Kurzgeschichte
Zwiespalt der Seele

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"Zwischen Blut und einer Partie Patience"
Veröffentlicht am 28. November 2016, 14 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Ich sehe etwas, höre manchmal nur ein Wort und schon tanzen Bilder dazu in meinem Kopf. Bilder, die eine kleine Idee entstehen lassen. Manchmal verblasst diese wieder, doch hin und wieder wächst die Idee weiter und weiter, bis sie sich letztendlich als Handlung einer Geschichte entpuppt. Einer Geschichte, die geschrieben werden muss. Doch mit dem richtigen Geschichtenschreiben dauerte es - so an die 25 Jahre. All die Jahre zuvor hatte ich ...
Zwischen Blut und einer Partie Patience

Zwiespalt der Seele

Rot spritzt es gegen die weiße Hauswand. Wie ein Kometenschweif zieht die Kugel den Lebenssaft hinter sich her, als sie aus dem Rücken des Mannes austritt. Vincent, so sein Künstlername, hat seinen Auftrag wieder einmal mit der Akribie eines Chirurgen und der Kaltblütigkeit einer Maschine ausgeführt. Das Geschoss hat das Herz genau getroffen. Mit der Ruhe und Gelassenheit eines Faultiers schraubt er den Schalldämpfer seiner Automatikpistole ab und verstaut beides in seiner Manteltasche. Jetzt muss Vincent nur noch die Leiche beseitigen. Er öffnet den Kofferraum seines Autos und holt den schwarzen Sack heraus, um

diesen mit dem noch warmen leblosen Körper zu füllen. ** Die Scheinwerfer fraßen sich durch die Dunkelheit des Waldes. Vincent hatte nicht mehr weit zu fahren, dann würde er an dem ausgedienten, halb zerfallenen Krematorium, welches zu einem nicht mehr benutzten Waldfriedhof gehörte, ankommen. Bei seiner Recherche zur Leichenbeseitigung war er auf die Verbrennungseinrichtung gestoßen. So einfach war es noch nie für ihn gewesen, die Überreste seiner Arbeit zu beseitigen. Das Feuer im Ofen schüren, die Leiche und das todbringende Werkzeug hineinwerfen und abhauen.

Das Feuer würde von alleine ausgehen. Niemals benutzte er eine Waffe zum zweiten Mal, ebenso verhielt es sich mit dem Auto, wenn er eines brauchte. Denn es gab auch Aufträge, bei denen er keins benötigte. So zum Beispiel in einer Wohnung, wenn die Leiche an Ort und Stelle verbleiben sollte. Doch der aktuelle Job verlangte, dass der Getötete zu verschwinden hatte. Warum, das interessierte Vincent nicht. Ihn interessierten lediglich die fünfundzwanzigtausend Euro mehr, die er für diese Zusatzleistung bekam. Vincent arbeitete überall auf der Welt. Die einzige Bedingung war, dass der Einsatzort mindestens hundertfünfzig

Kilometer von seinem Wohnort entfernt war. Der Killer erstellte für jeden Auftrag einen Drei-Punkte-Ablaufplan, der da hieß: Vor der Ausführung, während der Ausführung, nach der Ausführung. Zu jedem dieser Punkte stellte er sich die W-Fragen wo, wann und wie. Erst wenn er diese Fragen zu seiner Zufriedenheit beantwortet hatte, schritt er zur Tat. Vincent ließ sich zeitplanmäßig niemals von einem Auftraggeber unter Druck setzen. Falls Vincent, wie bei seinem letzten Job, einen Wagen benötigte, besorgte er sich unter falschem Namen ein schrottreifes Auto bei einem x-beliebigen

Straßenhändler. Nach Beendigung des Auftrags verkaufte er das Fahrzeug an einen ebensolchen Schrotthändler, der nicht viele Fragen stellte. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln fuhr Vincent dann davon, er nahm nie ein Taxi. Sobald sich eine Gelegenheit bot, so wie jetzt in der Toilettenkabine der Bahn, entfernte er seinen falschen Bart und nahm die Perücke ab, sodass seine kurzen blonden Haare wieder atmen konnten und sein junges Gesicht zum Vorschein kam. Diesmal war er um 125.000 Euro reicher. *** Der alte Mann zog sich mühsam den Bademantel über den Schlafanzug. Seit

geraumer Zeit hatte er nichts anderes mehr getragen. Er wusste, dass er bald sterben würde. Der Krebs würde nicht mehr lange brauchen, bis er ihn ganz zerfressen hatte. Der Mann schlurfte mit hängendem Kopf und Schultern den Gang entlang, bis er am Aufenthaltsraum angekommen war. Eine junge Schwester trat gerade aus der Tür und hielt sie für ihn auf: »Guten Morgen Herr Jensen, Sie werden bereits erwartet.« »Ach, ist er schon da?« »Ja, er sitzt hinten an Ihrem gewohnten Tisch.« Jensen hob seinen Kopf und als er den großen, blonden Mann hinten am Tisch

sitzen sah, huschte ihm ein Lächeln über das Gesicht. Er richtete sich auf und schritt auf seinen Gast zu. Der Wartende erhob sich und begrüßte den Ankömmling: »Hallo Herr Jensen, wie geht es Ihnen heute?« »Heute … so wie gestern und so wie morgen«, lächelte der Gefragte. Der junge Mann reichte Jensen die Hand, dann setzten sie sich und Jensen griff sofort nach dem Stapel Karten, der schon auf dem Tisch bereitlag. Er mischte sie ordentlich durch und anschließend legten die beiden Männer ihre Patiencepartie. *** Jensens Partner war ein gern gesehener

Gast im Sanatorium. Er kam zwei- bis dreimal die Woche und verbrachte ein paar Stunden mit den Patienten, die keinen Besuch erhielten. Der blonde Mann richtete sich dabei immer nach den Wünschen der todkranken Patienten. Er las denen, die sich nicht mehr rühren konnten, vor, mit den anderen ging er spazieren oder spielte mit ihnen Karten, Mühle, Schach oder worauf sie sonst Lust hatten. In vielen Fällen ging es eigentlich nur darum, den Patienten, die einfach nur reden wollten, zuzuhören. »Wie schnell doch eine Stunde vergeht«, sagte Jensen, »ich glaube es gibt bald Mittagessen.« Vincent lachte, denn neben dem

Kartenspiel war Essen das Einzige, woran der Krebskranke noch seine Freude hatte. Beides verpasste er nie. »Sie haben recht«, bestätigte der Blonde nach einem Blick auf seine Rolex. »Wir werden für heute Schluss machen.« *** Der große Mann mit der schwarzen Ledermaske geht zum Stativ, schaltet die Videokamera aus und zieht sich die Maske herunter. Die blonden Haare kleben verschwitzt an seinem Kopf. Seine Arbeit ist getan. Nicht einmal die Schreie und die um Gnade winselnden Worte, die sein Opfer ausstieß, haben ihn davon abbringen können, seinen Auftrag zu Ende zu führen. Und auf die

Frage: »Wieso tun Sie mir das an?« hatte der Todgeweihte nur die Antwort bekommen: »Weil ich dafür bezahlt werde.« Nachdem Vincent die Folter beendet hatte, hatte er den erlösenden Kopfschuss abgefeuert. So lautete sein Auftrag. Der Mann sollte leiden bevor er starb, und diese Leiden sollten für den Auftraggeber auf Video festgehalten werden. Warum, das war Vincent egal. Er stellte nie die Frage nach dem Warum. Ihn interessierte lediglich: Welches Risiko besteht für mich? Es gab nicht viel, was er nicht tun würde, solange die Bezahlung

stimmte. *** Gertruds Gesicht strahlt vor Freude und ihre Augen leuchten, als sie ihrem Gesprächspartner die Ergebnisse ihrer letzten Untersuchung mitteilt: »Ich werde nicht sterben«, sagt sie. »Zumindest nicht so bald«, fügt sie lächelnd hinzu. Gertrud ist fünfundfünfzig und hat ihre Krankheit fürs Erste besiegt. In ein paar Tagen wird sie das Sanatorium verlassen können. Doch zuvor möchte sie noch einmal mit dem blonden Mann die Vögel am See beobachten. Dieses hatten sie im letzten Jahr, ihrem schwersten Jahr überhaupt, sehr häufig getan. Bei Wind

und Wetter waren sie losgezogen, sofern ihr Gesundheitszustand es erlaubt hatte. Sie genießt die warmen Herbstsonnenstrahlen, die sich zur Erde kämpfen, auf ihrem Gesicht. Sie hakt sich bei ihrem Begleiter ein und sie marschieren los. Er hört Gertrud aufmerksam zu, wie sie Zukunftspläne schmiedet und denkt nicht eine Sekunde daran, dass er morgen einen Menschen töten wird, einen Menschen den er nicht einmal kennt. Der Name, der auf seinem Auftragszettel steht, ist der einer Frau. Er ist kälter als der Tod und doch kämpfen sich vereinzelt warme Herbstsonnenstrahlen aus seinem Zwiespalt der

Seele. © Noxlupus Verlag, April 2015 www.noxlupus.de

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Noxlupus
Ich sehe etwas, höre manchmal nur ein Wort und schon tanzen Bilder dazu in meinem Kopf. Bilder, die eine kleine Idee entstehen lassen. Manchmal verblasst diese wieder, doch hin und wieder wächst die Idee weiter und weiter, bis sie sich letztendlich als Handlung einer Geschichte entpuppt. Einer Geschichte, die geschrieben werden muss.

Doch mit dem richtigen Geschichtenschreiben dauerte es - so an die 25 Jahre. All die Jahre zuvor hatte ich nur Ideen gesammelt und Entwürfe verfasst. Am wirklichen Schreiben hatte ich mich selbst gehindert, da ich extreme Kämpfe mit der Rechtschreibung und dem Lesen auszutragen hatte. Und ehrlich gesagt, die Friedenspfeife ist immer noch nicht so wirklich geraucht.

Durch meine ausgeprägte Legasthenie habe ich erst mit Mitte 20 so richtig angefangen Romane zu lesen. Denn das Lesen brachte mir ja aus gegebenem Anlass nun auch nicht wirklich Spaß, was heute inzwischen ganz anders ist. Den Drang, meine eigenen Geschichten zu Papier zu bringen, verspürte ich allerdings schon sehr viel früher. Erste Versuche wurden im stillen Kämmerchen auf einer elektrischen Schreibmaschine gehämmert, später dann in den PC geschrieben.

Bis ich mir vor einigen Jahren sagte: "Was soll´s! Raus aus deiner Kammer. Rechtschreibung hin oder her." So begab ich mich auf die Suche nach Profis und knüpfte Kontakte zu freiberuflichen Lektoren und vor allem Korrektoren.

Und tatsächlich, nach all den Jahren hielt ich 2011 meinen ersten fertigen Roman in den Händen. "Und jetzt?" Da ich keine Lust auf Verlagsabsagen hatte, entschied ich mich dazu, mein erstes Buch im eigenen Verlag herauszubringen. So legte ich mit diesem Buch den Grundstein für die Nick-Francis-Reihe.

Doch bei dieser Buchreihe soll es nicht bleiben, denn noch viele keimende Ideen warten darauf, großgezogen zu werden ...

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Frettschen Ich glaube, dieses ist der erste Text, den ich von dir gelesen habe. Aber sei gewiss, es ist nicht der letzte!
Dein Stil gefällt mir ausgesprochen gut. Und die Zwiespältigkeit deines Protagonisten erscheint mir fast alltäglich. Natürlich nicht in diesem Ausmaß!
Aber es geht uns doch allen so. Im Leben spielen wir Rollen. So einige Rollen, die völlig unterschiedlich sind.
So, wie in deiner Geschichte ...
Vor langer Zeit - Antworten
Buhuuuh Gewohnt schon sehr gut geschrieben, inhaltlich warst du schon besser und ansprechender mit deinen Texten für mich. ;-)

Simon
Vor langer Zeit - Antworten
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