Kurzgeschichte
Hinter dem Horizont - FORUMBATTLE 39

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"Hinter dem Horizont - FORUMBATTLE 39"
Veröffentlicht am 03. April 2015, 16 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Alles Infos unter artemzolotarov.com Ich schreibe seit 2010 Gedichte, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Songs. Ich habe bis jetzt drei Gedichtbände und zwei Poetry Slam Textsammlungen mit Hörbuchfassungen veröffentlicht. Eine Übersicht gibts auf meiner Homepage. Auf meiner Facebookseite gibt es täglich aktuelle Infos, Gedichte, Geschichten, Videos, Musik und und und. Ich würde mich sehr über euren like ...
Hinter dem Horizont - FORUMBATTLE 39

Hinter dem Horizont - FORUMBATTLE 39

Titel

Beitrag zum FORUMBATTLE 39






Thema: BEGEGNUNGEN DER BESONDEREN AR








Vorgegebene Wörter (alle verwendet):

Bilderrahmen umgekehrt Luftballon flatterhaft klebrig Netz Rand Bucht Wucherung zurücklassen Härchen Schimmer





Hinter dem Horizont


Die letzten Strahlen des Tages spendend, tauchte die Sonne hinter die vollkommen ebene Linie des Horizonts. Das Wasser färbte sich rot und immer röter, als ob die riesige Sonnenkugel sich darin auflösen und langsam zergehen würde. In diesen Stunden glich das Meer einer Wüste aus Sandwellen und fließenden Dünen. Eine schwache Brise blies Salzkörner zur Küste. Die Luft roch nach Leben und endlosem Sommer. Die Bucht lag still. Er saß auf dem Steg und ließ seine Beine baumeln. Irgendwie schien dieser Abend magisch. Ob der Ouzo den Zauber des Vergessens in ihm auslöste? Er war ein

geübter Trinker und kannte sein Maß, aber heute überließ er sich dem Rausch. Wolken verhießen ein aufkommendes Gewitter, das niemand mehr aufhalten konnte und doch schien es ihm, als hätte er die Macht dazu, Zeus gleich, den Lauf der Blitzes zu bestimmen. Das Volk hatte ihn gewählt. Er sollte es im Rat der Götter vertreten. Zwischen all den verhassten, machtgierigen Halbgöttern, in Anzug, mit Krawatten um ihre Hälse, Strick und Überlegenheit zugleich. Er passte nicht in den Bilderrahmen dieser Politiker, war kein Paragraphenreiter und Exekutive-Fetischist, wie sie zu Hunderten ihre Triebe in den obersten Riegen der Macht auslebten, sich in Debatten um endlose Nichtigkeiten

aufrieben und bis zur Ekstase mit heißer Luft benetzen. Klebrig waren ihre Lügen, leer ihre Augen. Sie spulten Reden ab, die man für sie schrieb. Parteitreu, eigensinnig im Subtext und immer echauffiert. Wenn sie regierten, lobten sie ihre Taten, waren sie hingegen in der Opposition, missbilligten sie die Missetaten der Regierung, hoben die Wucherungen ihrer Machenschaften ans Licht, überspitzen Banalitäten und forderten Konsequenzen aus jedem falschen Atemzug. Er war es leid. Diese Abende der Ruhe waren das Einzige, worauf er sich noch freuen konnte. Wenn er mit seinem Boot aufs Meer rausfuhr und den ganzen Tag nichts als Möwen und den Wellengang hörte. Wenn seine Netze durch

das tiefe Blau des Wassers glitten und ab und an etwas Essbares auf das Deck einluden. Aber heute waren sie leer geblieben. Kein einziger Fisch hatte sich zwischen die Maschen des Todes verirrt. Er lachte. Es war pure Ironie, ging es doch seinem Volk genauso. Egal, wie man es betrachtete. Sah man sie als Fischer, so waren ihre Netze leer. Die Menschen hatten nichts zu essen, vor den Krankenhäusern bildeten sich Schlangen und die Arbeitslosenzahlen schossen in die Höhe. Sah man seine Mitbürger dagegen als Fische, so gingen sie der scheinbaren Europäischen Gemeinschaft gnadenlos ins Netz. Ohne es zu ahnen, machten sie sich schuldig und büßten nun für die Fehler der

großen Banken. Egal, wie man es betrachtete – man verlor mehr als nur Geld. Heute ließ er die Angel stehen und wartete, bis die Nacht sie verschluckte. Hier am Ufer gab es kaum Fische und doch hoffte er auf ein Wunder. Damals, als sein Vater ihn das erste Mal zum Meer brachte und ihm zeigte, wie man fischt, hatten sie genau an dieser Stelle einen Fisch gefangen. Er wusste noch genau, wie sich die kleinen Härchen auf seinem Rücken in Gänsehaut erregt aufrichteten, als sein Vater den Fang ans Land zog. Der Fisch kam ihm total riesig vor. Wenn er heute daran dachte, lachte er immer innerlich; wie mickrig diese Sprotte doch war. Sein Vater ließ sie für ein paar Sekunden am Haken zappeln, befreite sie

dann, um sie darauf wieder ins Wasser zurückzulassen. „Man sollte die Kleinen nie behalten. Sie wachsen noch, und wenn sie groß sind, kann man sie dann fangen. Es ist immer so im Leben: Auf den Kleinen und Schwachen wird alles Unheil dieser Welt abgeladen, wo sie doch in Wirklichkeit nichts dafürkönnen.“ Seit diesem Tag, damals mit seinem Vater, hatte kaum ein Fisch angebissen. Vielleicht lag es daran, dass er nur noch selten zu dieser Stelle kam. Sein Beruf ließ ihm wenig Freizeit und er wusste nicht mehr genau, wann er das letzte Mal Zeit für sich hatte. Es schien, dass die ganze Welt auf seinen Schultern lastete. Atlas gleich trug er sie und schritt langsam voran. War da nicht eine

Schildkröte, die ihm die Last abnehmen konnte? Ach, diese Märchen. In Büchern ist alles so einfach und schön. Der letzte Schimmer der Sonne kroch unter den Horizont, doch er wollte nicht gehen. Die Nacht würde bald ihre dunkle Decke vollkommen entfaltet haben, unter der nur noch Laternen als kleine Leuchttürme den Weg weisen. Noch fünf Minuten, dachte er, dann muss ich einpacken. Fünf Minuten, wie viel und doch wenig diese Zeitspanne bedeutet. In fünf Minuten konnten sich Schicksale entscheiden, so leicht wie ein Luftballon fliegt, konnten sich Lebensgrundlagen auflösen, Jahrzehnte harter Arbeit wie ein schlechter Witz im Schweigen eines unbarmherzigen Publikums

verhallen. Da bog sich seine Angel plötzlich, wippte vor und zurück. Er sprang auf und schnappte nach ihr, zog und drehte das Rädchen, um die Angelschnur einzuholen. Ein dunkler Schatten wand und währte sich am Haken. Flatterhaft schwang er durch die Nachtluft, als ob er zu fliegen versuchte. Doch dann gab er auf und hing nur noch schlaff an der Schnur. Er war überrascht, dass seine Beute sich so schnell ergab. Normalerweise rangen und kämpften die Fische bis zum bitteren Schluss und ließen nicht locker, bis der qualvolle Tod sie ereilt hatte. Er holte den Fisch näher, und als er unmittelbar vor seiner Hand war, sprach dieser zu ihm: „Du hast mich gefangen und es ist dein gutes Recht mich zu

töten. Aber ich biete dir etwas an, um mein kleines Leben zu retten. Verschonst du mich und lässt mich wieder frei, erfülle ich dir drei Wünsche. Du kannst dir wünschen, was immer dein Herz begehrt, Reichtümer, Frauen, Macht. Ich erfülle alles, wonach es dich gelüstet.“ Er ließ den Fisch ausreden, allein aus dem Grund, da ihm die Worte fehlten. Es war in der Tat ein sprechender Fisch. Und allen gängigen Klischees nach schimmerte er rotgolden im Laternenlicht. Wie im Märchen. „Na gut“, sagte er, „ich lasse dich frei und du erfüllst mir drei Wünsche.“ Falls es ein Traum war, lohnte es sich nicht, den Fisch danach zu fragen. Und falls das alles echt war, half ihm fragen umgekehrt

auch nicht mehr. Versteckte Kameras waren auch nirgends zu sehen. „Ich wünsche mir eine Flasche Ouzo, heute Nacht einen schönen Traum und nie wieder Stau auf dem Weg zur Arbeit.“ Der Fisch wunderte sich: „Willst du denn kein Gold oder Diamanten, Macht oder wunderschöne Frauen?“ „Nein, ich brauche das nicht, das macht mich nicht glücklich.“ „Willst du denn wenigsten genug Geld, um die Schulden deines Landes zu begleichen?“, fragte der Fisch. „Nein, das ist auch nicht nötig. Selbst wenn wir alle Schulden bezahlten, würde es nichts bringen. Es ist ein Fass ohne Boden und je mehr man hinein stopft, umso schlimmer wird

es. Und es braucht keine Wunder, damit sich etwas ändert. Es ist das System, in dem wir leben und je schneller man es kapiert, umso einfach wird es, damit zu leben.“ „Deinen Wünschen nach zu urteilen, willst du nichts daran ändern“, sagte der Fisch. „Nein, ich will und kann nichts daran ändern. Das ist nicht die Aufgabe meiner Generation. Ich ändere, was ich ändern kann und akzeptiere, was sich nicht ändern lässt. Dabei hilft der Ouzo ganz gut. Und staufreies Fahren ist auch was Feines, nicht?“ „Deine Wünsche sollen dir gegönnt sein“, sprach der Fisch und eine Ouzoflasche erschien neben ihnen. Er ließ den Fisch frei, packte seine Angelausrüstung ein und setzte sich noch

einmal an den Rand der Bucht, um ein letztes Gläschen Ouzo zu genießen. Heute würde er schön träumen. Das wusste er.

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Hörbuch

Über den Autor

koollook
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Ich schreibe seit 2010 Gedichte, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Songs.
Ich habe bis jetzt drei Gedichtbände und zwei Poetry Slam Textsammlungen mit Hörbuchfassungen veröffentlicht. Eine Übersicht gibts auf meiner Homepage.

Auf meiner Facebookseite gibt es täglich aktuelle Infos, Gedichte, Geschichten, Videos, Musik und und und. Ich würde mich sehr über euren like freuen:

https://www.facebook.com/artem.poetry

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Ich vertone meine Gedichte und Geschichten auch seit ein paar Monaten.
Auf soundcloud könnt ihr meinen letzten Band komplett vorgelesen hören (alle Gedichte sind auch downloadbar):

https://soundcloud.com/koollook_poesie

Seit Januar 2013 führe ich ein Projekt das "Ich schreibe über DICH!" heißt. Dabei kann mir jeder ein Bild von sich schicken und ich schreibe ein Gedicht dazu. Mit dem Projekt versuche ich Lyrik näher an den Leser zu bringen, um zu zeigen, dass sie nicht immer unverständlich und kompliziert sein muss ohne dabei in den Kitsch von Teetassenpoesie zu verfallen.
Wer mitmachen möchte, kann mir seine Bild an koollook_poesie@gmx.de schicken.
Hier könnt ihr die bisherigen 167 Bilder und Gedichte sehen:

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Seit 2014 nehme ich auch an Poetry Slams teil. 2015 wurde ich Rheinland-Pfalz Meister in dieser Disziplin.
Videos von Auftritten gibt es bei youtube.

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Tintenklecks Welch wunderschöne, wahre und große Geschichte ist dir gelungen. Und ich bin glücklich, dass sie mir bei meinen abendlichen Streifzügen durch mystorys ins Lesenetz gegangen ist. Wäre sie nun ein sprechender Fisch und fragte mich nach meinen Wünsche, würde ich mir mehr solcher Geschichten, viel Zeit dafür und eine gute Flasche Rotwein dabei wünschen.
Danke fürs sympatische
sagt der Tintenklecks
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Habe deine Geschichte sehr gern gelesen.
Sie stimmt nachdenklich und mich ein bisschen wehmütig.
Hilft da ein Ouzo? :))
Lieben Gruß
Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
baesta Tolle Story, hat mich ein wenig an den Fischer mit seiner Frau erinnert, aber nur ein wenig. Wünsche Dir ´nen Platz auf dem Treppchen.

LG Bärbel
Vor langer Zeit - Antworten
koollook Vielen Dank. Ich hab die Frau aus dem Spiel gelassen, aber der Fischer muss natürlich bleiben.^^
Vor langer Zeit - Antworten
KatharinaK Eine wirklich nette Begegnung der besonderen Art. Ich hatte glatt den Finanzminister Griechenlands da sitzen sehen. Ein Märchen? Vielleicht. Lob und Münzen ganz sicher. Liebe Grüße,
Katharina
Vor langer Zeit - Antworten
koollook Danke schön. Ob Finanzmister oder ein anderer Minister ... vielleicht ist es auch nur ein einfacher Fischer mit einer Blühenden Fantasie und zu viel Ouzo im Blut.^^
Vor langer Zeit - Antworten
NORIS Eine Geschichte, die nachdenklich macht ... besonders ist ihre Verknüpfung mit der Gegenwart.

LG Heidemarie
Vor langer Zeit - Antworten
schnief Eine tolle Geschichte!
Lg Manuela
Vor langer Zeit - Antworten
koollook Danke Manuela
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Caliope toitoitoi!
Vor langer Zeit - Antworten
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