Kurzgeschichte
Schwarzer Freitag

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"Schwarzer Freitag"
Veröffentlicht am 27. August 2014, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über mich gibt es nichts interessantes. Aber jetzt auch mit schönen bunten Bildern.
Schwarzer Freitag

Schwarzer Freitag

SCHWARZER FREITAG




 

Klatt steigt am Bahnhof Dammtor aus der S - Bahn, nimmt dann den Ausgang zum Dag - Hammarskjöld - Platz, verharrt unter dem gläsernen Vordach um sich eine Zigarette anzuzünden und blickt dann zum Himmel empor. Graue schwere Wolken verhängen den Himmel, ein leichter Nieselregen fällt aufs Pflaster. Klatt schlägt den Kragen seines Trenchcoats hoch und geht über die Brücke, die fast schwerelos über der stark befahrenen Dammtorstraße

schwebt. Ein einsamer Saxophonspieler spielt ihm vom Geländer her den Blues. Klatt wirft eine Münze in den bis dahin leeren Hut des Musikers. Asche fällt von seiner Zigarette, der Wind trägt sie mit sich fort. Klatt geht weiter, nimmt am Ende der Brücke die Treppe und wartet geduldig an der roten Ampel. Der Verkehr ist dick, schiebt sich zähflüssig wie Sirup über das nasse Asphaltband. Ein Porschefahrer hupt gehetzt, lässt seinen Motor warnend aufheulen. Vielleicht ein Banker der es nicht erwarten kann seinen nächsten großen Deal unter Dach und Fach zu bringen, denkt Klatt. Als die Ampel auf grün springt begibt er sich mäßigen Schrittes

auf die andere Straßenseite. In den Colonnaden warten Bettler. Es sind drei, verteilt auf fünf Meter Pflasterstein trotzen sie dem Regen und dem verpfuschten Leben. Klatt geht an ihnen vorbei. Er kann ihnen nicht helfen. Geld hat er keins mehr, und schöne Worte, Mut machende Sätze und Sorgen brechende Phrasen, klingen ihnen wohl noch nutzlos tausendfach in den Ohren.

Also geht er stumm vorbei an den Hageren, bleichen Gestalten. Und er muss dabei denken wie es wäre einer von denen zu sein. Dort zu stehen, im Regen, allein, schutzlos und unsicher auf etwaige Mildtätigkeit Unbekannter zu hoffen.

Nein, sagt er sich, das wäre doch gar kein Leben mehr. Nur noch ein Überleben; ein stetiges Dahinschwinden seiner Würde, seines Stolzes und seiner Ideale. Und das alles unter den wachsamen Augen einer gelangweilten Öffentlichkeit, die nur dann von ihm Notiz nehmen würde, wenn er der erste Kältetote dieses Winters wäre. Da würden sie kurz aufhorchen, den Kopf schütteln, um sich sogleich der nächsten Schlagzeile zu widmen. Und er schon wieder dem Vergessen verfallen.

Doch soweit würde es nicht kommen!

Klatt schließt seinen Laden auf. Atmet tief, und genießt den allzu

vertrauten Geruch seiner zum Verkauf

stehenden Artikel. Sorgfältig schließt er die Tür wieder, dreht den Schlüssel zweimal rum. Angenehme Stille strömt aus den Regalen. Klatt legt Mantel und Hut ab, verstaut beides in der kleinen Kammer im hinteren Teil seiner Buchhandlung.

Seiner Buchhandlung? Nein, nicht mehr! Dieser Ort sorgfältig geordneter Weltliteratur gehört schon nicht mehr ihm. Er gehört jetzt einer Bank; einer anonymen Geldmaschine. Die offensichtlich keinen blassen Schimmer davon hat was man mit einer Buchhandlung so anfängt. Außer sie zu verkaufen. Zusammen mit dem Rest des Hauses. Alles wird verramscht.

Vorzugsweise an einen Zahlungsbereiten Immobilienhai.

Klatt setzt sich an seinen kleinen Schreibtisch, kramt erneut in den Papieren die ihm alle seine Niederlage in kalten nüchternen Worten erläutern. Rechnungen, Mahnbescheide, Zahlungsaufforderungen in ausnehmend rüden Worten. Plus Bearbeitungsgebühren. Horrende Summen haben sich da angesammelt über die Monate.

Wie soll ein Mensch diese Summe aufbringen? Fragt sich Klatt, er kennt niemanden. Schon gar keinen der nur einen Buchladen besitzt; einen Buchladen, der seit Monaten nichts mehr

abgeworfen hat. Einen Buchladen ohne Kundschaft, ohne Käufer. Es kamen noch nicht mal mehr Leute um sich unverbindlich umzuschauen. Kein Wunder in der heutigen Zeit mit ihren Online - Bestellshops, den E - Book - Readern und Internet - Bibliotheken. Kaum ein Mensch ging noch vor die Tür um sich ein echtes Buch zu kaufen.

Und jetzt war Klatt endgültig pleite. Alle Rücklagen sind aufgebraucht. Genau wie seine Hoffnung auf bessere Zeiten.

Also gibt es nur noch eins zu tun. Klatt verabschiedet sich. Er geht die alten gebogenen Regale ab, streicht mit der Hand über die angestaubten Buchrücken. Er sagt "Tschüß" zu Kafka, Hamsun und

Goethe. Er sagt "Wiedersehen" zu all den französischen Klassikern. Er sagt "bis bald" zu Hesse, Lenz und Böll.

Dann baut er einen kleinen Turm aus diesen Büchern, diesen mystischen Buchstaben die ihm ganze Landschaften an Freude, Einsichten und Träumen beschert hatten. Er knüpft ein Seil an einen Dachbalken, legt sich die Schlinge um den dürren Hals und macht einen entschlossenen Schritt in die Leere. Und die Bücher die ihn umgeben sehen ihn da hängen, stumm und unbewegt. Auch für sie wird einmal der Tag kommen.








Text: harryaltona

Cover: Roland Scherg/www.pixelio.de

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sugarlady Eine Geschichte aus dem wirklichen Leben.
Hab sie sehr gerne gelesen.
Leider tragisch, doch nicht so selten.
L.G. Andrea
Vor langer Zeit - Antworten
HarryAltona Ja leider. Und nicht nur dort. Wenn ich mir so die Landwirte anschaue...
Tausend Dank, Andrea!!!
lg... harryaltona
Vor langer Zeit - Antworten
pekaberlin Tja Harry,
wenn sich alle Menschen aufhängen würden, die ihren Stolz, ihre Würde und Menschlichkeit zu verlieren fürchten ... es gäbe wohl nur noch Kinder ... für die Welt freilich, wär's vielleicht sogar besser.
Wirklich guter Text, mit naiver Beobachtungsgabe geschrieben!
Liebe Grüße
Peter
Vor langer Zeit - Antworten
HarryAltona Nicht nur vielleicht.
Mit naiver Freude gelesen, und mit ebendieser Danke gesagt, Peter.
Alles Gute
und schönen Restsonntag,
lg, harryaltona
Vor langer Zeit - Antworten
cassandra2010 

Da sage noch einer, Literatur sei für nix gut~~~

Im Ernst: eine treffsichere Geschichte, die man dem Raffzahn Amazon (weiß nicht, welcher A... grad das Sagen hat in diesem Haifischbecken) in den Gierschlund stopfen sollte!

Gibs zu---du bist Harry Rowohlt, gell?

Cassy
Vor langer Zeit - Antworten
HarryAltona Nix mit Rohwolle - Rowohlt. Und dieser ganze Online - Mist zum kaufen/verkaufen nimmt langsam erschreckende Züge an. So praktisch das auch sein mag.
Danke für die Annehmlichkeiten, Cassy
lg, harryaltona
Vor langer Zeit - Antworten
cassandra2010 

Was heißt da praktisch! Ich gehe in meine Buchhandlung, bestelle und am Tag drauf ist alles da. Und Klatsch und Tratsch gibt es umsonst dazu. Nettes Schwätzchen obendrein.

Amazon kann mich mal. Ja. Vergessen. Nix gibt's. Never ever.

Grüßle
Cassy
Vor langer Zeit - Antworten
AngiePfeiffer Whow - das ist eine Geschichte die betroffen macht, doch sachlich geschrieben ist. Klasse gemacht
findet
Angie
Vor langer Zeit - Antworten
HarryAltona Tausend Dank, Angie.
Große Gefühle sind nicht unbedingt mein Ding. Betroffenheit stellt sich ja auch so ein.
lg, harryaltona
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Ein Thema, das auch mich bewegt, hast Du in einem beeindruckenden Text be- und verarbeitet. Ein flüssiger Erzählstil, vorwurfsfrei ... soll der Leser entscheiden. Gut gemacht! Gefällt mir sehr!
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
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