Romane & Erzählungen
Das Geschenk - Erzählung

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"Das Geschenk - Erzählung"
Veröffentlicht am 17. Mai 2016, 10 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

Zweifler, Pessimist, Misanthrop ... ... ungef√§hr so: "Nein, nein, ich habe nicht bewundernswert gesagt, ich sagte, ich bin au√üergew√∂hnlich. Das was ich tue, das was dir so viel bedeutet ... du meinst, ich tue es, weil ich ein guter Mensch bin? Ich tue es, weil es zu schmerzhaft w√§re, es nicht zu tun. (...) Wei√üt du, es tut weh (...), alles das! Alles was ich sehe, alles was ich h√∂re, rieche, ber√ľhre, die Schlussfolgerungen, die ich ...
Das Geschenk - Erzählung

Das Geschenk - Erzählung


Ich habe einen Freund, und dieser Freund hat Angst. Vielen f√§llt das schwer zu begreifen, schlie√ülich hat jeder von uns ab und zu Angst. Damit meine ich noch nicht einmal die Angst vor dem Tod, denn so √ľberw√§ltigend diese auch seien mag, so ist es doch unm√∂glich, sie richtig zu fassen, geschweige denn in Worte zu kleiden. Deshalb ignorieren ihn viele einfach. Manche stilisieren ihn zu einem spirituellen Erlebnis hoch. Als ob das etwas an seinem endg√ľltigen Schiedsspruch √§ndern w√ľrde. Allerdings ist noch niemand wiedergekommen, oder die, die es sind, halten vorsorglich den Mund und so muss man glauben.

Zumeist sind es jedoch ganz andere √Ąngste, die uns plagen. Einfache √Ąngste mit immenser Wirkung. Der Eine hat Angst im Dunkeln. Die Frau von Nebenan hat vielleicht Angst vor

Spinnen und je kleiner sie sind, desto mehr Angst hat sie. Dann gibt es Menschen mit Höhenangst.

"Da kriegst Du mich nicht hinauf!"

Ein wenig geh√∂re ich auch dazu, obwohl es keine eigentliche H√∂henangst ist, die mich plagt. Ich steige schon auf jeden Turm und habe Spa√ü an der Aussicht. Aber es bereitet mir eben auch Freude, wenn ich wieder unten angekommen bin, den festen Boden unser geliebten Mutter Erde unter meinen F√ľ√üen sp√ľre. Als Kind hatte ich Angst vor unserem Keller.

Ging es dir nicht ähnlich?

Aber an dem war nun nichts, was einen h√§tte f√ľrchten lassen k√∂nnen. Keine Leiche war dort gefunden worden und erh√§ngt hatte sich auch niemand. Aber der Geruch, dieser Geruch! Nach altem Holz und alten Steinen! Man sollte

meinen, dass die nach nichts riechen, aber so ist es nicht. Der Geruch war so stark, dass er mir einen kalten Schauer √ľber den R√ľcken jagte. Jedes Mal. Und hinzu kam noch, dass es dunkel war.

So oder so ähnlich sehen wohl all unsere Erinnerungen an die Angst oder Erfahrungen mit der Angst aus. Es gibt wohl niemanden, der das verleugnen könnte und denen, die das tun, braucht man nicht zu glauben. Aber bei meinem Freund ist das anders.

Dieser Freund hat Angst vor Menschen. Vor vielen Menschen auf einem Fleck und nicht vor dem Menschen an sich. Wenigstens sagt mein Freund das. Ich bin mir nicht immer so sicher, ob es das alleine ist. Denn obwohl wir Freunde sind, versp√ľre ich bei meinem Gegen√ľber manchmal immer noch eine Angst vor mir. Mein Freund w√ľrde das leugnen, aber das ist nur H√∂flichkeit.

Auf jeden Fall ist es keine eingebildete Angst, sondern klinisch nachgewiesen, mit Brief und Krankenschein, was nicht bedeutet, dass andere Menschen es besser verstehen. Das ist aber auch nicht wichtig. Denn mit Leuten die Nichts verstehen, sollte man sich besser nicht abgeben.

Soll ich mich mit dir abgeben?

Diese Angst schr√§nkt meinen Freund sehr ein. Schon das einfache auf-die-Stra√üe-gehen wird so zu einem schwer zu meisternden Abenteuer und damit meine ich kein gutes Abenteuer wie in den B√ľchern deiner Jugend. Die simpelsten Dinge kann so ein Mensch nur mit √§u√üerster Anstrengung bew√§ltigen. Dinge die f√ľr uns normal sind, wie Einkaufen oder sich in ein Restaurant zu setzen. Anfangs war das auch f√ľr mich schwer zu begreifen, aber ich habe es, irgendwann, verstanden. Wenigstens glaube ich

das. So ganz sicher bin ich mir da nicht, wie gesagt.

Nun mag ich diesen Freund sehr gerne. Es ist sozusagen einer meiner besten Freunde und manchmal wird dies Gef√ľhl auch erwidert. Deshalb unternehmen wir beide auch einiges zusammen. Ich helfe meinem Freund wo ich kann und eigentlich ist das gar nicht schwer. So kam dann die Weihnachtszeit ‚Ķ

Ich hab geschwindelt. Dieser Freund ist mein bester Freund.

Wir haben uns immer wieder √ľber die Geschenke, die wir geben wollten, unterhalten. Mein Freund erw√§hnte eine bestimmte Sache und schaute mich dann ein wenig schr√§g an.

‚ÄěKein Problem, Chef‚Äú, sagte ich, ‚Äěso etwas gibt es auf dem Weihnachtsmarkt.‚Äú Ich grinste. Das war bl√∂de und ziemlich unpassend.

‚ÄěNa, grandios, was f√ľr eine Erkenntnis‚Äú,

begann mein Freund. ‚ÄěIch habe mich die ganze Zeit gefragt, wo ich es her bekomme. Verdammt, bist Du nur gekommen um wieder Rum-zu-Klugschei√üern, oder was?‚Äú

Ich tat so, als w√ľrde ich ein dummes Lied pfeifen und versuchte so die Lage zu retten.

‚ÄěSieht so aus, was? Hach, ich bin ja so klug!‚Äú

‚ÄěNa, ist ja ganz dolle! Wenn Du wieder gelandet bist, dann wollte ich Dich fragen, ob Du mit mir auf den Weihnachtsmarkt gehst?‚Äú

Ich schaute meinen Freund ganz groß an. Worte brachte ich nicht heraus.

‚ÄěNa, was denkst Du? Soll ich etwa alleine gehen?‚Äú

‚ÄěNein, nein‚Äú, begann ich, immer noch einigerma√üen verwirrt, ‚Äěich w√ľrde Dich schon begleiten wenn du m√∂chtest!‚Äú

Das vereinbarte Datum kam. Wir hatten lange √ľberlegt, welcher Tag wohl der mit den wenigsten Besuchern w√§re. Wir einigten uns auf

Dienstag. Eine wirkliche Begr√ľndung hatten wir daf√ľr nicht. Ich holte meinen Freund ab, dann gingen wir zur Haltestelle und fuhren mit der Stra√üenbahn in die Stadt. Wir stiegen ziemlich fr√ľh aus, um nicht sofort in den gr√∂√üten Trubel zu kommen.

Menschen!

Noch war mein Freund ziemlich entspannt, wenigstens so weit, wie ich es angesichts der Situation erwarten konnte. Nun f√ľhrt der Weihnachtsmarkt in unserer Stadt durch Stra√üen und Gassen, die so schon ziemlich schmal sind, auch ohne Weihnachtsmarktged√∂ns. Wenn sich dort dann noch Holzh√ľtten und sonstige St√§nde breit machen, so wird der wenige Platz noch weniger. Es k√∂nnen nicht viele Personen nebeneinander gehen. Mein Freund wich aber nicht von meiner Seite. Ich versuchte die Situation durch schwatzen zu √ľberspielen, aber bei dem Bl√∂dsinn, den ich da geredet habe, kann ich die Sache nicht besser gemacht haben.

Ab einem bestimmten Punkt merkte ich, wie mein Freund sich versteifte. Der ganze K√∂rper war erstarrt und ich kann von mir behaupten, einmal einen Menschen mit absolut geraden Wirbels√§ule gesehen zu haben. Uns wurde so manch b√∂ser Blick zugeworfen, weil wir mehr als die halbe Stra√üe einnahmen. Aber das k√ľmmerte uns nicht. Denn erstens kannten die da das Problem nicht und selbst wenn, h√§tte es wohl kaum jemand verstehen wollen.

Die Angst erreichte dann ihren H√∂hepunkt. Mein Freund ergriff meinen Arm und hielt ihn ganz fest. Ich gab mich der Illusion hin, dass das nicht allein das Gef√ľhl der Angst bewirkt h√§tte. Wir erreichten den Stand, den wir zuvor als Ziel ausgemacht hatten. Dort gab es, was wir suchten. Mein Freund zeigte es mir.

‚ÄěNa, was denkst du?‚Äú

Ich musste schmunzeln.

‚ÄěWenn ich an die Person denke, die das bekommen soll...‚Äú

‚ÄěGut, was?‚Äú

‚ÄěNa ja, tja, auf jeden Fall ist das schon was ganz Besonderes. So etwas kriegt man nicht alle Tage.‚Äú

Nach dem Kauf gingen wir auf demselben Weg zur√ľck zur Haltestelle. Erst dort lie√ü mein Freund meinen Arm los. Wir verabschiedeten uns, denn meine Stra√üenbahn fuhr in eine andere Richtung

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Hörbuch

Über den Autor

ArnVonReinhard
Zweifler, Pessimist, Misanthrop ...

... ungefähr so:

"Nein, nein, ich habe nicht bewundernswert gesagt, ich sagte, ich bin au√üergew√∂hnlich. Das was ich tue, das was dir so viel bedeutet ... du meinst, ich tue es, weil ich ein guter Mensch bin? Ich tue es, weil es zu schmerzhaft w√§re, es nicht zu tun. (...) Wei√üt du, es tut weh (...), alles das! Alles was ich sehe, alles was ich h√∂re, rieche, ber√ľhre, die Schlussfolgerungen, die ich imstande bin zu ziehen, die Dinge, die sich mir offenbaren ... die H√§sslichkeit. Meine Arbeit fokussiert mich. Das hilft. Du sagst, ich benutze meine Gaben. Ich sage, ich geh nur mit ihnen um."
(Sherlock Holmes; In: Elemantary)


Fantasy- und Schauergeschichten sind mein Ding, weil sich darin alles Menschliche verarbeiten lässt.
Und ob ich es will oder nicht, auch das Thema "Freundschaft" taucht immer wieder auf.
Aphorismen.
Ein weiterer großer Bereich, mit dem ich mich beschäftige, in Erzählungen und Nonfiction, ist das Thema Krieg.

Arn von Reinhard ist EU-Skeptikerkritiker und Medienkritikerskeptiker.


foto by and with permission of Evelyne Steenberghe from vlien.net

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KaraList Leicht und locker ein ernstes Thema aufgegriffen. Wie sehr Menschen unter einer Phobie leiden, können wohl nur die erkennen, die zu deren nahen Umfeld gehören. Ein Freund ist durchaus dazu in der Lage. Das ist in der Geschichte auf feine Art zum Ausdruck gekommen.
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
ArnVonReinhard Danke.

LG
AvR
Vor langer Zeit - Antworten
EllaWolke Warum hatte ich das noch nicht gelesen ?

Weil es um Soziale Phobie ging?...Keine Ahnung
heute habe ich
und Du hast es gut geschrieben ..sehr gut
Aber das Ende soooo abrupt ...
LG Ella
Vor langer Zeit - Antworten
ArnVonReinhard Ist halt nur ein Ausschnitt ...

"Weil es um Soziale Phobie ging?"
Du kennst dich auf jeden Fall aus.

LG
AvR
Vor langer Zeit - Antworten
Herbsttag Ein Geschenk, das doppelt kostbar ist, weil ein Mensch sich gegen seine Angst gestemmt hat. Grüße Ira
Der Mut ist wie ein Regenschirm. Wenn man ihn am dringendsten braucht, fehlt er einem. Fernandel
Vor langer Zeit - Antworten
ArnVonReinhard Ausnahmen bestätigen die Regel .. ach, so ... is ja nur ne Geschichte ...

LG
AvR
Vor langer Zeit - Antworten
baesta Da hatte der Freund ja schon einen guten Ansatz zur Bekämpfung seiner Zwangsneurose und eigentlich müsste er es immer wieder tun, um diese zu bekämpfen. Ich gebe es ja zu, auch ich mag Menschenansammlungen nicht, aber Angst, die habe ich nicht davor.
Eine frühere Kollegin hatte auch eine Neurose. Sie misstraute sich selber und kontrollierte sich stets mehrmals. So etwas gehört eigentlich in die Hand eines guten Psychotherapeuten, denn da steckt wohl auch eine gehörige Portion mangelndes Selbstbewußtsein dahinter.
LG Bärbel
Vor langer Zeit - Antworten
ArnVonReinhard "Da hatte der Freund ja schon einen guten Ansatz zur Bekämpfung seiner Zwangsneurose (...) So etwas gehört eigentlich in die Hand eines guten Psychotherapeuten (...)"

Beides stimmt und gehört untrennbar zusammen. Der Freund braucht Hilfe, damit er sich selbst helfen/vertrauen kann.

LG
AvD
Vor langer Zeit - Antworten
gela556 O man, ist dieser Mann wenigstens heil nach Hause gekommen?
Ich weiß und kenne das Gefühl, Panische Angst vor Menschen zu haben.
Ich steige heute noch nicht einmal in einen Zug oder gehe über volle Märkte.. Diese Angst kann keiner beschreiben.
Mit meinen Augen und Gefühlen beschreibe ich es mal.
Wenn du an einem Mensch vorbei gehst und schaust im ins Gesicht, dann kannst Du alles erkennen. Menschen die Angst haben, sehen keinen Menschen, nur etwas verschwommenes, das sich auf sie zu bewegt und ziemlich breit einem erscheint. Das Gefühl, erdrückt zu werden kommt hoch und Panikartakten entstehen. Du bekommst Fieber und starken Schweißausbruch.
Entsteht oft im Kindesalter, wenn das Kind misshandelt wird

Herzlichst, Gela
Vor langer Zeit - Antworten
ArnVonReinhard Hallo Gela,

ja, ich denke, wie du es da beschreibst, so kennen viele jene - auf den ersten Blick - unbegründeten Ängste, hinter denen fast immer ganz andere Dinge stecken, als das, was gerade geschieht.

"Entsteht oft im Kindesalter, wenn das Kind misshandelt wird"
Dem ist so und die Misshandlung muss da noch nicht einmal Körperlich sein.

Ich habe versucht, dass aus der Sicht eines Außenstehenden darzustellen. Und wenn meine Geschichte diesen Kommentar von dir "bewirkt" hat, dann hat es dies zumindest ein wenig hereingezogen und das sehe ich als Lob.

LG
AvD
Vor langer Zeit - Antworten
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