Humor & Satire
Das vergessene Komma

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"Das vergessene Komma"
Veröffentlicht am 01. Dezember 2015, 10 Seiten
Kategorie Humor & Satire
© Umschlag Bildmaterial: olly - Fotolia.com
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Literatur war mir in meinem Leben schon während der Schulzeit sehr wichtig. Doch ich habe erst seit ein paar Jahren die Zeit gefunden, selbst zu schreiben. Ich freue mich über Lob, bin aber für alle Verbesserungsvorschläge offen. Ich lese immer wieder in Literaturgeschichten, weil ich meine,dass wir nur so entdecken können, wie wir einen ganz bescheidenen Beitrag dazu leisten können, dass Literatur sich weiter entwickelt.
Das vergessene Komma

Das vergessene Komma

Ein Komma grämte sich sehr, weil es vergessen worden war. Nachdem es den heftigsten Schmerz überwunden hatte, beschloss es, seinem Leid durch aktives Handeln ein Ende zu machen. Es wandte sich an die Gewerkschaft der Kommata mit der Frage, wie es an seinen legitimen Platz gelangen könne.

Die GdK meldete sich schon bald mit folgender Mail:

Liebes vergessenes Komma,
wir können deinen Schmerz nachempfinden, weil du durch von dir nicht verschuldete Vergesslichkeit deine

Existenzgrundlage verloren hast. Vielleicht ist es dir ein Trost, dass Millionen deiner Genossen dasselbe Schicksal erleiden. Deshalb verfügen wir über eine breite Erfahrungsgrundlage, die es uns erlaubt, dir Orientierung zu geben:

Die meisten Kommata werden von genialen Autoren vergessen. Diese setzen uns nach Gefühl und Wellenschlag und oft auch gar nicht. Wir haben vergeblich versucht, uns mit ihnen über Spielregeln zu einigen, die den freien Flug ihrer Fantasie zu beeinträchtigen scheinen. Diese Genies haben in ihrem Leben schon so viele

Kommata vergessen oder falsch gesetzt, dass uns in deinem Falle ein Einspruch als sinnlos erscheint, denn sie sind hartherzig gegenüber dem Einzelfall geworden und behaupten, dass ihre Leser an ihrer schöpferischen Kommasetzung Gefallen fänden und sich nicht kleinkariert über ein vergessenes Komma beschwerten, da ihre Werke mit und ohne Komma in jedem Falle logisch schlüssig seien. Außerdem werde die freie Fantasie ihrer Leser beim Zusammenstellen unterschiedlicher Sinnkombinationen durch uns kleine Wichtigtuer unnötig eingeengt.

Die zweite Gruppe besteht aus den

sogenannten Kommafreaks. Mit diesen haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht; denn sie schätzen uns über alles. Sie sind der Ansicht, dass ihre Opera ohne uns in Anarchie versinken würden und lieben den ästhetischen Glanz einer kommatisierten Ordnung. Vermagst du dir vorzustellen, dass sie nachts nicht schlafen könnten, wenn sie wüssten, dass sie ein Komma vergessen haben? Mit ihnen braucht man im Falle von Vergesslichkeit nicht zu verhandeln. Wenn sie darauf hingewiesen werden, bedanken sie sich überschwänglich, verhelfen uns sofort zur Existenz und wachen mit Argusaugen darüber, dass kein schussliger Lektor uns vergisst.


Die dritte Gruppe verfällt des öfteren ins sogenannte Kommaalzheimerkoma. Sie begegnet uns aggressiv, beschimpft uns aufs Übelste und wird nicht einmal durch drastische Ordnungsstrafen zur friedlichen Kommasetzung gebracht. Lieber für immer vergessen sein, als sich mit denen anzulegen.

Die vierte Gruppe besteht aus den Kommabedenkenträgern. Sie achten uns prinzipiell, behaupten aber, dass unser Schutzheiliger Konrad Duden von Zeit zu Zeit exhumiert und neu eingesegnet werden müsse.Das belegen sie mit Beispielen, die angeblich nicht auf dem

Stand der zu erstrebenden neuesten Liturgie seien.
Wenn in ihren Belegen ein Komma fehlt, versichern sie, dass sie sich nach langer Meditation dazu entschlossen hätten, und sie sind stur wie die Maulesel, wenn wir auf die gültige Liturgie verweisen.

Als das vergessene Komma dieses Schreiben gelesen hatte, fasste es neuen Mut. Es recherchierte im Internet den Text, in den es natürlich legitim gehörte, und machte schließlich den Autor ausfindig, obwohl dieser den inkriminierten Text gelöscht hatte. Der Autor gehörte zu der vierten Gruppe und belehrte das vergessene Komma nach

allen Regeln der letzten Liturgie, die er miteinander verglich, darüber, dass es konsequent und unabweisbar zwar nicht gesetzt, aber nicht vergessen wurde.
Das Komma versuchte gegen den Kommabedenkenträger zu argumentieren, doch dieser war gnadenlos konsequent. Schließlich verlegte es sich aufs Bitten und Flehen und rührte mit der Leukämie und Blässe des nicht Existenten den präzisen Prinzipiellen. Nach langem Widerstreben seufzte dieser tief und setzte widerwillig das bewusst nicht vergessene Komma.
Durch diese heroische Selbstüberwindung erblickte das

vergessene Komma das Licht der Welt.

© Ekkehart Mittelberg, Dezember 2015

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Hörbuch

Über den Autor

Phantasus
Literatur war mir in meinem Leben schon während der Schulzeit sehr wichtig. Doch ich habe erst seit ein paar Jahren die Zeit gefunden, selbst zu schreiben.
Ich freue mich über Lob, bin aber für alle Verbesserungsvorschläge offen.
Ich lese immer wieder in Literaturgeschichten, weil ich meine,dass wir nur so entdecken können, wie wir einen ganz bescheidenen Beitrag dazu leisten können, dass Literatur sich weiter entwickelt.

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rosedelapoesie Ein Text, der mich zum Lachen gebracht hat. XD
Leider lache ich viel zu selten...
Danke dafür! :)
Ich wünsche dir einen schönen Abend.
Ganz liebe Grüße
die Rose
Vergangenes Jahr - Antworten
Ameise Und was ist mit den Kommawütigen, die mehr setzen als nötig?
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus keine leichte Frage, Anja. Kommas sollen ja das Verständnis eines Textes erleichtern. Das wird durch das eine oder andere zu viel gesetzte nicht unbedingt erschwert. Aber zu viele Kommas verlieren ihren Sinn als Aufmerksamkeitssignale. Merci für deine Nachfrage.
Liebe Grüße
Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
Herbsttag Ich, Endesunterzeichneter,
erkläre hiermit,
dass die Töchter des Herrn KOMMAndanten,
Oberstleutnant von Bülow,
mir von jetzt an alle gleichgültig sind. Fritz Reuter :-))) Ira

Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Schon das zweite Mal, dass .
du mich heute zum Lachen bringst, Ira.
Gracie especiale
Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
Darkjuls Ich setze es auch im großen und ganzen nach Gefühl. Gern gelesen. LG Marina
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Merci, Marina, ich finde korrekte Zeichensetzung angenehm, aber offen gestanden ist sie mir nicht so wichtig. Mir ging es hier einfach um die Möglichkeit des Spiels, das Komma reden zu lassen.
LG
Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
Nereus 
dankend
schön behutsam angefasst,
manch einer ist zu tiefst betrübt, wird er auf fehlerhafte zeichensetzung
hingewiesen

Auf eine Anfrageas
Das Setzen von Zeichen
bei den Wörtern,
Möchte ich gern einmal
hier leise erörtern:

Der Punkt hat seinen Platz,
An jedem Ende von dem Satz.
Wenn die Lesestimme brummt
Ein Pünktchen hinten »kummt.«

Das Komma ist ein schwierig Ding,
Meist kommt es nicht in meinen Sinn,
Wenn ich beim Lesen die Stimme hebe,
Ich flugs ein Komma dazwischen klebe.

Ein Doppelpunkt steht vorne an,
Fängt man zu reden nun gleich an.
Die, die der Rede nicht weichen,
Nennt man Anführungszeichen.


Punkt und Haken, so sieht das Semikolon aus.
Es trennt zwei Zwillingsbrüder in einem Haus.
Jeder meint er sei sehr wichtig,
damit trennt man sie dann richtig.

Das Fragezeichen,erfand Karl der Große,
Nebst seiner güldenen Schnupftabakdose.
Willst du irgend etwas erfahren,
Musst du so ein Zeichen malen.

Der Senkrechte, dem ein Punkt davon gerannt,
Wird bei Schreibern Ausrufezeichen genannt.
Ordnest du etwas Wichtiges an,
Kommt dieser Wichtigtuer hinten dran.

Das Apostroph ist nicht mehr so in Mode,
Darum lassen wir es in der Kommode.
Als Faulheitszeichen lernt ich es kennen,
Wer möchte sich schon als Fauler benennen

Will man eine kleine Redepause machen,
Kommt einen Gedankenstrich in den Rachen.
So gibt es Zeichen, Heiße und auch Kühle,
In denen ich jetzt aber nicht mehr wühle.

Das Beste wäre bei der vielen Schreiberei,
Last viel Platz für die Gedanken frei.
Die Zeile, die heute bleibt liegen,
Kann sicher auch morgen strahlend siegen.
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Grazie, Nereus, dass du die Vorlage kreativ aufgegriffen hast. Vielen Dank auch für den Favo!
Vor langer Zeit - Antworten
Magnolie Welch origineller Einfall. Bin total begeistert!
Schmunzelnde und liebe Grüße
Manu
Vor langer Zeit - Antworten
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