Kurzgeschichte
Und plötzlich waren überall Regenbogen

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"Und plötzlich waren überall Regenbogen"
Veröffentlicht am 28. Juni 2015, 8 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Alles Infos unter artemzolotarov.com Ich schreibe seit 2010 Gedichte, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Songs. Ich habe bis jetzt drei Gedichtbände und zwei Poetry Slam Textsammlungen mit Hörbuchfassungen veröffentlicht. Eine Übersicht gibts auf meiner Homepage. Auf meiner Facebookseite gibt es täglich aktuelle Infos, Gedichte, Geschichten, Videos, Musik und und und. Ich würde mich sehr über euren like ...
Und plötzlich waren überall Regenbogen

Und plötzlich waren überall Regenbogen

Und plötzlich waren überall Regenbogen Und plötzlich waren überall Regenbogen. Alles war so bunt und tolerant. Plötzlich waren alle dafür und solidarisch und eigentlich wollte es doch jeder schon lange gesagt haben, aber traute sich nicht oder hatte sonst etwas anderes zu tun. Aber jetzt ging es ganz schnell. Tag für Tag waren immer mehr Profilbilder mit einem bunten Streifenschleier überzogen und in den Medien geriet das Thema in den Vordergrund. Was in den USA beschlossene Sache ist, das ist in Deutschland bald auch Gesetz. Irgendwie müssen wir ja … Und er wusste nicht so recht, was diese Veränderung nun bedeuten sollte. In der

Schule sprachen alle darüber. Zwar waren nicht alle dafür, aber die, die dafür waren, sagten es lauter und zeigten ihre Meinung offener. Immer öfter sah er jetzt gleichgeschlechtliche Pärchen zusammen. Fast kam es ihm so vor, als gäbe es mehr von ihnen, als von den heterosexuellen. Aber vielleicht fielen sie einfach mehr auf. Irgendwie wusste er einfach nicht, was das alles bedeuten sollte. War es denn jetzt wirklich allgemein akzeptiert, offen zu sagen, dass man schwul ist? Sein Vater schimpfte am Esstisch. Es werde immer schlimmer. Die Welt versinke in Krieg und Amoralität. Jetzt auch noch diese Schwuchteln, die sich vermählen durften. Wo sollte das nur enden? Und seine Mutter aß

ganz still und schaute nicht auf. Und kaute sehr lange an einem Bissen, der ihr scheinbar nicht schmecken wollte. Und er saß zwischen seinen Eltern und verstand irgendwie nicht, was das alles bedeuten sollte. Herr Pfalzgraf sprach das Thema im Ethikunterricht an. Was meint ihr dazu? Ein paar sagten ihre Meinung. Viele waren dafür. Als Murat sagte, dass er das ekelhaft findet, wenn sich zwei Männer … Sie wissen schon. Er schaffte es nicht, seinen Gedanken zu Ende auszusprechen und kicherte laut. Herr Pfalzgraf sagte, dass er das sehr gut verstehen könnte. Wir sollten es aussprechen. Diese Praktik in wider die Natur. Aber wir leben in einer offenen und

toleranten Gesellschaft. Da muss man bei so manchem beide Augen zudrücken. Nachmittags beim Fußball war alles wie sonst auch. Keiner sprach über das Thema. Der Trainer ließ am Ende genau so viele Runden rennen wie letzte Woche. Auf dem Heimweg mit Paul sprach er das Thema an. Mir ist es egal, sagte Paul. Ich bin nicht schwul und hab auch nichts gegen Schwule und Lesben. Wenn sie heiraten wollen, sollen sie doch. Aber ich glaube nicht, dass ich mit einem Schwulen befreundet sein könnte. Irgendwie fände ich das komisch. Er hörte zu und wusste nicht, was er davon halten sollte. Abends lag er dann im Bett und dachte nach. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, die

Wahrheit zu sagen? Vielleicht würden sie es akzeptieren? Schließlich war es heute doch keine große Sache mehr. Er würde es morgen allen sagen. Und er schlief ein. Und er hatte ein gutes Gefühl. Am Frühstückstisch sah sein Vater besonders mürrisch aus. Scheinbar lief bei ihm im Büro etwas schief. Also entschloss er sich, seinen Eltern erst mal nichts zu sagen. In der Schule wurde das Thema nicht mehr angesprochen und ihn fragte keiner. Also schwieg er auch da. Beim Fußball war auch alles wie immer. Auf dem Heimweg erzählte Paul von diesem einen Mädchen, in das er verliebt war. Er nickte nur und hörte zu. Es wäre unpassend, jetzt darüber zu

sprechen. Abends saß er wieder bei facebook und scrollte durch all die Regenbogen-Bilder. Sollte er wenigstens sein Bild bunt machen? Aber was würden die anderen davon denken? Es wäre zu auffällig. Er traute sich erst mal nicht. Am nächsten Tag in der Schule war Jonas das große Thema. Er hatte sich geoutet. Lief einfach so Hand in Hand mit Martin über den Schulhof. Es war das Thema Nummer eins. Der doch nicht … ich dachte nie, dass er … mein Gott, und ich hab die ganze Zeit mit ihm geduscht nach dem Fußball, rief Paul in seiner Clique und verzog demonstrativ das Gesicht. Gut dass du so ein Gesichtselfmeter bist, scherzte Murat, der hätte dich eh nie

angefasst. Alle lachten. Er lachte mit. Abends saß er wieder bei facebook. Alle waren so stolz auf diese Revolution. Aber war es wirklich eine? Oder nur ein Trend wie die Icebucketchallange oder Jesuischarlie? Wer war heute noch Charlie? Vor dem schlafen likte er noch das Regenbogen-Bild eines Unbekannten.

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Hörbuch

Über den Autor

koollook
Alles Infos unter artemzolotarov.com

Ich schreibe seit 2010 Gedichte, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Songs.
Ich habe bis jetzt drei Gedichtbände und zwei Poetry Slam Textsammlungen mit Hörbuchfassungen veröffentlicht. Eine Übersicht gibts auf meiner Homepage.

Auf meiner Facebookseite gibt es täglich aktuelle Infos, Gedichte, Geschichten, Videos, Musik und und und. Ich würde mich sehr über euren like freuen:

https://www.facebook.com/artem.poetry

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Ich vertone meine Gedichte und Geschichten auch seit ein paar Monaten.
Auf soundcloud könnt ihr meinen letzten Band komplett vorgelesen hören (alle Gedichte sind auch downloadbar):

https://soundcloud.com/koollook_poesie

Seit Januar 2013 führe ich ein Projekt das "Ich schreibe über DICH!" heißt. Dabei kann mir jeder ein Bild von sich schicken und ich schreibe ein Gedicht dazu. Mit dem Projekt versuche ich Lyrik näher an den Leser zu bringen, um zu zeigen, dass sie nicht immer unverständlich und kompliziert sein muss ohne dabei in den Kitsch von Teetassenpoesie zu verfallen.
Wer mitmachen möchte, kann mir seine Bild an koollook_poesie@gmx.de schicken.
Hier könnt ihr die bisherigen 167 Bilder und Gedichte sehen:

http://ichschreibueberdich.tumblr.com/

Seit 2014 nehme ich auch an Poetry Slams teil. 2015 wurde ich Rheinland-Pfalz Meister in dieser Disziplin.
Videos von Auftritten gibt es bei youtube.

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cooki Dein Text berührt mich sehr, er stimmt mich traurig. Es sind harte Zeiten, wenn man sich nicht traut, das sein zu dürfen was sie meinen was sie wollen. Ist es aber dann nicht so wie im Text, dass sie nur den Trennt nach gehen. Hier gibt es geteilte Meinungen.
Vor langer Zeit - Antworten
Arleescha Ich finde es gut, das du ein Thema ansprichst, das viele ignorien oder ganz übersehen. Es ist auch sehr gut geschrieben und verpackt. Ein gut gelungener Denkanstoß, vielen Dank.
LG
ACS
Vor langer Zeit - Antworten
AnniSorglos Ich denke, dass es in diesen Tagen vielen so gehen wird...
Gut beschrieben!
Vor langer Zeit - Antworten
Zebra Schöne Geschichte, da ist viel wahres dran.
Als natürlich geltende Eigenschaften werden heute so sehr gefeiert.
Vor langer Zeit - Antworten
NORIS Ein tolles Buch!
Wenn es um DEN Regenbogen geht, verstehe ich den ganzen Hipe um das Thema Schwule und Lesben sowieso nicht ... was es auch im Tierreich gibt, wie wir heute wissen, warum soll das bei den Menschen - wir sind auch nur Tiere - nicht geben dürfen? Vielleicht weil man in manchen Religionen glaubt, dass das unmenschlich sei?
LG Heidemarie
Vor langer Zeit - Antworten
Tintenklecks hmm, ich habe mich noch nie gefragt, ob und wie das ein Thema ist. Ich habe schon immer Bekannte und Freunde aller Ausrichtungen gehabt. Wundervolle Menschen. Es ist mir so kreuzegal, weil es ist ja ihre ureigenste Privat-Sache. Wen außer die beiden die sich in die Augen schauen und sagen "JA!", ginge es etwas an. Kopfschüttel.
Und so, wie mich Markenartikel und Mode nicht interessiert, finde ich solche Modetrends mit dem Regenbogen absolut dumme Vermassung. Sie ändern nichts an er Sache und werden auch niemandem Erleuchtung bringen oder eine neue Ideologie. Besonders erschreckend ist für mich diese "Amerika-Euphorie". Ein Land, das die Todesstrafe vollzieht auf grausame Art, in dem noch die Rassentrennung in vielen Köpfen ist, das letztlich die militante Grenzziehung mit ihrem Zaun durchzieht hat mir nirgendwo einen Impuls noch Vorbildwirkung gegeben. Ja, insofern...
lieben Gruß vom Tintenklecks


Vor langer Zeit - Antworten
rosedelapoesie Oh Mann, jetzt meint jeder, er ist ja so tolerant, und wenn sich dann welche outen, ist es ein Problem. Manchmal verstehe ich die heutige Gesellschaft nicht. :(
LG,
Rose
Vor langer Zeit - Antworten
schnief Ja so ist es, fast alle sagen es ist ihnen egal, welchem Geschlecht die Leute zugeneigt sind , aber wehe, wenn einer sich outet.

Dazu benötigt man kein Regenbogenbild, wenn man tolerant ist. Nur weil wieder etwas über den Teich schwappt, müssen wir jetzt wieder mitmachen? Schließlich dürfen in unserem Land sie bereits heiraten und nach ihrem Lebensstil leben.
Aber es ist trotz allem so, wie du es in deiner kurzen Geschichte dargestellt hast, wird im ersten Moment reagiert.
LG Manuela
Vor langer Zeit - Antworten
FLEURdelaCOEUR 
Und ich dachte, jetzt wirst du uns die Sieger von FB41 offerieren ... Dein Jury-Team-Chef hatte da schon was angekündigt, so war ich davon ausgegangen, dass ihr euch die Aufgaben geteilt habt, wie es ja üblich ist.
Dennoch, ein interessantes Buch, gut gemacht! Doch mein Thema ist es nicht, hab nix mit Fb & Co am Hut, meine Privatsphäre ist mir wichtiger.
LG fleur
Vor langer Zeit - Antworten
koollook Leider wurde ich nicht in die Arbeit der Jury eingebunden. Aber bei nächsten Mal versuche ich es wieder.
Vor langer Zeit - Antworten
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