es hilft nicht. »Sam, lauf!«, befiehlt Ardian mir lautstark, doch ich rege mich nicht. »Jetzt lauf schon!«, wiederholt er, doch es kommt keine Reaktion meinerseits. Ich trage innerlich einen Kampf mit mir selbst aus. Mein Sinn für den Eigenschutz verliert.

»Nein! Ich kann das nicht!«, rufe ich verzweifelt und suche seinen Blick. Ich könnte ihn hier niemals mit diesen Scheißkerlen allein lassen. Niemals. »Verdammt, Sam!«

Ich höre heraus, dass er meinen Namen verzweifelt schreit, das ist wie ein Warnsignal für mich, sodass ich mich ruckartig umdrehe, doch es war bereits zu spät. Zwei weitere dieser Männer haben mich unsanft gepackt und halten mich fest. Ich schreie den Namen meines am Boden liegenden Freundes, auch wenn ich weiß dass er mir nicht helfen kann. »Lasst sie in Ruhe!«, brüllt Ardian und versucht sich unter dem Gewicht seiner beiden Gegner zu

winden. Doch sie alle lachen nur.

»Lasst sie gehen, nehmt mich! Ich mache was ihr wollt, nur lasst sie gehen! Bitte!«, bettelt er und sieht zu mir hinüber. Wieder bekommt er eine Faust ins Gesicht und stöhnt vor Schmerz auf.

»Oh nein, diesmal entwischt uns hier keiner!« Und wieder wird auf Ardian eingeschlagen. Ich kneife meine Augen zu, versuche seine Schmerzenslaute zu ignorieren, doch es gelingt mir nicht. Tränen entkommen meinen glasigen Augen und bahnen sich einen Weg über meine Wangen. Ihn so zu sehen macht mich fertig. »Diesmal bist du dran, Ardian Bakoba. Und weißt du wie wir anfangen werden?«

Der Kerl, der auf ihm kniet, nickt in meine Richtung und ich erstarre. »Wir alle wissen ja mittlerweile wie sehr du an deiner süßen Freundin hier hängst. Deshalb wollen wir auch, dass du jetzt ganz genau hinschaust.«Er greift fest nach Ardians Kopf und hält ihn in meine

Richtung, damit er mich perfekt im Blickfeld hat. Einer der Männer, die mich festhalten, zückt ein Messer und hält es mir an die Kehle. »Nein! Lasst sie in Ruhe ihr beschissenen...« Wieder wird auf ihn eingeschlagen. Unsere Blicke treffen sich, wir starren förmlich einander an. Dieses lebendige grüne Leuchten seiner Augen, etwas an was ich mich nicht satt sehen konnte, es ist erloschen. Ich wurde von seinen trüben Augen angestarrt, es tut so weh. Innerlich bete ich, dass wir es aus dieser Lage raus schaffen, doch meine Gebete verstummen als mit dem Messer vor meinem Gesicht herum gespielt wird. Dann wandert es wieder tiefer. Ich winsle und zittere unkontrolliert, als die Klinge über mein Oberteil am Bauch entlang streift. Ich höre mein Blut in den Ohren rauschen, spüre meinen wilden Herzschlag im ganzen Körper. In diesem Moment denke ich heimlich:


»Hätte ich doch bloß etwas anders gemacht, dann wären wir zwei uns nie begegnet.«

❖1❖

SAMANTHA Ich werde von einer feuchten Zunge geweckt, die eilig über mein halbes Gesicht gleitet. Schnell lege ich meine Hände zum Schutz auf mein Gesicht und drücke die kleine Hundeschnauze von mir weg. »Sammy, lass das!«, murmle ich verschlafen, kichere jedoch als er mir ein fröhliches Bellen schenkt. »Du kannst es einfach nicht lassen.« Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und blinzle in die Richtung des Fensters, was von der Morgensonne hell erleuchtet wird. Nachdem ich mich einmal kräftig gestreckt habe wandere ich hinüber zur Lichtquelle, schiebe die weißen Gardinen, die bis zum Fußboden reichen, zur Seite und schaue hinaus auf die belebte Straße. Wenn man sich auf die blühenden Pflanzen und zwitschernden Vögel konzentriert, dann fällt

einem der morgendliche Stress der Leute gar nicht mehr auf. Mein Blick gleitet hinunter zu meinen Füßen, wo mich mein kleiner Gefährte mit großen Augen anstarrt.

Sammy, mein kleiner Junge, ein Mischling aus Malteser und Pudel mit hellbraunem Fell, er ist mein ein und alles. Ich hatte ihn mir vor zwei Jahren zugelegt, kurz nach meinem 21. Geburtstag. Da ich menschliche Freunde nicht lange ertrage, dachte ich mir ich versuche es mal mit einem Hund. Ganz ehrlich, das war eine der besten Entscheidungen die ich je hätte treffen können. Nun lebe ich mit meinem kleinen Kumpel in einer kleinen, gemütlichen Zweiraumwohnung. Ich weiß sofort was sein Bettelblick zu bedeuten hat, Essen. »Frühstück?« Er bellt mir zustimmend entgegen und ich setze mich in Bewegung, ab in die Küche. Der Kleine folgt

mir. Das Erste was ich dort tue ist das Radio einschalten. Ich drücke auf den Knopf und "Night Moves" von Bob Seger ertönt. Super Song, der mir sofort gute Laune verschafft. Ich drehe die Musik laut und tanze, im Takt zur Musik, hinüber zum Küchenschrank, wo sich das Hundefutter befindet. Ich öffne eine der Dosen, fülle damit eine kleine Schale und stelle diese dann vor Sammys Pfoten ab. Natürlich nimmt er das Futter schwanzwedelnd an und legt sofort los. Ich wünsche ihm einen guten Appetit und schiebe mir zwei Toasts in den Toaster. Während ich warte, lehne ich mich mit dem Hintern an der Küchentheke an und singe voller Elan mit. »Workin' on our night moves, Tryin' to lose the awkward teenage blues, Workin' on our night moves« Als die Toasts hoch springen schnappe ich mir einen Teller aus dem Schrank, sowie Butter und ein Glas Honig. Nachdem ich mit dem Essen fertig bin, mache ich mich im Bad zurecht.

Putze Zähne, schminke mich leicht, kämme meine schulterlangen braunen Haare. Als ich mir etwas Alltags taugliches angezogen habe, schnappe ich mir Sammy und verlasse die Wohnung. Eine halbe Stunde spazieren wir durch die Gegend, bis ich den kleinen Racker um halb neun in der Wohnung zurücklasse und mich auf den Weg zur Arbeit mache. Ein mittelgroßes, gemütliches Büchergeschäft. Ich verdiene dort keine Millionen, verständlich, aber es reicht zum leben. Lesen ist eines meiner größten Hobbys, weswegen ich mich hier sehr wohl fühle. Am liebsten durchquere ich die Romantikabteilung. In den Pausen schnappe ich mir jeweils ein Werk, lese die spannendsten Kapitel und stelle mir vor, ich wäre die Hauptperson. Eine junge, hübsche Frau, die ihrem Traummann begegnet. Ich finde es immer erstaunlich wie taff diese Frauen doch sind, im Gegensatz zu mir.


Heute durchblättere ich wieder eines dieser Bücher, ein Erotikroman. Völlig vertieft streiche ich mir eine braune Haarsträhne hinters Ohr und beiße mir, bei einer heißen Stelle, auf die Unterlippe. Diese Sex-Szenen werden immer so gut beschrieben, wo sich die Jungfrauen immer fragen ob das alles auch wirklich so ist, sich wirklich so gut anfühlt. Ich frage mich das zumindest. »Sie lesen diesen Mist doch nicht wirklich, oder?« Erschrocken knalle ich das Buch zu und drehe mich zu der Person, die mich angesprochen hat, um. »Bitte was?« Ich fühle mich ertappt. Vor mir steht ein großer Mann, circa 1,90. Er trägt eine dunkelblaue, fast schwarze, Strickmütze, doch im Nacken schauen braune Haare heraus. Er scheint also fast schulterlange Haare zu besitzen. Er trägt einen Dreitagebart und hat grün-graue Augen. Ehrlich, er ist gutaussehend. Sehr sogar. Doch so wie ich mich kenne,

bekomme ich bei solchen Kerlen kaum ein Wort heraus. Ich kann generell nicht vernünftig mit Männern sprechen, deshalb werde ich auch als Single und Jungfrau sterben. Aber ich finde mich damit ab. »Diese Romane sind völliger Mist.« »Finden Sie?« Beschämt schaue ich auf das Buch in meiner Hand. »Ja. Ist doch eh immer das Selbe. Junge, fleißige Jungfrau trifft auf einen sexy Typen, der das komplette Gegenteil von ihr ist, doch sie ziehen sich gegenseitig an, was ein Wunder. Sie verknallen sich ineinander, vögeln, streiten, vögeln, streiten, vögeln, soll ich weiter machen?« Nervös schüttle ich den Kopf. »Nein, schon gut.« »Ich verstehe nicht wie man sich so was ständig geben kann.« Er schaut angewidert auf das Buch, in das ich eben noch vertieft war. »Es gibt nun mal Leute die so etwas gerne lesen und mögen.«, versuche ich mich und das Buch zu

verteidigen. »Sie meinen verbitterte Jungfrauen?« »Ich bin nicht verbittert!«, sprudelt es schnell aus mir heraus und er zieht eine Augenbraue hoch. Ich fasse mir an die Nasenwurzel und klatsche mir, in Gedanken, selber eine. »Wie auch immer... Was kann ich für Sie tun?« »Ich suche die Pornomagazine.« Ich sehe zu ihm hoch und er grinst mir direkt ins Gesicht. »Ernsthaft?« »Mein völliger Ernst.« Das kann doch nicht wahr sein. »Sie wissen schon, dass das Niveau dieser Magazine...« »Niedriger ist als das der Sexromane, ja. Die sind nicht für mich.« »Und das soll ich Ihnen glauben?« Ich verschränke meine Arme ineinander und ramme mir dabei das Buch, was ich noch in der Hand halte, in die Rippen. Ich verbleibe angestrengt in dieser Position, versuche diesen stechenden Schmerz zu ignorieren und mir nichts anmerken zu lassen. »Machen Sie was sie wollen. Also? Wo finde

ich die?« Mittlerweile ist seine Miene ernst. Ich puste angestaute Luft aus und lege das Buch wieder an seinen Platz. »Folgen Sie mir.«

Ich drängle mich an ihm vorbei und laufe durch die Regale, Richtung Pornomagazine. Der Mützenmann folgt mir. »Da sind wir.«, verkünde ich, als wir die Abteilung dieser geschmacklosen Magazine erreichen. »Vielen Dank.« Sofort greift er nach einem der Exemplare und durchblättert es. Plötzlich fängt er an zu grinsen.

»Macht es Sie an mich mit so einem Heft in der Hand zu beobachten?« Ich reiße meine Augen auf. »Was? Nein!«

Meine Hände schwitzen. Ich schwitze. Warum ist es hier nur so verdammt warm?!

»Wenn Sie noch etwas brauchen, sagen Sie Bescheid.«, sage ich schnell in einer viel zu hohen Tonlage und verschwinde. Hinter mir höre ich ihn noch leise

lachen. Diese Situation hat mich komplett durcheinander gebracht, sodass ich nun verloren durch die Gänge irre. Ich weiß auf einmal nicht wo ich hin will, geschweige denn was ich jetzt überhaupt tun sollte. »Alles in Ordnung? Du siehst verängstigt aus.«, meint eine meiner Kolleginnen, die mir soeben entgegen gekommen ist. Ich nicke. »Ja. Ja, alles gut. Ich brauche nur etwas zu trinken.«


»Dann ist ja gut.« Sie lächelt mir kurz zu und geht dann weiter. Ich laufe in die entgegen gesetzte Richtung, in den Pausenraum, wo ich eine Wasserflasche aus meiner Tasche krame und ein paar große Schlucke von nehme. Warum erwische ich immer solche Typen?! Und dann auch noch während ich im Buch vertieft bin. Wenn man mich dann so ruckartig in die Realität zurück holt, bin ich total verwirrt. Ein Wunder dass ich Sätze formen konnte, die Sinn

ergaben. Ich weiß nicht einmal ob ich den Kerl mögen sollte oder nicht. Ist ja auch egal, er war ein stinknormaler Kunde, die kommen und gehen. Den werde ich so schnell nicht wiedersehen, also keine Panik.Ich nehme einen letzten Schluck, packe die Flasche zurück in die Tasche und gehe zurück an meinen Posten. Ich stelle mich an eines der Regale, sortiere ein paar der Bücher an ihren richtigen Platz und schaue dabei unauffällig durch den Laden. Irgendetwas in mir hat das Bedürfnis ihn noch einmal sehen zu wollen. Doch ich schien zu lange weg gewesen zu sein, denn ich kann ihn nirgends entdecken. Ein wenig enttäuscht schlendere ich weiter durch die Gänge und sortiere Bücher.

❖2❖

SAMANTHA


Erschöpft, vom Arbeitstag, betrete ich meine kleine Wohnung. Kaum habe ich die Wohnungstür hinter mir geschlossen, kommt mir Sammy freudig entgegen gesprungen. »He, mein Kleiner!«, kichere ich, während meine Hände sein flauschiges Fell betatschen. »Leckerli?«, frage ich in einer hohen kindlichen Stimme und ich bekomme ein zustimmendes Bellen zu hören. Also schlendere ich in die Küche, gehe zum Schrank, wo ich das Hundefutter aufbewahre, greife nach einem Leckerli und öffne die Folie einer Knabberstange, die ich so über Sammys Kopf halte, dass er 'Männchen' macht. »Fein!«, lobe ich ihn und gehe hinüber zum Kühlschrank, wo mein Kalender hängt. Es ist nun schon eine ganze Woche her, als ich

diesem Mann mit der Mütze im Laden begegnet bin. Trotzdem hat er sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Sein Grinsen, was er mir zugeworfen hatte als ich ihn mit dem Pornomagazin in der Hand, angestarrt hatte, es will mir einfach nicht mehr aus den Kopf gehen. Ich hatte sogar schon Träume in denen er mich von weitem einfach nur beobachtete und anlächelte. Und wenn ich aus so einem Traum erwachte hatte ich ein angenehmes Kribbeln im Bauch und fühlte mich irgendwie... glücklich. Das Klingeln meines Handys reißt mich aus den Gedanken an diesen Mann. Schnell durchsuche ich meine Tasche nach diesem Ding und gehe ran, als ich es endlich finde. »He Dad, was gibt's?« »Guten Abend, mein Schatz.«, begrüßt er mich und ich kann mir sein leichtes Lächeln vorstellen. »Wir müssen reden, es geht um Island.« »Was ist denn

los?« »Zwei Mitarbeiter machen auf krank, ich muss einspringen. Das heißt, dass unsere Island-Woche ins Wasser fällt.« Ich starre enttäuscht ins Nichts.

»Ernsthaft? Also kann ich jetzt alles stornieren?« Enttäuschung und Wut breiten sich in mir aus. Das kann doch echt nicht wahr sein, warum eigentlich immer ich?! Ich möchte so sehr einmal nach Island, unbedingt. Doch alleine werde ich nicht dorthin verreisen. Dafür bin ich einfach ein zu ängstlicher Mensch. »Warte, wir haben ja noch um die drei Tage Zeit. Wir würden ja erst Montag fliegen. Ich werde versuchen das morgen zu klären, versprochen.«, sagt er vorsichtig, er weiß wie ich mich fühle. »Ok...«, seufze ich und lasse mich auf das Sofa sinken. Er verspricht mir noch ein paar Mal, dass er es regeln wird und ich mir nicht den

Kopf darüber zerbrechen soll. Dann legen wir auf. Eigentlich müsste ich es gewohnt sein ständig Absagen von meinem Vater zu bekommen, doch stattdessen tut es bei jedem Mal mehr weh. Immer wieder verspricht er mir etwas, immer wieder haben wir vor zusammen weg zu fliegen, nur Vater und Tochter. Und immer wieder sagt er kurz vorher ab, weil irgendetwas nicht passt. Es nervt mich einfach nur noch. Wütend ziehe ich mir meine Jacke über und greife nach der Hundeleine. »Komm, Sammy! Ich muss raus hier.« Ich ziehe ihm das Hundegeschirr an, befestige die Leine daran und verlasse mit meinem kleinen Freund die Wohnung. Zusammen spazieren wir durch die mittlerweile dunklen Straßen. Die frische, kalte Luft lässt mich wieder runter kommen und ich denke nicht mehr weiter darüber nach.


Es ist helllichter Tag, als ich mit Sammy durch die Stadt laufe. Es ist erstaunlich wie viele Menschen heute unterwegs sind. Die Stadt war noch nie so voll. Und es scheint, als ob es von Minute zu Minute immer mehr werden. Woher kommen die alle nur? Mittlerweile sind es so viele Menschen, dass überall gedrängelt wird. Auf einmal ist Sammy verschwunden, ich kann mich nicht einmal daran erinnern ihn mitgenommen zu haben, weshalb ich auch nicht in Panik verfalle. Ich stehe mitten auf der Straße, in der Menschenmenge. Alle sind in Bewegung, nur ich selbst stehe wie angewurzelt auf einer Stelle. Als ich plötzlich Sammy bellen höre sehe ich mich eilig nach ihm um, jedoch ohne mich zu bewegen. Ich kann nicht, habe kein Gefühl in meinem Körper. Schlagartig scheinen sich alle in Zeitlupe fortzubewegen, während ich mit den Augen nach meinem Hund suche. Mein Blick schweift über viele

Menschenköpfe hinweg, bis er auf ein grün-graues Augenpaar trifft. Hell leuchtende, wunderschöne Augen. Da ist er wieder, der Mann, der mich seit kurzer Zeit in meinen Träumen verfolgt. Immer wieder steht er nur da und beobachtet mich. Nur dieses Mal hält er Sammy im Arm, welcher fröhlich seinen Hals abschleckt. Der Mann liebkost lächelnd meinen Hund mit kleinen Streicheleinheiten, verliert aber keine einzige Sekunde unseren Blickkontakt. Als die Zeitlupe schwindet werde ich von der Seite angerempelt und ich komme kurz ins Stolpern, schaffe es aber noch mich auf den Beinen zu halten. Durch den kurzen Zusammenprall habe ich den Blickkontakt zu dem Mann mit der dunklen Mütze verloren und suche ihn nun eilig wieder auf. Doch vergebens, er scheint weg zu sein. Die Menschenmenge löst sich auf, nur noch wenige Passanten lassen sich blicken. Plötzlich kommt Sammy auf mich zu getappelt, mit etwas Dunklem zwischen den

Zähnen. Als er vor mir zum stehen kommt, entnehme ich ihm den Gegenstand und betrachte ihn verwundert. Es ist die Strickmütze des Mannes. Sie ist weich und noch warm vom tragen. Auf einmal ertönt mein Handyklingelton, laut schallend, als ob in der ganzen Stadt Lautsprecher angebracht wären. Alles verschwimmt, dann wird mir schwarz vor Augen. Als ich meine Augen aufschlage befinde ich mich in meinem Bett. Ich greife nach meinem singenden Handy auf dem Nachttisch direkt neben mir, ohne mich auch nur ein bisschen zu bewegen, da sich Sammy dicht an mich gekuschelt hat und ich es dabei belassen will. Ich gähne einmal bevor ich abhebe. »Hallo?«, murmle ich verschlafen. »Guten Morgen, meine Maus. Hab ich dich geweckt?« Ich schaue schnell auf die Zeitanzeige meines

Handys, bevor ich antworte. Zehn Uhr morgens. »Dad? Nein, nein, hast du nicht.«, lüge ich. »Konntest du das mit unserem Urlaub schon klären?« »Deswegen rufe ich an.« Ich setze mich auf und Sammy schaut mich verwundert an. »Und?« »Naja...« Er zögert, das bedeutet nichts Gutes. »Mein Chef meinte, er kann es drehen und wenden wie er will, ihm fehlen Männer für den Auftrag. Ich kann also nicht mit dir fliegen, es tut mir leid.« Wieder seufze ich nur. Mit dieser einen Nachricht wurde mir der gesamte Tag versaut, vielen Dank auch. »Du musst dich nicht entschuldigen, es ist nicht deine Schuld.« »Trotzdem, wir planen diesen Ausflug seit einem Jahr und es war ein Versprechen.« »Wir wissen doch die ganze Zeit schon, dass dein Chef ein totales Arschloch ist. Wir hätten es uns denken können, dass das nichts

wird.« »Ich bin schon am Überlegen dort zu kündigen. Die gehen mir da alle auf'n Sack!« »Manchmal frage ich mich wer von uns beiden hier der junge Erwachsene ist.«, lache ich und höre meinen Vater daraufhin ebenfalls lachen. »Ich storniere alles und wir verschieben die Reise, in Ordnung?«, schlage ich, schweren Herzens, vor. »Gut, mach das. Wir werden noch irgendwann zusammen nach Island fliegen, versprochen.« Wieder starre ich ins Nichts. Irgendwann könnte irgendwann zu spät sein. Und auch seine Versprechen bedeuten mir nichts mehr, da ich weiß dass diese leer sind.Nachdem wir das Gespräch beendet haben beschließe ich, zum Trost, noch etwas mit Sammy zu kuscheln, bis ich mich dann irgendwann zum Aufstehen ermutigen kann. Der Kleine müsste irgendwann ja auch mal nach draußen, sein Geschäft

erledigen. Während er dies tut versuche ich am Telefon die Hundepension zu erreichen wo er die eine Woche, die ich in Island verbracht hätte, bleiben sollte. Doch es geht niemand ran, weshalb ich am überlegen bin dort einfach vorbei zu schauen. Es ist immerhin ein schöner, relativ sonniger Samstag, ich habe nicht wirklich etwas vor und Sammy würde sich bestimmt freuen mal etwas aus der Stadt raus zu kommen.

❖3❖

SAMANTHA


Ich schalte in den nächsten Gang und fahre auf die Landstraße. Sofort springt Sammy vom Beifahrersitz auf, stellt sich auf die Hinterbeine und stützt sich mit den Vorderpfoten an der Scheibe ab. Er liebt es aus dem Fenster zu schauen, wenn wir schneller fahren. Dann braucht er nur noch das Glück, dass ich das Fenster runter fahre, was selten vorkommt.

Die Straße ist von Feldern und Wäldern umschlossen. Durch die Wolken entstandene Sonnenflecken schmücken die Felder. Ich beschleunige den Wagen und wir düsen durch eine Allee von blühenden, großen Bäumen. Bewundernd hebt Sammy seinen Kopf, um die Baumkronen sehen zu können.


Eine halbe Stunde später sind wir an der Hundepension angekommen. Langsam fahre ich an die Seite und parke an einem grauen Zaun, der das gesamte Grundstück umgibt. Die Anlage befindet sich in einer sehr ruhigen Gegend, steht ganz allein auf einem Feld, am Waldesrand. Es gefällt mir hier wirklich sehr. Besonders wenn man seine Ruhe haben will, ist man hier genau richtig. Auch wenn die Hunde der Pension manchmal etwas laut sind, besonders wenn sie spielen.

Ich steige aus, laufe um das Auto herum und öffne auch Sammy die Tür. Dieser springt heraus und schaut sich neugierig um. Da er seine Leine die ganze Fahrt über um hatte, brauche ich nun nur nach ihr zu greifen, um den Kleinen wieder im Griff zu haben. Ich schließe das Auto ab und gehe, zusammen mit Sammy, zum Eingangstor. Es ist nicht mehr das Neuste, das sieht man, aber es erfüllt seinen Zweck.

Gemeinsam betreten wir das Grundstück. Darauf befindet sich ein relativ großer Vorgarten, bestehend aus Rasen und Sand. Weiter entfernt steht das Hauptgebäude, was auch schon sehr alt zu sein scheint, da die Fassade bröckelt. Dahinter befinden sich die Außengehege und die große Spielwiese. Alles etwas alt, trotzdem ist die Atmosphäre hier sehr schön und die ältere Dame, die die Hundepension leitet, ist auch sehr freundlich und hilft einem weiter, wenn man Fragen zum Hund hat. Sammy und ich überqueren den Rasen bis zum Gebäude. Ich drücke ein paar Mal auf den Klingelknopf, doch als niemand reagiert, öffne ich die kräftig gebaute Holztür und trete ein. »Hallo?«, rufe ich durch den Gang, an dem viele große Zwinger grenzen. In einigen der Zwinger befinden sich Hunde und manche von ihnen kommen dicht an die Gitter und bellen. Das schüchtert mich ein, besonders das laute, tiefe Bellen der großen Hunde. Plötzlich stimmt

Sammy mit ein und rennt los. Aus Schreck lasse ich die Leine fallen und mein Hund jagt durch den langen Gang, bis er hinten um die Ecke verschwindet. »Sammy, komm zurück! Beifuß!«, rufe ich und Panik breitet sich in mir aus. Ich verabscheue solche Situationen, besonders in der Öffentlichkeit. Hoffentlich gibt das keinen Ärger. Ich laufe den Gang entlang und rufe noch einmal nach meinem Hund, bis er wieder um die Ecke und mir entgegen kommt. Doch nun hat er etwas zwischen den Zähnen, etwas Dunkles. Sofort erinnere ich mich an den Traum von letzter Nacht. Ich gehe in die Hocke und nehme den Gegenstand entgegen, den Sammy mir soeben mitgebracht hat. »Die Mütze...«, murmle ich verwundert und betrachte die dunkelblaue Strickmütze in meiner Hand. Die kann unmöglich dem Mann aus dem Laden gehören. Kaum habe ich meinen verwirrten Gedankengang zu ende gebracht, kommt jemand

um die Ecke gelaufen. Er. »Tut mir leid, dass Sie so lange warten mussten, ich war hinten und hab die Klingel nicht gehört. Erst als ich Ihren Wagen hab stehen sehen, da...«, er hält inne und sieht mich an.

»Ich kenne Sie!«, bemerkt er freudig und geht weiter auf mich zu. Ich kralle meine Fingernägel in die Mütze. Bei jedem Schritt, den er macht, schwingen seine kinnlangen Haare mit. Nun kann ich sie richtig sehen, eine schöne Mähne aus braunem Haar. Heute trägt er ein rotes Langarmshirt mit leichtem Ausschnitt, die Ärmel hat er hochgekrempelt. »Sie sind der Kerl mit den Pornoheften.«

Meine Stimme bricht etwas ab, ich bin nervös.

»Jap, genau der bin ich.« Er nickt mir freundlich zu, bis sein Blick nach unten, zu meinen Händen, wandert. »Sie haben meine Mütze gefunden.« »Nicht ich, mein Hund.«, erkläre ich und überreiche ihm sein weiches Eigentum. Er nimmt es entgegen

und beugt sich daraufhin hinunter zu Sammy. »Ich danke dir, Kleiner.« Sammy wedelt mit dem Schwanz und der Mann streichelt seinen Kopf, dann erhebt er sich wieder. »Ich bin Ardian.« Er streckt mir freundlich seine Hand entgegen. Ich zögere kurz, beschließe dann aber ihm die Hand zu schütteln. »Samantha.«, sage ich nur und sehe ihm in die Augen, in ein grün leuchtendes Augenpaar. »Freut mich, Samantha.« Als sich unsere Hände wieder voneinander lösen, umfasse ich meine Hand mit der anderen. Er hat einen wirklich festen Händedruck. Unauffällig wandert mein Blick zu Ardians Händen. Ich habe einen totalen Handfetisch, was Männer betrifft, weshalb es mir schwer fällt, meinen Blick von seinen starken Prachthänden abzuwenden. »Und wie heißt dein kleiner Freund hier?«, fragt er und hält meinem Hund spielerisch

seinen Fuß hin. »Sein Name ist Sammy.« Ardian sieht mich an und zieht eine Augenbraue hoch. »Du hast deinem Hund die männliche Form deines Namens gegeben?« »Kann man so sagen, ja.« Schon wieder fange ich an zu schwitzen. Das ist mir peinlich, obwohl ich eine gute Erklärung dafür habe. »Ich habe ihn nach einem meiner Lieblingscharaktere aus meiner Lieblingsserie benannt.«, erkläre ich, er nickt bloß. »Nicht dass du jetzt denkst ich bin selbstverliebt oder so etwas.« »Dass du nicht selbstverliebt bist, habe ich mir schon gedacht. Dafür bist du zu schüchtern.« »Ich hätte es trotzdem sein können.«, meine ich und sehe ihn herausfordernd an. »Hättest, ja. Aber so etwas ist ziemlich selten.«, bemerkt er und lächelt mich an. »Weswegen bist du hier, Samantha?«, fragt er und legt seine Mütze beiseite, auf eine hüfthohe

Holzkiste. »Ich wollte meinen Hund für nächste Woche abmelden.«, erkläre ich. Ardian drängelt sich an mir vorbei und läuft den Gang hinunter, ich folge ihm. »Du hättest auch telefonisch Bescheid geben können.« »Wollte ich, aber es ging niemand ran.« Ardian bleibt stehen und dreht sich nach mir um. »Und deshalb bist du den weiten Weg her gekommen?« »Woher weißt du, dass der Weg weit ist?« Obwohl 45 Minuten völlig in Ordnung sind. Ich verschränke die Arme ineinander und sehe zu ihm hoch. »Geraten.«, antwortet er knapp und ich ziehe eine Augenbraue in die Höhe. »Gib zu, du bist wegen mir den weiten Weg gefahren.«, grinst er. Ich werde rot, das spüre ich, da mein Gesicht zu kochen beginnt. »Warum sollte ich? Ich kenne dich gar nicht! Und außerdem, woher sollte ich wissen, dass du hier arbeitest?« Ich habe das Gefühl total hoch zu sprechen. »Komm runter, das war ein Scherz.«, lacht er,

schnappt sich einen Eimer voll Trockenfutter und geht damit die einzelnen Zwinger durch, um die Hunde zu versorgen. »Dann streiche ich deinen Sammy gleich aus der Liste.«, meint Ardian, während er in einen der Zwinger steigt. Er hebt den schweren Eimer an und ich beobachte aufmerksam das Muskelspiel seiner Arme, während er vorsichtig das Futter in einen Napf schüttet. »Okay, danke.«, sage ich gedankenverloren und starre auf seine Hände. Als er sich wieder gerade aufrichtet und den Zwinger verlässt, schaue ich schnell woanders hin und versuche mir nichts anmerken zu lassen. »D... dann gehe ich jetzt wieder.«, stottere ich und greife nach Sammys Leine, die er die ganze Zeit hinter sich her schleift. »Es war mir eine Freude dich kennen zu lernen.«, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen. »Warum bist du plötzlich so höflich?« »War ich das im Büchergeschäft etwa

nicht?« Ich zucke mit den Schultern. »Ich finde, du warst dort etwas... direkt.«, meine ich zögernd und mein Blick gleitet hinunter zum Fußboden. »Ach komm, nimm das nicht so persönlich. Diese Art von Bücher sind eben Schrott, dafür kannst du ja nichts.« Er will mich ärgern. »Wenn du meinst.« Mehr sage ich dazu nicht, nur noch ein »Tschüss.« verlässt meine Lippen, während ich auf den Ausgang zugehe. »Hoffentlich sieht man sich bald mal wieder!«, ruft er mir nach und ich schließe die Holztür hinter mir.


Ich hoffe nicht, denn du machst mich noch verrückt. Je öfter ich dich sehe, desto mehr verlange ich innerlich nach dir.

❖4❖

ARDIAN

Samantha schnauft ungläubig, bevor sie die große Tür hinter sich schließt. Ich deute es als eine Zustimmung und meine Lippen formen ein leichtes Lächeln. Eigentlich stehe ich nicht auf so ruhige, schüchterne Frauen, doch irgendetwas sagt mir, dass sie tief in sich etwas verbirgt. Etwas, was ich unbedingt herausfinden will. Sie ist wie eine geschmückte Holztruhe. So schön, doch niemand scheint sie zu beachten. Und wenn sich doch jemand für sie interessiert, dann hat man zwei Möglichkeiten, um an ihren inneren Schatz zu kommen. Entweder man setzt Gewalt an und schlägt mit irgendetwas auf die schöne Truhe ein um an das Innere heranzukommen. Obwohl ich denke, dass so etwas bei ihr nicht funktioniert. Sie würde ihren Schatz derweil schnell in einem Geheimfach

verstecken und hoffen dass man es nicht findet. In der Wirklichkeit würde das so aussehen, dass sie jemand ganz lieb und nett anschreibt, damit sie sich auf denjenigen einlässt. Und plötzlich, relativ unerwartet, zeigt die Person ihr wahres Gesicht und bedrängt das arme Mädchen. Schlägt sozusagen auf das schöne Holz der Truhe ein. Und was tut sie daraufhin? Richtig, sie zieht sich zurück. Das vermittelt mir zumindest ihr Eindruck. Diese leichte Angst, die sie hegt, wenn sie mit Fremden spricht. Ihr Hund, Sammy hieß er, glaube ich, ist sicher auch angeschafft worden, um Trost und ein Gefühl des Zusammenhaltens zu spüren. Ich würde mich jetzt nicht unbedingt als Menschenkenner betiteln, aber ich habe schon so einiges erlebt, um das Wichtigste aus einem Menschen heraus zu filtern. Jedenfalls gibt es noch die zweite Möglichkeit, um an ihr Inneres zu kommen. Nämlich das

Gegenteil von Gewalt, Sanftmut. Und diese Möglichkeit habe ich vor anzuwenden. Ich habe vor, ihr mit etwas entgegenzukommen, was sie wahrscheinlich bei jedem Mann kläglich versucht zu finden. Freundlichkeit, Zuneigung, Aufmerksamkeit. Ich werde den Schlüssel finden und ihr Schloss knacken. Ich will sie kennenlernen. Nicht nur auf der Basis einer Bekanntschaft, sondern so richtig. Ich will unbedingt wissen was ihr Inneres ist. Ich weiß nicht einmal woher dieses plötzliche Verlangen danach kommt. Vielleicht weil wir uns jetzt schon zum zweiten Mal über den Weg gelaufen sind, was mein Interesse zu ihr geweckt hat. Was ich weiß ist, dass ich sie, wenn wir uns wiedersehen, verlegen machen muss. Dieser Moment, wenn sie rot anläuft und Blickkontakt vermeidet, das ist zu köstlich. Nur wenige Frauen sehen in solch einem Moment so süß und unschuldig aus wie

Samantha. Ich durchblättere den Kalender der Pension, wo alle Termine vermerkt sind. In der nächsten Woche angekommen, streiche ich den Namen von Samanthas Hund durch. Schade eigentlich, ich finde den Kleinen echt okay, ich mag ihn. Er scheint mich auch ganz okay zu finden, habe ich den Eindruck. Ich schließe den Kalender wieder und mein Blick wandert hinüber zum Schreibtisch, wo das Kundenbuch liegt. Mit den Kunden habe ich mich noch gar nicht wirklich befasst. Ich helfe meiner Mutter erst seit ein paar Monaten mit der Pension. Ich habe einige schlechte Jahre hinter mir und habe hier nun endlich meine Ruhe gefunden. Für eine lange Zeit habe ich alles vernachlässigt, sogar meine Mutter, die eigentlich alles für mich ist. Ich liebe sie so sehr und kann mir nicht verzeihen was ich ihr angetan habe. Nun versuche ich es wieder gut zu machen, indem ich ihr mit der

Pension helfe. Das ist das Mindeste, doch nicht alles. Was passiert ist, kann ich nicht rückgängig machen, auch wenn ich es so sehr wollte. Man kann nur warten, bis aus den Wunden Narben werden. Mehr nicht. Ich setze mich auf den alten, wackligen Drehstuhl, lege das Kundenbuch vor mich und schlage es auf. Ich lese mir ein paar Namen der Kunden durch, doch im Inneren weiß ich, dass ich nach ihrem Namen suche. Nach Samantha. Ich habe das Verlangen, einfach ihren Namen auf einem Stück Papier geschrieben zu sehen. Leider weiß ich ihren Nachnamen nicht, was die Suche schwieriger macht. Das Buch ist alphabetisch geordnet, und da ich ihren Nachnamen nicht weiß, könnte die Suche ewig dauern. Während ich nach ihrem Vornamen Ausschau halte und eine Seite nach der anderen durchblättere, ertappe ich mich dabei, wie ich immer wieder leise flüsternd ihren Namen wiederhole. »Samantha... Samantha...« Bis er

endlich auf einer der Seiten mit dem "C" erscheint. »Samantha Campbell.«, lese ich leise vor und fange unkontrolliert an zu lächeln. Leider hat sie nicht viele Informationen zu sich hier gelassen. Aber mit dem, was hier steht gebe ich mich auch zufrieden. Adresse, Telefonnummer und Infos zum Hund. Ich würde sie gerne anrufen, um sie vielleicht auf einen Kaffee oder etwas Ähnliches einzuladen. Als ich mein Handy aus der Hosentasche ziehe und ihre Nummer in meinen Kontakten abspeichere, komme ich mir vor wie ein Stalker. Ich stecke mein Handy wieder zurück und halte dann kurz inne. »Was tue ich hier eigentlich?« »Was machst du da?«, höre ich meine Mutter fragen, die plötzlich im Türrahmen steht. Schnell schlage ich das Buch zu und sehe zu ihr hoch. »Nichts, ich habe mich nur um einen Kunden informiert.«, erkläre ich und lege das Buch an seinen Platz zurück. Meine Mutter

nickt, doch ihr Gesicht verrät, dass sie mir nicht ganz glaubt. »Sammy, der Hund von Samantha, kommt nächste Woche nicht zu uns. Sie war eben hier und...« »Also hast du dich wegen Frau Campbell informiert.«, unterbricht sie mich und wirft mir einen ihrer berühmten "Ich-wusste-es"-Blicke zu.

»Ich wollte mir die Infos zu ihrem Hund durchlesen, mehr nicht.« Ich stehe auf und drängle mich an ihr vorbei in den langen Gang. Als ich mit meinem Rücken an das Holz des Türrahmens komme, knarrt es. Jedes Mal wenn ich irgendwo gegen komme, habe ich Angst, dass es zusammenbricht, so alt wie das alles hier ist. »Ich kenne dich. Hör auf unsere Kundinnen anzumachen.« Ihre Tonlage ist ernst, genau wie ihr Blick und ich hebe entrüstet meine Hände. »Hast du die Hunde schon versorgt?«, fragt

meine Mutter, als ich den Gang zur Holzkiste entlang laufe, wo ich meine Mütze abgelegt hatte.

»Ja, ist erledigt. Ich werde mir ein paar der großen Jungs schnappen und mit ihnen den Parkour durchgehen.«, antworte ich und suche mir drei große Hunde aus. Ohne noch etwas zu sagen, verschwindet sie aus der großen Eingangstür. Ich sehe ich stumm nach. Es geht ihr nicht gut und es schmerzt sie so niedergeschlagen zu sehen. Ich weiß gar nicht mehr wann sie das letzte Mal gelacht hat. Also so wirklich gelacht und dabei Glück empfunden hat. Ich seufze und mache mich wieder an die Arbeit. Nacheinander betrete ich die Zwinger der Hunde, die ich ausgewählt habe und lege diesen jeweils ein Geschirr an. Als das erledigt ist, gehe ich mit ihnen durch den langen Gang zur Hintertür. Wir überqueren den Hof und betreten die Parkouranlage. Am Himmel haben

sich mehr Wolken gebildet, heute Abend würde es garantiert Regen geben. Das heißt, ich muss die ganzen Geräte in den Schuppen räumen, das ist so ätzend. Aber ich darf mich nicht beschweren, denn wie schon gesagt, alles, was ich hier tue ist gerade mal das Mindeste, was ich für meine Mutter tun kann. Am späten Abend setzt, wie erwartet, der Regen ein. Doch da die Hunde heute nicht das gemacht haben, was ich wollte, hing ich nun mit meiner Arbeit hinterher. Gerade als ich den letzten Hund in seinen Zwinger gebracht habe, fängt es an wie aus Eimern zu schütten. »Fuck!«, rufe ich, als ich die Trainingsgeräte im Regen erblicke. Ich muss zugeben, dass ich diese Dinger schon wieder vergessen hatte, weshalb ich mich jetzt noch mehr stresste. Schnell werfe ich mir eine Regenjacke über, die neben der Hintertür an einem alten Jackenhacken hängt. Ich jogge auf den, mittlerweile dunklen,

Hinterhof, in Richtung Trainingsanlage. Halb blind baue ich die einzelnen Hindernisse ab und beeile mich diese so schnell wie möglich in den Schuppen zu bringen. Als ich das letzte Teil erfolgreich in Sicherheit gebracht habe, bin ich komplett durchnässt. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Regenjacke nicht ganz seinen Zweck erfüllt. Meine kinnlangen, braunen Haare triefen vor Nässe und kleben mir im Gesicht. Mein Oberteil ist feucht und meine Hose nicht mehr zu retten. All meine Klamotten scheinen an mir zu kleben, das ist ein widerliches Gefühl. Was für ein Abend. Ich schließe den Schuppen ab und sehe mich im Hauptgebäude, wo sich die Zwinger befinden, noch einmal um. Alles ist in Ordnung, auch die Hunde sind über Nacht versorgt. Also schalte ich alle Lichter aus, schließe die Türen ab und verziehe mich ins Wohnhaus, was neben dem Hauptgebäude steht. Auch unser Haus ist nicht mehr das Neuste, doch durch das weiße Holz und der

netten Inneneinrichtung fühlt man sich hier wirklich wohl. Im Wohnzimmer finde ich meine Mutter vor, die sich auf dem Sofa in ein Buch vertieft hat. Ohne sie zu stören, gehe ich nach oben ins Bad, um mich einmal komplett zu duschen. Ich muss dieses ekelhafte Gefühl loswerden, was diese nassen Klamotten an mir auslösen. Wenig später liege ich mit Trainingshose und T-Shirt auf meinem Doppelbett. In der Hand halte ich mein Handy. Ich will sie anrufen, doch das wäre mehr als nur dumm. Es ist fast 2 Uhr nachts, da nimmt niemand mehr ab, es sei denn man ist stark miteinander befreundet oder besoffen. Oder beides. Dennoch spiele ich mit dem Gedanken es morgen zu versuchen. So nebenbei. Ich stelle mir einen Wecker auf 6 Uhr, bevor ich mein Handy auf den Nachttisch lege, mich in die entgegengesetzte Richtung drehe und langsam einschlafe.

❖5❖

SAMANTHA


Der Sonntag verging langsam. Sehr langsam. Meine Gedanken kreisten sich die meiste Zeit nur um ihn. Es reichte von einzelnen Bildern in meinem Kopf, bis hin zu ausgedachten Konversationen. Und je nachdem wie ich mich gerade fühlte, nervte es mich total, oder machte mir Freude. Echt schräg, zumindest für mich. Am liebsten würde ich, immer wenn ich an ihn denke, mir ein Kissen nehmen und es mir ins Gesicht schlagen. Denn wenn ich mal ehrlich zu mir bin, ist das ganze nur pure Einbildung. Männer wollten nie etwas von mir und das wird auch immer so bleiben. Das ist eben so eine Art Schicksal. Mein Schicksal. Und ich finde mich damit ab, auch wenn das Akzeptieren ziemlich schwer für mich war, besonders in dem Alter von 17-18 Jahren. Und das Akzeptieren war sehr

wichtig für mich, denn ohne dieser Akzeptanz würde ich nie glücklich werden. Diese ständigen Fragen an sich selbst, wie »Warum mögen mich die Jungs nicht?«, »Bin ich nicht hübsch genug?« und »Was stimmt mit mir denn nicht?«

Ganz ehrlich, mit solchen Gedanken kann man einfach nicht glücklich werden. Also musste ich lernen mit meiner Situation klarzukommen. Und um dieses schreckliche Einsamkeitsgefühl los zu werden, habe ich mir Sammy, meinen Hund, gekauft. Er ist mittlerweile wie ein WG-Kumpel für mich. Was ich unbeschreiblich super an ihm finde ist, dass er es merkt, wenn es mir nicht so gut geht. Dann kommt er zu mir, kuschelt sich an mich oder versucht mich irgendwie aufzumuntern. Nur dass er statt Witze erzählen lieber zu dem Mittel des Abschleckens greift. Ich wartete den Sonntag bis zum Abend hin ab, wegen der Stornierung des Hotels und des

Fluges nach Island. Ich hoffte die ganze Zeit, dass mein Vater sich noch melden würde, um mir freudig zu verkünden, dass die Reise doch stattfinden kann. Doch es kam nichts. Niedergeschlagen sitze ich nun im Schneidersitz auf meinem Bett, den Laptop auf meinen Knien. Ich befinde mich auf der Seite des Hotels, um die Stornierung durchzuführen. Ich schaue noch einmal auf die Digitaluhr des Laptops, diese zeigt 17:37 Uhr an. Plötzlich ertönt mein Handy auf dem Schreibtisch und ich schrecke hoch. Vielleicht ist es mein Vater? Schnell nehme ich den Laptop von meinem Schoss, rappel mich auf und gehe zum Schreibtisch. Dieser befindet sich am anderen Ende von meinem Zimmer, doch dieses ist auch nicht besonders groß. Als ich nach meinem Handy greifen will, sehe ich auf das Display und halte inne. Eine unbekannte Nummer. Ich hasse so was. Abzuheben ohne zu wissen mit wem man da redet, das ist ätzend. Ich kämpfe mit dem Gedanken, ob ich nun ran

gehen soll oder nicht. Im Kopf gehe ich mögliche Personen durch, die mich jetzt anrufen wollen würden. Doch mir fällt niemand ein. Von den Personen, die infrage kommen würden, habe ich die Nummer. Das Handy verstummt, mein Blick ist stur darauf gerichtet. Wer, verdammt, könnte das nur gewesen sein? Nach einer kurzen Ruhepause fängt es wieder an zu klingeln. Wieder unbekannte Nummer. »Ich bin nicht da.«, murmle ich leise und ziehe mich, mit langsamen Schritten, auf mein Bett zurück. Während es noch weiter klingelt, sitze ich wieder, mit dem Laptop auf meinem Schoss, auf meinem Bett. Ich will nun alles stornieren, doch durch diesen Krach, vom Handy verursacht, oder eher von der Person, die mich anruft, kann ich mich nur schlecht konzentrieren. Ich schließe genervt die Augen und warte einfach nur ab. Dann, endlich, verstummt es. Ich atme einmal tief durch und

öffne meine Augen wieder. Wenn diese Person jetzt noch mal anruft, schmeiße ich das Handy aus dem Fenster. Ruhig starre ich mein Handy auf dem Schreibtisch an, bis ich mir sicher bin, dass kein Anruf mehr kommen wird. Also widme ich mich wieder der Stornierung. Es ist Montag. Am Morgen sitze ich mit einem Kaffee und Toast in der Küche am Tisch, vor mir der Laptop. Ich schaue meine Lieblingsserie und frage mich nebenbei, was ich heute so machen könnte. Oder was ich die ganze Woche so machen könnte, denn eigentlich sollte ich schon längst im Flieger nach Island sitzen, mit meinem Dad. Und nun langweile ich mich zu Hause. Mache das, was ich immer mache, jeden Tag. Nur dass Arbeiten gerade nicht mit dazugehört. Apropos Arbeiten, ein neues Buch wäre ganz gut. Vielleicht finde ich im Geschäft

irgendetwas, was mir die Langeweile etwas nimmt. Ich sollte den Bücherbestand zwar etwas kennen, aber das ist es ja gerade. "Etwas". Und da ich nichts anderes vorhabe, schadet es nicht mich etwas außerhalb meiner vier Wände zu bewegen. Also mache ich mich nach dem Frühstück etwas zurecht. Nach dem Zähneputzen binde ich mir meine vorderen Haarsträhnen hinten zusammen und schminke mich dezent. Als das geschafft ist, gehe ich mit Sammy etwas spazieren. Eine Stunde sind wir ungefähr unterwegs. Laufen erst durch ein paar Wohnblocks, dann raus aus der Stadt in einen großen Park, der jetzt im Frühling umso mehr blüht und in einem hellen Grün erstrahlt. Das sieht echt schön aus, auch wenn es wahrscheinlich nur an der Sonne liegt, die am Himmel hell leuchtet und alles freundlicher wirken lässt. Im Park tausche ich die Hundeleine mit einer langen Schleppleine aus und lasse Sammy frei herumrennen. Er tollt

umher, bellt zwischendurch verspielt, damit ich ihm hinterher jage und auch so manche Schmetterlinge mussten dran glauben. Ich liebe es den Kleinen so umhertollen zu sehen. Ich könnte stundenlang hier im Gras auf meiner Strickjacke sitzen und ihm einfach nur zusehen. Wenn er so glücklich ist, bin ich es auch. Und das meine ich ernst, auch wenn es sich total kitschig anhört. Irgendwann lege ich ihm wieder die normale Hundeleine an und wir machen uns auf den Heimweg. In der Wohnung angekommen stelle ich Sammy erst einmal frisches Wasser hin, bevor ich die Hundeleinen und Kottüten verstaue. »Bis nachher, mein Kleiner.«, verabschiede ich mich von meinem Hund und wuschle ihm einmal kräftig durch das Fell. Als ich dann wieder nach draußen gehe, legt Sammy sich in sein Körbchen und scheint zu warten. Was er

wirklich macht, während ich nicht zu Hause bin, weiß ich nicht. Ich steige in eine Straßenbahn, da ich jetzt zu faul zum Laufen bin. Nach wenigen Stationen bin ich in einer Einkaufsstraße und laufe in die Richtung des Büchergeschäfts, in dem ich arbeite. Die Einkaufsstraße befindet sich in der Altstadt. Die Straße ist zweispurig und mit holprigen Wackersteinen gepflastert, sodass man im Auto schön durchgeschüttelt wird. Hier ist alles etwas alt, doch durch die Pflanzen an den Fensterbänken und am Straßenrand und der Sonne, die gerade so steht, dass sie perfekt in die Straße scheint, sieht alles sehr idyllisch und schön aus. Ich betrete das Geschäft und schon winkt mir Katherine, meine Kollegin, die gerade an der Kasse stationiert ist, lächelnd zu. Ich erwidere ihre Geste und verkrieche mich dann zwischen den Regalen. Automatisch begebe ich mich zu meinen Lieblingsromanen, wo es um Liebe und

viel Emotionen geht. Und zugegeben, manchmal auch um Erotik. Ich schlendere also durch das Regal und nehme mir zwischendurch mal ein-zwei Bücher heraus, um mich näher mit ihnen zu befassen. Bis ich bei einem Exemplar hängen bleibe. Ich lese mir auf dem Rücken des Buches den Inhalt durch, durchblättere es dann etwas und lese mir ein paar der Seiten durch. »Ich wusste, dass ich dich hier irgendwann antreffen würde.«, meint plötzlich eine männliche Stimme neben mir. Ich schlage das Buch zu und drehe meinen Kopf nach rechts. Neben mir steht er, Ardian. Er trägt eine dunkle Jeans, dazu ein blaues locker sitzendes Hemd, die Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt. Und natürlich darf seine dunkelblaue, dünn gestrickte Mütze nicht fehlen. Ich weiß gar nicht was ich darauf antworten soll, stattdessen lächle ich ihn einfach nur an,

so wie ich es immer bei Fremden mache, wenn ich nervös bin. Wahrscheinlich sieht mein Lächeln auch noch richtig bescheuert aus. »Hi.«, begrüße ich ihn schüchtern und sehe hoch in seine Grün-Grauen Augen. Doch da auch er mir in die Augen schaut, verschwindet mein kaum vorhandenes Selbstvertrauen noch mehr und ich sehe weg. »Was machst du hier?«, frage ich und tue so, als ob mich die Bücher vor mir sehr interessieren würden, dabei ist mein Interesse zu ihnen schon längst verflogen, seit er zu mir gestoßen ist. Ardian zuckt mit den Schultern, wendet sich dem Regal zu und zieht sich ein Buch heraus. »Soll ich lügen oder dir die Wahrheit sagen?« Ratlos und komplett überfordert sehe ich zu ihm. Ich schwitze wie verrückt, diese Nervosität wird mich irgendwann noch umbringen. Ich zucke mit den Schultern, als Ardian wieder zu mir sieht. »Keine Ahnung. Die Wahrheit?« Jetzt wo ich

mich gezwungenermaßen entschieden habe, habe ich Angst die Wahrheit würde mich im Erdboden versinken lassen. »Du magst es ehrlich, das gefällt mir.«, bemerkt er, sieht kurz lächelnd zu Boden, dann in meine Augen. Ich zwinge mich zurückzulächeln und versuche dem Druck standzuhalten, den er durch sein Angestarre bei mir erzeugt. Ich starre bewusst zurück und versuche mich einfach etwas davon abzulenken, indem ich die einzelnen Partien seines Gesichts beobachte, während er redet. »Nun...«, beginnt er, »das Gespräch mit dir, am Samstag, hatte mir echt gefallen. Also habe ich beschlossen dich anzurufen.« Ich finde seine Augen langsam echt interessant. Leider kann ich sie aus dieser Entfernung nicht näher betrachten. Generell sein Gesicht, es gefällt mir total gut. Und der Dreitagebart tut den Rest. Warte, was hat er eben

gesagt?! »DU warst das? Gestern Abend?«, frage ich erschrocken und er nickt. »Woher hast du meine Nummer?« »Aus unserem Kundenbuch.«, erklärt er und zuppelt sich seine Mütze zurecht. Jetzt wird es ihm unangenehm, verstehe. »Aus dem Kundenbuch, na klar...«, murmle ich, und schaue weg. Warum kann eigentlich nie irgendwas mal in sichere Hände gelangen? »Tut mir leid ich...«, er kratzt sich im Nacken, wo seine braunen Haare unter der Mütze hervor schauen. »Ich hatte vor dich mal auf einen Drink oder so was einzuladen. Aber da du nicht ran gegangen bist, dachte ich, ich versuche hier mal mein Glück.« Ich sehe ihn an, mein Mund steht offen. Das ist ein Scherz, oder? Ardian setzt ein unwiderstehliches Lächeln auf, sein Unbehagen scheint also wieder verflogen

zu sein. »Also? Hättest du Lust mich heute Abend auf einen Drink zu begleiten? Wir können auch richtig essen gehen, wenn du willst.« »Bittest du mich gerade auf ein Date?«, frage ich ungläubig. »Ja, Samantha.« Er nickt lächelnd und mir wird warm ums Herz. Nicht so schrecklich heiß wie sonst, wenn ich total nervös bin, sondern angenehm warm und ich fange an zu lächeln. Ich kann nicht anders. Ich bin verdammte 23 Jahre alt und wurde soeben das erste Mal auf ein Date eingeladen! »Ok, dann lass uns heute Abend essen gehen.«, sage ich und habe das ungute Gefühl bei der Zusage schon verkackt zu haben. Jetzt setzt die Nervosität wieder ein. »Super.«, meint er und scheint selber nicht aus dem Lächeln heraus zu kommen. »Ich hole dich dann ab. Ist 6 Uhr für dich in

Ordnung?« »Ja klar, ist gut so. Warte, du weißt auch, wo ich wohne?« Ich weiß nicht ob ich geschmeichelt oder entsetzt darüber sein soll. »Tut mir leid, das Kundenbuch.« Während Ardian das so sagt und dabei mit den Schultern zuckt, muss ich mir das Lachen verkneifen. Diese Geste zu dem Satz dazu, das finde ich irgendwie lustig. Wir fangen beide an zu lachen, bis er mit dem vorzeitigen Abschied beginnt. »Dann sehe ich dich heute Abend.«»Ja.« Mehr sage ich nicht. Will es irgendwie auch nicht. Ardian zwinkert mir kokett zu und verschwindet dann Richtung Ausgang. Ich bleibe reglos hier stehen und sehe ihm nach, ohne mir wirklich sicher zu sein, ob das eben wirklich passiert ist. Nicht dass ich mich hübsch mache, um dann festzustellen, dass ich das nur geträumt habe. Obwohl es, ehrlich gesagt, im Nachhinein lustig wäre

❖6❖

SAMANTHA Schlagend geht die Wohnungstür hinter mir zu und ich lehne mich dagegen. Ich grinse dümmlich, wie ein kleines Schulmädchen, lege dann meinen Kopf in den Nacken, schließe meine Augen und beiße mir auf die Unterlippe. Was ist da im Geschäft eben passiert?! Das kann niemals echt gewesen sein, das glaube ich nicht! Ich würde jeden für einen Lügner halten, der mir das erzählt. Ardian, er hat mich ernsthaft auf ein Date eingeladen! Okay, ich muss mich beruhigen. Ich meine, ich kenne ihn kaum. Was wenn er nach dem Date schon seine Finger spielen lässt? Und er mich nur für diesen einen speziellen Zweck ausnutzen will? Vielleicht mag er mich als Person ja gar nicht, sondern nur mein Aussehen, was er für eine Nacht für sich beanspruchen will. Obwohl, so

hübsch finde ich mich selber gar nicht. Unbewusst blitzen alte Erinnerungen in meinem Kopf auf. Ich starre geradeaus ins Leere, während sich dieser Film vor meinem geistigen Auge abspielt. Wie diese wundervolle Hand eines Jungen, die eben noch meinen Arm gestreichelt hat, plötzlich das widerlichste Ding auf Erden für mich wird. Sie gleitet in immer tiefere Regionen und... Ich kneife meine Augen kurz zusammen, strenge mich an diesen Gedanken so schnell wie möglich wieder zu vertreiben. Ich sage mir, dass es Vergangenheit ist. Es wird nicht wieder vorkommen, wenn ich es nicht will. Ich muss ihm absagen. Ich kann so etwas nicht ein zweites Mal durchmachen, ich will es nicht riskieren. So dreckig, wie zu diesem Zeitpunkt, will ich mich nie wieder fühlen. Mein Kopf will, dass ich das Date absage. Doch mein Herz widersetzt sich dieser Anweisung. Es wäre mein

erstes richtiges Date, das kann ich nicht einfach absagen! Ich will diese Erfahrung unbedingt machen! Ich schleife mich total überfordert ins Wohnzimmer, stolpere dabei fast über Sammy, den ich gerade total vergessen habe, und lasse mich auf das Sofa fallen. Ich drehe meinen Kopf so, dass nur meine rechte Gesichtshälfte auf dem Sofakissen liegt und sehe hinunter zu Sammy. Dieser kommt verwirrt angelaufen, setzt sich direkt vor mir auf den Boden und legt den Kopf schief. »Es geht um eine komplizierte Menschensache, Sammy. Das verstehst du nicht.«, murmle ich halb ins Kissen, strecke einen Arm nach meinem Hund aus und streichle ihm den Kopf. Ich muss eine Entscheidung treffen, was Ardian angeht. Bis jetzt habe ich mir immer nur eingebildet, ein Kerl könnte etwas von mir wollen. Sei es, ob ich einfach nur angelächelt, oder auf süße Weise geneckt wurde. Ich habe dieses

wundervolle Talent solche Situationen ständig falsch zu deuten. Obwohl ich zu meiner Verteidigung sagen kann, dass ich dieses Mal zu einem Date eingeladen wurde und es sich nicht um eine Einbildung handelt. Allerdings weiß ich trotzdem nicht, ob er nur mit mir spielt oder es ernst meint. Mein Gott, ist das kompliziert! Entschlossen setze ich mich auf. Ich werde es jetzt so machen, dass ich mich zwar mit Ardian treffe, mir jedoch nichts dabei denke. Also wird es von meiner Seite aus einfach nur ein Abendessen mit einem "Freund", mehr nicht. Kein Rumgeschnulze oder Sonstiges. Nur reden. Da mir noch einige Stunden bis zum Date bleiben, setze ich mich an meinen Schreibtisch und surfe an meinem Laptop im Internet. Die Zeit vergeht, und um so näher das ausgemachte Treffen rückt, desto nervöser werde ich. Circa viertel sechs gehe ich noch einmal mit Sammy raus, um mich danach in Ruhe fertigmachen zu können. Es tut mir leid ihn schon wieder alleine

lassen zu müssen, deshalb beschließe ich morgen länger mit ihm spazieren zu gehen. Vielleicht fahre ich mit Sammy auch einfach weg und wir lassen es uns woanders gut gehen. Nachdem ich mit meinem Hund vom kleinen Spaziergang wiederkomme, ziehe ich mich sofort um. Für das Umziehen und Schminken habe ich noch knapp 30 Minuten Zeit. Das ist viel Zeit, doch durch meiner Nervosität vergeht alles viel schneller. Entweder vergeht die Zeit zu langsam oder zu schnell, das nervt echt. Als ich meinen Schrank durchsuche, überlege ich zwischen einer Jeans und einer Bluse oder einem Kleid. Ich denke, ich sollte nicht zu viel Haut zeigen, also entscheide ich mich für eine Jeanshose mit einer weißen Bluse. Im Bad mache ich mich dann zurecht, was Gesicht und Haare betrifft. Ich habe keine wirkliche Vorstellung was ich Großartiges mit meinen

Haaren machen könnte. Doch dann entdecke ich meinen, etwas alten, Lockenstab in einer der vielen Schubladen neben dem Waschbecken und beschließe mir leichte Locken in mein braunes Haar zu drehen. Hoffentlich funktioniert das auch, nicht dass ich dann wie eine Vogelscheuche aussehe. Wenn es dazu kommen sollte, sage ich ihm, dass ich mich nicht wohlfühle. Dadurch, dass er mich gestern angerufen hat, habe ich ja nun auch seine Nummer und kann ihm dann telefonisch bescheid geben. Ich hole den Lockenstab heraus, doch lasse ihn gleich wieder, zusammen mit meiner Hand, die ihn festhält, nach unten sinken und lehne meinen Kopf an der kalten, gefliesten Wand an. Ich schließe meine Augen und seufze. Dieser Kerl kann mich doch niemals als Person mögen. Ich bilde mir doch hundertpro wieder irgendeinen Schwachsinn ein. Ich würde am liebsten einfach das Date absagen, doch dann

quälen mich wieder Gedanken wie: »Du hast einfach keinen Mut.« und darauf habe ich echt keine Lust. Also Augen zu und durch. Ich richte mich wieder auf, stecke den Stecker des Lockenstabs in die Steckdose und lege daraufhin los. Kurz nach 6 Uhr klingelt es an der Tür. Das muss er sein. Ich bin gerade noch rechtzeitig fertig geworden, Glück gehabt. Mit einem letzten Blick in den Spiegel kontrolliere ich, ob alles richtig sitzt und gehe dann zum Hörer. Mir ist ganz schlecht vor lauter Aufregung und Nervosität, doch das Ganze muss ich jetzt wohl oder übel einfach runterschlucken. Ich atme tief durch, bevor ich den Hörer abnehme. »Hallo?«, frage ich mit zitternder Stimme. »Samantha, ich bin es, Ardian.« Seine Stimme ist das totale Gegenteil von meiner. So ruhig und gelassen. Das gefällt mir, denn vielleicht kann ich mich dadurch auch etwas

entspannen. »Ich bin gleich unten, einen Moment.« »Mach in Ruhe, ich bin nicht hier um dich zu stressen.« Nachdem er das gesagt hat, zwinge ich mich etwas runter zu kommen, was leider nicht ganz funktioniert. Schnell verabschiede ich mich von Sammy, der sich in seinem Körbchen entspannt. Dann werfe ich mir eine Jeansjacke über, greife nach meiner Handtasche und verlasse die Wohnung. Ich gehe die Treppen nach unten, öffne die Haustür und sehe ihn. Ardian lehnt sich keine fünf Meter von mir entfernt an sein Auto an, ein schwarzer Kleinwagen. Durch die Abenddämmerung wirkt er wie eine dunkle Silhoutte, nur seine Augen sind etwas zu erkennen, da sich das Licht der Straßenlaternen in ihnen spiegelt. Als er mich bemerkt, richtet er sich auf und kommt auf mich zu. »Guten Abend, Samantha.«, begrüßt er mich ruhig. Als er näher kommt, wird die Hälfte

seines Körpers von den Laternen bestrahlt und ich kann erkennen, wie ein Lächeln seine Lippen umspielt. »Guten Abend.« Meine Stimme ist nun auch ruhiger, doch ich selber bin total nervös. Ich muss mich einfach nur zusammenreißen. »Wollen wir?« Ardian zeigt mit einer eleganten Handbewegung auf sein Auto und ich nicke. Los geht's. Ich folge ihm, er öffnet mir die Beifahrertür und ich steige ein. »Dankeschön.«, sage ich schüchtern und verkneife mir ein Lächeln. Ich bin gespannt was mich heute Abend erwarten wird. Ardian geht um das Auto herum und steigt ein. Wir sehen uns kurz an, dann startet er den Motor und fährt los. Nach ein paar Schweigeminuten fragt er mich: »Und was hörst du so für Musik?« Ich fange an zu überlegen. Gute Frage. Was höre ich denn gern? »Naja, die Songs, die im Radio so laufen,

hauptsächlich.« »Das meine ich nicht. Welche Musik hörst du gerne? Bei welcher Musik fühlst du dich so richtig wohl?« Er sieht kurz zu mir rüber, dann wieder auf die Straße. Ich überlege, bis mir der Film in den Sinn kommt, den ich vor Kurzem viermal hintereinander gesehen habe. »Naja, also...«, fange ich an, »Ich gucke oft Liebesfilme, wo manchmal so eine Art Rock- und Countrymusik läuft. Seitdem höre ich gerne Rock, Country und Ähnliches, dabei kann ich gut entspannen.«, erkläre ich und hoffe, dass er diesen Musikgeschmack nicht verabscheut. Obwohl es mir ja eigentlich egal sein könnte, was er mag und was nicht. Ardian nickt und lächelt zufrieden. »Gar nicht schlecht. Country hätte ich gar nicht erwartet. Die Meisten kommen mit Pop.« Er zieht sein Handy aus der Hosentasche und tippt darauf herum, sein Blick wechselt ständig zwischen Straße und Handy. »Sieh mal in das Handschuhfach, da müsste ein

Verbindungskabel drin sein.«, fordert er mich auf und ich öffne das Fach vor mir an meinen Knien. Zwischen ein paar CD's und Fahrzeugpapieren finde ich dann das Kabel, ziehe es heraus und reiche es ihm. Er bedankt sich und verbindet durch das Kabel sein Handy mit dem Radio des Autos. Wieder ist es kurz still, bis Ardian sagt: »Wie wäre es hiermit...« und "Overnight" von The Wild Feathers fängt an zu spielen und hallt durch den ganzen Wagen. Ich fange an zu strahlen. »War also eine gute Wahl.«, lacht Ardian und ich nicke eifrig. »Ich höre diese Band sehr gern!«, sage ich und sehe zu ihm rüber. Meine Nervosität wird durch pure Freude ersetzt und ich hoffe, dass das auch erst mal so bleibt. Das erste Mal sehe ich ihn heute Abend richtig an. Mir ist noch gar nicht aufgefallen, dass Ardian sich extra rasiert hat, sein Dreitagebart ist weg. Er trägt ausnahmsweise Mal nicht seine Strickmütze, sodass man seine kinnlange,

braune Haarpracht bewundern kann. Er hat sich einen ordentlichen Mittelscheitel gekämmt, das steht ihm wirklich gut. Außerdem trägt er ein weißes Hemd, wo die oberen Knöpfe ausgelassen wurden, damit er mehr Ausschnitt zeigen kann. Damit wirkt er sehr smart und auch anziehend. »Hab ich was im Gesicht?«, fragt er plötzlich und ich sehe nach vorn auf die Straße. »Nein nein, alles gut.«, sage ich schnell und werde rot, da ich mich ertappt fühle. Ich muss irgendwie davon ablenken, also frage ich: »Und was hörst du so für Musik?« »Ich höre so gut wie alles gern, außer Heavy Metal. Aber Rock hat es mir besonders angetan.«, antwortet er und biegt links ab. »Du scheinst also einen guten Geschmack zu besitzen.«, sage ich und er lächelt mich an. »Du ebenfalls. Hübsche Frisur übrigens.« Und wieder werde ich rot. Ich denke das wird heute Abend noch oft

passieren. »Danke. Deine gefällt mir auch. Also ich selber würde meine Haare ungern so tragen, aber... du weißt, was ich meine. Die Frisur steht dir.« Ardian lacht und Grübchen, die mir vorher nicht aufgefallen sind, kommen zum Vorschein. Ich glaube ich bin im Himmel, wie süß ist das denn bitte? »Ich fühle mich geschmeichelt.« Die Straßenlichter ziehen an uns vorbei. Wieder herrscht Stille zwischen uns, nur die Musik läuft. Ich sehe verträumt aus dem Fenster und komme aus dem Grinsen nicht mehr raus. Ich glaube, der Abend könnte doch noch ganz interessant werden. Irgendwann biegt Ardian auf den Parkplatz eines Restaurants. »Keine Sorge, es ist kein fünf Sterne-Restaurant. Ich glaube, das wäre zu viel gewesen.«, sagt er und parkt auf einen der leeren Plätze. »Zum Glück, ich trage nämlich nicht das Richtige für so ein

Restaurant.« »Ach Quatsch. Du siehst hinreißend aus, ist doch egal, was die reichen Schnösel von einem halten.« Und wieder werde ich rot. Ich denke, dass ich gar nicht erst versuchen sollte solche Momente mit den Fingern abzuzählen. Aber seine Einstellung gefällt mir.

»Warte.«, befiehlt er mir, steigt aus, läuft um das Auto herum und öffnet mir die Tür. »Du musst das nicht machen.«, meine ich in einem freundlichen Ton und steige aus dem Wagen aus. »Du meintest vorhin, dass du auf Liebesfilme stehst. Machen die das da nicht auch immer so?« Er grinst mich leicht verführerisch an und schließt dann das Auto ab. Jetzt bin ich neugierig. »Guckst du etwa auch Liebesfilme?«, frage ich interessiert und er sieht, immer noch grinsend, zu Boden. »Schon, ja. Ist aber nicht meine

Lieblingskategorie.« Ich nicke. »Bereit für das Dinner, my lady?« Ardian hält mir seinen einen Arm zum Einhaken hin. Ich zögere erst, doch als ich in sein lächelndes Gesicht sehe, bekomme ich Mut und lasse meinen Arm zwischen Seinen gleiten. Hallöchen liebe Aufregung. Wir betreten das Restaurant. Es ist voller als erwartet, dennoch gemütlich, da es nicht überfüllt ist. Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen und bin überwältigt. Viele funkelnde Lichter hängen von der Decke, die von drei Säulen gestützt wird. Hautsächlich werden hier dunkelbraune Holzmöbel verwendet, die Wände sind in einem Orangeton gehalten und die Decke, sowie die Säulen, sind weiß. »Es ist total schön hier.«, schwärme ich und sehe mich um. »Ich hab gehofft, dass es dir gefällt. Es ist das einzig gute Restaurant, was mir auf die Schnelle

eingefallen ist, was auch in unserer Nähe liegt. Und die Preise erträgt man hier auch, ohne ohnmächtig zu werden.« Ich muss schmunzeln und laufe neben ihm her, als er nach einem Tisch Ausschau hält. »Sieh mal dort.« Im hinteren Teil des Restaurants erspähe ich einen freien Tisch am Fenster und ziehe ihn dort hin. Nun muss er mir folgen, statt andersherum. Er hakt sich bei mir aus, um mir den Stuhl vorzuschieben. »Wie schon gesagt, du musst das nicht machen.«, sage ich, während ich meine Jeansjacke ausziehe, über den Stuhl hänge und Platz nehme. Ardian schiebt mich an den Tisch und setzt sich dann gegenüber von mir. »Ich möchte es aber, für dich.« Als er das sagt, schaue ich mich kurz um, um sicherzugehen, dass er auch wirklich mit mir redet. Dann sehe ich hinunter auf meine Serviette, die, zu einem perfekten kleinen Fächer zusammengefaltet, vor mir liegt. Meine Wangen werden heiß und ich

muss lächeln. »Genau deswegen.«, sagt Ardian nun und ich sehe leicht verwirrt zu ihm auf. Er scheint an meinem fragenden Gesicht zu erkennen, dass ich nicht verstehe was er meint, denn er fährt fort: »Dein verlegenes Gesicht, mit diesem süßen kleinen Lächeln. Deswegen mache ich es gerne.« »Hm...«, mehr bringe ich nicht raus. Ich bin überrascht. Sehr überrascht. »Diesen Satz hast du doch aus einem Buch oder Film geklaut.«, sage ich und versuche beleidigt zu klingen, obwohl es mich eher amüsiert. Bevor Ardian antworten kann, kommt der Kellner an unseren Tisch. »Guten Abend. Darf ich Ihnen zwei Speisekarten anbieten?« Wir nicken und der Kellner reicht erst mir, dann Ardian, eine Speisekarte und verschwindet daraufhin fürs Erste. Ich schlage die Karte auf und gehe die Hauptgerichte durch, ohne zu merken, dass Ardian mich beobachtet, bis ich kurz

hochschaue. »Was ist?« »Wegen dem, was du mir eben unterstellt hast... Das wärst du gern, oder? In einem Buch oder Film, meine ich.« Eine seltsame Unterhaltung, dennoch finde ich Gefallen daran. Ich lasse von der Speisekarte vor mir ab, falte meine Hände ineinander und stütze sie so mit meinen Ellenbogen auf dem Tisch ab, dass ich mein Kinn auf ihnen ablegen kann. Dann sehe ich ihn an und überlege, was ich darauf antworten könnte. »Ja, wahrscheinlich ist das so. Ich meine, mein Leben ist so unglaublich langweilig, dass ich mich zu jeder Gelegenheit in ein Buch verkrieche und mir vorstelle die Hauptperson zu sein. Bei Filmen dasselbe.« Ardian fängt an zu lächeln. »Lass mich raten, das sind dann meistens Romanzen oder so was in der Art.« Ich nicke und lächle ebenfalls. »Ja. Bei dieser Kategorie habe ich einfach den meisten Spaß mich hineinzuversetzen.« Ich weiß

nicht genau wieso, aber ich habe das Gefühl ihm das sagen zu können, ohne dass er mich auslacht. Erst als wir beide in unsere Speisekarten gucken und mehrere Minuten schweigen, fühle ich mich deswegen etwas unwohl. Ich muss mich wie ein Psycho angehört haben, jetzt würde er sicher am liebsten einfach gehen, tut es nur aus reiner Höflichkeit nicht. Der Kellner erscheint wieder an unserem Tisch. »Haben Sie sich schon entschieden?« Ardian sieht mich an, als Zeichen, dass ich beginnen darf. »Ja, ich hätte gern die Nummer 21, das Schweineschnitzel mit Bratkartoffeln.« Der Kellner vermerkt meine Bestellung auf einem kleinen Notizblock und sieht dann Ardian an. »Für mich bitte die 45 mit Seelachs und zwei Gläser Rotwein für uns.« Auch seine Bestellung vermerkt der Kellner auf seinem kleinen Notizblock, dann sammelt er die Speisekarten wieder ein. »Vielen Dank.« Der Kellner verschwindet und ich habe Angst, dass

die drückende Stille zwischen Ardian und mir zurückkommt, doch sein eindringlicher Blick mir gegenüber verrät, dass er dieses Gespräch fortsetzen möchte. »Du solltest wissen, dass schon die kleinsten Dinge im Leben das Leben lebenswert machen.« Wieder sehe ich ihn fragend an. Ich verstehe den Zusammenhang nicht, ich kann mich generell gerade nur schlecht konzentrieren. »Das sage ich dir, weil du meintest, dass dein Leben langweilig ist. Aber was du wissen musst ist, dass zum Beispiel Liebesfilme nur diese eine bestimmte Lebenszeit zeigen. Deren Leben ist vor der Zeit, die der Film dem Zuschauer zeigt, bestimmt auch nicht das Spannendste. Das versichere ich dir. Klar hängt das auch wieder vom Film ab, aber bei den Meisten kann ich dir versichern, dass sie dasselbe normale Leben führen wie du gerade.« Während er mir das erzählt ist seine Miene einfühlsam und ein sanftes Lächeln umspielt seine

Lippen. »Wären wir in einem Film, würden wir beide schon beim vierten Glas Wein vor dem Restaurant am Straßenrand sitzen und dieses Gespräch führen.«, sage ich und wir beide lachen. Und wie aufs Stichwort kommt der Kellner mit unseren Weingläsern an und stellt sie vor uns auf den Tisch. »Warum sagst du mir das eigentlich? Ich meine, du kennst mich kaum. Jedem Kerl wäre es egal gewesen, was ich über mein Leben so denke.« Ardian zuckt mit den Schultern. »Du interessierst mich seit unserem zweiten Zusammentreffen. Außerdem finde ich, dass du es verdient hast, dass man dir das sagt. Und um deinem Leben etwas pepp zu verleihen, musst du nur etwas aus dir heraus kommen und Dinge tun, die du ständig auf die Warteliste setzt. Verschwende dein Leben nicht, so wie ich es anfangs auch getan habe.« Ich danke ihm innerlich still für seine Worte. Er

muntert mich damit auf und regt mich auch etwas zum Nachdenken an. »Vielen Dank, dass ich es dir Wert bin, dass du mir das erzählst. Aber es ist schwer für mich, aus mir heraus zu kommen. Ich bräuchte jemanden an meiner Seite, jemanden dem ich vertrauen kann und ganz wichtig: Mich nicht nach wenigen Stunden schon nervt.« Obwohl ich etwas vor mich hin lache, meine ich es total ernst. All meine Freunde, die ich in den letzten paar Jahren hatte, haben mich genervt. Ich hielt es nur wenige Stunden mit ihnen aus, bevor ich wieder für mich allein sein wollte. Und irgendwann kam es dann auch dazu, dass ich den Kontakt abgebrochen habe. Ich bin für den zwischenmenschlichen Kontakt nun mal einfach nicht gemacht. Ich bin Einzelgängerin. Der Kellner bringt unser Essen an den Tisch, wünscht uns einen guten Appetit und verschwindet dann wieder. Ardian schaut auf seine Uhr. »Also wir verbringen schon 40

Minuten zusammen. Nerve ich dich schon?« Ich lache und schüttle den Kopf. »Nein, ganz im Gegenteil.« Er grinst, greift nach seinem Weinglas und hebt es an. Ich tue es ihm gleich. »Wenn ich dich den restlichen Abend nicht nerve, erkläre ich mich dazu bereit dir das Leben etwas näher zu bringen. Immer wenn wir Zeit haben, machen wir etwas, was auf deiner Warteliste steht, oder wir lassen uns spontan etwas einfallen. Wie uns eben gerade danach ist.« Wieder fange ich an zu strahlen. Das kann doch nicht sein Ernst sein, oder? »Dieses Angebot hat mir noch keiner gemacht.«, gestehe ich und sehe in seine grün-grau leuchtenden Augen. »Dann wird es aber langsam mal Zeit.«

Ich will endlich etwas Abenteuer in meinem Leben? Dann sollte ich diesem Angebot zustimmen.

Aber was wenn er lügt? Was, wenn er einer von

diesen Scheißkerlen ist? Andererseits finde ich mittlerweile wirklich Gefallen an ihm und er scheint ein netter Kerl zu sein. Es kann aber auch sein, dass er mich verarscht, das wurde ich schon einmal.

Komm schon, Samantha, du musst dich entscheiden. Ardians sanftes Lächeln lässt mich weich werden und ich entscheide mich. »Ich bin einverstanden.«, sage ich zögernd, grinse aber über das ganze Gesicht. »Perfekt. Dann auf einen schönen Abend.« »Auf uns.«, gebe ich noch hinzu und wir lassen unsere beiden Gläser klirren. »Das wollte ich schon immer mal sagen und es dabei auch ernst meinen.«, kichere ich und Ardian fängt an zu lachen. »Ich fühle mich geehrt.« Jeder von uns trinkt einen Schluck von seinem

Rotwein, dann fangen wir an zu essen. Plötzlich fängt eine Gruppe von Gästen, die ein paar Tische von uns entfernt sitzen, an zu jubeln und zu lachen. Ardian und ich sehen uns an, dann sehen wir interessiert zu dem Tisch des Geschehens. Was man heraushört, ist: »Herzlichen Glückwunsch!« und »Ich freue mich so für euch.« Es werden Luftschlangen abgefeuert und Tischfeuerwerk geknallt. Eine der Luftschlangen fliegt elegant durch die Luft und landet zur Hälfte auf Ardians Kopf und in seinem Essen. Erst sieht er mich gespielt erschrocken an, doch als ich anfange laut los zu lachen, stimmt er mit ein. Er jubelt laut los und ruft der Gruppe feiernden Gästen zu: »Herzlichen Glückwunsch!« Eine Frau und ein Mann bedanken sich gleichzeitig laustark bei ihm. Mittlerweile scheint das ganze Restaurant zu feiern. Alle lachen und unterhalten sich lebhaft miteinander. Auch Ardian und ich schweigen nicht. Wir reden angeregt

miteinander und das erste Mal verspüre ich kein bisschen Nervosität. Gerade bin ich einfach nur glücklicher denn je...



FORTSETZUNG FOLGT...

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Über den Autor

Kanioh
23.07.2017 - Kapitel 6 von "Reich mir deine Hand" wurde veröffentlicht !

Hey, mein Name ist Selina und ich liebe es mir Geschichten auszudenken. :)
Am meisten liebe ich Geschichten die über Liebe, Drama und Schicksal handeln, da kann ich am besten mit fiebern und mal ein bisschen abschalten.
Ich hoffe auch, dass Euch meine Stories gefallen und WENN sie Euch gefallen dass ICH aktiv bleibe ^^"

~ Sel

Auch bei Wattpad unter dem Namen "PurpleSelanor" vertreten.

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Lyriont Hallo Selina,
ich bin zwar kein Fan von klischeehaften Romanzen, aber dein Schreibstil hat mir sehr gefallen, weshalb ich deine Geschichte dann doch zu Ende gelesen habe. Würde mich freuen, wenn du an der Fortsetzung weiterschreibst und für weitere Geschichten motiviert bleibst (:
Vor langer Zeit - Antworten
Kanioh Vielen Dank, Lyriont, für dein Kommentar :)
Ja, die Klischees... Ich kann nichts dafür, die kommen einfach so xD
Ich bin an der Fortsetzung dran :)
LG, Selina
Vor langer Zeit - Antworten
Lyriont Hallo nochmals :)
Ich hätte vorgeschlagen, dass du jedes neue Kapitel als eigenes Buch veröffentlichst, weil man ansonsten keine Benachrichtigung von deinem Fortschritt bekommt. Außerdem schrecken die Leser hier vor hohen Seitenzahlen eher zurück.

LG
Vor langer Zeit - Antworten
Kanioh Ja, ich glaube das wäre wirklich etwas besser ^^"
Ich werde das demnächst mal umändern, danke für den Vorschlag.
LG, Selina
Vor langer Zeit - Antworten
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