Kurzgeschichte
Allein mit mir - Autoren-Challenge 6

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"Allein mit mir - Autoren-Challenge 6"
Veröffentlicht am 27. Februar 2016, 18 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Meistens bin ich ruhig. Im wahren Leben habe ich einen Mann, zwei Töchter, eine Hand voll Enkelkinder, zwei Katzen und alle zusammen leben wir im Süden Deutschlands. Wenn ich nicht schreibe, fotografiere ich, denn Fotos sind für mich auch kleine Geschichten - wenn man sie lesen kann. Ansonsten bin ich optimistisch, (fast) immer gut drauf und stehe mit beiden Beinen fest im Leben. Ergänzung: Das wahre Leben gibt es nicht mehr. Ich musste ...
Allein mit mir - Autoren-Challenge 6

Allein mit mir - Autoren-Challenge 6

Allein mit mir In den letzten fünf Monaten freute ich mich fast jeden Tag auf unseren Urlaub und dann passierten zeitgleich drei Dinge, die die herbeigesehnte Zeit in eine Katastrophe zu verwandeln drohten. Ich hatte einfach kein Glück mehr. Fühlte mich langsam betrogen vom Schicksal und dem Rest der Welt und fragte immer wieder nach dem Warum. Natürlich bekam ich keine Antwort, dafür aber einen weiteren Tritt in die Kniekehle. Immer noch fragte ich mich, wann ich verpasst hatte, die Zeichen wahrzu- nehmen.

Meine bessere Hälfte entfernte sich immer mehr von mir und längst war aus der einst großen Liebe Alltag geworden. Wo war es geblieben, das Gefühl? Verschollen, irgendwo im Nirgendwo. Seine Worte - ich werde nicht mit dir in den Urlaub fliegen, weil ich Karoline mitnehmen werde - schockten mich erstaunlich weniger, als ich jemals erwartet hätte. Punkt eins auf der Katastrophenliste war also der plötzlich fehlende Urlaubsplatz, mit der plötzlich ausgefallenen Urlaubsbegleitung. Drei Tage lang habe ich durch geheult, dann aber erkannt, dass ich nicht ihm hinterher weinte, sondern der Sicherheit der vermeintlich sicheren Beiziehung.

Aber damit nicht genug.In einer kurzfristig einberufenen Betriebsversammlung wurde uns mitgeteilt, dass wegen der aktuellen wirtschaftlichen Situation in diesem Jahr kein Urlaubsgeld gezahlt werden kann. Auch wenn ich in meinem Job gut verdiente, trug der Begriff Urlaubsgeld seinen Namen nicht umsonst. Für ein oder zwei Wochen Ferien außerhalb meiner vier Wände benötigte ich die Kohle, die sich mit den wenigen Worten des Chefs in Schall und Rauch aufgelöst hatte. Da immer drei Dinge zusammen treffen, erwartete ich schon das nächste Ärgernis, was nicht lange auf sich warten ließ.

Mein kleines, feines, aber zugegebenermaßen altes Auto überlebte den anstehenden TÜV nicht und wurde von einer Minute zur anderen stillgelegt. Da saß ich nun zwei Tage vor meinem beginnenden Urlaub an meinem Küchentisch, malte die blauen Karos der Tischdecke mit dem Zeigefinger nach und musste Bilanz ziehen, dass ich ohne Mann, ohne Geld und ohne Auto in meinen Jahresurlaub starten würde. Langsam ließ ich meinen Kopf sinken bis er auf der Tischplatte landete und seufzte einmal laut auf. Ich brauchte unbedingt einen Plan. Wenn ich daheim bleiben und meine Mom

davon Wind kriegen würde, wäre das mein Freizeit-Aus. Sie hätte sofort Pläne für mich und ausreichend Mitleid, das für einen kompletten Mädchen-Chor, dem eine Auszeichnung durch die Lappen gegangen ist, genügen würde. Beides Dinge, auf die ich gern verzichtete. Also musste ich sie vorerst in dem Glauben lassen, dass ich mit Oliver auf die Kanaren fliegen werde. Die Kanaren - ein weiterer Seufzer verließ meinen Mund. Völlig verschwitzt bringe ich mein Fahrrad zum Stehen, wische mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und verfluche meine Idee schon jetzt.

In einem Anflug von Übermut hatte ich gestern Nachmittag beschlossen - Urlauben kann ich auch ganz allein und ganz sicher ohne Geld und Auto. Das Wetter war mir mit Sonne pur gnädig gestimmt. Schnell hatte ich die allernotwendigsten Dinge zusammengesucht, die auf meinem Drahtesel Platz fanden und war heute in den frühen Morgenstunden, beladen mit einem Mini-Zelt, einer Isomatte und wenig weiterem Zubehör in einen Zug Richtung Süden gestiegen. Als die ersten Hügel der Alpen sichtbar wurden, hatte ich mein bequemes Reisemobil verlassen, um mich in mein ganz persönliches Abenteuer zu stürzen. Ich wollte

ausprobieren, wie es sich anfühlt, ganz allein und ohne den gewohnten Komfort, nur auf mich gestellt, unterwegs zu sein. Ade Kanaren mit dem verlockenden 5-Sterne-Hotel. Willkommen Natur pur mit ohne … ja, ohne alles. Jetzt, bei meiner ersten Pause bin ich nicht mehr ganz sicher, ob die Idee wirklich so gut war. Mein Wasservorrat schrumpft zusehends und der dritte Müsliriegel schmeckt schon irgendwie langweilig. Aufgeben kommt nicht in Frage. Auch wenn ich mich nur vor mir selbst rechtfertigen müsste, da ich niemanden von meinem Plan in Kenntnis gesetzt hatte, empfinde ich diese Variante als Schmäh vor mir selbst.

Halbwegs munter radele ich weiter dem Horizont entgegen und pfeife mit leicht trockenen Lippen „Let's go to San Francisco“. Warum auch immer … Da es mein Plan war, jeglichen Komfort aus dem Weg zu gehen und ich todesmutig nur sehr wenig Geld eingesteckt hatte, umfahre ich weitläufig alles, was nach Zivilisation aussieht. Die Karte zeigt mir weit und breit nur unbewohntes Gebiet, die nächste Ortschaft rückt in weite Ferne und der Stand der Sonne signalisiert mir, dass mein erster Urlaubstag zur Neige geht. Ich beschließe, wenigstens nach Wasser zu suchen, bevor ich mein Zelt aufschlage und werde bald fündig. Die

erste Nacht kann beginnen. Meine Mahlzeit besteht aus einem Apfel, etwas Brot, einem kleinen Stück Käse und Wasser. Sehr rustikal, aber doch unsagbar schmackhaft. Um rapide schrumpfende Vorräte mache ich mir momentan keine Gedanken, genieße stattdessen ein Bad in frostkaltem Wasser eines Baches und sitze etwas später glücklich vor meinem bisschen Hab und Gut. Träumend schaue ich der untergehenden Sonne hinterher und bemerke erst jetzt, dass ich den ganzen Tag nicht einmal auf mein Handy geschaut habe. Als ich es hervor suche, stelle ich fest, dass ich natürlich kein Netz habe und dieser Umstand egal ist,

weil der Akku sowieso so gut wie leer ist. Im Halbschlaf versuche ich, meine Gefühle zu analysieren. Angst - nein, Heimweh - Doppelnein, Sehnsucht nach bekannten Menschen - keineswegs, Freude - ganz viel, Genuss - pur. Verwundert über mich selbst schlafe ich ein. Der neue Morgen beginnt mit einem Naturschauspiel der Extraklasse, der meinen Kaffeedurst im Keim erstickt. Nebelschwaden, die von den ersten kräftigen Sonnestrahlen geteilt werden, hängen zwischen den Bergen. Der blaue Himmel reflektiert sich in den Dunstwolken und taucht alles in ein

zauberhaftes bizarres Licht. Ich fühle mich wie ein Besucher im Land der Elfen und Kobolde, wage nicht, mich zu rühren und sitze lange vor dem Zelteingang. Die einzigen Geräusche werden von Vöglen verursacht und vom Wasser des Baches, welches sich plätschernd durch Steine und Wurzeln zwängt. Fast nötige ich mich, einen Gedanken an Oliver und die Kanaren zu verschwenden, spüre schnell, dass dieser Gedanke stört und ertränke ihn mit Wasser. Auch wenn ich wieder viel schwitze und die Müsliriegel die gleichen sind, wie die vom Vortag, genieße ich den Tag, lasse mich treiben, mache Pausen, wo es mir gefällt und stelle am Abend fest,

dass ich offensichtlich dennoch weit gefahren bin. Auch die zweite Nacht verläuft ruhig und traumlos. Meine Gefühlswelt bringt mich selbst durcheinander, als ich wieder einmal an den 5-Sterne-Urlaub denke und gelangweilt schnaube. Hatte ich mich wirklich auf die Woche gefreut? Auf diese Art radele ich die nächsten fünf Tage immer weiter gen Süden. Mein heimliches Ziel ist es, wenigstens Südtirol zu erreichen. Damit hätte ich Urlaub in drei Ländern gemacht und könnte behaupten, dass ich in Italien war. Schmunzelnd stelle ich fest, wie dekadent dieser Gedanke doch ist. Meine Reise ist Luxus pur und ich habe

bis jetzt nur etwa zwanzig Euro ausgegeben, um einige Nahrungsmittel einzukaufen. Meine Wasserflaschen fülle ich inzwischen aus Bergquellen und gebadet wird in Seen und Bächen, die es reichlich gibt. Obwohl ich für meine Verhältnisse sehr viel Fahrrad fahre, fühle ich mich erholt und entspannt, wie in den letzten Jahren nicht mehr. Ich genieße die Zeit allein, führe unsagbar interessante Gespräche mit mir, sauge herrliche Bilder auf und empfinde eine innere Ruhe, nach der ich mich immer gesehnt habe, ohne sie wirklich zu vermissen. Alles ist in weite Ferne gerückt, obwohl mich nicht wirklich viele Kilometer von meinem Leben

trennen und ich beginne, vieles in Frage zu stellen. Welchen Zielen laufe ich so vehement hinterher? Besteht mein Lebensplan wirklich darin, Wohlstand und Sicherheit ohne Lebensfreude anzuhäufen? Warum spüre ich erst hier draußen, wie sehr ich Sonne und Natur liebe? Warum dachte ich bis vor kurzem, ohne Kaffee kann ich nicht leben? Und - will ich einfach da weitermachen, wo ich vor einer Woche aufgehört habe?

Die letzte Nacht habe ich nicht im Zelt verbracht, denn ich war Gast bei Antonia, durfte den Luxus eines uralten krazenden Bettes und einer warmen Mahlzeit genießen. Antonia hätte ich fast

umgefahren, als ich sie auf einem Waldweg traf. Sie sammelte Holz und wir kamen schnell ins Gespräch. Nachdem die alte Frau, deren Alter ich optisch auf 120 Jahre schätzte, neugierig fragte, was ich in ihrem Wald verloren hätte, interessierte sie sich spontan für mein Leben in der verrückten Welt. Schnell waren wir uns sympathisch und sie lud mich zu sich nach Hause ein. Ihr Heim entpuppte sich als alte Holzhütte, deren Alter ich noch fortgeschrittener einschätzte, als das der Besitzerin, war aber dennoch sehr gemütlich. Sie lebt seit vielen Jahren allein, vermisst nichts und niemanden und fährt nur sehr selten mit einem

Eselfuhrwerk in die nächste Ortschaft, wenn wirklich etwas fehlt. Das was sie besitzt genügt ihr, der Garten, der Wald, ihre Ziegen und unsagbar viele Bücher geben alles her, was sie braucht. Die halbe Nacht haben wir geredet und im Nachhinein frage ich mich, ob ich alles wirklich gehört oder ob meine Fantasie und meine Wünsche noch einiges dazu gesponnen haben. Mein Ziel ist erreicht, ich befinde mich auf italienischen Boden. Stolz sitze ich auf einem Felsvorsprung und schaue ins Tal, will mir all die Eindrücke einprägen und das Gefühl konservieren. Bald muss ich den Rückweg antreten, weil man

mich vermissen wird, wenn die geplante Urlaubszeit mit Oliver vorbei ist. Bedauern über das Ende der Reise mischen sich in meinem Herzen mit tiefer Glückseligkeit und ich weiß genau, dass nichts wieder so sein wird, wie es bis jetzt war. Wie aber wird es werden? Wieviel Mut werde ich aus diesem Urlaub mit mir selbst mitnehmen in meine Welt?

Wenn ich hier und jetzt nicht sicher bin, eins ist gewiss. Dass das Schicksal mir einen Strich durch die ursprüngliche Urlaubsplanung machte, war sehr gut von ihm gemeint.


© Memory (Feb. 2016)

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Memory
Meistens bin ich ruhig.
Im wahren Leben habe ich einen Mann, zwei Töchter, eine Hand voll Enkelkinder, zwei Katzen und alle zusammen leben wir im Süden Deutschlands.
Wenn ich nicht schreibe, fotografiere ich, denn Fotos sind für mich auch kleine Geschichten - wenn man sie lesen kann.
Ansonsten bin ich optimistisch, (fast) immer gut drauf und stehe mit beiden Beinen fest im Leben.
Ergänzung:
Das wahre Leben gibt es nicht mehr. Ich musste meinen Mann, meine große Liebe, ziehen lassen. Seit dem steht die Welt still.

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PamolaGrey Sehr schöne Geschichte hat mich an mein Motorrad Kurztrip erinnert.
Habe ich sehr gerne gelesen.
Vor ein paar Monaten - Antworten
Memory 
Vielen Dank für deinen Besuch.
Ich freue mich, wenn ich Erinnerungen wecken konnte.
Lieben Gruß
Sabine
Vor ein paar Monaten - Antworten
Brubeckfan Liebe Sabine,
Deine Schilderung kann man sehr gut nachempfinden.
Heutzutage halten wir schon oft eine Außenkabine auf "Aida" für ein, nein unser Menschenrecht.
Und 2., mit Herrn van Veen: Es hat doch auch was für sich, ganz für sich zu sein. Man muß sich halt aushalten.
Etwas fällt einem schon ein für den Urlaub.
Viele Grüße,
Gerd
Vor ein paar Monaten - Antworten
Memory 
Hermann van Veen hat viele kluge Dinge von sich gegeben und ich stimme ihm uneingeschränkt zu. Ein Date mit sich selbst ist nicht immer einfach, Urlaub schon gleich gar nicht :)))
Und was die Menschenrechte betrifft, erfährt man ja täglich viele interessante Neuigkeiten.
Danke dir, lieber Gerd.
Lieben Gruß
Sabine
Vor ein paar Monaten - Antworten
Brubeckfan Heute klappts wieder mit dem Brötchengeld.
Alles Gute,
Gerd
Vor ein paar Monaten - Antworten
Memory 
Cool :)
Kommt in die Urlaubskasse.
Lieben Gruß
Sabine
Vor ein paar Monaten - Antworten
Enya2853 Das ist eine tolle Geschichte, die ein wenig nachdenklich stimmt.
Sie erinnert mich an meine Rucksacktour nach Istrien und Kroatien. War zwar nicht mit dem Fahrrad unterwegs, sondern habe mir ein Zugticket nach Kanfanar gekauft - ohne Rückfahrkarte und bin dann durch das damalige Jugoslawien gezogen - mehrere Wochen. Kaum Geld, habe im Freien geschlafen, in Ställen, bin auf Eselskarren mitgefahren, ab und zu im Bus.
Ich war so sehr mit mir - wie deine Protagonistin. Das alles hat mir zu Entscheidungen für mein Leben verholfen.
Heute könnte ich es nicht mehr, allein schon gar nicht.
Aber ich möchte die Erfahrung nicht missen.

Ganz wunderbar hast du diese kleine Auszeit dargestellt, ich war gedanklich immer an der Seite deiner Prota.
Danke sehr.

Lieben Gruß
Enya
Vor ein paar Monaten - Antworten
Memory 
Toll, dass du solch eine ähnliche Reise selbst erlebt hast, liebe Enya.
Bei mir ist es immer noch ein Traum, wobei ich allein urlauben ja schon lernen musste. Vielleicht schaffe ich das Abenteuer noch, muss ja nicht gleich nach Südtirol sein :))
Danke dir für dein Hiersein und den tollen Kommentar.
Lieben Sonntagsgruß
Sabine
Vor ein paar Monaten - Antworten
Enya2853 Einfach mal ganz klein anfangen, deinem Gefühl nachspüren.
Du schaffst das, hab Geduld mit und zutrauen zu dir.
LG
Enya
Vor ein paar Monaten - Antworten
FLEURdelaCOEUR Liebste Sabine,
ich habe deine Geschichte sehr gern noch einmal gelesen, aber aus heutiger Sicht wäre so ein Urlaub ganz allein nichts für mich. Ich meine nicht so sehr die fehlende Bequemlichkeit als die Abgeschiedenheit. In meinem damaligen Kommi schrieb ich von einer spartanischen Reise mit einem löcherigen Zelt durch Böhmen. Da waren wir aber zu zweit und mit einem Auto unterwegs. Das ist also nicht vergleichbar. Jetzt bin ich längst zu alt für solche Abenteuer.
Wünsche dir ein schönes Wochenende!
Liebste Grüße
deine fleur
Vor ein paar Monaten - Antworten
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