Fantasy & Horror
WELTENFALL - Teil 1

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"WELTENFALL - Teil 1"
Veröffentlicht am 15. Oktober 2014, 82 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
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Über den Autor:

Was soll man über sich selbst erzählen? Ich schreibe sehr gerne und sehr viel. Meist Texte und Kurzgeschichten aus dem Horror, Fantasy oder Thriller-Bereich.
WELTENFALL - Teil 1

WELTENFALL - Teil 1

When logic and proportion have fallen softly dead and the White Knight is talking backwards and the Red Queen's off with her head. Remember what the doormouse said: "Feed your Head, Feed your Head!”

Jefferon Airplane, White Rabbit

„Vierzig Euro? Ernsthaft? Du willst mich doch verarschen! Das Teil ist mindestens das Doppelte wert!“ Janyce war stocksauer. Mit funkelnden Augen hielt sie dem Hehler das Handy unter die Nase. Der schüttelte nur entnervt den Kopf. „Hör zu. Es mag ja sein, dass es ein I-Phone ist. Trotzdem ist es uralt, mit

völlig überholter Technik. Sei froh, dass ich dir überhaupt etwas dafür geboten habe. Jeden anderen hätte ich längst vor die Tür gesetzt.“ Der Mann griff sich das Smartphone, sah es sich unnötiger Weise noch einmal an, prüfte die Funktion und legte es dann wieder vor sich auf den Tresen. Seiner Mimik nach zu urteilen, war er alles andere als begeistert. Trotzdem wollte Janyce nicht so ohne weiteres klein beigeben.

„Aber es ist das Bessere, das Vierer… Im Internet bieten die überall noch mindestens hundertfünfzig Euro dafür. Hör zu, ich brauche das Geld echt dringend…“  In ihrer Stimme schwang aufrichtige Verzweiflung mit aber an

einem erfahrenen Händler wie dem Kerl ihr Gegenüber, prallte das ab. Der Typ war ein eiskalter Hund. „Gib mir wenigstens achtzig. Bitte!“

„Ich mag dich Jazz, dass weißt du! Aber habe dir schon viel zu oft geholfen. Diesmal nicht, tut mir leid. Nimm die vierzig oder lass es bleiben.“

„Also gut….!“ Zähneknirschend willigte sie ein und nickte betrübt. „Aber damit das klar ist! Ab sofort bin ich wieder Janyce für dich. Jazz nennen mich nur meine Freunde!“

Der alte Hehler lachte meckernd und klang dabei tatsächlich wie ein lungenkranker Ziegenbock. „Schatz, sobald du Geld brauchst kommst du

wieder und spätestens dann sind wir auch wieder die dicksten Kumpel.“ Er zählte vier Zehner ab und legte sie auf den Verkaufstisch. „Ernsthaft! Ich mache das nicht für jeden. Sei dankbar, dass du überhaupt was bekommen hast.“

„Jaa! Bin ich ja. Es reicht nur eben nicht…“ Jazz nahm das Geld und verließ den Laden. Draußen auf der Straße hatte es zu nieseln begonnen. Außerdem war es empfindlich kalt geworden. Der Sommer hatte sich tapfer bis tief in den Oktober hineingekämpft. Nun aber, verließen ihn die Kräfte. Für die nächsten Tage war eine ausgedehnte Kaltfront angesagt, mit Stürmen, Regen, Hagelschauern, dem kompletten

Programm. Janyce brachte das in ernsthafte Schwierigkeiten. Die vergangenen Monate hatte sie in besetzten Wohnungen, mit den Punks vom Bahnhof, dem ein oder anderen Kumpel oder manchmal auch draußen im Freien verbracht. Wenn es einigermaßen warm und trocken war, hatte eine lauschige Nacht an den Ufern von Alster oder Elbe fast etwas Romantisches. Aber auch nur dann.

„Hey!“, der Ruf riss Jazz aus ihren Gedanken. „Und? Sag, wieviel hast du bekommen?“ Kiki, Janyce beste Freundin, blond, burschikos und völlig überdreht, hatte in sicherer Entfernung an einer Hauswand lehnend gewartet. Sie

hatte sich vor einiger Zeit mal übel mit dem Hehler angelegt und ging ihm seit dem vorsorglich aus dem Weg. Da nun aber keine Gefahr mehr zu bestehen schien, kam sie gut gelaunt über die Straße gehüpft. „Reichts für was zu rauchen und ein paar Bier?“

„Ja sicher! Mit dem was wir noch haben, kommen wir ein paar Tage über die Runden. Zu mehr reicht es aber nicht mal im Ansatz. Womit wir wieder bei der Frage wären, wo ich die nächsten Wochen pennen soll? Ich habe echt keinen Bock, mir unter irgendeiner Brücke den Arsch abzufrieren.“

„Du kannst mit zu mir, dass weißt du! Ich regele das schon…“

Jazz schüttelte energisch den Kopf. „Kann ich nicht und das weißt du! Dein Bruder hasst mich, weil ich ihn damals so übel hab abblitzen lassen. Entweder er lässt mich gar nicht erst rein oder er kommt irgendwann in der Nacht zu mir ins Bett und fällt über mich her. Danke, aber so verzweifelt bin ich dann doch nicht.“

Die beiden gingen die Straße hinunter, Richtung Innenstadt. „Denk drüber nach, das Angebot bleibt bestehen.“ Kiki hakte sich bei ihrer Freundin unter und grinste breit. „Mein Bruder ist seit einem halben Jahr ohne Freundin, der hat dermaßen Druck, dass er nach fünf Minuten mit dir fertig wäre…“

„Nee, echt! Danke! Da rufe ich lieber bei Ben an und fall vor dem auf die Knie.“ Janyce rümpfte gespielt übertrieben die Nase.

„Im wahrsten Sinne des Wortes, was? Ich weiß genau, was du da unten willst.“ Kiki grinste über das ganze Gesicht.

„Arsch!“ Erst jetzt verstand Jazz die Zweideutigkeit ihrer Worte. „Glaub es oder nicht, bei ihm hätte ich nicht mal was dagegen. Außerdem könnte ich duschen und endlich wieder in einem richtigen Bett schlafen.“

„Dann ruf ihn doch einfach an.“ Kiki kicherte gehässig. „Ich meine, …das könntest du, wenn du nicht gerade dein Handy verkauft hättest.“

„Haha!“, entgegnete Jazz. Sie versuchte grimmig zu gucken, konnte sich ein schmales Lächeln aber nicht verkneifen. „Hat er eigentlich eine neue Freundin?“

Kiki nickte. „Du hast Glück! Ich habe erst kürzlich mit ihm gesprochen. Er hatte wohl eine Zeit lang irgendwas am Laufen aber das hat sich erledigt. Die Dame ist ihm zu sehr auf die Pelle gerückt. Weißt ja wie er ist.“

„Stimmt, dass kann er gar nicht leiden. Glaubst du…?“

Plötzlich trat ein Mann aus einer Häuserecke heraus, direkt auf sie zu. Ungeniert sprach er die beiden an. „Ihr seht aus als könnte man mit euch ins Geschäft kommen?“ Sein Dialekt klang

fremd, irgendwie osteuropäisch. „Interesse?“

Janyce wusste sofort, dass sie es mit einem Dealer zu tun hatte. Wenn man, wie sie, seit Jahren auf der Straße lebte, begann man ein Gespür zu entwickeln. Man wusste einfach, wer zu einem gehörte und wer nicht. „Wenn du Gras hast, nehme ich ein wenig. Mehr ist aber leider nicht drin, wir sind pleite.“

Der Fremde nickte. „Das Beste Gras der Stadt. Weil ihr Neukunden seid, und weil ich euch mag, überlasse ich euch das Gramm für nen Zehner. Außerdem lege ich ein Päckchen Black Velvet dazu. Als Geschenk, zum ausprobieren. Das Zeug ist total super, ganz neu auf

dem Markt. Einfach sparsam in den Tabak bröseln und rauchen. Bläst euch die Lichter aus und gleich danach direkt ins Märchenland. Wenns gefällt, und darauf verwette ich meinen Arsch, kommt ihr wieder und holt euch Nachschub. Ich bin immer irgendwo hier in der Gegend zu finden.“

Jazz blickte zu Kiki hinüber, die zustimmend nickte. „Ok, Deal! Ich nehme zwei Gramm und dazu das Probierpäckchen. Wenn sich deine Versprechungen bewahrheiten, kommen wir wieder.“

„Das wirst du, garantiert! Denn das ist Black Velvet. Der Stoff aus dem die Träume sind. Deine Träume, Baby!“ Als

der Typ seinen Mund zu einem gewinnenden Lächeln öffnete, drehte sich Janyce beinahe der Magen um. Die Zähne des Mannes  waren durchweg verfault. Schwarze Stummel ragten schiefen Ruinen gleich über kränklich grauem Zahnfleisch hinweg. Sie erschauderte vor Ekel. Neben sich hörte sie Kiki vor Entsetzen keuchen.

Nur weg!

Die beiden brachten den geschäftlichen Teil hinter sich und machten sich so schnell wie möglich davon.

„Der war ja krass!“, stieß Kiki hervor, als sie außer Hörweite waren. „Hast du seinen Mund gesehen? Unglaublich! Geht sowas überhaupt?“

„Zuviel Meth! Merk dir was du gesehen hast und denk daran, was ich immer sage. Zieh dir rein was du willst, aber lass die…“

„…Finger von den fiesen Sachen! Jaja, ich weiß. Man muss sich an Grenzen halten, wenn man überleben will.“

„Ganz genau! Mach nicht dieselben Fehler wie ich…“ Janyce blickte ernst zu ihrer Freundin hinüber, dann zwinkerte sie ihr plötzlich zu. Diese Stimmungswechsel waren typisch für sie. „Wenigstens haben wir ein gutes Geschäft gemacht. Und wenn das Zeug nur halb so gut ist wie er gesagt hat, werde ich mich über den Rest nicht beschweren.“

Die beiden verbrachten den Nachmittag auf die übliche Weise in der Innenstadt. Sie tranken, kifften, pumpten Leute an, hingen ab und trafen sich mit Freunden. Erst als es dunkel wurde, verabschiedeten sie sich voneinander.

Jazz war den Tag über stiller gewesen als sonst. Ihre missliche Lage ging ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf. Nie zuvor hatte es so schlecht um ihre Wohnsituation gestanden. Klar, sie hätte sich viel früher kümmern sollen. Aber das hatte sie nicht und nun war es eben so. Wichtig war, dass sie jetzt eine Entscheidung traf. Und zwar sofort! Wenn sie die nächsten Nächte nicht auf der Straße verbringen wollte, musste sie

handeln. Leider blieben nur wenige Alternativen. Es gab nur noch Ben. Schweren Herzens suchte Janyce eine Telefonzelle auf und wählte die Nummer. Sie kannte sie noch immer auswendig.

„Ja?“ Allein seine Stimme zu hören, ließ ihr das Herz bis zum Hals klopfen. „Hey Ben! Ich bins, Jazz! Wie gehts dir?“

„Hm, hi! Alles bestens!“ Er klang deutlich genervt. „Was willst du?“

„Ich rufe nur so an. Du hast eine Ewigkeit nichts von dir hören lassen und ich wollte mich einfach nur mal vergewissern, dass bei dir alles in Ordnung ist!“

„Das ist dir doch sonst egal? Verarsch

mich nicht! Ich kenn dich Jazz, wenn du dir die Mühe machst meine Nummer zu wählen, dann willst du auch was!“

„Ben, ich…“

„Du suchst einen Platz zum pennen!“

„Ja!Sogar heute schon, wenn es geht?“ Wie immer schien er in ihren Gedanken wie in einem Buch lesen zu können. Janyce fühlte sich ertappt und wurde kleinlaut. „Nur für ein paar Tage, bis ich was anderes gefunden habe.“

Er zögerte unangenehm lange. „Von mir aus. Ein paar Nächte kannst du bleiben! Aber nicht länger. Aber damit das klar ist und wir uns richtig verstehen. Wir kommen nicht wieder zusammen! Ganz egal was zwischen uns auch passieren

mag. Ich will nichts hören, klar? Kein Wort über Gefühle, Geschichten von damals oder sonst einen Beziehungskram! Wenn ich sage, dass du dich verpissen sollst, packst du deine Sachen und verschwindest!“

„Natürlich, ganz wie du willst. Danke Ben, du rettest mir damit wirklich den Arsch!“

„Jaja! Anstatt mir zu danken solltest du dir überlegen, wie du dich bei mir revanchieren kannst.“ Es war klar was er meinte. „Ich mach das sicher nicht umsonst!“

„Schon klar, kein Problem! Du wirst es nicht bereuen. Ich versprechs!“

„Wir werden sehen…“

Damit war das Gespräch zu Ende. Es klickte, Ben hatte grußlos aufgelegt.

„Ich freue mich auch!“

Arschloch!

Jazz machte sich sofort auf den Weg. Da es bereits dunkel wurde, entschied sie sich, die Straßenbahn zu nehmen. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten löste sie sogar eine Fahrkarte. Nicht weil sie plötzlich auf den rechten Weg zurückgefunden hatte, sondern weil sie einfach keinen weiteren Stress ertragen konnte. Ben zu treffen setzte ihr wesentlich mehr zu, als sie erwartet hatte. Ihre Hände zitterten und sie hatte einen Kloß im Hals. Als sie endlich seine Wohnung erreicht hatte und seine

Klingel drückte, stand sie endgültig vor einer mittelschweren Panikattacke.

Ben öffnete die Tür und ließ sie grußlos eintreten. Er sah verdammt gut aus. Abgesehen von einer schwarzen Boxershort und seinem geliebten Morgenmantel, war er vollkommen nackt. Eine halbgerauchte Kippe hing in seinem Mundwinkel. Jazz warf einen verstohlenen Blick auf seinen durchtrainierten Körper und seufzte innerlich. Ihre Gefühle begaben sich lauthals kreischend auf eine nur schwer zu ertragende Achterbahnfahrt.

„Magst du ein Bier?“, fragte er und ging in die Küche. Janyce folgte ihm. „Gern, danke!“

„Hast du keine Sachen mitgebracht?“

„Nur das, was ich in meiner Tasche habe.“ Sie hielt ihren kleinen Rucksack hoch und setzte sich an den Küchentisch. Ben öffnete eine Flasche hielt sie Jazz hin. „Ich glaube, ich habe irgendwo noch ein paar Klamotten von dir herumliegen.“, sagte er und zuckte mit den Schultern. So desinteressiert wie er tat, war er jedoch nicht. Janyce spürte, wie er sie heimlich taxierte.

„Du hast sie noch?“ Sie konnte ihre Überraschung darüber nur schwer verbergen. „Weißt du wo?“

Ben antwortete nicht. Stattdessen deutete er ihr mit einem Nicken an, ihm zu folgen. Jazz gehorchte. Das Bier ließ

sie stehen, irgendwie war ihr im Moment nicht nach trinken zu Mute.

Ben führte sie ins Schlafzimmer. Direkt neben dem Schrank mit der übergroßen Spiegelfront stand ein prall gefüllter, blauer Müllsack.

„Das meiste davon dürfte dir gehören. Denke ich? Egal, nimm dir einfach was du willst.“

„Danke, Ben!“ Janyce kniete sich hin, öffnet die Tüte und warf einen Blick hinein. Das erste was sie fand, waren ein Paar ausgelatschte Fellmokassins. Sie nahm sie heraus und warf sie neben das Bett. „Für nachher!“

Als nächstes zog sie eine knappe Jeans heraus. Sie gehörte nicht zu den Sachen,

die sie bei ihrem damaligen Auszug zurückgelassen hatte, schien aber in der richtigen Größe zu sein.

„In der Tüte müsste auch ein schwarzes Nachthemd sein, ich möchte dass du es anziehst.“, sagte Ben hinter ihr.

„Meinst du dies hier?“ Es war nicht schwer zu finden. Anscheinend war es absichtlich ganz oben in die Tüte gelegt worden. Janyce erhob sich und wollte es eben hochhalten, da spürte sie, wie zwei Hände von hinten über ihre Taille glitten. Ben drückte seinen Körper gegen den ihren. „Genau das meine ich!“, sagte er und begann damit ihren Hals zu küssen. Jazz schloss die Augen und genoss die zärtlichen Liebkosungen.

Sie hob die Hand, griff hinter sich, und strich ihm durchs Haar. Langsam drehte sie sich zu ihm um.

„Ich ziehe es gern für dich an!“, hauchte sie leise. „Lass mich kurz unter die Dusche, es war ein langer Tag!“

Ben nickte und küsste sie leidenschaftlich auf den Mund. „Aber beeil dich!“

Jazz huschte unter die warme Brause und wusch sich den Schmutz des vergangenen Tages ab. Sie genoss das heiße Wasser viel länger als es eigentlich nötig gewesen wäre, riss sich irgendwann aber doch los. Früher hatte es Ben geliebt wenn sie nasse Haare hatte, daher verzichtete sie darauf sich

abzutrocknen und schlüpfte mit noch feuchter Haut in das knappe Negligee. Ein kurzer Blick in den Spiegel folgte. Sie hatte schon besser ausgesehen, aber für heute Nacht musste es reichen. Jazz zerzauste sich die schwarze Mähne ein wenig, damit sie noch etwas besser zur Geltung kam, dann seufzte sie leise und begab sich ins Wohnzimmer. Es lag im Dunkeln, nur das Licht der Straßenlaternen drang von draußen herein und tauchte den Raum in fahles Licht. Gerade genug um sich problemlos zurechtzufinden. Es hatte fast etwas Romantisches.

Ben saß auf dem Sofa. Offensichtlich hatte er sich in ihrer Abwesenheit eine

kleine Pfeife gegönnt. Die Rauchutensilien lagen noch überall auf dem Tisch verstreut und in der Luft hing der typische Geruch nach Marihuana. Als Jazz eintrat, erhob er sich und ging auf sie zu. Mit starken Armen umschlang er ihren Körper und drückte sie fest an sich. Deutlich war seine Erregung zu spüren.

„Ich will dich!“, flüsterte er mit belegter Stimme.

„Ist alles dein! Das war es immer…“, erwiderte Jazz und küsste ihn zärtlich auf den Mund. Eine Welle der Lust brandete durch ihren Körper und ließ sie erschaudern. Erst jetzt wurde ihr wirklich bewusst, wie sehr sie diesen

Mann vermisst hatte. Sie gehörte ihm tatsächlich. Mit Haut und Haaren und jeder Faser ihres Körpers. Nie zuvor, hatte sie ihn  mehr begehrt, als in diesem Augenblick. Ihre Hand glitt in seinen Slip. Zärtlich begann sie, ihn zu streicheln. Sie wollte ihn in sich spüren, mit ihm verschmelzen, ihm unsagbare Freuden bereiten. Er würde es nicht bereuen, sie aufgenommen zu haben, schwor sie sich im Stillen. Dann gab sie sich vollends ihrer Lust hin…

Wie immer war Ben gleich eingeschlafen.

Jazz Körper hingegen, lief noch immer

auf Hochtouren. Unruhig wälzte sie sich im Bett umher, fand aber keine Ruhe. An Schlaf war nicht zu denken. Sie musste irgendwo hin mit der unverbrauchten Energie, den Gefühlen, mit all der aufgestauten Leidenschaft, um die sich ihr 'Freund' nicht einmal im Ansatz hatte kümmern wollen. Wollen, nicht können. Es lag nicht daran, dass er nicht konnte. Ganz sicher nicht! Es war ihm einfach nur völlig egal. Früher, vor einer gefühlten Ewigkeit, als sie noch ein richtiges Paar waren, hatte er sich mehr ins Zeug gelegt. Er hatte sich Mühe gegeben, war einfühlsam und zärtlich gewesen. Aber das war lange her. Heute zahlte er in einer anderen

Währung. Von Liebe, Gefühlen oder wenigstens dem ein oder anderen Orgasmus, konnte schon lange keine Rede mehr sein.

Er fehlt mir…

Jazz folgte einem spontanen Impuls und sprang aus dem Bett. Bewegung half ihr manchmal dabei, den Kopf frei zu kriegen. Nichts war schlimmer, als sich stundenlang im Bett zu wälzen und über unlösbare Probleme zu grübeln. Sie schlüpfte in die Fellmokassins, die sie erst kurz zuvor neben das Bett geworfen hatte und schlurfte ins Wohnzimmer. Ohne das Licht einzuschalten, trat sie ans Fenster und zündete sich eine Zigarette an. Desinteressiert sah sie auf

die Straße hinab. Es hatte schon wieder geregnet. Laub lag überall verstreut. Hier und da stand ein Auto. Eine typisch triste Novembernacht. Langweilig, nass, ätzend!

Die Trostlosigkeit erfüllt ihren Zweck. Jazz beruhigte sich zusehends, das brennende Verlangen in ihrem Schoß ließ nach. Langsam aber sicher erstarb das Feuer ihrer Leidenschaft, wurde zur Glut und erkaltete schließlich völlig. Eine plötzliche Gänsehaut gesellte sich hinzu und ließ sie frösteln. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie noch immer splitternackt war.

Ist die Heizung aus? Bestimmt!

Dieser elende Geizhals!

Janyce nahm ihr dünnes Negligé vom Sofa. Nach kurzem Zögern griff sie sich auch Bens kuscheligen Morgenmantel. Sie hatten hier im Wohnzimmer begonnen sich zu lieben. Als sie aus der Dusche gekommen war, hatte er gelächelt und sie in den Arm genommen. Für einen kurzen Augenblick war es wie früher gewesen.

Ärgerlich verscheuchte Jazz die Gedanken, verbannte sie aus ihren Kopf, und zog sich die Sachen über. Doch die Erinnerungen ließen sich nicht so leicht verscheuchen, wie sie gehofft hatte. Ein schmerzlich vertrauter Duft umwehte ihre Nase. Verträumt sog sie ihn ein. Die Sachen rochen nach Ben, nach dem

Aftershave das er schon seit Jahren nutzte. Süß und schwer und in einer Intensität, die ihr beinahe das Herz brach. Ein trauriges Seufzen entwich ihrer Kehle.

Warum kann es denn nicht so sein wie früher?

Mit aller Kraft stemmte sich Jazz gegen die plötzliche Flut hochkochender Gefühle. Ben empfand schon lange nichts mehr für sie, damit musste sie sich endlich abfinden. Er mochte den Sex mit ihr, den mochte er sogar sehr, ansonsten aber war er ihrer überdrüssig geworden. Sogar mehr noch, außerhalb des Bettes schien es beinahe, als wäre ihm ihre Nähe unerträglich. Oft

beachtete er sie gar nicht und wenn er es doch tat, hatte seine Stimme diesen deutlich verächtlichen Unterton. Es war gemein, unfair und tat wahnsinnig weh. Spürte er denn nicht, wie sehr sie ihn immer noch liebte, ihn vermisste und wie einsam sie war? All das hier war ein riesen Fehler! Sie hätte ihm weiter fernbleiben und nicht herkommen dürfen.

Jazz versuchte verzweifelt die finsteren Gedanken zu vertreiben, aber sie war innerlich zu aufgewühlt, um sich gänzlich davor verschließen zu können. Sie musste etwas gegen den Schmerz in ihrem Herzen unternehmen. Einfach das Hirn betäuben war der leichteste Weg und half immer. Ihr fiel

das kleine Tütchen ein, das ihr dieser seltsame Dealer zugesteckt hatte. Black-Velvet hatte er den Stoff genannt.

„Der Stoff aus dem die Träume sind! Deine Träume, Baby!“ die Worte des Fremden hallten in ihrem Kopf wieder. Jazz ging zu ihrer Jacke und fischte das gesuchte Päckchen aus der Innentasche. Neugierig kehrte sie daraufhin ins Wohnzimmer zurück. Sie warf sich aufs Sofa, verschränkte die Beine und begann damit, es zu öffnen. Black-Velvet, der Name war gut gewählt. Das Zeug erinnerte an klebrig schwarzen Schaumstoff, der zu kleinen Bröckchen zerbröselt und dann verpackt worden war.

„Das Süße, bläst dir die Lichter aus!“, hatte der Typ gesagt, der ihr das angebliche neue Wunder zugesteckt hatte. „Aber nur um dich sofort danach auf direktem Wege ins Märchenland zu katapultieren. Du wirst es lieben, ich versprech's dir!“ Nach diesen Worten hatte er breit gegrinst. Ein schrecklich zahnloses Grinsen, das ihr selbst jetzt in der Erinnerung noch einen Schauer über den Rücken jagte.

„Na gut, Arschloch! Schauen wir doch mal, ob du auch die Wahrheit gesagt hast?“ Jazz nahm einige Krümel, mischte sie mit Tabak und stopfte sie in Bens kleine Haschpfeife. Seine Rauchutensilien lagen noch überall auf

dem Tisch verteilt. Sie ging dabei recht großzügig zu Werke. Aus eigener Erfahrung wusste Janyce natürlich, dass man bei neuartigen Drogen unbedingte Vorsicht walten lassen sollte, besonders wenn man den Dealer nicht kannte, aber danach war ihr einfach nicht zu mute. Nicht heute. Schlafen wollte sie. Den Kopf frei kriegen, nichts weiter. Hauptsache das Zeug wirkte und sie konnte sich von all diesen miesen Gedanken befreien.

Jazz rauchte in tiefen Zügen bis es nichts mehr gab, dass sich entzünden ließ. Dann legte sie die Pfeife beiseite, lehnte sich zurück, schloss die Augen und wartete darauf, dass etwas geschah.

Und wurde nicht enttäuscht. Tausende kleine Explosionen entzündeten ein kunterbuntes Farbfeuer-werk in ihrem Hirn. Anfänglich ein wundervolles Gefühl von Wärme und Glück, dann aber wurde ihr mit einem Mal schwindelig. Urplötzlich war ihr hundeelend. Mühsam erhob sie sich. Ihre Beine waren wie aus Gummi. Vielleicht hätte sie doch etwas weniger von dem Scheißzeug nehmen sollen?

Verflucht! Jetzt bloß nicht zusammenklappen!  

Bis zum Bett waren es nur wenige Meter. Wenn es ihr nur gelang, bis dorthin zu kommen. Irgendwie! Dort war alles gut. Sie konnte unter die Decke

krabbeln und sich eng an Bens breiten Rücken kuscheln. Er hasste das, ließ es sich jedoch hin und wieder gefallen. Vielleicht ja auch heute? Schritt für Schritt, mühsam, tastete sie sich durch das Halbdunkel des Wohnzimmers. Raum und Zeit hatten jegliche Bedeutung verloren. Mal sah sie die Schlafzimmertür direkt vor sich in greifbarer Nähe, nur einen Augenblick später glitt sie davon und schien unerreichbar. Alles drehte sich, wurde undeutlich, wankte und tanzte, schien seltsam verdreht. Unbeschreiblich! Widersinnig! Angsteinflößend! Faszination und Schrecken gaben sich fröhlich die Hand. Vergnügt tanzten die

beiden einen Reigen und ließen die Realität sterbend hinter sich zurück.

***

Das Ergebnis all dessen ist, dass die Erscheinungen der Welt real sind, wenn sie als das Selbst erfahren werden und illusionär, wenn sie als getrennt vom Selbst wahrgenommen werden.

Ramana Maharshi

Der bittere Gestank von Magensäure stieg Jazz in die Nase und ließ sie erwachen. Vollkommen orientierungslos versuchte sie einen klaren Gedanken zu fassen. Wo zur Hölle war sie? Ihr Körper

fühlte sich träge an. Zu schwer und zu schwach, um aufstehen zu können. Ihr schwirrte der Kopf, nur mühsam brachte sie einen halbwegs klaren Gedanken zusammen. Das einzige, das sich mit Sicherheit sagen ließ war, dass sie nicht mehr aufrecht stand. Sie musste gestürzt sein. Und sie hatte sich Übergeben. Ihr Gesicht lag in einer stinkenden Pfütze aus Schleim und halbverdauten Essensresten. Abscheu und Ekel vollbrachten, wozu ihr Wille allein nicht in der Lage war. Sie schreckte hoch, stieß mit dem Rücken gegen etwas hartes, festes, eine Wand vielleicht, und lehnte sich ermattet dagegen. So verharrte sie eine Zeit lang. Nach und

nach, langsam aber stetig, sprangen ihre Sinne wieder an. Sie öffnete die Augen, hob den Kopf und sah… sich selbst. Eine jämmerliche Gestalt, halb liegend, halb sitzend vor einem Bett.

Was? Wieso…?

Wie konnte das sein? War so etwas überhaupt möglich? Ihr kamen Geschichten in den Sinn, nach denen kurzzeitig Verstorbene, Reanimierte, davon berichteten, dass ihre Seelen den dahinscheidenden Körper verließen. Von einer Ecke des Zimmers hatten sie sich dann selbst beim Sterben zugesehen. War es bei ihr genauso? Wurde sie soeben Zeuge des eigenen Todes?

Hinter ihr drehte sich Ben im Bett

herum. Er murmelte ein paar unverständliche Worte und verstummte wieder. Die Erkenntnis daraus, traf sie wie ein Schlag. Sie war kein umherschwebender Geist, keine Seele auf Freigang. Sie war einfach nur vor dem Spiegel des großen Schlafzimmerschranks zusammengebrochen. Unsicher hob Jazz die Hand. Das Bildnis gehorchte und tat es ihr gleich. Sie formte die Finger zu einer obszönen Geste, was von ihrer Gegenüber sofort und in gleicher Weise beantwortet wurde. Soweit, so gut. Tatsächlich nur ein Spiegel. Sie nahm an Gedanken zusammen, was ihr geblieben war und konzentrierte sich auf ihr

Ebenbild. Es war jämmerlich! Ihr Gesicht wirkte aufgedunsen, kränklich und blass. Noch immer klebte Erbrochenes in ihren Haaren. Von der rechten Wange troff ein widerlich, zähflüssiges Gemisch aus Speichel und Magensäure hinab.

Bin das wirklich ich? Janyce schloss die Augen, bittere Tränen quollen hervor. Wie sehr sie sich schämte! Sieh dich an, Mädchen! Sieh dir genau an, was aus dir geworden ist. Jetzt ist die Gelegenheit, dich so zu sehen, wie du wirklich bist. Ohne Maske. Sieh hin, stell dich der Wahrheit, vielleicht ist es deine letzte Chance. Die Stimme in ihrem Kopf war drängend und duldete

keinen Widerspruch. SIEH IN DEN SPIEGEL!

Jazz gehorchte dem inneren Drang. Widerwillig, ihr Bewusstsein wollte sich so nicht sehen. Nicht in diesem Zustand. Ihr Blick irrte auf der gläsernen Oberfläche umher, suchte irgendetwas mit dem sie sich von der Wahrheit ablenken konnte. Da war Ben, eingerollt in seine Decke. Sie sah das große Bett auf dem er lag. Dahinter die Kommode mit den kaputten Türen und der Schaukelstuhl auf dem sich turmhoch schmutzige Wäsche stapelte. Einige geschmacklose Bilder hingen an der Wand. Sie zeigten halbnackte spanische Tänzerinnen und waren mies gezeichnet.

Knorrige, schwarze Äste warfen ihre fahlen Schatten darüber. Hier und da waberten Nebelschwaden durch den Raum.

Moment?

Sogar Janyces von drogendurchfluteter Verstand spürte, dass etwas daran nicht richtig war. Nicht richtig sein durfte? Schwerfällig rieb sie sich mit dem Handrücken über die Augen. Doch das Bild blieb. Da war tatsächlich etwas. Wenn auch undeutlich, zeichnete sich hinter der eigentlichen Einrichtung eine Art… Wald ab? Kränklich wirkende Bäume mit blattlosen Ästen. Dornenbewehrte Sträucher. Eine gespenstische Szene, eine fremde

unwirkliche Welt, beleuchtet von einem blassen Mond vor sternenlosem Himmel. Jazz war zu Tode entsetzt und gleichzeitig fasziniert. Es war, als befände sich eine Realität hinter der Realität. Eine Welt hinter der Welt, die nur in diesem Spiegel zu existieren schien? Ihr wurde schlecht.

Sterbe ich jetzt? Ist das sterben?

So abwegig war der Gedanke nicht. Jazz wäre nicht der erste Junkie, der sich mit einem unbekannten Drogencocktail in die ewigen Jagdgründe geschossen hatte und sicher auch nicht der Letzte. Plötzlich überkam sie eine Eingebung! Keine Vermutung, kein Verdacht, nein, ihrem derzeitigen Empfinden nach, die

unumstößlich klare, einzige Wahrheit:

Nicht ich bin es die stirbt, es ist die Welt um mich herum.

Der seltsame Wechsel der Realitäten indes, schritt weiter voran. Stetig und unaufhaltsam. Die eben noch greifbare Wirklichkeit zerrann ihr wie Sand zwischen den Fingern. Äste, Sträucher und Bäume gewannen mehr und mehr an Deutlichkeit, traten hervor und verdrängten das was war. Bald schien es, als hätte es das Schlafzimmer nie gegeben. Jazz sah den Wald jetzt nicht nur, sie erlebte ihn mit all  ihren Sinnen. Sie inhalierte den Duft alter Bäume, leicht moderig, fast würzig aber auch strotzend vor Leben. Dünne Zweige

stachen ihr unsanft in den Hintern, der feuchte Waldboden durchnässte den Stoff ihrer spärlichen Bekleidung. Nebelschwaden umfingen sie. Ein eiskalter Luftzug strich über ihr Gesicht. Das gesamte Schlafzimmer, der Schrank, Bett, Wände, Fußboden, ja selbst der Spiegel in den sie gestarrt hatte, waren verschwunden.

Sekunden verstrichen, in der ihr von Drogen ummantelter Verstand sein Möglichstes tat, diese vollkommen irrwitzige Situation zu verarbeiten. Jazz gingen, im verzweifelten Versuch des Verstehens, tausend Dinge durch den Kopf.  Philosophische Weisheiten, die sie irgendwann in der Vergangenheit

einmal gelesen oder gehört hatte und die davon handelten, dass die Wahrhaftigkeit nicht mehr ist, als eine Ausgeburt unserer Phantasie. Eine Schöpfung unserer Vorstellungskraft, welche wir nur deshalb als Unumstößlich betrachten, weil unser Verstand nicht in der Lage ist, auf einer anderen Grundlage zu existieren. Kann denn Realität überhaupt mehr sein, als der verschwindend kurze Moment der Gegenwart? Besteht unser Dasein nicht eher aus einer Aneinanderreihung längst vergangener Begebenheiten? Aus manipulierbaren Erinnerungen? Phantasiegebilden, die wir nur deshalb als wahr empfinden, weil wir in dieser

endlosen Kette aus Augenblicken gefangen sind? Im Grunde definiert sich unsere Realität doch nur aus akzeptierten Wahrhaftigkeiten und der Tatsache, dass wir uns unserer Existenz in eben dieser einen, und sich stets wiederholenden Sekunde des Seins, bewusst zu sein glauben. Sollte sich also die Wirklichkeit um uns herum, entgegen allen Wahrscheinlichkeiten einmal grundlegend ändern, wenn das Unmögliche tatsächlich geschieht, was anders bleibt dem Verstand, als diese Änderung zu akzeptieren und damit die Grenzen dessen was IST, um den nötigen Raum zu erweitern? Man kann nicht heraus aus dem Jetzt, so sehr man es sich

von Zeit zu Zeit auch wünschen möge.

Ich bin auf nem ganz üblem Trip! Das alles hier ist nicht wahr, nicht wirklich. Ich Träume! Was hat dieser Arsch mir bloß für ein Scheißzeug verkauft?

Ihr Drogen durchtränktes Bewusstsein mochte sich mit diesen notdürftig zusammengeschusterten Erklärungen zufrieden geben, sie bewahrten sie immerhin davor wahnsinnig zu werden, der gesamte Rest ihres Körpers aber war zu Tode erschrocken. Panisch schnellte Jazz in die Höhe. Sie hatte das Gefühl ersticken zu müssen. Was sollte das? Wo war sie? Sie wollte nichts mehr, als einfach nur nach Hause. Zurück zu Ben! Voller Verzweiflung irrte sie einige

Schritte in der Dunkelheit umher. Es musste doch irgendwo so etwas wie einen Durchgang geben, etwas das diese Welt mit ihrer Heimat verband.

Scheiße, das ist kein Traum! Kein Trip! Ich bin tot und das hier ist die Hölle!

Sie stieß einen markerschütternden Schrei aus. All ihre Angst, ihre Verwirrung aber auch aufgestaute Gefühle, wie Verzweiflung und Wut schufen sich auf diesem Weg eine Bahn ins Freie. Dann brach sie zusammen, fiel auf die Knie und begann bitterlich zu weinen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich Jazz wieder beruhigt hatte, aber auch die größte Verzweiflung ebbt glücklicherweise irgendwann ab.

Jazz versuchte sich zu sammeln, irgendwie musste sie einen klaren Gedanken fassen. Wie es schien, kam sie nicht so ohne weiteres wieder zurück nach Hause. Soviel war sicher. Möglich das sich der Durchgang, das Portal, oder was auch immer dieses Ding gewesen war, irgendwann noch einmal öffnete. Nur wann? Und wo? Und wie erkannte man das dann?

Sicher…, bestimmt…, war sie gar nicht weit weg von zu Hause? Vielleicht sollte sie einfach bei Ben anrufen? Er wäre mit Sicherheit stocksauer und er würde es sie büßen lassen, aber er würde sie holen. Das musste er einfach! Hier bleiben konnte sie auf keinen Fall. Jazz

hatte Hunger. Der Wind hatte zugenommen und ihr war entsetzlich kalt. Außerdem fürchtete sie sich vor der endlos wirkenden Dunkelheit, die sie umschloss. Mit den paar Fetzen die sie am Leide trug, würde sie hier draußen nicht lange überleben. Nein, sie musste hier weg und jemanden finden der ihr helfen konnte. Ein Dorf vielleicht? Eine Raststätte oder einen Bauernhof? Irgendetwas mit Licht, Leben, einer Verkehrsanbindung und vor allem anderen, einem Telefon.

Sie würde Geld brauchen. Viel Kleidung trug sie ja nicht grade. Ihr Negligee besaß keine Taschen, wenn überhaupt fand sich etwas im Bademantel.

Eigentlich unsinnig, aber Ben war vollkommen vernarrt in das Teil. Wenn er zu Hause war, trug er ihn ständig.

Was solls, schauen wir mal!

Die kurze Durchsuchung förderte einen Kaugummistreifen und eine halbvolle Schachtel Zigaretten zu Tage, dazu Bens heißgeliebtes Zippo. Es war an den Außenseiten einer Spielkarte nachgebildet und wies in liebevoller Lackierung, das Bildnis einer spärlich bekleideten Herz-Dame auf. Das war mehr als sie sich erhofft hatte. Wenigstens konnte sie Rauchen und wenn sie in die Zivilisation zurück fand, das Feuerzeug eintauschen. Mit viel Glück und noch mehr eingesetztem

Charme fand sich vielleicht sogar ein Käufer? Ein derartiges Sammlerstück, war doch sicher vierzig oder fünfzig Euro wert? Jazz hoffte es zumindest. Wie auch immer, Hauptsache sie stand nicht komplett mit leeren Händen da.

Also… wohin jetzt?

Nie zuvor hatte sie sich Jazz allein in einem Wald befunden. Sie war durch und durch Stadtmensch und hatte nicht die geringste Idee, wie sie sich zurechtfinden sollte. Also war ein Weg so gut, wie der anderen. Sie zündete sich eine Zigarette an und stapfte los. Wenigstens war sie nicht völlig blind, es war Vollmond. Hell schien die silberne Scheibe vom Himmel herab und tauchte

den Wald in fahles Zwielicht. Genug, um ein paar Meter weit sehen zu können. Dahinter aber, lauerten die Finsternis und die Schatten. Und das war das schlimmste. Unzählige namenlose Schrecken schienen sich in ihnen zu verbergen. Lauernd und bösartig. Jedes Rascheln, jedes Knacken ließ Jazz zusammenzucken. Ängstlich verschränkte sie die Arme vor der Brust und irrte weiter. Plötzlich war ihr, als höre sie ein leises Weinen. Ein kaum wahrnehmbarer Laut, wie der eines entfernten Kindes. Janyces erste Impuls war es, vor diesem Geräusch zurückzuweichen, zu fliehen. Ihr Herz verkrampfte sich und schlug ihr bis zum

Hals. Gab es etwas gruseligeres, als ein Kinderweinen in der Nacht? Inmitten der Einsamkeit eines verlassenen Waldes?

Doch wies das Geräusch nicht auch auf die Anwesenheit von Menschen hin? War in der Nähe eines Kindes nicht auch immer eine Mutter zu finden? Unschlüssig blieb Jazz stehen, lauschte und dachte angestrengt nach. Dann fasste sie einen Entschluss. Ihr blieb ohnehin keine andere Wahl. Noch immer hatte sie nicht die geringste Ahnung, wo sie sich befand und egal was sie auch vorfinden würde, es war der erste Schritt Richtung Leben und damit zurück in die Zivilisation. Es musste

einfach so sein. Mit klopfendem Herzen folgte Jazz dem klagenden Geräusch. Sie hatte furchtbare Angst, aber sie sehnte sich auch nach menschlicher Gesellschaft. Seit sie durch die Realitäten hindurchgerutscht war, hatte sie kein einziges Lebewesen mehr gesehen. Schon um nicht vollends den Verstand zu verlieren, musste sie endlich etwas finden, dass sie in die Normalität zurückbrachte. Eine kleine Ortschaft, befahrene Straßen, einen einsamen Spaziergänger oder ihretwegen auch einfach nur ein vorbeihoppelndes weißes Kaninchen. Völlig egal! Hauptsache sie war nicht mehr allein auf dieser Welt.

Plötzlich trat Jazz auf festgetretenen Lehmboden und sah verwundert nach unten. Wie eine graue Schlange schlängelte sich quer vor ihr ein schmaler Pfad durch den Wald. Dankbar schickte sie ein kurzes Stoßgebet Richtung Himmel. Da war es endlich, das ersehnte erste Zeichen von organisiertem Leben. Nicht viel, zugegeben, aber ein Anfang. Zu ihrer Erleichterung führte der Weg sogar in dieselbe Richtung, aus der auch das leise Klagen kam. Sie ging weiter. Sehr weit konnte es nicht mehr sein.

Dann, urplötzlich, eröffnete sich ihr die Ursache für das Geräusch. Und bot ein Bild des Grauens. Janyce schlimmsten

Befürchtungen schienen sich zu bewahrheiten. Nur wenige Meter von ihr entfernt, trat der Umriss eines leblosen Körpers aus dem Dunkel hervor. Daneben ein kniender Junge. Teilnahmslos, kaum mehr als vier oder fünf Jahre alt. Nur schwerlich gelang es Jazz einen aufsteigenden Brechreiz niederzukämpfen. Bisher hatten die Entfernung und ein leichter Rückenwind sie vor dem Geruch der Leiche bewahrt, nun aber wo sie sich der Toten näherte, konnte sie sich ihm nicht mehr entziehen. Jazz rang nach Atem und machte es dadurch nur noch schlimmer. Der Verwesungsgestank war derartig stark, das es unmöglich war, sich vor ihm

zu verschließen. Der schwere, widerlich süßliche Geruch floss wie eigenständig durch ihre Nase hindurch, tief in ihr Innerstes hinein. Hier setzte er sich fest. Eine zähflüssig stinkende Masse, die sich auf ewig in ihre Erinnerungen brannte.

„Hallo? Junge? Oh mein Gott, was ist geschehen?“, ächzte sie. Jede Zelle in Janyce Körper schrie vor Entsetzen. Alles in ihr riet ihr zur sofortigen Flucht. Trotzdem, ohne zu wissen warum, trat Jazz näher an die Tote heran. Der Leichnam sah schrecklich aus. Details waren nur noch schwer zu erkennen, aber offensichtlich handelte es sich um die Überreste einer jungen

Frau. Ihr schlanker Körper war stark verwest und von etlichen Tieren zerrissen. Sie hatte eine blaue Jeans und alte aber geschmackvoll ausgesuchte Stiefel getragen. Braun und gut gepflegt. Der Oberkörper der Leiche war derart zugerichtet, das weder Farbe noch Art der dortigen Bekleidung zu erkennen waren. Mit dem Gesicht stand es kaum besser. Auch an ihm hatten sich zahllose Aasfresser gütlich getan. Überall klaffte das Fleisch, stellenweise bis auf die Knochen hinab. Von allem am schlimmsten aber, waren die Augen. Sie waren samt Lidern aus dem Schädel gerissen worden und boten nun einen unverdeckten Blick ins Innere des

Schädels.

Jazz wandte sich angewidert ab. Hatte der Junge auf ihre Frage reagiert? Sie war zu keinem klaren Gedanken fähig und konnte es nicht sagen. Das nackte Entsetzen, das sie gepackt und fest im Griff hielt, ließ sie nicht mehr los. Ihr Magen rebellierte und sie erbrach sich lautstark. Ein natürlicher Akt der Selbstreinigung, der den gröbsten Ekel vertrieb und dem Verstand dabei half, sich dem Grauen zu stellen. So sollte es sein, nur funktionierte es nicht sonderlich gut.

„Was ist mit euch passiert? Wie lange… wie lange bist du schon hier?“

Der wimmernde Junge schien sie nicht

wahrzunehmen. Apathisch starrte er ins Leere. Jazz packte ihn an den Schultern und rüttelte ihn sanft. Endlich hob er den Kopf.

„Was ist passiert?“, wiederholte Jazz, bekam aber keine Antwort. „Wie heißt du?“

Das Kind öffnete den Mund, quälend langsam und nur einen kleinen Spalt breit. Das Wort, das er sprach war kehlig und nur schwer zu verstehen, fast so als wolle es den Hals nur widerwillig verlassen. „Ghaaol!“ Oder so ähnlich? Genau war es unmöglich zu verstehen. Janyce nickte, sie nahm was sie kriegen konnte.

„Gal? Heißt du etwa Gail? Freut mich,

dich kennenzulernen. Ich heiße Janyce, aber meine Freunde nennen mich Jazz.“ Sie lächelte so aufmunternd wie sie konnte und strich dem Jungen sanft über die Wange. „Ist das dort… deine Mutter?“

Anstelle einer Antwort wandte sich das Kind ab und starrte wieder ins Leere.

„Ok, ok, tut mir leid! Ich verstehe, dass du nicht darüber reden willst. Nicht jetzt, alles klar! Aber weißt du, wir können nicht hierbleiben. Es sieht aus, als wärt ihr schon sehr lange hier. Wenn bis jetzt niemand hier vorbeigekommen ist, wird es auch in der nächsten Zeit nicht geschehen. Wie müssen weitergehen und jemanden finden, der

uns helfen kann… Verstehst du?“

Janyce fasste dem Jungen bei der Hand und erhob sich langsam. Sanft zog sie ihn mit sich. Der erste Impuls des Kindes war, sich dagegen zu stemmen. Dann aber entbrannte ein Kampf in ihm. Hektisch sprangen seine Blicke hin und her. Mit einem Mal änderte sich der teilnahmslose Ausdruck auf seinem Gesicht. Seine Augen hefteten sich auf Jazz und zum ersten Mal schien er wirklich zu begreifen, dass er nicht mehr alleine war.

„Hör zu, Gail! Wir können nicht hierbleiben. Es ist ein Wunder, dass du noch lebst. Bei der Kälte hier draußen und all den Viechern, die sich in der

letzten Zeit über deine Mutt…“ Sie blickte auf den zerrissenen Körper der Frau und verstummte. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. „Bitte, komm mit!“

Der Junge erhob sich, ohne ein Wort zu erwidern. Jazz sah, dass er nur ein zerrissenes Hemdchen am Leibe trug. Darunter einen fleckigen Fetzen, einem Lendenschurz nicht unähnlich, den man nur mit viel gutem Willen noch als Unterhose durchgehen lassen konnte. Das Kind starrte vor Dreck.

„Wir beide sollten uns erst einmal waschen, was? Wenn wir jemandem in diesem Outfit über die Füße laufen, rennt der doch schreiend davon!“ Wieder

versuchte Jazz aufmunternd zu lächeln, diesmal aber missglückte es ihr gründlich. „Und das wollen wir ja nicht! Stimmts? Wir wollen irgendwohin wo es warm ist und wo es Telefone gibt.“

Schweigend gingen sie eine Zeitlang nebeneinander her, bis sie auf einen kleinen Bachlauf trafen. Das Wasser in ihm war eiskalt, dafür sauber und kristallklar. Seit Janyce in diesem Alptraum gelandet war, erlaubte sie sich so etwas wie Hoffnung. Prustend schüttete sie sich etwas von dem Wasser ins Gesicht. Auffordernd sah sie zu Gail hinüber, der ein wenig im Hintergrund stand und ebenfalls matt zu lächeln schien.

„Komm her, Wasser beißt nicht!“

Das Kind schüttelte den Kopf.

„Na gut! Erst ich! Aber wenn ich fertig bin, kümmern wir uns um dich, ja?“ Jazz entschloss sich, dem Jungen ein wenig Zeit zu lassen. Wenn sie ihn zu sehr drängte, würde er sich vielleicht wieder vor ihr verschließen. Sein schüchternes Lächeln war ein Anfang, ein vages Vertrauen, auf dem sie aufbauen wollte. Sie nahm die Zigaretten und das Feuerzeug und legte sie sorgsam beiseite. Dann zog sie sich aus und begann damit, ihre Kleidung zu waschen. Sobald der gröbste Schmutz entfernt war, könnte sie die Kleider aufhängen und danach ihren Körper

waschen. Mit etwas Glück hatte sie sich bis dahin an die beißende Kälte des Wassers gewöhnt. Trotzdem durfte sie nicht unterkühlen. Nicht hier draußen. Vielleicht wäre es das Beste ein Feuer zu entzünden? Ein Lagerfeuer an dem sie ihre Sachen trocknen und sich wärmen konnten, das eklige Krabbeltiere fernhielt und mit etwas Glück sogar einen erbosten Landwirt, die Polizei, Feuerwehr oder sonst wen anlockte, der sie anschrie, dass offenes Feuer in deutschen Wäldern strengstens verboten war.

„Gail? Magst du etwas Holz suchen? Zweige und Äste oder so? Ich finde hier ist ein guter Platz für eine Pause. Wir

könnten den Rest der Nacht hierbleiben und uns aufzuwärmen. Morgen früh finden wir Hilfe!“ Hoffungsvoll sah sie über die Schulter. „Ich gebe dir auch mein Kaugummi. Als Frühstück, sozusagen…!“

Der Junge war nirgends zu sehen. Jazz erhob sich verwundert. Er hatte nicht den Eindruck gemacht weglaufen zu wollen. Und selbst wenn, sie waren seit gut einer Stunde unterwegs, wahrscheinlich länger, warum rannte er erst jetzt davon? Sie sah sich um.

„Gail? Bist du schon Holz suchen? Gib mal nen Laut!“

Ein gurgelndes Geräusch erklang irgendwo aus der Dunkelheit.

Janyce versuchte den Jungen irgendwo in den Schatten um sich herum auszumachen, konnte ihn aber nicht entdecken. Sie war nackt, nass und fror bitterlich. In diesem Zustand wollte sie das Kind nicht suchen. Und selbst wenn sie sich hätte überwinden können, würde sie die Sicherheit des Weges nur ungern verlassen. Sie kannte den Wald nicht, fürchtete, sich erneut zu verirren oder gar auf das Wesen zu stoßen, dem Gails Mutter zum Opfer gefallen war. Gerade wollte Jazz seinen Namen ein weiteres Mal rufen, als ihr etwas auf den Rücken sprang und sich mit brutaler Gewalt in ihrem Nacken verbiss. Der Schmerz schnitt wie heißes Eisen durch ihren

Körper. Nie zuvor hatte sie Derartiges ertragen müssen. Sie spürte, wie sich messerscharfe Zähne tief in ihr Fleisch gruben. Verzweifelt bäumte sie sich auf, schrie lauthals und voller Entsetzen. Mit der linken Hand griff sie hinter sich, bekam etwas zu fassen, ob Haare oder Stoff vermochte sie nicht zu sagen und riss mit alle Kraft daran. Entgegen aller Erwartungen gelang es Jazz den Körper ihres Angreifers über die Schultern nach vorne zu wuchten, verlor durch den unerwarteten Erfolg aber auch selbst das Gleichgewicht. Beide, Angreifer wie Opfer, stürzten unsanft zu Boden. Endlich sah Janyce mit wem sie es zu tun hatte. Es war Gail, der angeblich so

unschuldige kleine Junge, um den sie sich eben noch so liebevoll gekümmert hatte. Und von dem nun kaum noch etwas übrig war. Stattdessen starrte er sie aus boshaft funkelnden Augen an. Das Gesicht zu einer grauenhaften Fratze verzerrt, sprang er auf alle viere. So lauerte er, jede Sekunde bereit zum Sprung. Aus seinem Mund troff Blut, ihr Blut, das zwischen gefährlich scharfen Reißzähnen hindurch quoll und ihm über die Lefzen hinweg die Kehle hinunter rann. Urplötzlich setzte der zur Bestie verkommene Junge zum nächsten Angriff an. Pfeilschnell stürzte er nach vorne. Instinktiv riss Jazz die Arme hoch. Gerade noch rechtzeitig. Seine

tödlichen Fänge verfehlten ihre Kehle nur um wenige Millimeter. Janyce tat ihr Möglichstes, sich weiter gegen den Wahnsinn ihres Angreifers zu wehren, hatte seiner unbändigen Wildheit aber nur wenig entgegenzusetzen. Wieder biss Gail zu. Erfolgreich diesmal und tief in ihre Schulter. Der Schmerz ließ Jazz fast wahnsinnig werden. Sie hörte, wie der Junge gierig das hervorschießende Blut hinunterschlang und sich immer weiter in ihr Fleisch verbiss. Verzweifelt packte sie seinen Hals, versuchte zuzudrücken, ihn zu erwürgen, wegzuschieben, … irgendetwas zu tun das sie retten konnte, brachte jedoch nicht mehr die nötige

Kraft auf. Blutverlust und Schmerz raubten ihr fast die Sinne. Ihr rechter Arm, der dessen Schulter der Junge gerade mit wilden Bissen zerfetzte, versagte von einer Sekunde zur nächsten seinen Dienst und fiel leblos herab. Panisch griff sie mit der verbliebenen Linken ins Gesicht des Jungen, versuchte ihn von sich wegzudrücken. Jazz spürte, dass ihre Finger über etwas Nachgiebiges glitten, verletzlich wirkend und weich. Mit der Kraft der Verzweiflung presste sie ihre Finger so tief hinein, wie sie nur konnte. Der Junge heulte auf und zuckte zurück, sein Biss löste sich. Anscheinend hatte ihn die unerwartete Gegenwehr aus dem

Konzept gebracht. Gail schäumte vor Wut und knurrte zornig, schien aber auch verwirrt. Schwarzes Blut quoll ihm aus dem verletzten Auge, man konnte fast dabei zusehen wie es anschwoll. Das war ihre letzte Chance auf Rettung. Noch immer saß der Junge auf ihr, war abgelenkt, aber das würde nicht lange anhalten.


Jetzt oder nie!

Jazz schrie hysterisch und sammelte alles an Kraft was sie noch zur Verfügung hatte. Tretend und wild um sich schlagend gelang es ihr irgendwie den tollwütigen Jungen von sich weg zu stoßen. Panisch strampelte sich von ihm

los. Einmal traf sie dabei sogar seinen Kopf, zufällig, ungeplant und doch erstaunlich gut gezielt. Gail schien benommen, wankte zurück. Egal was sie als nächstes tun würde, es musste schnell geschehen. Unbeholfen rollte sich Jazz auf den Bauch. Sie hatte große Mühe aufzustehen. Es war die nackte Todesangst, die sie in die Höhe und schließlich auf die Knie trieb. Weiter kam sie nicht. Es blieb auch keine Zeit mehr, Gail kam bereits wieder zu sich. Jazz schlug zu. Sie legte all ihre Angst und Verzweiflung in den Hieb, sie wollte dem Jungen wehtun, so sehr, ihm all das heimzahlen was er ihr angetan hatte und es reichte tatsächlich, die

Wucht des Schlages schleuderte Gail zu Boden. Es platschte als er rücklings in den Bachlauf stürzte. Sofort war Jazz über ihm. Da sie nicht mehr stark genug war den Kopf des Jungen unter Wasser zu drücken, begrub sie ihn einfach unter ihrem Körper. Sie ließ sich fallen, tauchte ein und umschlang Gail mit Arm und Beinen. So verharrte sie, mühsam den eigenen Kopf über Wasser haltend. Stoisch und mit schwindenden Sinnen. *Stirb! Bitte stirb endlich…* Jazz war zu keinem Gedanken mehr fähig, nur dass sie nicht gefressen werden wollte, wusste sie noch. Weder das eiskalte Wasser, noch der unter ihr zuckende Körper vermochten ihre

Lebensgeister zu wecken. Mit einem Mal wurde alles unwichtig. Jazz wusste, dass es auch mit ihr zu Ende ging und sie fand nichts Falsches daran. Es war in Ordnung. Sie legte den Kopf in den Nacken und sah zum Himmel hinauf. Das letzte was sie bewusst wahrnahm, war die fahl leuchtende Scheibe eines übergroßen Mondes. *Keine Sterne, … wie seltsam.* Dann wurde alles schwarz um sie herum.

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Über den Autor

Alcatras
Was soll man über sich selbst erzählen?
Ich schreibe sehr gerne und sehr viel. Meist Texte und Kurzgeschichten aus dem Horror, Fantasy oder Thriller-Bereich.

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Buhuuuh Gelungenes Coverbild! :-)

Simon
Vor langer Zeit - Antworten
Gillegan Begeisterung pur. Souveräner Schreibstil, eindringliche Beschreibungen nicht nur der Umwelt sondern vor allem auch der Emotionsebene der Protagonistin. Fühlte mich von Anfang an in die Atmosphäre eingesogen, von der ersten bis zur letzten Seite. Besonders interessant finde ich den Übergang der realen Welt in die neue Welt. Freu mich schon auf den nächsten Teil.
LG Christian
Vor langer Zeit - Antworten
Alcatras Vielen Dank für die netten Worte! Habe mich sehr darüber gefreut und fühle mich motiviert den vierten Teil der Geschichte weiter voranzutreiben! :)
Vor langer Zeit - Antworten
Terazuma Wow!
Wirklich gut geschrieben! Urgruslig und spannend. *schüttel*
Mir ist nicht nur einmal die Gänsehaut herabgerieselt.
Was mir noch gefällt ist, dass deine Protagonistin keine strahlende Heldin ist, sondern mit sehr ernsten Problemen zu kämpfen hat. ^^
LG Terazuma
Vor langer Zeit - Antworten
Mijani Dein Schreibstil ist wirklich schön!
Freue mich definitiv auf mehr :3
Liebe Grüße
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Alcatras Dankeschön! Eine Fortsetzung folgt in Kürze... :)
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TaraMerveille Ich finde, dein Buch ist gut geschrieben. Es liest sich flüssig. Und spannend ist es auch. LG Yvonne
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Alcatras Vielen Dank! :)
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Buhuuuh Sehr hübsches Buchcover! :-)
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