Kurzgeschichte
erbe!

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"Er wacht auf und fühlt sich zweigeteilt..."
Veröffentlicht am 28. Juli 2015, 16 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: D. Albers
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Er wacht auf und fühlt sich zweigeteilt...

erbe!

Erbe!

Er wacht auf und fühlt sich zweigeteilt.

…gedanken an seinen vater, wie er daliegt, im krankenhaus, schläuche am ganzen körper und in seinen körperöffnungen, die maschinen surren…  

Diese Gedanken verschwinden, verlassen ihn und hinterlassen das Bild des Fensters: Doppelte Scheiben, zwischen den Scheiben eine tote Fliege. Das Fenster befindet sich im Treppenhaus. Viele Jahre ist er hier

entlang und war jedes Mal fasziniert, fasziniert von der Fliege zwischen den Scheiben. Sie schien sich nicht zu verändern, nie. Sie blieb in ihrer Haltung. Er zog aus, da war er 18 und dann, Studium und Karriere, und, ja vor zwei Jahren dann - Nein, Nein! NEIN!!! vor drei Jahren, kaufte er das Haus, mittlerweile 30 Jahre alt, sein Geburtshaus und warf alle Mieter raus, ließ alles renovieren und ersetzen und erneuern, anpassen an seinen Geschmack und das Fenster im Treppenhaus: Das blieb wie es war.

…die erinnerung an seinen vater, eine fotografie, wie er mit dem spaten in der

hand dasteht, in seine richtung sieht und lächelt, stolz, mit freiem oberkörper, schwitzend, muskulös, ein beet für ihn absteckend, für möhren und kartoffeln oder was auch immer…  

Als er bereits wieder ein Jahr in besagtem Haus wohnte, kamen die Geister und hielten sich für besonders schlau, sich ihm zu zeigen. Alles männliche Geister, meinten ihn belehren zu müssen, darüber, was sich lohne und was nicht, im Nebel oder im Leben und wer der Gute und wer der Böse.



Er schläft und träumt, träumt von einem

Ort, der so unendlich spannend und gleichzeitig so endlich unbedeutend ist, in ferner Nähe vom wirklich Wichtigen. Weit weg von seiner Arbeit. Weit weg vom Geld. Dort, bei der Arbeit, ist nur Härte und starre Gedankenmuster. Vergangenheit und Unabänderlichkeit. Sinnlose Versuche der gedanklichen Umstrukturierung von bereits Geschehenem, nicht zu negierende Handlungen. Er sehnte sich, im Grunde seines Herzens, immer nach Weichheit.

…das bild seines vaters, es verschwimmt, sein kopf sackt nach unten, erinnerungen an die jugend, in richtung teller, bohneneintopf, als seine

nasenspitze die wärme spürt, schließt er die augen und lässt sein jugendliches gesicht hineingleiten, sein vater spricht von irgendwoher, der ort steht vor ihm, gedanklich eingehüllt in watte…


Er erwacht und fühlt sich nun zusammenhängend. Er war wieder dort. In seinem Traum. Er kennt nun die Bedeutung des Ortes. Er weiß, wer er ist, wer er war, wer er sein wird. Er folgt seinen Gedanken zum Fenster, zur beständigen Fliege, schließt die Augen, um sich besser, genauer zu konzentrieren.


ER, ER, ER!


Er sieht die Fliege. Er sieht die milchige, nein, mehlige Scheibe. Er sieht sich, wie er an diesem Fenster vorbei geht, es kurz dabei betrachtet und das Haus verlässt. Er sieht sich, wie er in den Sturm hinaus auf das Meer fährt, dort, wo er ein metaphorischer Hai unter vielen echten sein konnte. Er, er hatte das größte aller Mäuler! An seinem Jackett - die rote Solidaritätsschleife der Aidshilfe.

…das klo unter dem deckel stinkt, alles stinkt hier, er atmet das pulver ein, dass auf dem klodeckel liegt, braun und stinkig, passt es zum ort, passt es zu

ihm, zu seiner reinen weste, seinem schlips, seinem anzug, dann ein klopfen an der klotür, die stimme seines vaters, der ist doch längst tot!, kann nicht sein!, klopfen, kann nicht sein!, er steht auf, öffnet die tür, nichts, er verliert das gleichgewicht und wird erst wieder wach, als der heilige, braungebrannte jesus über ihm steht und ihn fragt, wo er wohnt und wann er geboren wurde, er habe ein gewitter im kopf überlebt, sagt er, ein gewitter, ein großes…

Sein letzter Geschäftsabschluss besorgte zweihundert Arbeitern die Freiheit von Arbeit. Die waren wütend, für ihn unverständlich, nur eine banale

Notwendigkeit. Sein Konto gefüllt, strahlende, von Banken und ihm gesteuerte Aggregation, weit entfernt vom Durchschnittlichen. Als er dann mal wieder in sein Haus kam, voll misanthropischer Zufriedenheit, waren da die Fensterscheiben, die Fliege und einige Geister, zornig grinsend, unamüsiert, ihn böse ansehend, drohend. Er zeigte ihnen die erhobene, erhabene Faust und drohte mit dem Staubsauger aus „Ghostbusters“, sagte zu ihnen, sie sollen sich endlich verpissen, er sei noch nicht soweit, dass sie ihn mitnehmen könnten, er sei frei und er wisse wer er ist und wer er war und wer er sein wird. Das war wohl

lustig, alle lachten und die Geister wurden mehr.


…der gedanke an sein kindliches gartenbeet formt sich, die möhren wollten nicht wachsen, die eine kartoffel nicht keimen, er sprach nie mit den gewächsen und war enttäuscht, früchte der ernte bekam er dann welche von seinem cousin, er konnte schon immer gut nehmen, er lernte, dass man sich anstrengen kann und doch nichts davon hat, oder andersherum, die dinge mussten also intelligenter gesteuert sein, als durch fleiß und wachstum, die welt sprach in lügen, sein vater war, glaubt er, sehr stolz und glücklich über

das land, den garten, in dem er kulturschaffender war, er hätte ein großes land verdient gehabt…


Nach acht Jahren allein im Haus, nervten ihn die Geister sehr. Es wurden immer mehr. Er hatte wieder große Geschäfte gemacht -Big Business- eine Firma wurde geschlossen eine Fabrik brannte ab, in Rumänien. Es waren Menschen dort, die arbeiteten, wo es brannte. Es gab drei Schwerverletzte und einen Toten. Die Geister vermehrten sich unaufhörlich und der eine Geist, war der tote Arbeiter, so stellte er sich jedenfalls vor. Wenn er jetzt durchs Treppenhaus vorbei an der Glasscheibe,

der doppelten, ging, wünschte dieser Geist ihm einen baldigen Tod und tat kund, also sagte, er erwarte ihn heute um Mitternacht. Jeden Tag!

Nur die Fliege gab ihm etwas Trost. Sie war beständig, fast gutmütig, verlässlich und befand sich dort, wo sie sich scheinbar immer schon befand, Balsam, dieser jahrzehntelange Gleichklang.

…jesus´ bild blieb hängen, es ging ihm ja gut, jedenfalls soweit ihm bekannt war, er wachte aus einem komaähnlichen zustand auf und fand sich an ein kreuz genagelt, nein, gefesselt, verschwommen sah er eine

gestalt, eine frau, groß, in schwaz/weiß, latex und gummi, sie stand einen meter entfernt und wog eine rute in der rechten hand, und betrachtete ihn und dann die rute, als schätze sie ab, was sie damit anrichten könnte, dann wurde es schwarz, dann weiß, dann explodierte es in einer million farben, gedanken, er liebe diese frau, ihre rute, ihre stimme und ihr atmen beim zuschlagen, dann wieder dunkelheit und endlich in das licht…

Es ist jetzt zehn Monate her, dass er eingewiesen wurde. Jesus zeigte ihm, was er meinte, als er ihn damals, das erste Mal, sah und braungebrannt

anblickte. Er wiederum erzählte es seinen Mitmenschen, das mit Jesus, die glaubten ihm nicht. Das Zimmer ist klein und die Medikamente gut. Er ist meistens am richtigen Ort, in Watte verpackt und spürt nichts. Manchmal aber beißt ihn der Drang zu expandieren, doch nur selten macht er sich darüber weitere Gedanken. Fixe Ideen. Haloperidol hilft, da legt er die Arme an und wackelt mit dem Kopf…Kopf, ja, er ist beim Bild der Fliege, in der doppelten Scheibe, welches ihn seit seiner Kindheit begleitet und das Einzige in seinem Leben ist, das immer gleich blieb. Die Fliege gibt ihm Trost. Sie ist beständig,

fast gutmütig, verlässlich und er befindet sich dort, wo auch sie immer sein wird, sie befindet sich in ihm und er befindet sich…


Früher gab es eine Zeit, in der er sich fragte, was er denn mal sein wollte. Lange ist es her und heute nicht mehr wichtig, hat er doch alles gehabt oder wenigstens von allem, was er wollte, geträumt. Er wusste schon lange, insgeheim, verlieren ist erblich. Seine Geister sind in ihm versammelt und lungern nicht mehr im alten Haus rum, er füttert sie mit Tavor und das tut ihnen und ihm sehr gut. Nun gibt es Abendbrot im Napf und Medikamente,

die ihn verpacken, wie er es sich immer wünschte, in Watte.

Wünsche für seine Zukunft hat er nicht. Meistens schläft er mit einem Lächeln ein. So auch jetzt. Gute Nacht!

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strandgigant

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KaraList Ein schwerlastiger Text, beklemmend. Dein Protagonist hat den Burnout schon ´überschritten`. Die Geister der Vergangenheit werden ihn wohl weiter begleiten. Doch irgendwann hat er die Entscheidungen getroffen, die diese Geister entstehen ließen.
Eine gut geschriebene Geschichte.
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Sehr bedrückend.
Entweder bist du ein sehr guter Beobachter, arbeitest mit diesem Klientel oder hast schon selbst erlebt.
Bin beeindruckt.
LG Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
Feedre sehr gut, wie du die Geschichte um die
Fliege herum aufbaust. Sehr lebensnah
und nachvollziehbar geschrieben
LgF
Vor langer Zeit - Antworten
strandgigant Danke Dir!
Ist es nachvollziehbar, dass die Figur in der Psychiatrie landet und warum er dort landet und das es im Grunde seine eigene Entscheidung war, dort zu landen? Ist der Charakter für Dich klar?
Viele Fragen. Danke für Deinen Kommentar etc.
Detlef
Vor langer Zeit - Antworten
Feedre Ist für mich klar, allein schon die Medikamente, (Tavor) lassen auf
psychischen Druck, oder Stress schließen.
Feedre
Vor langer Zeit - Antworten
sugarlady Starke Worte in einem fantastischen Buch.
Gut erzählt.
Liebe Grüße von Andrea!
Vor langer Zeit - Antworten
strandgigant  Danke!
Vor langer Zeit - Antworten
GertraudW 
Eine äußerst beeindruckend geschriebene Geschichte,
hinterlässt mich nachdenklich ...
Liebe Grüße
Gertraud
Vor langer Zeit - Antworten
strandgigant Danke!
Vor langer Zeit - Antworten
roxanneworks 
Eine großartig erzählte Geschichte, die besonders durch die ganz eigene Sprache von Dir lebt...
absolut... lesenswert!

Liebe Grüße
roxanne
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