Romane & Erzählungen
Der Mann, der nichts tat - Komplette Erzählung

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"Es gibt Dinge, die kann niemand vergessen ..."
Veröffentlicht am 29. Juli 2016, 252 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

Zweifler, Pessimist, Misanthrop ... ... ungefähr so: "Nein, nein, ich habe nicht bewundernswert gesagt, ich sagte, ich bin außergewöhnlich. Das was ich tue, das was dir so viel bedeutet ... du meinst, ich tue es, weil ich ein guter Mensch bin? Ich tue es, weil es zu schmerzhaft wäre, es nicht zu tun. (...) Weißt du, es tut weh (...), alles das! Alles was ich sehe, alles was ich höre, rieche, berühre, die Schlussfolgerungen, die ich ...
Es gibt Dinge, die kann niemand vergessen ...

Der Mann, der nichts tat - Komplette Erzählung

01. Prolog

Genre: Mystery/Krimi/Psycho

Zeitraum: Gegenwart




"Oh Christ, how I hate what I have become" Nightwish - The poet and the pendulum




Die anderen saßen auf umgehauenen Baumstämmen am Rande des Waldes. Dort begann der sanft ansteigende Hügel, der in einiger Entfernung zu einem der Berge wurde, die das Tal einschlossen. Sie hatten sich zum Grillen getroffen. Das taten sie oft, denn sie waren eine eingeschworene Gruppe. Sie grillten hier oder am nahen See. Dort gingen sie dann auch schwimmen. Das die anderen sie

mitnahmen, zeigte ihre Großzügigkeit, denn in ihrem Heimatort war jeder davon überzeugt, dass sie verrückt war. Überhaupt konnte sie froh sein, dass Jürgen bei ihr geblieben war und "sie nicht in die Klappsmühle abgeschoben hat, da gehört das Weib nämlich hin, wenn sie mich fragen." (Originalton Leni Silberstein) Das er sich ab und zu eine "richtige Frau" suchte, mochte ihm niemand verdenken, wo er doch "die ganze Zeit mit der Verrückten zusammen sein musste." Als erfolgreicher Geschäftsmann war er immerhin eine Stütze der Gesellschaft.

All das wusste Melanie. Sie vermochte aber nichts dagegen zu tun, weil sie seit jener Nacht vor gut zwanzig Jahren von Angst beherrscht wurde. Die Erinnerungen quälten sie. Sie war nicht verrückt und eine psychologische Behandlung hätte ihr ein glückliches Leben bescheren können. Doch daran hatten die anderen kein Interesse, allen voran Jürgen, der wusste, dass sie dann die Kraft gefunden hätte,

ihn zu verlassen. Was für eine Blamage wäre das gewesen.

Wie meist hatte Melanie die anderen am Grillplatz sitzen lassen und war in den Wald gegangen. Denen war das nur recht. Sollten sich doch die Bäume um die Idiotin kümmern.


Nur kurze Zeit bleib Melanie auf dem ausgetretenen Weg. Sobald sie ein Lücke in dem kleinen grünen Farnwald zu ihrer Linken erspähte, trat sie zwischen die hüfthohen Pflanzen. Nach rechts hatte sie gar nicht erst geschaut, doch das war ihr nicht aufgefallen. Ein Eichelhäher vermeldete rätschelnd ihre Ankunft, doch zumindest ein Specht ließ sich darum nicht von seiner hämmernden Arbeit abhalten. Welche Tiere des Waldes die Warnung ernst nahmen, ließ sich nicht sagen, denn sie blieben nun ja still.

Melanie machte das nichts aus. Sie genoss den warmen Sommertag im Wald, das leuchtende

Blätterdach, die Sonnenstrahlen, die man sehen konnte, wenn sie es durchbrachen, die Geräusche, die, außer jenen, die sie selbst verursachte, von keinem Menschen stammten und den weichen Boden unter ihren Füßen. Nicht immer, aber sehr oft fühlte sie sich im Wald sehr wohl. Sie hob den Kopf, um den nimmermüden Specht ausmachen zu können, doch nur sein "tok, tok, tok" drang an ihre Ohren. Einen Blick auf den Vogel zu werfen, blieb ihr verwehrt. Ein wenig unglücklich suchte Melanie nach anderen geflügelten Freunden im Geäst der Bäume. So kam es, dass sie nicht auf ihre Füße achtete und diese brachten sie ins Straucheln und zu Fall. Sie konnte sich mit beiden Händen abstützen, aber ihre Hose war dreckig geworden. Das würde Jürgen gar nicht gefallen.

Als sie den Kopf drehte, erkannte Melanie, warum sie gestolpert war. Der Waldboden hatte an dieser Stelle nachgegeben, die Erde war

eingefallen. So hatte sich eine Senke gebildet, die, klein und viereckig, so gar nicht hierhin passen wollte. Mehrere Minuten saß Melanie da und starrte. Etwas wollte die Angstbarriere in ihrem Kopf durchdringen.

Als es dem gelang, erfasste sie ein unbeschreibliche Panik!

Sie sprang auf und rannte so schnell sie konnte den Hügel hinunter. Die nochmalige, sehr viel lautere Warnung des Eichelhäher verfolgte sie wie Spott. Noch zwei Mal stürzte Melanie, überschlug sich dabei einmal sogar, bis sie den Grillplatz erreicht hatte. Ächzend und stöhnend sprang sie zwischen die anderen.

"Da! Jaja, dada. Im Wald, im Wald. Gesehen. Ich habs gesehen. Der Boden. Der Boden, so" - mit den Händen machte sie eine Geste, die das Nachsacken des Erdreichs verdeutlichen sollte - „hat er. Da!"

Fünf Augenpaare blickten sie verständnislos an. Jürgen kam auf sie zu, packte sie bei den

Schulter, rüttelte und schüttelte sie und als Melanies Geschrei nicht endete, verpasste er ihr zwei kräftige Backpfeifen. Nun war sie still und hielt sich die schmerzende Wange.

"Blödes Weibsstück!", schimpfte er und drückte seine Frau auf einen Baumstamm, der ein wenig abseits von den anderen lag, wo er sie gut im Auge behalten konnte. Dann wandte er sich wieder dem köstlichen Fleisch zu, dass auf dem Grill lag

02. Eine Art Rückkehr

"Take me home" Nightwish - The poet and the pendulum Als Hajo Gote in seinen Heimatort zurückkehrte, der irgendwo in der Eifel, im Schwarzwald oder im Harz lag, erkannte ihn niemand. Zum einen lag das daran, dass er vor gut zwanzig Jahren fortgegangen war und sich seitdem dort nicht wieder hatte blicken lassen. Er hasst den Ort und die Menschen, die in ihm wohnten. Keiner kannte ihn dort unter dem Namen Hajo. Alle hatten ihn immer nur Jochen gerufen, obwohl er doch Hans-Joachim hieß. Außerdem hatte er in der Ehe, die vor drei Jahren gescheitert war, den Nachnamen seiner Frau angenommen. Vor allem war er aber nicht mehr der knapp 50 Kilogramm leichte Hänfling - er wog mittlerweile fast das doppelte -, als

den ihn alle gekannt hatten und sein Haar war weder blau, noch hatte er einen Irokesenschnitt. Stattdessen fielen sie ihm leicht gewellt fast bis auf die Schultern.

Obwohl er es sich fest vorgenommen hatte, zog ihn nichts an die Stätte seiner Jugend. Die Abscheu war allgegenwärtig. So verließ er die Autobahn schon bei Werrentheim, um sein Ziel nicht zu früh zu erreichen. Langsam fuhr er mit seinem Caterham Seven Roadsport 125 durch die Stadt. Der offene Sportroadster erregte immer Aufsehen, schließlich waren die Leute das vom Windkanal diktierte Einerlei auf den Straßen längst gewöhnt. Vor allem Kinder blieben gerne stehen, zeigten auf den Wagen und lachten vor Vergnügen. Zwar bot der Seven nicht sehr viel Platz und hatte nicht wirklich etwas, das man als Kofferraum hätte bezeichnen können, aber da Gote allein unterwegs war, hatte er Reisetasche und Plastiktüte problemlos auf den Beifahrersitz

stellen können.

Mit blubberndem Motor bog er in den größten Kreisverkehr von Werrentheim ein. In dessen Mitte stand ein kahler Obelisk, der irgendetwas symbolisieren sollte Bis ins 17. Jahrhundert hatte hier ein Standbild des Heiligen Mauritius seinen Platz gehabt. Im Dreißigjährigen Krieg war es, als schwedische Truppen die Stadt besetzt hatten, mit protestantischem Eifer geschleift worden. Das jetzige Kunstwerk war mit französischem Geld nach dem Krieg von 1870/71 errichtet worden. Das 'Warum' war in Vergessenheit geraten. Der Obelisk ähnelte einem gigantischen Stück Kreide.

Die Autos stauten sich in dem Kreisverkehr und Gote kam vor der Goldenen Hischkuh zu stehen, dem ältesten und teuersten Esslokal in ganz Werrentheim. Und dann sah er über den Dächern der Häuser das Schloss, dass auf einem eng bebauten Hügel über der Stadt thronte. Bis 1918 hatten dort die Grafen von Werrentheim

residiert. Die letzte gräfliche Familie hatte es in den Wirren der Zeit vorgezogen nicht zu warten, bis die Revolution zu ihnen kam - was klug gewesen war - um sich am Ende ihrer Flucht bei Bordeaux in Frankreich niederzulassen - was für überzeugt Monarchisten und Feinde von Demokratie und Nationalsozialismus nicht klug gewesen war. Heute saß die Polizei in dem Schloss.

Es dauerte eine Weile, bis Gote die Stadt hinter sich lassen konnte. Er beschleunigte den Seven auf der Landstraße, überholte zwei Lkws, einen Audi und eine Porsche. Endlich hatte er freie Fahrt.

Die Bergkette erhob sich gut 60 Kilometer von Werrentheim entfernt in den Himmel. Es waren keine richtigen Berge, doch da das Land um sie herum flach war, dachten die Menschen, die hier wohnten, es wären welche. Diese Berge waren steinig, grob und abweisend. Es gab viele finstere Schluchten, düstere Wälder und nur

wenige helle Flecken. Irgendwelche Schätze hatte es hier nie gegeben, keine Kohle, kein Gold, kein Silber, keine Erze. Es waren einfach nur große Felsbrocken, die aussahen, als habe ein Riese sie hier vergessen. Die Landstraße führte natürlich nicht in Gotes Heimatort. Irgendwann bog eine kleine schmale Fahrbahn von ihr nach rechts ab, die in engen Kehren über die Felsbrocken führte. Das Tempo verringerte Gote nicht, denn er kannte jede Kurve und in den letzten zwanzig Jahren hatte sich hier nichts geändert. Warum auch?

Je näher er seinem Ziel kam, desto übler wurde ihm. Das hatte Gote unterschätzt. Aber er wusste, dass kurz vor der letzten Felskuppe ein kleiner Waldparkplatz auf der linken Seite lag. Den steuerte er an. Die Männer, die dort an seinem Ende arbeiteten, fielen ihm zunächst nicht auf, denn er hielt ganz am Anfang. Gote stellte den Motor ab. Die plötzliche Stille war

ungewohnt. Er stieg nicht aus. Neben dem Seven, keine drei Meter entfernt, führte ein Weg zwischen den Bäumen hügelaufwärts. Gote wusste, dass er bei einer Höhle endete, die im Volksmund Jülichs Fall hieß. Warum konnte heute niemand mehr erklären. Früher waren sie oft dort gewesen.

"Coole Kiste", sagte einer der Männer, der, vom anderen Ende des Parkplatzes kommend, an der Wagen getreten war. "Ein Roadsport?", fragte er.

"125", lächelte Gote.

"Man, ich hätte auch gern einen Seven, wirklich!"

Was folgte, war das typische Gespräch zwischen zwei Männern über Autos. Gote machte es nicht aus. Im Gegenteil war er froh, für einen Augenblick abgelenkt und in Gedanken nicht in seinem Heimatort zu sein. Denn er wusste ganz genau, dass ein Teil von ihm das Nest nie verlassen hatte. Das hatte

einen Grund, aber den hatte er sich erst vor einem halben Jahr eingestanden.

Es dauerte eine Weile, bis er gewahr wurde, dass der Mann, mit dem er sich unterhielt, einen dunkelblauen Overall mit einem Aufnäher des örtlichen Energieversorgers trug.

"Was machen Sie eigentlich hier?", wollte Gote wissen.

"Wir reparieren eine Transformatorstation", antwortete der andere und zeigte mit dem Daumen grinsend über seine Schulter.

"Aha", antwortete Gote verwirrt. Er blickte zum anderen Ende des Parkplatzes, konnte aber keine Transformatorstation ausmachen, sah stattdessen aber drei Männer, die auf einer Bank im Schatten der Bäume saßen und fröhlich schwatzten.

"Harte Arbeit?" Gote lächelte.

"Als die Station gebaut wurde, hatte jemand den klugen Einfall, billige Teile aus Indien zu verbauen. Globalisierung, klar? Jetzt ist das

Ding kaputt und es gibt keine Ersatzteile. Wir warten auf die."

"Sind nicht irgendwo Menschen stinkig, weil sie keinen Strom haben?"

Der Mann schüttelte den Kopf. "Nicht wirklich. Da, hinter dem Hügel liegt ein Nest an einem See und da gibt es ab und an Probleme. Aber hauptsächlich sind drei Mobilfunkmasten, die da, da und da" - der Mann zeigte in drei Richtungen - "stehen, ausgefallen. Keine Handys, klar?"

Gote verstand. Er verabschiedete sich von dem Mann, startete den Motor und verließ den Waldparkplatz. Das konnte für das, was er plante, von Vorteil sein

03. Daheim eingemietet

"A widowed writer torn apart by chains of hell" Nightwish - The poet and the pendulum Nicht über die Hauptstraße, sondern eine kleine Nebenstraße fuhr Gote in seinen Heimatort ein. Sie führte knapp unter der Kuppe des Hügels entlang, auf dessen Spitze die alte Kirche stand. Über die Straße hinweg kam hangabwärts der Friedhof, umfasst von einem Mäuerchen, das so niedrig war, dass man die größeren Grabsteine erkennen konnte. Auf dem Ältesten von ihnen stand der Name Diederich Stallwang geschrieben, der 1693 - Tag und Monat hatten Wind und Regen getilgt - gestorben war. Heute gab es hier keine Stallwangs mehr.

Hinter dem Friedhof lag der Dorfplatz, auf dem das Kriegerdenkmal stand, mit markigen

Worten auf der Vorder- und den Namen der Gefallenen auf der Rückseite. Dann kam die Hauptstraße, danach die Geschäftszeile. Es gab einen Supermarkt, eine Apotheke, ein Schuh- und Sportartikelgeschäft, einen Friseur und - wohl seit Neustem, woher sollte Gote das wissen, schließlich war er 20 Jahre lang nicht mehr hier gewesen - eine Pizzeria und ein Internetcafe, das, wie es schien, von Elektro Kuth betrieben wurde. Den Mittelpunkt bildete aber immer noch Brauns Bücher.

Gote verlangsamte das Tempo, getraute sich aber nicht anzuhalten. Die Wirkung, die dieser Ort auf ihn hatte, war doch größer, als er gedacht hatte. Es war wie früher. Und dann kam ihm auf dem Bürgersteig an der Friedhofsmauer entlanggehend ein Mann entgegen. Er war älter geworden, natürlich, sein Haar war ergraut, doch er trug noch immer denselben braunen Regenmantel, die Hose mit den vielen Flicken und die grünen Gummistiefel. Auf dem Kopf

hatte er einen ausgefransten Anglerhut und er brabbelte die ganze Zeit leise unverständliche Worte vor sich hin. In der linken Hand hielt er ein zerfleddertes Buch. Gote wusste, dass es die Bibel war. Hans Hasenscharte wie er leibt und lebt.

All das war zu viel für Gote. Er tippte das Gaspedal nur an und der leichtgewichtige Seven machte einen Sprung vorwärts. Einmal rechts, den flachen Hügel hinab, vorbei an den Arbeiterhäusern, nach links auf die Hauptstraße einbiegen und schon hatte Gote den Ort hinter sich gelassen. Der Fahrtwind wehte ihm um die Ohren und er atmete erleichtert auf. Nach wenigen Minuten kam die Abzweigung. Ein festgefahrener Feldweg führte einen Hügel hinauf bis zum Waldrand. Dort stand das Haus, das er für zwei Wochen gemietet hatte, obwohl er glaubte und hoffte, dass seine Geschäfte ihn nicht so lange hier festhalten würden. Die Besitzer wohnten in Frankfurt am Main, kamen

nur selten hierher und hatten kaum Anschluss an die Dorfgemeinde. Eine Makler besorgte die Vermietung. 'Ein weiterer Vorteil', dachte Gote, als er den Wagen vor dem Haus abstellte. Er griff nach der Reisetasche und der Tüte mit der Tiefkühlkost, die auf dem Beifahrersitz gelegen hatten und ging über den Kiesweg zur Haustür, öffnete diese mit dem Schlüssel, den ihm im Maklerbüro eine schlanke Blondine in einem Hosenanzug ausgehändigt hatte. Ein Geruch von Staub, wenig benutzten Möbeln und abgestandener Luft, die zu lange in den Räumen gehangen hatte, schlug ihm entgegen.

Langsam schritt er durch den Flur und betrat das Wohnzimmer, stellte Tüte und Reisetasche ab. Die folgende Stille war greifbar. Vorsichtig bewegte Gote sich durch die Dunkelheit auf die gläserne Tür zu, hinter der die Terrasse und der Wald lag. Er zog den Rollladen nach oben und sogleich malten die Sonnenstrahlen die Staubteilchen an, die im Raum schwebten.

Aufmerksam schaute er nach draußen. Niemand war in Sicht. Dann schaute Gote sich um und entdeckte an einer der Wände das abscheuliche Bild mit dem röhrenden Hirsch vor schneebedeckten Bergen. Dahinter lag der Safe. Sicherlich war der für Diebe kein ernst zu nehmendes Hindernis, doch es war besser als nichts. Er zögerte einen Augenblick, dann nahm Gote das kleine Holzkästchen aus seiner Reisetasche. Wie immer verspürte er jenes große Verlangen hineinzuschauen. Ein ganze Zeit lang stand er so da und kämpfte mit sich selbst. Doch es endete wie immer. Erstaunlicherweise hatte das Ding letztlich keine Macht über ihn. Dennoch seufzte er zufrieden, nachdem er das Holzkästchen in dem Safe deponiert hatte.

04. Brauns Bücher

"Taking him to the white lands of Emphatica, of innocence" Nightwish - The poet and the pendulum Als Gote das Haus bezog, war es Donnerstag gewesen. Doch die Wirklichkeit ähnelte seiner Phantasie nicht. Er schritt nicht mutig zur Tat. Das ganze Wochenende lang verkroch er sich, ging nicht in den Ort. Er aß Tiefkühlpizza und trank Mineralwasser, von dem unzählige Kästen im Keller standen. Der Makler hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass er sich dort bedienen durfte. Ansonsten tat Gote nicht viel. Zu anderen Zeiten, wenn die Unruhe ihn ergriff, setzte er sich in seinen Wagen und fuhr ziellos umher. Das wollte er nicht machen, denn er befürchtete, erkannt zu werden. Zumindest

redete Gote sich das ein. In Wahrheit war seine größte Angst, dass er die anderen erkannte, aber das gestand er sich nicht ein. Entscheidend war allerdings, dass er seit gut einem halben Jahr genau wusste, woher diese Unruhe, die ihn schon sein ganzes Leben lang verfolgte, seit er seinen Heimatort mit achtzehn verlassen hatte, kam. Um sie zu tilgen, dazu war er zurückgekehrt. Dazu und...

Er sah die Bücherregale durch, fand jedoch nur belanglose Liebesromane. Es gab nur einen Ausnahme und das war Krieg und Frieden von Leo Tolstoi. Er hatte es genommen und angefangen zu lesen, den Klassiker aber nach wenigen Seiten wieder zurückgelegt. Dies war nicht die Zeit dafür. Also hatte er den Fernseher eingeschaltet und alles gesehen, was es zu sehen gab. Was das gewesen war, daran konnte er sich später nicht mehr erinnern und das lag ausnahmsweise einmal nicht am Programm. Seine Augen nahmen die bunten

Bilder zwar wahr, ihr Zusammenhang schaffte es aber nicht bis in sein Bewusstsein.

Am Sonntag Abend aß er die letzte Tiefkühlpizza - Paprika-Thunfisch. Verdammt, er hasste Paprika! - und war dann kurz nach neun Uhr ins Bett gegangen. Dennoch erwachte er am nächsten Morgen erst gegen Zehn. Nach einer schnellen Dusche ging er hinunter in die Küche und sah sich gründlich um. Doch so sehr er sich auch bemühte, er fand nichts Essbares mehr. Also musste er wohl oder übel in den Ort. Zuvor nahm er einen Stuhl mit auf die Terrasse, setzte sich verkehrt herum auf ihn, stützte den Ellbogen seines linken Arms auf der Lehne ab und legte sein Kinn in die offene Handfläche. Eine halbe Stunde lang saß er so da und dachte nach. Er kam zu dem Schluss, dass dieser Tag so gut wie jeder andere war. Wenn er sowieso in den Ort musste, konnte er auch heute beginnen. Beginnen war der falsche Ausdruck. Begonnen hatte alles vor zwanzig

Jahren. Das war Gote auch unbewusst immer klar gewesen, doch erst vor einem halben Jahr hatte sich die Einsicht durchgesetzt, dass es mit seinem Weggang von hier nicht geendet hatte. Von sich aus würde es niemals ein Ende finden. Er musste handeln, eintauchen, ohne ein Teil des Ganzen zu werden. Und wo konnte man das besser als bei Brauns Bücher?

Der Buchladen war im Juni 1945 von Adolf Braun, dem Vater der jetzigen Besitzerin, Hedwig Braun, gegründet worden. Damals war er außergewöhnlich und progressiv gewesen. Adolf Braun hatte sogar Werke von Karl Marx in den Regalen gehabt. Heute war er, unter dem Diktat der Wirtschaftlichkeit, ein Sammelsurium für die verschriftlichten Belanglosigkeiten dieser Welt, wie jedes andere Buchgeschäft auch. Nur ein Teil der Einrichtung vermittelte noch den früheren Eindruck: die alten schweren Bücherregale aus Holz, dunkel gealtert durch die Jahre, der Messingtisch mit

den Neuerscheinungen, der seit 1945 immer an dem selben Platz stand, die drei Kronleuchter unter der Decke im vorderen Bereich des Ladenlokals, die bei Einbruch der Nacht ein warmes Licht verbreiteten. Sonst hatte sich viel verändert. Am schmerzvollsten war es für Gote, als er entdeckte, dass die Diskutierecke mit den unbequemen Rattansesseln einer Abteilung, die mit Esoterik & Lebenshilfe überschrieben war, hatte weichen müssen.

Er schritt langsam zwischen den Regalen hindurch und tat so, als würde er sich für die Buchrücken interessieren. Stattdessen ließ er sich von dem Duft der neuen Büchern umfangen und beobachtete neugierig seine Umgebung. Es dauerte eine Weile, bis er in einer rothaarigen Frau in seinem Alter mit einer tief ausgeschnittenen Bluse Karin Münzer erkannte, verheiratet seit zwanzig Jahren. Früher war sie dunkelhaarig gewesen. Einmal blickte sie länger in seine Richtung, es lag jedoch kein Erkennen in

ihren Augen.

'Gut so', dachte Gote.

Und dann kam Leni Silberstein samt Entourage schwatzend in den Laden. Sie musste inzwischen fast achtzig sein, doch sie hatte sich nicht verändert. Schon früher hatte sie uralt ausgesehen.

Gote holte tief Luft und ging auf die Theke zu, die sich an der linken Wand durch die Hälfte des Raumes erstreckte. Hedwig Braun bediente ganz rechts einen Kunden, hinter dem die Silberstein und ihr Fanclub ungeduldig warteten. Am anderen Ende der Theke stand eine junge Frau mit dunklen Haaren und ebensolcher Miene und betrachtete in einer Mischung aus Trotz und Schmerz ihre Fingernägel. Sie war eine jüngere und hübschere Version von Gotes Exehefrau Anke. Und sie hatte ein Namensschild an ihrem schwarzen Rollkragenpullover. Langsam ging Gote auf sie zu.

"Entschuldigung, arbeiten Sie hier?"

Die junge Frau schaute auf, begriff, dass sie den Mann, der vor ihr stand, nicht kannte und lächelte. "Ja, das tue ich."

"Ich bräuchte Hilfe, aber ich möchte mich nicht vordrängen", sagte Gote und blickte zum anderen Ende Theke.

"Oh, Sie drängen sich nicht vor. Die würden sich nie von mir bedienen lassen", antwortete die junge Frau ohne den Kopf zur Seite zu drehen. Leni Siberstein war also noch immer eine Institution im Ort. Er schaute auf das Namensschild. A. Bäcker. Bäcker?

"Nun, dann bin ich wohl an der Reihe", erwiderte Gote und lächelt sie freundlich an. "Frau A Punkt Bäcker."

Beide grinsten.

"Anna."

"Ein schöner Name. Ich heiße Hajo Gote."

"Ihre Vorfahren?"

"Hm, das weiß man nie, aber ich würde bei mir

eher auf das imperium romanum tippen. Spätrömische Dekadenz, sie verstehen?" Gote strich sich über den Bauch. Anna Bäcker lachte. Das kam scheinbar nicht oft vor, denn Hedwig Braun und Leni Silberstein schauten erstaunt von ihrem Ende der Theke zu ihnen herüber.

"Womit kann ich ihnen helfen?"

"Ich suche einige Bücher aus dem Fachbereich Geschichte. Vielleicht können Sie die für mich besorgen."

"Fachbereich Geschichte? Das würde kaum jemand sagen, es sei denn, er hat studiert."

"Ja."

"Sind Sie Historiker?"

Das war eine gute Frage. Gote musste einen Augenblick lang überlegen. "Ja", antwortete er dann, "ja, ich glaube, das bin ich."

"Etwas, das man kennt?" Die junge Frau spielte ihm die Neugier nicht vor.

Gote kratzte sich am Kopf. "Nun, ich weiß nicht. Nicht unbedingt. Was ich tue ist schon...

schon sehr speziell. Einige Aufsätze. Eine Monographie."

"Und?"

"Taktik und Blut."

Anna Bäcker strahlte. "Warum die Rote Armee den Zweiten Weltkrieg ein Jahr später gewann und sinnlos Millionen Menschen opferte."

"Sie kennen es?" Gote war verblüfft.

"Ihr Name kam mit gleich bekannt vor. Ja, ich interessiere mich sehr für Geschichte, auch für Militärgeschichte. Ein Exemplar stand bei uns im Regal. Wenn nichts zu tun war, habe ich es durchgeblättert, mehr als einmal und schließlich selbst gekauft. Ich mag ihren Stil. Und sie argumentieren logisch und nachvollziehbar. Tolles Buch!"

Vor Freude schüttelte Gote den Kopf. Dann schob er einen Zettel über den Tisch und Anna Bäcker glich die Titel mit der Datenbank in ihrem Computer ab. Beide Bücher waren nicht vorrätig, beide mussten bestellt werden.

"Übermorgen sind sie wohl hier."

"Gut, ich werde auch da sein."

"Würden Sie mir ihr Buch signieren?"

Gote lachte. "Das wäre das erste Mal."

"Wunderbar! Bis übermorgen."

"Bis übermorgen." Im Supermarkt holte Gote den zweiten Zettel hervor, den er am Morgen geschrieben hatte und besorgte, was er zum Kochen brauchte. Von Tiefkühlkost hatte er vorerst die Nase voll. In dem Sportartikelgeschäft kaufte er drei Paar Laufschuhe. Auf dem Weg zurück zu seinem Wagen kam ihm neben anderen Menschen ein alter Mann entgegen. Er hatte eine Baskenmütze auf dem Kopf und ging gebückt, stützte sich auf einen Stock. Klaus Renner war früher der Dorflehrer gewesen. Wer ihn nicht kannte, mochte meinen, dass die Jahre die Verbitterung in sein Gesicht gemeißelt hätte. Wer ihn kannte wusste, dass er niemals lächelte.

Als Gote auf seiner Höhe war, wurde er unvorsichtig, aber weil da noch andere Menschen um ihn herum auf dem Bürgersteig waren, auch drei Schulkinder, konnte er nicht widerstehen.

"Renner, der alte Penner!", flüsterte er im Vorbeigehen. Der alte Mann schaute verblüfft, konnte sich jedoch nicht schnell genug drehen und wenden, um den Sprecher auszumachen. Die Menschen waren bereits weitergegangen und seine Augen waren noch nie die Besten gewesen.

Beim Wagen angekommen verstaute Gote seine Einkäufe auf dem Beifahrersitz des Sevens. Dann sprang er hinter das Lenkrad, startet den Motor und gab Gas. Bäcker. Anna Bäcker. Von allen gemieden. Das konnte kein Zufall sein.

05. Kettensägenmassaker

"I have but two faces, One for the world, One for God, Save me" Nightwish - The poet and the pendulum "Ist der alte Meckeropa noch da?", fragte Böwes, während er in den weißen Schutzanzug schlüpfte. Das sollte nicht so steif wie sonst wirken und prompt war er beim ersten Versuch auf dem Hosenboden gelandet. Er war eben nicht so elegant wie seine Kollegin und das war auch nicht sein erster misslungener Versuch, sie zu beeindrucken. Verbissen legte er den Mundschutz an und zog die Kapuze über den Kopf. Den Menschen auf der anderen Seite des Absperrbandes wandte er den Rücken zu. Er hielt schon unter normalen Umständen nicht viel

von Gaffern, doch das kleine Missgeschick verschlechterte seine Laune noch. Nicht das er sonst ein Ausbund der Fröhlichkeit war.

"In der ersten Reihe und Du müsstest seine Messerblicke eigentlich im Rücken spüren", flötete Lisa-Maria fröhlich. Der Mundschutz verbarg die untere Hälfte ihres Gesichts, doch ihre Augen lachten.

"Ich konnte diese Stützen der Gesellschaft noch nie ausstehen. Mischen sich in alles ein. Stecken ihre Nasen in Angelegenheiten, die sie nichts angehen", schimpfte Böwes und ahmte dann die Stimme eines alten Mannes nach. "Mein Name ist Penner, ich war der Lehrer hier und ich verlange, dass man mir sagt, was hier geschehen ist", mimikriete er.

"Renner, Alex, der Mann nannte sich Klaus Renner."

"Wie bin ich nur auf Penner gekommen? Scheißegal, lass uns

anfangen." Polizeioberkommissar Alexander Böwes und Polizeihauptmeister Lisa-Maria Krahn standen in der Einfahrt eines Einfamilienhauses, dessen Zugang mit Absperrband, vor allem aber durch zwei Streifenpolizisten, den Menschen verwehrt wurde. In der geöffneten Garage war der Platz eines brandneuen BMW X6. Das futuristische Haus ähnelte einem gelandeten UFO und hatte zwei Stockwerke. Mit einem schnellen Blick hatte Böwes es auf drei oder vier Millionen Euro geschätzt. Nun gingen er und seine Kollegin den gepflegten Plattenweg, der rechts neben der Garage vorbeiführte, entlang, um hinter das Haus zu gelangen. Sie gehörten zum Speziellen Gewaltdezernat im Polizeipräsidium Werrentheim.

Der Ruf der Streife hatte sie um 8 Uhr 57 erreicht. Zuerst hatte sich die Spurensicherung und dann die beiden auf den Weg in das 60

Kilometer entfernte Nest, das hinter den Bergen an einem See lag, gemacht. Dessen leises Rauschen brachte eine leichte Brise mit sich. Eine warme Sonne, die schon hoch am Himmel stand, feierte diesen schönen Sommertag. Das war blanker Hohn und die erfahrenen Ermittler wussten es. Lisa-Maria Krahn holte einen Notizblock hervor, während sie sich der Werkstatt, die am Ende des prächtigen und fast fußballfeldgroßen Gartens lag, näherten.

"Der Assistant Garden Manager rief um 8 Uhr 7 den Notruf an. Die..."

"Moment!", unterbrach sie ihr Chef. „Der was?"

"Assistant Garden Manager."

"Der Gärtner."

"Klar!" Lisa-Maria Krahn lachte. "Also, der Gärtner rief um 8 Uhr 7 den Notruf an. Die Kollegen machten sich auf den Weg und trafen um 8 Uhr 43 ein. Brauchten eine Weile um hierhin zu kommen. Der Mann heißt Ahmed

Genc und war ganz außer sich. Kein Wort war aus ihm herauszubringen. Total verstört. Führte die Kollegen von der Streife zur Werkstatt. Die riefen uns sofort an."

"Der Grund?"

Lisa-Maria Krahn blätterte ihren Notizblock um. "Jürgen Reeder. Geschäftsführer seines eigenen Investmentunternehmens. Unter dieser Adresse ist auch noch eine Melanie Reeder gemeldet, seine Frau. Keine Spur von der. Keine Kinder, keine Vorstrafen, nur eine Menge offene Strafzettel wegen Falschparkens."

Sie hatten die Werkstatt erreicht. Ein süßlicher Geruch schlug ihnen durch die geöffnete Tür entgegen. Von drinnen drang die Stimme von Hermann Felder, dem Chef der Spurensicherung, zu ihnen. Seine Mitarbeiter hatten ihre Ausrüstung vor der Werkstatt ausgebreitet.

"Dann wollen wir mal", sagte Böwes und er und Lisa-Maria Krahn traten durch die Tür.

Es war eine Mischung aus Werkstatt und Hobbyraum. Auf der rechten Seite standen Lokomotiven und Waggons der Spur H0 in zwei großen Vitrinen. Dahinter kam ein Werktisch, an dem jemand dabei war, aus Styropor ein großes Gebirge zu bauen. Material, kleine und große Werkzeuge, verschiedenen Klebstoffe und unterschiedliche Farbtöpfchen waren da. Daneben standen noch unausgepackte kleine Bäumchen aus Plastik und ein gelber Karton, auf dem ein Berggasthof abgebildet war. Hinter dem Tisch führten drei Treppenstufen zu einer Tür hinunter. Über der hing ein Schild mit der Aufschrift Hauptbahnhof.

An der Rückwand standen ein Elektrovertikutierer, ein Benzinrasenmäher, mehrere Säcke mit Blumenerde, verschiedene Harken und Säcke für Grünschnitt. All diese Dinge wurden penibel sauber gehalten.

Die ganze linke Seite nahm eine monströse Werkbank ein. Über ihr hing ein ein Schrank aus

Kunststoff mit vielen kleinen Schubfächern, in denen - kleine, grün beschriftete Aufkleber, die an ihnen hafteten, verrieten das - Schrauben, Nägel und Dübel in allen Größen ihrer Verwendung harrten. Außerdem hingen über der Werkbank, sauber aufgereiht wie angetretene Soldaten, Hämmer, Äxte, Spaten aus Edelstahl, Unkrautstecher, Blumenkrallen und alle möglichen weiteren Gerätschaften. Markengeräte, das verstand sich von selbst. Die Kreuzhacke, die in einer Ecke stand, war nicht angerührt worden, was Böwes seltsam fand, denn es wäre doch viel einfacher gewesen...

"Herr Kommissar?"

Einer der Streifenpolizisten stand in der Tür. Dabei vermied er es, auf den Boden zu blicken.

"Herr Kommissar, da steht ein Mann vor der Absperrung, der Sie sprechen möchte."

Böwes runzelte die Stirn unter dem weißen Schutzanzug, was darum niemand sehen konnte. "Wimmeln sie ihn ab!", antwortete er gereizt.

"Es ist aber Wilhelm Henkel."

Das sagte dem Kommissar zunächst nichts, doch als Lisa-Maria Krahn, dankbar dafür, nicht mehr in die Werkstatt blicken zu müssen, ihn anstupste, fielen Böwes Gesicht und Geschichte zu dem Namen wieder ein. Wilhelm Henkel war ein ehemaliger Polizist und vor fünf Jahren pensioniert worden. Seine letzten zehn Dienstjahre hatte er sinnlos im Polizeipräsidium von Werrentheim verbracht. Er gehörte zur alten Garde. Die meiste Zeit seines Lebens war er der Dorfpolizist in diesem Nest gewesen.

"Bringen Sie ihn her", sagte Böwes.

Der Streifenpolizist verschwand durch die Tür. Die beiden anderen taten es ihm nach. Gerne überließen sie die Spurensicherung ihrer Arbeit.

Wilhelm Henkel war ein freundlich wirkender Mann von gut 70 Jahren mit schlohweißem Haar. Er trug eine etwas altertümliche graue

Strickjacke, machte aber keinen gebrechlichen Eindruck.

"Guten Tag, Herr Kommissar Böwes."

"Guten Tag, Herr Henkel. Das hier ist Polizeihauptmeister Krahn."

"Guten Tag, Fräulein Krahn."

'Fräulein? Ein wenig altmodisch', dachte Böwes und schaute aus den Augenwinkeln auf seine Kollegin. Sie ließ sich nichts anmerken, doch ihre Augen blitzten auf. Die alte Garde hielt nicht viel von Frauen im Polizeidienst.

"Darf ich einen Blick darauf werfen?", fragte Henkel.

"Vielleicht später", antwortete Böwes, "aber zunächst möchte ich Sie etwas fragen."

"Ich helfe gern."

"Sie kennen Jürgen Reeder?"

"Aber natürlich. Er ist ein erfolgreicher und geachteter Geschäftsmann. Jeder in unserer Gemeinde kennt ihn. Kirchenvorstandsmitglied. Erster Vorsitzender und großzügiger Sponsor

unseres Fußballklubs. Immer freundlich gegen alle." Henkel seufzte.

"Er hat eine Frau", warf Lisa-Maria Krahn ein.

"Äh... ja... die hat er." Die Frage war Henkel sichtlich peinlich. "Melanie. Es ist ein Jammer. Sie müssen wissen, sie ist nicht ganz bei Trost. Verrückt. Aber Jürgen steht fest an ihrer Seite, denn er hat ein edles Gemüt."

"Könnte sie... ?", wollte Böwes wissen.

"Sie? Nein, bestimmt nicht!" Henkel hob abwehrend die Hände. "Ja, sie ist verrückt, aber sie ist friedlich. Völlig harmlos."

"Wissen Sie, wo sie steckt? Wir suchen sie."

"Heute ist der erste Dienstag im Monat. Da ist sie bei der Fußpflege", antwortete Henkel, der offensichtlich genau wusste, was er sagte.

Es entstand eine kleine Pause. Aus der Werkstatt klang der dröhnende Bass von Herrmann Felder und das leise Klappern der Gerätschaften, mit denen seine Mitarbeiter auf der Suche nach allen nur erdenklichen Spuren

waren. Kurz schaute Böwes zu Lisa-Maria Krahn. Es war unüblich, unbeteiligten Zivilisten Zutritt zu einem Tatort zu gewähren. Aber schließlich gehörte Henkel früher zur Truppe und die beiden Polizisten, durch sein auffallendes Interesse aufmerksam geworden, waren auf seine Reaktion gespannt. Böwes trat zur Seite und zeigte auf die Werkstatt. Henkel nickte dankend, ging zur Tür... und prallte von ihr ab wie ein Artist von einem Trampolin!

Die Werkstatt/der Hobbyraum war eine aufgeräumte Sache. Zumindest war er das früher gewesen. Jetzt lag Jürgen Reeder auf dem Boden, mit dem Gesicht nach unten. Um ihn herum war eine furchterregend große Blutlache. Wäre Reeder nicht schon tot gewesen, er wäre womöglich in seinem eigenen Blut ertrunken. Die Spritzer hatten sich über den ganzen Raum verteilt. Die früher makellos weißen Wände waren blutrot gezeichnet, als habe ein Rasensprenger die Flüssigkeit verteilt. Ein

unerträglich süßlich-metallischer Geruch erfüllte den Raum. Und Jürgen Reeder lag regungslos auf dem Boden. Etwas neben ihm fand sich sein linker Arm. Die abgetrennten Gliedmaße und seine Schulter wurden von der benzingetriebenen Motorsäge getrennt. Sie war fast völlig rot. Besonders das Kettenblatt, mit dem der Arm vom Rumpf getrennt worden war, troff vor Blut.

06. Anna Diavolo 1. Teil

"Tuck me in beneath the blue, Beneath the pain, beneath the rain" Nightwish - The poet and the pendulum In der Nacht von Montag auf Dienstag hatte Gote nicht eine Sekunde geschlafen. Er hatte es auch gar nicht versucht. Dabei war es weniger das, was er gesehen, als vielmehr das, was er gehört hatte, was seine Seele in Aufruhr versetzte. Die Angelegenheit war noch monströser, als er angenommen hatte. Alle Schlechtheiten, die er den Menschen zutraute, schienen sich hier, in seinem Heimatort, zu bündeln. Er war versucht, das Holzkästchen aus dem Safe zu holen und selbst so lange hineinzuschauen, bis er die Wirkung verspürte. Aber er wusste, das würde ihm nichts nutzen

und auch nicht funktionieren. Stattdessen lief er die ganze Nacht lang im Haus umher, schüttelte den Kopf, führte Selbstgespräche, schrie auf und drohte mit geballten Fäusten dem Himmel. Als die Sonne aufging, waren deren durch die Fenster einfallenden Strahlen glühende Dolche in seiner verwundeten Seele. Einem einsamen Wolf gleich lief er weiter durch das Haus, seinem viel zu engen Käfig.

Doch auch Seelenqualen erschöpfen sich irgendwann und der Körper fordert sein Recht. Bei Gote trat dieser Zustand am Dienstag nach dem Mittag ein. In einem letzten klaren Augenblick, warf er den Grill auf der Terrasse an, um das zu tu, was ungeachtet seiner Verfassung getan werden musste. Eine Zeit lang schaute er in das verzehrenden Feuer, überließ jedoch recht bald die Flammen sich selbst. Die Müdigkeit war einfach zu übermächtig. Ins Bett wollte er sich nicht legen, weil er sich schämte, dass er das konnte. Er konnte es noch. Also

schnappte er sich eine Decke und legte sich auf das Dreiersofa im Wohnzimmer. Die Terrassentür hatte er geschlossen, damit er den stinkenden Grill nicht riechen musste.

Es dauerte lange, bis Gote die Augen schließen konnte und noch länger, bis er eingeschlafen war. Immer wieder erwachte er, starrte die Decke an und rollte sich dann auf die andere Seite. So verging die Nacht von Dienstag auf Mittwoch.

Am Morgen bemerkte Gote, dass er seit Montag Abend nichts mehr gegessen hatte. Mit der Decke über den Schultern schleppte er sich in die Küche und öffnete den Kühlschrank, nahm aber nur zwei Bananen gegen den gröbsten Hunger heraus. Dann duschte er fast eine Stunde lang. Die letzten fünfzehn Minuten stand er unter einem eiskalten Wasserstrahl, um einen klaren Kopf zu bekommen. Schließlich fiel ihm Anna ein. Am Montag hatte er die Bücher bestellt und heute war übermorgen. Er

konnte zu Brauns Bücher gehen. Während er sich abtrocknete, schallt er sich einen Narren. Anna mochte vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahre alt sein und er war ein übergewichtiger Achtunddreißigjähriger, ein unterbezahlter Historiker, der nur Dank des Geldes, dass seine Eltern im vermacht hatten, über die Runden kam. Er konnte sich - abgesehen von seinem Seven - noch nicht einmal ein Hobby leisten. Aber womöglich war Anna Bäcker der einzige Mensch in der Stadt der...


Kurz nach ein Uhr stand Gote in dem Buchladen, der um diese Uhrzeit leer war. Wie er vermutet hatte, bestand seine Besitzerin Hedwig Braun auf ihrer Mittagspause. Anna Bäcker war allein. Sie sah ihn sofort, strahlte und kam auf ihn zu.

"Hallo, ich hoffe es geht Ihnen gut?", erkundigte sie sich ehrlich besorgt. Offensichtlich sah man Gote die letzten 40

Stunden an.

"Hallo, Frau A Punkt Bäcker", erwiderte er. "Ja, alles in Ordnung. Habe ein wenig unruhig geschlafen."

"Ist vielleicht ein wenig zu einsam da oben, allein in dem Haus am Waldrand."

"Bitte?"

Anna lachte. "Sie sind wirklich nicht von hier. Bei uns sprechen sich solche Dinge schnell herum."

Eigentlich hätte Gote das beunruhigen sollen, doch weil Anna es sagte, machte es ihm nichts aus. "Ja, das kommt davon, wenn man zu lange in der Stadt wohnt."

"Ihre Bücher sind da."

"Sehr schön."

Gemeinsam gingen sie zur Theke. Gote schnappte in Annas Windschatten einen Hauch ihres Parfüms auf.

"August 1914" von Barbara Tuchmann war ein Klassiker. Natürlich hatte er den schon oft

gelesen und mit ihm gearbeitet, doch als er sich zum ersten Mal auf den Weg zu Brauns Bücher gemacht hatte, war ihm aufgefallen, dass er es gar nicht besaß. Das zweite Buch - "Der deutsche Rückzug aus Frankreich 1944" von Joachim Ludewig - war mehr ein Versuch gewesen. Kein Buchhändler hatte es ihm bisher besorgen können. Anna Bäcker hatte es geschafft. Sie war gut. Es war ein gebrauchtes Exemplar, aber in einem guten Zustand und Gote war froh, es überhaupt zu haben. Zufrieden bezahlte er beide Bücher. Dann blickten sie sich verlegen an. Annas Blick war alle andere als unfreundlich, also gab er sich einen Ruck.

"Haben Sie heute Abend schon etwas vor?"

"Schön das Du fragst."


Als Gote den Buchladen verließ, war er, nun, glücklich war das falsche Wort, aber er spürte eine ihm fast unbekannt gewordenen Ruhe. In

Händen hielt er eines seiner Lieblingsbücher und eines, dass er lange gesucht hatte und für den Abend hatte er eine Verabredung mit einer klugen - sie hatten sich noch lange unterhalten - und wunderschönen jungen Frau. Vielleicht trieb sein Heimatort nur einen böses sarkastisches Spielchen mit ihm, doch im Augenblick war ihm das gleich. Dass alles war mehr als nur ein Teil...

"Hören Sie mal, junger Mann."

Meckernde Stimme, hoher Tonfall. Leni Silberstein wäre ohne Probleme als fiesester Wecker der Welt durchgegangen.

"Ja?"

Gote drehte sich um und sah ihr mit geneigtem Kopf in das alte, selbstgefällige Gesicht. Natürlich erkannte sie ihn nicht. In Leni Silbersteins Kopf war nur Platz für Leni Silberstein.

"Ich habe gesehen, wie Sie sich mit der da" - sie zeigte mit ausgestrecktem Arm durch das

Schaufenster von Brauns Bücher auf Anna - "unterhalten haben. Sie sind ja nicht von hier und eben weil Sie ein Zugereister sind, nehme Sie den Rat einer Menschenkennerin an: Lassen Sie sich nicht mit ihr ein. Sie ist ein Flittchen!"

Gote schaute erstaunt. "Tatsächlich? So wie Sie früher?"

Ohne sich weiter um sie zu kümmern, ließ er die heftig nach Luft schnappende Leni Silberstein auf dem Bürgerstein zurück. Zwei Bücher, eine Verabredung, eine Beleidigung. Seine Ruhe nahm zu.


Sie trafen sich am Abend auf dem Dorfplatz. Gote kam eine Viertelstunde zu früh. Anna war pünktlich. Sie trug eine schwarze Hose, eine kurze blaue Jeansjacke und ein pinkes Shirt. Ihr Make up war dezent. Auf dem Weg zu der Pizzeria hakte sie sich bei ihm unter. Ob das ihm galt, oder sie nur jemanden gesehen hatte, den sie ärgern wollte, vermochte Gote nicht zu

sagen. Der Betreiber der Pizzeria, ein Libanese, der lediglich gesprochen Deutsch sprach - "Er tut nur so", versicherte ihm Anna, "weil die Leute hier das erwarten" -, gab ihnen einen ruhigen Platz in einer Ecke des Lokals, wo sie nicht von allen gesehen werden konnten. Zur Begrüßung bekamen sie einen Ouzo. Anna bestellte sich eine Pizza Diavolo und Gote eine mit Champignons. Außerdem teilten sie sich einen großen Salat. Er hatte sich etwas ganz anders vorgenommen, doch Gote benahm sich wie ein Mann und redete vor, während und nach dem Essen nur über sich. Das er dabei bestimmte Dinge ausließ, war für ihn schon zur Gewohnheit geworden. Doch Anna schien das nichts auszumachen. Sie genoss ihre Pizza, hörte aufmerksam zu und lachte. Und es gab viel Lächerliches in Gotes Leben.

Die Pizzeria schloss um 10 Uhr und kurz davor waren die beide die letzten Gäste. Sie bekamen einen Abschiedscidre, Gote bezahlte

und dann gingen sie. Anna wollte nach Hause gebracht werden. Das bekümmerte Gote, doch so ginge sie direkt zu seinem Seven. Zu seiner Überraschung kicherte Anna vergnügt, als sie auf dem ledernen Beifahrersitz Platz nahm. Seine Verblüffung wuchs, als sie ihn über verschiedene Straßen zu einem recht großen Haus am Ufer des Sees dirigierte. Die rechte Hälfte war eindeutig die neuere und die linke war uralt. Wie kam sie an ein solches Haus? Anna küsste ihn auf die Wange. Gote seufzte innerlich. Dann fragte sie: "Willst Du noch hereinkommen?"

07. Anna Diavolo 2. Teil

"I'm afraid. I'm so afraid. Being raped again, and again, and again. I know I will die alone. But loved." Nightwish - The poet and the pendulum "Was ist?"

Anna schmiegte sich an ihn. Dabei verrutschte die Bettdecke und Gote konnte einen Blick auf ihren Unterschenkel und ihren Fuß werfen. Auch die waren perfekt. Er legte seine rechte Hand auf ihre nackte Hüfte. Sie fühlte sich noch immer heiß an. Er zupfte die Bettdecke zurecht. Anna zog das Bein an und schob es über seine.

"Was ist?", fragte sie erneut. "Du wirst wieder so..."

"Ja?"

"So wie Du!"

"Na, heißen Dank."

"So meine ich das nicht.

Anna küsste ihn, Gote griff nach ihrem Po.

"Sondern?"

"Vorhin, beim Sex, da warst Du ganz anders. Versteh mich nicht falsch, Du bist süß" - sie schob seine Hand ein wenig tiefer - "intelligent und bei weitem der interessanteste Mann, den ich hier jemals getroffen habe. Aber da ist etwas in Dir, etwas Seltsames, etwas Dunkles. Du willst nicht, dass die Menschen es mitbekommen, aber ich - lach bitte nicht! - ich habe schon beim ersten Mal, als ich Dich sah, gespürt, dass da etwas ist. Aber vorhin, als es so richtig zur Sache ging, da war das weg. Du warst ganz Du selbst. Mir hat das sehr gefallen. Aber nun kommt es wieder aus seiner dunklen Ecke hervor."

Es hätte nicht viel gefehlt und Gote hätte Anna alles erzählt. Er hätte ihr erzählt, dass er

von hier stammte, vor 20 Jahren fortgegangen und nun aus einem bestimmten Grund zurückgekehrt sei. Das er etwas getan hatte und noch Weiteres plane. Fast hätte er es gesagt. Aber nur fast. Stattdessen meinte er: "Ich kann nur nicht verstehen, dass Du dich mit mir einlässt. Ich bin dreizehn Jahre älter als du und komme nicht gerade mit einer Modellfigur daher."

"Hörst Du mir eigentlich zu?"

Anna löst sich von ihm. Die Einsamkeit kam zurück und er spürte die Kälte unter der Bettdecke.

"Hörst Du eigentlich zu, wenn ich etwas sage?" Die Augen in ihrem Gesicht funkelten. Funkelten sie gefährlich?

"Schon, natürlich höre ich Dir zu. Aber ich verstehe es nicht."

Ohne Vorwarnung warf sich Anna auf ihn. In der nächsten Stunde war Gote wieder ganz er selbst.


Sie zitterten und sie waren glücklich. Vorsichtig und innig lagen ihre Körper beieinander. Gote hörte Annas Atem, roch ihren Schweiß. Er liebte ihre kleine Sprungschanzennase und fragte sich, ob er glücklich war. Doch so sehr er sich auch bemühte, ihm fehlten aus den letzten zwei Jahrzehnten einfach die Referenzpunkte. Er existierte, lebte aber zu wenig. Es war möglich, dass sich das demnächst ändern würde, aber wäre dann Platz für sie in seinem Leben? Wollte er das? Wollte sie das überhaupt? Oder war das Ganze, diese Nacht, nur eine Flucht, eine Flucht vor diesem fürchterlichen Ort. Denn auch Anna hatte eine Vergangenheit. Die würden sich nie von mir bedienen lassen. Sie war hier ebenso wenig zuhause wie er.

"Anna?"

"Ja?"

"Ich möchte Dich etwas fragen."

"Schieß los."

"Ich trau mich nicht so recht."

"Klar, ich bin ja auch die böse Hex. Hex, hex!" Anna lachte. "Also, was willst Du wissen?"

"Wieso hassen Dich die Menschen hier?"

"Sie hassen mich nicht, sie verachten mich mehr."

Nicht eine Sekunde lang hatte sie gezögert. Sie vertraute ihm. Ein ungewohnt wohliges Gefühl stieg in Gote auf. "Gut, warum verachten sie Dich?"

"Weil ich Anna Bäcker bin."

Gote schüttelte den Kopf. "Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor."

"Ich bin die Tochter von Klaus Bäcker und das Ziehkind von Paul und Lisbeth Lehmann."

"Wasndasn?"

Da musste Anna lachen. Die beiden setzten sich im Bett auf, Gote zog die Bettdecke bis zu seinem und ihrem Kinn und legte den Arm um Anna. Sie begann zu erzählen.

"Es ist 20 Jahre her. Ich war damals fünf.

Wirklich mitbekommen habe ich natürlich nichts, mit der Zeit aber alles erfahren und zu fühlen gekriegt. Aber von Anfang an: Vor 20 Jahre wurde eine junge Frau aus dem Ort, Melanie Reeder - also damals hieß sie noch Melanie Kranz, zumindest glaube ich das -, brutal vergewaltigt. Nur durch Glück überlebte sie. Körperlich kamen die Dinge wieder in Ordnung, aber die Spuren in ihrer Seele waren tief. Bis heute. Sie lebt immer noch hier und die meisten halten sie für verrückt. Ihr damaliger Freund, Jürgen Reeder, heiratete sie trotzdem. Das ist der Mann, den sie gestern tot in seiner Garage gefunden haben."

"Tot aufgefunden?" Gote schüttelte den Kopf. "Davon habe ich nichts gehört."

"Erzähl ich Dir später. Weiter. In einem so kleinen Ort ist ein solches Verbrechen natürlich das Thema. Alle taten besorgt. Wenn man die Silberstein darauf anspricht, sagt sie heute noch: So etwas passiert in der großen Stadt,

aber doch nicht bei uns. Na, auf jeden Fall waren alle auf der Suche nach dem Täter. Und man einigte sich schnell: Andreas Stallwang. Gammler, seine Mutter alleinerziehend.

"Gammler?" Dieses Wort hatte Gote schon sehr lange nicht mehr gehört.

"Ach Du weißt schon: Zerrissene Lederjacke, grüne Haare, Punkmusik. Alternativ halt und ziemlich harmlos. Aber in so einem Nest ist das natürlich eine Provokation für die Gemeinde. Der Druck auf ihn muss immens gewesen sein, war ja auch erst 20. Irgendwann hat er es nicht mehr ausgehalten und ist abgehauen. Man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Auch seine Mutter verschwand. Dann kam Melanie Kranz, oder wie immer ihr Nachname damals auch lautete, wieder aus dem Krankenhaus. Um sie wieder ins normale Leben zu holen, haben zwei Freunde von ihr, Arndt und Karin Münzer, sogar ihre Hochzeit vorverlegt. Das Fest sollte sie ablenken. Hat aber nicht funktioniert."


Anna machte eine Pause und Gote spürte, wie sie sich in seinem Arm versteifte. Ihr Augen starrten geradeaus ins Nirgendwo. Mit zwei Fingern seiner linken Hand strich Gote eine Haarsträhne beiseite, die ihr ins Gesicht gefallen war, drehte ihren Kopf und küsste sie lange auf den Mund. Das hatte er nicht eingeplant. "Hey", flüsterte er.

Anna umklammerte ihn und ließ ihn lange nicht mehr los. Darum dauerte es, bis sie weitererzählen konnte. "Sei mir nicht bös, Hajo, aber ich werde abkürzen."

"Du bist die Schrittmacherin in dieser Geschichte."

Mehr als ein verkrampftes Lächeln brachte sie nicht zustande. Dann wurde ihre Stimme dunkel. "Einen Tag nach der Hochzeit kam die Polizei und verhaftete Klaus Bäcker, meinen Vater. Er hatte Melanie Kranz das angetan. Alle im Ort waren wie vor den Kopf geschlagen. Im

Jahr davor war er noch Schützenkönig gewesen. Aus Verwunderung wurde bald Hass. Es ist aber schwierig, jemanden zu hassen, der weit weg im Gefängnis sitzt, nicht Teil der Gemeinde ist, während man seinem Opfer ständig begegnet. Also suchten sie sich jemand anderes."

"Dich."

"Genau."

"Was war mit deiner Mutter?"

"Hajo?"

"Ja?"

"Darüber möchte ich nicht sprechen."

"Ist gut." Gote drückte Anna ein weiteres Mal.


"Alle hassten mich. Ich war erst fünf, verstand es nicht. Aber das war ihnen egal, ja, ich glaube, das machte es ihnen sogar noch einfacher. Alle. Alle außer Paul und Lisbeth Lehmann. Das waren liebe und sehr angesehene Menschen. Kurz: Sie haben mich adoptiert. Als ich älter wurde, haben sie Hedwig Braun sogar

das Versprechen abgerungen, mir eine Ausbildungsplatz zu geben und nach bestandener Prüfung eine Stelle anzubieten. Das passte den Silbersteins hier im Ort gar nicht. Vor zwei Jahren sind Paul und Lisbeth bei einem Badeunfall ertrunken. Ich habe wochenlang nur geheult. Sie waren die besten Eltern, die ich mir wünschen konnte. Und dann stellt sich heraus, dass sie mir alles vermacht haben. Das Haus, ihr ganzes Geld, alles!"

Da musste Gote bitter auflachen. Nicht dass es ihn überraschte, dass sich hier gar nichts geändert hatte. "Ich verstehe. Das war für die aufrechten Bürger im Ort natürlich unfassbar. Du, die Tochter eines Vergewaltigers, hast auf einmal viel mehr Geld als die meisten." Dann grinste er. "Du bist ein Teufel!"

Zu Gotes Überraschung musste Anna lachen. "Alles was du sagst, hört sich gut an."

Sie schmiegten sich aneinander, liebkosten sich und nach einer Weile erzählte Anna Gote

alles über den mysteriösen Todesfall Jürgen Reeder. Da war nichts dabei, was er nicht schon wusste.

08. Meinungen?

"He was found naked and dead, with a smile in his face, a pen and 1000 pages of erased text." Nightwish - The poet an the pendulum Polizeioberkommissar Alexander Böwes schüttelte den Kopf, nicht zum ersten Mal an diesem Tag. "Das kann nicht sein!", sagte er.

Vor ihm auf dem Schreibtisch lagen zwei flache Pappordner. Der eine enthielt den Obduktionsbericht, der andere den der Spurensicherung. „Das kann nicht sein!“, wiederholte er.

"Wieso nicht?", fragte Polizeihauptmeister Lisa-Maria Krahn. Sie saß ihm gegenüber und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. "Warum nicht?"

"Hast Du dabei schon zwei und zwei zusammengezählt? Ist Dir klar, was dabei herauskommt?"

"Ich gebe zu, das hört sich komisch an. Aber das da" - sie zeigte auf die Ordner - "sind die Fakten. Wir müssen die Sachen nur zusammenbringen. Wahrscheinlich übersehen wir etwas."

Böwes lachte auf. "Ha! Übersehen! Das ist es. Die müssen einen Fehler gemacht haben. Ich werde Hermann anrufen."

Er griff nach einem Hörer und telefonierte nach dem Chef der Spurensicherung. Lisa-Maria Krahn senkte den Kopf und seufzte. Natürlich entging das ihrem Chef nicht und er hatte auch schon eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, als ein Mann in das Büro gestürmt kam. Polizeikommissar Julius Töpfer war ein kleiner übergewichtiger Beamter mit einer verbogenen Brille auf der Nase, dessen Körper dem Takt seiner Nervosität folgte. Er war der dritte Mann

in ihrem Team und auch wenn man es ihm nicht ansah, so war er doch ein hervorragender Polizist. Nur leider konnte er kein Blut sehen. Darum nahmen sie ihn nur selten mit an einen Tatort und überließen ihm die Recherche. Er wedelte mit einigen Papieren und ließ sich auf seinen Bürostuhl plumpsen, schnaufend wie eine alte Dampfmaschine. Lisa-Maria schob ihm erste einmal einen Kaffee hinüber. Dankbar lächelte er sie an und nahm einen Schluck.

"Ich habe einiges über unseren Mann herausgefunden."

"Das Opfer", verbesserte ihn Böwes.

"Ach, ich dachte er hat...", meinte Töpfer, aber sein Chef unterbrach ihn.

"Vergiss es. Was hast Du? Die Kurzform bitte. Lese mir nachher alles in Ruhe durch."

"Nun, so ganz harmlos war er nicht", begann Justus Töpfer seinen Bericht. "Die Kollegen der Wirtschaft haben gegen ihn ermittelt. Insolvenzverschleppung, betrügerischer

Bankrott, dazu Insiderhandel. Auch bei einigen Baubeteiligungen soll nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein."

"Wo er jetzt tot ist, werden die Ermittlungen ja eingestellt", sagte Lisa-Maria Krahn.

"Nicht unbedingt", erwiderte Töpfer und zwinkerte ihr zu. "Reeder stand im Mittelpunkt des Interesses der Kollegen, aber da tauchen immer wieder zwei andere Namen auf: Christian Meyer und Arndt Münzer. Der eine ist Architekt, der andere arbeitet bei der Sparkasse in Werrentheim. Stammen aus dem selben Nest wie Reeder. Auf den ersten Blick sind beide unbescholtenen Bürger. Aber wenn ihr mich fragt, stinkt die Sache zum Himmel. Die typischen selbstgerechten Egozentriker. Sind sie und waren sie schon immer."

"Wie kommst Du darauf?" wollte Böwes wissen.

"Instinkt", meinte Töpfer und tippte sich an die Nase. "Instinkt und eine alte Sache." Er

kramte in seinem Ordner herum und zauberte nach einigem Suchen ein vergilbtes Blatt Papier hervor.

"Ist gut 20 Jahre her. Sie wurden angezeigt, alle drei. Reeder, Meyer und Münzer. Der Zeuge und Anzeigesteller, ein gewisser Andreas Stallwang, behauptete, die drei hätten in mächtig verprügelt. Hier sind die Bilder."

Töpfer reichte alte Fotos herum. Sie zeigten einen jungen Mann mit grünen Haaren und geschwollenem Gesicht.

"Keine Kleinigkeit", bemerkte Böwes.

"Tja, aber die Anzeige wurde zurückgezogen!"

"Hätte die Staatsanwaltschaft nicht von sich aus ermitteln müssen?", fragte Böwes.

"Sollte man meinen, sollte man meinen", erwiderte Töpfer. "Aber jemand schrieb einen Bericht und danach ließ man es auf sich beruhen." Ein weiteres altes Stück Papier machte die Runde. Aber keiner der beiden anderen konnte die Unterschrift entziffern.

"Wie hieß der Kollege?"

"Wilhelm Henkel. War der Polizist vor Ort."

Böwes lehnte sich in seinem Stuhl zurück, dachte an den alten Mann mit dem schlohweißen Haar vom Tatort und atmete hörbar aus. "Das verstehe ich nicht."

"Du bist halt nicht von hier", sagte Lisa-Maria Krahn. "So regelt man die Dinge auf dem Land."

"Ganz prima!" Böwes verzog das Gesicht.


In diesem Augenblick klopfte es und Hermann Felder, der Chef der Spurensicherung, trat mit einem breiten Grinsen ein. Er ahnte wohl schon, was ihn erwartete. Sofort bestürmte Böwes ihn, doch er blieb bei dem, was in dem Bericht stand.

In der Werkstatt nur die Spuren von Reeder, seiner Frau und Genc, dem Gärtner. Ja, Du hast mir gesagt, dass die beiden ein Alibi haben. Sonst nichts. Nur vor der Garage haben wir den Abdruck eines Turnschuhs, genauer

gesagt: eines Laufschuhs, gefunden, den wir niemandem zuordnen konnten. Viel Glück, Freunde!

Weg war er.

Enttäuscht saß Böwes auf seinem Platz und fügte sich in das Unvorstellbare.

"Ich fasse zusammen", begann er nach einer Weile. "Fremdverschulden kann aufgrund der Spurenlage ausgeschlossen werden. Und der Pathologe meint, es sei ein sauberer Schnitt, zumindest für so ein Gerät. Keine Abwehrbewegung. Das heißt: Es war kein Unfall! Was bleibt? Jürgen Reeder hat die Kettensäge selbst angestellt, auf den Boden gelegt und sich dann in aller Seelenruhe in das rotierende Sägeblatt gestürzt. Das nennt man wohl Selbstmord."

09. Meinungen!

"One last perfect verse is still the same old song." Nightwish - The poet an the pendulum In Unterhose und T-Shirt stand Hajo Gote in der Küche und versuchte etwas zu kochen, Nudeln mit Tomatensoße, nichts Kompliziertes, schließlich war er verwirrt. Anna war schon die zweite Sache, der zweite Mensch, den er nicht eingeplant hatte. Und wieder schickte sein Innerstes ihn auf eine Achterbahnfahrt.

Er war die ganze Nacht bei ihr geblieben. Am Morgen frühstückten sie, nachdem sie zusammen geduscht hatten. Wieder war Gote versucht gewesen, ihr alles zu erzählen. Etwas war an dieser jungen Frau. Ihr zu widerstehen fiel ihm so schwer, viel schwerer als dem Stein.

Es war Annas Idee gewesen, dass er sie zu Brauns Bücher brachte. Wenn sie sich schon den Mund zerreißen wollen - und das wollen sie! -, dann geben wir ihnen auch einen richtigen Grund dazu. Daran hatte Gote ebenfalls Spaß, allerdings war er sich nicht sicher, ob es gut war, sie da mit hereinzuziehen. Denn sollte ihn jemand erkennen, würden die Dinge anders laufen, auch für sie. Aber Anna wollte, dass er mit aufheulendem Motor vor dem Buchladen hielt. Sie stieg aus und fuhr ihm zum Abschied mit der Hand durch die Haare. Ein leichter Druck auf das Gaspedal und der Seven sprang davon. Wer Anna in diesem Augenblick gesehen hätte, wäre wohl der Meinung gewesen, dass sie dem offenen Sportroadster und seinem Fahrer nachwinkte. Zwar hob sie den Arm und zeigte die offene Handfläche...

Gote war nicht direkt zu dem angemieteten Haus am Waldrand gefahren. Immerhin kannte er

genug kleine Nebenstrecken und über diese ließ er den Seven fliegen. Jede Kurve kannte er, die einsehbaren und die anderen. Die Fliehkräfte drückten ihn in den Sitz, der Wind wehte ihm durch die Haare, er lachte und kannte in diesem Augenblick keine Reue. Hupend rauschte er an zwei Traktoren vorbei und überholte einen Golf GTI. So gedemütigt versuchte der mit ihm mitzuhalten, doch das mehr als doppelt so schwere Auto konnte nicht so rasant beschleunigen und musste vor den Kurven eher abbremsen. Sein Fahrer - Gote schätzte ihn auf Anfang zwanzig - musste die Jagd bald aufgeben. Dessen Zähneknirschen übertönte die Motoren.

Doch irgendwann spürte Gote, dass er die Nacht über kaum geschlafen hatte. Die Müdigkeit kroch in seine Glieder. So orientierte er sich kurz und schlug dann einen Weg ein, der ihn zu dem Haus am Waldrand zurückbrachte. Dort angekommen, ging er ins Schlafzimmer,

entledigte sich nur seiner Schuhe und der Hose, ließ sich auf das Bett fallen und war auch sogleich eingeschlafen.


Seine Verwirrung war größer, als Gote es gedacht hatte. Er wollte sich Nudeln mit Tomatensoße für ein verspätetes Mittagessen machen. Dabei hatte er gar keine Tomaten. So ging das nicht. Kurz überlegte er, ob die Soße es wert war, dass er seine Hose wieder anzog. Weil er aber den Geschmack schon auf der Zunge hatte, bejahte er diese Frage. Mit Hose, Geld und einer Plastiktasche fuhr er zum Supermarkt in den Ort. Hinter dem Gebäude gab es einen Parkplatz, dessen asphaltierter Charme dem eines Kreuzschlitzschraubenziehers glich. Im Laden selbst war es nicht anders. Das Geschäft gehörte zu einer großen Kette und wie es bei solchen üblich ist, wurde unter kaltem Licht mehr Wert auf Wiedererkennbarkeit denn auf

Persönlichkeit gelegt. Aber wie die meisten Menschen erkannte Gote das nicht, weil er schon nichts anderes mehr erwartete. Er packte zwei Dosen geschälte Tomaten, einen kleinen Pappkarton H-Sahne, zwei Flaschen Orangensaft, Äpfel in einer Plastiktüte, die unerklärlicherweise als Foodtainer beworben wurde, und Paprikachips in seinen Einkaufswagen. Damit fuhr er an die Kasse bezahlte und verstaute seine Einkäufe in der mitgebrachten Tasche. In weniger als fünf Minuten stand er wieder auf dem Parkplatz. Zehn Meter von seinem Wagen entfernt war Hans Hasenscharte damit beschäftigt einen Mülleimer nach Dingen zu durchwühlen, die andere Menschen für entbehrlich hielten. Seine zerfledderte Bibel hatte er in einiger Entfernung auf den Boden gelegt. Gote beachtete ihn nicht. Er wunderte sich noch nicht einmal, wie schnell er sich wieder an diesen Anblick gewöhnt hatte. Nachdem er seine Einkaufstasche auf dem

Beifahrersitz verstaut hatte, wollte er den Motor starten. Doch da bemerkte Hans Hasenscharte ihn, ließ von seinem Tun ab, griff nach nach der Bibel und lief auf den Seven zu und als er ihn erreicht hatte, drückte er den krummen Rücken durch und zeigte mit dem Finger auf Gote.

"Gott vergibt nicht!", donnerte er mit einer Stimme, die niemand ihm zugetraut hätte.

"Was... wie... wie bitte?", stotterte Gote.

"Gott vergibt nicht!", wiederholte Hans Hasenscharte, ebenso bedrohlich wie zuvor. Doch bevor Gote etwas erwidern konnte, lief der im ganzen Ort bekannte Landstreicher weiter zu einer Familie, die gerade ihre Einkäufe in den Kofferraum eines Wagens legt und rief: "Gott vergibt nicht!"

10. Langsam wird es lächerlich

"Now he’s home in hell" Nightwish - The poet and the pendulum Böwes und Krahn fuhren abermals in das entlegenen Nest hinter den Bergen am See. Sie saß am Steuer. Bei einer Verfolgungsjagd vor zwei Jahren hatte es sich erwiesen, dass Lisa-Maria eindeutig die bessere Fahrerin war. Und auch wenn Alexander Böwes oft launisch und mürrisch war, so hatte er doch keine Schwierigkeiten die Fakten anzuerkennen, wenn sie einmal auf dem Tisch lagen. So hatte er sich zwar anfangs schwer damit getan, in dem Tod von Jürgen Reeder einen Selbstmord zu sehen, doch mittlerweile verteidigte er diese These, weil sie aus dem, was sie wussten, die einzige logische Schlussfolgerung war. Nicht wenige

hielten ihm das fehlende Motiv vor, doch war das für Außenstehende bei einer Selbsttötung nicht meistens nur schwer auszumachen?

Und nun waren sie wieder unterwegs. Justus Töpfer hatten sie in Werrentheim gelassen. Dieses Mal würde es zwar kein Blut zu sehen geben, aber allein die erste Beschreibung der Spurensicherer von vor Ort hatte ihm den Rest gegeben. Kalkweiß war er in seinen Stuhl gesunken und zu nichts zu bewegen gewesen. Also fuhren Böwes und Krahn alleine. Es war Nachmittag und sie hatten kein Interesse daran, dass Justus sein Mittagessen wieder hochkam. Weit war er davon nicht mehr entfernt gewesen.

Nur das Brummen des Motors war zu hören und das Rauschen der Klimaanlage, denn die beiden Ermittler schwiegen. Sie vermieden es, sich anzublicken. Starr schauten sie geradeaus durch die Windschutzscheibe. Doch der Zufall wollte es, dass auf einem langen einsehbaren Stück Landstraße niemand weder vor noch hinter

ihnen war. Gleichzeitig drehten sie einander die Köpfe zu. Gleichzeitig begannen sie zu grinsen. Gleichzeitig begannen sie zu lachen. Es waren zwei ehrliche unschuldige Lachen, die ihnen jeder außerhalb des Polizeidienstes übel genommen hätte. Aber sie hatten schon alles gesehen. Zumindest waren sie bis heute davon ausgegangen. Wenn jedoch stimmte, was sie gehört hatten...

"Wir sollten damit aufhören." Lisa-Maria war die erste der beiden, die sich fing, auch wenn sie zwischendurch immer noch kicherte wie ein vierzehnjähriges Mädchen.

"Wieso?", fragte Böwes nach einer ganzen Weile. Er hatte länger gebraucht und noch immer lag ein feistes Grinsen auf seinem Gesicht.

"Weil das unprofessionell ist."

"Ich bitte dich. Wir sind noch im Wagen, unter uns. Hier dürfen wir so unprofessionell sein, wie wir wollen. Außerdem: Ein Spaghettitopf?

Wir sind doch nicht bei den Simpsons."

Das hätte Böwes nicht sagen dürfen. Es war das fehlende Glied. Lisa-Maria hatte die ganze Zeit gewusst, dass dieser Einsatz sie an etwas erinnerte. Sie schmunzelte. Ja, es war, als wären sie auf dem Weg nach Springfield zu einer gelben Familie.


Ohne Zweifel war es das Haus eines Architekten. Eines reichen Architekten. Auf einem kleinen Hügel gelegen war es von einer Mauer umgeben und hatte eine Auffahrt. Und weil da tatsächlich zwei dorische Säulen neben dem Eingang standen, erinnerte es an Burns Manor. Die Simpsons verfolgten sie immer noch. Die Streifenpolizisten, welche die Einfahrt abgesperrt hatten, winkten sie durch. Zum Glück sah keiner aus wie Chief Wiggum. Vor dem Haus standen die Wagen der Spurensicherung. Eine Frau aus Hermann Felders Team nahm sie in Empfang. Sie hatte

nichts Neues zu berichten, was nichts heißen musste. Selbstverständlich wollte ihr Chef das tun. Im Haus gingen sie durch einen langen Flur. Ein dicker Teppich dämpfte ihre Schritte. Aus einer Tür zu ihrer Linken drang, als sie an ihr vorbeikamen, leises Schluchzen.

"Die Ehefrau", sagte die Kollegin. "Hat ihn gefunden. Ist völlig verstört. Der örtliche Pfarrer und einer von uns ist bei ihr."

"Vernehmungsfähig?", fragte Böwes.

Die Frau von der Spurensicherung zuckte nur mit den Schultern. "Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ist die Frage, wie viel Du aus ihr herausbekommen willst. Hat sich mit einer Freundin zu Mittag gesessen. Ist bereits überprüft. Scheint zu stimmen. Aber das müsst Ihr entscheiden. So, da wären wir."

Das Anlegen der weißen Schutzanzüge samt der Gesichtsmasken war das übliche Ritual. Schließlich betraten sie die Küche. Bis auf den gefliesten Boden war der ganze Raum eine

Symphonie in Edelstahl. Alles war daraus gemacht oder mit ihm verkleidet. Eifrige Hände hielten alles in Schuss, putzten und polierten jedes einzelne Stück. Das Licht der nachmittäglichen Sonne, das durch ein sieben Meter breites einteiliges Fenster einfiel, ließ das Metall aufleuchten, so dass ein futuristischer Glanz im dem Raum lag. Die Anwesenheit der fleißigen Spurensicherer konnte diesen Eindruck kaum verwässern. Es gab mehrerer Kochstellen, eine direkt im Raum und eine neben drei in die Wand eingelassene Backöfen an der rechten Seite. Verschiedene Oberlichter sorgten für noch mehr Tageslicht. Böwes und Krahn interessierten sich für die direkt unter dem breiten Fenster. Der Spaghettitopf stand noch auf dem Induktionsherd. Davor lag ein abgedeckter Körper auf dem Boden. Hermann Felder, der Chef der Spurensicherung, nickte den beiden Ermittlern zu. Diesen Teil der Küche hatten

seine Leute bereits untersucht. Im Zickzackkurs, um den sorgfältig arbeitenden Kollegen nicht ins Gehege zu kommen, tasteten sie sich vor. Bei dem Körper angekommen, ging Böwes in die Knie und zog das Laken von dem Toten. Der Anblick war dann doch nicht so amüsant. Das Gesicht von Christan Meyer war gerötet, zeigte viele Verbühungen und die Haut war verschrumpelt und zugleich gespannt. Auch schien der ganze Kopf viel zu klein zu sein. Er war geschrumpft. Am unheimlichsten war jedoch der Gesichtsausdruck. Denn auch wenn jemand dem Toten die Augen geschlossen hatte, konnte man noch den Schrecken erkennen. Etwas Fürchterliches hatte Christian Meyer in den letzten Augenblicken seines Lebens gesehen, in der Wirklichkeit oder in seinen Gedanken.

"Der Arzt sagt, von den Verbrühungen hat er nichts gemerkt. Post mortem. Er ist ertrunken." Hermann Felder war zu ihnen getreten.


Zwei Tage später saßen sie zu dritt im Büro. Vor ihnen lag der Obduktionsbericht, der Bericht der Spurensicherung, Erkenntnisse der Kollegen vom Sonderdezernat Wirtschaftskriminalität und die wenig ergiebigen Zeugenaussagen. Justus Töpfer hatte die Fotos in der Hand.

"Das kann doch gar nicht sein", murmelte er immer wieder.

"Kannst Du ruhig glauben", versicherte ihm Lisa-Maria Krahn.

"Aber... hätte er nicht umfallen müssen?"

"Eigentlich schon", sagte Böwes, "aber der Pathologe meinte, dass es zumindest theoretisch möglich sei, dass seine Muskeln sich verkrampft haben."

"Theoretisch möglich und praktisch bewiesen", stellte Lisa-Maria fest.

Immer noch ungläubig legte Töpfer die Fotos zurück auf den Schreibtisch. Sie zeigten einen

Mann, der in der Edelstahlküche unter dem breiten Fenster stand und den Kopf in den großen Spaghettitopf gesteckt hatte.

Böwes fasste zusammen: "Marion Meyer verlässt kurz vor 12 Uhr das Haus, um sich mit einer Freundin," - er kramte in den Papieren - "einer gewissen Karin Münzer, zum Mittagessen zu treffen. Gegen 2 Uhr kehrt sie zurück. In der Zwischenzeit geht ihr Mann, der erfolgreiche, aber - nach der Meinung der Kollegen von der Wirtschaft - windige Architekt Christian Meyer, er ist allein im Haus, in die Küche, holt den größten Topf hervor, füllt ihn mit Wasser, stellt den Herd an und steckt den Kopf in eben jenen Topf. Er ertrinkt, bevor das Wasser kocht. Spurenlage: negativ! Nur Hinweise auf den Koch, das Hausmädchen und die Frau. Der Koch ist in Urlaub: Südkorea. Das Hausmädchen bei ihrer Mutter in Berlin. Die Frau wie gesagt beim Mittagessen mit einer Freundin. Alles

überprüft. Sonst nichts."

"Bis auf die unbekannten Sportschuhabdrücke", verbesserte ihn Lisa-Maria Krahn.

"Oh ja, zwei prima Abdrücke, einer nicht einmal stark genug, um die Sohle erkennen zu können. Könnte auch einen Laune der Natur sein. Nichts wert. Der andere von einem Adidas Sowieso. Dutzendware. Aber sonst nix. Schlussfolgerungen?"

Die drei Ermittler schauten sich lange an. Dann sagte Justus Töpfer: "Selbstmord."

"Schon wieder", fügte Lisa-Maria Krahn hinzu.

Böwes ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen, warf die Papiere, die er in der Hand gehalten hatte, auf den Tisch, stöhnte und raufte sich die Haare. "Also wirklich, langsam wird es lächerlich!

11. Anna!

"Oh when did you become so cold?" Nightwish - The poet and the pendulum Zwei Tage lang hatte sie nichts von ihm gehört. Das verwunderte Anna. Nein, verwunderte es sie wirklich? Schon bei ihrem ersten Aufeinandertreffen hatte sie ihn erkannt und nach ihrer gemeinsamen Nacht wusste sie mehr über Hajo Gote als er über sich selbst. Wie ein verwundetes Tier hatte er sich zurückgezogen und gelitten, fast 20 Jahre lang. Dann, vor gut einem halben Jahr hatte er die Waffe in die Hand bekommen. Eingesetzt hätte er sie aber vielleicht nie, wenn Andreas Stallwangs Mutter nicht...

"Ja, es ist unfassbar. So ehrenhafte Männer. Hoffentlich ging es schnell und sie mussten

nicht leiden. Nicht leiden, das ist das Wichtigste. Schrecklich, schrecklich."

Leni Silberstein war in den Buchladen gekommen, unterhielt sich laut mit Hedwig Braun und holte Anna aus ihren Gedanken. Die Tragödien, die beiden unglaublichen Todesfälle Jürgen Reeder und Christian Meyer, waren das Tagesgespräch im Ort. Der ehemalige Dorfpolizist Wilhelm Henkel versorgte jeden, der etwas wissen wollte, mit Informationen, immerhin hatte er noch ganz gute Beziehungen zum Polizeipräsidium in Werrentheim. Das er die Quelle für all das Gerede war, hätte er natürlich geleugnet. Immerhin war er ein Ehrenmann, kein geschwätziges Waschweib.

"Du kannst den Laden gleich abschließen, Anna", sage Hedwig Braun und schnappte sich ihre schwarze Handtasche, die zu ihrem schwarzen Rock und Mantel passte. Auch Leni Silberstein war ganz in schwarz gekleidet.

"Sie kommen nicht mit zu Jürgen Reeders

Beerdigung, Fräulein Bäcker?", fragte die Institution des Ortes mit eiskalter Stimme.

"Nein, Frau Silberstein."

"Das ist auch besser so. Nicht dass sich noch jemand provoziert fühlt."

Kurz nachdem die beiden Frauen gegangen waren, sperrte Anna den Buchladen ab, nicht ohne zuvor das Wegen einem Trauerfall geschlossen-Schild ins Schaufenster zu stellen. Dann nahm sie ihr Fahrrad und fuhr los. Schließlich stand sie vor dem Feldweg, der den Hügel hinauf bis zum Waldrand führte. Kurz zögerte sie. Anna hatte Hajo erkannt und war fest davon überzeugt, nichts von ihm befürchten zu müssen. Er war wie er war, stellte für sie aber keine Gefahr da, konnte zwischen ihr und ihrem Vater unterscheiden. Sie schob ihr Fahrrad den Weg entlang und den Hügel hinauf. Irgendwo in den Hecken zur Linken saß ein Goldammermännchen und schien sie mit seinem langgezogenen Piepen aufmuntern

zu wollen. Mit einem Lächeln quittierte Anna dies, drehte den Kopf und winkte dem unsichtbaren Piepmatz freundlich zu. Beim Haus angekommen, lehnte sie ihr Fahrrad an einen Wand, ging zur Tür und klingelte. Nach einem Augenblick rief jemand etwas, es rumpelte und gleichzeitig erklang ein Aufschrei und dann erschien Gote im Türrahmen, mit verzehrtem Gesicht, sich das Knie haltend.

"Du bist es!", rief er erstaunt.

"Freust Du dich nicht?"

"Glaub mir, Anna, Freude beschreibt im Moment nicht annähernd meine Gefühle." Hajo rieb sich immer noch das Knie.

"Na, dann bin ich ja im rechten Augenblick erschienen." Zärtlich umfasste sie seine Hüften und küsste ihn. Als ihre Münder sich trennten, seufzte Gote langsam, aber lange.

Humpelnd führte er Anna ins Haus. Es war sehr viel kostspieliger eingerichtet, als sie gedacht hatte, wenn auch ein wenig altbacken.

Im Wohnzimmer fiel ihr Blick als erstes auf ein großes, fürchterlich kitschiges Gemälde eines röhrenden Hirsches vor schneebedeckten Bergen. Auch die ockerfarbenen Sessel wirkten nicht sehr modern, sahen aber bequem aus. Auf dem Dreiersofa lag eine Decke, als habe Gote dort geschlafen.

"Hast Du Hunger?", fragte er sie.

"Ein bisschen früh, aber ich hatte nur einen Joghurt zum Mittagessen."

"Prima. Ich mache gebratenes Gemüse mit Nudeln. Scharf. Mit Sambal Olek. Mach es Dir so lange bequem."

Gote verschwand durch eine Tür in einen Raum, der wohl die Küche war. Langsam schaute Anna sich um, fand aber nichts, was sie interessierte. Krieg und Frieden eignete sich auf jeden Fall nicht als kurzfristige Lektüre. Also ging sie zu der Glastür und trat auf die Terrasse. Als Erstes begrüßte sie dort ein beißender Geruch. Sie benötigte einen Weile,

doch dann war Anna sich sicher, dass es nach verbranntem Plastik stank. Mit geschlossenen Augen folgte sie ihrer Nase und endete so vor einem Grill, der in der Ecke eines aus Glasbausteinen errichteten Windfangs stand. In ihm lagen zwei unförmige klebrige Haufen, die so gar nicht nach Grillkohle aussahen. Kopfschüttelnd deckte Anna den Grill mit dem danebenliegenden dazugehörenden Deckel ab und ging auf die andere Seite der Terrasse. Aus dem nahen Wald beobachtete sie ein Paar Augen. Sie zwinkerte ihnen zu und das Tier verschwand im Unterholz.


"Kann ich Dir helfen?"

Gemüsewaschend und -schneidend wandte er ihr den Rücken zu. "Dazu bist Du nicht hier", antwortete Gote. "Außerdem ist das eines meiner Standardgerichte. Geht mir leicht von der Hand."

Anna lachte. "Typisch Mann. Wenn sie mal

was in der Küche machen, soll ihnen ja niemand dazwischenfunken."

"Klar! Die Zeit der großen Reiche ist ja vorbei. Da wollen wir zumindest die Kopftöpfe beherrschen."

Mit ein paar schnellen Schritten war Anna heran, umfasste ihn von hinten und küsste ihn auf den Hals. Er roch gut, ein wenig nach Seife und ein wenig nach ihm selbst. Es war etwas Besonderes an diesem unauffälligen, ein wenig unansehnlichen, unbekanntem Historiker.

"Ich habe Durst", flüsterte Anna ihm ins Ohr.

"Oh, ich fürchte, es ist nichts oben. Aber wenn Du aus der Küche nach links gehst, führt die zweite Tür in den Keller."

"Danke, mein Schatz."


Die Tür schien nicht recht in das altmodische, aber sauber eingerichtete Haus zu passen. Sie war alt, verzogen und die Farbe blätterte an einigen Stellen ab. Darum konnte man auch die

Buchstaben LSR erkennen, die früher einmal oben links in die Ecke gepinselt worden waren. Die Schrift war fast verblasst. Anna brauchte einen Weile, bis sie sich daran erinnerte. LSR. Luftschutzraum. Das stammte aus der Zeit der Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg. Was sie aber hier zu suchen hatten, war ihr schleierhaft. Sie öffnete die Tür und betätigte den Lichtschalter. Eine nackte Glühbirne leuchtete am Ende einer Treppe auf, doch bei näherer Betrachtung verbreitete die eher Dunkelheit als Helligkeit. Zumindest kam es Anna so vor. Vorsichtig stieg sie in den Keller hinab. Die hölzernen Stufen knarrten unter ihren Füßen und das Geländer, an dem sie mit der rechten Hand nach Halt suchte, machte einen äußerst unzuverlässigen Eindruck. Endlich am Ende der Treppe angekommen, war Anna sehr froh, auch wenn es hier muffig roch und eine unbesiegbare Feuchtigkeit im Raum lag. Die Wände des Kellers konnte man im trüben Licht der

Glühbirne nicht erkennen. Sich mochten kilometerweit entfernt sein. Direkt unter der armseligen Lichtquelle standen aufeinandergestapelt gut ein Dutzend Wasserkästen. Anna nahm eine Flasche heraus und schaute auf das Etikett. Werrentheimer Grafenquelle. Das war so ziemlich das teuerste Mineralwasser, das sie kannte.

Ein knarrendes Geräusch ließ sie auffahren!

Sie schaute sich um, sah aber nichts. Dann, weil sie großen Durst hatte, öffnete sie eine Flasche und setzte an. Es war nicht nur das teuerste, sondern auch das beste Mineralwasser, das sie kannte. Die kühle Flüssigkeit rann ihre Kehle herunter. Und dann legte sich eine fechte Hand auf ihre Schulter. Vor Schreck ließ Anna die Flasche fallen!


"Es tut mir leid, dass die Flasche kaputtgegangen ist", entschuldigte sich Anna ein weiteres Mal zwischen zwei Gabeln. Gote,

der ihr gegenüber am Wohnzimmertisch saß, schüttelte den Kopf.

"Meine Schuld. Keine Ahnung warum ich Dir nicht gesagt habe, dass es auch eine Treppe gibt, die direkt von der Küche in den Keller führt. Und dann hatte ich vom Gemüsewaschen auch noch nasse Hände." Er grinste. „Die feuchte Hand des Todes!“

Da musste Anna lachen. Anschließend ließen sie es sich schmecken. Dabei schwiegen sie, schauten sich nur heimlich gegenseitig an wie verliebte Teenager in der Achten Klasse. Nur einmal brach Anna die Stille.

"Was hast Du eigentlich draußen" - sie deutete mit der Gabel auf die Terrasse - "mit dem Grill gemacht?"

Gote schaute sie an. Nach mehreren Augenblicken antwortete er. "Hab versucht, mir etwas zu Essen zu machen. Aber ich bin kein Grillmeister. Vor lauter Ärger habe ich alles in die Flammen geworfen."

Anna runzelte leicht die Stirn. Solcher Jähzorn passte eigentlich nicht zu ihm, der so viel aus Überlegung tat. Genauso wie das, was sie im Grill gesehen hatte, zu dieser Geschichte.

Nach dem Essen gingen sie zum Sofa. Anna wollte sich auf die rechte Seite setzen, doch Gote zog sie zu sich nach links. Sie schalteten den Fernseher an und schauten irgendeine lächerliche Serie. Doch das war beiden gleich, denn sie hatten einander und hielten sich fest, gaben sich gegenseitig Halt.

12. Anna?

"Search for beauty, find your shore" Nightwish - The poet and the pendulum Über Nacht wollte Anna nicht bleiben. Gote glaubte ihr das. Von nun an glaubte er ihr alles. Auch wenn ihm nicht alles gefiel.

Als das Fernsehprogramm zu lächerlich wurde - in Gotes Erinnerung ging es um die Qualität des Blumenlieferservice von Lottoannahmestellen -, wandte sich Anna ihm zu, strich ihm zärtlich über die Wange und gab ihm einen Kuss auf die Nasenspitze.

"Ich muss nach Hause."

"Musst Du?"

"Ich will nach Hause. Bin hundemüde. Meinen Schlaf brauche ich ganz dringend und hier würde ich ihn nicht bekommen." Anna lächelte.

"Bin halt unwiderstehlich", sagte Gote. Darauf lachte sie und knuffte ihn in die Rippen.

Als sie sich ihre Schuhe anzog, schaute Gote ihr aufmerksam zu. Er hatte nur den Ton des Fernsehers heruntergedreht. Die bunten Bilder, die er immer noch in den Raum warf, beleuchteten Anna wie eine Schauspielerin, eine grazile, sich gleichmäßig bewegende Schauspielerin. Ihr schwarzer Rollkragenpulli ließ sie verführerischer erscheinen als der tiefer Ausschnitt ein Pin-Ups.

Die Nacht begann aufzuziehen. Still, aber Anna bei der Hand haltend brachte Gote sie zur Haustür. Als er diese für sie öffnete, ließen vom nahen See reflektierte Abendsonnenstrahlen alles vor dem Haus rotgolden erstrahlen. Anna trat durch die Tür und das Licht umspielte sie, als wäre es ihr Diener. Die beiden umarmten sich lange, noch immer still, aber ganz beieinander. Dann nahm Anna ihr Rad von der Wand, setzte sich auf den

Sattel und ließ es am Seven vorbei hügelabwärts rollen. Gote schaute ihr nach, bis die Landschaft sie verbarg, seine Blicke im Nichts endeten. Lange stand er so noch da.


Zurück im Haus stieß Gote mehrmals mit der Stirn heftig gegen die Wand. Warum hatte er das getan? Er misstraute ihr doch gar nicht. Er liebte sie. Natürlich, das würde Probleme mit sich bringen, aber das stand auf einem ganz anderen Blatt. Vielleicht war er auch einfach nur ein Trottel. Doch dann begriff Gote: Er hatte es getan, weil er es konnte! Macht korrumpierte, sie korrumpierte auch ihn! Er musste seinen Plan schnell zu Ende führen.

Noch ein Dutzend Mal stieß er mit der Stirn gegen die Wand. Dann ging er zurück ins Wohnzimmer. Auf der rechten Seite des Sofas, dort wo Anna sich zuerst hatte hinsetzen wollen, lag, unter zwei Kissen verborgen, das geöffnete Holzkästchen. Als sie im Keller

gewesen war, hatte er es aus dem Safe geholt und dort deponiert. Doch das Ding hatte keine Wirkung auf sie gehabt. Sein kleines Spielchen war umsonst gewesen. Anna hatte nichts zu verbergen, oder ihr Geheimnis bestand aus der Tatsache, dass sie war, wer sie war.

13. ein Kommentar von Leni Silberstein

"No more praise"

Nightwish - The poet and the pendulum




"Ach, das ist so furchtbar für unsern Ort. Jürgen Reeder war ein so aufrechter Mann. Und immer so fesch. Und dann auch noch Christian Meyer. Ein so kluger und vielseitiger Architekt. Das zeigt doch, dass unsere Kulturgemeinde gesund ist. Also, wenn sie mich fragen, ich halte ja nicht viel von der Verstädterung. Hier auf dem Land, da atmet noch der freie Geist. Aber nun: beide tot! Was für ein fürchterlicher Verlust. Nun ja, die Verrückte wird ja wenig davon mitbekommen haben - oder erwarten Sie etwas anderes? -, aber Marion Mayer ist ja ganz verzweifelt. Und wie man hört, geht die

Polizei von Selbstmord aus. Woher ich das weiß? Oh, ich habe meine Quellen, das können Sie mir ruhig glauben, ich erzähle nicht einfach drauflos, aber Wilhelm - Welcher? Ja, genau, Wilhelm Henkeln - sagt das ja auch. Was für einen Schande. Denken sie nur an das Andenken. Was sollen die Leute von uns denken! Als wären wir Gesindel oder Halunken. Nein, politisch zuverlässig ist die Polizei heute bestimmt nicht mehr. Die nehmen ja jeden, stellen sich hin und reden nur Unsinn. Fehlt nur noch ein Negerwachtmeister. Selbstmord! Wieso sollten sie das tun? Der Herr Pfarrer glaubt das auch nicht, sonst hätte er die Beerdigung mitten auf dem Friedhof bestimmt verhindert. Wir wissen schließlich noch, was sich gehört. Und ein Kameltreiber mit seiner Pizzeria ist ja wohl genug. Was? Ach, was weiß ich, wo der Mohammedaner herkommt. Die sehen doch eh alle gleich aus. Aber einen Mordfall scheint die Polizei ja auszuschließen. Nein, natürlich

niemand aus dem Ort, ich bitte Sie. So was gibt es in der Stadt. Jaha! Ich habe das erst neulich im Fernsehen gesehen. Wo ist nur der Anstand geblieben... Früher gab es das nicht. Damals konnte eine Dame noch in finsterster Nacht ohne Angst über die Straße gehen. Nicht dass das für eine Dame schicklich wäre. Aber mit diesem Kommissar sollte mal jemand sprechen, ihm gehörig auf die Finger klopfen. Balck heißt er, glaube ich, so wie diese fürchterlichen Leute, die früher die Straße runter gewohnt haben. Was? Böwes? Nun, eigentlich ist mir das egal. Ist so oder so unfähig. In seiner Gefolgschaft soll sogar eine Frau sein! Ja, das sagt einiges. Aber ich denke da an diesen seltsamen Mann, der sich in das Haus am Waldrand eingemietet hat. Die Besitzer sind ja schon merkwürdig, aber der ist eine Marke, auf jeden Fall. Es heißt ja, dass im Haus auch entartete Kunst hängen soll. Mir wird ganz schlecht, wenn ich nur daran denke. Nackte

Weiber und so. Nein, ordentlich ist der bestimmt nicht. Wenn Sie mich fragen, hat er was auf dem Kerbholz. Ach was, ich weiß das einfach. Bin alt genug, um dafür ein Gefühl zu haben. Oder glauben Sie etwa, der hätte einen guten Charakter? Ich habe ja nichts gegen Fremde, aber von hier ist der bestimmt nicht. Ist wie ein Bonze mit seinem fürchterlichen Auto eingefahren und - ja, sehen Sie, das müssen Sie jetzt selbst zugeben! - ab da sind diese schrecklichen Dinge passiert. Also wenn der Balck - ja, ja, Böwes ich weiß - also wenn ich dieser Böwes wär', würde ich mir den einmal genauer ansehen. Nein, dass er hier Bücher bestellt hat, macht ihn nicht besser, ganz bestimmt nicht."

14. Späte Rache

"Poet without a rhyme" Nightwish - The poet and the pendulum Es war nicht so, dass Hedwig Braun das Gedankengut ihres Vaters teilte. Als sie den Laden übernommen hatte, waren die Werke von Karl Marx sehr schnell aus den Regalen verschwunden. Sie war eine regelmäßige Kirchgängerin und sah hinter allem, in dem das Wort sozial vorkam, die bolschewistischeRevolution lauern. Nicht dass sie gewusst hätte, was Bolschewismus bedeutet. Er war für sie einfach der Feind aller Ordnung, so wie Dreck der Feind aller Schrubber ist. Ironischerweise hatte sie selbst das, was man andernorts eine soziale Ader genannt hätte, doch für Hedwig Braun war es

Nächstenliebe, etwas völlig anderes. Sie hatte Anna Bäcker vor Jahren aus voller Überzeugung die Lehrstelle gegeben und sie gerne nach dem Abschluss übernommen, auch weil sie gut war.

Doch die Rede von Leni Silberstein hatte selbst sie verblüfft. Sie sagte nichts, was jedoch auch da herrühren konnte, dass sie wusste, wie sinnlos es war, die Silberstein zu unterbrechen. Damit erreicht man nicht mehr, als sie zu erzürnen. Mit einzelnen Teilen dessen, was sie gesagt hatte, war Hedwig Braun durchaus einverstanden. In der Gesamtheit missbilligte sie jedoch den Vortrag, musste aber auch an ihr Geschäft denken.

Bei Anna war das anders. Sie hatte schon nach den ersten Sätzen ihren Posten hinter der Theke verlassen. Verstehend nahm Hedwig Braun das zu Kenntnis. Sie wusste, dass die beiden Frauen nicht nur wegen des Altersunterschieds nicht zusammenpassten. Geräuschvoll räumte Anna Bücher aus den Regalen und schob sei

wieder hinein. Es nutzte nichts. Die hohe meckernde Stimme der Silberstein reichte in jede Ecke des Ladens. Bei dem Regal mit den Klassikern angelangt, fragte sich Anna, ob es wohl Krieg oder Frieden bedeuten würde, wenn sie der altehrwürdigen Institution des Ortes Tolstois fast gleichnamigen Roman über die Rübe ziehen würde. Doch der danebenstehende Mark Twain gemahnte sie zur Gelassenheit. Auch die Zeiten der Silbersteins dieser Welt würden ein Ende haben, das wusste sie ganz genau.

"Ja, ja, so ist das."

Als Leni Silberstein diese Worte sprach, atmeten alle in ihrer Umgebung auf. Sie wussten, das bedeutete den Abschluss des Vortrags. "Ich glaube, ich werde dieses Buch nicht kaufen."

Hedwig Braun nickte. Zum einen war sie froh, die Silberstein endlich loszuwerden, zum anderen wusste die Buchhändlerin, dass sie

morgen wiederkommen würde. Natürlich bestand die Gefahr, dass sie dann wieder einiges zum Besten geben würde, aber vor allem würde sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dass Buch dann kaufen.

"Sicher, Frau Silberstein" - alle, die Leni Silberstein duzen durften, waren, einschließlich ihres Mannes, der vor Jahrzehnten einmal als Bürgermeister im Ort residiert hatte, längst tot - "ganz wie Sie wollen."

"Ach, Frau Braun, bei ihnen wird man noch zuvorkommend bedient." Leni Silbersteins Blick wanderte durch das Geschäft, doch sie konnte Anna nirgendwo entdecken. "Wenigstens meistens. Guten Tag, Frau Braun."

"Guten Tag, Frau Silberstein."


Natürlich war für Anna Bäcker die Rede und das Verhalten von Leni Silberstein das, was sie an diesem Tag am meisten beschäftigte. Ihre rechte Hand wollte zittern. Annas Blick

wanderte zurück zu Krieg und Frieden. Wie es schien, hatte die Silberstein es nun auch noch auf Hajo abgesehen, wobei schwer einzuschätzen war, ob dahinter mehr als nur die Scheu der Eingeborenen vor dem Fremden steckte. All das beschäftigte Anna und es hätte sie für den Rest des Tages beschäftigt, wenn nicht kurz darauf das geschehen wäre, was geschah, schnell und unerwartet.

Leni Silberstein verließ das Geschäft und trat auf den Bürgersteig. Ein freundliche Brise wehte vom nahen See her die Straße entlang. Es war ein freundlicher Tag. Die Menschen gingen mit einem Lächeln ihrer Wege. Die Silberstein nickte nach links, als habe sie einen Bekannten gesehen. Es spielte keine Rolle, wer dort stand. Oft nickte sie tatsächlich nur der Luft zu. Die Leute sollten denken, dass sie jeden kannte und manche eben nicht mehr als ein stummes Nicken verdienten. Auf jeden Fall sah sie nicht nach rechts. Dort stand in einer Häusernische Hans

Anders, genannt Hans Hasenscharte. Als Leni Silberstein sich nickend nach Links wandte, kam Leben in ihn. Überraschend schnell und gewandt bewegte sich der 60-jährige Landstreicher. Bei der 80-jährigen Frau angekommen, packte er sie hart an der Schulter. Die Silberstein erschrak, drehte den Kopf - und erschrak noch mehr! Zum Rufen blieb ihr keine Zeit, denn schon prügelte Hans Hasenscharte mit seiner zerfledderten Bibel auf sie ein. Bereits nach dem ersten Schlag brach Leni Silberstein auf dem Bürgersteig zusammen. Die Bänder in ihrem linken Knöchel rissen und sie brach sich den rechten Fuß. Dennoch hatte sie Glück, denn sie fiel auf ihre Handtasche, die sie gleich losgelassen hatte, landete auf dieser mit ihrer Hüfte, so dass die keinen Schaden nahm. Hans Hasenscharte Anders stand über ihr und schrie: "Gott vergibt nicht! Hörst Du? Gott vergibt nicht!"

Endlich sprangen zwei Männer herbei und

zogen ihn fort. Er ließ es ohne Widerstand zu leisten geschehen. Man rief zwei Krankenwagen. Der Erste brachte Leni Silberstein in das Krankenhaus von Werrentheim, der zweite Hans Hasenscharte Anders in eine psychiatrische Klinik. Dort verbrachte er den Rest seine Lebens und fühlte sich wohl. Er wurde niemals angeklagt.

Die beiden Männer, die den Angriff beendet hatten, schauten den Krankenwagen nach. Einer von ihnen war ein Zugereister, lebte erst seit 15 Jahren im Ort.

"Was war denn das?", fragte er verwirrt. "Hans ist doch eigentlich ein ganz lieber Kerl."

Der zweite Mann schaute ihn an. "Ach, dass kannst Du ja gar nicht wissen." Er zog den anderen in die Häusernische, wo eben noch Hans Hasenscharte gewartet hatte. "Anders", flüsterte er, "er heißt Anders. Hans Anders. Und das ist auch der Mädchenname der Silberstein. Leni Anders. Jeder weiß, dass er ihr

unehelicher Sohn ist, geboren bevor sie den alten Silberstein geheiratet hat. Weil er schwachsinnig ist, hat sie ihn damals fortgejagt." Er zuckte mit den Schultern. "Musste wohl irgendwann passieren."

Die Männer gingen ihrer Wege. Keiner von beiden hatte Hajo Gote bemerkt, der, halb vom Kriegerdenkmal verdeckt, alles genau beobachtet hatte. Ihm wiederum war nicht aufgefallen, dass Anna ihn gesehen hatte. Und sie wusste, dass er das kleine Holzkästchen unter seine Jacke verbarg.

15. Die Andere schweigen

"On the shore we sat and hoped Under the same pale moon Whose guiding light chose you Chose you all" Nightwish - The poet and the pendulum Die Sonne lachte immer noch. Ihre Strahlen fluteten durch die zwei, nur von der Eingangstür getrennten, großen Schaufenster von Brauns Bücher in den Laden. Man konnte kleine Staubpartikel tanzen sehen. Die Tür war geöffnet und warme Luft strömte herein. Hedwig Braun stand immer noch auf dem Bürgersteig und unterhielt sich mit einigen Bekannten. Im Gegensatz zu ihr hatte Anna Bäcker das Geschäft nicht verlassen. Von dem im Eingangsbereich stehenden Messingtisch mit

den Neuerscheinungen aus hatte sie Hajo Gote durch die Schaufenster entdeckt. Sie gab ihm keine Schuld, weil sie wusste, dass er keine Schuld trug, doch dieser Ausbruch von Gewalt hatte sie erschrocken, furchtbar erschrocken. Wie die meisten kannte sie Hans Anders ihr Leben lang. Ihr war bewusst gewesen, dass sein verwirrter Geist eine verletzte Seele einschloss, doch er war immer freundlich gewesen. Oft trug er auf dem Parkplatz des Supermarktes Leuten ihre Einkäufe und lehnte jegliches materielle Dankeschön dafür ab.

Gott vergibt nicht!

Das gehörte eigentlich nicht zu seinem Wortschatz. Es war neu. Anna hatte es zum ersten Mal bei ihm gehört, nachdem Hajo zurückgekehrt war. Der Zusammenhang war evident. Und dennoch war es nicht seine Schuld. Vielleicht war dieser Ort einfach...

"Das ist nicht zu glauben." Auf wackligen Beinen kam Hedwig Braun zurück ins Geschäft.

Ihre Stimme war brüchig und ihr Gesicht kalkweiß. Anna eilte herbei und fasste ihren Arm.

"Sie sehe nicht gut aus. Möchten Sie einen Kaffee? Ich meine einen frischen Kaffee."

Nur mit Mühe rang Hedwig Braun sich ein Lächeln ab. "Danke, Anna. Den könnte ich im Augenblick gebrauchen. Wirklich gebrauchen. Machst Du einen?

"Sonst hätte ich bestimmt nicht gefragt. Außerdem könnte ich selbst auch einen vertragen. So etwas habe ich noch nie gesehen."

"Furchtbar, nicht wahr."

Die Chefin ließ sich von ihrer Angestellten zur Theke führen. Zum Glück war im Augenblick kein Kunde im Laden. Der Vorfall hatte alle auf die Straße gelockt. Zurückgekommen war niemand. Vielleicht hatte einer von ihnen ein Buch geklaut, doch das war im Moment gleich. Anna ging durch die beige Tür hinter der Theke in den kleinen

Aufenthaltsraum, wo auch die Kaffeemaschine stand. Sie goss den Inhalt der Glaskanne, die auf der Warmhalteplatte gestanden hatte, in die Spüle. Aus einem altmodischen Hängeschrank nahm sie eine metallene Dose und öffnete sie. Der berauschende Duft von gemahlenem Kaffee stieg ihr entgegen. Anna schloss die Augen und genoss ihn. Dann bediente sie mit geübten Handgriffen die Maschine. Sie wartete, bis leises Brodeln das Kochen des Wassers verkündete. Zurück hinter der Theke entdeckte sie wieder ein wenig Farbe im Gesicht von Hedwig Braun. Die Besitzerin des Ladens wandte sich ihr zu und sagte:

"Was hältst Du davon, wenn wir wieder eine Diskutierecke einrichten?"

Ein vorsichtiges Lächeln erkämpfte sich den Weg auf Annas Gesicht.


Den Rest des Tages lang ereignete sich nichts mehr, zumindest nichts, das es wert war, in

Erinnerung zu bleiben. Die Sonne schien fröhlich vom Himmel. Selbst Hedwig Braun vergaß ob des herrlichen Wetters und so mancher frischen Brise, die der nahe See in den Ort entließ, die Geschehnisse um Leni Silberstein, deren kleine Rede und den Angriff auf sie. Anna ging es anders. Sie erfasste nun alles und die Monstrosität der Ereignisse, der Früheren und der Jetzigen, ließ sie erschauern. Allerdings war es nicht ihre Aufgabe, in den Lauf der Dinge einzugreifen. Das konnte sie nicht allein entscheiden.

Nach Ladenschluss verabschiedete sie sich mit einer Umarmung von ihrer Chefin. Auch die Besitzerin von Brauns Bücher begriff, dass dieser Tag sie einander näher gebracht hatte. Sie verdrückte eine Träne. Anna schwang sich auf ihr Fahrrad und fuhr heim. Sie radelte langsam und machte so manchen Umweg, um einen klaren Kopf zu bekommen, doch auch um nicht gleich nach Hause zu müssen, denn sie hatte ein

wenig Angst. Aber es machte keinen Sinn sich zu drücken, dass wusste sie. Also fuhr sie irgendwann schnurstracks heim.

Anna lebte zumeist in der linken uralten Hälfte des großen Hauses, noch mehr in letzter Zeit, denn in dem neuen Anbau fiel immer wieder der Strom aus. Der örtliche Energieversorger beteuerte, dass er sich mit Hochdruck um das Problem kümmerte. Wie gewohnt stellte Anna ihr Fahrrad hinter dem Haus im Kellereingang ab und kette es an ein rostiges Fallrohr. Im Haus stellte sie ihre Tasche in der Küche auf den Tisch, ging aber sofort, ohne sich die Jacke auszuziehen, in den ersten Stock. Dort lag ihr Schlafzimmer. Zuletzt hatte sie immer lächeln müssen, wenn sie es betrat, weil sie stets an die Nacht dachte, die sie dort mit Hajo verbracht hatte. Dieses Mal geschah nichts dergleichen.

Sie ging zum Fenster und zog die Vorhänge vor. Es wurde sehr dunkel im Raum. Doch Anna

wusste was sie tat. Zielstrebig ging sie zu dem Bücherregal, das ihr Vater Paul Lehmann eigenhändig für sie gezimmert hatte, obwohl er Anwalt und furchtbar ungeschickt mit seinen Händen gewesen war. Anna versteckte ihr kleines Holzkästchen nicht. Sie benutzte es als Buchstütze, denn es war etwas größer und sie wusste, dass es keinen Safe benötigte. Das Ding beschützte sich selbst. Mit langsamen, aber zielsicheren Schritten näherte sich Anna ihrem Bett zu und setzte sich auf die Decke. Trotz der Jacke, die sie immer noch trug, fröstelte ihr. Nur kurz starrte sie durch die Dunkelheit auf das Holzkästchen. Entschlossen öffnete sie es. In ihm befand sich eine faustgroße Kugel, die aussah, als wäre sie aus Glas. Jeder Test hätte das bestätigt. Anna konzentrierte sich auf das Innere der Kugel. Bald zeigte sich das Licht, das in ihr gefangen schien. Es glühte erst nur ein wenig auf, wuchs jedoch bald Anna entgegen, die es nicht aus den Augen ließ. Es

dauert nicht lange und der grüne Schein der Kugel erfüllte das Zimmer. Anna nahm sie in beide Hände und konzentrierte sich noch mehr. Doch es nutzte nicht. Die anderen schwiegen.

16. Der Mann in Schwarz

"Swaying blade my lullaby" Nightwish - The poet and the pendulum Arndt Münzer war der Dritte im Bunde. Jürgen Reeder und Christian Meyer waren seine besten Freunde gewesen. Sie kannten sich, seit sie klein waren. Schon in der Schule hatten sie wie Pech und Schwefel zusammengehalten. Niemand war gegen sie angekommen. Sie hatten auch für Ordnung gesorgt, oder für das, was sie für Ordnung hielten. Hippies, Punker, linke Zecken, Streber und sonstige alternative Spinner hatten sie reihenweise vermöbelt. Da war es nur logisch, dass sie die begehrtesten Mädchen abbekamen: Melanie, Marion und Karin. Und wehe jemand schaute sie auch nur falsch an. Dann setzte es was. Das Melanie

blöde geworden war, dafür konnte Jürgen ja nichts. Später hatten sie zusammen gute Geschäfte gemacht. Doch nun waren Jürgen und Christian tot, auf absurde Art und Weise ums Leben gekommen, und Arndt hockte im Dunkeln und hatte Todesangst.

Das Haus der Münzers lag ein wenig außerhalb des Ortes, umgeben von großen immergrünen Hecken. Nirgendwo anders hatte es genügend Platz für den Tennisplatz gegeben. Arndt Münzer hatte es nicht von Christian Meyer, dem Architekten unter ihnen, planen lassen, weil er wusste, dass dieser schlampig arbeitet. Mehrere Monate lang hatte das ihre Beziehung belastet. Aber ihre Leben waren zu eng miteinander verwoben, als dass sie sich einen lange anhaltenden Streit hätten leisten können. So hatten sie sich wieder zusammengerauft. Jürgen war der Friedenstifter gewesen.

Und Jürgen war nun tot.

Ebenso wie Christian.

In dem Haus hatte Arndt Münzer sich endlich sein Spielzimmer einrichten können, mit Flippern, Poolbillardtisch und Automatenspielen. Am anderen Ende, so weit weg wie möglich, damit sie sich nicht ins Gehege kamen, lag Karins Schlagerzimmer.

Karin war nicht da.

Arndt hatte für diese Musik nichts übrig. Er hört Jazz und Klassik, las chinesische Gedichte im Original und Edgar-Wallace-Krimis. Genau genommen waren sie ziemlich verschieden, doch sie profitierten von einander und der Sex war auch nicht zu verachten. Auch wenn Karin keine 20 mehr war. Früher hatte sie sich mehr Mühe gegeben. Aber so war das eben in einer Ehe. Sie kochte nicht einmal mehr für ihn. Dafür hatte sie eine Köchin eingestellt, die aus Minsk in Weißrussland kam. Sie sprach nur gebrochen Deutsch, war aber in der Küche und im Bett eine Wucht. Aber das musste Karin ja

nicht wissen.

Die Köchin war auch nicht da.

Im Gegensatz zu Jürgen und Christian kümmerte sich Arndt selbst um den Garten. Er mochte harte körperliche Arbeit. So konnte er seinen Geist von überflüssigen Gedanken befreien. Außerdem war es ein guter Ausgleich für das eintönige Einerlei bei der Sparkasse Werrentheim. Dort war der Reiz für ihn schon lange verlorengegangen. Er kannte alle Tricks. Die hausinterne Revision würde ihn niemals erwischen.

Die Sonne war hinter den Bergen versunken. Es war sehr dunkel, eine feuchtwarme Sommernacht, fast schon schwül, denn schwere Wolken hingen tief am Himmel. Ein Gewitter lag in der Luft. Arndt Münzer war in seinem Spielzimmer und spielte Space Invaders. Die Weltraummonster hatten keine Chance gegen ihn. Aus den Augenwinkeln sah er, dass in der Ferne ein Blitz über den See zuckte und die

Nacht wie ein kaputtes Blitzlicht erhellte. Der erwartete Donnerschlag blieb jedoch aus. Stattdessen läutetet es an der Tür. Es klang eindringlicher als sonst. Er hasst es, ein Spiel aufzugeben, aber das konnte seine Frau, die etwas vergessen hatte, oder sogar wichtig sein. Also ließ er zähneknirschend von dem Automaten ab, ging zur Haustür und öffnete sie. Draußen war nichts als die dunkel Nacht. Er konnte noch nicht einmal bis zu der das Haus umgebende Hecke sehen. Vor der Tür stand aber niemand. Verärgert wollte Arndt Münzer sie schon wieder schließen, als eine schwarze Gestalt in das Dielenlicht trat, dass bis auf den Weg schien.

Zu erkennen war nicht viel. Konturen ließen sich allein ausmachen. Dennoch begriff Arndt Münzer, dass er einen Mann vor sich hatte, auch wenn er außer dem Schwarz nur dessen Turnschuhe erkennen konnte. Er wollte etwas sagen, doch seine Kehle war trocken. Etwas

schnürte sie zu. Zum ersten Mal in dieser Nacht meldete sich die Angst. Sie sollte wachsen und ihn erst wieder verlassen, als ein anderes Gefühl übermächtig wurde.

Der Mann in Schwarz trat näher. Einzelne Konturen zeichneten sich ab. Mit beiden Händen hielt er ein kleines Holzkästchen vor sich. Kurz überkam Arndt Münzer die Neugier. Was mochte das sein? Doch dann öffnete der Mann in Schwarz es und die Angst überflutet den Hausherren. In dem Kästchen lag auf einem schwarzen Samtkissen eine augapfelgroße Glaskugel. Es dauerte nicht lange und sie begann grün zu pulsieren. Und dann schlug der Mann in schwarz die Kapuze zurück. 20 Jahre lang hatte Arndt Münzer dieses Gesicht nicht mehr gesehen, doch er erkannte es sofort. Die Erinnerungen kamen zurück und der erste Funke des Gedankens, tiefes Unrecht begangen zu haben. Ein Schrei wurde in seiner Kehle geboren, konnte sie aber nicht verlassen.

Der Mann in Schwarz nahm die Kugel und setzte sie auf den Boden. Arndt Münzer wandte sich mit Schrecken ab und lief ins Haus. Noch sträubte sich sein Überlebenstrieb gegen die Einsicht. Die Kugel folgte ihm. Alles Licht im Haus erlosch.


Eine halbe Stunde lang dauerte die Jagd bereits. Die Kugel war nicht schnell. Lies sie sich Zeit? Quälte sie ihn? Oder erkundete sie das Haus? Arndt Münzer war im Gästezimmer im ersten Stock und versteckte sich hinter einem alten Sessel, der ein wenig nach seinen vielen Lebensjahren stank. Sie hätten ihn eigentlich schon längst aufpolstern lassen müssen. Das dunkle Rollen der Kugel drang von unten zu ihm hinauf. Es war nur eine Kugel, aber er wusste, dass er auch hier oben nicht vor ihr sicher war. Hastig schaute er über seine Schulter. Natürlich konnte er aus dem Fenster steigen, aber wer sagte, dass die Kugel ihm nicht

auch dahin folgen würde? Außerdem stand vor der Tür noch der Mann in Schwarz, das spürte er. Die Angst wuchs sich langsam zu einer Panik aus. Kalter Schweiß stand auf Arndt Münzers Stirn und er atmete stoßweise. Ein Blitz erleuchtete das Gästezimmer und beschien alles in ihm auf groteske Art und Weise. Als wäre das ein Startschuss gewesen, sprang er auf, lief durch die Tür. In der Diele schaute er sich nach links und nach rechts um. Nirgends war das grüne Leuchten der Kugel zu sehen. Doch er konnte sie hören.

Klonk-klonk-klonk!

Sie kam die Treppe hinauf. Auf der anderen Seite des Hauses gab es noch eine zweite, aber das konnte sie nicht wissen. Auf die rannte Arndt Münzer nun zu. Von einem Donnerschlag getrieben nahm er zwei Stufen auf einmal. Dennoch näherte sich das dunkle Rollen ihm wieder. Am Fuße der Treppe angekommen, fiel ihm nichts besseres ein, als sich nach links zu

wenden, seinem Spielzimmer zu. Es lag ganz am Ende eines langen Gangs und hatte nur einen Zugang. Es war eine Sackgasse, doch in seiner Panik begriff Arndt Münzer das nicht. Er wurde von Angst beherrscht, von Angst und einer immer deutlicher werdenden Erinnerung, die er so lange so gut in seinem Innersten begraben hatte.

Im Spielzimmer angekommen, wusste er nicht, wo er sich verstecken sollte. Mit zittriger Hand schloss er die Tür. Es gelang ihm kaum. Auch hier funktionierte das Licht nicht. Dann stellte er sich hinter den Poolbillardtisch und wartete fingernägelkauend. Es dauert nicht lange und das dunkle Rollen näherte sich. Die Tür öffnete sich - wie immer die Kugel das auch geschafft hatte. Sie kam näher und blieb einen Meter vor ihm liegen. Der grüne Schein, der aus ihren Tiefen kam, erfüllte den Raum. Sonst tat sie nichts. Arndt Münzers Angst wich, aber nur um einem anderen Gefühl Platz zu machen:

Verzweiflung. Die Erinnerung wollte übermächtig werden. In einer letzten Kraftanstrengung stürzte er sich auf die Kugel und griff nach ihr. Sie brannte wie Feuer in seiner Hand. Die Muskeln in seinem Oberarm zitterten unkontrolliert, aber irgendwie schaffte er es, sie in eines der Löcher des Poolbillardtischs zu stecken. Das grüne Licht erlosch.


Erschöpft und ungläubig stand Arndt Münzer in seinem Spielzimmer. Er fühlte sich leer und das aufziehend Gewitter bemerkte er nicht. Schließlich begann er zu lachen, wie ein Irrer zu lachen. Er war dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen. Natürlich hatten er und die anderen zusammen Fürchterliches getan, aber er lebte noch. Nur darauf kam es an. Um klarer zu sehen, wollte er das Licht einschalten. Er bestätigte den Schalter, doch nichts geschah. Stattdessen sah er ein grünes Schimmern.

Die Kugel kroch aus ihrem Loch und Arndt Münzer kapitulierte.

Er ging zum Billardtisch. Lange starrte er die Kugel an. Dann nahm er sie. Dieses Mal fühlte sie sich kühl an. Angst, Panik und Verzweiflung wuchsen in ihm, befeuert von Reue, tödlicher Reue. Er wusste, dass er ein Monster war. Er hatte großes Unrecht begangen. Und dafür gab es in der Welt - in seiner Welt - nur eine Strafe. Ruhig ging er in die Küche. In der Abstellkammer bewahrte er den flüssigen Grillanzünder auf. In einer Schublade fand er Streichhölzer. Seine Schritte waren von entschlossener Gebrochenheit, als er das Wohnzimmer betrat. Er schaute noch einmal auf die Kugel. Es war nicht ihre Schuld. Sie hatte ihm nur klar gemacht, was er eh wusste, schon jahrelang wusste.

Mit ruhigen Bewegungen kletterte er in den offenen Kamin und legte mehrere Holzscheite neben sich. Die übergoss er ebenso mit dem

Grillanzünder wie sich selbst. Das Brennen der Kugel, als er sie das erste Mal in der Hand hielt, hatte ihn auf die Idee gebracht. Dann riss er ein Streichholz an und ließ er fallen. Arndt Münzer verbrannte still bei lebendigem Leibe.

Als das Gewitter begann, fiel der Regen durch den Schornstein und löschte so den verkohlten Leichnam. Da sprang die Kugel aus der Hosentasche und rollte zurück zur Haustür. Der Mann in Schwarz stand noch immer da. Er bückte sich, legte die Kugel zurück auf das Samtkissen und schloss das Holzkästchen. Ohne das Haus zu betreten wandte er sich ab und verschwand im Regen.

17. Jede Menge Spuren

"Everyone must bury their own" Nightwish -The poet and the pendulum Einige Sachen waren wie immer, andere waren anders. Das ein weiterer Anruf aus dem Nest am See hinter den Bergen das Präsidium Werrentheim erreichte, überraschte Polizeioberkommissar Alexander Böwes nicht. 'Aller schlechten Dinge sind drei', dachte er verbittert.

Irgendetwas ging dort vor und er fragte sich langsam, ob die Kriminalpolizei dafür der geeignete Ansprechpartner war. Er war davon überzeugt, dass die Fälle – nun hatten sie es mit dem dritten Toten zu tun – zusammenhingen, sah aber keine Verbindung. Nahm man den prügelnden Landstreicher noch

hinzu, konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Gewalt sich in dem Nest am See niedergelassen hatte. Vielleicht benötigten die Menschen dort eine Psychotherapeuten, einen Geisterheiler oder einen allwissenden Scharlatan.

Der erste Bericht passte. Es zeichnete sich das übliche Bild ab: Ein Mann, der auf skurrile Art und Weise zu Tode gekommen war. Böwes und Lisa-Maria Krahn warteten ein wenig, um der Spurensicherung die Möglichkeit zu geben, die ersten Ergebnisse zu sammeln. Mussten schnelle Entscheidungen vor Ort gefällt werden, war Hermann Felder, der Chef der Spurensicherung, ja vor Ort und würde sie auch sofort benachrichtigen. Erstaunlicherweise wollte Justus Töpfer, der Dritte in ihrem Team, sie begleiten. Er konnte kein Blut sehen und mied in der Regel Tatorte, doch dieses Mal war er fest entschlossen, auch wenn es ihm offensichtlich schwer fiel.

So fuhren Böwes, Krahn und Töpfer los. Wie üblich saß Lisa-Maria am Steuer. Das nächtliche Gewitter hatte die Luft gereinigt. Darum hatten sie die Fenster heruntergefahren. Der Fahrtwind war frisch und roch nach Frühling mitten im Sommer. Die Pflanzen schienen den kräftigen Guss genossen zu haben, denn ihr Grün wirkte lebendiger als in den Tagen zuvor. Aus den schattigen Ecken war der Morgentau noch nicht verschwunden. Außerdem war es nicht mehr so warm wie in den vergangenen Tagen. Böwes mochte das. Gutes Wetter sorgte bei den Menschen für jene fürchterlich gute Laune, die er hasste, weil er wusste, dass es dafür eigentlich keinen Grund gab. Wurden sie dann mit der Wirklichkeit konfrontiert, fielen sie um so tiefer, denn diese veränderte sich ja nicht, nur weil die Sonne schien. Im Sommer stieg die Anzahl der Gewaltverbrechen, davon war er nicht abzubringen.

Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto ruhiger

wurde Justus Töpfer. Immer tiefer vergrub er sich in die Rücksitze und starrte angestrengt aus dem Fenster, nahm aber nur vorbeifliegende Farben war. Böwes bemerkte das, wusste aber nicht, wie er dem Kollegen, den er sehr schätzte, helfen sollte. Also sagte er nichts. Als sie ihr Ziel erreicht hatten, war Töpfer nur noch ein stummer Stein, der sich weigerte, das Auto zu verlassen. Also stiegen die beiden anderen alleine aus. Ein Mann der Spurensicherung, der sich auf der Straße gerade an einen großen Ausrüstungskoffer zu schaffen machte, bemerkte das uns grinste feist. Böwes sah es. Lisa-Maria Krahn zupfte noch an seinem Ärmel, doch ihr Chef war schon auf dem Weg. Er kannte den Spurensicherer, hielt ihn für aufgeblasen, unbegründet selbstbewusst und zutiefst unterqualifiziert. Bei ihm angekommen, baute sich Böwes vor dem Mann auf, lächelte freundlich und stupste dann mit dem Zeigefinger den Rhythmus seiner Worte auf die

Stirn des anderen: „Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß, Schorschi!“


Das Haus, dass sich hinter der hohen Hecke verbarg, überraschte die beiden Ermittler. Lisa-Maria Krahn hatte herausgefunden, dass Arndt Münzer, der Tote, bei der Sparkasse Werrentheim arbeitet. Dort war er kein niederes, aber auch keine hohes Tier. Von seinem Gehalt konnte er sich einen solchen Bau auf jeden Fall nicht leisten. Rechts neben dem Haus war ein eingezäunter Tennisplatz. Ein Rasenplatz! Es war bestimmt lohnend, noch einmal mit den Kollegen von der Wirtschaft zu reden. Die seltsamen Geschäfte der drei Männer hatten bestimmt etwas mit ihrem Tod zu tun. Die Kehrseite von wirtschaftlichem Erfolg war immer die Tatsache, dass es einen Haufen Verlierer gab. Da musste es einen Zusammenhang geben, es musste einfach.

Hermann Felder stand auf dem exakt verlegten

Plattenweg vor dem Haus und starrte über den gepflegten Rasen auf die auf die sauber gestutzte Hecke. Er und seine fleißig im Garten herumwuselnde Mitarbeiter wirkten fehl am Platz, brachten Unordnung an diesen aufgeräumten Ort. Vor allem aber lag Verwirrung auf seinem Gesicht.

"Hallo Hermann."

Der Chef der Spurensicherung brauchte eine Weile, bis er Böwes erkannt. "Oh, Alex. Hallo. Lisa."

Man nickte sich zu.

"Was kannst Du uns berichten?"

Hermann Felder sammelte sich. "Soweit ich es übersehen kann, ist es wie bei den beiden anderen. Keine ungewöhnlichen Spuren im Haus. Alles vorläufig. Drei Personen. Arndt Münzer, die Frau die... , seine Frau eben und eine Köchin." Er stockte.

Lisa-Maria Krahn kam ihm zu Hilfe. "Karin Münzer", las sie von ihrem Notizblock ab, "die

Ehefrau. Geborene Kranz. Seit 20 Jahren verheiratet. Und Irina Lyutokova, die Köchin. Kommt aus Weißrussland. Die Aufenthaltsgenehmigung ist in Ordnung."

Felder nickte. "Genau. Lyutodingsbums. Die Ehefrau war völlig hysterisch. Haben sie zu ihrem Hausarzt gebracht. Die Dingsbums ist bei ihr. Eine von uns auch. Man hat sie mit Beruhigungsmitteln vollgestopft. Also, die Ehefrau meine ich."

Da stimmte etwas nicht. Böwes packte Felder am Unterarm. Er war ein methodischer und ruhiger Mann, für seine Aufgabe war das unerlässlich. Doch er schien verwirrt.

"Hermann, was ist los? Hab ihr was gefunden?"

Der Chef der Spurensicherung schaute ihn erstaunt an. "Was los ist? Ob wir was gefunden haben? Oh ja, das haben wir. Aber es stimmt nicht, nichts stimmt, Alex!"

"Immer schön langsam, Hermann. Erzähl und

wir überlegen dann zusammen."

Lisa-Maria Krahn nickte zustimmend.

"Da gibt es nichts zu überlegen!", fluchte Felder. "Gut, Du willst wissen, was los ist? Spuren, mein Freund, jede Menge Spuren. Hier draußen, Spuren von nagelneuen Turnschuhen."

"Aber das ist doch gut", meinte Böwes.

Der Chef der Spurensicherung schüttelte heftig den Kopf. "Nichts ist gut. Es hat bis zum Morgen geregnet und auf der gegenüberliegenden Seite hat dann sofort ein Nachbar begonnen, sein Motorrad vor der Garage zu reparieren. Er hat niemanden gesehen. Der Arzt sagt, Münzer ist wahrscheinlich gestern Abend verbrannt. Klar, nur eine Schätzung, aber der Quacksalber liegt ja meistens richtig. Gehört hat keiner etwas. Und es hat ja nicht nur geregnet, es hat geschüttet. Der Boden links und rechts des Plattenwegs ist fest und der Regen hätte alle Spuren verwischen, sie aber zumindest

undeutlich machen sollen. Hat er aber nicht. Sie sind so deutlich, dass man die Einzelheiten der Sohle erkennen kann. Das gilt für jeden Abdruck. Jeden, verstehst Du? Als hätte jemand gewollt, dass wir sie finden. Und außerdem hat dieser jemand sie unempfindlich gegen Regen gemacht, wie auch immer. Sie sollten niemals da sein, sind es aber. So etwas habe ich noch nie gesehen, weil es unmöglich ist!"

18. Das letzte Abendmahl

"He stopped crying at the end of each beautiful day" Nightwish - The poet and the pendulum Die Nacht verbrachte Gote bei Anna. Es war den ganzen Tag über nicht so warm wie zuvor gewesen und nach Sonnenuntergang herrschte eine angenehme Kühle. Sie hatten die Fenster geöffnet. Eine frische Brise wehte vom See in das Haus. Die Vögel schwatzten auch in der beginnenden Dunkelheit noch miteinander.

Es hätte ein perfekter Abend sein können und ein wenig war er das auch. Hajo kochte. Er war darin besser als Anna. Ohne viel Nachzudenken dünstete er verschiedenen Gemüse und machte gebratene Nudeln. Dazu hatte er Ginger Ale besorgt. Zum Essen schauten sie John

Carpenters The Fog im Fernsehen an. Gote sagte, dass er diesen Film liebte. Es fiel Anna nicht schwer, das zu glauben. Sie bemerkte seine Stimmung deutlich. Nach dem Essen krochen sie auf dem Sofa gemeinsam unter eine Decke und hielten sich gegenseitig. Ruhe und Zufriedenheit erfasste beide, während auf dem Bildschirm Untote Menschen zerhackten.

Doch das war nur die eine Seite. Es schienen zwei Gotes bei Anna zu sein. Er wandelte sich wie Ebbe und Flut, nur in einem schnelleren Rhythmus. Mal war er zufrieden. Dann strahlte er eine große Ruhe aus, als habe er eine schwere Aufgabe hinter sich gebracht. Stets kam jedoch dieser Schatten zurück und lastete auf seiner Seele. Anna spürte es. Er glich einem Dichter, der einen abschließenden Vers suchte, ein Dichter der wusste, dass sein Werk ohne diesen bedeutungslos war. Seine Arme begannen leicht zu zittern und er zog sie dann noch ein wenig näher an sich heran, was ihn wieder zu

beruhigen schien.

Nach dem Ende des Films unterhielte sie sich. Er wollte wissen, wie ihr Tag gewesen war, doch Anna lenkte das Gespräch schnell auf ein historisches Thema. Sie wusste, dass er gern darüber redete. Dort fühlte er sich wohl, dort kannte er sich aus, war Zuhause. Mit mehr als nur einem Lächeln sah Anna, dass er plötzlich mit sich im Reinen war. Als sie in den ersten Stock stiegen und ihr Schlafzimmer betraten, war Hajo ganz er selbst.


Am frühen Morgen trennten sie sich. Anna fuhr auf ihrem Fahrrad zu Brauns Bücher und er mit seinem Seven zu dem Haus am Waldrand. Für den Abend hatten sie sich in der Pizzeria im Ort verabredet.

Den Tag über hatte Anna einiges zu tun. Es waren nicht mehr Kunden als sonst im Laden - Leni Silberstein schien niemand so recht zu vermissen - und an dem Geschwätz über den Tod

von Arndt Münzer beteiligte sie sich nicht. Doch Hedwig Braun schien es mit der Einrichtung der Diskutierecke ernst zu sein. Die Pläne dazu überließ sie Anna. Sofort nahm die Esoterik & Lebenshilfe ins Augen, ohne zu wissen, dass es dort schon einmal eine Diskutierecke gegeben hatte und welchen Freudensprung Hajo ob ihrer Idee gemacht hätte. Sie lief mit einem Zollstock durch den Laden, maß Längen, Höhen und Breiten, schätzte und überlegte. Wie viel Platz benötigten sie, wie viele Sessel? Sollten sie die Leute nach Lust und Laune plaudern lassen, oder Themen vorgeben? Es gab jede Menge Möglichkeiten. Das musste sie mit Hedwig Braun besprechen.

Am späten Nachmittag fuhr ein Wagen mit aufheulendem Motor am Laden vorbei. Anna erschrak, lief zum Schaufenster und schaute dem Auto hinterher. Es verließ den Ort. Sie hatte es noch nie gesehen. Erst da würde ihr

klar, dass sie Hajo verlieren würde, schon sehr bald verlieren würde. Glücklich werden gehörten nicht zu ihren Aufgaben, davor hatten die anderen sie gewarnt.


Hedwig Braun hatte Anna auf ihre Bitte hin etwas eher gehen lassen. Sie war nach Hause geradelt, um ihren schwarzen Rollkragenpulli anzuziehen. Sie wusste, dass Hajo ihn mochte. Er war ein letzter und, wie sie wusste, vergeblicher Versuch, Einfluss auf den Lauf der Dinge zu nehmen.

In der Pizzeria bekamen sie den selben Platz wie bei ihrer ersten Verabredung. Aus der Küche strömte das herrliche Aroma verschiedenster Gerichte in das Lokal. Es war gut gefüllt, aber dennoch war es nicht laut. Man konnte sich problemlos unterhalten. Anna fühlte sich wohl. Hajo erzählte von seiner Studienzeit, seltsamen Professoren und noch seltsameren Kommilitonen. Einer hatte sein

Referat über die rumänische Verfassung von 1878 in einem Seminar bei den Dakern beginnen lassen - im 1. Jahrhundert nach Christus! -, weil er das für das Verständnis unerlässlich hielt und war von dieser Auffassung auch nicht abzubringen gewesen. In Annas Gelächter hinein kam die Bedienung. Sie hatte eine Pizza Diavolo und er eine Lasagne bestellt. Das Essen verlief schweigend. Wie verliebte Teenager schauten Anna und Hajo immer wieder von ihren Speisen auf und kicherten. Nachdem sie ihre Teller geleert hatten, rückten sie auf der Bank zusammen, hielten sich bei den Händen und Anna erzählte aus ihrem Leben. Die anderen ließ sie aus.

Die Sonne war gerade untergegangen, als sie das Lokal verließen. Anna war sehr müde. Also stieg sie auf ihr Rad und er machte sich auf den Weg zu seinem Seven. Nach einem langen Kuss hatten sie sich bereits getrennt, als Hajo sich noch einmal umdrehte.

"Anna?"

"Ja."

"Ich liebe Dich."

Pause.

"Ja. Ich weiß."

Dann machten sich beide auf den Heimweg. Anna wusste, dass es eine Trennung für immer war.

19. Jochen Balcks Rückkehr

"The world will rejoice today As the crows feast on the rotting poet" Nightwish - The poet and the pendulum Das Gefühl war wieder da gewesen, nicht zum ersten Mal, wenn Gote Anna gegenüber saß. Es war etwas an dieser jungen Frau, der Tochter von Klaus Bäcker, des Mannes, der Melanie Reeder - damals hatte sie noch anders geheißen, aber an ihren Mädchennamen erinnerte er sich nicht mehr - vergewaltigt und fast totgeschlagen hatten. Ohne ihn wäre das alles nicht geschehen, wären mehrere Menschen noch am Leben. Dennoch hatte Gote zu keinem Zeitpunkt Hass gegen sie verspürt. Auf lange Sicht war es zwar besser gewesen, dass er Anna niemals zuvor getroffen hatte, aber da war ja

auch noch ihre Mutter gewesen. Was war mit ihr geschehen? Er befürchtete das Schlimmste. Dennoch war aus Anna eine kluge Frau geworden. Oder vielleicht gerade darum? Gote wusste es nicht. Auf jeden Fall hätte er ihr in der Pizzeria beinahe alles erzählt, wer er war, warum er zurückgekehrt war und was er bisher alles getan hätte. Er war sich sicher, dass sie ihn nicht verurteilen würde, auch wenn sie Gewalt ablehnte, so viel hatte er verstanden. Aber nicht das hatte ihn zögern lassen, war schließlich der Grund gewesen, warum er schwieg. Die Sache war noch nicht ausgestanden, auch wenn er diesen letzten Schritt anfangs nicht geplant hatte. Außerdem gab es noch die Polizei. In allen drei Fällen hatte er sie beobachtet, sich unauffällig unter die Gaffer gemischt. Dieser Kommissar mit der ausgewaschenen Jeansjacke, der ein wenig zu oft nach seiner jüngeren Kollegin schaute, schien genug von seiner Arbeit zu verstehen und

so bestand die Gefahr, dass irgendwann Uniformierte vor seiner Tür standen und ihm zu einen Gespräch baten. Zwar gab es nichts zu gestehen, schließlich hatten die drei sich selbst gerichtet, aber Gote hatte kein Alibi. Schlimmer noch, er war an allen drei Tatorten gewesen. Die Wirkung der Kugel würden weder die Polizei noch ein Gericht anerkennen und schon stand er schlecht da. Er konnte Anna nicht zur Mitwisserin machen, das würde ihr im besten Fall Probleme einbringen. Weder hätte er das ertragen können, noch wollte er das. Außerdem bestand die Gefahr, dass sie versuchte, ihm sein letztes Vorhaben auszureden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie damit erfolgreich war, musste Gote als groß einschätzen, ob er wollte oder nicht, denn sie war klug und hatte großen Einfluss auf ihn. Ja, er hätte diesen letzten Schritt gelassen und das wollte er nicht. Er musste die Sache zu Ende bringen, das war er Ikarus und Pegasus schuldig, jenen jungen

Liebenden, die vor 20 Jahren gestorben waren, jeder auf seine Art. Niemand, auch keine noch so kluge Frau, durfte das verhindern. Also hatte er geschwiegen, was das Härteste war, das er je in seinem Leben geleistet hatte. Vielleicht war es sogar eine Lüge gewesen, aber das hing vom Standpunkt ab. Und aus all diesen Gründen durfte er sie auch nicht wiedersehen. Seine Seele wehrte sich dagegen, aber sie Geist verstand die Zusammenhänge.

Es dauerte nicht lange, bis Gote seinen wenigen Habseligkeiten zusammengeräumt hatte. Etwas mehr Zeit nahm es in Anspruch, alle Räume wieder in den Zustand zu versetzen, in dem er sie vorgefunden hatte. Vor allem in der Küche musste er schrubben und wienern. Als er mit dem Ergebnis zufrieden war, brachte er die Scheuermittel zurück ins Bad und machte eine letzte Runde. Zuletzt ging er auf die Terrasse. Er hatte sie nur drei Mal betreten, jeweils als er die Laufschuhe in dem offenen

Grill verbrannte. Anna hätte das beinahe herausgefunden. Der Gestank der brennenden Kunstfaser war aber auch zu verräterisch gewesen. Aber die Fußspuren in den Vorgärten von Reeder, Meyer und Münzer hätten ihn verraten können, auch wenn er die Häuser nie betreten hatte. Und das einzige, was Spuren endgültig beseitigte, einschließlich der DNA, war Feuer. Die Überreste hatte er tief im Wald vergraben. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass man sie finden würde, konnte man sie ihm niemals zuordnen. Was die Tatorte betraf, war Gote ein unsichtbarer Geist, oder, falls ihn doch jemand gesehen hatte, der Mann in Schwarz.

Nachdem er das Haus abgeschlossen hatte, warf er die Schlüssel in den Briefkasten, ganz so, wie er es mit dem Makler abgesprochen hatte. Nun würden sie dort eben ein paar Tage länger liegen. Gote ging zum Wagen. Die Reisetasche stand auf dem Beifahrersitz, ganz

oben in ihr lag das kleine Holzkästchen mit der Kugel. Heute Nacht würde er sich ihrer ein letztes Mal bedienen. Dazu hatte er die Sachen wieder angezogen: schwarze Jeanshose, schwarzen Kapuzenpullover, langen schwarzen Regenmantel. Gote war der Mann in Schwarz. Nur die Schuhe waren dieses Mal seine eigenen, doch das war nicht zu ändern. Er hatte einfach vergessen sich ein viertes Paar Laufschuhe zu besorgen. Doch er wusste schon, was er mit diesen machen würde. Es waren nur Schuhe.

Gote zog die schwarze Kapuze über den Kopf. Früher waren sie oft in schwarz durch die Straßen gezogen. Vielleicht tat er es aus diesem Grund nun wieder, aber eigentlich hoffte er nur auf eine furchteinflößende Wirkung. Drei Mal hatte das funktioniert. Außerdem fühlte er sich so wohler.

Als er den Motor startete, hatte er wieder den Eindruck, dass er leiser als sonst im Leerlauf blubberte, genau wie bei den anderen Malen.

Das war Unsinn und Gote wusste es, doch die Vorstellung, dass selbst die Maschine sein Vorhaben unterstützte, gefiel ihm. Mit geschlossenen Augen sog er die durch den nahen Wald aromatisierte Abendluft ein. Es war nicht so warm wie zuletzt, aber immer noch sehr angenehm. Er mochte die Entwicklung. Dieser Ort hatte den Sonnenschein nicht verdient. Wenn es nach ihm ging, hätte in dem Nest am See hinter den Bergen der Frost das ganze Jahr über sein eisiges Zepter schwingen können, doch leider funktionierte die Welt nicht so. Gote setzte den Seven rückwärts aus der gepflasterten Parkbox und ließ ihn langsam den Hügel herunterrollen, ein letztes Mal.


Das Haus, zu dem er wollte, stand näher am See. Es war im 17. Jahrhundert errichtet worden und früher hatten die Fischereiaufseher in ihm gewohnt. Die Geschichte hatte ein feines Gespür für bittere Ironie, denn sein erster

Bewohner war ein Stallwang gewesen. Heute gab es sie hier nicht mehr, keine Fischereiaufseher, keine Stallwangs.

Weil es so alt war, lag es ein wenig abseits der anderen, später errichteten Gebäude. Ein ausgefahrener Feldweg durchschnitt ein kleines Wäldchen und führte zum Haus. Das war sicherlich nicht schlecht, doch dieses Mal war es Gote gleich, ob jemand den Mann in Schwarz sah. Dennoch parkte er den Seven unter einer kaputten Laterne, ein ganzes Stück von der Stelle entfernt, wo der Feldweg auf die Straße mündete. Er nahm das kleine Holzkästchen aus der Reisetasche und machte sich zu Fuß auf den Weg. Das Rufen einer jagenden Eule hallte über die Straße. Niemand antwortete ihr. Bei Einmündung angekommen, schaute sich Gote noch einmal gründlich um. Er konnte den Seven nicht einmal mehr ausmachen. Kein Mensch war auf der Straße. Er betrat den Feldweg.

Gote ging auf dem nicht ausgetretenen

Mittelstreifen. Der Grasboden federte unter seinen Füßen. In einiger Entfernung konnte er hinter einem Jägerzaun das Haus ausmachen. Im Erdgeschoss brannte noch Licht. Er konnte ihn bestimmt nicht hören, denn das Gras dämpfte seine Schritte. Quietschend öffnete Gote das Gartentörchen. Die Frau des anderen war schon vor Jahren gestorben, dass wusste er. Kinder gab es nicht und Gäste empfing er in seinem Haus nicht, außer es ließ sich gar nicht vermeiden. Zum Skatspielen ging er in eine Kneipe im Ort.

Der Garten war gepflegt, der Rasen gemäht, die Sträucher beschnitten. In der Regel bezahlte er einen Ausländer, der nicht wusste, wie er über die Runden kommen sollte, für diese Arbeit. Über der Tür hing eine Holztafel. Nur Müh schafft Ehrlichkeit war kunstvoll in sie eingeschnitzt. Gote betätigte die Klingel, vernahm das Läuten. Womöglich würde es etwas dauern, schließlich war der andere nicht mehr

der Jüngste. Aber er gehörte nicht zu jenen, die zunächst vorsichtig aus einem Fenster lugten, um zu sehen, wer vor der Tür stand. Schließlich war er früher Polizist gewesen.

Geräuschlos trat Gote einige Schritte zurück. Der anderen sollte ihn nicht sofort sehen, auch wenn er vermutete, dass seine Augen eh nicht mehr die Besten waren. Dann wurde die Tür geöffnet. Die schlohweißen Haare leuchteten in der Nacht. Nur ein schwacher Lichtschein fiel auf den Weg. Wie fast immer trug er seine graue Strickjacke.

"Wer ist da?"

Wilhelm Henkel, der ehemalige Dorfpolizist, drehte verwirrt den Kopf, schaute nach links und rechts, schien jedoch niemanden zu entdecken. "Hallo?"

Jetzt trat Gote näher. Er hatte das geübt und wusste, dass es im Halbdunkel schien, als schwebe er heran. Prompt wich Henkel angstvoll einen Schritt von der schwarzen

Gestalt zurück. Weglaufen oder die Tür schließen, was am klügsten gewesen wäre, konnte er nicht mehr. Die augapfelgroße Kugel in der kleinen Holzkästchen tat bereits ihre Wirkung.

Zwei Meter von einander entfernt blieben sie stehen. Eine Minute lang schauten sie sich an, Gote in die angstvollen Augen des Greises und der in das schwarze Nichts unter der Kapuze. Über den See klang das dumpfe Läuten einer Kirchenglocke. Daran sollten sich ein Nachbar später verwirrt erinnern. Es war gar nicht die Zeit für irgendein Geläut. Aber vor allem gab es gar keine Kirche an den Ufern des Sees.

Das kleine Holzkästchen hatte Gote hinter den Gürtel geklemmt. Mit beiden Händen schlug er die Kapuze zurück. Wilhelm Henkel blickte ihn an.

"Ich kenne Sie", sagte er nach einer Weile. "Sie haben das Haus oben am Waldrand gemietet."

"Schauen Sie genau hin!", forderte Gote ihn

auf.

Zögerlich machte Henkel einen Schritt auf ihn zu und blickte ihm ins Gesicht. Der Geruch von altem Mann stieg Gote in die Nase. Und dann prallte der andere von ihm ab, hob die Hand vor den Mund und schluckte hörbar. "Das... nein.. ich... das kann nicht sein!", stotterte Wilhelm Henkel. "Du?"

"Dachten Sie, ich wäre auch tot, Herr Wachtmeister?"

"Das kann nicht sein. Du hattest doch blaue Haare?"

Gote lachte. "Machen Sie sich nicht dümmer als Sie sind. Früher waren meine Haare blau, heute sind sie schulterlang und morgen werde ich mir den Schädel kahl rasieren, davon können Sie ausgehen."

"Aber Du nennst dich Hajo Gote?"

"Ich heiße Hajo Gote. Hans-Joachim. Schon immer. Gote war der der Name meiner Frau."

"Frau? Ich dachte immer..." Weiter kam Henkel

nicht.

"Typisch. Aber seit wann denken Sie? Oder ist es anders herum: Warum denken sie einfach mal nicht?" Gotes Augen funkelten.

Die Schuld stand dem anderen ins Gesicht geschrieben. "Jochen Balck", flüsterte er. "Jochen Balck ist wieder da."

"Ja, ich bin wieder da. Und ich war es, der Reeder, Meyer und Münzer in den letzten Tagen einen Besuch abgestattet hat."

"Jochen Balck..."

"Ich kannte gar nicht die ganze Wahrheit. Ich wusste nur von den Dreien. Aber Jürgen Reeder war gesprächig. Er hat mir alles erzählt, bevor er sich selbst gerichtet hat. Er hat mir von Ihnen erzählt."

"Jochen... ich..." Wilhelm Henkels Gesicht war kreidebleich. "Was willst Du denn tun, Jochen?"

Die anderen hatten ähnlich ängstlich gesprochen.

"Oh, ich werde gar nichts tun. Das ist weder meine Absicht noch mein Recht. Unrecht kann nicht durch Unrecht gesühnt werden. Die Frage lautet: Was werden Sie tun, Wilhelm Henkel?"

Mit diesen Worten holte Gote das kleine Holzkästchen hervor, öffnete es und zeigte dem anderen die Kugel. Sofort begann diese grün zu leuchten.

20. Die Kugel und die Mutter

"Thoughts from a severed head" Nightwish - The poet and the pendulum ... 6 Monate zuvor ... "Du bist total langweilig. Und fett bist Du auch. Mein Gott, Historiker! Gibt es etwas langweiligeres als Geschichte? Draußen, das Leben, feiern, das ist geil. Hab aber keinen Vernünftigen gefunden. Bis dahin halte ich mich an Dich. Zumindest bist Du im Bett keine Enttäuschung. Zeitvertreib, mehr nicht. Schnarchsack!"

Gotes Freundin war nicht seine Traumfrau. Vielleicht hätte er gar nichts mit ihr anfangen sollen. Aber er war zu traurig und einsam gewesen. Mit der Zeit hatte er sie sogar lieb

gewonnen. Dabei waren sie zu verschieden. Es konnte nicht gut gehen. Die Kugel bestätigte das.

Sie war über sich selbst erschrocken, schlug die Hände vor den Mund und zitterte am ganzen Körper. "Das habe ich nicht so gemeint", schluchzte sie. "Ich liebe Dich doch und genieße die Zeit mit Dir."

Gote hatte das kleine Holzkästchen geschlossen. Das machte sie wieder zur Schauspielerin.

"Nein", sagte er. "Zum ersten Mal bist Du ehrlich gewesen. Es gefällt mir nicht, aber das ist die Wahrheit."

"Pah, Wahrheit, die kannst Du doch gar nicht ertragen. Ich verzieh mich, du Lusche, und Du siehst mich nie wieder."

Nachdem seine Freundin für immer gegangen war, was er gar nicht mehr bedauerte, schloss Gote das kleine Holzkästchen

wieder. ... 7 Monate zuvor ... Seine Freundin arbeitete in einem Kino. Manchmal lagen ihre Schichten darum auch auf einem Sonntag. Gote langweilte sich. Er wollte nicht lesen und das Fernsehprogramm gab auch nichts her. Müde schlurfte er zum Fenster, um ihn auszuschalten. Da sah er auf der anderen Straßenseite ein Plakat, das jemand auf die mit Brettern verrammelten Scheiben des alten Restaurants auf der anderen Straßenseite, das bereits seit zwei Jahren geschlossen war, gekleistert hatte. Trödelmarkt. Der Parkplatz, auf dem dieser stattfand, war keine zehn Minuten Fußweg entfernt.

'Besser als nichts', dachte Gote und nahm seine Jacke. Als er aus der Tür trat, bereute er

es sofort. Ein scharfer Novemberwind blies die Straße entlang und brachte winzige Regentröpfchen mit sich, die ihm ins Gesicht schnitten. Doch wenn er schon einmal draußen war, konnte er sich auch auf den Weg machen.

Wie meist wurde auch auf diesem Trödelmarkt kaum Trödel angeboten. Die neuen Produkte, von nicht selten fragwürdiger Herkunft, wurden von Händlern angeboten, die kaum weniger fragwürdig waren, als ihre Auslagen. Da gab es Handyhüllen, seltsame Computerprogramme auf CDs, die es im Netz umsonst gab, Handyhüllen, Autoradios, Handyhüllen, falsche Markenuhren, Handyhüllen, echte Billigshirts, Handyhüllen, echt falsche Fußballtrikots, Handyhüllen, Plastikspielzeug und Handyhüllen. Der größte Auflauf war jedoch bei den Glühweinbuden. Gote bereute es endgültig, hierher gekommen zu sein, als er in einer Ecke des Parkplatzes den Stand eines kleinen verhutzelten Männchens ausmachte. Der

Mann musste 1.000 Jahre alt sein. Aber er lächelte geheimnisvoll und darum trat Gote näher.

Auf grünem Samt waren Weltkriegsdevotionalien ausgelegt. Orden, Helme, Münzen, Klappspaten und noch mehr Orden gab es zu sehen. Gote kannte sich mit diesen Dingen schon von Berufswegen gut genug aus, um zu erkennen, dass hier Repliken überteuert an den Mann gebracht werden sollten. Nur ein SS-Koppelschloß machte einen echten Eindruck. Das schien der Verkäufer aber nicht zu wissen, denn er bot es für einen sehr günstigen Preis an. Gote kaufte es - warum auch immer, denn er war gar kein Sammler - und wollte sich schon abwenden und gehen, als ein kleines Holzkästchen seine Aufmerksamkeit erregte. Es schien nicht zu den anderen Dingen zu passen. Gote ging auf es zu und öffnete es. Das der Verkäufer die Luft anhielt, bemerkte er nicht. In dem Kästchen lag eine augapfelgroße

Glaskugel. Sie war perfekt rund und makellos glatt. Mit geweiteten Augen betrachtete er sie. Gote war so fasziniert, dass er nicht bemerkte, wie alle Leute hinter ihm begannen zu streiten.

"Was wollen Sie dafür haben?", fragte er das verhutzelte Männchen, denn das Holzkästchen war nicht ausgepreist.

"Ein schönes Stück, sehr selten", sagte der.

"Ja, schon gut. Der Preis, alter Mann", erwiderte Gote ungeduldig.

"50."

Gote lachte. "Ich habe ja nichts dagegen, verarscht zu werden, aber bitte nicht, wenn ich dabeistehe. Ich gebe ihnen 10."

"Mein guter Herr, so etwas Seltenes..."

"10. Nicht mehr."

"Ihnen ist klar, dass ich hiervon lebe?"

"Gut. 15."

"Hm..."

"Das war's. Auf Wiedersehen."

Gote hatte sich schon einige Schritte entfernt,

als der Händler ihn zurückrief. Ein seltsamer Ausdruck lag auf seinem Gesicht. "Mein Herr, ich...", stotterte er und hielt inne. "Nun gut", meinte er nach einigem Zögern, "20 und es gehört ihnen."

Gote bezahlte und nahm das Kästchen an sich. Als er längst außer Hörweite war, murmelte der Händler still: "Sieben Jahre. Sieben Jahre und endlich bin ich das Scheißding los!" ... 5 Monate zuvor ... Es hatte einige Wochen gedauert. Das mit der Kugel, die in dem kleinen Holzkästchen auf einem schwarzen Samtkissen ruhte, etwas nicht stimmte, hatte er sofort bemerkt. Manchmal, wenn er sie anschaute, schien es ihm, als wolle sie grün aufleuchten, brachte jedoch nicht mehr als einen Schimmer zustande. Es ging da etwas

vor und richtig wohl fühlte Gote sich in seiner Nähe nicht, auch wenn er keine Veränderung bei sich spürte. Er wusste auch nicht, warum er auf die Idee gekommen war, aber einmal nahm er sie mit in die U-Bahn. Die Wirkung war phänomenal. Alle Menschen in seiner Nähe begannen sich sofort zu streiten. Erstaunlicherweise gingen sie dabei auch mit sich selbst hart ins Gericht. Es verging einige Zeit, bis er verstand. Die Kugel konfrontiert die Menschen mit ihren eigenen Taten. Schlimmer noch, sie lässt jeden sich nach seinen eigenen moralischen Vorstellungen bewerten. Da wunderte es nicht, dass die meisten vor sich selbst nicht gut dastehen. Wer erfüllt schon seine eigenen ethischen Standards? Irgendwann glaubte er, seine Freundin testen zu müssen. Auch wenn er sie mittlerweile mochte,

erinnerte er sich noch gut daran, was er zu Anfang über sie gedacht hatte: verlogen, selbstsüchtig, ohne Moral. Es gab Menschen, die waren nicht gut und sie war eine davon. Eigentlich war er froh darüber, dass diese Einschätzung sich bestätigt hatte. Das er mit der Kugel eine Waffe in Händen hielt, begriff er erst später. Es war kein Gedanke, sondern einer der zahlreichen Albträume, die ihn seit 20 Jahren quälten, der es ihm deutlich vor Augen führte. Dennoch hätte er es wohl nicht gewagt, wenn nicht etwas anderes passiert wäre. ... 3 Monate zuvor ... Ein Hospiz war kein Krankenhaus, aber es roch dort ähnlich. Der Geruch verursachte Gote Übelkeit. Sie wusste das und war ihm nicht bös, dass er nur alle zwei Wochen vorbeikam,

seit sie hier lebte. Und das, obwohl er fast ihr einziger Besuch war. Soweit Gote wusste, schaute nur noch ihr alter Hausarzt regelmäßig vorbei.

Er nickte den Schwestern und ehrenamtlichen Betreuerinnen zu. Männer arbeiteten hier kaum. Man nickte zurück. Sie kannten ihn. Ihr Zimmer lag ganz am Ende des eingeschossigen Gebäudes. Wegen einiger Hochhäuser in der Nähe wehten ständig Fallwinde an ihrem Fenster vorbei. Das war gut so. Sie vertrieben den Rauch. Vor ihrer Tür blieb Gote stehen und las wie immer das Namensschild. Bald würde jemand kommen und es herausnehmen. Sie hatte nicht mehr viel Zeit. Leise klopfte Gote und sie rief ihn herein. Maria Stallwang saß in einem Rollstuhl beim Fenster und schaute in einen Steingarten. Sie hatte keine Haare mehr, hing an einer Sauerstoffflasche und einem Tropf.

"Hallo Hajo."

"Hallo Maria."

"Schön Dich zu sehen." Sie hustete. Lungenkrebs im Endstadium. Heilung unmöglich.

"Wie geht es Dir?"

"Och, heute ist einer der besseren Tage. Keine Schmerzen und das Essen hat sogar geschmeckt. Hast Du die Zigaretten dabei?"

"Meinst Du, das ist weise?" Gote legte fünf Päckchen auf das kleine Tischchen neben Maria.

"Weise?" Sie lachte krächzend. "Jochen, über weise bin ich schon lange, sehr lang hinaus. Alles, was es jetzt noch gibt, sind ich und meine Glimmstengel."

Gote gab ihr Feuer. Sie nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch aus ihren zerstörten Lungen durch das geöffnete Fenster in den Steingarten. Der Wind zerstreute ihn sofort.

"Was macht deine Veröffentlichung für den Sammelband des Sowiesoinstituts?", fragte Maria.

"Institut für Zeitgeschichte. Sie haben ihn angenommen, auch wenn ich ihn ein wenig

einkürzen musste."

"Geld?"

Jetzt lachte Gote. "Nein. Oder kaum. Eher Ruhm."

"Einen Scheißjob hast Du da. Na, warst ja schon immer ein komischer Idealist."

Er schwieg, sie rauchte.

"Maria“, sagte Gote nach einer Weile.

"Ja?"

"Ich habe vielleicht einen Weg gefunden, die Dinge wieder ins Gleichgewicht zu bringen."

Und dann erzählte er ihr langsam, damit er nichts Falsches sagte oder Dinge vergaß, von dem kleinen Holzkästchen, der Kugel, ihrer Wirkung und seinem Plan. Als er geendet hatte, schweig Maria lange, überlegte und steckte sich eine Zigarette an der anderen an. Als sie antwortete, sprach sie klar und deutlich.

"Was ich mir wünsche, weißt Du. Was diese Kugel bewirkt, wissen wir aber nicht genau. Es bleibt ein Risiko. Und außerdem weiß ich, dass

Du nicht dorthin zurück möchtest. Darum denke nicht an mich. Es ist einzig und allein deine Entscheidung."

Gote nickte. Sie unterhielten sich noch leise, schweigen zusammen und als er sich von ihr verabschiedete, küsste er sie auf die Stirn. Zwei Tage später, nachdem die fünf Päckchen Zigaretten, die Gote mitgebracht hatte, aufgeraucht waren, starb Maria Stallwang im Schlaf. Ihre Worte gingen ihm nicht aus dem Kopf. Darum denke nicht an mich. Das ging nicht. Es ist einzig und allein deine Entscheidung. Sie war gefallen. Er würde es tun.

21. Der Mann, der nichts tat

"Getaway, runaway, fly away Lead me astray to dreamer’s hideaway" Nightwish - The poet and the pendulum




Mit großen Augen starrte Wilhelm Henkel die Kugel an. Selbst wenn er es gewollt hätte - und er wollte es -, er hätte sich ihr nicht entziehen können. Auch Gote verspürte ihre Wirkung, doch wie gewöhnlich konnte er sich widersetzen. Ein unangenehmes Kribbeln lief durch seinen ganzen Körper, als wäre alle seine Gliedmaßen eingeschlafen, doch mehr löste sie nicht in ihm aus. Erklären konnte er sich das nicht. Bei ihm machte das Ding offensichtlich eine Ausnahme. Darum eignete es sich so hervorragend für seine Pläne, die Pläne, die kurz vor dem Abschluss standen.

"Was willst Du tun?", kreischte Wilhelm Henkel noch einmal. Seine Stimme war kaum mehr zu erkennen. Panik, Furcht und die Einsicht in diese überflutete sein Begreifen.

"Ich werde gar nichts tun", wiederholte Gote. "Die Frage lautet: Was werden Sie tun, Wilhelm Henkel?"

Er hatte sich von diesem Augenblick größere Zufriedenheit versprochen. Sie bleib aus. Stattdessen beobachtete er, wie der Blick des anderen zwischen ihm, dem Mann in Schwarz, und der Kugel in dem kleinen Holzkästchen flackernd hin- und herwechselte. Die Nacht war still geworden. Kein Grashüpfer regte sich. Selbst der nahe See verstummte. Die Wellen hielten inne und schweigen. Der Rest der Welt war weit weg. Nur die Vergangenheit war hier. Ikarus ...

"Aber ich habe doch nichts getan. Gar nichts!", rief Wilhelm Henkel. Sein Geist klammerte sich an einen letzten Rest der

verzerrten Wahrheit, die Zusammenhänge ignorierend. "Es waren Jürgen, Christian und Arndt. Gute Jungen, doch da haben sie wohl ein wenig übertrieben. Aber ich habe nichts gemacht!"

Eine Kaskade von Schmerz explodierte in Gotes Kopf. Mit kühler Distanz hatte er drei Mal das Geschehen beobachten können. Jetzt blitzten Bilder vor seinen geöffneten Augen auf. Das Letzte war das der toten Maria Stallwang.

"Nichts getan? Sie haben nichts getan? Aber das ist es: Sie haben nichts getan!", schrie Gote. "Sie wussten genau, was die drei vorhatten. Jürgen Reeder ist vorher ja zu ihnen gekommen und hat es erzählt. Wollte sich absichern. Hat ja funktioniert. Sie haben es abgenickt. Gute Jungs? Totschläger waren sie! Und Wilhelm Henkel, der Polizist, der Vertreter von Recht und Ordnung im Ort, hat sie machen lassen. Dabei ist ihre Schuld noch größer. Sie

kannten damals die Ermittlungsergebnisse. Sie wussten, dass er unschuldig ist. Karl Bäcker stand schon längst im Fokus der Polizei. Sie wussten das und haben sie machen lassen. Dabei hätten die drei auf Sie gehört. Wäre Jürgen Reeder sonst zu ihnen gekommen? Doch sie taten nichts. Sie sind genauso ein Mörder!"

"Ich wollte den Gammler loswerden!", brüllte Henkel, doch seine Stimme überschlug sich und war bereits brüchig. "Ich wollte den Gammler loswerden", flüsterte er und dann noch einmal leise: "Ich wollte den Gammler loswerden..."

Die Macht der grün leuchtenden Kugel tat ihre Wirkung. Die Schuld begann Wilhelm Henkel zu überfluten und was ihm 20 Jahre lang gelungen war, funktionierte nicht mehr: Er konnte seine Vorstellungen von dem, was richtig und was falsch war, nicht mehr zurückdrängen. Auf einmal wurde er ganz still. Mit langsamen Schritten ging er zurück in die Diele, nahm seinen Hut, setzte ihn auf und zog seinen

Mantel an. So trat er aus dem Haus. Sorgfältig schloss er die Tür ab, steckte den Schlüssel in die eine und die augapfelgroße Kugel in die andere Tasche. Ohne Gote noch Beachtung zu schenken machte er sich auf zum See. Durch ein braun gestrichenes Törchen auf der Rückseite seines Hauses trat er auf einen Weg, der um den See herumführte. An dessen Ufer angekommen hielt er kurz inne, ging dann aber weiter. Der Mantel blähte sich auf und der Hut schwamm auf dem Wasser, bis er vollgesogen versank. Niemand fand je eine Spur von Wilhelm Henkel.

Gote blieb im Nachtschatten eines Baumes stehen. Es dauerte auch gar nicht lange, bis die Seeoberfläche an einer Stelle grün aufleuchtete. Schnurstracks kam sie zurück zu ihm. Er hob die Kugel auf. Sie war trocken. Dann legte Gote sie zurück auf das schwarze Samtkissen und schloss das kleine Holzkästchen. Kurz überlegte er, ob er die Stelle suchen sollte, doch selbst bei Tage wäre er nicht sicher gewesen, ob

er sie gefunden hätte. Außerdem war er hierher zurückgekehrt, um den Schmerz loszuwerden, nicht um ihn zu erneuern. Tatsächlich spürte er etwas, das er seit 20 Jahren nicht mehr kannte. Fühlte sich so Erleichterung an? Es ging ihm nicht gut, aber besser. Langsam machte er sich auf den Weg zurück zu seinem Seven. Eine Sache wartete noch auf ihn.

22. Selbstgerecht

"The blade fell upon him" Nightwish - The poet and the pendulum ... 20 Jahre zuvor ... "Pegasus."

"Ja?"

"Mir ist etwas aufgefallen."

"Hurra!" Jochen Balck schüttelte den Kopf. Er kannte Andreas Stallwang gut genug und er kannte diesen Tonfall, wusste, was nun kommen würde. Ikarus strich ihm zärtlich über den kurzgeschorenen blauen Irokesenschnitt.

"Ich habe heute gesehen, wie Du Karin Kranz hinterhergeschaut hast. Dir sind ja fast die Augen aus dem Kopf gesprungen."

"Hast Du den Hintern von der mal gesehen?"

"Sie ist eine Frau, Pegasus!"

Verärgert machte Jochen sich von Andreas los, sprang vom Bett, zog seine Hose an und setzte sich mit an die Brust gezogenen Knien auf einen Sessel, der in der anderen Ecke des Zimmers stand. "Du hörst dich an wie so ein Heteroscheißer!", brummte er

"Das ist doch nicht normal!", antwortete Andreas.

Balck griff nach einer leeren Kassettenhülle und warf sie nach dem anderen. Sie traf ihn an der Stirn. Darüber stritten sie nicht zum ersten Mal, Jochen Balck, genannt Pegasus und Andreas Stallwang, den seine engen Freunde als Ikarus kannten. Es war eine ständige Belastung für ihre Beziehung.

"Was für ein reaktionäres Arschloch bist Du denn? Das ist doch nicht normal. Du denkst ja genauso wie der Renner, der alte Penner."

Klaus Renner, der Dorfschullehrer im Ort, war aus allen Wehrmachtskameradschaften

ausgetreten, weil sie ihm zu sozialistisch geworden waren.

"Du drückst dich ja nur", erwiderte Ikarus trotzig. "Traust dich nicht, dir einzugestehen, dass Du schwul bist."

Pegasus warf den Kopf in den Nacken und schrie. "Hilfe! Macht bipolares Denken eigentlich glücklich? Oder bist Du bloß der Hohepriester der Mediokrität? Zum letzten Mal: Ich mag Männer, ich mag Frauen! Für mich ist der Mensch entscheidend, nicht seine primären und sekundären Geschlechtsmerkmale. Will das nicht in deinen Kopf?"

Ikarus hatte genug. Schweigend griff er nach seinen Sachen, obwohl die Nacht gerade erst begonnen hatte. Als er sich die zerrissene Lederjacke mit dem unvermeidlichen „The Clash“-Aufnäher angezogen hatte - Jochen hasste diese scheinindividuelle Uniformität -, wandte er sich zur Tür und drehte noch einmal den Kopf.

"Feigling!", zischte er. Da konnte Pegasus nicht anders. "Schwule Sau!", schleuderte er ihm entgegen. Es tat ihm sogleich fürchterlich leid, dass er das gesagt hatte, aber da war Ikarus bereits verschwunden.


Andreas Stallwang hatte ein Moped, doch wenn er innerhalb des Ortes unterwegs war, benutzte er sein altes Bonanzarad. Er hatte es feuerrot angestrichen und Hammer und Sichel auf den Sattel gemalt. So fuhr er durch die beginnende Frühsommernacht. Er hatte kein Ziel, radelte nur ziellos durch die Straßen. In seinem Kopf war ein großes Durcheinander. Er hasst sich dafür, dass er dieses Thema immer wieder ansprach, da er Pegasus abgöttisch liebte. Vielleicht versteckte sich da jedoch der Grund. Ohne es gewollt zu haben, war er von ihm abhängig geworden. Nur ein Lächeln von ihm und er fühlte sich im Himmel. Beachtete er ihn hingegen nicht oder nicht genug, brach seine

Welt zusammen. Dabei hatte er sich geschworen, dass er nie derart an einem Menschen hängen würde. Doch es war geschehen. Er war ihm so ausgeliefert, konnte nichts dagegen tun und das wollte er nicht, obwohl Pegasus es niemals ausnutzte. Es war alles nur in Ikarus' Kopf. Vielleicht provozierte er ihn darum immer wieder, weil sein Unterbewusstsein gegen diese Abhängigkeit vorging. Ganz davon abgesehen verstand er ihn wirklich nicht. Man mochte entweder Männer oder Frauen, war schwul oder nicht. Beides zusammen war eigenartig.

So sehr war Andreas Stallwang in Gedanken, dass er die andere Sache ganz vergessen hatte. Die Polizei ließ ihn in den letzten Tagen ja auch in Ruhe. Außerdem achtete er nicht genug auf die Straße. Das war eigentlich auch nicht nötig, denn um Halb Sieben wurden im Ort die Bürgersteige hochgeklappt. Wenn er es getan hätte, wären sie ihm vielleicht aufgefallen. Die

drei Frauen versteckten sich in einem Auto am Straßenrand. Hinter dem knieten Christian Meyer und Arndt Münzer. Ein wenig vor ihm lag Jürgen Reeder in einer Einfahrt hinter einer Mülltonne auf der Lauer. Das schwache Licht der wenigen Laternen malte nur an einigen Stellen helle Flecken auf Asphalt und Bürgersteig, doch es reichte aus, um Andreas Stallwang auszumachen, wie er gemächlich auf seinem Bonanzarad daherradelte. Im richtigen Augenblick sprang Jürgen Reeder auf und rannte zur Straße. Andreas Stallwang bremste scharf ab, kam gerade noch vor dem anderen zu stehen. Der packte den Lenker. Er hatte nicht vor, ihn loszulassen.

"Wer radelt denn da durch die Nacht, als wäre er die Unschuld in Person?", höhnte Reeder und grinste bös. "Stallwang, der alte Gammler."

"Lass mich in Ruhe, Reeder. Hab keine Zeit für deine Spielchen."

"Was? Keine Lust zu spielen? Oh, ich

verstehe. Suchst dir lieber schwächere Spielpartner, am liebsten solche, die sich nicht wehren können, was?"

"Was soll der Scheiß?", rief Andreas. Langsam begriff er. Doch bevor die Panik in ganz erfassen konnte, waren Christian Meyer und Arndt Münzer heran. Der Erste bog seine Arme auf den Rücken und der Zweite drückte ihm sein mit Chloroform getränktes Taschentuch unter die Nase. Als Andreas Stallwang auf seinem Rad bewusstlos zusammenbrach, schrien zwei der drei jungen Frauen in dem Auto am Straßenrand vor Freude auf.


Sie warfen ihn und das Fahrrad in den Kofferraum. Jürgen klemmte sich hinter das Lenkrad, Melanie saß zitternd auf dem Beifahrersitz und die vier anderen drängten sich auf der Rückbank zusammen. Sie fuhren zu einem Grillplatz am Waldrand, der am Fuße eines sanft ansteigenden Hügels lag, der in

einiger Entfernung zu einem der Berge wurde, die das Tal einschlossen. Dort angekommen hielten sie an und stiegen aus. Sie hoben den immer noch bewusstlosen Andreas Stallwang aus dem Kofferraum. Mit einer Taschenlampe in der Hand ging Jürgen voran. Christian und Arndt folgten ihm, den schlaffen Körper tragend. Das Ende bildeten Marion und Karin, die Melanie in ihre Mitte genommen hatten. Obwohl sie auf unsicheren Beinen unterwegs war, ließ sie sich nur widerstrebend vorwärtsgeleiten.

An einer vorbestimmten Stelle verließen sie den ausgetretenen Weg nach links, durchquerten eine Feld hüfthoher Pflanzen. Diese gaben kein Geräusch von sich. Kein Wind wehte, kein Tier der Nacht war zu hören.

Es dauerte auch gar nicht lange, bis sie die mit einem Klappspaten markierte Stelle erreichten. Christian und Arndt ließen ihre sich langsam wieder regende Last auf den Boden fallen.

Jürgen reichte Marion seine Taschenlampe. Karin hatte ihre eigene mitgebracht. Mit einer Hand leuchteten die beiden jungen Frauen die Szenerie aus, mit der anderen hielten sie die immer stärker zitternde Melanie aufrecht. Jürgen ging auf sie zu und zwang ihr einen Zungenkuss auf.

"Das tue ich alles nur für dich, mein Schatz", flüsterte er. Seine Freundin verstand nicht, aber das sollte sich sogleich ändern.

Jürgen Reeder ging zu dem schwer atmenden Andreas Stallwang und trat ihn in die Seite. Dessen Stöhnen war ihm nicht genug, darum wiederholte er das noch zwei Mal. Die erste Rippe brach.

"Schau mich gefälligst an, Du feiges Vergewaltigerschwein!", fauchte er. Der kniende Andreas Stallwang hob den Kopf und der Tritt von Christan Meyer traf ihn. Das rechte Jochbein erhielt einen ersten Riss.

"Du hast wohl geglaubt, Du kommst davon,

was? Aber wir sind schneller als die Polizei." Das stimmte nicht ganz, schließlich hatte der Polizist Wilhelm Henkel sie mit den notwendigen Informationen versorgt. "Heute wirst Du dafür bezahlen, was Du Melanie angetan hast!"

"Melanie? Angetan? Wovon redet ihr?", keuchte Andreas Stallwang.

"Tu nicht so, als ob Du das nicht wüsstest, Vergewaltigersau!", brüllte Arndt Münzer und trat den vor ihm auf den Boden knienden mit seinen spitzen Cowboystiefeln in den Rücken. Der große Rückenmuskel unterhalb des Schulterblatts riss. Der spitze Aufschrei kam von Melanie.


Sie hatte von Anfang an nicht begriffen, was das alles sollte. Zu sehr war sie in den Geschehnissen der Nacht vor drei Wochen gefangen. Der Schmerz wollte nicht vergehen, der Schmerz in ihrem Unterleib und der Schmerz

in ihrem Kopf. Das war nun ihre Welt. Ohne weiteres hätte Melanie Klaus Bäcker als ihren Peiniger benennen können, denn sein verzücktes Gesicht war dem ihren ganz nah gewesen, als er ihr das antat, als er das Tor für den Schmerz öffnete und dieser sich ungebremst in sie ergoss. Doch Melanie sprach nicht. Sie tat nichts, denn jede kleine Bewegung vergrößerte ihre Qualen, brachte sie in Gefahr. Rührte sie sich hingegen nicht, geschah nichts, wuchsen Angst und Schmerz zumindest nicht. Also rührte sie sich nicht. Zumindest glaubte Melanie das.

Jürgen war an diesem Tag besonders nett zu ihr gewesen und am Abend kamen die anderen. Früher waren sie ihre Freunde gewesen, doch nun fürchtete Melanie sich vor ihnen. Wollten diese sie nicht verstehen? Sie drängten sie in den Wagen von Marions Vater. Dann standen sie lange am Straßenrand. Die Männer waren ausgestiegen. Schließlich jauchzten die Frauen

vor Freude und die Männer stiegen wieder ein. Gesehen hatte Melanie nichts. Auf einem Parkplatz nahe einem Wald, der sich auf einen ansteigenden Hügel ausbreitete, hielten sie und verließen das Auto. Die anderen waren in Hochstimmung. Sie hatten einen Sack bei sich. Marion und Karin nahmen sie in die Mitte, trieben sie vorwärts. Melanie stolperte den Weg entlang und durch hüfthohe Farne. Erst als sie mitten im Wald anhielten erkannte Melanie, dass es sich um keinen Sack, sondern einen Menschen handelte. Sie traten ihn, sie schrien auf ihn ein. War das denn richtig? Es dauerte eine ganze Weile, bis sie den Menschen erkannte. Es war Andreas Stallwang, einer der wenigen Punker im Ort. Das war nicht richtig.

Melanie schrie auf und wollte sich abwenden, doch Marion und Karin, die früher ihre besten Freundinnen gewesen waren, zwangen sie, alles mitanzusehen. Arndt verteilte Tennisschläger an Jürgen und Christian. Damit prügelten sie auf

Andreas Stallwang ein, bis der sich nicht mehr rührte. Nur ein leises Röcheln war noch zu vernehmen. Der Boden um das zerschlagene Gesicht war schwärzer als die Nacht und roch metallisch. Schnell hoben die Männer abwechselnd mit dem Klappspaten eine Grube aus. Das sie diese Stelle zuvor festgelegt hatten, konnte Melanie nicht wissen. Sie warfen Andreas Stallwang, der jetzt mehr ein Sack denn ein Mensch war, in die Grube. Ein leises Stöhnen erklang. Jürgen stieg in die Grube, holte mit dem Klappspaten aus und schlug zu. Es wurde still und sie füllten das Loch wieder mit Erde auf. Das konnte Melanie nicht mitansehen. Sie traute sich nicht, etwas zu sagen, so wie immer seit jener Nacht vor drei Wochen und darum starrte sie in den Wald. Im Unterholz glaubte sie für einen Augenblick einen blauen Haarschopf ausgemacht zu haben. Doch sie wusste, dass sie ihrer Wahrnehmung nicht trauen durfte. Darum beschloss sie, dass

all das, was sie gerade sah, niemals stattgefunden hatte.

Dieser Schutzwall der Leugnung sollte erste 20 Jahre später wieder eingerissen werden, als sie zufällig über Andreas Stallwangs Grab stolperte, weil die Erde nachgesackt war.

23. Abschied I

"Tell me once my heart goes right Take me home" Nightwish - The poet and the pendulum Als die auf Fernlicht geschalteten Scheinwerfer von Gotes Seven das Ortseingangsschild erfassten, drückte er das Gaspedal durch. Mit Leichtigkeit beschleunigte der Wagen auf 120 km/h, durchstieß die kalte Nachtluft über der Straße wie der Steven eines Schnellbootes das Wasser teilte. Erlaubt waren 60 km/h. Ein irres Grinsen wanderte über Gotes Gesicht. Nie wieder würde er hierher zurückkehren. Doch diese Mal war es keine Flucht. Er hatte getan, was getan werden musste.

Die nächste Rechtskurve kam rasend schnell auf ihn zu. Gote bremste viel zu spät. Mit 90

km/h wollte er sie durchfahren. Das Heck brach nach links aus. Das hatte er beabsichtigt. Gekonnt fing er den Seven ab. Quietschend schlitterten die breiten Hinterreifen über den Asphalt. Mit Lenkrad, Bremse und Gaspedal kontrollierte er den Wagen und zwang ihn am Ausgang der Kurve wieder in Fahrtrichtung. Die Nacht gehörte ihm, ihm und seine Caterham Seven Supersport 125. Die Toten hatte er fast schon vergessen, zumindest für den Augenblick. Ohne weiter nachzudenken ließ er den Seven fliegen, berauschte sich an der Geschwindigkeit und den vielen engen Kurven. Die Gedanken in seinem vom Fahrtwind umwehten Kopf legte sich. Es war vorbei... zumindest fast.

Der Wagen sprang über die erste Felskuppe und nach dieser musste Gote heftig abbremsen. Das Fernlicht beschien eine schmale Einfahrt auf der rechten Straßenseite. Er ließ den Wagen auf den kleinen Waldparkplatz rollen, stoppte erst an dessen Ende. Aus seiner auf dem

Beifahrersitz stehenden Reisetasche holte er eine Taschenlampe. Schnell fand er den Weg, der zwischen den Bäumen zu Jülichs Fall führte. Das er mit Andreas oft hier gewesen war, hatte Gote schon fast vergessen.

Er schaltete den Motor ab. Die Nacht umfing und versteckte ihn. Entschlossen stieg er aus, ging einmal um den Seven herum und beugte sich über den Beifahrersitz, um das kleine Holzkästchen aus der Reisetasche zu nehmen. Er klemmte es unter den Arm und betrat den Weg. Das Dunkel der Bäume verschluckte das Taschenlampenlicht, so dicht standen sie beieinander. Kleine Äste und Blätter, gefallen schon im letzten Jahr, knackten unter seinen Füßen. Er ging langsam, denn das, was er suchte, konnte selbst bei Tageslicht leicht übersehen werden. Zumindest war das vor 20 Jahren so gewesen. Aber Gote entdeckte ihn auf Anhieb. Ein Trampelpfad führte vom Weg ab. Linksumfassend umrundete man auf ihm den

kahlen Felsen, in dem die Höhle, Jülichs Fall genannt, lag. Bald schon vernahm er ein leises Quaken.

Alles was man sich unter einem Tümpel vorstellen konnte, dieses Gewässer hatte es. Es war nicht sehr groß und an seinem meist morastigen Ufer wuchsen lange Gräser, die in der Nacht verkrüppelten Zauberstäben glichen. Im Nachtwind wogten sie leicht hin und her. Ein unangenehmer Geruch von verwesendem organischen Material lag in der Luft. Der Boden des Tümpels war schlammig und brauchte, einmal aufgewühlt, Stunden, um sich wieder zu beruhigen. Nur selten verirrte sich jemand hierhin. Dieser Ort war ideal.

Gote benötigte eine Weile, bis er mit der Taschenlampe eine trockene Uferstelle fand. Dort machte er sich ans Werk. Er stellte das kleine Holzkästchen ab und zog die Schuhe aus, zuerst den Rechten. Eine Zeitlang betrachtet er ihn. Er mochte diese Schuhe, doch wenn er

wollte, dass man ihm nicht auf die Schliche kam, musste es sein. Weit ausholend warf er den Ersten in den Tümpel. Dann zog er den Linken aus und ließ ihn dem Rechten folgen. Schließlich hob er das kleine Holzkästchen auf. Mittlerweile wusste er zwar, was es bewirkte, wie es das tat, war ihm jedoch immer noch unklar. Und auch wenn es ihm bei seinem Tun behilflich gewesen war, ja, den ganzen Plan erst ermöglicht hatte, war Gote sich doch bewusst, wie gefährlich es sein konnte. Außerdem war nicht gesagt, dass er seiner Macht für alle Zeiten widerstehen würde. Darum holte er ein drittes Mal aus. Das kleine Holzkästchen flog durch die Luft, landete platschend auf dem Wasser und versank. Der schlammige Tümpelgrund würde es bald schon unter sich begraben haben und das war gut so.

Auf Socken ging er zurück zum Wagen. Er steig ein und startete den Motor. Es war ungewohnt, die Pedale ohne Schuhe zu bedienen. Doch er

würde sich daran gewöhnen, ebenso wie er sich daran gewöhnen würde, die Last nicht mehr zu tragen. Mit aufheulendem Motor verschwand der Seven mit Gote in der Nacht.

24. Abschied II

"Please, no more words Thoughts from a severed head No more praise Tell me once my heart goes right Take me home" Nightwish - The poet and the pendulum Früh am Morgen hatte Anna im Laden angerufen und gefragt, ob sie den Tag frei bekommen könne. Ohne zu zögern gewährte ihr Hedwig Braun diesen Wunsch. Sie klang kein wenig verärgert, für Anna ein deutliches Zeichen dafür, dass sie sich zuletzt wirklich näher gekommen waren. Das würde der schwierigste Teil werden.

Anna duschte nicht - das würde nichts bringen, weil sie es später doch nur wiederholen

müsste - und zog die Sachen vom vergangenen Tag an. Kurz bevor sie das Haus verließ, dachte sie noch an ein Handtuch. Dann schwang sie sich auf ihr Rad und fuhr los. Kurz hinter dem Ortsausgangsschild begann die Straße anzusteigen. Mit aller Kraft musste sie in die Pedale treten, an mehreren Stellen sogar aus dem Sattel gehen. Anna wusste, dass sie kein Straßenradrennen fuhr, doch in manchen Abschnitten kam es ihr so vor. Schweiß rann über ihr Gesicht und immer wieder musste sie ihn sich aus den Augen wischen. Autos überholten sie nicht oder kamen ihr entgegen, so dass sie sich voll und ganz auf die Schmerzen in ihren Waden konzentrieren konnte. Sie wollte schon vom Rad steigen, als die letzte Kuppe über den felsigen Untergrund in Sicht kam. Nur noch 500 Meter Quälerei waren von Nöten, dann hatte sie die große körperliche Anstrengung hinter sich gebracht. Mit verbissenem Gesicht bewältigte sie diese

Strecke, dann konnte sie ihr Rad hügelabwärts rollen lassen. Der immer schneller werdende Fahrtwind trocknete ihren Schweiß und kühlte ihre Haut. Dann erkannte sie auf der rechten Straßenseite die schmale Einfahrt. Sie lenkte ihr Rad auf den Waldparkplatz und bremste an dessen Ende.

Es war gut möglich, dass Anna schon einmal hier gewesen war, daran erinnern konnte sie sich jedoch nicht. Darum benötigte sie einige Zeit, bis sie den zugewachsenen Anfang des Weges fand, der auf den Hügel hinauf führte. Anna ging langsam, damit sie den Trampelpfad nicht übersah. Sie fand ihn an der beschriebenen Stelle. Es war für sie nicht einfach, ihn zu erkennen, doch bald schon konnte sie ihrer Nase folgen. Als sie schließlich vor dem stinkenden Tümpel stand, war sie sich ganz sicher, noch niemals hier gewesen zu sein. Angestrengt suchte sie an seinem Ufer einem trockenen Platz. Schließlich fand sie eine und

trat an das Gewässer heran. Sie konnte nicht wissen, dass dies die Stelle war, an der 36 Stunden zuvor Gote gestanden hatte. Das Wasser, ein trübe Brühe, lag regungslos vor ihr. In diesem Augenblick hasste Anna sie.


Es war sieben Jahre her. Die Anderen hatten sich bei ihr gemeldet, als sie 16 Jahre alt war. Mittlerweile war Anna davon überzeugt, dass es die romantischen Anwandlungen eines Teenager gewesen waren, die sie ihr Angebot hatte annehmen lassen. Das und die Vorstellung Bedeutung zu haben. Sie selbst nannten sich die Wachtposten. Bei all ihrer Macht hatten sie aber offensichtlich Probleme, in der dinglichen Welt zu existieren. Darum brauchten sie Menschen wie Anna. Sie sollte in die Geschehnisse nicht eingreifen, vielmehr war es ihre Aufgabe zu beobachten und zu berichten. Einen Tag nachdem Anna zugestimmt hatte, sich auf ihre Seite zu stellen, war ein Päckchen

mit der Post gekommen. In ihm war ihr kleines Holzkästchen mit der faustgroßen Kugel. Es war gar nicht so leicht gewesen, diese vor ihren Zieheltern zu verstecken.

Sieben Jahre lang hatten sie - Anna nannte sie nur die Anderen - geschwiegen, aber dass so etwas passieren konnte, hatten sie angekündigt. Nur einmal hatte sie den Auftrag erhalten, alles über Hans Hasenscharte Anders Leben herauszufinden. Das hatte sie getan und Bericht erstattet, aber geschehen war daraufhin nichts. Erst als sie einen interessanten, wenn auch viel zu alten und nicht gerade hübschen Mann kennengelernt hatte, waren die Anderen wieder aktiv geworden. Sie hatten ihr alles über seine Vergangenheit und seine Pläne erzählt und ihr vorhergesagt, dass diese Beziehung keine Zukunft hatte. Und nun sollte Anna auch noch aufräumen. In diesem Augenblick hasste Anna sie.


Weil es keinen Zweck hatte, sich zu widersetzen, wollte sie es schnell hinter sich bringen. Sie zog sich aus und sprang kopfüber in den Tümpel. Der Boden wurde durch die Bewegung des Wasser bei weitem nicht so sehr aufgewühlt, wie es eigentlich hätte sein sollen. Zuerst sah Anna die Schuhe. Sie waren bereits halb im Schlamm versunken. Dann erblickte sie das kleine Holzkästchen. Es lag da wie auf einer Steinplatte. Anna griff nah ihm, tauchte auf und schwamm zurück zum Ufer. Schnell trocknete sie sich ab, wurde den Gestank aber nicht gänzlich los. Als sie genug vergeblich gerubbelt hatte, schlüpfte sie wieder in ihre Kleidung und ging zurück. In der einen Hand hielt sie das Handtuch, in der anderen das kleine Holzkästchen. Nicht ein Tropfen Wasser war auf ihm. Wieder beim Waldparkparkplatz angekommen klemmte sie es auf den Gepäckträger ihres Fahrrads und das Handtuch stopfte sie in einen bereitstehenden Mülleimer.

Auf der Rückfahrt musste sie nur den kleinen Anstieg bis zu der Felskuppe bewältigen, dann rollte sie hügelabwärts in den Ort zurück. Den Gimpel, der neben dem Mülleimer auf dem Waldparkplatz in einem Baum saß, hatte Anna nicht bemerkt.

Nach einer ausgiebigen Dusche und einem verspätetem Frühstück war es fast Mittag geworden und weil die Zeit drängte, bestellte sich Anna ein Taxi. So gelangte sie in das 60 km entfernte Werrentheim. Zuerst ging sie zum Gericht. Mit Hilfe ihres Charmes und zweier Hunderter erfuhr sie, was sie wissen wollte. Dann ließ sie sich zum Krankenhaus bringen. Viel Überzeugungsarbeit war nicht nötig, denn die beiden Frauen verstanden sich auf Anhieb. Ihr letzter Weg führte sie in die Blumengasse, eine kleine Straße hinter der Goldenen Hirschkuh, dem teuersten Esslokal in ganz Werrentheim. Das Büro lag im Parterre der Hausnummer Sieben, einem einfachen Wohnhaus.

In ihm saß Alfons Klee, ein Finanzberater. Er übte diesen Beruf seit 25 Jahren aus. Zu Reichtum hatte er es dabei nicht gebracht - so war sein Auto zehn Jahre alt -, denn er hatte eine entscheidende Schwäche: Er war ehrlich. Die Reichen von Werrentheim hatten ihm noch nie ihr Geld anvertraut. Stattdessen hatte er viele kleine Anleger, die ihm zwar ein geregeltes, aber kein besonders hohes Auskommen sicherten. Erst vor zwei Jahren hatte sich das geändert.

Anna betrat das Büro ohne einen Termin, aber das war kein Problem. Als beste Klientin war sie immer willkommen.

"Guten Tag, Frau Bäcker. Schön Sie zu sehen", sagte Alfons Klee. Er war ein freundlicher Mann, knapp über 50, hatte kurzgeschorenen graue Haare, einen runden Kopf und war in allem, was er tat korrekt.

"Ich hoffe, ich störe nicht, Herr Klee. Aber es ist wirklich dringend."

"Oh, keinesfalls, keinesfalls, Frau Bäcker. Sie sind mir immer willkommen. Möchten Sie etwas zu trinken? Tee? Mineralwasser? Natürlich Werrentheimer Grafenquelle, ein wenig Luxus muss ja sein. Wenn ich jetzt noch wüsste, wo ich ein sauberes Glas habe... Natürlich, an der Spüle, dort wo es hingehört. Bitte sehr. Was kann ich für Sie tun, Frau Bäcker?"

"Ich würde gerne wissen, wie viel von meinem Kapital sie sofort flüssig machen können."

"Was heißt sofort?"

"So schnell wie möglich. Sagen wir in einem Zeitraum von vier Wochen."

"Das kriege ich schnell heraus", antwortete Alfons Klee. Annas Werte verwaltete er über ein eigene Programm. Mit ein paar Mausklicks rief er eine Gesamtübersicht auf, druckte sie aus und reichte sie ihr, damit Anna nachvollziehen konnte, was er sagte. Er selbst schaute auf den Bildschirm, als er seine Erläuterungen begann. "Rechnet man alles

zusammen, die Mietshäuser, die Unternehmensbeteiligungen, ihre Aktienpakete und längerfristigen Anlagen, beträgt der Wert ihres von mir verwalteten Kapitals 11 Millionen 560 Tausend. Den genauen Wert finden sie unten rechts auf der Seite." "Ich habe ihn schon gefunden, Herr Klee", antwortete Anna, "und ich weiß, ich muss die üblichen Schwankungen berücksichtigen." "Natürlich, das wissen Sie selbst. Verzeihen Sie. Wollen Sie sich auch von Immobilen trennen?"

"Nein, der Kern der Anlagen soll unangetastet bleiben. Außerdem möchte ich noch, dass Sie sich um mein Haus kümmern. Prüfen Sie bitte beide Optionen: Vermietung und Verkauf."

"Sie wollen umziehen?" Alfons Klee war überrascht.

"Ja, dass will ich", antwortete Anna mit fester Stimme.

"Zu uns ins schöne Werrentheim?"

"Nein. Weit weg in eine richtige Stadt." Anna lächelte, doch ihr Gegenüber wirkte ein wenig verunsichert.

"Wollen Sie auch unsere Geschäftsbeziehungen beenden?", fragte er vorsichtig.

"Nein. Sie haben sich sehr gut um mich gekümmert."

In ihrem Heimatort hätte man sich noch mehr das Maul über Anna zerrissen, wenn die Menschen dort gewusst hätten, das Paul und Lisbeth Lehmann ihr nicht nur das Haus, sondern auch Geld und Anlagen im Wert von über 9 Millionen vermacht hatten. Der geschäftstüchtige Alfons Klee hatte daraus - ganz ohne krumme Geschäfte - über 11,5 Millionen gemacht, zuzüglich seiner Provision.

"Da bin ich aber beruhigt", sagte er, machte aber ganz und gar nicht diesen Eindruck.

"Es gibt das Internet, E-Mail, Telefon und wenn es sein muss sogar noch die gute alte Post", sagte Anna freundlich. "Sie haben sehr

gute und verlässliche Arbeit für mich geleistet. Warum sollte ich mir einen anderen Finanzberater suchen? Wir werden uns nur nicht mehr so oft sehen, was ich schade finde. Aber es muss sein."

"Es freut mich, das zu hören", meinte Alfons Klee darauf und nun war er tatsächlich nicht mehr so nervös. "Vier Wochen sagten Sie? Nun, ich schätze in dieser Zeit könnte ich ohne große Probleme 2,1 Millionen aus den Unternehmungen herausziehen. Ist das genug? Schön, ich werde das Geld auf ihr Konto überweisen."


Der härteste Teil war für Anna, sich von Hedwig Braun zu verabschieden, gerade jetzt, wo sie sich so gut verstanden. Zu ihrer Überraschung war diese jedoch nicht ein wenig verwundert.

Ich verliere dich nur ungern. Aber das hier ist kein Ort für dich. Ich wusste, dass dieser Tag

irgendwann kommen würde. Ich werde Fransiska Baum fragen, ob sie nicht bei mir arbeiten möchte. Ich weiß, ihre Eltern sind Atheisten, aber die Kleine scheint mir clever zu sein. Erinnert mich ein wenig an dich in diesem Alter.

Dann umarmten die beiden Frauen sich lange. Dabei versuchte jede die Tränen vor der anderen zu verbergen.


Da sie das Haus möbliert verkaufen oder vermieten wollte, packte sie nur die Sachen, die sie wirklich mitnehmen wollte. Natürlich waren die zwei kleinen Holzkästchen dabei. Trotzdem schaffte sie es gerade drei Koffer zu füllen. Um 9 Uhr am nächsten Tag stand das Taxi vor der Tür. Der Fahrer verlud ihre Sachen in den Kofferraum, sie stieg auf der Beifahrerseite ein. Eine Woche nachdem Hajo Gote seinen Heimatort für immer verlassen hatte, kehrte ihm auch Anna Bäcker den Rücken.

25. Epilog

"Caress the one, the Never-Fading Rain in your heart - the tears of snow-white sorrow Caress the one, the hiding amaranth In a land of the daybreak" Nightwish - Amaranth ... 6 Monate später ... Es klopfte.

"Herein", antwortete sie und hoffte, dass er es war. Jemand trat ein.

"Guten Morgen, Frau Jülich", sagte eine Männerstimme. Er war es. Sie drehte sich nicht um, ließ sich nichts anmerken.

"Die Frau hat Angst", sagte Melanie. Sie stand am Fenster ihres Zimmer im Parterre der

psychiatrischen Klinik und blickte in den weiten Hof mit dem Garten. Über Nacht war der erste Schnee gefallen, wenn auch nicht viel. Eine leichte Puderzuckerschicht bedeckte alles, den Boden, die Bänke, die Kunstwerke aus Stein und die Volieren, deren Bewohner schon lange in ihre beheizten Winterquartiere umgesetzt worden waren. Der Mann trat neben sie und lächelte. Durch den Garten schlich eine 27-jährige Frau mit langen dunkelblonden Haaren und gesenktem Kopf. Sie litt in der Tat an einer wirkmächtigen Angststörung. Das war natürlich kein Grund zum Lächeln, zumal die Patientin sich mit der Behandlung schwer tat. Aber es war sehr erfreulich, dass Melanie das erkannte, denn es war ein unübersehbares Zeichen dafür, dass sie nicht mehr nur in sich gefangen war, sondern ihre Umwelt wahrnahm und das auf sehr emphatische Art und Weise.

"Ja", sagte er, "sie hat Angst, aber es geht ihr langsam besser. Manchmal zumindest."

Melanie strahlte.

"Sind sie bereit, Frau Jülich?"

Sie nickte.


Das letzte halbe Jahr war für Melanie erschreckend und erstaunlich gewesen. Begonnen hatte alles kurz nach Arndt Münzers Tod. Marion Meyer und Karin Münzer waren außer sich. In ihre Trauer mischte sich das Gefühl, dass irgendetwas oder irgendjemand den Mord an Andreas Stallwang sühnen wollte. Erst später hatte Melanie das verstanden, denn auch wenn die beiden Frauen nicht selbst Hand angelegt hatten, sie waren vor 20 Jahren danebengestanden und hatten sich gefreut. Panisch packten Marion und Karin ein paar wenige Sachen zusammen und verstauten sie in Karins Porsche Carrera S Cabriolet. Sie wollten sofort den Ort verlassen. Zuletzt griffen sie sich Melanie und zwängten sie auf einen der hinteren Notsitze. Ob die überhaupt mit ihnen

kommen wollte, wurde sie nicht gefragt.

Karin fuhr viel zu schnell. Der Wagen schlitterte durch mehrere Kurven. In Angst schrie Melanie auf. Marion drehte sich zu ihr um - sie stritt ununterbrochen mit Karin - und verpasste ihr eine Ohrfeige. Daraufhin geschah zweierlei:

Melanie war nicht angeschnallt und, mehr aus Furcht denn wegen der Kraft, der Schlag streckte sie nieder. Sie lag zusammengekauert auf beiden Notsitzen und wimmerte. Im Ausholen hatte Marion jedoch auch Karin getroffen. Die zuckte zusammen, veriss das Lenkrad und der Porsche kam von der Straße ab. Unkontrollierte und schnell rutschte er durchs Gelände auf einen Baum zu. Den verfehlte der Wagen zwar knapp, doch ein mächtiger tiefhängender Ast rasierte alles über Türhöhe ab, auch die Oberkörper der beiden Frauen auf den vorderen Sitzen. Melanie blieb unverletzt und kam erst im Krankenhaus von

Werrentheim wieder zu Bewusstsein. Sie konnte sich zunächst an nichts erinnern und man musste ihr viel erzählen. Verwirrt wie sie war, verstand sie nur die Hälfte.

Doch dann war diese Frau aufgetaucht. Sie war um einiges jünger als sie, doch als Melanie in ihr Anna Bäcker aus dem Buchladen erkannte, wurde alles langsam klar. Zunächst hatte sie ihr erzählt, dass sie niemals entmündigt worden war. Jürgen, der Rest der Clique und der ganze Ort hatten sie nur so behandelt. Melanie konnte mit ihrem Leben also anstellen, was sie wollte. Dann hatte die Besucherin ihr einen Vorschlag unterbreitet.


Du musst weg von diesem Ort. Dort gehst Du ein, dafür werden sie schon sorgen. Ich werde wegziehen. Komm mit mir und ich werde mich um uns kümmern und dafür sorgen, dass es dir irgendwann wieder besser geht. Vielleicht ...


Weil Anna Bäcker ihr auf Anhieb sympathisch war, sagte Melanie zu. Die beiden Frauen zogen in eine Loftwohnung in einer großen Stadt. Anna konnte sich das leisten. Danach brachte sie Melanie zu einem Psychiater und Neurologen. Die Untersuchung dauerte nicht lange. Es fiel nicht schwer, ihn von Melanies Zustand zu überzeugen. Er unterschrieb auch die Einweisung in die psychiatrische Klinik. Jedoch sollten bis zum Antritt der Therapie sechs Monate vergehen. Dabei ließ Anna Bäcker es aber nicht bewenden. Sie machte Druck und ging vielen Ärzten, Sachbearbeitern, Sachbearbeiterinnen und Gutachtern so lange auf die Nerven, bis aus den sechs Monaten sechs Wochen wurden. Zuletzt nahm Melanie wieder ihren Mädchennamen Jülich an.


Langsam ging sie mit dem Mann durch die von warmem Licht erleuchteten Gänge der Klinik. Zwei Ärzte kümmerten sich hauptsächlich um

sie, der Mann und eine Frau. Sie mochte den Mann ein wenig mehr, weil die Frau zuweilen sehr hart in ihren Worten sein konnte. Das war nicht immer angenehm. Hilfreich waren aber beide und Melanie verspürte ihnen gegenüber eine große Dankbarkeit. Zumindest hatte sie nun wieder eine Ahnung davon, was es hieß, am Leben zu sein.

Im Therapieraum angekommen nahmen sie in einem der sich dort gegenüberstehenden Sesseln Platz. Der Mann kam sofort zur Sache.

"Frau Jülich, wir, meine Kollegin und ich, haben uns intensiv besprochen. In den drei Monaten, die Sie nun bei uns sind, haben Sie erstaunliche Fortschritte gemacht."

"Danke", antwortete Melanie. "Sie beide waren mir aber auch eine große Hilfe. Aber genau das brauche ich noch: Hilfe."

Ihr Therapeut nickte. "Das ist richtig. Aber wir glauben, dass eine stationäre Behandlung nicht mehr von Nöten ist."

"Was heißt das?"

"Das heißt, dass Sie Weihnachten Zuhause verbringen. Ich habe die Freundin, die sie immer besucht, Frau Bäcker, schon benachrichtigt. Sie wird Sie morgen abholen. Und hier" - er reichte ihr einen Zettel - "haben sie die Adresse einer hervorragenden Psychologin an ihrem Wohnort. Kerstin Seibold war eine Studienkollegin von mir und ich wünschte, ich hätte nur die Hälfte ihres Könnens. Wenn Sie zustimmen, werde ich ihr ihre Krankenakte zuschicken."

Melanie nickte heftig. Sie bekam endlich ihr Leben zurück.


"Ich will das Ding nicht haben!" Das kleine verhutzelte Männchen schüttelte den Kopf.

"Stellen Sie sich nicht so an!", meinte die Frau in dem verwaschenen Kapuzenpullover.

Der Himmel über dem Trödelmarkt war grau und ein heftiger Wind verteilte den feinen Nieselregen über den ganzen Parkplatz. Die

wenigen Kunden und Schaulustigen drängten sich unter den Schirmen der Glühweinstände zusammen. Die Händler machten keine gute Geschäfte an diesem Tag.

"Nein, verdammt nochmal!", fluchte das Männchen. "Das Ding ist... ich weiß nicht, was es ist, aber wenn es hier liegt, fühle ich ich unwohl und die Leute streiten sich. War froh, als ich es loswurde. Nein, dafür werde ich nichts bezahlen."

"Sie sollen es auch nicht bezahlen. Ich gebe es ihnen so. Sie sollen es nur wieder in ihr Angebot nehmen."

"Wieso ich?"

"Sie sind verlässlich", antwortete die Frau, von der man unter der Kapuze kaum das Gesicht erkennen konnte. "Sie sind immer hier, jedes Mal, bei jedem Wetter. Es ist bei ihnen verfügbar."

"Natürlich bin ich immer hier, ich lebe schließlich davon."

Die Frau lächelte geheimnisvoll. "Dann will ich sie etwas fragen: Wie sind die Geschäfte im letzten Jahr gelaufen?"

Das war ein wunder Punkt. "Nicht so gut", maulte das verhutzelte Männlein. "Aber es kommen auch wieder bessere Tage."

"Nein! So ist das nicht", meinte die Frau mit Bestimmtheit. "Im letzten Jahr sind ihre Geschäfte normal gelaufen. Eigentlich können Sie kaum davon leben. Das wissen Sie auch. Nehmen Sie es und Sie werden auch wieder gut verdienen."

Das klang natürlich verrückt. Aber das Männlein hatte seine Geschäftsbücher vor gar nicht allzu langer Zeit überprüft. Solange er das Ding auf seinem Stand gehabt hatte, war es ihm gut gegangen, war sehr viel mehr Geld in die Kasse gekommen. Er knurrte, dann streckte er die Hand aus. Es war verrückt.

"Her damit", brummte er.

Die Frau reichte ihm das kleine Holzkästchen.

Er war sich auch ohne nachzuschauen sicher, dass es immer noch die kleine Glaskugel enthielt. Als er es in seine Auslage stellte, drehte die Frau sich um und verschwand, ohne noch ein Wort zu sagen. Ihren Wagen hatte sie zwei Straßen vom Trödelmarkt entfernt abgestellt. Sie war froh, ihren Auftrag erfüllt zu haben. Erleichtert stieg Anna Bäcker in ihrer Caterham Seven Roadsport 175. - ENDE -

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Hörbuch

Über den Autor

ArnVonReinhard
Zweifler, Pessimist, Misanthrop ...

... ungefähr so:

"Nein, nein, ich habe nicht bewundernswert gesagt, ich sagte, ich bin außergewöhnlich. Das was ich tue, das was dir so viel bedeutet ... du meinst, ich tue es, weil ich ein guter Mensch bin? Ich tue es, weil es zu schmerzhaft wäre, es nicht zu tun. (...) Weißt du, es tut weh (...), alles das! Alles was ich sehe, alles was ich höre, rieche, berühre, die Schlussfolgerungen, die ich imstande bin zu ziehen, die Dinge, die sich mir offenbaren ... die Hässlichkeit. Meine Arbeit fokussiert mich. Das hilft. Du sagst, ich benutze meine Gaben. Ich sage, ich geh nur mit ihnen um."
(Sherlock Holmes; In: Elemantary)


Fantasy- und Schauergeschichten sind mein Ding, weil sich darin alles Menschliche verarbeiten lässt.
Und ob ich es will oder nicht, auch das Thema "Freundschaft" taucht immer wieder auf.
Aphorismen.
Ein weiterer großer Bereich, mit dem ich mich beschäftige, in Erzählungen und Nonfiction, ist das Thema Krieg.

Arn von Reinhard ist EU-Skeptikerkritiker und Medienkritikerskeptiker.


foto by and with permission of Evelyne Steenberghe from vlien.net

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Feedre Wahnsinnig spannend und gut geschrieben.
LgF
Vor langer Zeit - Antworten
ArnVonReinhard Ich bin hier nicht mehr so oft, weil ... wer weiß, ändert sich vielleicht wieder. Auf jeden Fall bedanke ich mich für deinen Kommentar, wenn auch etwas spät. das gibt mir ein wenig Wind unter den Flügeln.

LG
AvR
Vor langer Zeit - Antworten
kullerchen Wow, war der letzte Satz doch eine Anspielung auf ein "Hajo-End"

Vorgestern habe ich bis Seite 107 gelesen, gefangen in deiner Geschichte und da ich wußte, dass es mit doch einiger Zeit verbunden sein wird, konnte ich heute den Rest geplant genießen.

Wenn ich das Gefühl habe, es könnte zumindest ein Teil einer eigenen Geschichte sein, dann ist sie gut..

Doch mahl ehrlich, GUT wäre eine leichte Untertreibung, ich hab sie gefressen.

Ja, ich bin kein 3 Seiten Leser, von denen es überall, auch hier zur Genüge gibt, was echt schade ist. Und ja, du warst so clever deinen Text zu teilen, damit er auch gelesen wird.

Doch schau nur, nur Ella wußte dich, neben mir, zu würdigen. NICHT weil du versagt hast, sondern weil man leider über mehr als ein paar groß geschriebene Seiten auch hier nicht hinaus kommt. WIE SCHADE, vor allem, für die, die dich nicht gelesen haben.

Ich kann mich kaum noch konzentrieren und körperlich bin ich wenig in der Lage, zu Sitzen und am PC liest es sich im Bett nicht gut und doch konnte ich nicht wiederstehen.

Zunächst schien es ein guter "Tatort" zu werden doch auch die Wendung, die mich kaum überraschte, weil ich Ähnliches genutzt hätte, war supi.

Wir scheinen beide auf das Besondere zu stehen und auch wenn du versucht hast mir "New Holmes" zu erklären, ich wills mal so sagen:
"ICH LIEBE DIESE SERIE", weil ich da mitten drin bin und versuche jeden Schritt so vorherzusehen wie Holmes und weil......... Ja, ja, wenig Chance und dann kommt am Ende ein Lächeln.

Bei deinem "Nichtstuer" :0) hast du genau das erreicht.

Genug Lobgesang, auch wenn er wirklich aus Herz und Seele kommt.
Ich denke, wenn ich mal hier bin, dann um auch bei dir hineinzulesen.

Vielen Dank, für 251 Seiten, die mich gefangen hielten. Auf Wiederlesen! Simone die ihren Hut erst zieht und dann nimmt um zu gehen! ;0)
Vor langer Zeit - Antworten
ArnVonReinhard Ich weiß nicht so recht, wie ich mich angemessen bei dir bedanken soll. Also versuche ich es mal so: Danke.

Wenn einen Leser die Geschichte, die ich mir erdacht (und erarbeitet) habe derart in den Bann zieht, glaube ich schon, die Dinge richtig gemacht zu haben. Gerade im Netz ist es ja schwierig mit langen Geschichten. Ich bin eigentlich kein Fan von der Stückelung, aber sie hat sich für mich, auch in anderen Foren, bewährt. (Ein Problem dabei ist z.B. das Cliffhanger entstehen, wo eigentlich keine sind.) Aber man muss sich seinem Publikum und dem Medium anpassen. Trotzig sein hilft da nichts. Das war ein Lernprozess für mich. Versuche mich daran zu halten. Ist vielleicht gegenüber solchen Lesern wie dir etwas gemein ...

Offtopic 1: Ich liebe den Holmes aus Doyles Büchern. Und als TV-Homes war ich bisher ein standhafter Verteidiger von Jeremy Brett in einer BBC-Verfilmung aus den 80er/90er Jahren des 20. Jhd.. Eigentlich bin ich also ein Purist. Aber ich liebe "Elemantary"!

Offtopic 2: An längeren (=zusammenhängenden) Mehrteilern wird es im September eine Erzählung über den Ach-Horenn geben, einen von mir geschaffenen Fluss aus einer Fantasywelt (7 Teile). Ende August/Anfang September starte ich dann "Die Bestie", eine klassische Schauergeschichte, die in Werrentheim - das ist meine Kunststadt, in der viele Geschichten von mir spielen und die du in "Der Mann, der nichts tat" ja schon am Rande kennengelernt hast- im 18. Jahrhundert angesiedelt ist. Länge: 50 Teile. Vielleicht trifft das ja deinen Geschmack.

LG
AvR
Vor langer Zeit - Antworten
kullerchen "Danke" ist ausreichend und ich hatte es ja ähnlich bekundet.
Deine Kunststadt hielt ich für einen Ot, den du kanntest, so gut wie du ihn beschrieben hast und wer da nicht in der Realität rechachiert, der sollte sich dann seiner Fantasie in dem, deinem Maße bedienen können. Alles andere ist flachbrüstig und taugt am Ende wenig.

Ich lese, solange ich denken kann Krimis/Thriller und habe da so meine Lieblinge. Doch nun das große ABER Ich kann einfach keinen Kriminalroman schreiben. Es liegt zum Einen an den fantastischen Vorbildern, nicht nur Klassikern, und zum anderen habe ich das perfekte Verbrechen noch nicht gefunden, etwas, womit man den Leser hält, vom ersten Wort an.

Ja, die Umschwung auf den "Weg der Fantasy", der wäre für mich eine Alternatie und ich hatte des Öfteren überlegt, dann aber alles über den Haufen geworen. Hat einige Gründe.

So latsche ich im Schriftstellerischen umher, zwischen Kindergeschichte, die seeeeehr anspruchsvoll sein können und Erwachsenenmärchen, wie ich sie nenne. Weder Fleisch, noch Fisch und schon garnicht vegan! ,0)

So, ich schreibe noch gerne weiter mit dir, aber auf privater Plattform, das macht sich besser.

Danken sollte ich dir, weil du neben KaraList jemand bist, der mich "anknipsen" kann. Es ist schön jemanden zu lesen, der einem gedanklich so nahe ist.

Bis zum nächsten Mal-Simone
Vor langer Zeit - Antworten
kullerchen 107 Seiten mit einem mal gelesen, dabei wollte ich nur mal schell reinschauen, ob mir dein Stil zu schreiben gefällt. Coins hab ich dir schon anderweitig heute "geschenkt", falscher Begriff, für etwas, was man sich erarbeitet. Und nun bin ich sicher, dass du ein Mann bist, auch wenn du Kreuzschlitzschraubenzieher geschrieben hast, statt Kreuzschlitzschraubendreher (hi, hi), denn nanach landetest du bei den Simpsons.

;0) Du hast mich tatsächlich gefangen und ich werde, nachdem mein lästiger, siechender, alter Körper, mich dann auch wieder läßt, weiter lesen, mit Freude.

Mehr dazu, wenn ich dann das Ende "gefressen" habe.

Auf Wiederlesen erst einmal, Simone
Vor langer Zeit - Antworten
ArnVonReinhard Ich muss zugeben, dass ich 107 Seiten "auf einen Rutsch" kaum für möglich hielt - anstatt "nur mal schnell reinschauen". Wenn mir ein größerer Kompliment einfällt, werde ich mich gesondert melden - aber verlass dich nicht darauf, dass das klappt! *freu*
:-)

LG
AvR
Vor langer Zeit - Antworten
EllaWolke Wunderbar! Nun "gesammelt"

Ich Danke Dir für den Lesegenuss der letzten Tage
LG Ella
Vor langer Zeit - Antworten
ArnVonReinhard Ist trotzdem viel zum hin- und herblättern. Aber es ist da. Und wenn du irgendwann in der Zukunft mal nicht mehr an dich halten kannst - hier ist der Ort dazu. ;-)

LG
AvR
Vor langer Zeit - Antworten
EllaWolke Nun, blättern muss man so oder so oder so :)
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