Kurzgeschichte
Monolog eines Steines

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"Monolog eines Steines"
Veröffentlicht am 30. September 2014, 8 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Gunnar Assmy - Fotolia.com
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Langsam scheine ich in das Alter zu kommen, in dem man Unwichtiges mehr beiseite schiebt, sich auf die Dinge konzentriert, die einem lieb und wert sind und immer weniger darauf gibt, was die anderen darüber denken. Schreiben scheint ein integraler Bestandteil dieses Vorgangs zu werden.
Monolog eines Steines

Monolog eines Steines

Einleitung

Nun, was hat so ein Stein da schon groß zu sagen?

Monolog eines Steines

Ja, glotz mich nur an, als ob du noch nie einen Stein gesehen hättest. Kommt da des Weges entlanggestolpert, die Augen im Himmel und wundert sich, wenn sein Schuh an mir hängen bleibt und er der Länge nach auf die Nase fällt.

Ich weiß, es gibt schönere Steine wie mich. Hellgrau, kantig, in den Spalten mit Erde verschmutzt. Und du brauchst mich gar nicht aufschneiden. Ich verberge keine Geheimnisse. Einfach ein Stück Kalkstein. So selten wie Sand am Meer.


Nein, mich schickt auch keine Schicksalsfee, um dir eine Lehre zu erteilen. Du warst nur unvorsichtig. Man geht nicht ungestraft durch den Wald mit den Augen in den Tannenwipfeln. Und dennoch, in all meiner Schlichtheit und Beliebigkeit, habe ich eine Botschaft für dich. Geboren aus dem Tod von unzähligen Namenlosen in den Urmeeren. Geformt durch Druck und Reibung zu dem was ich bin. Millionen von Jahren in Dunkelheit gefangen. Ausgespien an das Tageslicht, um dich hier zu Fall zu bringen. Mich hat kein Steinzeitmensch als Leinwand für seine Zeichnungen benutzt, wie meine

berühmten Kollegen in den Schluchten der Ardèche. Auch sonst hat keine Menschenhand mich zu behauen Wert gefunden. Und schon gar nicht bin ich Teil eines Naturspektakels. Einfach ein Stein. Im Ursprung entstanden aus Staub. Sternenstaub. Und du, Mensch, der du auf der Nase liegst und mich anglotzt, besteht letztlich aus genau demselben Staub. Sternenstaub. Daraus bis du geboren. Dazu wirst du zerfallen, wenn deine Zeit gekommen ist. Wir beide, du und ich, wir sind die Summe aller Möglichkeiten. Wir sind was war, was ist, was kommen mag. Wir sind aus dem Staub. Wir gehen in den Staub. Und wer weiß, wenn

wir uns wiedertreffen, mag sein dann bist du Stein, ich Mensch. Und nun hör auf zu glotzen. Steh auf, Mensch, putz dir die Hosen ab. Nutze die Gunst deiner Stunde. Mach etwas. Die Welt hat noch was vor mit dir. Bring sie ein Stück weiter. Und vergiss nicht, dass du endlich bist. Viel mehr wie ich. Dir als Memento mori zu dienen, das war mein Auftrag. Den habe ich erfüllt. Und nun verschwinde. Lass mich in Ruhe liegen.

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Über den Autor

Papiertiger
Langsam scheine ich in das Alter zu kommen, in dem man Unwichtiges mehr beiseite schiebt, sich auf die Dinge konzentriert, die einem lieb und wert sind und immer weniger darauf gibt, was die anderen darüber denken. Schreiben scheint ein integraler Bestandteil dieses Vorgangs zu werden.

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Tintenklecks aber hallo, die Geschichte fühlt sich gut an, in ihrer grobsprachigen Gesteinsphilosophie. Sie zaubert Bilder ins Gehirn , Lachfältchen um die Augen und scmunzelnde Kräusellippen ins Gesicht. Un vor allem ein Staunen, was ein Stein mir so zu sagen at. Hätte im zuhören sollen, doc die Hose hatte ein Loch und ich war wütend und schmerzerfüllt. Danke, dass du mir die steinigen Worte "nachgerufen" hast freut sich
dert Tintenklecks
Vor langer Zeit - Antworten
LailaSeeliger super - regt zum weiter denken an. Sicher "erlebt" so ein Stein zahlreiches.

Ich freue mich immer über Steine, deren Oberfläche durch die Natur eiine Glätte erhielt, die sich fast samtig anfühlt...
Vor langer Zeit - Antworten
oscarwilde Tolle Idee - wie ein Stein die Welt sieht :-)
Ich mag es, wenn man etwas in Dinge dichtet, denen man eigentlich keine Vielschichtigkeit nachsagen würde...
Gern wieder so etwas kreatives
VG Daniel
Vor langer Zeit - Antworten
GerLINDE 
Hallo Helmut,
wunderbar hat mir Deine Geschichte "Monolog eines Steines" gefallen.
Dafür schenke ich Dir gern Coins und ein Favo.
Daumen hoch!
Lieben Gruß
Gerlinde
Vor langer Zeit - Antworten
Dragon Ich liebe Steine. Aber nur glatte und bunte. Sie können aber auch weiß oder schwarz sein. Ich mag alle bunten Steine. :-)
Gelungener Text.
Vor langer Zeit - Antworten
Amarillo Servus Helmut
Dein Text hat mir gut gefallen. Ich bin auch gerade bei einem "Stein", sozusagen. Besuche heute Yelllowstone... Hier wird gefaucht, geflüstert und gebubbert.
Einen wolkenverhangenen Gruss in das schöne Austria
Feli
Vor langer Zeit - Antworten
Papiertiger Na, du kommst ganz schön herum in der Geographie :) Yellowstone muss schon toll sein. Und, wirds seinem Namen gerecht? Ist es gelb vor Schwefel?
lg
Helmut
Vor langer Zeit - Antworten
EllaWolke Eine schöne Geschichte. LG Ella
Vor langer Zeit - Antworten
Papiertiger Freut mich, dass es dir gefallen hat. Danke fürs Lesen :)
lg
Helmut
Vor langer Zeit - Antworten
AngiePfeiffer Gut dass Steine nicht mit uns reden, fällt mir dabei ein.
Eine hervorragende Geschichte
meint
Angie
Vor langer Zeit - Antworten
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