Krimis & Thriller
Fuschkin, Jahrgang 1945...

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"...Fuschkin, ein deutsches Nachkriegsdrama..."
Veröffentlicht am 29. November 2014, 40 Seiten
Kategorie Krimis & Thriller
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Über den Autor:

Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten... Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen. Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte... Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar. Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig: Paris und Venedig... 09.Mai 2015 Ich habe heute erfahren müssen, dass Silvi ...
...Fuschkin, ein deutsches Nachkriegsdrama...

Fuschkin, Jahrgang 1945...

Bleistift






Fuschkin, Jahrgang 1945 ...




Thriller


Fuschkin, Jahrgang 1945

Gestern war Ritas Fünfundsechzigster… Rückblick November, 1961...

Ziegelsteine polterten den Trümmerberg hinab. Fuschkin rutschte in einer Wolke aus Staub und geborstenen Ziegelsteinen, die der II. Weltkrieg den Berlinern hinterlassen hatte in seinen schon ziemlich arg zerschlissenen Wehrmachtsstiefeln den Schutthang hinunter. Er landete direkt neben einem erstklassig getarnten Eingang zu einer geheimen Höhle aus Brettern und Trümmersteinen.

Nachdem sich die graue Staubwolke etwas

verzogen hatte, stand Fuschkin plötzlich unvermittelt im Eingang und blickte finster in die Runde. »Jonny, hör auf die Rita zu ficken, wenn das überhaupt einer darf, dann bin ich das…«, grunzte er mit einem schiefen Grinsen. Jonny indes saß auf einem Stoß lose aufgeschichteter, wackliger Ziegelsteine und hatte etwas Holz in das qualmende Feuer nachgelegt. Ohne jedoch aufzublicken murmelte er stattdessen nur gelangweilt,

»Fick' dich selber, Armleuchter, reich lieber mal noch ne‘ Lulle rüber, Boss.« Fuschkin griff grinsend in seine grüne Manchesterjacke, die vordem auch schon mal bessere Zeiten gesehen hatte und grabbelte ein halbvolles Päckchen Roth-Händle heraus,

welches er Jonny zuwarf. Während Jonny aus der rotpapiernen Verpackung eine Zigarette herausangelte und sie an Rita weiterreichen wollte, grollte Fuschkin, »Ey‘, Mann, geh gefälligst sparsam mit den Dingern um, seitdem die Idioten im Osten vor drei Monaten die Zonengrenze dicht gemacht haben, hab‘ ick kaum noch einen Pfennig an Penunse in der Tasche. Eine gottverdammte Scheiße ist det aber auch, et gibt einfach kein Buntmetall mehr, wat wir noch verhökern könnten. Selbst die eiserne Reserve an Kupfer für die janz miesen Zeiten, die ist jetzt auch leider schon komplett aufgebraucht und mein Alter passt neuerdings sogar wie ein verdammter Schießhund auf das Zeugs auf.« So winkte er sich energisch die rot-schwarze

Papierschachtel von Jonny zurück, der sie ihm allerdings mit dem größten Bedauern und auch nur äußerst widerwillig zurück warf. Eine Weile saßen die drei nun schweigend vor dem leise knisternden Feuer, welches ihnen ein wenig Wärme gegen die frühzeitige Novemberkälte spendete und rauchten an ihren Lungentorpedos. Fuschkin stieß den würzigen Rauch seines letzten Zuges durch die Nase aus, »Zwei Päckchen Zigaretten nur für einen Fünf-Minuten-Fick, Rita. Jonny kann sogar die Zeit stoppen, keine Sekunde länger, ich schwör‘s«, sagte er plötzlich in die anhaltende Stille hinein. Das am Boden hockende Mädchen in dem verwaschenen weinroten Strickpullover und

dem derbleinernen, grauen Rock blickte langsam auf und zeigte Fuschkin den Stinkefinger. »Wenn ich meinem dicken Neger-Ami einen blase, bekomme ich ein ganzes Päckchen mehr dafür und wenn ich dazu noch meinen Pullover ausziehe legt er mir sogar noch drei Mark obendrauf, der steht nämlich mächtig auf meine Titten, weißt du…«, grinste die Vierzehnjährige, die immerhin schon wie siebzehn aussah. Allerdings nur, wenn man das hübsche, wenn auch ziemlich stark geschminkte Gesicht, versehen mit dem geklauten Make-Up von ihrer Mutter, tatsächlich für bare Münze nahm. »Außerdem weißt du doch ganz genau, dass ich mit Jonny zusammen bin, du verdammter Blödmann.«

»Dein strammer Neger wird dich von nun an nicht mehr belästigen, ick hab ihm mir nämlich gestern Abend vorgeknöpft. Ick bin hin zu ihm, hab ihm gesagt, wenn er dich auch nur noch einmal knallt, werde ick seinem Captain-Boss verklickern, dass sein fetter Bimbo-Sergeant Woche für Woche eine minderjährige deutsche Schülerin vögelt. Vor lauter Schiss gab er mir noch fünf Mark und nur deshalb kannst du jetzt in aller Ruhe deine Lulle genießen, meine kleine Prinzessin …«, lachte Fuschkin grob. Rita schaute ihn einen Augenblick lang völlig ungläubig an, tippte sich aber dann mit dem Zeigefinger langsam gegen die Stirn, »Idiot ...«, sagte sie tonlos und atmete hörbar den tief inhalierten Zigarettenrauch aus.

Fuschkin winkte resignierend ab, für heute war das Thema wieder einmal durch... »Wo sind eigentlich Nöri und Randy?«, fragte er stattdessen in die Runde. »Nöri muss auf seine kleine Schwester aufpassen, wo doch seine Mutter mit Schwindsucht in Bethanien liegt und Randy muss bei seinem Alten schon wieder im Gemüseladen aushelfen, der wird also auch nicht kommen«, antwortete Rita und schnippte ihre Zigarettenkippe resolut durch den offenen Höhleneingang die Geröllhalde hinunter, wo sie sich weiter unten in einem rotsprühenden Funkenregen auflöste. »Okay, dann machen wir es eben alleine«, meinte Fuschkin entschlossen. »Die Laube, die ich mir angesehen hab sieht so aus, als

hätten sie die schon winterfest gemacht. Wir brauchen also bloß noch diesen Kameraden hier …« Er fummelte unter dem kleingehackten Brennholzhaufen einen Kuhfuß hervor und wog das kurze Brecheisen fest in seiner starken Hand. »Das sollte reichen, dem widersteht nicht mal ne‘ Tür aus kerniger deutscher Eiche«, bemerkte er grinsend und drehte das massive Eisen flink in der Hand hin und her. Fuschkin war eins achtzig groß, weiß-blond und hatte blaue Augen. Ein Hüne, ein echter Germane eben und zudem war er auch schon bald siebzehn. Zwei Mal hintereinander war er in der Schule bereits sitzengeblieben, was ihn aber nicht im Mindesten störte, denn nun war

er erst recht der Größte, selbstredend auch der Stärkste in seiner Klasse. Keiner der es wagte, sich mit ihm anzulegen und selbst die Lehrer hielten stets eine vorsichtige Distanz zu ihm. Fuschkin machte nämlich keinerlei Hehl daraus, sogar einen Lehrer zu verprügeln, sollte der ihm jemals in die Quere kommen. So scharte er die Kleinen und Schwachen, die voller Bewunderung zu ihm aufblickten, um sich und bot ihnen für ihre Loyalität seinen Schutz. Denn er gab ihnen in seiner Gang Sicherheit und das absolute Gefühl der Zusammengehörigkeit, wie auch das lange vermisste Gefühl der Geborgenheit. Aber auch die von der Welt Alleingelassenen und maßlos Enttäuschten, wie beispielsweise Jonny und Rita, gehörten letztlich irgendwie dazu.

Fuschkin schob sich den Kuhfuß hinter sein Wehrmachtskoppelschloss, knöpfte die zerflederte grüne Manchesterjacke zu und sprang in mehreren Sätzen geschickt den Geröllhang hinab, während ihm die beiden anderen im vorsichtigen Gänsemarsch folgten. Inzwischen war es fast schon dunkel geworden, als die drei jene bewusste Laube in der benachbarten Laubenpieperkolonie erreicht hatten. Begünstigend für ihr Vorhaben war zudem auch noch in der abendlichen Dämmerung ein dichter Nebel aufgekommen, der jedoch kaum mehr als ein paar Meter an Sichtweite zuließ. Die Besitzer der Laube hatten die Fenster dieser maroden sommerlichen Behausung ringsherum bereits mit massiven Brettern

zugenagelt und sie damit schon winterfest gemacht. »Na, das passt ja alles, wie die Faust aufs Auge …«, flüsterte Fuschkin leise und grinste verschmitzt. Ein schneller Ansatz mit dem Kuhfuß und das Gartentor gab seinen ohnehin nur spärlichen Widerstand gänzlich auf. In der Ferne schlug derweil kurz ein Hund an, als sie für einen Moment lang innehielten, um mit angehaltenem Atem in die Stille dieses nebligen Novemberabends hineinzulauschen. Lautlos, wie die Cheyenne Indianer auf einem Kriegspfad, schlich sich das Trio auf das Grundstück dieser vereinsamten Parzelle. Auch der metallene Überwurf an der dünnen hölzernen Laubentür widerstand den manipulativen Bemühungen Fuschkins keine

Sekunde länger, als unbedingt nötig.

So konnten sie in aller Seelenruhe die kaum beschädigte Laubentür von innen sogar noch mit dem äußerst zweckmäßigen Brecheisen verkeilen, um vor einer unliebsamen Überraschung von draußen relativ sicher zu sein. Im Innern der Laube roch es muffig nach stockendem Holz und die laienhaft genagelten Dielenbretter knarrten beinahe bei jedem Schritt, den einer von ihnen machte. Jonny knipste seine kleine, fipsige Taschenlampe an, die allerdings nur ein müdes, gelbliches Funzel-Licht von sich gab. »Leuchte mal hierher, da steht eine Kerze«, flüsterte Rita, während Fuschkin rasch die Vorhänge vor den zugenagelten Fenstern

zuzog. Jonny riss ein Streichholz an und hielt es an die Kerze. Als der Docht brannte, stellte sich die schnell größer werdende Flamme auf und erhellte nun den äußerst bescheiden möblierten Innenraum dieser plötzlich mehr als trostlos erscheinenden Gartenlaube. Ein erster Rundumblick fiel somit ziemlich enttäuschend aus, denn außer einem alten, durchgesessenen Sofa gab es hier definitiv überhaupt nichts, was es sich auch nur annähernd lohnte, als Beute betrachtet und mitgenommen zu werden. »Schöne Scheiße...«, schimpfte Fuschkin leise, »da war also der ganze Aufwand völlig umsonst«, stöhnte er entnervt. Während Jonny und Rita sich auf das muffige Sofa setzten und gelassen zuschauten, wie

Fuschkin die beiden Küchenschränke nach etwas Brauchbarem durchstöberte. »Nischt, außer ein paar olle Teller und Tassen, een alten Kochtopp, det ist alles«, grummelte er, »wenn ick det doch bloß vorher gewusst hätte...« »Ist nun mal nicht zu ändern, Boss. Komm, schmeiß lieber noch ne‘ Runde, dann hauen wir wieder ab«, versuchte Jonny seinen aufgebrachten Anführer zu besänftigen. Fuschkin nickte und wie er das Päckchen Roth-Händle aus seiner Tasche herauszog, polterte ein glänzender Metallgegenstand auf die rohe Holzdielung. Fuschkins Schlagring. Er bückte sich, um die Waffe aufzuheben und blinzelte mit schiefgehaltenem Kopf auf den Fußboden. Doch dann flüsterte er aufgeregt,

»Ey Jonny, komm doch mal mit deine Funzel her, denn hier unter die Dielen, da is' wat …« Jonny grinste, »Haste jetze etwa den Piratenschatz vom ollen Käpt‘n Flint gefunden oder wat?« »Keine Ahnung, weeß ick doch ooch noch nich, aber irgendwat ist da unter die Dielen. Bring noch gleich mal den Kuhfuß mit, denn werden wir ja sehen, wat det is«, murmelte er und steckte seinen Zeigefinger zwischen zwei lose Dielenbretter. Mit dem Brecheisen wurde die Diele umgehend aufgehebelt und zum Vorschein kam eine große, uralte Sarotti-Schokladen-Dose mit dem Sarotti-Mohr auf dem Deckel. »Det issa, unser Piratenschatz«, murmelte Fuschkin hochentzückt und fuhr mit seinem schmuddeligen Ärmel über die Dose,

um den Staub davon abzuwischen. »Siehste Rita, da looft er, dein kleener Bimbo, da jeht er hin ...« Nun drängten sie sich alle um die schwere Blechdose, die Fuschkin vorsichtig, wie ein kostbares, jahrhundertealtes Relikt aus der Vergangenheit auf dem alten wackligen Küchentisch abstellte. Jonny ließ ein paar Tropfen heißes Kerzenwachs auf den Tisch fallen und stellte die brennende Kerze in das flüssige Stearin. Erst dann öffnete Fuschkin langsam den Deckel von der bunt bedruckten Blechdose. Was Fuschkins Augen sofort aufleuchten ließ, waren diverse Orden und Ehrenzeichen aus dem in Rauch und Feuer untergegangenen nationalsozialistischen Deutschen Reich. Die gesamte Dose war

randvoll gefüllt damit. Vom goldenen NSDAP-Parteiabzeichen bis hin zum Ritterkreuz war fast alles vertreten, was ein deutsches Heldenherz begehrte. Fuschkin griff hinein und zog sogleich fasziniert ein Eisernes Kreuz von 1943 daraus hervor. »Na, wat sage ick«, meinte er triumphierend, »ist det nicht een echter Wahnsinnsschatz?« Auch Jonny nickte schwer begeistert. Nur Rita war sichtlich enttäuscht, »Altes Blechgelumpe, von anno knippi, für so‘n Scheiß haben sich die Kerle vor ein paar Jahren noch totschießen lassen, echt dämlich. Schmeiß mal lieber noch ne‘ Lulle, Fuschkin.« Fuschkin reichte ihr die restliche Roth-Händle Packung und winkte dann ab, »Weiber ...«, grunzte er, »taugen zwar zum

Ficken, aber von den wahren Dingen haben sie überhaupt keine Ahnung.« Dann kippte er den Inhalt der Dose auf dem Küchentisch aus. Dumpf polterte ein schweres, in gelbliches Ölpapier eingewickeltes Stück Metall auf den Tisch. Noch bevor Jonny danach greifen konnte, hatte Fuschkin aber schon seine Riesenpranke darauf gelegt, »Das lass mal besser den Boss selber machen, mein Lieber, auf so wat hab‘ ick nämlich schon lange gewartet«, sagte er gefährlich leise und begann rasch das metallene Beutestück auszuwickeln. Einen Augenblick später hielt er eine sorgfältig eingefettete Parabellum-Pistole in der Hand. Freudestrahlend betrachtete er die Waffe wie ein Kind, dem man zu Weihnachten endlich

sein langersehntes Lieblingsspielzeug geschenkt hatte, »Eine 08, eine echte Luger, ick globe, ick werd‘ verrückt …« Als hätte er den Gebrauch dieser Waffe bereits mit der Muttermilch aufgesogen, kontrollierte er sofort alle Funktionen an der alten Offizierspistole. »Mensch, das Ding ist ja sogar noch geladen«, sagte er hellauf begeistert, als er das Magazin aus dem Griff der völlig intakt scheinenden Handfeuerwaffe entnommen hatte. Jonny hatte inzwischen den alten Ordenhaufen umgewühlt und fand darunter eine kompakte, kleine graue Pappschachtel mit Deckel. Vorsichtig zog er den Deckel ab,

»Und hier sogar die passende Munition zum Nachladen.« Fuschkin grinste entzückt,

»Tatsächlich? Lass mal sehen.« Jonny reichte ihm die Pappschachtel und Fuschkin zog vorsichtig mit den Fingerspitzen eine der messingfarbenen Patronen heraus,

»Das Zündhütchen… unbeschädigt, das 9 mm Projektil… sauber. Alter, die sind ja echt noch scharf. Klasse, 25 scharfe Mumpeln, dazu die achte, die noch im Magazin der Luger sind. Macht zusammen 33 Schuss, det is ja der helle Wahnsinn.« »Ja, echt Wahnsinn, was willste denn mit dieser Scheiß-Knarre, Fuschkin? Der Krieg ist doch längst schon vorbei, es gibt nichts mehr zu gewinnen«, sagte Rita, die es sich mit der Zigarette in der Hand inzwischen auf dem durchgesessenen Sofa bequem gemacht hatte. Fuschkin blickte Jonny grinsend an und

wies mit seinem Daumen in Richtung Sofa, »Wat habe ick gesagt, Weiber, keine Ahnung von nichts, aber davon sehr ville. Wat werden wir wohl damit machen, Prinzessin? Jetzt kann uns keiner mehr was. Jetze können wir es nämlich mit jedem aufnehmen, der uns einfach nur dämlich kommt!« Rita schüttelte verständnislos den Kopf, »Das konnte doch auch schon vorher niemand. Ach, Fuschkin, wie bescheuert bist du eigentlich, wenn dich die Polente mit dem Ding da schnappt, dann sitzt'e schneller in der grünen Minna, als dir lieb sein kann«, sagte sie und blies den Rauch ihrer Zigarette deutlich gelangweilt gegen die mit unzähligen Wasserflecken übersäte Decke der alten Gartenlaube.

»Okay, dann lasst uns verschwinden, mehr gibt es hier sowieso nicht zu holen. Morgen versilbere ich das Zeugs und übermorgen teilen wir dann die Moneten in der ersten Hofpause. Im Versteck, unter der Turnhalle, wie immer«, bestimmte Fuschkin und beendete die aus seiner Sicht höchst erfolgreich verlaufene Aktion. * Am übernächsten Tag gab Penkoleit, der Deutschlehrer, die Hausaufsätze zurück, »Jonny, Randy und Jürgen, ihr drei bleibt nach dem Pausenklingeln noch hier. Mir scheint, ihr habt eure Aufsätze alle drei gemeinsam voneinander abgeschrieben, oder irre ich mich

da?« Alles Leugnen half nichts, die drei mussten nach dem Klingelzeichen noch dableiben, während Fuschkin Rita beim Verlassen des Klassenraums zuraunte, »Bis gleich, im Versteck …« Rita nickte und Fuschkin verschwand bereits in dem Kellergang, welcher zu der nebenan gelegenen Turnhalle führte. Rita folgte ihm kurz darauf hinterher. Unter der Turnhalle befand sich ein niedriger Hohlraum, der einen guten Meter hoch mit gelbem Puderzuckersand aufgefüllt war. Nur über eine kleine, in Brusthöhe in die Kellerwand eingelassene graue Metalltür gelangte man in jenen Hohlraum unter der Turnhalle. Fuschkin hatte dieses ideale

Versteck schon vor geraumer Zeit entdeckt und meisterhaft ausgekundschaftet. Klammheimlich hatte er dann vom Original einen Seifenabdruck für einen Nachschlüssel angefertigt, als der invalide Hausmeister einmal für eine kurze Zeit sein Kabuff hatte offenstehen lassen. Zuhause, auf dem väterlichen Schrottplatz hatte Fuschkin mit Hingabe und sehr viel handwerklichem Geschick einen exakt passenden Nachschlüssel aus einem Aluminium-Rohling gefeilt. Seitdem traf sich die Gang meistens in den Hofpausen unter der Turnhalle. Dort war man sicher, konnte ungestört rauchen und sich gelegentlich auch die Penunse aus den gemeinsamen

Unternehmungen teilen. Rita klopfte leise den

vereinbarten Code an die Metalltür und plötzlich trat Fuschkin überraschend hinter einem der breiten Kellerpfeiler hervor, »Hat dich wer gesehen?« Rita schüttelte verwundert den Kopf, »Wer sollte mich denn gesehen haben? Es war alles wie immer, Boss.« Fuschkin nickte erleichtert und schloss mit seinem Nachschlüssel die kleine Tür auf. Dann drehte er sich mit dem Rücken zur Wand und während Rita in seine zur Räuberleiter geformten breiten Hände trat, flog sie fast schon durch den geöffneten Zugang. Die Deckenhöhe war dort allerdings so niedrig, dass selbst Rita nicht einmal darin stehen konnte. Kurz darauf zog sich Fuschkin ebenfalls durch die schmale Luke in das

unterirdische Turnhallenkonstrukt. Eilig schloss er hinter sich die Türe wieder ab und steckte den Schlüssel rasch in seine Jackentasche ein. Rita hatte sich inzwischen auf dem weichen, trocknen Sand ausgestreckt und Fuschkin reichte ihr seine letzte Zigarette aus dem rotbedruckten Papierpäckchen. »Hast du denn die Piepen dabei?«, fragte sie ihn leichthin, als er ihr Feuer gab. Langsam hatten sich ihre Augen an das diffuse Dämmerlicht gewöhnt, welches durch die Luftzirkulationsschächte aus der Turnhalle zu ihnen hinunter schimmerte. Fuschkin nickte grinsend. Jetzt erst erkannte Rita das Eiserne Kreuz, welches Fuschkin sich an einem schwarz-weißen Band um den Hals gehängt hatte. »Ich dachte, du hättest den ganzen

bescheuerten Blechkram verhökert, Boss?« Fuschkin grinste noch immer, »Hab ich ja auch. Alles, bis auf dieses echt dufte Teil hier, das war mir zum Verkaufen dann aber doch ein bisschen zu schade.« Rita schüttelte nur den Kopf, »Du bist immer noch der große Kindskopf, der nur sein Spielzeug braucht, Boss», sagte sie jetzt ebenfalls breit grinsend und blies ihn ihren Zigarettenrauch mitten ins Gesicht. »Rita, bis die anderen kommen, nur einen kleinen Fünf-Minuten-Fick. Bitte, jetzt wäre die Gelegenheit echt günstig dafür. Und du sollst es ja auch nicht umsonst machen. Keiner wird es jemals erfahren, wenn du nur dicht hältst. Es bleibt unter uns, ich schwör‘s«, bettelte er. Rita schaute ihn offen an,

»Nein», entschied sie rigoros. »Sieh dich doch nur mal an…und überhaupt, …nein, kommt gar nicht in Frage.« Etwas nervös geworden drückte sie ihre noch glühende Zigarettenkippe tief in den lockeren Sand und verschränkte ihre Arme abweisend vor der Brust. »Was hat denn dein verdammter Bimbo, was ich nicht habe?«, krächzte Fuschkin deutlich aufgebracht mit einer rauen Reibeisenstimme. »Es ist nur geschäftlich, mit dir wär' es was Persönliches und das geht einfach nicht, Boss«, beharrte sie entschieden ablehnend. Plötzlich hielt Fuschkin die Parabellum-Pistole in der Hand und richtete die Waffe auf das Mädchen, »Los, zieh deinen Pullover aus, du verfickte

kleine Nutte ...«, bellte Fuschkin nun völlig heiser. »Ach, dafür brauchtest du also die Knarre? Sehr heldenhaft, Fuschkin, wirklich«, sagte Rita in einem ziemlich bitteren sarkastischen Tonfall. Rasch zog sie sich ihren weinroten Rollkragenpullover über den Kopf. Fuschkin starrte wie gebannt auf ihre nackten Brüste. »…und nun, wie soll es jetzt weitergehen?«, fragte Rita maßlos enttäuscht. Fuschkin nestelte mit der linken Hand bereits am Koppelschloss seiner Hose. »Nein, Dietmar, tu das bitte nicht, so funktioniert das nicht«, bat sie ihn inständig. »Halt die Fresse, Prinzessin, mach‘s einfach.« Fuschkins Stimme überschlug sich nun beinahe. Ein Ruck ging plötzlich durch das

Mädchen.

»Nein, Dietmar, dann musst du mich schon totschießen«, sagte Rita plötzlich mit einer ungewohnten Festigkeit in der Stimme und hob, wie eine unbewaffnete Gefangene sich ergebend, ihre Hände. Blitzschnell lud Fuschkin nun richtig wütend geworden die Luger geräuschvoll durch. »Ich leg dich um, du Fotze ...«, krächzte er mit kaum noch erkennbarer Stimme. »Na und, dann schieß doch endlich, du blöder Arsch …«, rief sie zutiefst erbost. Fuschkins Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit zu einer fratzenhaften Grimasse verzerrt, als der Schuss plötzlich brach und der trockene Knall fast vollständig vom Zuckersand geschluckt wurde ...

Rita zuckte kurz zusammen und starrte fassungslos auf das kleine kreisrunde Loch, welches das Projektil ihr in die Brust gerissen hatte. Ein dünner roter Blutfaden rann nun zwischen ihren Brüsten abwärts. »Idiot …«, hauchte sie leise und kippte lautlos nach hinten über, während ihr Blick in einer unerreichbaren Ferne erstarrte ... * Stunden später fand man ihre Leichen. Die Kriminalpolizei ermittelte wegen Mordes und Selbsttötung. Der ermittelnde Polizeibeamte machte sich nebenher mit einem Bleistift ein

paar Notizen. »Das Mädchen?«, fragte der Kommissar den anwesenden Gerichtsmediziner. »Rita Wendtland, vierzehn, Herzsteckschuss aus kurzer Entfernung, war sofort tot, das arme Ding. Die Tatwaffe ist vermutlich die am Tatort aufgefundene Parabellum, eine 08, Luger vom Kaliber 9 mm. Der Junge, ein gewisser Dietmar Fuschner, genannt 'Fuschkin', sechzehn. Hat sich anschließend damit sehr wahrscheinlich selbst in den Mund geschossen, denn sein gesamter Hinterkopf...« »Ja, ist ja schon gut, Doktor. Ich hab’s gesehen. Womöglich ein Liebesdrama, Doc?« Der Mediziner schüttelte etwas verunsichert den Kopf,

»Möglich, aber eigentlich eher doch recht unwahrscheinlich...«

»Okay, sonst noch irgendwas?«, fragte der Kriminalist. »Genaueres dann erst nach der Obduktion und zur Tatzeit würde ich meinen, so über den Daumen, vor etwa vier Stunden, plus minus. Ach ja, und der Junge hatte eine wirklich ziemlich üble Hasenscharten-Narbe, die vor Jahren leider äußerst unprofessionell operiert worden ist und daher sein Gesicht schon zu Lebzeiten regelrecht entstellt haben musste«, ergänzte der Gerichtsmediziner. »Eine Hasenscharte?« »Ja, in der Tat, eine angeborene Fehlbildung im Gesicht, eine sogenannte Lippen-Kiefer-Gaumenspalte...«

»Ich weiß, was eine Hasenscharte ist, Doktor…«, unterbrach ihn der Kommissar unwirsch. Der Mediziner zuckte enttäuscht mit den Schultern, »Ja dann, alles andere eben später.« Der Kriminalist nickte wie abwesend, »Trotzdem, vielen Dank erst einmal, Doktor...« Dann wandte er sich an den erfahrenen Spurensicherer,

»Was hatten denn die beiden sonst noch bei sich, Hermann?«

»Das Mädchen, außer ihren persönlichen Anziehsachen, gar nichts. Der Junge trug ein Ritterkreuz von 1943 um den Hals und in den Innentaschen seiner grünen Manchesterjacke fanden sich neben einer fast leeren Schachtel Streichhölzer, ein exzellent nachgefeilter

Aluminiumschlüssel für diese kleine graue Wartungstür, sowie drei ungeöffnete Päckchen Roth-Händle Zigaretten und drei einzelne Mark-Stücke. Warum...?«




***















Impressum Cover: selfARTwork Covermotiv: Egon Schiele, 1911 Text: Bleistift © by Louis 2014/11 last Update: 2021/11

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Über den Autor

Bleistift
Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten...
Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen.
Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte...
Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar.
Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig:
Paris und Venedig...

09.Mai 2015
Ich habe heute erfahren müssen, dass Silvi Bredau am Samstag, dem 25. April 2015
ihren Kampf gegen den Krebs endgültig verloren hat...
Ich schäme mich meiner Tränen nicht...
Louis

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Brubeckfan O weh, o weh.
Du hast es schlüssig aufgebaut und bildhaft geschildert, Louis.

Ja die Grenze damals, die hat so manchem manches Geschäft verdorben. Und bis jetzt hat mir noch niemand eine Alternative zur Nahtstelle verfeindeter Systeme gesagt.

Viele Grüße,
Gerd
Vor ein paar Monaten - Antworten
Bleistift 
Merci, lieber Gerd, auch für diesen Kommentar von Dir zu meiner Geschichte über eine Jugendgang im damals geteilten Berlin.
In der Tat, diese Teilung Deutschlands und damit auch die von Berlin nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, war aus meiner Sicht einer der größten politischen Fehler, der alliierten Siegermächte, mit denen das nun wieder geeinte Land heute, ein Menschenalter danach, noch immer zu tun hat...
Aber es freut mich, dass Du meine Thriller-Geschichte zum Thema gelesen hast und dafür danke ich Dir... ...smile*
LG
Louis :-)
Vor ein paar Monaten - Antworten
Brubeckfan Zufällig, Louis, erzählte mir das Radio von einer Weiße-Krawatten-Bande, die im damals geteilten, aber nicht abgegrenzten Nachkriegsberlin ihr Ding machte.
Tja wie wäre die Mauer zu verhindern gewesen? In Jalta? Durch Verzicht auf den Überfall auf Polen? Noch früher? Jedenfalls stinken mich die jahrzehntelangen Sonntags-Krokodilstränen noch immer etwas an, mit ihren einseitigen Vorwürfen und den handfesten Angriffen hintenrum.
Egal, denn die Sieger definieren die Wertung, gell. War ja damals in der Ehemaligen auch so.

Grüße von Balin ßu Balin,
Gerd
Vor ein paar Monaten - Antworten
Valerina 
Lieber Louis,
hier fehlen mir die Worte und ich kann nur dankbar sein,
dass ich diese Zeit nicht erleben musste.
Ein Drama, noch schlimmer als Corona.
Ein sehr nachdenklich stimmendes, gelungenes Buch!
Ich bin grad tief betroffen und muss mich erstmal sammeln.

Ganz liebe Grüße
Valeri
Vor ein paar Monaten - Antworten
Bleistift 
Liebe Valeria, das ist in der Tat wahrlich keine so leichte Kost,
aber wenn man wie ich, die Nachkriegszeit als Kind selbst miterlebt hat, dazu etliche zerbombte Häuser von Berlin mit eigenen Augen noch gesehen, ja in diesen damals noch verbliebenen Ruinen sogar selbst gespielt hat, dann ahnt man vielleicht, was dieser furchtbare II. Weltkrieg auch in den Köpfen dieser Jugendlichen angerichtet haben mag...
Heute gehen wir auf den Teufelsberg im Grunewald oder dem großen Bunkerberg in Berlin Friedrichshain (Mont Klamott) spazieren und die wohl Wenigsten wissen noch, das dies die inzwischen begrünten Trümmerberge aus dem Zweiten Weltkrieg sind...
Herzlichen Dank, dass Du dieses authentische Nachkriegs-Drama trotzdem gelesen hast. Merci also für deine Lesezeit und die Anerkennung zu diesem Thriller...
LG
Louis :-)
Vor ein paar Monaten - Antworten
Enya2853 Lieber Louis, kaum hatte ich angefangen zu lesen, war alles wieder da von dieser tragischen Geschichte, deren Ende so absolut sinnlos ist. Junge Menschen, die hier ihr Leben lassen. Du hast sehr gut auf diesen dramatiaschen Punkt hingeführt. Inhaltlich und sprachlich sehr gelungen. Ich konnte mich in die Situation der Jugendlichen gut hineinversetzen und es kamen Erinnerungen auf an eigenes Erleben zu jener Zeit, als die Trümmergrundstücke in Frankfurt mir Raum gaben, mich zu entfalten.
Ein Herz hatte ich schon vergeben, Coins hast du diese Woche schon bekommen.
Bleibt nur, dir meine verbale Anerkennung zu zollen.
Liebe Grüße
Enya
Vor ein paar Monaten - Antworten
Bleistift 
Liebe Enya, da ich hier wieder ganz von vorn beginne, wollte ich wenigstens meine wichtigsten Geschichten mit rüberbringen
und da ich ganz klar sehr viel mehr Wert auf einen bewertenden Kommentar lege,
ist mir dies ohnhin die allerliebste Währung, selbst für eine gelungene Geschichte...
Und genau dafür danke ich Dir sehr herzlich...
Merci also für deine erneute Lesezeit zu diesem Berliner Nachkriegs-Drama...
Und von daher daher last but not least GGlG zu Dir ins Hessische... ...smile*
Louis :-)
Vor ein paar Monaten - Antworten
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