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Der Fährmann - Die lange Reise der Silvi B.

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"Und am Ende wird dort ein winziges Lichtlein sein..."
Veröffentlicht am 09. Mai 2015, 14 Seiten
Kategorie Sonstiges
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten... Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen. Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte... Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar. Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig: Paris und Venedig... 09.Mai 2015 Ich habe heute erfahren, dass Silvi Bredau ...
Und am Ende wird dort ein winziges Lichtlein sein...

Der Fährmann - Die lange Reise der Silvi B.





Für Silvi,

die am Samstag, den 25.April 2015 den Kampf gegen den Krebs verloren hatte…

Bleistift





 

Der Fährmann


Kurzgeschichte

Der Fährmann

Sie lief und lief... Sie fühlte, wohin sie gehen musste, obwohl sie den Weg nach dorthin gar nicht kannte. Die abendliche Frühlingsluft war kühl, denn es hatte zuvor etwas geregnet und sie fror ein bisschen. So knöpfte sie sich ihre Jacke bis an den Kragen hoch zu. Endlich kam sie an den Fluss, es waren die Ufer eines Flusses ohne Wiederkehr.

Seine Wasser lagen ruhig und nur ein gelblicher Fetzen fahlen Mondlichts spiegelte sich gelegentlich auf den kleinen Wellen, wenn die Wolken für einen kurzen Moment das nächtliche Firmament aufrissen.

Nach dem Fährmann hielt sie Ausschau, der sie auf die Insel im Fluss übersetzen sollte. Bald darauf legte der alte Fährmann mit seinem Kahn an und schüttelte den Kopf, dann zeigte er auf den Mond, »Bedaure, aber du kommst leider zu spät, Mädchen«, sagte er mit müder Stimme. »Komme morgen, am Samstag wieder, dann werde ich dich übersetzen.« Das Mädchen hingegen schaute ihn nur mit ihren traurigen Augen an. »Aber ich muss doch hinüber«, flüsterte sie leise mit tränenerstickender Stimme. Der Alte indes zuckte bedauernd mit den Schultern, »Ich kann da auch nichts machen, du wirst wohl schon bis zum Morgengrauen warten müssen. Der Gevatter hat auch noch viele

andere Dinge zu tun. Aber es eilt ja auch so furchtbar nicht und morgen ist schließlich auch noch ein Tag. Ich verspreche dir, du wirst auch ganz gewiss nichts verpassen«, erwiderte er mit einem freundlichen Lächeln, strich ihr sanft über das Haar und reichte ihr eine alte Decke, damit sie nicht gar so fror in der noch kalten Frühlingsnacht.

Alssobald verließ er dann das Mädchen. Das Mädchen setzte sich auf eine vom letzten Frühlingssturm umgebrochene alte Weide und starrte mit Wehmut im Herzen hinüber auf das jenseitige Ufer dieser Insel, wo das dunkle und geheimnisvolle Schloss im fahlgelben Dämmerlicht des Mondes lag.

Was sie dort erwarten würde, wusste sie leider auch nicht, aber die zarte Hoffnung auf ein

glückliches Wiedersehen erwärmte dennoch ihr aufgeregt schlagendes Herz. Als dann endlich im Osten der neue Morgen graute, sah sie durch den Nebel den alten Fährmann in seinem Kahn ruhig über den Fluss staken und leise legte er am Ufer an.

Er umarmte sie sanft und sagte, »Guten Morgen, meine Liebe, da bist du ja. Bist du bereit für die Überfahrt?« Das Mädchen nickte traurig und legte ihm zwei Gulden in seine ausgestreckte Hand. Den Preis für die Überfahrt. Der Alte nickte erleichtert und tat die Münzen in seine alte lederne Geldkatze. Dann stiegen beide in den hölzernen Kahn und der alte Fährmann stakte das Mädchen über die stillen Wasser. Als sie dort am Ufer jener magischen Insel im Fluss

angekommen waren, sagte der Alte zu ihr, »Nun musst du alles was du bei dir trägst hier zurücklassen, denn mitnehmen nach dorthin kannst du nichts. Du wirst diese Welt verlassen, wie du sie betreten hast, nackt und ohne jede Last und Bürde. Nur keine Sorge, es wird dir dort an nichts mangeln, du wirst nicht frieren und es wird dir nicht dürsten.« Das Mädchen begann ihre Schuhe und Kleider auszuziehen und als sie all ihre Sachen abgelegt hatte, drehte sie sich zu dem alten Fährmann um,

»Ich bin hässlich, schaut mich nur an...«, sagte sie mit Tränen im Blick und zeigte auf eine riesige Operationsnarbe an ihrer fehlenden Brust. Der Alte nahm ihren Kopf in beide Hände, drückte sie zärtlich an sich und

sah sie lange mit einem gütigen Lächeln an, »Nein, das bist du gewiss nicht, du bist wunderschön, deine Augen sprechen eine ganz andere Sprache, denn sie sind der Spiegel deiner Seele und die ist so rein, wie es dein goldenes Herz ist. Und nun geh' meine Liebe, geh' durch diese Pforte und fürchte dich nicht. Folge einfach dem Licht, denn es wird dich leiten«, sagte der Fährmann und lenkte seinen Blick auf die nur leicht angelehnte Pforte in der Schlossmauer, aus der nun ein schwacher Lichtschein herüberschimmerte.

Das Mädchen machte sich schweren Herzens auf den Weg und lief barfuß über die frisch erblühte und vom Morgentau noch nasse Wiese. Es hatte plötzlich das Gefühl, wieder ein kleines Kind zu sein, als sie wie damals

einen Kranz aus dicht geflochtenen, gelbblühenden Löwenzahnblüten in ihrem Haar trug und auf ihren kleinen nackten Füßen elfengleich tanzend über das frische grüne Gras im vertrauten Garten schwebte. Und es wurde ihr sogleich sehr viel leichter ums Herz, als sie kurz darauf durch die geöffnete Pforte schritt und jenes versprochene winzige Lichtlein erblickte… ***









Impressum  

Cover: selfARTwork Text: Bleistift

Hörbuch: by Louis 2016/4 CoverPicture: Günter Havlena_pixelio.de

© by Louis 2015/5 Update: 2019/4

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Hörbuch

Über den Autor

Bleistift
Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten...
Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen.
Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte...
Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar.
Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig:
Paris und Venedig...

09.Mai 2015
Ich habe heute erfahren, dass Silvi Bredau am Samstag, dem 25. April 2015 verstorben ist.
Ich schäme mich meiner Tränen nicht...
Louis

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Loraine Lieber Louis -

sensibel - gütig und in zart feine Worte geflochten diese Fährmann-Geschichte mit Tiefe - Seele und großem Herzen. Die Essenz des
Lebens und des Überganges richtig erkannt und in Wortfarbe getaucht. Berührend schön.
Das hätte Silvie gefallen.
Mir auch.
Alles Liebe
Loraine
Vergangenes Jahr - Antworten
Elisa_Tork Eine schöne und gütige Geschichte!

Es würde rechtmäßiger sein, wenn unser Äußere von unserer Seele abhängen würde. Es gibt so viele Menschen, die immer über die öffentliche Meinung denken.


LG
Elisa
Vor langer Zeit - Antworten
hingekritzelt Beklemmend.
Trauergefühle gekonnt umgesetzt. Ohne Schmalz.
Das Wort "zart" benutze ich kaum, aber mein erster Gedanke nach dem Lesen war: Ein zartes Geflecht aus Worten der Anteilnahme - quasi ein eigenes Begräbnis.
Gut.
LG Uli
Vor langer Zeit - Antworten
hingekritzelt Mit "eigenes" meine ich nicht ein Begräbnis des Autors, sondern eine eigene Form der Bestattung, der Verabschiedung, jenseits der öffentlichen.
Vor langer Zeit - Antworten
monalisa592107 lieber Louis gern noch einmal gelesen aber auch die vertohnung herrlich gelungen gglg monika
Vor langer Zeit - Antworten
Evadrossel Freunde wie dic h - lieber Louis - sollte man zu Lebzeiten genießen, Dieses Gedicht hätte Silvi zuTtränen gerührt. Nichf nur Silvi. Herzliche Grüße Ulla.
Vor langer Zeit - Antworten
HarryAltona Sehr bewegend, dieser Abschied.
lg... harryaltona
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Silvi habe ich leider nicht kennen gelernt...
Aber das Denkmal, das du ihr hier geschrieben hast, ist unsagbar berührend.
Mir feheln die Worte.
LG Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Ich habe meinem damaligen Kommentar nichts hinzuzufügen, lieber Louis ... außer - zu den Sternen gibt´s noch ein verspätetes ♥chen.
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
FLEURdelaCOEUR 
Unendlich berührend, lieber Louis!
Damals habe ich es gar nicht mitbekommen ...

LG fleur
Vor langer Zeit - Antworten
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