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Matchday - Kapitel 2 - »Lesbische Literatur«

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"Matchday - Kapitel 2 - »Lesbische Literatur«"
Veröffentlicht am 12. Mai 2015, 38 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Matchday - Kapitel 2 - »Lesbische Literatur«

Matchday - Kapitel 2 - »Lesbische Literatur«

Kapitel 2

Ich konnte nicht mit Sicherheit bestimmen, wie viel Zeit vergangen war, nachdem Lena aus der Tür verschwunden war. Es hätten mehrere Minuten sein können, eventuell aber auch Stunden. Mein Kopf fühlte sich ziemlich leer an, als ob jemand den Schalter umgelegt hätte, der fürs Denken zuständig war. Irgendwann kam mir die Erkenntnis, dass ich schlecht für den Rest meines Lebens nackt auf einer Holzbank sitzen konnte, zumal die Halle irgendwann abgeschlossen werden würde, und stand schließlich auf. Ich fuhr mir durchs Gesicht und ging in der Umkleide

langsam auf und ab. Mein Blick fiel zum schmalen Wandspiegel, der in der Regel von einer Schar Mädchen umstellt war, die sich herrichteten. Mich blickte ein braunhaariges Mädchen an, fragend und irgendwie verschüchtert. Einen Augenblick brauchte ich, um zu realisieren, dass ich dieses Mädchen war. Ich trat näher an den Spiegel heran, bis bereits ein kleiner Fleck durch meinen Atem verschlug. Ich konzentrierte mich auf mein Gesicht, insbesondere auf meine braunen Augen. Ich suchte nach etwas, irgendeine Veränderung, wie blöd sich das auch anhören mochte. In diesem Moment schossen mir mehrere Dinge

durch den Kopf. Ich hatte zum ersten Mal ein Mädchen geküsst, zum ersten Mal hatte mich ein Mädchen intim berührt und zum ersten Mal hatte ich Sex gehabt – und es war nicht gerade ein erstes Mal gewesen, das geprägt war von langsamem Herantasten. Die wichtigen Prozesse, die zwischen diesen Punkten lagen, die dazwischen liegen sollten(!), von Händchenhalten bis Liebesgeständnisse, wurden allesamt übersprungen. Bei dem Gedanken wurde mir übel. Sie hat mich verführt, förmlich genötigt!, versuchte ich mir einzureden, wobei ich den Gedanken sofort wieder verwarf. Nein, ich war ein

fairer Mensch. Die Schuld lag nicht bei Lena. Ich hätte einfach etwas sagen können. Ich hatte Sex gehabt, weil ich zugestimmt hatte, indem ich eben nichts gesagt hatte. Allein bei dem Gedanken, welche Gefühle Lena in mir ausgelöst hatte, wurde mir kochend heiß. Ich habe nichts dagegen gesagt, weil es mir so verdammt gut gefiel. War ich ein schlechter Mensch? Sollte Sex nicht das Intimste sein, das man mit einem Menschen teilen konnte? Sollte Sex nicht nur aus der Grundlage der gegenseitigen Liebe und Zuneigung entstehen? Empfand ich etwas für Lena? Empfand sie etwas für mich?

Die Übelkeit gewann die Oberhand und ich schaffte es gerade noch rechtzeitig zur Toilette. Als ich aus der Turnhalle trat, war es bereits stockfinster. Ein Blick auf mein Handy verriet mir, dass es bereits nach 22:00 Uhr war und ich drei Anrufe samt dazugehörigen SMS von meiner Mutter verpasst hatte. Ich schrieb ihr, dass ich bereits auf dem Weg war und ging langsam zur Bushaltestelle, die nicht weit vom Schulgelände entfernt war. Die Nachtluft tat gut, half ein wenig gegen die Kopfschmerzen, die ich bekommen hatte.

Als ich in den Bus einstieg, suchte ich mir einen Platz weit hinten. Normalerweise fuhr ich absolut gerne mit dem Bus. Ich mochte das gleichmäßige Gebrumme, die scharfen Kurven und das darauffolgende Geruckel, das einen ein wenig im Sitz herum rutschen ließ. Heute konnte ich mich nicht daran erfreuen, meine Gedanken waren noch bei Lena, geistig hatte ich die Umkleide nicht wirklich verlassen. Gott sei Dank stand das Wochenende bevor; ich musste über einiges nachdenken.

Zuhause empfing mich meine Mutter, die mir einen langen Vortrag über Erreichbarkeit und mütterlicher Fürsorge hielt, doch so wirklich hörte ich ihr nicht zu. Ich entschuldigte mich nur, nickte und aß das Abendessen, das sie mir übriggelassen hatten. Nachdem ich die schmale Treppe hinaufgegangen war, um in mein Zimmer zu gehen, verharrte ich kurz vor der Tür meiner größeren Schwester. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, ihr alles zu erzählen. Sie war die Einzige, mit der ich reden konnte, auch wenn wir uns in der letzten Zeit nicht allzu gut verstanden.

Morgen vielleicht, heute hatte ich weder die Energie noch den Mut dazu. Nachdem ich meine Zimmertür geschlossen hatte, ging ich ohne Umschweife zu meinem Bett und ließ mich mit dem Gesicht nach vorn drauf fallen. Vielleicht träumte ich das nur, vielleicht würde ich morgen aufwachen und es wäre alles nur ein merkwürdiger Traum gewesen, über den man im Nachhinein lachen konnte. Genau, so wird es sein! Das Vibrieren meines Handys unterbrach meine Gedanken und ich zog es aus

meiner Jeans hervor, drehte meinen Kopf zur Seite und blickte auf das Display, welches mir ungewöhnlich grell vorkam. Eine SMS von Lena ... Gute Nacht Kapitän, werde jetzt schlafen gehen ... und bereits Angekündigtes in die Tat umsetzen! XX Lena Ich spürte die mittlerweile bekannte Hitze auf meinen Wangen, die anscheinend zu einem ständigen

Begleiter geworden war. Was hatte ich mir nur eingebrockt?! Am nächsten Tag wachte ich relativ spät auf. Es war eine kurze Nacht, oft hatte ich mich herum gewälzt, bevor ich in einen unruhigen Schlaf fiel. Selbst in meinen Träumen war ich vor Lena nicht sicher. Ich schnappte mir mein Handy, um mir die gestrige SMS anzuschauen, damit ich die Bestätigung hatte, dass es nicht alles nur Einbildung gewesen war. Mittlerweile hatte ich eine neue SMS bekommen. Guten

Morgen, habe so schön geschlafen, wie lange nicht mehr! Nicht vergessen, ich kann ziemlich nachtragend sein... XX Lena Ich war zu müde, um zu überlegen, ob und wenn ja, was ich zurückschreiben sollte, und legte mein Handy wieder auf die Nachtkommode und zwang mich aufzustehen, was gar nicht so leicht war. Während ich die Treppe hinunter tapste,

stieg mir schon ein angenehmer Kaffeeduft in die Nase. Ich trank keinen Alkohol, rauchte nicht, nur mein überdurchschnittlicher Kaffeekonsum war ein Laster, mit dem ich leben konnte. Als ich in die Küche eintrat, waren bereits alle Familienmitglieder anwesend, samt unserer Katze Minka, die das Futter misstrauisch beäugte, das ihr meine Mutter gerade hingestellt hatte. „Morgen!“, nuschelte ich nicht ganz verständlich und setzte mich an den Esstisch, an dem auch bereits meine Schwester und mein Vater saßen. Letzterer vertieft in seine Zeitung. Mein Vater war an sich ein sehr

umgänglicher Mensch. Er hasste nur drei Dinge: Unhöflichkeit, Rücklosigkeit und wenn man ihn morgens beim Lesen seiner Zeitung störte. In diesem Fall traten die ersten beiden Punkte in Kraft. „Du schaust ja ziemlich fertig aus.“, entgegnete mir meine Schwester nicht sonderlich charmant und begutachtete mich kritisch. „Generell könntest du dich mal ein wenig herrichten, wenn du dich so gehen lässt, bekommst du sicher nie einen Kerl ab.“ „Besser als jede zweite Woche mit einem Neuen anzubandeln!“, giftete ich zurück. Normalerweise stieg ich auf solche Kabbeleien nicht ein, aber ich war nüchtern, schlecht gelaunt und müde.

„Uh, da ist aber wer schlecht drauf, habt ihr verloren? Du warst immer schon eine schlechte Verliererin. Ich erinnere mich noch an dem Mensch-ärgere-die-nicht-Wutanfall von 2006.“ „Da war ich neun.“ „Hört jetzt auf damit!“, unterbrach uns mein Vater und legte die Zeitung beiseite. Meine Mutter stellte mir einen Kaffee vor die Nase, den ich dankend entgegennahm. Als ich die Tasse an meinen Lippen ansetzte, sagte mein Vater mit ernster Stimme: „Emma, ich hätte mir schon erwartet, dass du es mir gleich erzählst, ich bin ehrlich gesagt enttäuscht.“ Vor Schreck schwappte mir

ein wesentlicher Teil des Kaffees auf meinen Schoß und ich blickte angsterfüllt auf. Woher wusste er es? Ich hatte es doch niemandem gesagt! Er war enttäuscht? Natürlich war er das und völlig zu Recht! „Ich hatte schon erwartet, dass du mich gleich anrufst, wenn das Spiel aus ist. Schließlich fiebere ich seit Tagen mit.“ Irritiert sah ich ihn an. „Was?“, fragte ich perplex. „Das Spiel, Emma! Gott sei dank hast du es deiner Mutter erzählt, sonst hätte ich in der Nacht keinen Schlaf gefunden!“ Eine Weile brauchte ich, um zu verstehen, worum es eigentlich ging. „Entschuldige.“, stammelte ich schließlich und beruhigte mich ein

wenig. Ich reagierte total über, ich musste mit jemandem reden, je schneller, desto besser. Nachdem ich das Frühstück aufgegessen hatte, wartete ich, bis meine Schwester nach oben ging und folgte ihr rasch. Bevor sie in ihr Zimmer verschwinden konnte, das mittlerweile einen Sicherheitsstatus wie Fort Knox erreicht hatte, fing ich sie ab. „Sophie, hättest du vielleicht Zeit für mich? Ich würde gerne ... mit dir über etwas reden.“ Mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie mich an. „Du willst mit MIR über etwas reden?“ Ihre Betonung verriet, dass ihre Lust sich sehr in Grenzen hielt. Ich

nickte nur und sah sie bittend an, da ich bereits spürte, wie sich ein Kloß in meinen Hals bildete, der mir das Sprechen erschwert hätte. „Ok, ich muss noch etwas dringendes erledigen, ich komme anschließend zu dir.“ Als ich in mein Zimmer ging und mich im Schneidersitz auf mein Bett setzte, fragte ich mich, ob es wirklich eine gute Idee war, mit meiner Schwester darüber zu reden. Was würde sie überhaupt denken? Sie war sehr beliebt bei den Jungs und hatte bereits mehrere Freunde gehabt. Man konnte vieles über sie sagen, aber prüde oder altbacken war sie sicher nicht. Wie sie zu Homosexualität

stand, wusste ich allerdings nicht. Würde sie sich vor mir ekeln oder schlimmer noch, es unseren Eltern erzählen? Ich wusste es nicht. Ich hatte zwar gute Freundinnen, aber keiner von denen hätte ich so etwas anvertrauen können und wenn es mir vor einem wirklich graute, dann davor, im Gesprächsmittelpunkt meiner Schule zu stehen. Meine Zimmertür wurde ruckartig aufgerissen und meine Schwester kam herein. Klopfen war für sie eine gesellschaftliche Gepflogenheit, die sie seit jeher gekonnt ignorierte. Ohne Umschweife ging sie zu meinem

Schreibtisch, schnappte sich den Stuhl und setzte sich drauf, nachdem sie ihn zu mir umgedreht hatte. „Schieß los.“ Ich hatte mir natürlich einige Sätze parat gelegt, um es mir leichter zu machen, aber jetzt, wo sie hier bei mir saß, bekam ich einfach keinen Ton heraus. Frustriert zwirbelte ich an dem Saum meiner Decke und starrte auf meine Hände. „Als du mich gefragt hast, ob wir reden können, war da ein herkömmliches Gespräch gemeint? Mit Worten und so weiter? Oder ist das eine telepathische Geschichte?“ Der spöttische Unterton war eindeutig zu viel für mich, es fühlte sich an, als ob man Salz in eine offenen Wunde streute.

Mein Körper bebte und ich versuchte mit aller Kraft, die Tränen zu unterdrücken, die sich den Weg über mein Gesicht bahnen wollten. Ich spürte, wie die Matratze neben mir nachgab und kurz darauf legte sich ein Arm um mich. Eine Weile sagte meine Schwester nichts, wofür ich dankbar war, da es mir die Zeit gab, mich wieder zu sammeln. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht drängeln, was bedrückt dich, Schwesterherz?“, sie klang einfühlsam, was mir ein wenig die Angst nahm. „Es ist etwas passiert.“, fing ich den Satz etwas unbeholfen an. „Und was ist passiert?“, fragte sie ruhig.

„Gestern nach dem Spiel, bin ich erst später in die Umkleide gegangen und war mit einer Mitspielerin alleine...“ Eine kurze Pause folgte, es fiel mir schwerer als erwartet, es auszusprechen. „Wir waren zusammen in der Dusche und ...“ Mehr bekam ich einfach nicht raus, was meine Schwester nach einer längeren Stille wohl ebenso sah, denn sie versuchte, den Satz zu beenden. „Und... ihr habt euch geküsst?“ Ich nickte langsam. „Aber ... das war nicht alles?“ Ich nickte noch einmal. Ich wusste, dass es schwach war, nicht dazu zu stehen, aber ich konnte es ihr nicht direkt sagen. „Ihr... habt euch berührt?“ Wieder ein

Nicken meinerseits. „Hattet ihr Sex?“ „Ja.“, gab ich kleinlaut von mir. „Puh ... okay, das kam jetzt ein wenig unerwartet, aber das ist ja nichts ... Schlimmes. Liege ich richtig in der Annahme, dass es eher von dem anderen Mädchen ausging und nicht von dir?“ Ich zuckte unschlüssig mit den Schultern. „Dachte ich mir und jetzt bist du dir nicht sicher, was es zu bedeuten hat? Weißt du, ich hatte auch mal eine Phase, in der ich mal ... nun ja, mit Mädchen etwas ausprobiert habe. Es bedeutet nicht unbedingt, dass man lesbisch ist. Es gibt nicht nur Weiß und Schwarz, sondern auch Graustufen dazwischen.“ Ihre Worte klangen logisch, aber es war

eigentlich nicht das, was mir Sorgen bereitete. „Ich habe mich noch nie zu Jungs hingezogen gefühlt ... Ich denke, dass ich auf Mädchen stehe, nur weiß ich nicht wie es jetzt weitergehen soll und ich habe irgendwie Schuldgefühle. Es ging alles so schnell, ich weiß nicht, ob das richtig war.“ Meine Schwester löste die Umarmung und streichelte mir langsam über den Rücken. Ich musste ihr nicht ins Gesicht sehen, um zu wissen, dass sie nachdachte. „Nun, wie es weitergeht, hängt von mehreren Dingen ab. Hat es sich schön angefühlt, mit dem Mädchen intim zu werden?“ Ich musste nicht lange

überlegen, um eine ehrliche Antwort zu geben. „Ja, aber ich kenne sie nicht wirklich.“ „Nun was nicht ist, kann ja noch werden. Ich weiß, dass du ein ziemlicher Moralmensch bist, aber wenn sich etwas gut anfühlt und niemand damit verletzt wird, kann es ja nicht falsch sein. Sex entsteht nun mal nicht immer, wie soll man sagen ..., in Beziehungen, die seit einer Ewigkeit bestehen. Manchmal ist es halt eine spontane Sache, mit jemandem, den man heiß findet. Wir leben ja nicht mehr im Mittelalter, es ist völlig okay, wenn man seinen Spaß hat und anscheinend hattest du ihn doch. Eine andere Frage ist, ob du mehr von diesem Mädchen willst und

ob sie mehr von dir will. Magst du sie?“ Mochte ich sie? Lena hatte mir gesagt, dass ich sie ständig angeschaut hätte und dem musste auch so sein, sonst hätte sie ja nicht erkennen können, dass ich lesbisch war. Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, fand ich sie hübsch, interessant und toll. Schon vor dem Zwischenfall hatte ich öfters an sie gedacht, nur hatte ich es nicht wirklich hinterfragt oder ich hatte es verdrängt. „Ich denke schon, dass ich sie mag.“, gab ich schließlich zu und blickte erstmalig in das Gesicht meiner Schwester. Ihre Augen strahlten eine gewisse Ruhe aus, die ich gerade am

meisten brauchte. „Glaubst du, dass sie dich mag? Wenn sie die Initiative ergriffen hat, muss sie ja etwas empfinden. Was hat sie denn gesagt?“ Mir schossen Lenas letzte Wort durch den Kopf, woraufhin ich schnell den Blick abwendete und wieder die Decke knetete. „Oha, etwas Versautes? Sympathisches Mädchen!“, sagte sie und lachte amüsiert. Ich ignorierte gekonnt ihre letzte Aussage und entgegnete: „Sie hat gesagt, dass ich mich bei ihr melden soll.“ „Ja, dann sollte doch alles klar sein. Du magst sie, sie mag dich. Du bist dir sicher, dass du Mädchen magst, passt

doch alles, oder?“ Aus ihrem Mund hörte es sich so einfach an, beinahe so, als hätte ich mir über etwas Banales den Kopf zerbrochen, obwohl es nach meinem Empfinden natürlich nicht der Fall war. Aber vielleicht hatte sie Recht, sah ich es vielleicht zu kompliziert? Meine Schwester ließ sich nach hinten fallen und verschränkte die Arme hinter ihren Kopf. „So, nachdem wir so ein ernstes Thema besprochen haben, kommen wir zu dem lustigen Teil, erzähl mir von ihr, ich will alles wissen und spar ja nicht mit den Details. Ich konnte gar nicht sagen, wie lange es her war, dass ich mit meiner Schwester

ein Gespräch geführt hatte, dass über Smalltalk hinausging. Es war ein schönes Gefühl, mit ihr reden zu können. Ich erzählte ihr von Lena, wobei ich die Szene in der Umkleide mehr als spärlich beschrieb, zu der Enttäuschung meiner Schwester. Als sie wieder gehen wollte, verharrte sie kurz bei meiner Tür. „Ich weiß, dass wir uns manchmal nicht gut verstehen, aber wenn etwas ist, kannst du zu mir kommen. Ich stehe hinter dir, okay?“ „Danke.“ Sie lächelte mir aufmunternd zu und schloss die Tür hinter sich. Es war befreiend, es auszusprechen. Nicht nur die Sache mit Lena, sondern

generell lesbisch zu sein. Es fühlte sich nicht mehr als Last an, die ich alleine tragen musste. Momentan konnte ich mir zwar nicht vorstellen, es jemand anderem zu gestehen, aber es erschien mir auch nicht mehr als unmöglich. Am Abend lag ich in meinem Bett und spielte mit meinem Handy. Ich hatte beschlossen Lena anzurufen, bereits vor Stunden ... Es war allerdings nicht wirklich einfach. Wie sollte ich mich melden? Was sollte ich sagen? War sie sauer, wenn ich mich erst jetzt melden würde? Oder war es ihr schlichtweg egal? Ich machte mich selbst nervös, das wusste ich. Aber abstellen konnte ich es

auch nicht. Schließlich überwand ich mich und drückte auf den grünen Hörer. Schon als ich den Verbindungston wahrnahm, der später zum regelmäßigen Tuten überging, pochte mein Herz unangenehm schnell. „Ja?“, erklang Lenas Stimme. Los Emma, sag was! „Hallo?“ Verdammt noch mal, jetzt mach den Mund auf! Es ging einfach nicht, Gott weiß wieso. „Ach Emma, schön dich zu hören. Ja, mir geht es gut, dir auch? Wie mein Tag war? Einfach toll und deiner?“ Ich begann zu lachen, sie konnte auf eine angenehme Art und Weise die Spannung nehmen, ein Talent, das sie bei mir wohl noch öfters brauchen würde.

„Hi.“, entgegnete ich schließlich, als ich mich wieder beruhigt hatte. „Hi, Emma. Ich freue mich wirklich dich zu hören, ich habe ehrlich gesagt nicht mehr mit dir gerechnet.“ Es klang aufrichtig und mein Herz machte einen kleinen Sprung. „Tut mir leid, ich...“ „Du wusstest nicht, was du machen sollst? Warst überfordert? Und überrumpelt?“ Ich antwortete nicht, was sie als eine Bestätigung auffasste. „Hab’ ich mir schon gedacht. Im Nachhinein würde ich sagen, dass ich vielleicht ein ganz klein wenig zu direkt in der Umkleide war. Aber weißt du was?“ Bereute sie es?

„Wenn ich nochmal vor der Wahl stehen würde, würde ich exakt das gleiche machen, ich würde es sogar jetzt machen ...“ Stille folge und mir wurde warm, wie konnte es sein, dass sie mich mit ein paar Worten aus der Fassung bringen konnte? „Mensch Emma, ich bin nicht mal bei dir und weiß, dass du rot angelaufen bist. Vermutlich genauso wie auf dieser Bank...“ Ich konnte darauf nichts sagen, allerdings musste ich das auch nicht. „Das mit dem Telefonsex müssen wir zwei noch einmal üben, aber kommen wir mal zum Wesentlichen. Wie machen wir weiter?“ Ich legte mich auf den Rücken und

blickte zur Decke. „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.“ „Okay, dann kann ich dir ja erzählen, wie ich es mir vorstelle. Ich weiß, dass du eher das klassische Mädchen bist, das drei Dates braucht, bevor es zum ersten Kuss kommt. Fakt ist, das ist nicht mehr drin und außerdem bin ich dafür zu ungeduldig. Ich mag dich und ich würde dich gerne auch außerhalb der Schule sehen und ich würde mich freuen, wenn die Aktion in der Umkleide nicht bei einer einmaligen Sache bleibt. Ich weiß, dass das für dich alles Neuland ist, daher würde ich mich auch bemühen, mich ein wenig zu bremsen. Lass uns doch einfach mal etwas zusammen unternehmen, ins Kino

gehen oder so, einfach ein bisschen Spaß haben und du kannst schauen, ob du mich auch magst, was hältst du davon?“ „Ich mag dich Lena, nur ich möchte nicht, dass jeder weiß, dass ich auf Mädchen stehe.“ „Und du hast Schiss, dass uns jemand sieht, wenn wir gemeinsam abhängen und die falschen, bzw. in diesem Fall, die richtigen Schlüsse zieht?“ „Ja, irgendwie schon.“ Eine Pause folge, nur unterbrochen vom Ticken meines Weckers. „Neuer Vorschlag, ich wohne ziemlich weit außerhalb, wie du ja schon mitbekommen hast. Am Freitag nach der Schule kommst du zu mir und bleibst übers Wochenende. Hier kennt dich keiner und

es ist ausgeschlossen, dass uns jemand von unserer Schule sieht. Was hältst du davon?“ „Ich weiß nicht...“ „Mensch Emma, komm mir doch ein bisschen entgegen. Ich gebe mir normalerweise nie so viel Mühe ein Mädchen rumzukriegen. Du bekommst auch dein eigenes Bett und meine Finger bleiben wo sie sind, zumindest versuche ich es. Lass mich ja nicht betteln!“ „Okay, ich muss vorher allerdings meine Eltern fragen, ob das in Ordnung geht.“, gab ich schließlich bereitwillig nach. Sie bemühte sich um mich, ein schmeichelndes Gefühl, das mir dahin unbekannt

war. „Yes, sehr schön, ich muss dann leider aufhören. Wir sehen uns dann am Montag und keine Sorgen, ich verhalte mich ganz unauffällig. Träum schön ... vorzugsweise von mir.“ Bevor ich etwas erwidern konnte, hörte ich schon das Tuten, woraufhin ich mein Handy zur Seite legte. Mein Kopf war ziemlich heiß. Ob das eine gute Idee war?





Impressum: 2015/05 ©Cover: Anna Breinlinger ©Inhalt: Anna Breinlinger

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Anna92

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Bleistift 
"Matchday - Kapitel 2..."
Von der Schwierigkeit sich gegenüber
seinem persönlichen Umfeld zu offenbaren...
Welch ein Glück, dass es eine so verständnisvolle Schwester gibt...
Gut erzählt... ...smile*
LG
Louis :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Anna92 Hallöchen Louis! :-) Es freut mich, dass du bei mir vorbeischaust, leider kann ich dir keine Erfirschung anbieten, hätte ich gewusst, dass du kommst, hätte ich dir etwas hingestellt ... ;-) ja, beneidenswert. Ich hätte sehr gerne eine große Schwester gehabt, aber es sollte nicht sein. Ich denke auch, dass es Emma gut erwischt hat, wenn ich so an meinem ersten outing denke... ne das war nicht so wie erhofft. Ich bedanke mich für dein Kommentar und hoffe natürlich, dass die Geschichte weiterhin unterhält. LG Anna
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