Kurzgeschichte
Marktwirtschaftliche Erkenntnisse anhand von Maikäfern - Anekdote

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"Marktwirtschaftliche Erkenntnisse anhand von Maikäfern - Anekdote"
Veröffentlicht am 23. Mai 2016, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Foto von Kapa65 (Pixabay)
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Literatur war mir in meinem Leben schon während der Schulzeit sehr wichtig. Doch ich habe erst seit ein paar Jahren die Zeit gefunden, selbst zu schreiben. Ich freue mich über Lob, bin aber für alle Verbesserungsvorschläge offen. Ich lese immer wieder in Literaturgeschichten, weil ich meine,dass wir nur so entdecken können, wie wir einen ganz bescheidenen Beitrag dazu leisten können, dass Literatur sich weiter entwickelt.
Marktwirtschaftliche Erkenntnisse anhand von Maikäfern - Anekdote

Marktwirtschaftliche Erkenntnisse anhand von Maikäfern - Anekdote

Marktwirtschaftliche Erkenntnisse anhand von Maikäfern

In den Jahren 1947 - 1950, von denen ich hier erzähle, besaßen die meisten Kinder in der BRD nur wenig Spielzeug. Die lebensnotwendige Beschaffung von Nahrung und Kleidung hatte eindeutig Vorrang vor diesem Luxus. So begnügten wir uns mit einfachen selbst gebastelten Angelgeräten und Bällen, ohne den Mangel als Entbehrung zu empfinden.

Im Monat Mai brauchten wir jedoch gar kein Spielzeug, weil wir allein darauf konzentriert waren, möglichst viele Maikäfer in Pappkartons mit kleinen

Luftlöchern und einigen Blättern als Futter für unsere Lieblinge zu sammeln. Wer die meisten Maikäfer besaß, war für kurze Zeit unter den Spielkameraden angesehen.

Es ging uns jedoch nicht nur um die Quantität der Maikäfer. Der wurde mit besonderer Hochachtung bedacht, der die richtigen Maikäfer besaß. Deren Gebrauchswert bestand also darin, ihrem Besitzer Ansehen in der Gruppe zu verschaffen. Wir bemaßen den Wert der Maikäfer nach ihren Kopfschildchen in schwarzer, weißer oder rötlicher Farbe. Die mit der schwarzen Kopfbedeckung wurden als Schornsteinfeger, die mit der weißen als Müller und die mit der

rötlichen als Könige bezeichnet. Von den schwarzbekopften Schornsteinfegern gab es jede Menge, die Müller waren seltener und die Könige eine Rarität. Wem es also nicht gelang, einen König einzufangen, der musste tauschen, also je nach Tageskurs zum Beispiel zehn Schornsteinfeger oder fünf Müller dafür hergeben. Natürlich stieg der Tauschwert der Könige, wenn gerade nur sehr wenige von ihnen vorhanden waren.

Einige Tage differierte der Tauschwert der Maikäfer jedoch nur wenig, solange wie wir versuchten, durch Steinwürfe in die Ahornbäume unserer Straße einige kleine Äste herunter zu holen, auf denen sich manchmal ein Maikäfer befand. In

diesen Tagen waren die unermüdlichsten und geschicktesten Werfer unter uns die Maikäfer-Fürsten.

Doch das änderte sich, als einer von uns eine unglaubliche Menge von Maikäfern in einem riesigen Karton anschleppte und seine Jagdgründe nicht verriet. Im flachen Münsterland gab es einige km von unserer Stadt entfernt eine kalkhaltige Anhöhe, auf der ein üppig beblätterter Eichenwald wuchs, ein Paradies für Maikäfer. Doch der Entdecker dieses Paradieses konnte sein Geheimnis nicht für sich behalten. Nachdem er es ausgeplaudert hatte, verfügten wir alle über solche Mengen von Maikäfern, dass der Tausch fast

reizlos wurde. Nur die Könige mit den roten Köpfchen behielten ihren Tauschwert. Aber wogegen sollte man sie tauschen? Jeder besaß genügend Schornsteinfeger und Müller. So kamen wir auf die Idee, Spielzeug gegen Könige einzutauschen. Das besaß ebenfalls einen hohen Tauschwert, weil es so selten war.

Meine Eltern hatten mir zu Weihnachten eine ansehnliche Laubsägearbeit geschenkt, einen Bauernhof mit unterschiedlichen Tieren, zu denen besonders stattliche Hähne und niedliche Küken gehörten. Deren Marktwert war sehr hoch und ich konnte sie gegen so viele Maikäferkönige

eintauschen, dass ich nun selbst der Maikäferkönig wurde.

Doch als meine Eltern davon erfuhren, die keine Ahnung von dem Gebrauchswert von Maikäfern hatten und meine Freude daran, König zu sein, nicht teilen konnten und wollten, wurde ich empfindlich bestraft, weil ich ihr Geschenk geringer achtete als Maikäfer. Der Schmerz darüber war so groß, dass im folgenden Jahr Maikäfer für mich ihren Gebrauchswert und damit auch ihren Tauschwert verloren hatten.

Ein Bekannter erzählte mir, dass er noch in den 50er Jahren ähnliche Erfahrungen mit Maikäfern gemacht hatte wie ich. Er war auch ein Maikäferfürst wie ich und

beging die Unvorsichtigkeit, seinen großen Karton im Flur vor dem elterlichen Schlafzimmer abzustellen. Seine Mutter wachte nachts von ungewöhnlichen Geräuschen auf, unter denen ein leises Gebrumm überwog. Sie dachte sofort an Einbrecher und durchsuchte ergebnislos die Wohnung, tief erschrocken über das bleibende Geräusch. Als sie die Maikäferkiste entdeckt hatte, stürzte die gutmütige Frau ins Schlafzimmer des Bekannten und da sich ihr Schrecken noch nicht gelegt hatte, verpasste sie diesem eine saftige Ohrfeige. Dieser war über die erlittene Ungerechtigkeit so erbost, dass er am frühen Morgen alle seine Maikäfer

in die Freiheit entließ. Mit einem Schlage waren ihr Gebrauchswert und Tauschwert dahin.

© Ekkehart Mittelberg, Mai 2016

Genre: Anekdote

Thema: Wertschätzung

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Über den Autor

Phantasus
Literatur war mir in meinem Leben schon während der Schulzeit sehr wichtig. Doch ich habe erst seit ein paar Jahren die Zeit gefunden, selbst zu schreiben.
Ich freue mich über Lob, bin aber für alle Verbesserungsvorschläge offen.
Ich lese immer wieder in Literaturgeschichten, weil ich meine,dass wir nur so entdecken können, wie wir einen ganz bescheidenen Beitrag dazu leisten können, dass Literatur sich weiter entwickelt.

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Herbsttag Eine reizende Geschichte! Bei uns (damals in dem kleinen Kaff im Allgäu) tauschten die Buben ebenfalls. Die Mädchen hielten sich da raus, schon alleine deshalb, weil es Buben gab, die sich von hinten anschlichen und einem so einen Maikäfer unter das Kleid setzten, das war ein ganz unangenehmes kratziges Gefühl. Allerdings mussten alle Schüler Kartoffelkäfer sammeln. Liebe Grüße Ira
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Merci, Ira, es ist interessant, dass dieses Spiel, das nichts kostete, über ganz Deutschland verbreitet war. Das Sammeln von Kartoffelkäfern ebenfalls. Aber das wurde staatlich verordnet.
Liebe Grüße
Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
Willie Tauschen unter Kindern, nannte man in Sachsen "Kaubeln" Gekaubelt wurde alles- sehr zum Missfallen der Eltern. Die Rangordung der Maikäfer gab es auch bei uns. Spielzeuge waren ein Holzroller und eine Peitsche mit diversen Kreiseln, die auch einen hohen Tauschwert hatten.
Geschichten wie deine, wecken nicht nur Erinnerung, sondern sind sicher auch für die folgegenerationen interessant.
b.G.
W.
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Vielen Dank für deinen Favo und Kommentar , Willie. Ich habe Spaß an wenig bekannten Dialektwörtern. Kaubeln ist für mich ganz neu.
Liebe Grüße
Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
gela556 So eine herrliche Geschichte,
Habe leider noch nie so etwas gehört,
von Maikäfer Fürsten, oder Könige.
Wenn man Geschichten liest, kann stets was neues erleben...
Sachen gibt es...... ;-)))

GlG, Gela
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Vielen Dank für deinen Favo und Kommentar, Gela. Ja, das ist das Faszinierende an der Literatur, dass sie mit Fantasie etwas erschaffen kann, was man vorher noch nicht gehört hat.
Mit lieben Grüßen
Ekki, der Maikäfer-König
Vor langer Zeit - Antworten
GertraudW 
Eine ganz, ganz zauberhafte Geschichte lieber Ekki, die mit so viel
Liebe geschrieben ist - ich habe sie schmunzelnd und mit großer
Freude gelesen. Danke Dir dafür, dass Du auch meine Erinnerungen
geweckt hast. Vor allem habe ich auch noch was gelernt, denn ich
wusste nicht, dass es "Kaminkehrer", "Müller" und "Könige" unter den
Maikäfern gibt - oder habe ich damals schon so schlecht gesehen?
Schmunzel*. Übrigens meinen letzten Maikäfer habe ich 1975 in Süd-
tirol gesehen ...
Liebe Grüße an Dich
Gertraud
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Gracie für die Status-Coins, den Favo un deinen charmanten Kommentar, Gertraud.
Die Freude an diesen possierlichen Tierchen wird uns erhalten bleiben. Der NABU schreibt, dass wir heuer wieder ein Maikäferjahr haben. Selbst die Naturschützer zeigen freilich ein gewisses Verständnis dafür, dass die Käfer im Interesse der Forstwirtschaft bekämpft werden müssen, wenn sie zu Tausenden auftreten.
Aber das wird unsere schönen Kindheitserinnerungen nicht trüben, Gertraud.
Liebe Grüße
Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
Hallo Ekki,
gerade eben habe ich Deine Maikäfer-Story mit dem allergrößten Vergnügen gelesen und kann den Inhalt deiner gut geschriebenen Geschichte aus fernen Kindertagen sehr gut nachvollziehen... ...smile*
Wilhelm Busch mit Max und Moritz lassen ebenfalls recht herzlich grüßen... smile*
LG Louis :-)))
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Vielen Dank für deinen Favo und für die Empathie in deinem Kommentar, Louis.
Als Liebhaber der Literaturgeschichte freue ich mich immer, wenn jemand weiß, wer den Stoff/das Motiv sonst noch anregend verarbeitet hat und daran erinnert wie du.
Beste Grüße
Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
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