Biografien & Erinnerungen
SAMSTAGSROUTINE - Das Badefest

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"Ja damals ..."
Veröffentlicht am 26. Januar 2015, 8 Seiten
Kategorie Biografien & Erinnerungen
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Über den Autor:

Ich wurde in einem kleinen Dorf bei Nürnberg geboren. Studium und Beruf brachten mich nach Baden Württemberg. Die etwa 35 Jahre im Dreiländereck waren genug. 1999 zog es mich in meine alte Heimat zurück und seither lebe ich in Fürth.
Ja damals ...

SAMSTAGSROUTINE - Das Badefest

das badefest

Es war kurz vor der Währungsreform. Damals lebten wir, meine Mutter, mein Großvater und ich, in einem kleinen ehemaligen Bauernhaus, das jemandem aus der Verwandtschaft gehörte. Meine Mutter hatte hier vor dem Krieg viele Ferien verbracht. Noch vor einer der schlimmsten Bombennächte über Nürnberg waren meine Großeltern mit ihr aufs Land gezogen. Nun wohnten wir unter einem Dach mit eben jenen Verwandten. Wir bewohnten das Erdgeschoß, in welchem sich drei kleine Zimmer und eine Wohnküche befanden. Weil mein Vater noch nicht aus Russland zuhause war, wurde eines der größeren Zimmer von

der alten Verwandten bewohnt. Ich habe sie noch kennengelernt, aber nicht mehr viel Erinnerung an die alte Frau. Im Anbau, dem ehemaligen Stall für ein Schwein und ein Ziegenpaar, befanden sich die Waschküche und das Plumpsklo. Das Wasser stammte aus dem Brunnen im Hof. Hinter dem Brunnen stand ein Schuppen, in dem das Brennholz lagerte, das man täglich für den Küchenherd brauchte.

Samstags war Badetag. In der Küche wurde im Herd ein kräftiges Feuer angeschürt, im Wasserschiff blubberte das kochende Wasser, das zuvor am Brunnen gepumpt worden war. Es war heiß in dem kleinen Raum. Aus der Waschküche holte Großvater

eine kleine und eine größere Zinkwanne. Beides wurde in der Küche aufgestellt, während auf dem Herd die eisernen Ringe dunkelrot glühten. Der Küchentisch war in

eine Ecke gerückt, neben dem Herd wurden ein paar Handtücher vorgewärmt und auf einem größeren Hocker stand die kleine Zinkwanne. Daneben lag ein Stück graue Kernseife. Vorsichtig schüttete meine Mutter mit einem großen Schöpfer etwas von dem kochenden Wasser aus dem Schiffchen im Herd in die Wanne, während mein Großvater aus einem emaillierten Eimer kaltes Wasser zugoss. Endlich stimmte die Temperatur. Rasch wurde ich ausgezogen und saß auch ruckzuck im warmen Wasser. Mit einem Frottee-Waschlappen, aus einem alten Handtuch genäht, und der feinen Kernseife wurde ich abgeschrubbt. Deren Duft werde ich nie vergessen! Manchmal ging es nicht ohne Tränen, weil alles sehr rasch gehen

musste. Auch das Waschen der Haare war für mich wahrlich kein Vergnügen, denn meine Locken waren widerspenstig und es ziepte überall. Eine Essigspülung sorgte für einen frischen Geruch und schon ging es ab ins große, warme Handtuch. Fest eingewickelt wie eine Mumie saß ich dann auf dem Küchentisch und ließ mir die Haare kämmen. Wieder ziepte es, aber Mutti wusste, dass es weh tat und war entsprechend vorsichtig. Dann bekam ich das große Nachthemd angezogen und ab ging es ins Bett. Mama und Opa badeten nach einander in der großen Wanne, wie ich später erfuhr. Das Badewasser wurde mühsam aus der Wanne geschöpft und landete schließlich im

Sommer im Garten am Gemüse oder den Blumen und im Winter ebenfalls irgendwo draußen auf dem Grundstück. Verschwendung so wie heute gab es nicht.


(C) HeiO 26-01-2015


Illustration und Coverbild: animaatjes

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Über den Autor

NORIS
Ich wurde in einem kleinen Dorf bei Nürnberg geboren. Studium und Beruf brachten mich nach Baden Württemberg. Die etwa 35 Jahre im Dreiländereck waren genug. 1999 zog es mich in meine alte Heimat zurück und seither lebe ich in Fürth.

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Tintenklecks ach ja.. Kindheitserinnerungen, und auch heute, hier in Ungarn war der holzbeheizte Badeofen eine gute Investition, so wie bei uns auch.
Auf meinem Weinberg gehts mit sonnengeheiztem Wasser. Im Winter gehe ich ins Thermalbad. Donnerstags, da zahle ich als Rentner nur den halben Preis.
lächelt der Tintenklecks.
Danke für die runde warme Badegeschichte
Vor langer Zeit - Antworten
NORIS Ich denke, ich sollte bei Dir gelegentlich vorbeischauen ... wenn es denn nicht so weit weg wäre ...
Und DANKE für den Favo!
Einen schönen Sonntag wünscht
Heidemarie
Vor langer Zeit - Antworten
Tintenklecks hast PN
Vor langer Zeit - Antworten
mohan1948 Bei uns war es auch eine Zinkbadewanne, die wir nach dem Krieg in der Küche aufstellten. Es war ungefähr so, wie Du es so ausführlich beschrieben hast. Erst 11 Jahre später, als wir in Linz dann eine Wohnung bekamen, hatten wir eine große gusseiserne Badewanne, mit WC und beheizbarem Badeofen mit aufgesetztem Boiler. Das war damals 1959 für mich eine große Freude, in der Nacht bei Kälte nicht mehr auf das Gemeinschaftsplumpsklo zu gehen.
Ich hatte immer Angst, den langen dunklen und kalten Gang zu gehen.
Die heutige Jugend kann sich das nicht mehr vorstellen, wie es damals war, ohne Wasser, WC im Haus. Bei Eis und Schnee mussten die Frauen die Wäsche draußen auch schwemmen, oder bis zum Bach hinuntergehen, wenn das Wasser knapp wurde.
Habe mich wieder in meine Kindheit versetzt gefühlt, danke für dieses wunderschöne Buch
liebe Grüße
Hannelore
Vor langer Zeit - Antworten
NORIS Mit Deinem Kommentar hast Du bei mir neue Erinnerungen lebencig gemacht ...
DANKE für alles und liebe Grüße
Heidemarie
Vor langer Zeit - Antworten
roxanneworks 
An die Zinkbadewanne habe ich nur verschwommene Erinnerung, aber ich weiß, das auch ich darin gesessen habe. besser kann ich mich an den riesigen Badeofen erinnern, der in unserem blau gekälkten Badezimmer stand, daneben eine weiße Emaillewanne auf Füßen.
Mein Bruder und ich saßen gemeinsam bis zum Bauch im Wasser in dem Ding - jeden Samstag. Danach badeten die Erwachsenen...
Mensch, wie die Zeit vergeht ;-)

Sehr schöne Erinnerung, liebe Heidemarie. Danke dafür!
Liebe Grüße
roxanne
Vor langer Zeit - Antworten
NORIS Aus dem Garten der Erinnerungen können wir zum Glück nicht vertrieben werden ...
DANKE für alles und liebe Grüße
Heidemarie
Vor langer Zeit - Antworten
Gaenseblume Ja,ich erinnere mich an die gute alte Zinkbadewanne draußen im Sommer auf der Wiese. Danke Dir dafür. LG Marina Gaenseblume
Vor langer Zeit - Antworten
NORIS Stimmt ... bei uns stand im Sommer auch immer die Zinkbadewanne im Hof ... zur Abkühlung und zum Spielen im Wasser ... ein Schwimmbad und einen Fluss gab es nicht ...
DANKE und liebe Grüße
Heidemarie
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Schumanski 
Da bekomme ich direkt Lust, mal meine Großeltern zu fragen wie das bei Ihnen damals war :)
Toll beschrieben!

LG Katja
Vor langer Zeit - Antworten
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