Humor & Satire
Rüdiger - das Leben eines Rüdigers

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"Rüdiger - das Leben eines Rüdigers"
Veröffentlicht am 20. Dezember 2008, 10 Seiten
Kategorie Humor & Satire
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Rüdiger - das Leben eines Rüdigers

Rüdiger - das Leben eines Rüdigers

Beschreibung

Dies ist eine sehr merkwürdige Geschichte namens Rüdiger über eine sehr merkwürdige Person namens Rüdiger.

Kapitel

Jeden Abend stellte er sich einen kleinen Tisch vor den Spiegel, der an der Wand seines Schlafzimmers hing, kochte sich eine Suppe aus allem, was sich im Kühlschrank befand und setzte sich damit an jenen Tisch. Er nahm genau drei Löffel von der Suppe, ließ den Rest stehen, schaute in den Spiegel und fing an, sich selbst zu kritisieren. Diese Tätigkeit nannte er "Abendessen".
Nachdem er "gegessen" hatte, stellte er den Tisch zurück an seinen eigentlichen Platz neben dem Fernseher. Dann schaltete er zunächst das Radio ein und suchte nach einem Sender, der mit dem Buchstaben A anfängt. Wenn er fündig geworden war, machte er dazu noch den Fernseher an, jedoch ohne Ton. Er versuchte nun das Bild des Fernsehers und den Ton des Radios zusammenzufügen und sich so seine eigene Art von Unterhaltung zu schaffen.
Dienstags lernte er immer die Verkehrsmeldungen auswendig, um am nächsten Tag ein Buch darüber zu schreiben. Bücher - das war der Hauptinhalt seines Lebens. Nach dem "Fernsehen" holte er sich eines der Bücher, die er jeden Tag schrieb aus dem Regal. Nicht etwa um es zu lesen, sondern um es als Brennmaterial für ein gemütliches Kaminfeuer zu verwenden. Zu diesem Feuer machte er sich immer wieder eine Tasse mit Zitronentee, der ihm nicht schmeckte. Er trank ihn auch nie, sondern ließ ihn einfach stehen. Er ließ ihn nicht stehen, wie er seine Suppe stehen ließ; diese räumte er irgendwann weg. Aber den Tee ließ er einfach stehen. Mittlerweile war der gesamte Wohnzimmertisch mit Tassen zugestellt. Doch seiner Meinung nach war es nicht Zeit, die Tassen wegzuräumen, sondern Zeit für einen neuen Wohnzimmertisch. Dafür hätte er aber Geld benötigt und als Supermarktangestellter verdiente er nicht sehr viel. Aus diesem Grund kippte er den Tisch einfach um. Die Tassen fiel zu Boden, zersprangen und ihr Inhalt verteilte sich auf dem gesamten Fußboden. Er machte weder sauber, noch stellte er den Tisch wieder hin, da er schleunigst zur Arbeit musste. Eigentlich hatte er gar keine Arbeit mehr. Ihm wurde schon längst gekündigt, da er tagelang nicht erschienen war. Doch das hatte er nicht wahrgenommen, weil er den Brief mit der Kündigung an seine Fische verfüttert hatte um sich das Geld für Fischfutter zu sparen. Er hatte eigentlich gar keine Fische, aber er hatte sich angewöhnt, seine Katzen "Fische" zu nennen, da er gegen Katzen allergisch war und er sie deshalb nicht leiden konnte. 
Er war also auf dem Weg zu seiner "Arbeit": Der Standort des Supermarktes, in dem er "arbeitete", war in einer Stadt, die 5 Stunden zu Fuß von seinem Wohnort entfernt war. Er hätte auch den Zug nehmen können, aber er hatte keine Lust den Weg vom Bahnhof zu seinem Arbeitsplatz zu laufen.
Die Zeit, die er zu Fuß für den Weg brauchte, nutzte er immer, um sich die Haare zu schneiden, bzw. zu färben. Somit hatte er jeden Tag eine neue Frisur und somit auch jeden Tag etwas neues, das er beim Abendessen an sich kritisieren konnte.
An seinem "Arbeitsplatz", den Überresten eines alten Supermarktgebäudes, angekommen, setzte er sich sofort an die Kasse. Er wusste, dass diese "Kasse" nur ein riesiger Felsblock war, aber das hielt ihn nicht von seiner Arbeit ab.
Es war nun drei Uhr nachts und er hatte seinen vierminütigen Arbeitstag beendet. Nun ging er zur Bank, um sich sein monatliches Gehalt abzuholen. Er hatte seinen Chef darum gebeten, ihm das Geld nicht wie üblich in einem Briefumschlag zu geben, sondern es auf sein Konto zu überweisen. Er befürchtete nämlich, dass er den Umschlag dann an seine Fische verfüttern würde.
Die Bank hatte bereits geschlossen und er wollte sein Geld nicht am Automaten abheben, da er das Geld aus diesem für Falschgeld hielt. Er wartete also wie an jedem ersten Tag des Monats, bis die Bank wieder aufmachte. Die Zeit verbrachte er damit, die Kennzeichen der parkenden mit denen der fahrenden Autos zu vergleichen. Immer wenn mehr als zwei Stellen übereinstimmten, spürte er ein Gefühl des Erfolgs in sich aufkommen. In solchen Momenten war er einfach nur stolz auf sich und sein Leben.
Endlich war die Bank wieder geöffnet und er ging hinein, um sein verdientes Geld abzuheben. Doch die Angestellte am Schalter berichtete ihm wie jeden Monat, dass die gewünschte Summe nicht auf seinem Konto wäre. Daher musste er also wie an jedem ersten Tag des Monats zu seinem Chef gehen, um sich das Geld persönlich abzuholen. Dieser wohnte direkt neben dem Supermarkt. Aber wie immer war er nicht zu Hause und so musste Rüdiger wieder mal einen Zettel hinterlassen, auf dem stand, dass er sich das Geld abgeholt hat.
Auf dem Heimweg war wie jeden Monat ein Polizist hinter ihm her, er konnte diesen jedoch wie auch sonst geschickt abhängen. Eigentlich war dieser "Polizist" nur der Nachbar seines Chefs und wollte ihn darauf hinweisen, dass das Geld, das er mitgenommen hatte, gefälscht war. Denn der "Chef" war in Wirklichkeit der Kopf einer berüchtigten Geldfälscherbande.
Rüdiger saß nun im Zug nach Hause. Er wollte zwar nie den Zug zur Arbeit nehmen, aber zurück fuhr er immer damit. Der Weg vom Bahnhof zu seinem Haus schien ihm nämlich nicht so weit wie der Weg vom Bahnhof zu seinem Arbeitsplatz. Die Zugfahrt nutzte er jeden Tag zum Schlafen. Sobald er sich hingesetzt hatte, schlief er ein und er wachte erst wieder auf, wenn der Zug an der Station ankam, an der er aussteigen musste. Das lag aber daran, dass diese die letzte Station war und der Zugführer ihn immer rausschmiss.
Rüdiger brauchte nicht viel Schlaf. Er hatte sich daran gewöhnt, immer beschäftigt zu sein. Der einzige Grund, warum er überhaupt schlief, war, dass er während der Zugfahrt nichts besseres zu tun hatte.
Er war nun auf dem Weg zu seinem Haus. Dieses "Haus" war nur eine kleine Wohnung und lag im obersten Stockwerk eines Mehrfamilienhauses. Im untersten Stock befanden sich eine Bäckerei und ein kleiner Supermarkt. Rüdiger hatte sich schon oft überlegt, in diesem Supermarkt zu arbeiten. Diesen Gedanken hatte er dann aber schnell wieder verworfen, da dies seinen gesamten Tagesablauf durcheinander bringen würde. Das Haus hatte zehn Stockwerke, es gab eine Treppe und einen Aufzug. Mit diesem konnte man jedoch seit einiger Zeit nur noch bis in den neunten Stock fahren. Rüdiger wohnte aber im zehnten Stock und daher nahm er lieber die Treppe. Dass der Aufzug nicht bis in den zehnten Stock fuhr, war nicht der einzige Grund dafür. Der Hauptgrund war, dass ihm die Farbe des Aufzugs nicht gefiel. Grün - die Farbe der Hoffnung. Er konnte das Wort Hoffnung einfach nicht damit verbinden, zu seiner Wohnung zu gelangen. 
Er nahm also die Treppe. Jedes Mal zählte er die Stufen bis zu seiner Wohnung und jedes Mal war es eine mehr. Er wusste, dass irgendjemand jeden Tag eine weitere Stufe einsetzte, um ihm den Weg zu erschweren. Doch wer könnte das sein? Am meisten verdächtigte er seinen ehemaligen Nachbarn, der vor zwei Jahren gestorben war. Er glaubte nämlich nicht an dessen Tod. Er sah das als Teil des Plans, ihm sein Leben zu erschweren.
Nun hatte er die letzte Stufe hinter sich. Diesmal hatte er sogar zwei mehr gezählt - Verdammter Nachbar! - und die Tür  zu seiner Wohnung war plötzlich auch einige Meter in die Ferne gerückt. 

Fortsetzung folgt...
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SvenKoertig

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Abendschoen Lesen! - Offen gestanden: Das ist der beste Text, den ich hier im Forum bisher wahrgenommen habe. (Natürlich habe ich auch nur eine sehr kleine Auswahl gelesen.) Er liest sich angenehm, ist sorgfältig geschrieben und beunruhigt den Leser nur durch seinen Inhalt, nicht durch formale Schwächen. Mir persönlich kommen die Eigenarten von Rüdiger so ähnlich wie die Logik eines Kindes vor. Bei einem Erwachsenen nennt man das dann Wahn. Sein wahnhaftes System ist in sich geschlossen, in sich logisch und wird von ihm konsequent angewendet. Mal sehen, ob der weitere Verlauf diese vorläufige Sicht von mir bestätigt oder nicht. - Arno Abendschön -
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