Kurzgeschichte
Wo die Götter lächeln

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"Wo die Götter lächeln"
Veröffentlicht am 20. Oktober 2015, 20 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Ich schreibe Unterhaltungsliteratur in Form von Romanen und Kurzgeschichten für Erwachsene, sowie Kinderbücher. Zum zweiten Mal verheiratet lebe ich im Münsterland. Bisher veröffentlicht: Die Ruhrpottsaga: Ruhrpottklüngel, Ruhrpott Pärchen, Ruhrpottherzen, Ruhrpottabschied, Leben lernen. 14 weitere Bücher (darunter Reiseberichte, Tiergeschichten, Liebesgeschichten und -romane), 8 Kinderbücher, zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und ...
Wo die Götter lächeln

Wo die Götter lächeln

„Hallo, die Erde hat mich wieder. Die Wochen auf Aegina waren traumhaft“, schrieb meine Freundin euphorisch in ihrer E-Mail. Ein Blick aus dem Fenster reichte aus um mich zu frustrieren. Düstere Regenwolken verbargen die Sonne, erstickten jedes Sommergefühl im Keim. Das ging schon seit ein paar Wochen so. Deprimiert las ich weiter: „Die Sonne leuchtet dort besonders hell und die Farben sind irgendwie intensiver." So ging es noch eine ganze Weile weiter. Beim Lesen der E-Mail kam mir ein Gedanke. Ich hatte das kleine, charmante, mitten im Saronischen Golf liegende Eiland vor fast dreißig Jahren besucht und war total fasziniert

gewe-sen. Damals beschloss ich die Insel bald noch einmal zu besuchen. Leider hatte ich diesen Vorsatz niemals in die Tat umgesetzt. Warum also nicht jetzt? Schließlich hatte ich in diesem Monat Geburtstag und somit einen Wunsch frei Sobald der Entschluss einmal gefasst war, ging alles wie von selbst. Das seltsam schnarrende Geräusch der Zikaden weckte mich auf. Verschlafen blinzelte ich zu Alan herüber, aber der ließ sich nicht stören, murmelte „verflixte Macker“, drehte sich auf die andere Seite und schnarchte weiter. Ich reckte mich zunächst erst einmal ausgiebig und ließ den gestrigen Tag Revue passieren. Es war alle reibungslos

über die Bühne gegangen. Zwar landete der Flieger mit Verspätung in Athen, trotzdem erreichten wir den Hafen von Piräus passend für die letzte Fähre in Richtung Aegina, wo uns die Vermieterin bereits erwartete um uns in unser Feriendomizil, eine hübsche Miniwohnung, zu bringen. Rundum zufrieden machten wir uns auf den Weg, um ein spätes Dinner einzunehmen. Auch hier gab es eine angenehme Überraschung: Das empfohlene Restaurant mit dem typisch griechischen Namen ‚Big Banana‘ erwies sich als gut und günstig; der Wirt als freundlich und zuvorkommend. Nach dem Essen lehnte sich meine bessere Hälfte

zufrieden zurück. „Was hältst du von einem Absacker?“, sprach`s und orderte zwei Ouzo. Ich traute meinen Augen nicht, als der Wirt mit zwei halb vollen Wassergläsern um die Ecke segelte. „Die werdet ihr brauchen“, meinte er lakonisch und stellte eine Flasche Wasser dazu. Ungläubig schaute ich mir den Mega-Drink an. „Das ist kein Ab-, sondern ein Versacker und ich kann unmöglich alles austrinken, sonst musst du mich ins Apartment tragen.“ Alan gab sich unbeeindruckt. „Das wäre nicht wirklich ein Problem, aber ich will mich opfern und dir den Morgen danach erspa-ren.“ Mit diesen Worten kippte das Opferlamm einen guten Teil des Inhalts

meines Glases um und hatte nun ein randvolles Wasserglas mit Ouzo, den er nach und nach tapfer vernichtete. Doch jetzt lachte die Sonne und lärmten die Zikaden. „Was meinst du mit verflixte Macker?“, bat ich meinen Helden um Aufklärung und stupste ihn wach. Alan gähnte herzhaft, bevor er antwortete. „Na ja, den Krach machen die Männchen. Wer am Lautesten zirpt bekommt das dickste Weibchen. Bei denen hat sich noch nicht ´rumgesprochen, dass nur die inneren Werte zählen.“ Ich stupste energischer. „Bei uns Menschen ist das anders: Wer ohne zu zirpen oder zu murren Brötchen besorgt hat gewonnen.“ Alan grinste:

„Das brauche ich nicht, ich hab ja schon das dickste Weibchen.“ Es ist erstaunlich, wie schnell ein Mann werden kann, wenn ihm ein Schuh hinterher fliegt! Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee weckte mich auf, ich öffnete verschlafen die Augen. Alan hielt eine Tasse Kaffee in der Hand und wedelte mir das Aroma zu. „Guten Morgen, Geburtstagskind.“ Richtig, heute war mein X-ter Geburtstag. Mein Liebster zwinkerte mir zu und zauberte wie aus dem Nichts ein Körbchen mit Blumen und ein Päckchen hervor, was mich verblüffte. „Wo hast du das bloß her? Hier im Ort ist doch gar kein Blumenhändler. Wieder zwinkerte

Alan. „Ich muss zugeben unsere Zimmerwirtin bemüht zu haben. Aber jetzt pack erst einmal dein Geschenk aus, dann hole ich den Jeep ab und wir machen unsere Inselrundfahrt.“

„Es ist unglaublich, genau so habe ich den Tempel in Erinnerung!“ Wirklich hatte ich das Heiligtum der Aphaia so in Erinnerung behalten, wie es sich uns präsentierte. „Ein erster Tempel existiert seit dem 6. Jahrhundert v.Chr. und die Legende ist total schön: Aphaia, eine Tochter des Zeus erweckte das Interesse des Minos, des Königs von Kreta. Nun er wollte, sie nicht und um ihre Jungfräulichkeit zu bewahren, floh sie

auf einem Fischerboot nach Aegina.“ Alan hörte mir mäßig interessiert zu. „Und sie ist bestimmt Jungfrau geblieben, was? Jetzt weiß ich auch, warum Aegina die Ziegeninsel heißt.“ Männer! Ich wandte mich ab um die atemberaubende Aussicht auf den Sardonischen Golf zu genießen, der heute glatt wie ein Spiegel war. Von hier konnte man sogar die Meerenge von Sa-lamis sehen.





Fast meinte ich die riesige persische Flotte zu erblicken. Ihr gegenüber die griechischen Trieren mit dem Rücken zur Wand, um alles oder nichts kämpfend. Verzweifelt versuchend, den übermächtigen Feind tiefer in die Meer-enge zu locken, um so den Vorteil der kleine-ren, wendigeren Schiffe auszunutzen. Ein Kampf David gegen Goliath, den einmal mehr der vermeintlich Unterlegene gewann. Fast konnte ich den Schlachtenlärm hören, den fassungslosen Perserkönig Xerxes sehen, der vom Ufer aus die Vernichtung seiner Flotte mit ansehen musste...

„Bei so viel Wasser bekomme ich Durst, lass uns in der kleinen Taverne einkehren, die es hier gibt.“ Männer sind pragmatisch und Alan ist ein typisches Exemplar der Gattung. Mit einem Ruck brachte er mich in die Wirklichkeit zurück. Statt des Schlachtenlärmes hörte ich wieder das allgegenwärtige Zirpen der Zikaden, das Wasser des Sardonischen Golfes glänzte weiterhin spiegelglatt in der Sonne, kein Schlachtschiff durchpflügte es. Nach der Tempelbesichtigung stürzten wir uns in das Gewimmel von Aegina-Stadt. Im Hafen reiht sich ein Straßencafé und Restaurant an das

andere. Ein paar Schritte weiter gibt es ein Gewirr von engen Gassen, in denen die verschiedensten Waren feilgeboten werden. Hier stehen Eimer und Besen auf dem Bürgersteig, daneben hat ein Silberschmied seine Werkstatt. Dort gibt es Andenkenläden und gegenüber hängen Schaf und Huhn kopfüber im Schaufenster einer Metzgerei. Auch hier wimmelte es von kauflustigen, meist einheimischen Touristen. Wir ließen uns eine Weile treiben. Schließlich japste Alan: „Ich sehe es schon kommen: In diesem Urlaub werde ich mehr Wasser als Bier trinken. So weit ist es schon mit mir gekommen.“ Jetzt, um die Mittagszeit, war es wirklich unglaublich heiß und so

gönnten wir uns eine ausgedehnte Mittagsrast mit einem anschließenden Nickerchen unter Pinien am Strand. „Los jetzt, Faulpelz! Wir müssen noch den höchsten Punkt der Insel erobern!“ „Ja, ja … bestimm du nur …“, murmelte Alan in seinen Bart, fügte sich aber und rappelte sich auf. Der Weg ging auf einer schmalen, sich in heftigen Kurven windenden Straße quer über die Insel zur höchsten Stelle. Der Berg Oros, 531 Meter über dem Meeresspiegel, entpuppt sich als eine steinig karge Erhebung. Im Örtchen Anitsevu hört die befestigte Straße plötzlich auf. Es geht in einen steilen, schmalen Feldweg, in den Alan mit

einem kühnen Schwung einbog. Mir kamen Zweifel an der Befahrbarkeit dieses Weges. „Alan, meinst du wir können da hochfahren? Ich glaube, dass der Gipfel nur zu Fuß erreichbar ist.“ Meine bessere Hälfte bremste abrupt. „Ich werde diesen Berg bei der Hitze nicht zu Fuß besteigen. Also – soll ich in der nächsten Taverne auf dich warten, oder gleich zurückfahren?“ „Hm“, abschätzend schaute ich zum Gipfel. „Jetzt wo du es sagst. Es ist wirklich zu heiß fürs Moutaineering!“ So wendete Alan den Jeep und wir genossen das atemberaubende Panorama auf der Weiterfahrt nach Portes. Der Hafen dieses schmucken, kleinen

Städtchens lud geradezu zum Verweilen ein. Wir setzten uns auf die Terrasse eines Cafés und schauten den Booten beim Ein- und Auslaufen zu. „Weißt du was, jetzt fahren wir einfach an der Küste entlang und suchen uns eine nette Badebucht. Nach dem Dinner lassen wir den Tag mit einem guten Glas Wein ausklingen. Wie klingt das?“ Versonnen schaute Alan einer weißen Segeljacht hinterher. „Das klingt gut, aber darf es auch der Champagner sein, den ich im Apartment kaltgestellt habe?“ So vergingen die Urlaubstage, wie immer, viel zu schnell. Nun saßen wir auf der Fähre, die uns zurück nach Piräus brachte. Die letzte Nacht wollten wir

dort, direkt am Hafen verbringen. Wir hatten mit Bedauern Abschied genommen und waren mit dem festen Vorsatz die Ziegeninsel wieder zu besuchen auf die Fähre gegangen. „Das ist doch klar, ich komme wieder und bringe meine eigene Ziege mit“, meinte Alan zur Erheiterung unserer Vermieterin. „Na ja, eine Jungfrau wäre auch schlecht, wo solltest du die herkriegen – in deinem Alter?“, fügte ich boshaft hinzu. Meine bessere Hälfte grinste, sagte aber nichts. Nach der relativen Beschaulichkeit und Ruhe auf der kleinen Insel kam mir Piräus schrill, laut und schmutzig vor. Im Hotelzimmer angekommen ließ ich mich auf das Bett plumpsen, das mit einem

lauten Quietschen protestierte. Ich legte mich vorsichtig zurück. „Ich glaube das Hotel gehört einem Inder, das hier ist keine Matratze, sondern ein Nagelbrett!“ Alans gute Laune war nicht zu erschüttern. „Es ist ja nur für diese Nacht. Wenigstens gibt es eine funktionierende Klimaanlage und einen kleinen Balkon. Los, jetzt werden wir uns den Hafen anschauen und etwas essen.“ Der immerhin drittgrößte Mittelmeerhafen entpuppte sich als wenig attraktiv, sodass wir den Abend damit ausklingen ließen, dass wir uns auf unseren kleinen Schwalbennest-Balkon setzten und zuzuschauen, wie sich die

Dunkelheit über den Hafen legte und selbst die heruntergekommenen Fassaden der Häuser um uns herum einen gewissen Charme bekamen.

Die Sterne funkelten, selbst an diesem lauten Allerweltsort war etwas vom Zauber des anti-ken Hellas zu erahnen, und wenn die Götter auch nicht in das ‚Homerische Gelächter’ ausgebrochen sind, so haben sie uns doch zugelächelt …


© by Angie


veröffentlicht in meinem Buch

"Insel über dem Wind"

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Über den Autor

AngiePfeiffer
Ich schreibe Unterhaltungsliteratur in Form von Romanen und Kurzgeschichten für Erwachsene, sowie Kinderbücher. Zum zweiten Mal verheiratet lebe ich im Münsterland.
Bisher veröffentlicht:
Die Ruhrpottsaga: Ruhrpottklüngel, Ruhrpott Pärchen, Ruhrpottherzen, Ruhrpottabschied, Leben lernen. 14 weitere Bücher (darunter Reiseberichte, Tiergeschichten, Liebesgeschichten und -romane), 8 Kinderbücher, zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und Literaturzeitschriften, sowie der Tagespresse.
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Enya2853 Liebe Angie,
begeistert habe ich deinen Reisebericht gelesen, wieder humorvoll und gleichzeitig sehr interessant gestaltet, sogar mit geschichtlichem Background. Ich habe mich ein bisschen zurückversetzt gefühlt in die Zeit, als ich Griechenland bereist habe.
Danke!
Liebe Grüße
Enya
Vergangene Woche - Antworten
AngiePfeiffer Danke dir.
Hoffentlich ist uneingeschränktes Reisen bald wieder möglich.
Liebe Grüße
Angie
Vergangene Woche - Antworten
parabellum Gerne gelesen !!!!!!!
Liebe Grüße Heike
Vor langer Zeit - Antworten
AngiePfeiffer Danke dafür, Heike und einen schönen Abend
Angie
Vor langer Zeit - Antworten
Dakota 
Mein Internet spinnt und ich starte meinen vierten Versuch,
dir zu sagen,
wie gern ich dich hier begleitet habe...
einfach wunderschön erzählt, ich bin begeistert
und die Sehnsucht ist geschürt nach dem Lächeln der Götter :-)))

DANKE du Liebe,
ich wüsche dir einen wunderschönen Abend ♥♥♥
Vor langer Zeit - Antworten
AngiePfeiffer Lieben Dank, du selber Liebe
ja, das Lächeln der Götter ... auf Ägina war es noch zu spüren.
Liebe Grüße aus dem trüben Münsterland
Angie
Vor langer Zeit - Antworten
Herbsttag Was für eine schöne Reisebeschreibung. Da bekomme ich richtig Lust, auf deinen Spuren zu wandeln. Liebe Grüße Ira
Vor langer Zeit - Antworten
AngiePfeiffer Hallo Ira, Ägina ist eine Reise wert. Viele Griechen verbringen dort ihren Sommerurlaub, was für die kleine Insel spricht. Übrigens habe ich den Reisebericht gekürzt, er würde wohl sonst den Rahmen sprengen, denke ich. Ich selbst lese nicht so gerne ellenlange Texte hier bei mS. ;o)))
Ganz lieben Gruß für deinen Kommentar und einen schönen Abend für dich, meine Liebe.
Angie
Vor langer Zeit - Antworten
Herbsttag sehr gerne geschehen. :-) Ira
Vor langer Zeit - Antworten
GertraudW 
Danke Dir liebe Angie für diesen herrlichen Reisebericht.
Und war der Balkon auch noch so klein,
gedanklich durfte ich bei Euch sein.
Liebe Grüße an Dich und einen entspannten Nachmittag
Gertraud
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