Kurzgeschichte
Der Zettel - FB 40

0
"Der Zettel - FB 40"
Veröffentlicht am 06. Mai 2015, 16 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Ich versuche mit guten Geschichten zu unterhalten. Hoffentlich glückt es. Ich bin Jahrgang 1958, in München geboren. Seit meiner Kindheit schreibe ich, habe aber nie eine Profession daraus gemacht. Meine zarten Versuche mal eine meiner Geschichten bei einem Verlag zu veröffentlichen sind gescheitert. Hier gibt es eine Auswahl von Kurzgeschichten aller Art. Sie sind in ihrer Kürze dem Internet und e-pub Medium angepasst.
Der Zettel - FB 40

Der Zettel - FB 40

Vorbemerkung

Das Schicksal zweier berühmter Männer ist in dieser Kurzgeschichte verwoben. 80% der Geschichte beruhen auf Tatsachen. Beitrag Forumsbattle 40.


Thema: J. fuhr nach Spanien, um zu sterben...

Pflichtworte - 10 verwendet:

flirrend; Perle; Vermächtnis, schwindelig; Sonnenuntergang; palavern; Affenbrotbaum; beurlauben.

Copyright: G.v.Tetzeli

Cover: Dank an pixabay

Montage: Monika Heisig

Der Zettel

„J. fuhr nach Spanien, um zu sterben.“ Ich hielt den Zettel in meiner Hand und konnte mir keinen Reim darauf machen. Mein Onkel Lutz sandte mir kurz vor seinem Tod ein Kästchen zu.

Das ist schon ein Weilchen her. Damals öffnete ich es voller Neugier. Ein paar Zettelchen, ein paar Fotos war alles. Jetzt beim herumräumen auf dem Dachboden, war mir Onkels Vermächtnis wieder in die Hände gefallen. Auf den Fotos war mein Onkel zu sehen. Neben ihm stand an einem Kai Hemingway und dazwischen hing ein kapitaler Marlin Schwertfisch, bestimmt über drei Meter lang.

(Marlin,wie bei "Der alte Mann und das Meer, wikipedia)

Dann gab es noch ein Bild, worauf mein Onkel, Hemingway und ein Torero zu sehen war. Und unter diversem, anderem Plunder fand ich besagten Zettel. J. fuhr nach Spanien, um zu sterben – Unterschrift: Ernest H.

Ungezähmte Neugier übermannte mich.

Was hatte der Zettel zu bedeuten? Nach einigen Telefonaten verabredete ich mich mit Tante Luise, die auf weit über neunzig ereignisreiche Jahre zurückblicken konnte. Sie war eine sehr enge Bekannte gewesen, an der mein Onkel schon immer gehangen hatte. Ich suchte sie in ihrer Villa auf und wir tranken Tee. Nachdem sie sich die Brille aufgesetzt hatte, studierte sie die Fotos und ich hielt ihr den Zettel hin.


“ Kannst Du Dir einen Reim darauf machen?“

„Sicher!“

Und so erzählte sie.

Ich gebe es hier in geraffter Form wieder, weil sie doch ausschweifend berichtete.

„1931 war Hemingway in Spanien. Dort faszinierte ihn der Stierkampf. Du weißt, dass er daher das Buch „Tod am Nachmittag“ verfasste. Dein Onkel war in Spanien auch dabei.

Am 31.Mai 1931 hatten sie eine Einladung zur Corrida de toros bekommen. Es sollte der Stierkampf des Jahrhunderts werden. Der sagenhafte Torero hieß Francisco Vega de los Reyes und er war ob seiner Berühmtheit nur unter Gitanillo de Triana bekannt. Auch der Stier war ein Star. So eine wilde Bestie hatte man noch nicht gesehen. Er hieß Fandanguero, der Vergnügungssüchtige, denn er hatte schon in früheren Übungsauftritten Appetit auf Menschen bekommen. Er konnte bereits auf mehrere

Schwerverletzte zurückblicken. Das 650 Kilo Monstrum war also bereit für seinen letzten Auftritt. Es lief nicht so, wie geplant. Bei der Faena, dem dritten Teil des Kampfes, geschah es. Der Stier touchierte Gitanillo, als er halsbrecherisch nah die Veronica (Figur, die direkt am Stier mit der rose-gelben Schärpe, der capa - od. der capote ausgeführt wird) handhabte und Francisco stolperte.

Der Stier schleuderte ihn dann zwei Mal an die Bande und trieb ihm das Horn durch den Rücken bis zum Becken durch. Gitanillo lebte noch zweieinhalb Monate und verlor dabei mehr als die Hälfte des Körpergewichts. Er verstarb qualvoll. Hemingway war fasziniert, dein Onkel hingegen war entsetzt und

erzählte mir davon, wobei es ihn schüttelte.“

Ich bewunderte das Erinnerungsvermögen der alten Dame.

„Du musst wissen, Hemingway erzählte in seiner Geschichte von Joselito, der vom Stier aufgeschlitzt wurde. Er hatte in flirrender Hitze einen kurzen black out gehabt, wie ein Kaninchen vor der Schlange. Vielleicht war ihm auch nur kurz schwindelig geworden. Joselito versuchte noch mit beiden Händen sein Gedärm zu halten. Am selben Tag verstarb er, trotz einer Notoperation.

Der Tod faszinierte Ernest", lächelte Luise.

"Er sagte zu Deinem Onkel einmal: Es gibt keinen großen Stierkämpfer, der nicht früher oder später aufgespießt wird.

Es gab einen Torero, der vielleicht noch berühmter war.

(l. Joselito - r. Juan Belmonte; ca 1925 wikipedia)

Er hieß Juan Belmonte Garcia. Auch er ein ganz unglaublicher Könner der Veronica.


(Juan Belmonte)

Den geradezu steifen, majestätischen, halsbrecherischen Stil erfand er vor allem deswegen, weil er etwas deformierte Beine hatte. So arbeitete er fast regungslos vor dem Stier. Sein Stil gilt noch heute als Perle des Stierkampfes. Hemingway und Dein Onkel besuchten den berühmten Mann auf seiner Ranch in Andalusien. Während Dein Onkel genug von dem mörderischen Ambiente hatte, entwickelte sich eine Freundschaft zwischen Juan und Ernest. Die vielen Knochenbrüche, dem Tod immer wieder ins Auge schauen, das nötigte dem Schriftsteller Respekt ab. Sie konnten stundenlang über ihre Heldentaten palavern, denn auch Ernest musste sich bezüglich seiner Todesmut nicht

verstecken. Hemingway führte als Beispiel an, dass er sich erst in letzter Sekunde vor einem rasenden Elefantenbulle hinter einem Affenbrotbaum retten konnte, als er in Afrika seiner Jagdleidenschaft fröhnte.

Im Jahr 1960 weilte Hemingway wieder einmal in Spanien. Im Oktober kehrte er, gesundheitlich angeschlagen, aus Spanien nach Amerika zurück. Er war natürlich immer schon depressiv. Auch sein übermäßiger Alkoholkonsum hatte Spuren hinterlassen.


Vor seiner Rückkehr hatte er sich noch mit Juan Belmonte getroffen. Auch Juan war desillusioniert. Es wurde mehr und mehr Kritik am Stierkampf geäußert. Sein Ruhm verblasste.

Sein Gesundheitszustand war ebenfalls nicht der allerbeste.


Dein Onkel ließ sich beurlauben, um Hemingway in der Mayo-Clinic in Minnesota zu besuchen und dabei überreichte Ernest ihm diese Schatulle.

Dein Onkel versuchte ihn aufzumuntern, weil es doch so berühmt sei und alles erreicht hätte. Er aber sagte nur: Worüber soll man sonst schreiben? Über den Tod natürlich. Denn der ist elementar; das Einzige, was uns sicher ist.

Juan hat mich auch besucht", flüsterte er monoton zu ihm.

„Er ist wieder nach Spanien gereist.

Und Juan wird mir folgen.“

Es klang, wie eine Prophezeiung. Dein Onkel nahm die Kassette und bewahrte sie viele Jahre auf.


10 Tage nach seinem Besuch, als er auf eigenen Wunsch aus dem Krankenhaus entlassen worden war, erschoss sich Hemingway mit seiner Flinte, seiner glatten, braunen Geliebten."

Luise endete und wirkte etwas erschöpft.

"Verstehst Du nun den Zettel?


Hemingway erschoss sich am 02.Juli 1961.

Neun Monate später erschoss sich auch Juan Belmonte mit einer schweren Pistole. Vielleicht hatten sie es sogar verabredet."


Ich verstand nun den Zettel, blickte zum Fenster hinaus und sah dem Sonnenuntergang zu.

0

Hörbuch

Über den Autor

welpenweste
Ich versuche mit guten Geschichten zu unterhalten.
Hoffentlich glückt es.
Ich bin Jahrgang 1958, in München geboren.
Seit meiner Kindheit schreibe ich, habe aber nie eine Profession daraus gemacht. Meine zarten Versuche mal eine meiner Geschichten bei einem Verlag zu veröffentlichen sind gescheitert.

Hier gibt es eine Auswahl von Kurzgeschichten aller Art. Sie sind in ihrer Kürze dem Internet und e-pub Medium angepasst.

Leser-Statistik
28

Leser
Quelle
Veröffentlicht am

Kommentare
Kommentar schreiben

Senden
CHM3663 Eine sehr, sehr interessante und gleichzeitig auch traurige und rührende Geschichte, die mein Wissen über Hemingway enorm erweitert hat.
Ich denke, wer sich den originalen Mörder-Stierkampf anschaut, kann nur depressiv werden, auch wenn er es selber vielleicht gar nicht merkt...
Dankeschön und LG, Chrissie
Vor langer Zeit - Antworten
Scheherazade Vielen Dank für deinen Beitrag :-)

Liebe grüße
Schehera
Vor langer Zeit - Antworten
Tintoletto Ich war früher des öfteren in Spanien und war sehr darüber erstaunt, wie sehr die Spanier diesen Kämpfen zugetan sind. Es gehört zu ihrer traditionellen Geschichte wohl einfach dazu. Sogar Kinder üben sich an diesem blutigen Sport...
Deine Ausarbeitung hat mir sehr gefallen!
LG Tinto
Vor langer Zeit - Antworten
welpenweste Es gibt diese originale Stierkampfschlachterei nicht mehr so oft und ist auch in Spanien nicht überall erlaubt. Allerdings, wer tatsächlich einen Eindruck von diesem Schauspiel gewinnen möchte (ohne Live-Ambitionen), dann kann ich Hemingways "Tod am Nachmittag" durchaus empfehlen.
Vielen Dank!
Günter
Vor langer Zeit - Antworten
baesta Gut recherchiert und in eine interessante Geschichte verpackt. Viel Glück!

LG Bärbel
Vor langer Zeit - Antworten
schnief Eine sehr interessante Geschichte, die ich gern gelesen habe.
LG Manuela
Vor langer Zeit - Antworten
NORIS Obwohl ich mit Stierkampf gar nichts am Hut habe, ist es doch eine interessante Geschichte, die ich gerne gelesen habe.
LG Heidemarie
Vor langer Zeit - Antworten
Sealord Interessant geschrieben!
LG Uwe
Vor langer Zeit - Antworten
Tintenklecks journalistische biografische Idee, sehr interessant ... aber leider einige Fehlerchen drin, lies es dir nochmal durch, da geht noch was :-)
lg der Tintenklecks
Vor langer Zeit - Antworten
welpenweste Hallo tintenklecks, vielen Dank. Ich habe mich um die angesprochenen Tintenkleckse gekümmert. Entstand auch durch zu viel copy / paste mit gleichzeitigen korrekturen. Ich bemühe mich um Besserung.
Günter
Vor langer Zeit - Antworten
Zeige mehr Kommentare
10
13
0
Senden

128984
Impressum / Nutzungsbedingungen / Datenschutzerklärung