Kurzgeschichte
Kinderspiele am Ende des Zweiten Weltkriegs und danach - Erzählung

0
"Kinderspiele am Ende des Zweiten Weltkriegs und danach - Erzählung"
Veröffentlicht am 27. Mai 2016, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Literatur war mir in meinem Leben schon während der Schulzeit sehr wichtig. Doch ich habe erst seit ein paar Jahren die Zeit gefunden, selbst zu schreiben. Ich freue mich über Lob, bin aber für alle Verbesserungsvorschläge offen. Ich lese immer wieder in Literaturgeschichten, weil ich meine,dass wir nur so entdecken können, wie wir einen ganz bescheidenen Beitrag dazu leisten können, dass Literatur sich weiter entwickelt.
Kinderspiele am Ende des Zweiten Weltkriegs und danach - Erzählung

Kinderspiele am Ende des Zweiten Weltkriegs und danach - Erzählung

Kinderspiele während des Zweiten Weltkriegs und danach

Es wird Sie nicht wundern, lieber Leser, dass der Zweite Weltkrieg, der am Ende in Europa allgegenwärtig war, auch Kinderspiele in Deutschland beeinflusste. Um dies zu veranschaulichen, möchte ich Ihnen von drei Spielen erzählen.

Das erste Spiel nannten wir Kinder „Silberstreifen“. In meiner Heimat in Hamm (Westfalen) gab es gegen Ende des Zweiten Weltkrieges (1944/45) den größten Rangierbahnhof Europas, der für die Nationalsozialisten und für ihre britischen und amerikanischen Feinde

von größter Bedeutung und deshalb wiederholt Ziel britischer und amerikanischer Bombenangriffe war. Anfangs konnte er von der deutschen Flugabwehr, der FLAK, relativ erfolgreich verteidigt werden, bis sich die Alliierten entschlossen die Düppel-Strategie zur Störung der deutschen Radarschirme anzuwenden.

http://www.linkfang.de/wiki/D%C3%BCppel_%28Radart%C3%A4uschung%29

Ich erzähle von dieser Strategie jetzt so, wie wir Kinder sie wahrnahmen. Die Bomber warfen stark reflektierende

Staniolstreifen ab, von uns als Silberstreifen bezeichnet. Sie hatten unterschiedliche Formen und reflektierten selbst an dunklen Tagen, verstreut auf den Äckern des Münsterlandes, faszinierend das Licht. In ihrer einfachsten Form glichen sie dem Lametta, das man an Christbäume hängt. Aber es gab sie auch in einer Länge von mindestens einem Meter und einer Breite von mehreren Zentimetern, auf jeden Fall in unterschiedlichen Formationen. Das verlockte uns eine Sammlung von ihnen anzulegen und sie zu tauschen, um ihre Varianten komplett zu besitzen.

Aber dieses Spiel wurde von allen

Müttern und Großeltern (die Väter waren an der Front) verboten, die befürchteten, dass die auf den Feldern nach den Silberstreifen suchenden Kinder zum Ziel von Tieffliegern werden könnten. Mir ist kein einziger Fall bekannt, dass dies geschah. Dennoch war die Befürchtung der Erwachsenen nicht ganz unbegründet, weil Züge mit sog. Hamsterern, die zum Lebensmittelerwerb aufs Land fuhren, tatsächlich von den Alliierten beschossen wurden.

Doch wir waren der Faszination des glänzenden Spielzeugs Silberstreifen verfallen und wussten die Erwachsenen zu täuschen. Wir zogen vor dem Betreten

der Äcker unsere Schuhe aus, damit uns nicht Erdkrumen an ihnen verrieten. Einer von uns hatte einen Schlüssel für ein abgelegenes Gartenhäuschen, wo wir die Silberstreifen deponierten und er korrekt das Eigentum jedes Einzelnen verwaltete. Mit der Einstellung der Bombenangriffe im Frühjahr 1945 beendeten wir das Spiel, weil es keinen Nachschub an Silberstreifen mehr gab.

Das zweite Spiel hieß „Deutschland erklärt den Krieg“. Nach Belieben der Spieler wurde Amerika, Russland, England oder Frankreich als Feind eingesetzt. Zwei Einzelspieler oder zwei kleine Gruppen konnten gegeneinander kämpfen. Zu diesem Zweck malten wir

mit Kreide ein Quadrat auf den Bürgersteig und halbierten es in die Herrschaftsbereiche von Deutschland und zum Beispiel Russland. Der Spieler, der gerade am Zuge war, warf drei oder vier Knöpfe in die gegnerische Hälfte, die auf einer Linie liegen mussten, damit sie mit Kreide nachgezogen und die erweiterte Fläche als territorialer Gewinn eines Eroberungskriegs verbucht werden konnte. Das Spiel war beendet, wenn der Gewinner das gesamte Gebiet des Feindes eingenommen hatte. Wir spielten noch 1946 „Deutschland erklärt den Krieg“, nachdem der Zweite Weltkrieg längst verloren war. Mit einem Münzwurf wurde entschieden, wer

die Rolle Deutschlands übernahm, die trotz oder wegen des verlorenen Weltkriegs sehr beliebt war.

Das dritte Spiel, Schweigemarsch genannt es war eher ein makabrer Schülerstreich - ereignete sich erst 1953 auf dem Gymnasium. Wir hatten damals einige kriegsversehrte Lehrer, welche den aufgrund ihres langweiligen Unterrichts entstehenden Lärm in den Klasse nicht ertragen konnten und aggressiv versuchten, mit drakonischen Strafen Ruhe herzustellen. Es lag nahe, dass wir unsererseits darauf aggressiv reagierten und unseren Spaß daran hatten, diese Lehrer auf die Palme zu bringen. Ein Mitschüler kämmte damals

sein gescheiteltes dunkles Haar wie Adolf Hitler und hielt sich einen kleinen Kamm unter die Nase, um den Schnurrbart des Führers vorzutäuschen. Er verfügte über einige Stereotypen aus den Reden Hitlers, die er in den Pausen zur Einstimmung zum Besten gab. Während des Unterrichts zischte er aus der letzten Bank „Schweigemarsch!“, worauf wir unter den Bänken rhythmisch zu trampeln begannen. Bevor sich der so malträtierte Lehrer erhoben hatte, um die Marschierer zu bestrafen, war es leicht für uns, sofort die Füße ruhig zu halten, sodass keiner von uns als Trampel erwischt wurde. Mit jungen tüchtigen Lehrern auf der Oberstufe

verlor der martialische Schweigemarsch seinen Reiz. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir diesen für uns fast risikolosen Streich als Gemeinheit empfanden. Eher genossen wir unsere Macht.

© Ekkehart Mittelberg Mai 2016

0

Hörbuch

Über den Autor

Phantasus
Literatur war mir in meinem Leben schon während der Schulzeit sehr wichtig. Doch ich habe erst seit ein paar Jahren die Zeit gefunden, selbst zu schreiben.
Ich freue mich über Lob, bin aber für alle Verbesserungsvorschläge offen.
Ich lese immer wieder in Literaturgeschichten, weil ich meine,dass wir nur so entdecken können, wie wir einen ganz bescheidenen Beitrag dazu leisten können, dass Literatur sich weiter entwickelt.

Leser-Statistik
33

Leser
Quelle
Veröffentlicht am

Kommentare
Kommentar schreiben

Senden
FLEURdelaCOEUR An den Krieg habe ich keine Erinnerungen, aber mit den "Silberstreifen" haben wir auch noch in den Nachkriegsjahren gespielt. Habe deine Erinnerungen sehr gern gelesen!
LG fleur
Vor langer Zeit - Antworten
Herbsttag Ja, ja der Krieg, Kinderspiele und das bombardieren der Züge. Wir lagen in Dresden (Januar 1945) unter den Bänken im Zug und hofften, dass wir nicht getroffen werden. An kriegsbedingte Spiele kann ich mich nicht erinnern. Da wir aus der Großstadt kamen und in einem "kleinen Kaff" im Allgäu bei Plumpsklo und Petroleumlicht gelandet waren, hatten wir mit dem Überleben zu tun. Lehrer die rabiate Methoden hatten habe ich auch erlebt. Der "Tatzenstecken" (der Schüler hatte seine Hände flach auf die Bank zu legen und der Lehrer schlug mit einem dünnen Bambusstöckchen kräftig zu) war das Lieblingsinstrument unseres Mathelehrers. Liebe Grüße Ira
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Gracie, Ira, ja , es war eine harte Zeit und den täglichen Kampf ums Überleben habe ich auch miterlebt. Ich kann mich noch genau erinnern, wie sich Hunger anfühlt.
Liebe Grüße
Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
GertraudW 
Sehr gut geschrieben lieber Ekki - gerne gelesen.
Obwohl ich nicht mitreden kann, denn in dieser Zeit waren wir
in einem kleinen Dorf in der Nähe des Chiemsees evakuiert ...
Da wurde nicht recht viel gespielt, da war - wenn nicht gerade
Tiefflieger über uns hinweg donnerten - Holzsammeln angesagt ...
Ganz liebe Grüße und ein schönes Wochenende
Gertraud
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Gracie für deinen kommentar, Gertraud. Ja, in den ländlichen Regionen konnte zu dieser Zeit nicht viel gespielt werden; denn die Kinder wurden noch mehr in den Arbeitprozess eingebunden, da die Väter an der Front waren.
Liebe Grüße
Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
Rajymbek 
Jede Zeit hat ihre Spiele, nur die unsere verliert sie nach und nach. Sie werden einer virtuellen Welt geopfert.

VLG Roland
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Merci, Roland, ich bedaure diese Tendenz auch, wenngleich es eine Menge von virtuellen Spielen gibt.
VLG
Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
"Kinderspiele am Ende des Zweiten Weltkriegs und danach - Erzählung..."
Ich kann mich auch noch recht gut daran erinnern,
dass wir als Schulkinder sogar noch
Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre Lieder wie:
"Schwarz-Braun ist die Haselnuss" und andere,
trotz strengen Verbotes unserer Lehrer sagen...
Auch sammelten und tauschten wir als Kinder
Orden und Ehrenzeichen aus dem "dritten Reich",
später dann auch Russen-Sterne von den Käppis
und Uniform-Knöpfe, auch Abzeichen von den Alliierten in Berlin...
Meine Geschichte, "Fuschkin, Jahrgang 1945" berichtet davon... smile*
Interessante Rückblende... smile*
LG Louis :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Vielen Dank dafür, Louis, dass du die Tendenz meiner Erzählung durch weitere eindrucksvolle Beispiele unterstützt.
LG
Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
ArnVonReinhard Historische Anmerkung:
Die Düppelstreifen, von den Alliierten "Window" genannt, kamen zum ersten Mal bei der "Operation Gomorrha", einer Reihe von Luftangriffen auf Hamburg im Juli/August 1943 zum Einsatz - mit verheerender Wirkung. jene Angriffe waren sehr viel wirksamer und verlustreicher als jene bekannteren auf Dresden im Februar 1945. Im Hamburg kam e zum ersten Mal im großen Umfang zu dem Phänomen des "Feuersturms".
Die Düppel-/Windowstreifen wurden damals verschieden zugeschnitten, weil sich ihre Länge und breite nach den Wellenlängen der Radargeräte richtete, die gestört werden sollten. Wirklich gelöst konnte das Problem auf technische Weise nie, aber die Radarbediener lernten, Düppel-/Windowwolken von Flugzeugen zu unterscheiden, den die reflektierenden Streifen standen ja in der Luft und glitten langsam zu Boden, während die Bomber mit Geschwindigkeiten zwischen 300 und 400 Stundenkilometern durch die Luft flogen.

Zum Text:
Ich finde diese Geschichte sehr interessant, weil sie zeigt, das Kinder ihre Umwelt auf jeden Fall wahrnehmen, auf sie reagieren. Und das Aufbegehren gegen den Muff in Deutschland - zu dem sich im Augenblick ja wieder mancher zurückwünscht - nicht erst in den späten 60ern des letzten Jahrhunderts begannen. Von daher bist du für mich ein echter Zeitzeuge und gerade solche Geschichten von dir lese ich mit großem Interesse.

LG
AvR
Vor langer Zeit - Antworten
Zeige mehr Kommentare
10
11
0
Senden

144109
Impressum / Nutzungsbedingungen / Datenschutzerklärung