Romane & Erzählungen
Das StoAx - Geschenk des Waldes - Komplettfassung

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"Eine Geschichte aus den Vergessenen Landen"
Veröffentlicht am 20. Juli 2015, 84 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

Über mich gibt es erstaunlich wenig zu sagen. Ich schreibe. Hin und wieder. Zeitweise auch mal öfter und intensiver. Ich denke zu oft, urteile zu schnell und merke mir definitiv zu wenig ... zumindest zu wenig von den unwichtigen Sachen die die Welt bewegen und sie dennoch nicht verändern. Ich verabscheue Oberflächlichkeiten und Smal-Talk, rede gern, wenn ich wirklich was bei zu tragen habe, und schweige ansonsten lieber. Ah, und ohne die ...
Eine Geschichte aus den Vergessenen Landen

Das StoAx - Geschenk des Waldes - Komplettfassung

Vorwort

Diese Geschichte ist zwar Teil der Reihe "Die Wilde Ebene" - kann aber sorglos auch ohne Vorkenntnisse derer gelesen werden. Zu beachten wäre nur, das dies hier die Komplettfassung ist, und daher auch einiges an dicht bedruckten Seiten auf weist. Wen das nicht stört, dem sei viel Spaß damit gewünscht.


Jon.

Der weg zum Tal der Winde

Einen StoAx zufällig zu finden ist eigentlich unmöglich, es sei denn jemand ist so ungeschickt und verliert ihn. Ansonsten bekommt man ihn entweder geschenkt, oder überhaupt nicht. Dennoch wusste ich, wollte mein Plan Erfolg haben, unbeschadet nach Baronica zu gelangen, brauchte ich mehr als ein schnelles Pferd, selbst wenn es ein Teil des Weges kannte. Ich brauchte Schutz, einen mächtigen, anhaltenden Schutz, etwas was man nicht beim nächsten Magiegelehrten um die Ecke bekam. In der alten, nicht sehr umfassenden, dafür aber extrem gut sortieren Bibliothek in Miosma fand ich nach langen Suchen auch endlich ein Buch, welches mir weiter half. Es handelte hauptsächlich von der Flora und Fauna der hiesigen Gebirgsgegend, weitestgehend trocken

geschrieben und stellenweise zum Einschlafen langweilig. In einem, leider recht weit hinten befindlichen Kapitel, sprang der Autor aber plötzlich um, wurde euphorisch, phantasievoll und zutiefst mystisch. Dieses Kapitel handelte vom sagenumwobenen Schwarzblutbaum, einer extrem seltenen Eichen-Art, die nur in den Wäldern des hiesigen Hochlands noch zu finden war. Es trug den vielsagenden Titel „Die letzten Schwarzblüter im Dreispitz-Gebirge“. Von jenen, so hieß es, würde man ein Geschenk erhalten, wenn man es richtig an stellte. Ein Geschenk, das große Macht verlieh, oder großen Reichtum, welches Schutz oder auch Tot bringen konnte. Es wurde leider nicht bis zum Ende genau beschrieben, wie das letztendlich von statten gehen würde, da der Autor wohl nicht selbst dort war. Aber er lieferte zumindest eine recht genaue

Wegbeschreibung zu den besagten Bäumen, was ausreichte, um mich zu dieser Reise zu entschließen. So machte ich mich auf, um das „Tal der Winde“ zu finden, jenen versteckten Ort, der noch eine Hand voll dieser seltsamen alten Pflanzen beherbergen sollte. Angeblich lag es etwa zwei Tagesreisen entfernt von Miosma, eingebettet in den riesigen, fast menschenleeren Wäldern des Hochlandes. Allerdings besaß der ursprüngliche Lieferant der Informationen scheinbar ein Reittier oder verfügte über deutlich ausgeprägtere Wandererfahrungen. Obwohl ich der Wegbeschreibung sehr genau folgte, brauchte ich mehr als eine Woche um das Ziel zu erreichen, machte allerdings auch ein paar großzügige Pausen zwischendurch. Wieder erwartend wurde es eine sehr angenehme und weitestgehend ungefährliche Reise. Die Wälder dort oben gelten, im

Vergleich zu anderen Landstrichen der Vergessenen Lande, als sicher. Kaum ein Raubtier verirrt sich in diese Gegend, da sich auch kaum ein potentielles Beutetier dorthin verirrt. Lediglich in einigen abgelegeneren Teilen der Wälder wurden hin und wieder Wölfe gesichtet, welche allerdings deutlich mehr Scheu vor dem Menschen zeigten als ihre Fetter in der Ebene. Zusammengefasst ist die Landschaft dort oben als sehr besonders zu beschreiben. Vor allem besonders schön. Obwohl man nur wenige Höhenunterschiede überwinden muss und die teils gut erhaltenen, teils extrem verwilderten Wanderwege kaum sportliche Kondition erfordern, ist der Wald außerordentlich vielfältig. Mal steht er in wunderbare, herbstliche Farben getaucht, nur ein paar hundert Meter weiter aber ändert sich das Klima und plötzlich ist er noch in voller Blüte.

Ganz so, als ob die Bäume gerade erst aus dem Winterschlaf erwacht wären. Andernorts findet man große, alte Obstbäume, deren Äste voller reifer Früchte hängen. Selbst leichten Schneefall konnte ich erleben, obwohl ich nur wenige Minuten zuvor noch unter Bäumen wandelte, die in voller Blüte standen. Hier vermischte die Natur nach Lust und Laune sämtliche Jahreszeiten, als wäre ihr langweilig. Das gesamte Hochland wird von mehreren kleinen und großen Bächen durchflutet, die letztendlich aber alle in den Silberfluss münden. Dieser war seit jeher der Hauptgrund, der Menschen in diese abgelegene Gegend führte und auch heute noch eine magische Anziehungskraft auf sie ausübt. Silber gibt es zwar im, mal ruhig dahin plätschernden, mal reißenden Gewässer schon lang nicht mehr, aber das hinderte bisher niemanden, sein Glück nicht dennoch zu versuchen.

Mein Weg zu den Schwarzblut-Bäumen führte mich daher an so mancher, aufgegebener Schürfer Siedlung vorbei, zerfallende Zeugnisse einer Zeit voller Reichtum und Mordlust. Hier wurden schon einige Fürsten geboren, die sich mit dem gewonnenen Silber Ländereien kauften, wenn sie es schafften das begehrte Edelmetall rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Gesetze galten am Silberfluss wenig, letztendlich gab es derer auch nur Zwei, das des Schnelleren und das des besser Bewaffneten. An eben jenem Fluss schlängelte sich ab dem vierten Tag der Reise auch mein Weg entlang, vorbei an saftigen Wiesen auf denen sich wilde Pferde genüsslich den Bauch vollschlugen. Hin und wieder gab es hölzerne Brücken über

Seitenarme, die Meisten davon schon sehr altersschwach, welche mit einiger Vorsicht überquert werden mussten. Fünf Tage nachdem ich Miosma verlassen hatte, schlug ich mein Lager an einem kleinen Weiden-Hain, direkt neben dem großen Fluss auf. Ein traumhafter Ort um ein Haus zu bauen, dachte ich spontan. Dabei schwor ich mir doch damals, nie wieder sesshaft zu werden, nie mehr zu besitzen als ich mühelos mit mir tragen konnte. Dieser Platz allerdings, direkt neben den mild rauschenden Bäumen, mit Blick über den Fluss, dahinter der ´Erste Spitz´ und über allen die majestätischen, schneebedeckten Berge des Großen Walls - dieser Platz war einmalig. Hätte ich kein Ziel gehabt, keine Aufgabe die es zu erfüllen gab, ich wäre dort geblieben, vermutlich sogar für immer. Vielleicht wenn alles vorbei war, sagte ich mir, sah in den dunkelblauen Nachthimmel auf, der durch die Blätter der Weiden seine Sterne

offenbarte, und schlief irgendwann friedlich ein. Am Nachmittag des sechsten Tages erreichte ich endlich den kahlen Hügel, welcher in den Aufzeichnungen beschrieben wurde als `Tor zum Schwarzblut-Wald`. Hier oben vermochte es kaum ein Gewächs, sich am felsigen Untergrund fest zu klammern, so dass man eine gute Sicht auf die umliegenden Wälder erhaschen konnte. Tatsächlich lag unter mir, nicht mehr als zwei Stunden Fußmarsch entfernt, ein besonders alt wirkender, verknöcherter Wald, dessen Stämme sich dicht aneinander drängten. In mitten der alten Bäume war eine kleine Lichtung aus zu machen, das Ziel meiner Reise, wenn die Wegbeschreibung korrekt war. Der Weg dorthin stellte sich als weniger beschwerlich heraus als vermutet. Ein kleiner, gut erhaltener Trampelpfad führte zielsicher auf die Lichtung zu, man musste also

schon blind sein, um sie zu verfehlen. Weder die verästelten Bäume, noch hungriges Getier schienen mich daran hindern zu wollen, unbeschadet an mein Ziel zu gelangen. Auch wenn in dem Buch ausdrücklich davor gewarnt wurde, den Wald bei Nacht zu betreten, konnte ich mir nicht vorstellen, was zu dieser Tageszeit anders sein mochte. Alles um mich herum schien mehr als friedlich, obwohl der dichte Baumbewuchs kaum einen Sonnenstrahl bis zum Waldboden durch ließ. Der Zustand des Pfades ließ die Vermutung zu, dass der letzte Wanderer hier etwa vor zwei Wochen entlang gekommen sein musste. Scheinbar finden sich immer wieder Wagemutige, wie ich, die versuchen, den alten Bäumen ihre Schätze zu entlocken. Am späten Nachmittag erreichte ich die Lichtung, welche kaum zu verfehlen war, bildete sie doch im Sonnenlicht einen

strahlenden Kontrast zum eher düsteren Wald. Ich trat zaghaft auf die Wiese hinaus, welche nicht viel größer als ein handelsüblicher Marktplatz war, und erblickte sogleich den ersten Schwarzblut-Baum am anderen Ende. Er wurde an beiden Seiten gesäumt von starken, alten Erlen und einer sehr verwachsenen Blaukastanie, stach aber dennoch deutlich hervor. Nicht nur weil er seine Nachbarn um ein paar Meter überragte, auch wegen seines wuchtigen Stammes, der wie ein Bollwerk im Erdreich versank und aus dem dunkelsten Holz bestand, dass ich jemals gesehen hatte. Ein erhabenes Stück Natur, für wahr, beeindruckend und irgendwie einschüchternd zugleich. Als ich weiter auf die Wiese hinaus trat, erkannte ich, dass der Baum nicht der Einzige

seiner Art am Rand der Lichtung war. Insgesamt standen dort fünf Exemplare, einer größer und beeindruckender als der Andere, alle deutlich älter als der Wald um sie herum. In der Mitte der Lichtung lagen einige große, gelbliche Steine verstreut, vermutlich die Überreste eines ehemaligen Sandsteinfelsens, nun umwuchert von Moos, Gras und Gestrüpp. Manche waren flach, andere rundlicher, keiner aber höher als ich. Die nächste und zugleich letzte Anweisungen im Buch hatte geheißen: "nun sollte man sich setzen, Geduld beweisen und warten. Viel Glück!" Also beschloss ich, genau das zu tun. Warten. Ein flacher Stein, der fast in der Mitte der Lichtung lag, schien mir dafür der beste Ort. Längere Zeit geschah wenig. Hin und wieder flog ein bunter, eigenartig zirpender Vogel

vorbei, der mich jedes Mal misstrauisch beäugte. Zwischen den Bäumen raschelte es, manchmal waren seltsame, tierische Laute zu hören, ihre Verursacher ließen sich aber nicht blicken. Einige Insekten versuchten energisch meine gespannte Ruhe zu stören, indem sie mich ohne Unterlass umsummten, aber aus Ehrfurcht vor dem Ort schenkte ich ihnen keine Beachtung. Bald darauf verschwanden sie wieder, sichtlich frustriert, um sich ein anderes Opfer zu suchen. Ich lauschte angespannt den Blättern, welche im Wind zu flüstern schienen, als ob sie beraten würden ob es wert wäre, sich mit mir zu befassen. Letzten Endes mussten sie sich geeinigt zu haben, denn aus einer Lücke zwischen den Bäumen trat ein kleines Wesen auf die Lichtung. Ein Bergling, wie die gnomartigen Geschöpfe sich selbst nannten, auch wenn das für mich immer eher nach einer Pilzsorte klang. Gerade mal so hoch wie das Schienbein eines normal gebauten Menschen,

dafür aber drahtig und recht agil. Er sah etwas verschlafen drein, wischte sich die verquollenen Augen, als er ins Sonnenlicht trat und wehrte sie lästigen Strahlen mit der kleinen, knöchernen Hand ab. "grf, schon wieder einer" murmelte er in sich hinein, stapfte aber weiter pflichtbewusst auf mich zu. Ich wartete derweil geduldig, wie geheißen. Ohne groß von mir Notiz zu nehmen, krabbelte er auf einen höheren Stein, den man wohlwollend fast als Felsen hätte bezeichnen können, wischte mit ein paar schnellen Handbewegungen den gelben Sandstaub von dessen Oberfläche und ließ sich dann dort nieder. "gut, kommen wir zu Sache" sprach´s, mit einem etwas an genervtem Unterton, wie ein

Fremdenführer der die gleiche Tour heute schon das fünfte Mal macht. "glotzen oder wagen?" Ich war etwas verdutzt "was meinen Sie bitte?" "grf, gut, Langfassung: möchte der Wanderer hier sitzen und die schöne Aussicht auf die letzten fünf Schwarzblut-Bäume der bekannten Welt genießen, oder ist er gekommen, sich der heiligsten aller Prüfungen zu unterziehen, um das wertvollste zu erlangen was dieser Wald zu geben hat?" Das klang extrem einstudiert, vermutlich zog es der Kleine normalerweise vor, sich kurz zu fassen. Längere Ansprachen lagen ihm überhaupt nicht.

"Wenn es beliebt" entgegnete ich im freundlichen Ton, wobei ich ihn unbewusst imitierte "würde ich gern beides tun" Darauf war er wohl nicht gefasst gewesen. Seine grasgrünen Augen weiteten sich etwas und ein überraschtes Grinsen glitt über den fleischigen Mund "Oh wirklich? Beides? Lang nicht gehört. Wirklich lang nicht! Sehr schön. Muss aber darauf bestehen, das Glotzen auf später zu verschieben, nach der Prüfung. Wenn dann noch am Leben. Will bald wieder ins Bett, wenig Schlaf, zu viele

Menschen" Er unterstrich das eben gesagte mit einem langen Gähnen, welches seine spitzen, ausgesprochen gepflegten Zähne offenbarte. Die Anspielung auf die Gefahr das Leben zu verlieren, überhöhte ich erst einmal geflissentlich. Sicherlich wollte der Bergling damit die Situation nur etwas dramatischer gestalten. "Gern, ich bin bereit für die Prüfung." "Bist nicht, glaub mir. Bist nicht. Ist keiner. Egal." Er stellte sich auf, Strich sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn und begann wieder den einstudierten Text zu rezitieren "Die erhabenen Schwarzblutbäume geben ihren

Schatz demjenigen nur Preis, der es versteht, sie von seiner Rechtschaffenheit zu überzeugen. Viele schon haben es probiert, nur sehr wenige sind nicht gescheitert." Er machte eine kurze Pause "letzte übrigens vor 64 Jahren. Lang her. Kann mich erinnern, alter Mann aus dem Tal, war sehr gerissen" Das gehörte wohl nicht zum Text sondern war eine spontane Eingebung, nach der er aber unbeirrt fort fuhr. "Die Prüfung ist jedes Mal eine Andere, kein Prüfling weiß was ihn erwartet. Es gibt, solltest du die Herausforderung annehmen, ab dann nur noch drei Möglichkeiten für dich. Du meisterst die Prüfung und erhältst das versprochene Geschenk des Waldes. Du versagst, und darfst die Prüfung nie wieder ablegen,

aber zumindest am Leben bleiben und von Dannen ziehen. Oder du betrügst und... " in dem Moment hob er theatralisch den linken Arm, worauf es sogleich im Wald rings um mich zu rascheln begann. Wie auf Kommando traten aus dem Dickicht zwischen den Bäumen Wölfe ins Licht, mit dichtem grauem Fell, den Blick noch gutmütig und interessiert auf mich gerichtet. Dennoch waren sie ohne Zweifel bereit, jeder Zeit auf Kommando... Aber ich hatte nicht vor zu betrügen, daher hielt sich meine Angst in weitläufigen Grenzen. "Hoffe du verstehst die Regeln?" fragte der Kleine argwöhnisch.

"Ja, ich werde fair spielen und mich der Prüfung stellen." "Gut. Dann beginnt es jetzt." Er drehte sich zu dem Schwarzblutbaum um, der ihm am nächsten stand und sagte "Ehrwürdiger Haga, ich bin bereit" Dann streckte er beide Arme aus und verneigte sich. Was nun geschah konnte ich nicht genau beobachten. Zwar ging ein sanftes Zittern durch seinen kleinen, blass grünen Körper, aber mehr geschah nicht. Erst als er sich wieder in meine Richtung drehte, bemerkte ich eine

Veränderung. Sein Gesichtsausdruck war nun weniger genervt, eher freundlich und interessiert. Aber auch eine Spur Hochmut lag jetzt darin, die irgendwie nicht recht zu ihm passte. Seine Müdigkeit schien dafür komplett verschwunden, der Bergling war nun voll auf mich konzentriert.

Die Prüfung

"Suchender, sei willkommen" sprach er, allerdings mit veränderter Stimme. Sie klang etwas tiefer, ruhiger. "Danke dass du mich empfängt, Haga" "Ich empfange jeden der zu mir kommt um das Geschenk des Waldes zu erlangen. Allerdings muss ich gestehen, dass du der erste deiner Art bist, der mich und meine Brüder besucht.“ Ich musste einen Moment überlegen, was er damit meinte. Zu lange lebte ich schon in den Vergessenen Landen und hatte sie daher längst als neue Heimat akzeptiert. „Du stammst nicht von dieser Welt, auch wenn dein Aussehen dem der Menschen in der Umgebung

gleicht" "Das ist richtig.“ gab ich überrascht zu „Aber wenn du erlaubst, würde ich das Thema gerne überspringen, denn meine Geschichte gehört nicht an diesem Ort erzählt. Soweit ich weiß, sind Schwarzblutbäume ursprünglich auch nicht in dieser Welt beheimatet, insofern sind wir uns wohl etwas ähnlich." Der Bergling/Baum dachte nun ebenfalls einen Moment nach, bevor er fort fuhr. Deutlich war zusehen, wie er sich auf der Lichtung um blickte, jeden einzelnen der großen, alten Bäume fixierte, bevor er sich wieder mir zu wand. "Du hast dich gut vorbereitet, wie ich sehe. Vielleicht schaffst du es tatsächlich und erlangst unsere Gunst. Dazu musst du aber eine Aufgabe erfüllen, die leichter klingen mag als

sie sein wird. Bist du bereit?" "Ja, ich bin bereit, nenn mir bitte die Aufgabe" "Gut, so sei es. Mein Bruder dort hinten, Taga, ist in letzter Zeit sehr unruhig. Er sagt, in seiner Krone habe sich Ungeziefer ein genistet, welches seinen Schlaf stört, stetig an seiner Rinde nagt, ihn mit Nadeln sticht und seinen Lebenssaft stiehlt. Deine Aufgabe wird sein, den Eindringling zu finden und dazu zu bringen, seine neue Behausung wieder auf zu geben. Komm zu mir zurück wenn du es geschafft hast, dann werden wir entscheiden, ob du des Geschenkes würdig bist. Wenn du es nicht schaffst, komm auch zu mir, dann wird dir diese Ehre zwar nicht zu Teil, aber du darfst unbeschadet wieder gehen. Solltest du aber darüber nachdenken, dir das Geschenk mit Gewalt zu holen, hat dir Grafda ja schon die Konsequenzen aufgezeigt. Nun geh und versuch

dein Glück." Er wies mit dem Finger auf einen Schwarzblut-Baum am anderen Ende der Lichtung, welcher etwas kleiner war als die Übrigen, dafür aber eine ausgeprägtere Krone besaß, voll dichtem, roten Laub. Dort angekommen begann ich sogleich, den Baum zu erklettern. Um in die Krone vor zu dringen war es nötig, etwa zehn Meter Baumstamm hinter mich zu bringen. Viele der Äste am unteren Ende waren abgebrochen und verstümmelt, boten aber noch genug Möglichkeiten um sich daran fest zu halten oder sie als Tritt zu benutzen. Weiter oben wurde es einfacher, dennoch dauerte es sicher eine viertel Stunde, bis ich in der Krone ankam. Die Ursache für das Unwohlsein des Baumes war schnell gefunden, da kaum zu übersehen. In

einer großen Verzweigung hatte sich ein Kleiner Harzer sein Nest gebaut. Von einem Ast zum anderen waren Stricke aus dünnen Fäden gespannt, wie ein Spinnennest, in dem sich dann das Wesen eine mit Holzrinde verkleidete Behausung geschaffen hatte. Alles sehr grazil und handwerklich gut ausgeführt, wirklich beachtenswert, wenn man bedenkt das Kleine Harzer nur wenige Zentimeter groß werden, wie der Name schon vermuten lässt. Den Eingang hatte er mit einem fein gesponnenen Tuch verhüllt, so rot wie das Blattwerk des Baumes, welches die Behausung umgab. Ich war erleichtert, zumindest ein wenig optimistischer als vorher, denn mit Kleinen Harzern hatte ich schon früher zu tun gehabt, wenn auch eher unfreiwillig. Ihre etwas eigenwillige Sprache konnte man schnell erlernen, da sie der Menschlichen sehr ähnelte.

Scheinbar haben diese Wesen früher sehr lange in der Nähe von Städten gelebt und hin und wieder Umgang mit deren Bewohnern gepflegt. Allerdings waren sie nicht leicht zu handhaben, galten gemeinhin als eigenbrötlerisch und störrisch. Dennoch musste ich mich der Aufgabe stellen, denn der Harzer hatte schon erheblichen Schaden am Baum angerichtet. An einigen Stellen fehlte die schützende Rinde, welche er für den Hausbau verwendet hatte. Weiter unten, wo der Stamm in die Krone überging, steckten viele, nadelgroße Rohre im Holz, an denen kleine, filigran gefertigte Tröge hingen, um das heraus tropfende Harz auf zu fangen. Kein Wunder das dies dem Baum nicht gefallen mochte. "haaaalt!" schrie plötzlich eine hohe Stimme, direkt neben meinem

Ohr. "Mensch! Waaas machst duuuu hier!? Bist gekommen um miiiich zu besteeehlen?" Kleine Harzer hatten die seltsame Angewohnheit, die Worte, wenn sie mit den „Großen“ sprachen, sehr langsam und gezogen, übertrieben deutlich also, aus zu sprechen. Sie nahmen wohl fälschlicherweise an, man könne sie sonst nicht verstehen. Vermutlich hatte Ihnen noch nie jemand gesagt, dass das überhaupt nicht nötig war. Schließlich besaßen sie, im Verhältnis zur Körpergröße, ein recht lautes Sprachorgan, welches vollkommen genügte um verstanden zu werden, wenn man sich etwas Mühe gab. Ich sah vorsichtig in die Richtung aus der die energische Stimme gekommen war und blickte sogleich in zwei winzige, schwarze Augen,

umrandet von einem mit flaumigen Fell bedeckten Gesicht. Sie funkelten mich zornig an, entschlossen und übermütig streitlustig, was ich in Anbetracht des Größenunterschieds schon recht amüsant fand. Dennoch verkniff ich mir ein Grinsen, das wäre respektlos gewesen, zumal ich mich streng genommen in seinem Zuhause befand. In der linken Hand, welche ebenfalls von weißen Fell bedeckt war, hatte der Kleine Harzer ein winziges Schwert. Dieses hielt er voller Entschlossenheit auf mein Kinn gerichtet. Wollte er mich damit wirklich verletzen, hätte er sich erst einmal durch den Urwald schwarzer Barthaare kämpfen müssen, da ich auf der Reise bisher keine Möglichkeit fand, mich vernünftig zu rasieren. Dennoch nahm ich die Geste ernst und versuche die Situation zu entschärfen.

"Entschuldigen Sie das Eindringen, und den unangemeldeten Besuch. Ich bin Samuel, mit wem habe ich das Vergnügen?" "Veeeergnügen? Glaub miiieer Mensch, daaas wird es nicht! Waaas machst duuu hier?" Ich hielt es für angemessen, ihn über seinen Irrtum die Sprache betreffend auf zu klären, allein schon um die Verhandlungen zu vereinfachen. Aber auch in der Hoffnung, das er in Zukunft seinen Artgenossen diese Erkenntnis weiter geben würde und dadurch irgendwann die Linie der schreienden Harzer aus starb. "Sie können ganz normal mir reden, ich verstehe Sie auch so, jedes

Wort“ "tun sie das wiiiiirklich? Aaaalles was ich sage?!“ „Ja, alles. Wenn Sie nun so gut sein wollen, die Waffe nicht mehr auf mich zu richten, stünde einer kurzen Unterhaltung nichts mehr im Wege." Der kleine Harzer zögerte einen Moment, sah mich durchdringend an und lockerte, zumindest ein wenig, seine gespannte Haltung. Eigentlich sah er fast aus wie eine weiße Maus auf zwei Beinen, nur mit menschlichen Gesicht und Kleidung. Er trug eine Hose aus groben Leinen, oder ähnlich robusten Stoff, dunkelblau gefärbt mit weißen Mustern verziert und an den Knien schon etwas abgewetzt. Dazu passend eine Art Hemd, allerdings ohne Knöpfe, nur gehalten von mehreren Schnüren. Es war schwarz und an

der Brust mit einen weißen Emblem verziert, welches einen winzigen Hirschkopf zeigte. Ein Harzer aus dem Haus der Hirsche, also sogar ein adliges Exemplar! Das bedeutete ich musste noch mehr Verhandlungsgeschick aufbringen, galten die Hirsche doch als hochmütig und leicht kränkbar. "Es freut mich Ihre Bekanntschaft zu machen, Hoheit" sagte ich und nickte leicht mit dem Kopf. Eine angemessene Verbeugung wäre in dieser Situation auch nicht möglich gewesen, ohne vom Baum zu fallen. Daraufhin ließ der Kleine Harzer die Waffe sinken und sah mich verblüfft an. "Mögen die Wipfel dir gnädig sein, Mensch. Ich bin überrascht das du dich in unserer Kultur auskennst, wie kommt das? Bist du schon einem anderen Harzer

begegnet?" "Nicht nur einem. Ich habe vor längerer Zeit eher unfreiwillig mehrere Tage in der Gefangen... in der Gesellschaft des Hauses der Füchse verbracht, und dabei so Einiges gelernt über ihr Volk. Aber darum bin ich nicht hier. Ich habe von den Bäumen den Auftrag bekommen, Sie... nun, sagen wir, Sie zum Umsiedeln zu bewegen" "Aha, ich wusste es! Diese elenden, verschlagenen Schwarzblüter! Eigentlich sollte es Ihnen eine Ehre sein, dass ein Mitglied der Hirsche sie als Ort seines Schaffens erwählt hat, ein Privileg für das sich andere Bäume aus Dankbarkeit sämtliche Äste aus reißen würden! Aber nein, die Herren Schwarzblut stört es! Welch Undankbarkeit! Nur, diesen Gefallen werde ich Ihnen nicht tun, oh nein, ganz im Gegenteil! Noch heute sende ich eine Nachricht

an mein Haus, die werden entzückt sein zu hören, dass ich die legendären Bäume gefunden habe und in Scharen kommen! Sie werden über sie herfallen bis kein einziger Tropfen ihres kostbaren dunklen Harzes mehr in ihnen..." In diesem Moment begann der Baum heftig zu erbeben, ein gewaltiges Zittern, welches von der Wurzel bis zur Krone reichte und es selbst mir Mühe bereitete, mich weiter fest zu halten. Den kleinen Harzer allerdings beeindruckte das wenig, er hatte genug Übung im Klettern, klammerte sich sogleich an einen kleinen Ast in seiner Nähe und tobte weiter. "Jaaaa versuch es doch du alter Sturkopf! Du undankbares Stück Holz! Mich vertreibst du nicht, nicht mit hundert seiner Sorte!" Mit der freien Hand und dem kleinen Schwert darin zeigte er auf mich, lachte höhnisch und

provozierte den Baum noch zusätzlich mit Stampfen und Treten. Es war Zeit ein zu greifen. "So kommen wir nicht weiter, hören Sie auf, beide!" sagte ich laut und mit aller Entschlossenheit die ich in dieser Situation aufbringen konnte. Das Zittern verebbte und auch der Kleine Harzer schien sich wieder ein wenig zu beruhigen. "So, nun reden wir mal Klartext. Der Baum möchte nicht das Sie hier wohnen, Hoheit, das dürfte wohl klar sein. Und meine Aufgabe ist es, Sie mit allen Mitteln dazu zu bringen, diese Krone zu verlassen. Sie wissen so gut wie ich, dass es dazu nur eines Handstreiches bedürfe, ein Schubs und Sie befänden sich auf dem langen Weg zum Waldboden. Genauso gut

könnte ich noch mehr Gewalt anwenden, auch wenn ich glaube, dass die Prüfung damit als gescheitert angesehen würde. Dennoch liegt es mir fern zu drohen, oder gar zu blutigen Mitteln zu greifen, ich suche eine gute Lösung für uns alle, also entweder helfen Sie mir oder..." Der Harzer sah beleidigt drein, hatte aber scheinbar den Ernst der Lage begriffen. Leicht trotzig antwortete er "Weißt Du, Mensch, welch Glück es ist, einen der legendären Bäume zu finden? Unser Volk sucht schon Jahrhunderte danach, das Harz aus diesen Stämmen ist unglaublich wertvoll! Du kannst dir nicht vorstellen, welch Ansehen und Reichtum ich erlange, wenn diese Kostbarkeit im nächsten Kontor ankommt! Glaubst du wirklich ich würde diese einmalige Chance

aufgeben?" "Was macht dieses Harz denn so wertvoll? Schmeckt es besonders gut?" wollte ich wissen. Mir kam da eine vage Idee, etwas was von meinen früheren Kontakten mit den Harzern noch irgendwo in der Erinnerung geblieben war "Nein, es schmeckt widerlich, wenn du mich fragst, gar scheußlich sogar. Aber wir essen ja auch nicht jedes Harz, die meisten Sorten erhalten ihren Wert, weil sie besonders aromatisch und... berauschend sind. Also wenn man sie an zündet und ihren Rauch inhaliert. Nicht mein Ding, ganz ehrlich, überhaupt nicht. Aber ich kenne viele Obere der Häuser die darauf schwören, geradezu süchtig danach sind. Ich selbst bevorzuge andere Sorten zum Verzehr. Den milden Saft der Ulme zum Beispiel, oder die etwas kräftigere Note der

Weißen Erle. Und natürlich Weiden-Nektar. Aber diese Kostbarkeit habe ich schon seit Jahren nicht mehr auf der Zunge gespürt, Weiden gibt es in unseren Gebieten nicht, vermutlich sind sie auch anderswo schon ausgestorben." Er leckte sich unbewusst mit der Zunge über die Lippen, als schmecke er den Weiden-Harz förmlich, nur weil er daran dachte. Jetzt hatte ich ihn. "Sind sie nicht. Ich bin gestern an mehreren vorbei gekommen auf dem Weg hier her." Seine Augen weiteten sich plötzlich zu kleinen, runden Seen. "Du lügst mich an, das kann nicht sein!" entfuhr es ihm, aber seine Hoffnung, dass ich wirklich die Wahrheit sprach schwang in der

Stimme deutlich mit. "Das würde ich nicht wagen, Hoheit. Es ist so wie ich es sage, nicht eine Tagesreise von hier entfernt stehen mindestens eine Hand voll Weiden auf einer Wiese, dicht am großen Fluss. Ein wunderschöner Ort, übrigens. Ich könnte Sie sogar dorthin bringen auf meinem Rückweg." Jetzt wurde der Kleine aufgeregt. "Wirklich? Das würdest du tun? Aber... Das wäre wunderbar, doch was wird dann mit dem Schwarzblut? Ich habe schon einiges gesammelt und kann es doch nicht hier lassen. Hast du eine Ahnung was das wert ist?! Nein, so verlockend es sein mag, aber das geht doch nicht." "Dann nehmen Sie es doch einfach mit. Wie

wird es denn normalerweise transportiert wenn das Lager voll ist?" „Im Gestrüpp unter dem Baum ist ein kleiner Wagen verborgen, der beladen werden muss, wenn eine Fuhre fertig ist. Dann rufen wir ein Tier des Waldes, meist Kaninchen oder Frettchen, alle anderen sind zu dumm dafür, weisen Ihnen den Weg zum nächsten Außenposten und hoffen, dass die Ware heil an kommt. Das Kontor im Außenposten registriert sie dann, schreibt mir den Gewinn gut, der mich in diesem Fall zum reichsten Mitglied des Hauses machen wird, und schickt den Wagen leer zurück. Allerdings ist das Schwarzblut viel zu wertvoll als dass ich es ohne Aufsicht Reisen lassen würde, daher hatte ich vor, auf dem Wagen mit zu fahren. Außerdem vertraue ich den Kaninchen in dieser Gegend nicht, sie sind eigenartig und viel zu störrisch, wer weiß wer da seine Finger im Spiel

hat." "Wie lange würde es noch dauern, bis Sie eine volle Ladung zusammen haben" wollte ich wissen "Hm, wenn es bei der momentanen Fördermenge bleibt, noch etwas mehr als zwei Monate. Der verflixte Baum wehrt sich recht ordentlich, aber ich mache dass hier schon lang genug um zu wissen wie ich seinen Attacken ausweichen kann." Das könnte schwieriger werden als gehofft. Ich musste dem Harzer eine echte Alternative bieten, denn zwei Monate wollte ich nicht warten bis er freiwillig ab zieht. "Was wäre, wenn Sie mit einem Wagen zurückkehren, der jeweils zur Hälfte beladen mit Schwarzblut und Weidenharz ist? So hätten

Sie die Rauschsüchtigen UND die Gourmets auf Ihrer Seite" Der Kleine kam nun ordentlich ins Grübeln. Innerlich kämpfte wohl gerade die Machthungrige und die Feinschmeckerseite miteinander, was dem Zeigefinger großen Wesen ein sehr menschliches Aussehen verlieh, trotz Fell und den eher tierischen Ohren. "Du führst mich in Versuchung Mensch, sehr geschickt. Sicher, die halbe Ladung Schwarzblut würde mich nicht so wohlhabend und einflussreich machen wie ich es gehofft hatte, aber Weidenharz ist in Feinschmeckerkreisen eine absolute Rarität! Ich könnte einen wirklich unverschämten Preis dafür verlangen... und trotzdem auch noch Einiges davon aufheben für mich. Soweit ich weiß gab es auch noch nie einen Harzer, der in einer Ladung die zwei begehrtesten Harze

nachhause brachte. Damit würde ich in die Geschichte eingehen." Nun folgte eine dramaturgische Pause, auch wenn sich der kleine Schauspieler eigentlich schon entschieden hatte. Er saß auf dem Ast, rieb sich das Kinn als würde er angestrengt Nachdenken und sagte dann in seiner alten, etwas herablassenden Art "Nun gut, Mensch, ich willige ein. Ich verlasse diesen Baum schweren Herzens und werde dir somit helfen deine Aufgabe zu erfüllen. Unter zwei Bedingungen allerdings!" Irgendwie hatte ich damit gerechnet. "Zum einen bitte ich dich, mir beim Beladen des Wagens zu helfen, was auch in deinem Interesse sein sollte. Zweitens möchte ich, dass du dein Versprechen hältst und mich zu den

Weiden bringst, sobald du hier fertig bist" "Gut, damit bin ich einverstanden, und Letzteres hatte ich Ihnen ja schon zugesagt. Aber ich habe auch eine Bedingung. Sie müssen ihre Behausung hier abbauen und versprechen die Schwarzblut-Bäume nie wieder auf zu suchen" "Das sind, wenn man es genau nimmt, zwei Bedingungen, Mensch. Wenn du mich aber wirklich zu einem Weidenhain führst, brauche ich das eklige Schwarzblut ohnehin nicht mehr. Aber warum soll ich meine Behausung hier abbauen? Darin sehe ich keinen Sinn." "Ganz einfach damit Sie nicht doch verleitet werden, hier her zurück zu kehren. Zudem möchte ich nicht, dass auch die Weide große Teile ihrer Rinde einbüßen muss, wenn Sie sich dort eine neue Behausung bauen müssen. Ich

helfe auch gern beim Transport, und sorge dafür, dass alles so unversehrt wie möglich ankommt. Wie Sie vermutlich schon bemerkt haben, bin ich geringfügig größer als Sie und hätte daher keine Mühe, den Wagen und das Nest zu tragen." "Du bist ein harter Verhandlungspartner, Mensch. Das gefällt mir. Einverstanden, so soll es sein. Machen wir uns an die Arbeit!" Somit war mein etwas wackeliger Plan aufgegangen. Auch wenn ich damals eher unfreiwillig in die ´Gefangenschaft´ der Kleinen Harzer geriet, stellte sich dieses Zusammentreffen jetzt im Nachhinein als Vorteil heraus. So wusste ich zumindest noch, dass sie bestimmten Harzen nicht widerstehen konnten, darunter auch dem der Weiden. Diese war in ihren Gebieten leider schon ausgestorben - warum nur - was mich

nachdenklich werden ließ, ob mein Kompromiss mit ihm wirklich eine so gute Idee war, vor allem für die Bäume. Dennoch half ich ihm, dass bisher gesammelte Harz aus einer kleinen Höhle im Stamm zu bergen, schließlich hatte ich eine Prüfung zu bestehen. Währenddessen begann seine Hoheit mit flinken Händen und Füßen, die Zapfstellen, die wie Nadeln in der Rinde steckten, zu entfernen. Auch das ´Nest´ war recht schnell ab gebaut und auf dem Wagen verstaut, so dass wir nach nur einer knappen halben Stunde bereit waren zur Abreise. Nun musste ich nur noch zu Hara zurückkehren und sein Urteil abwarten.

Das Geschenk des Waldes

Der Bergling saß immer noch auf seinem Stein, als ob er sich in der ganzen Zeit nicht eine Hand breit bewegt hätte. Interessiert musterte er mich und den voll beladenen Wagen in meiner Hand, auf dem ein Kleiner Harzer zufrieden thronte. "Nun, ich sehe, du hattest Erfolg!" sagte er ruhig und anerkennend, mit der Stimme des Baumes hinter ihm "Mein Bruder ist sehr erleichtert, dass du ihn von dieser Plage befreit hast" "Plage!?" quiekte der Kleine Harzer "Plage! Ich zeig dir gleich was eine Plage ist, du stinkendes Stück Hol... " "Ruhig, eure Hoheit, ganz ruhig, denken Sie an unsere Abmachung" mahnte ich ihn mit

gedämpfter Stimme Er verstummte, machte aber ein beleidigtes Gesicht, was außerordentlich putzig wirkte. Der Baum ignorierte ihn zum Glück komplett und fuhr ungerührt fort "Ich muss zugeben, dass deine Lösung des Problems eher unkonventionell war, aber zumindest kreativ. Mir gefällt zwar nicht, dass jetzt eine Weide unter ihm zu leiden hat, aber sei´s drum, es war wohl kaum zu verhindern. Wenigstens hast du dafür gesorgt, dass er sie nicht schält sondern sein altes Nest mitbringt. Das dürfte ihr Leid etwas erträglicher machen. Alles in allem muss ich gestehen, dass ich zufrieden bin mit der Lösung und dir somit, wenn meine Brüder einverstanden sind, das Geschenk des Waldes übergebe. Eine Ehre, die schon lange niemanden mehr zu Teil wurde. Wir ziehen uns nun kurz zur Beratung zurück,

bitte hab noch ein Moment Geduld." Mittlerweile war es später Nachmittag geworden im Tal der Winde. Nebenbei gesagt habe ich selten einen Ort erlebt, der windstiller war. Warum das Tal dennoch diesen Namen trug, war mir deshalb ein Rätsel. Die Sonne begann sich derweil langsam aber unaufhaltsam von der Lichtung zurück zu ziehen, immer länger werdende Schatten folgten ihr dabei auf den orangeroten Fuß. Von den 'Beratungen' konnte ich leider nichts mit bekommen, sie fanden in einer Sprache statt, welche ich sicherlich nie verstehen werde, bestand sie doch hauptsächlich aus Blätterrauschen und Holzknarren. Derweil saß der Bergling weiter auf dem Stein und versuchte uns so wenig wie möglich Beachtung zu schenken, was ihm recht ordentlich gelang. Man konnte eine deutliche Spannung zwischen ihm und dem Kleinen Harzer spüren, die sicherlich nicht erst seit

heute bestand. Nach kurzer Zeit sprach er dann, so unvermittelt, dass ich zusammen zuckte "So, Brüder haben eine Entscheidung gefällt. Prüfling, erheb dich!" Ihm war an zu sehen, dass er es kaum noch erwarten konnte, wieder in seinem Bett zu liegen, wo immer das auch stehen mochte. Daher versuchte er die Sache so schnell es ging hinter sich zu bringen. "Hada, ich bin wieder bereit" sprach er dann, und verwandelte sich sogleich erneut in die Marionette des alten Schwarzblut-Baumes. "Suchender. Dir wird nun eine Ehre zu Teil, die nur wenigen Sterblichen jemals vergönnt war. Ich werde dir jetzt das Geschenk des Waldes

verleihen, in der Hoffnung, und der festen Überzeugung, dass du es zum Guten benutzen wirst. Bitte tritt ein wenig zurück." Ich tat wie mir geheißen, auch wenn mir nicht ganz klar war, wozu das dienen sollte. Dann begann die Erde tief unter mir zu beben. Es klang, als ob sich etwas an die Oberfläche kämpfte, wurde immer lauter und stärker, bis direkt vor mir der Boden auf brach und eine schwarze Wurzel hervor trat. Nur gut das ich einen Schritt zurück getreten war. Die Wurzel hatte gerade mal den Umfang eines kleinen Astes, zeigte sich aber wendig wie eine Schlange. Darauf folgte eine Weitere, dann die Dritte. Im Boden war nun ein ansehnliches Loch entstanden, an dessen Rändern die Erde in groben Klumpen hinab viel. Der Staub legte sich nur langsam, dann aber konnte ich erkennen, dass die letzte Wurzel etwas mitgebracht hatte aus dem Erdreich. Ein

mittelgroßer, blauer Edelstein klemmte zwischen ihren Verzweigungen, die sich wie Finger um ihn rankten und ihn somit fest umklammert hielten. Dann wurde es still. Nichts bewegte sich mehr. Alles umher schien in Ehrfurcht erstarrt zu sein beim Anblick dieses kleinen Artefaktes. Nach einigen Augenblicken begann Hada mit ruhiger Stimme wieder zu sprechen. "Unsere Wurzeln reichen sehr tief" begann er an mich gerichtet "Sie durchwühlen den Boden noch weit unterhalb der Schichten, die menschliche Bergarbeiter jemals betreten haben. Dabei stoßen wir auf so manch wundersame Schätze, verloren gegangen oder absichtlich vergraben, von Lebewesen deren Namen heute niemand mehr kennt.“ Langsam drehte er die Wurzel, wie ein geschickter Markt-Händler, damit ich das

wertvolle Stück in aller Ruhe betrachten konnte. „Dieser Stein ist einer von acht. Ich fand ihn in einem verzweigten Höhlen-System, am Ende eines Korridors, welcher komplett mit einem blank polierten Metall ausgekleidet war. Die sieben Anderen seiner Art sind noch immer dort, leider aber für mich nun unerreichbar. Als ich den Blauen aus dem Sockel nahm, setzte sich eine Art Mechanismus in Gang, der die schweren Türen des Korridors zu schließen begann. Gerade noch rechtzeitig schaffte ich es, die Wurzel hinaus zu ziehen, bevor sie zerquetscht werden konnte. Alle meine Versuche die Tür wieder auf zu brechen, und mich auch der anderen Steine zu bemächtigen, blieben seither erfolglos. So ist dieser blaue Stein nun der Einzige seiner Art, der das Licht der Sonne erblicken wird. Er soll dein Lohn sein für die bestandene

Prüfung." Sogleich schlang sich eine der anderen Wurzeln um die, die den Stein umklammert hielt. Erst zaghaft, dann immer fester, bis ein knacken des Geräusch zu hören war. Im selben Moment konnte man aus des Baumes Nähe ein leises Stöhnen vernehmen. Der Teil der Wurzel mit dem eingeschlossenen Stein löste sich und viel vor mit auf den Boden. "Ich habe diesen Schatz lange gehütet, zu lange, wie mir scheint. Du kannst dir sicher vorstellen, dass es mir nicht leicht fällt, mich jetzt davon zu trennen. Aber ich glaube, und hoffe, in deinen Händen wird er Gutes bewirken. Außerdem..." Er zögerte einen Moment, schien angestrengt zu überlegen ob es Weise wäre, das aus zu sprechen, was ihm gerade auf der hölzernen

Zunge lag. "Außerdem muss ich mich bei dir entschuldigen. Eigentlich war deine Prüfung schon beendet, als der Bergling dich fragte, ob du gekommen bist, um die Schönheit der alten Bäume zu betrachten oder die Prüfung ab zu legen. Die richtige Antwort auf diese Frage ist ´beides´ und sie genügt schon, um das Geschenk des Waldes zu erhalten. Nach über sechzig Jahren bist du der erste Suchende, der sie gegeben hat. Es ist so einfach, sollte man glauben, dennoch bekommen wir sie nur sehr selten zu hören. Nun sah der Bergling sehr traurig aus, fast schon deprimiert. Ich dagegen war gerade dabei, empört die Gesichtsfarbe zu wechseln. „Wir graben unaufhörlich in der Erde“ fuhr er fort „und finden dabei viele sonderbare Schätze.

Allerdings können wir damit naturgemäß wenig anfangen, und so kamen wir auf die Idee, sie zu verschenken. Natürlich nicht an jeden daher gelaufenen Wanderer, nein, nur an die, die sie würdig zeigen. Wir wollten diejenigen zu belohnen, die zu uns kommen und den langen Weg nicht nur des Schatzes wegen auf sich nehmen. Schließlich gibt es hier die fünf letzten Schwarzblut-Bäume der Vergessenen Lande zu bestaunen. Wir waren sehr enttäuscht, als wir merkten, wie Wenige überhaupt an uns interessant sind, wie wenig man uns Beachtung schenkt." "Moment" warf ich entrüstet ein "Dann habe ich den Kleinen Harzer ganz umsonst zum Umsiedeln überredet?" "Nein, selbstverständlich nicht. Du hast meinem Bruder damit einen großen Dienst erwiesen, und uns in der Gewissheit bestärkt,

dass der Stein bei dir gut aufgehoben ist" "Was für eine Frechheit!" quäckte es nun auf dem flachen Stein neben mir, wo ich den Wagen des Harzers samt Besitzer abgestellt hatte. "Eine unerhörte Frechheit! Ihr habt den Menschen benutzt, um mich los zu werden! Und jetzt stellt sagt ihr, dass er es überhaupt nicht tun musste? Das ist doch..." "Ruhig, ganz ruhig" ermahnte ich ihn wieder beiläufig "ich finde das auch unverschämt, glauben Sie mir. Aber wie gesagt, denken Sie an die Weiden, Hoheit, es hatte also auch etwas Gutes" Das verfehlte seine Wirkung nicht, zumindest beschränkte er sich ab jetzt darauf, eingeschnappt und schmollend auf seinen verschnürten Habseligkeiten zu sitzen. Der Baum ignorierte ihn weiterhin und fuhr fort

"Außerdem muss jeder Suchende eine Aufgabe erfüllen, auch wenn er vorher eigentlich schon versagt hat, weil er die falsche Antwort gab. Oder tatsächlich richtig lag. Versteh doch, wenn sich herum spräche, dass nicht die Aufgabe die Prüfung ist sondern eine einfache Frage, auf die man in bestimmter Art antworten muss - das wäre ein Desaster! Ich entschied mich, dir dieses gut gehütete Geheimnis zu offenbaren, auch wenn meine Brüder dagegen waren. Weil ich dein Ziel kenne. Weil ich weiß, nach was du suchst und wozu du unser Geschenk brauchst." Ich war überrascht, verlor ich doch bisher kein Wort über meine weitere Reise und hatte es auch nicht vor. Aber Hara ließ mir keine Zeit zu fragen.

"Deine Gedanken liegen die ganze Zeit offen, weil du keine Anstalten machst, sie vor mir zu verbergen. Du hast so oft und intensiv darüber nachgedacht, welches die nächsten Schritte sein würden, das es fast unmöglich war, das zu ignorieren. Nun aber nimm deine Belohnung bitte, du hast sie verdient." Ich bückte mich, nicht ohne dem Bergling und Hara ein paar misstrauische Blicke zu zu werfen, nahm den kleinen Stab mit zwei Fingern auf und betrachtete ihn ausgiebig. Er war angenehm warm, und wenn man dem Stein näher kam, begann sich ein seltsames Kribbeln in der Hand aus zu breiten. "Du solltest ihn übrigens nicht berühren" sagte der Baum fast beiläufig "ich befürchte, bei einem Menschen könnte er... unvorhersehbar

reagieren" ich hielt es für besser seinen Rat zu folgen. "Wie funktioniert er" wollte ich wissen "was für Kräfte besitze er?" "Darüber kann ich dir keine Auskunft geben. Um das heraus zu finden, musst du wohl ein wenig damit experimentieren. Aber bitte nicht hier im Wald, er scheint mir zu unberechenbar zu sein" "Ich danke dir für das Geschenk, euch allen, auch wenn ihr uns getäuscht habt. Dennoch wird es mir auf der Reise sicher nützlich sein." sagte ich. Da sich der Nachmittag jetzt unaufhaltsam in den Abend verwandelte, hielt ich es für besser, auf zu brechen. "Erlaubt uns nun, dass wir uns verabschieden, wir haben noch einen weiten Weg..."

"Oh, das würde ich euch nicht raten" unterbrach mich der Baum "Ihr werdet es vor Anbruch der Dämmerung unmöglich aus dem Wald hinaus schaffen, wenn euch nicht spontan Flügel wachsen. Das Tal der Winde ist zwar am Tag gefahrlos zu durchqueren, nachdem die Sonne über unseren Kronen verschwunden ist, verwandelt es sich allerdings in eine tödliche Falle. Ihr könnt aber den neuen Tag auf dieser Lichtung abwarten, wir werden dafür sorgen, dass euch kein Leid geschieht." Der kleine Harzer schien zumindest dieses Mal mit dem Baum einer Meinung zu sein. "Er hat leider Recht! Nachts schleichen zwischen den knorrigen alten Stämmen Wesen herum, wandelnde Schatten, unheimlich und auf der Suche nach... Ich weiß es nicht, irgendwas, aber Ihnen möchte ich nicht begegnen, und du

sicher auch nicht." Damals wusste ich nicht, dass diese Wesen in anderen Teilen der Lande „Schwarze Schleicher“ genannt werden, und das ich ihnen auf meiner weiteren Reise noch des Öfteren ungewollt über den Weg lief. "Gut, dann würde ich sagen, wir nehmen das Angebot an und bedanken uns für die Gastfreundschaft" sagte ich "Zuvor möchte ich dich aber bitten, Hara, den Bergling für heute aus deinem Dienst zu entlassen. Er sieht müde aus, wenn er gerade nicht mit deiner Stimme spricht. Wir wollen seine Geduld nicht noch länger strapazieren." "So sei es, sicherlich hast du Recht. Dann verabschiede ich mich, hier und jetzt. Wenn morgen die ersten Sonnenstrahlen auf die Lichtung fallen, solltet ihr gefahrlos eure Reise

fortsetzen können. Bis dahin stelle ich euch ein paar Wächter zur Seite, nur zur Sicherheit. Diese Wesen fürchten und meiden uns zwar, aber es geschieht dennoch nur selten, dass sich Menschen hier länger aufhalten. Man weiß nie, wie mutig sie werden beim Anblick einer so nahen Beute. Ich wünsche gut zu ruhen, auch im Namen meiner Brüder. Es war angenehm deine Bekanntschaft zu machen." Dann schüttelte sich der Bergling, sank in sich zusammen und sah mit einmal unglaublich müde und schlaff aus. Es war sicher anstrengend, immer wieder einen Baum in seinem Kopf zu haben. Mit einem "Nacht" schlurfte er davon, ohne sich noch einmal um zu drehen. "Du kannst den Wagen hier auf dem Stein stehen lassen" sagte der Kleine Harzer neben mir "werde mir mein Nachtlager hier aufbauen.

Ich denke für dich sollte das Moos dort recht bequem sein" Er zeige auf eine Stelle neben dem Stein, die mit niedrigen Flechten und Moosen bewachsen war und tatsächlich verhältnismäßig einladend erschien um dort ein improvisiertes Bett auf zu schlagen. Als ich damit fertig war und mich zur Ruhe legte, raschelte es plötzlich zwischen den Bäumen um mich herum. Mehrere Augenpaare erschienen, manche leuchtend gelb, andere eher grün, alle aber unheimlich und beängstigend. Der Kleine Harzer war schon eingeschlafen, ein kaum wahrnehmbares Piepsen konnte man aus dem Wagen vernehmen, er schnarchte also friedlich. Ich wollte auf springen, hielt aber im letzten Moment inne. Aus der Dunkelheit kamen unheimliche Augen auf mich zu, wurden im Licht der fast erloschenen Dämmerung mit beschnauzten Köpfen versehen, dann mit langsam schreitenden Beinen, einem

fellübersähten Körper und zu guter Letzt dem Schweif, buschig und hellgrau, wie der Rest der eleganten Tiere. Es waren die Wölfe, einer größer und imposanter als der Andere. Sie hielten auf die Stelle zu, an der wir unser Nachtlager auf geschlagen hatten. Allerdings zeigten sie keinerlei Aggressionen, ihre Blicke waren freundlich aber wachsam. Wie angewurzelt lag ich auf meinem Rucksack, der mir als Kissen diente, sah wie sie auf mich zu kamen und erst Halt machten, als sie nur noch drei oder vier Fuß von uns entfernt waren. Der Größte von Ihnen sah mich mit seinen grünen Augen lange und eindringlich an. Dann senkte er fast unmerklich den Kopf ein wenig, als ob er mir damit Respekt zollen wollte und legte sich direkt neben mich der Länge nach hin. Die anderen Wölfe taten ihm gleich, bildeten so einen Kreis um uns, einen graufelligen Schutzwall vor der Dunkelheit. Dann begannen

sie zu knurren, im Einklang, wie aus einer Kehle. Es war kein bedrohliches Geräusch, eher beruhigend, ähnlich dem Schnurren von Katzen. Es wirkte sofort, denn nur wenige Augenblicke später war ich bereits in einen sanften, traumlosen Schlaf gesunken.

Frunde der Wölfe

Als ich am Morgen darauf erwachte, war die Sonne schon über die Bäume hinaus geklettert und flutete die ersten Teile der Wiese mit warmen Licht. Auch wenn es nun wieder komplett windstill war, schien in der Nacht ein kräftiger Sturm durch den Wald gefegt zu sein. Einige Blätter und kleine Zweige lagen dicht bei meinem Lager und teilweise auch auf mir, doch muss ich wohl tief im Schlaf versunken gewesen sein, denn von all dem hatte ich nichts mit bekommen. Die Wölfe waren verschwunden, bis auf den einen, größeren, vermutlich der Rudelführer der Sippe. Er stand beim Wagen des Kleinen Harzers, den Kopf geneigt, mit gespitzten Ohren. Auf dem Felsen, dicht bei ihm, stand seine winzige Hoheit, sprach mit dem Tier in einer mir unbekannten Sprache und gestikulierte wild mit den Händen. Der Wolf

lauschte nur, knurrte hin und wieder leise und arbeitete ansonsten mit rührender Gesichtsgestik, um zu antworten. Eigentlich wollte ich die Verabschiedungszeremonie nicht unterbrechen, aber der Harzer hatte schon bemerkt, dass ich erwacht war, hielt im Gespräch inne und fragte, an mich gerichtet "Bist du bereit zum Abreisen? Der Weg ist noch weit, würde gern so schnell es geht in mein neues Zuhause ein ziehen." "Auch Ihnen einen schönen guten Morgen" erwiderte ich noch etwas verschlafen und missmutig. Morgens hat meine Laune normalerweise noch viel Potential um sich im Laufe des Tages zu bessern.

"Ich packe kurz noch meine Sachen zusammen, dann können wir auf brechen" Während ich das tat, konnte ich beobachten, wie der Harzer sich vom großen, grauen Wolf verabschiedete. Zuerst sprach er noch ein paar ruhige Worte, dann verstummte er, trat an den Kopf des Tieres heran, welcher im Vergleich zu ihm haushoch sein musste und sah ihm in die riesigen Augen. Der Wolf hielt den Blick kurz stand, neigte dann das Haupt, was wieder einer kleinen Verbeugung glich, und schloss die Augen. Der Harzer tat es ihm gleich, hob dann seinen winzigen Arm und legte seine noch winzigere Hand auf das graue Fell oberhalb der Nase des Tieres. Ein kurzes, dunkles Brummen war zu vernehmen, dann folgte ein ruhiger Moment, in dem beide erstarrt zu sein schienen. Nur wenige Augenblicke später war

alles vorbei, beide öffneten die Augen wieder, sahen sich ein letztes Mal an, dann trennten sich ihre Wege. Der Harzer ging zum Wagen und verschnürte gedankenverloren noch ein paar Habseligkeiten. Unterdessen trottete der Wolf in den Wald davon, ohne sich noch einmal um zu drehen. Eine anrührende Szene, die sich in mein Gedächtnis bis heute glasklar ein gebrannt hat. Wenig später waren wir bereit zur Abreise. Den Wagen des Harzers hatte ich mit einem Strick gut am Gepäck befestigt, was dem kleinen Wesen sichtlich gefiel. Als wir die Lichtung verließen und wieder in die Schatten des Waldes ein tauchten, warf ich einen letzten Blick zurück. Ein leichter Wind kam auf, eher eine kurze Böe, ließ die Kronen der ehrwürdigen alten Bäume hin und her schwingen und flaute dann wieder genauso schnell ab. Es war, als würden sie uns zum

Abschied zu winken, und ich musste mir eingestehen, das es auch mir schwer viel, diesen Ort zu verlassen. Hier war definitiv Magie am Werk. Die Schwarzblut-Bäume, die vermutlich letzten fünf ihrer Art in dieser Welt, machten den Wald immer noch zu einem mystischen Ort, weitab der Realität. Bald darauf ließen wir die Bäume und das Tal der Winde hinter uns und traten den Aufstieg zum kahlen Hügel an, als die Mittagssonne am höchsten Stand. Hier oben im Hochland des Dreispitz-Gebirges war das Klima um diese Zeit erstaunlich ausgeglichen. Es wurde nachts nicht zu kalt, so dass man nicht gleich erfror wenn man es wagte im Freien zu schlafen. Tagsüber stieg die Temperatur um die Mittagszeit nur auf ein erträgliches Maß an, auch wenn man der Sonne hier ein paar hundert Meter näher war. So legten wir schnell eine gute Strecke zurück, übernachteten im Schutz

einer alten Schürfer-Hütte am Silberfluss und folgten diesem auch am nächsten Tag, bis wir an den Weiden an kamen, die der Kleine Harzer so herbei gesehnt hatte. Schon von Weiten konnte er ihren Duft riechen. Noch bevor ich den kleinen Hain am Wasser überhaupt sah, rief er aufgeregt "dort hinten, gleich, gleich müssen wir da sein!" und sprang vor Freude auf meiner Schulter herum. Die Weiden standen noch genau so majestätisch am Fluss herum wie vor knapp vier Tagen, als ich auf meiner Hinreise ihren Weg gekreuzt hatte. Erhaben streckten sie ihre Zweige über das Ufer hinaus, beugten sich dabei immer wieder sanft im Wind als dieser durch die Senke wehte und aalten sich ansonsten sehr zufrieden in der Nachmittagssonne. Scheinbar waren sie sich der 'Plage' noch nicht bewusst

die ich mit mir führte, aber spätestens morgen früh, wenn der Harzer begann seinem Handwerk nach zu gehen, würde Ihnen klar werden, das sie nun einen neuen Untermieter beherbergten, der es hauptsächlich auf ihr Blut angesehen hatte. "Setz mich ab, setz mich ab!" rief er aufgeregt "dort auf den Baumstumpf! Ein idealer Ort um mein Werk zu beginnen!" Ich tat wie mir geheißen und setzte den Wagen samt Schwarzblut-Harz, Behausung, Harzer-Werkzeug und Harzer auf einem Weiden-Stumpf ab, der direkt am Hain stand. "Nun trennen sich unsere Wege, Hoheit. Es war letztendlich erstaunlich angenehm, mit Ihnen zu Reisen. Aber gestatten sie mir zum Abschied noch eine

Frage?" "Nenn mich bitte nicht Hoheit. Du hast dein Versprechen gehalten, wofür dir Dankbarkeit gebührt, und die Ehre mich mit meinem Namen ansprechen zu dürfen. Haktar von den Hirschen, oberster Hüter der zweiten Kammer, erster Gesandter des Königs Leobarz, Träger Kalteisens, und Beauftragter Kundschafter seiner Majestät." Ich zögerte einen Moment, versuchte mir seinen Namen in der gleichen Vielfalt ins Gedächtnis zurück zu rufen "Für dich aber Haktar, das reicht.“ Ich war erleichtert. „Alle anderen Titel haben nur bei uns eine Bedeutung. Und natürlich sei dir eine letzte Frage gewehrt, bevor sich unsere Wege trennen."

"Danke, Haktar. Ich würde gern wissen, was es mit dem Wolf auf sich hat" Der Kleine Harzer schien einen Moment nach zu denken, antwortete dann mit ungewöhnlich ruhiger und etwas belegter Stimme. "Er ist mein Freund, dieser Wolf. Einer der wenigen die ich behaupten kann zu haben. Lange Geschichte, die du sicher nicht hören möchtest. Und die ich dir jetzt auch nicht erzählen werde. Nur so viel, er hat mir einmal das Leben gerettet. Seitdem... nun, ich hatte ihn gefragt ob er mich begleiten will, also uns, hier her. Aber er musste schweren Herzens verneinen, sein Rudel braucht ihn und diese verdammten alten Bäume wohl auch." "Das tut mir leid, davon wusste ich nichts. Aber

vielleicht begegnet ihr euch irgendwann einmal wieder, schließlich ist es nur ein Tagesmarsch, zumindest für einen Wolf, von der Lichtung bis hier her." "Vielleicht Suche ich aber auch, wenn ich hier fertig bin, die Schwarzblut-Bäume wieder auf, und zapfe noch ein wenig an ihnen herum. Dafür dass sie uns hinters Licht geführt haben hätten sie es eigentlich verdient." Ein höhnisches Lächeln huschte über seine Lippen, keck, verschmitzt und irgendwie sympathisch. Er blickte kurz zu Boden, oder besser gesagt, zu Baumstamm, legte den Faden/Tau beiseite, welches er gerade entwirren wollte um seine Habseligkeiten zu befreien und sah zu mir auf. "Ich wünsche dir viel Erfolg bei dem was du vor hast, auch wenn ich nur erahnen kann was das sein mag. Vermutlich wird es gefährlich,

wenn du das da brauchst." Er zeige auf den Rucksack, in dem ich den StoAx, das Geschenk des Waldes verstaut hatte. "Wird es, ganz sicher sogar. Aber ich habe es begonnen und werde es auch beenden. Dir wünsche ich eine reiche Ernte in deinem neuen Zuhause. Die Chance, dass wir uns jemals wieder begegnen ist zwar sehr gering, wenn aber doch, durch welche verrückten Zufälle auch immer, werden wir es als Freunde tun. Gehabe dich wohl, Hoheit." Nun war es an mir verschmitzt zu grinsen, worin aber auch ein wenig Wehmut mit schwang. Dieser Kleine Harzer war sicher anstrengend und schrullig, aber mir dennoch irgendwie ans Herz gewachsen. Mit einer ehrlich gemeinten Verbeugung verabschiedete ich mich von ihm, begab mich wieder auf den

alten Weg, zurück nach Miosma und genoss die einzigartige Natur dieser Gegend in vollen Zügen. Etwa dreieinhalb Tage später erreichte ich die Stadt ohne größere Zwischenfälle, dafür aber mit einem Geschenk, welches mir in Zukunft noch unerlässliche Dienste leisten sollte.

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Über den Autor

JonBarnis
Über mich gibt es erstaunlich wenig zu sagen. Ich schreibe. Hin und wieder. Zeitweise auch mal öfter und intensiver. Ich denke zu oft, urteile zu schnell und merke mir definitiv zu wenig ... zumindest zu wenig von den unwichtigen Sachen die die Welt bewegen und sie dennoch nicht verändern. Ich verabscheue Oberflächlichkeiten und Smal-Talk, rede gern, wenn ich wirklich was bei zu tragen habe, und schweige ansonsten lieber. Ah, und ohne die rudimentäre Rechtschreibkorrektur von Open-Office wäre ich schon komplett aufgeschmissen. Was sagt das alles über mich aus? Falls jemand die Antwort weiß, bin ich für jede Nachricht diesbezüglich offen :)

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