Humor & Satire
Badetag

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"Badetag"
Veröffentlicht am 18. November 2014, 12 Seiten
Kategorie Humor & Satire
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Über den Autor:

In meinem Garten steht kein Birnbaum - trotzdem unschwer zu erkennen wo mein Zuhause ist. Der Dichter, der dieses Land mit Leidenschaft beschrieb, muss damals schon gewusst haben, dass ich mich dort niederlassen würde. Das Schreiben habe ich - wie fast alle - mit dem ABC erlernt. Eigene Gedanken zu Papier zu bringen ... viel, viel später. Mich hat weder die Muse geküsst, noch fühle ich mich berufen meine Mitmenschen mit meinen literarischen ...
Badetag

Badetag

Badetag

 

„Gehst du heute zuerst ins Bad oder kann ich erst baden, Eddi?“, flötete Charlotte mit liebreizendem Lächeln.

Eine rhetorische Frage, wie Eduard seit einem halben Jahr wusste.  Er kam nie in den Genuss als Erster das Bad benutzen zu dürfen. Sonntags war Charlottes Wellness-Tag, wie sie ihn nannte. Die Temperatur im Bad wurde auf 30 °C hochgepowert, Duftteelichter an allen möglichen Stellen aufgestellt, der CD-Player mit Entspannungsmusik gefüttert. Das Badewasser war so heiß, dass Fünf-Minuten-Eier schon nach zwei Minuten zum

Verzehr geeignet waren. Die feuchtwarme Luft ließ Eddi befürchten, dass sich die Beschichtung der Spiegel lösen würde. Zum Glück war das noch nicht passiert.

Seit Charlotte auf ihrem Schönheitstrip war, hatte sie sich verändert. Nicht nur, dass sie mit fanatischem Eifer jeden Morgen eine Stunde um den Häuserblock joggte, auch der Speiseplan hatte Änderungen erfahren, die an ausgewogenes Futter für Zuchtpferde erinnerten. Das Bad quoll über von

Tiegeln mit Cremes, Lotionen, Flaschen mit Duftwässerchen und kleinen Dosen, deren Inhalt eine undefinierbare Paste

enthielten. Sein Rasierwasser hatte einen lieblosen Platz bekommen und stand verschämt in der äußersten Ecke.

Meine Güte, sie hatten beide die Sechzig überschritten. Was sollte der ganze Stress. Eddi seufzte.

  „Ich bade heute zuerst!“

Er versuchte seinen Worten Nachdruck zu verleihen, doch Charlottes Antwort belehrte ihn, dass die Entscheidung schon getroffen worden war. Von ihr.

  „Du glaubst ja immer, du wärest im Freibad. Ich muss dann erst das Bad saubermachen, bevor ich meine Wellness-Stunde genießen kann.“

Was heißt hier Wellness-Stunde, dachte Eddi. Unter zwei Stunden lief ihr Programm nicht ab. Es war jetzt 19:00 Uhr. Er hatte allein zu Abend gegessen. Mit vollem Magen nimmt man kein Bad, behauptete

Charlotte. Da hatte sie ausnahmsweise recht. Er würde, wenn er Glück hatte, um 21:00 Uhr das Bad benutzen dürfen, wahrscheinlicher war, dass es eine Stunde später sein würde.

Das war ihm zu spät. Er schlief dann so schlecht. Also würde er, wie jeden Tag,

mit der Dusche vorlieb nehmen müssen. Wenn es nach ihm ginge, hätte er jeden x-beliebigen Tag ein Bad genommen. Das war nicht möglich. Montags stand der Wäschetrockner im Bad. Die saubere Wäsche könnte bespritzt werden. Dienstags wurden die Spiegel geputzt. Sie könnten bespritzt werden. Mittwochs ... er wollte gar nicht mehr darüber nachdenken. Warum machte er dieses Spiel überhaupt mit? Er

wohnte doch nicht zur Untermiete hier. Wut kroch in ihm hoch.

  „Nimm´ bitte die Ente aus dem Tiefkühler, damit sie morgen früh aufgetaut ist.“

Nach diesen Worten verschwand Charlotte im Bad. Eddi glaubte sich verhört zu haben. Ente? An einem Montag? Er überlegte, wann er das letzte Mal ein vollwertiges Essen zu sich genommen hatte. Er konnte sich nicht erinnern. Wahrscheinlich hatte der Vogel das Verfallsdatum schon überschritten. Ewig hielt der sich auch nicht. Selbst in gefrorenem Zustand nicht.

Eddi räumte die Reste seines Abendessens weg und inspizierte nicht sehr hoffnungsvoll den Kühlschrank nach einem leckeren

Dessert, das er vielleicht beim Fernsehen

genießen konnte.

Außer Joghurt, natürlich fettarm, gab dieser nichts her. Wütend knallte er die Kühlschranktür zu. Er würde mit Charlotte reden. Ernsthaft! So ging das nicht weiter.

Das Fernsehen zeigte den obligatorischen Sonntagskrimi. Diese beiden Ermittler sah er ganz gerne. Die Story jedoch unterschied sich nicht von tausend anderen. Zwischendurch schaute er immer  wieder auf die Uhr. Meistens dann, wenn leises Wasserrauschen aus dem Bad zu hören war. Charlotte ließ heißes Wasser nachlaufen. Es war 21:00 Uhr. Charlotte müsste doch jetzt fertig sein. Das Fenster im Bad öffnen, damit es sich etwas abkühlte, die Heizung abdrehen. Vielleicht

konnte er doch noch ein Bad nehmen.

Der Gerichtsmediziner speiste gerade in einer elitären Herrenrunde. Auf dem üppig gedeckten Tisch prangte ein Fasan.

Eddi fiel die Ente ein. Es war 21:30 Uhr. Er sprang auf, ging in die Kammer - dort stand der Tiefkühler - und wurde schnell fündig. Ein schönes Exemplar konstatierte er freudig überrascht. Als er an der Badtür vorbeikam blieb er stehen und lauschte. Er erwartete Geräusche, die auf das Ende der Wellness-Prozedur hindeuteten. Kein Klappern, kein Wasserrauschen. Ruhe! Er öffnete die Tür. Die Hitze, die ihm entgegenschlug nahm ihm den Atem. Dampfschwaden waberten als wäre er in einer Geisterlandschaft. Das Licht der vielen Kerzen unterstrich diese

Atmosphäre. Im Hintergrund dudelten

Sphärenklänge. Durch den Nebel erblickte er Charlotte. Sie lag immer noch in der Wanne. Ein Wannenkissen im Nacken, genoss sie

offensichtlich ihr Schönheitsbad. Schaumberge quollen bis fast über den Wannenrand. Auf ihnen lagen einzelne Blüten, um die sich ein zartrosa Rand gebildet hatte.

Charlotte riss erschrocken die Augen auf. Eddi kochte vor Wut.

Mit Schwung schleuderte er die Eisente in die Wanne.

  „Die Ente möchte auch ´mal im Rosenwasser schwimmen“, zischte er im Hinausgehen. Mit einem lauten Knall flog die Tür hinter ihm ins Schloss. Im Fernsehen lief

gerade der Abspann des Krimis. Er zappte wütend durch das Fernsehprogramm und versuchte sich letztlich auf einen Moderator zu konzentrieren, der sich verzweifelt bemühte, die Gäste einer Talkshow zu einem konstruktiven Gespräch zu motivieren. Weder der Moderator noch Eddi waren erfolgreich.

Nach zwanzig Minuten beschlich Eddi ein mulmiges Gefühl. Warum rührte sich nichts? Charlotte hätte doch schon aus dem Bad kommen müssen. Und warum hatte sie nicht empört protestiert, als er die Ente in die Wanne geworfen hatte?

Eddi sprang auf und stürzte ins Bad. Charlotte? Wo war Charlotte? Ihr Kopf ruhte nicht mehr entspannt auf dem

Wannenkissen. Panisch schob Eddi den Schaum zur Seite. Durch das trübe Wasser sah er Charlotte. Sie lag mit geschlossenen Augen auf dem Wannenboden. An ihren Hals schmiegte sich die Ente, als suchte sie vor weiteren Überraschungen Schutz.

Verzweifelt versuchte Eddi Charlotte aus dem Wasser zu ziehen. Immer wieder entglitt sie ihm. Endlich zog er den Stöpsel. Das Wasser lief ab. Entsetzt blickte Eddi auf Charlottes Gesicht. Auf ihrer Stirn, nahe der Schläfe, zeichnete sich eine prächtige Beule ab. Die Eisente hatte sie getroffen, sie war ohnmächtig geworden und ertrunken. Das Entsetzen ließ Eddi erstarren. Doch dann keimte ein neues Gefühl in ihm auf, das sein Entsetzen für einen kurzen Moment

noch verstärkte. Triumph! Dieses Gefühl wurde immer stärker, bis es letztlich die Oberhand gewann.

Er würde morgen baden, wann er wollte, so lange er wollte und ... er würde als Erster das Bad benutzen.

Wer sollte ihm das streitig machen?









© KaraList 11/2014

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Über den Autor

KaraList
In meinem Garten steht kein Birnbaum - trotzdem unschwer zu erkennen wo mein Zuhause ist. Der Dichter, der dieses Land mit Leidenschaft beschrieb, muss damals schon gewusst haben, dass ich mich dort niederlassen würde.
Das Schreiben habe ich - wie fast alle - mit dem ABC erlernt. Eigene Gedanken zu Papier zu bringen ... viel, viel später. Mich hat weder die Muse geküsst, noch fühle ich mich berufen meine Mitmenschen mit meinen literarischen Ergüssen zu überschütten.
Nach gefühlten 20 000 gelesenen Büchern, habe ich mir gesagt, eine Geschichte oder ein Gedicht schreiben, das kannst du vielleicht auch. Und wenn der geneigte Leser nach der letzten Zeile das Buch mit dem Gedanken zuschlägt ´schade, dass es zu Ende ist` - dann war die Mühe nicht umsonst. Denn, Schreiben ist Arbeit.

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Trollmops Die Rache der Ente ...
toll geschrieben, auch wenn man sowas schon geahnt hatte.
Gruß Det
Vor ein paar Monaten - Antworten
KaraList Na ja, das arme Federvieh musste einiges über sich ergehen lassen ...
geschlachtet, gefroren, gebadet ... wenigstens wurde ihr der Backofen erspart.
Vielen herzlichen Dank für Deine Lesezeit, Det.
LG
Kara
Vor ein paar Monaten - Antworten
Luann :-).............ich wunderte mich schon wo denn der Schrei blieb als die gefrorene Ente ins heiße Wasser flog.......und dann soviel Genugtuung...
Herrlich.....Liebe Grüße Luann.
Vergangenes Jahr - Antworten
KaraList Du denkst eben schneller als Eddi. :-)
Schön, dass Du in meinem Bücherregal gestöbert hast. Ein herzliches Dankeschön für Deine Lesezeit und das Taschengeld, liebe Luann. Freu!
LG
Kara
Vergangenes Jahr - Antworten
cooki  Wirklich toll geschrieben, mit einem Schluss mit dem ich nicht gerechnet habe. Dachte er rettet sie
Ich kenne das selbe Problem mit meinen Schwestern. Wer als erster ins Bad geht.
Liebe Grüße Eva
Vergangenes Jahr - Antworten
KaraList 
Liebe Eva,
ich freue mich über Dein Stöbern in meinem Bücheregal. Vielen herzlichen Dank für Deine Lesezeit und das Taschengeld.
Tja, wenn Du Schwestern hast, bleibt die Erfahrung hinsichtlich der Badbenutzung nicht aus. :-)
LG
Kara
Vergangenes Jahr - Antworten
Annabel Ich bin schon wieder da.Ich musste so über deinen Gastebucheintrag lachen. Eine herrliche Phantasie hast du. Lieben Dank für diese schöne Geschichte.
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Nun, wenn ich Dir ein Lachen bescheren konnte freut mich das. :-)
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
Finnley Ich hab mich während dem lesen gefragt, wann dem geplagten Ehemann der Kragen platzt..:-)) aber die Idee mit der Ente, die war genial.
Herrlicher Lesestoff!
Gruß Finn
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Aha, Mitleid mit dem armen Eddi ... :-)
Schön, dass Du hier warst und meine Geschichte hast Du in Dein Bücherregal gestellt. Freu! Vielen herzlichen Dank, Finn.
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
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