Fantasy & Horror
The Prophecy - Kuss der Dunkelheit

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"Kannst du damit leben, dass du es warst, der deine große Liebe getötet hat? (Kapitel 1-11)"
Veröffentlicht am 13. Juli 2014, 356 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
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Über den Autor:

22 Jahre jung und Studentin im 6.Semester Soziale Arbeit. Schon als ich klein war, habe ich es geliebt mir Geschichten auszudenken und diese aufzuschreiben, außerdem lese ich viel und gerne. Es ist einfach ein tolles Gefühl neue Welten, Charaktere und Handlungen zu erschaffen. Ich liebe das Gefühl völlig ins Schreiben vertieft zu sein und sowohl die Zeit als auch alles andere um mich herum zu vergessen.
Kannst du damit leben, dass du es warst, der deine große Liebe getötet hat? (Kapitel 1-11)

The Prophecy - Kuss der Dunkelheit




THE PROPHECY

Kuss der Dunkelheit





ein noch nicht ganz fertiger

Fantasyroman

von LilaLilime























Klappentext


Amalia ist ein Jahrhuderte alter Vampir. Nachdem sie ihre große Liebe auf der Flucht vor ihrem Erschaffer Dimarus getötet hat, zieht sie sich in eine ruhige Vorstadt zurück, um mit ihren inneren Qualen fertig zu werden. Sie lernt die fünfjährige Jolina kennen, die sie langsam in das Leben zurückführt und ihr zeigt, dass es sich zu leben lohnt. Doch plötzlich taucht Ava auf, ein Vampir aus ihrer Vergangenheit und ihr wird klar: Dimarus hat Amalia gefunden und will ihren Tod.

PROLOG

Nur noch einen Schritt weiter und sie würde der Erfüllung ihrer Träume ganz nah sein, so nah, dass sie sie einfach greifen und endlich glücklich werden konnte. Nichts sehnte sie sosehr herbei als dieses Glück und dass die letzten Jahre einen Sinn hatten. Sie konnte es schaffen. Nein! Sie musste es schaffen! Sie durfte sich keinen Fehler erlauben, durfte nicht das zerstören worauf sie solange gewartet hatte. Ein Geräusch neben ihr weckte ihre Aufmerksamkeit, doch sie durfte sich nicht ablenken lassen, musste sich konzentrieren auf das was vor ihr lag.

Ein leises Stöhnen entrang sich dem Mann in ihren Armen. War sie zu weit gegangen? Nein, alles unter Kontrolle, es konnte nicht mehr lange dauern, sie musste sich bereit machen aufzuhören. Doch konnte sie das? Vom Wollen war hier nicht die Rede, denn das was sie hier tat war alles was sie je wollte und er hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er es auch wollte, mehrmals sogar und er vertraute ihr, vertraute auf ihre Kraft, ihre Stärke und ihre Liebe zu ihm. Sie merkte eine Veränderung, das Ziel war erreicht, doch sie war so berauscht, dass sie einfach nicht aufhören konnte, in ihr lehnte sich alles gegen diese Gefühle auf. Hör endlich auf! Schrie sie

sich im Gedanken an, ihre große Liebe gab ein letztes Keuchen von sich und sackte dann in ihren Armen zusammen. Nein! Sie hatte es getan. Sie war zu weit gegangen, hatte die Grenze überschritten und alles kaputt gemacht. Sie hatte sich so gut auf alles vorbereitet, er hatte ihr sein Leben anvertraut und was tat sie? Sie war zu schwach um rechtzeitig aufzuhören und was waren die Konsequenzen? Panisch schlug sie die Augen auf, erwachte aus ihrer Trance, die Starre löste sich, ihr wurde schlecht, sie ekelte sich vor sich selbst. Sie zog sich zurück, ließ ihren Liebsten langsam zu Boden gleiten und lauschte, doch alles was sie hörte war Stille. Kein

Herzschlag, kein Atemgeräusch war zu hören, kein Lebenszeichen. Er sah aus als würde er schlafen, so friedlich, nur das nun schon getrocknete Blut an seiner Haut ließ darauf schließen, dass dieser Mann einem Verbrechen zum Opfer gefallen war, ihrem Opfer. Sie hatte ihn getötet, ihn, die Erfüllung ihrer Wünsche, die Antwort auf die Frage nach ihrem Schicksal, ihn, ihr großes Glück und ihren Seelengefährten. Eine einzige Träne stahl sich aus ihrem Auge, die Wange hinunter und landete auf seinen kalten Lippen. Diese Lippen, die immer so sanft waren, perfekt geschwungen, weich und doch hart. Die Erinnerung an ihren ersten Kuss kam

ihr in den Sinn, scheu hatte er sie angeblickt, hatte aber wider ihrer Erwartungen keine Angst vor ihr gehabt und legte stattdessen beschützend seine kräftigen Arme um ihren schlanken Körper, zog sie langsam an seine warme Brust, sah sie noch einmal mit seinen leuchtend grünen Augen an bevor er sie schloss und seine Lippen auf ihre presste, nur kurz, um zu sehen wie sie reagierte. Sie hatte sich nicht gewehrt, hatte sich geborgen und beschützt gefühlt. Beschützt! Was für ein Blödsinn! Sie musste nun wirklich nicht beschützt werden, vor niemandem. Mit ihr legte sich niemand an und wenn es dann doch einmal vorkam, war es ein

Leichtes für sie ihren Angreifer mit nur einer Handbewegung unschädlich zu machen. Sie war nicht das sanfte kleine Mädchen, nach dem sie aussah, sie war hart, stark und ein Killer. Das hatte sie gerade bewiesen. Sie wollte ihn für immer an ihrer Seite wissen, doch nun war er stattdessen tot. Tot. Das Wort klang hohl in ihrem Kopf, unwirklich und falsch, aber es war nun einmal die Wahrheit, die harte Realität, der sie sich nun stellen musste. „Oh Logan, es tut mir so Leid“, flüsterte sie an seinem Ohr. Hinter ihr hörte sie Schreie, Schritte kamen näher, waren nur ein paar Straßen von ihnen entfernt. Doch es war ihr egal,

nichts zählte mehr als der tote Mann in ihren Armen, der sie nie mehr küssen und sie nie mehr anlächelte oder verträumt ansehen würde. Sie wollte weinen, schreien, sich auf dem Boden wälzen und sich benehmen wie ein kleines Kind, doch sie saß einfach still da und wartete auf ihren eigenen Tod.

1

Gehetzt schlug sie die Augen auf. Ein Traum, es war nur ein Traum, versuchte sie sich zu beruhigen. Ein Traum, der jede verdammte Nacht wiederkehrte und das nun schon seit neunundneunzig Jahren und dreihundertsechzig Tagen. Man sollte doch meinen, dass es nach so langer Zeit besser wurde, dass sie sich nicht mehr schuldig fühlen musste, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Mit jedem Tag, der näher an den 12.August rückte wurden die Qualen stärker. In fünf Tagen war es genau hundert Jahre her. Ob es dann wohl besser werden würde? War das die Zeit, die sie brauchte, um zu trauern? Oder wurde es

danach nur noch schlimmer? Fragen über Fragen, deren Antwort nur die Zeit mit sich bringen würde. Träge drehte sie sich auf die Seite und griff nach dem Wecker auf ihrem Nachttisch, Mitternacht, höchste Zeit aufzustehen. Sie hatte Hunger, eine der Nebenwirkungen, die dieser entsetzliche Traum immer in ihr wach rief. Zwar lag das ganz in ihrer Natur, aber seit jener Nacht, in der sie das beste während ihrer gesamten Existenz gekostet hatte, überrannte sie die Gier nach diesem köstlichen Geschmack jeden Tag aufs Neue. Unter der Dusche dachte sie über die vergangenen Jahrhunderte nach, ihr

Leben als Mensch war schon zu lange her, als dass sie sich noch daran erinnern konnte, zu viele Leben hatte sie seither gelebt, zu viel erlebt, mit der Zeit verblasste alles. Nur die letzten hundert Jahre, an die würde sie sich immer erinnern, egal wie alt sie noch werden sollte. Jeden Tag quälte sie sich auf diese Weise, während der Stunden, die sie schlief wurde sie von den Ereignissen der Nacht verfolgt, die die schlimmsten ihres Daseins waren. Wenn sie wach war, dachte sie bewusst darüber nach was für ein Monster sie war und dass sie ihre Existenz verfluchte. Das war ihre sich selbst auferlegte Strafe. In eine bequeme verwaschene

Jogginghose und ein schwarzes Top schlüpfend, schlurfte sie in die große Küche, ihr Hunger nahm von Sekunde zu Sekunde zu, es war kaum noch zu ertragen. Doch auch diese Strafe hatte sie sich selbst auferlegt, sie trieb sich immer so weit bis sie es kaum noch aushalten konnte und der Schmerz einer Ohnmacht nahte. Der Kühlschrank war gut gefüllt. Erst gestern hatte sie eine neue Lieferung mit einem Vorrat für die nächsten zwei Wochen erhalten. Alles total anonym und ohne Kontakt zu irgendeinem Menschen. Alle vierzehn Tage bekam sie so eine Lieferung und jedes Mal legte sie größten Wert darauf, dass der Bote

das Paket um die selbe Uhrzeit vorbei brachte, er durfte nicht klingeln oder auch nur sonst dem Haus zu nahe kommen. Sie wollte keine Menschen in ihrer unmittelbaren Nähe. Dass sie in diesem Viertel lebte war da sehr vorteilhaft für sie, es war eine dieser Vorstädte, in der nur reiche Leute wohnten und sich allesamt nur um ihren eigenen Kram kümmerten. Gelegentlich blieb jemand vor einem anderem Grundstück stehen, um die Nase zu rümpfen oder neidische Blicke auf die Gärten der Nachbarn zu werfen, wenn diese einen neuen Pool oder ein neues Auto hatten. Seit nun schon mehr als sechzig Jahren

lebte sie in Glenluce , wegen der Idylle und der Ruhe, die sie hier fand und natürlich wegen der Anonymität. Niemand scherte sich um sie, keiner beachtete sie, keiner stellte Fragen, und wenn sie es doch taten, vergaßen sie es nach kurzer Zeit wieder. Keiner ihrer Nachbarn hatte sie je zu Gesicht bekommen, weder als sie in einer stürmischen Nacht hier ankam, um einzuziehen noch in den darauffolgenden Jahren. Sie konnte sich noch gut an jene Nacht erinnern, es war eine kalte Nacht im März gewesen, schon eine ganze Woche lang hatte sie die Vorstadt ständig beobachtet, nur nachts natürlich, um zu sehen welches

Haus sie sich nehmen konnte. Nach zwei Tage fiel ihr das schöne cremefarbene ganz am Ende der Sunland Road ins Auge, es lag etwas abseits der anderen Villen und stand auf einem kleinem Hügel. Es war von einer hohen Hecke und schmiedeeisernen Toren umgeben und hatte seinen ganz eigenen Charme. Vom Regen völlig durchnässt hatte sie an das Tor der Villa geklopft, durch ihre Beobachtungen wusste sie, dass da nur ein alter gebrechlicher Mann lebte, der weder Familie noch Freunde in der angrenzenden Nachbarschaft hatte. Nach zehn Minuten wurde das Tor knarrend geöffnet, der Greis röchelte und zitterte, er schien kurzsichtig zu sein, denn er

kam ganz dicht an sie heran gehumpelt und blickte in ihre braunen Augen. Was auch immer er in ihnen sah, er lächelte und ließ sie ein. Er führte sie in ein wunderschönes Schlafzimmer im ersten Stock mit einem riesigem Himmelbett in der Mitte des Raumes. Noch während sie sich in jener Nacht überlegte wie sie den alten Mann loswerden sollte, starb er in seiner hauseigenen Bibliothek mit dem Foto seiner schon vor Jahren verstorbenen Frau in der Hand. Die Frau auf dem Bild, hatte schwarze Haare und braune Augen, genau wie sie. Ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht als sie die rote Tasse in die Mikrowelle

stellte. Dieser alte Mann hatte sie eingelassen, weil sie entfernte Ähnlichkeiten mit seiner Frau hatte. Wie seltsam manche Menschen doch waren. Die Mikrowelle piepte, ungeduldig holte sie die warme Tasse aus dem Gerät und setzte sie an ihre Lippen, die warme dicke Flüssigkeit rann ihre Kehle herab und erfüllte sie sofort mit einer unsagbar wohltuenden inneren Ruhe und Zufriedenheit. Das war die beste Zeit des ganzen Tages, dieser eine Moment, in dem sie sich nicht schuldig fühlte, in dem sie rein gar nichts fühlte außer dieser mächtigen und allumfassenden Befriedigung. Immer noch durch ihren Imbiss

berauscht, trat sie in die Schwimmhalle im Keller der Villa. Sie zog Jogginghose und Top aus, den Bikini hatte sie wie jede Nacht nach dem Aufstehen direkt nach dem Duschen angezogen, und sprang kopfüber in das klare kalte Wasser. Diese endlosen Bahnen zu schwimmen beruhigte sie in gewisser Weise. Anfangs tat sie es nur zum Zeitvertreib, doch nun genoss sie das Wasser, das ihren Körper umspielte, die Art und Weise wie sich ihre Muskeln anspannten und lockerten und das Gefühl der Schwerelose. Zwei Stunden später hatte sie genug, hüllte sich in ein großes flauschiges Handtuch und setzte sich auf einen alten

Schaukelstuhl auf dem Balkon im Dachgeschoss. Eine warme Brise zerzauste ihr nasses Haar. Es war eine wolkenlose klare Nacht. Die Hitze der letzten Wochen legte sich langsam, doch noch immer mussten es weit über 20Grad sein. Sie blickte am Kirschbaum im Vorgarten vorbei die Straße entlang. Alles war still. Ihre Nachbarn lagen um diese Zeit alle in ihren Betten und schliefen, aus dem Haus hundert Meter weiter vernahm sie das leise Schnarchen eines Mannes, der von seiner Frau zum wiederholten Male auf das Sofa verbannt wurde wegen irgendeines banalen Streites, den sie gerade beendet hatten als sie aus der Dusche gekommen war.

Am anderem Ende der Sunland Road konnte sie eine weiße Katze sehen, die sich genüsslich räkelte und schnurrte.Sie wollte gerade den Blick abwenden als das Kätzchen aufhörte zu schnurren, sich versteifte und ein leises Fauchen von sich gab. Nach einem streunendem Hund oder einer andern Katze Ausschau haltend, lehnte sie sich in ihrem Stuhl nach vorn. Doch da war kein anderes Tier. In den vorderen Baumreihen des Waldes, der halb Glenluce umrahmte, hob sich ein Schatten ab. Die Katze warf einen letzten Blick in diese Richtung, knurrte und verschwand dann durch einen Zaun in den Garten des nächsten Grundstücks. Gebannt hielt sie ihre

braunen Augen auf den Schatten gerichtet. Was war das? Sie konnte es nicht genau erkennen, dann bewegte der Schatten sich und bekam eine klarere Kontur. Es war ein Mensch, der da in den Bäumen lauerte. Sie blinzelte und als sie ihre Augen das nächste Mal aufschlug, war der Schatten wieder verschwunden. Ein kurzer Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass es kurz vor 4:00Uhr morgens war. Es wurde langsam hell, der Sonnenaufgang ließ nicht mehr lange auf sich warten. In dem blauen Haus auf der rechten

Straßenseite ging ein Licht im ersten Stock an, sie hörte das Knarzen eines Bettes als Cameron Silvers sich streckte und anschließend in das angrenzende Badezimmer schlurfte, um zu duschen und sich für die Arbeit fertig zu machen. In einer Stunde würde Cameron ihren ein Jahr jüngeren Mann Jack wecken. Sie würden sich zum Abschied küssen und nachdem auch er sich angezogen und die Zeitung gelesen hatte, würde er die achtjährige Zoe und den fünfzehn jährigen Lucas wecken. Punkt 06:30Uhr würden die drei in den Wagen in der großen Garage steigen, um in die Schule und zur Arbeit zu fahren. Ein ganz normales Leben einer ganz

normalen Familie. Etwas, das sie selbst niemals haben würde. Kopfschüttelnd erhob sie sich aus ihrem Stuhl, warf einen letzten Blick auf das blaue Haus und schloss die Balkontür hinter sich als sie in ihr Haus zurückging. Der Dachboden war ein einziger großer Raum, der sich über die gesamte Etage erstreckte, mit vielen Winkeln und Ecken, auf dem man ständig etwas Neues entdecken konnte. Hier fand man Truhen mit alten Kleidungsstücken und Schuhen, vergessene Möbelstücke, ein altes kaputtes Spinnrad stand neben einem wunderschönem alten Puppenhaus, das so aussah als hätte es jemand mit viel Liebe und einem großem

handwerklichen Talent selbst zusammengebaut. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht die Kartons und Regale durchzusehen. Was kümmerte sie es was hier alles herumstand? Nur wegen des alten Balkons mit dem Blick über die umliegenden Häuser und Straßen und der Ruhe, die sie fand wenn sie in diesem Schaukelstuhl saß, kam sie überhaupt hier rauf. Mit immer noch ständig in ihrem Kopf umher wirbelnden Gedanken zog sie sich in die Bibliothek im Erdgeschoss zurück. Der alte Mann, der vor ihr hier gelebt hatte, musste für sein Leben gern gelesen haben, denn der große Saal war vollgestopft mit hunderten vielleicht

sogar tausenden Büchern. Die Regale an den Wänden zogen sich bis zur hohen Decke hinauf und bogen sich unter der schweren Last der Bücher, die sie trugen. Dass dieser Mann all diese Bücher gelesen hatte bezweifelte sie, waren es doch einfach zu viele für einen einfachen Menschen. Doch sie selbst kannte jedes der hier aufgereihten Bücher in- und auswendig, was sie natürlich ihrem übernatürlich gutem Gedächtnis und der Schnelligkeit verdankte. Gedankenverloren strich sie mit ihrer rechten Hand über die dicken Buchrücken. Sie liebte es wie sie sich unter ihren Fingern anfühlten, liebte den

Geruch, den die jahrzentealten vergilbten Seiten verbreiteten, liebte die Atmosphäre, die dieses gesammelte Wissen ausstrahlte. Sie zog ein dickes Buch mit braunem ledernem Einband aus einem der hinteren Regale und nahm in dem alten abgewetzten Ohrensessel neben dem Fenster platz. Die schweren Samtvorhänge waren seit ihrem Einzug zugezogen, denn sie machte sich nicht die Mühe jeden Abend nach dem Aufstehen alle Vorhänge zurückzuziehen, nur um sie am Morgen bevor sie sich in ihrem Himmelbett im ersten Stock zur Ruhe legte, wieder verschließen zu müssen. In diesem Haus herrsche Tag und Nacht Dunkelheit,

auch schaltete sie nie das Licht ein, sie konnte sehr gut ohne sehen. Das aufgeschlagene Buch auf ihrem Schoß betrachtend, ein Geschichtsband aus dem Jahr 1913, fiel sie wieder in ihre Tagträume zurück. Eine ganze Stunde saß sie so zusammengekauert da und grübelte über ihre Vergangenheit nach, als ihre Gedanken eine plötzliche Wendung einschlugen. Sie dachte über den Schatten nach, den sie am Waldrand gesehen hatte. Hatte sie sich ihn womöglich nur eingebildet? Nein, unmöglich, diese Katze hatte ihn auch bemerkt. Aber warum hatte das Tier so verstört reagiert? An Menschen musste

sie gewöhnt sein, zog sich ihr nächtlicher Spaziergang schließlich durch eine gut bewohnte Gegend, außerdem hatte sie kein Problem damit gehabt auf das nächstbeste Grundstück zu schlüpfen. Doch wenn es kein Mensch war, vor dem sie sich so gefürchtet hatte, was war es dann? Oder war es doch ein Mensch und das Tier hatte einfach nur überreagiert? Aber was sollte ein Mensch mitten in der Nacht im Wald noch dazu in dieser Gegend, in der sich alle Einwohner brav an die Vorschriften hielten und nie etwas Ungewöhnliches taten? Sie wusste keine Antwort auf ihre Fragen also schlug sie das Geschichtsbuch zu, brachte es

zurück an seinen Platz und verließ die Bibliothek. Auf dem Weg in ihr Schlafzimmer, das selbe, in das sie in ihrer ersten Nacht von dem altem Mann einquartiert wurde, lauschte sie auf die frühmorgendlichen Geräusche vor ihrem Haus und in den Häusern ihrer Nachbarn. Das Handtuch, in dem sie immer noch eingewickelt war, hing sie neben die Dusche im Badezimmer, den Bikini warf sie in die Wäschetonne im Schlafzimmer, zog sich ein übergroßes Sweatshirt über und kuschelte sich in die weichen Decken ihres Bettes. Sie hatte heute keine Lust auf weitere sinnlosen Aktivitäten also drehte sie sich auf die Seite, zog die

Decke bis unter ihr Kinn und schloss die Augen, in der Erwartung auch heute von ihren quälenden Alpträumen heimgesucht zu werden. Ein seltsamen Geräusch ließ sie aus dem Schlaf fahren. Ein Blick auf den Wecker verriet ihr, dass es 22Uhr war. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, die Sonne war hinter den Bergen verschwunden. Sie schüttelte den Kopf, um die Bilder des Traums und die sie verfolgenden durchdringenden grünen Augen loszuwerden. Es war kühler geworden, das fühlte sie sofort als sie aus dem Bett kroch. Nachdem sie

geduscht hatte, saß sie in der Küche und wartete auf das Piepsen der Mikrowelle. Gerade als sie die Tasse an ihre Lippen hob, hörte sie es wieder; ein ängstliches Wimmern, das Geräusch, das sie geweckt hatte. Verwirrt blickte sie sich um, doch in der altmodischen Küche war nichts ungewöhnliches zu entdecken. Seltsam. Sie setzte die Tasse erneut an, doch schon ertönte das Geräusch abermals. „Das ist doch lächerlich!“ murmelte sie vor sich hin und stellte die Tasse auf den Tisch. Im Gehen band sie ihre schwarze Mähne zu einem Pferdeschwanz zusammen. Am Fenster späte sie durch die Jalousien. Nur noch ein schwacher Lichtschimmer hinderte

die Dunkelheit daran sich auszubreiten. Auf ein Anzeichen, die Ursache des Geräusches auszumachen, blickte sie sich im Garten um. Nichts. Gerade als sie zu ihrer Tasse zurück gehen wollte, vernahm sie wieder dieses Geräusch, das Wimmern wurde zu einem stetigem Schluchzen. Da weinte jemand. Das konnte ihr egal sein, jeden Tag heulte sich irgendjemand die Augen aus, aber irgendetwas ließ sie zögern und ehe sie wusste wieso, stand sie auch schon auf der hinteren Veranda ihrer Villa. Suchend blickte sie sich um, konnte das Geräusch aber nicht ausmachen. Als sie das Tor erreicht hatte, hielt sie

inne. Sie konnte ihr Zuhause nicht verlassen, konnte nicht riskieren einem Menschen zu begegnen und warum sollte sie das überhaupt? Warum sollte es sie interessieren, dass da jemand war, der weinte vor Unglück oder Angst? Verwirrt schüttelte sie ihren Kopf um klar denken zu können, was ihr jedoch sehr schwer fiel. Das Schluchzen wurde lauter. Sie konnte diese Qualen, die diese Person litt nicht länger aushalten. All ihre Zweifel, Prinzipien und Ängste vergessend, riss sie das große Tor auf und rannte dem Geräusch nach. Als sie bereits mitten im Wald stand hielt sie an um sich erneut umzuhören. Etwa fünfzig Meter von ihr entfernt entdeckte sie eine

kleine Gestalt, die sich unter einem Baum zusammengerollt hatte und unaufhörlich weinte. Langsam und ohne irgendeinen Laut von sich zu geben näherte sie sich dem Baum. Überrascht stellte sie fest, das es ein Kind war, das da saß und weinte. Abrupt blieb sie stehen. Das Kind musste sie bemerkt haben, denn es hörte auf zu schluchzen und blickte auf. Als das Mädchen sie entdeckte, drückte es sich näher an den Baum. Es hatte Angst vor ihr, dachte dass sie hier war um es zu verletzen und es wäre ein Leichtes für sie gewesen es zu tun. Ihr fiel die Tasse ein, die sie in der Küche hatte stehen lassen. Ihr Magen zog sich

krampfhaft zusammen, ihre Kehle brannte, im Geist machte sie bereits Pläne wie sie das kleine Mädchen am besten töten sollte. Schnell und ohne dass es merkte was passierte oder sollte sie sich Zeit nehmen und die Qualen ihres Opfers genießen? Von sich selbst angeekelt sprang sie zurück. Das war genau die Situation, die sie um jeden Preis vermeiden wollte. Sie bemühte sich ihre Emotionen zu kontrollieren und ihre wirren Gedanken zu ordnen. Es dauerte nur zwei Sekunden, welche ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, bis sie sich entschieden hatte und ein freundliches Lächeln aufsetzte um das arme Kind nicht noch mehr zu

verängstigen. „Du brauchst keine Angst zu haben.“ sagte sie langsam. Das Mädchen hob den Kopf und musterte sie eindringlich. Was zum Teufel hatte es um diese Uhrzeit ganz allein mitten im Wald zu suchen!? „Ich habe keine Angst,“ das Kinn vorstreckend funkelte das Kind die Frau vor ihr an. Beinahe hätte diese es daran erinnert, dass es bis vor wenigen Sekunden noch hemmungslos geschluchzt hatte und ihm selbst jetzt noch Tränen über die Wangen liefen aber sie dachte, das wäre wohl der falsche Ansatz und sie befürchtete, dass es dadurch nur wieder Angst bekommen würde, darum nickte sie bloß und fragte:

„Was machst du hier so ganz allein?“ „Ich bin doch gar nicht allein.“ Verdutzt sah sie das Mädchen an, es fing an zu lachen und deutete mit seinem kleinem Finger auf sie, „Du bist doch bei mir“, lachte es. „Ich bin Jolina. Aber du darfst mich Jolly nennen, das macht jeder. Meine Mama nennt mich immer Jolly-Lolli.“ Jolina grinste sie an. „Und wer bist du?“ fragte sie gedehnt. „Amalia“, antwortete sie einfach. „Warum heißt du so? Wie alt bist du? Hast du einen Freund? Seit wann wohnst du hier? Gehst du noch zur Schule? Was

ist deine Lieblingsfarbe? Wie findest du...“ „Wenn du mal eine Pause machen würdest, könnte ich deine Fragen vielleicht beantworten“, unterbrach Amalia die eifrig auf sie einredende Jolina. Diese dachte gar nicht daran sich durch Amalias´ einschüchternden Ton verunsichern zu lassen, stattdessen presste sie ihre kleinen Händchen auf ihren Mund und schaute sie gebannt an. „Meine Großmutter hieß Amalia und meine Mutter ebenfalls, es war in meiner Familie Tradition diesen Namen an seine erstgeborene Tochter weiterzugeben. 21. Nein habe ich nicht. Schon sehr sehr lange. Nein und ich habe keine Lieblingsfarbe.“ gab sie schließlich

zurück. Jolina überlegte kurz und fuhr dann fort auf sie einzureden: „Du musst aber eine haben! Jeder Mensch hat eine! Meine ist rosa und lila und gelb und grün, hmm blau mag ich eigentlich auch und rot.“ Amalia führte das Mädchen, das wie sie nun wusste fünf Jahre und zehn Monate alt war, durch den Wald zurück in die Stadt. Hier her zu kommen hatte bloß Sekunden gedauert, doch jetzt in normaler Geschwindigkeit beziehungsweise der Geschwindigkeit eines sehr langsamen Kindes brauchten sie eine Ewigkeit. Auf ihre Frage hin warum Jolly hier im Wald war, erzählte sie ihr eine fabelhafte Geschichte von

weißen Kaninchen und einem Loch, das bodenlos zu sein schien, in das sie hereingefallen war. Da hatte wohl jemand zu viel „Alice im Wunderland“ gelesen. Doch Jolly´s Geschichte hatte tatsächlich etwas mit einem Kaninchen zu tun, mit ihrem kleinem Freund Sammy und während sie ihr erzählte wie das erst wenige Wochen alte braune Kaninchen aus ihrem Zimmer verschwunden und durch die Katzenklappe in den Garten gehoppelt war, zog sie ein kleines braunes Fellbündel aus ihrer Tasche. Sie ist ihm in den Wald gefolgt und als sie ihn endlich zu fassen bekommen hatte, hatte

sie sich auch schon verlaufen und wusste nicht wie sie zurück in ihr warmes Bettchen finden sollte. Bei dieser Geschichte musste Amalia plötzlich lächeln aber sie war auch unglaublich wütend auf die Eltern der kleinen Jolina. Wie konnten sie es zulassen, dass ihre fünfjährige Tochter zu so später Stunde spurlos aus ihrem Zimmer verschwand und unbemerkt in den Wald rannte? „Mama und Papa sind bei Freunden. Lily hat auf mich aufgepasst, sie passt immer auf mich auf wenn ich allein bin. Als sie mich ins Bett gebracht hat und dachte ich schlafe, kam ihr Freund Nic vorbei. Als ich mich an ihnen vorbei

geschlichen habe, saßen sie im Wohnzimmer und haben geknutscht.“, erklärte Jolina ihr kichernd. Sie erfuhr, dass sie in der Lacroft Lane wohnte, das war nicht sehr weit von der Sunland Road entfernt. Während sie ihren Weg fortsetzten, nachdem Jolina eine kurze Pause gebraucht hatte, überlegte sie wie sie das Kind am besten wieder loswurde. Sollte sie es heimlich durchs Fenster in ihr Zimmer befördern, sollte sie an der Haustür klingeln und diesem Teenie eine Standpauke halten oder sollte sie Jolina gleich bei der Polizei absetzen? Das hätte zur Folge, dass ihre Eltern informiert wurden und diese Lily sicher

nie mehr babysitten würde. Doch was, wenn man ihr, Amalia, dann Fragen stellte, wie sie das Mädchen gefunden hatte? Konnte sie sagen, dass sie zu dieser Uhrzeit einen Spaziergang durch den Wald machte? Würde man ihr so etwas glauben? Vermutlich nicht, schließlich gingen einundzwanzigjährige junge hübsche Frauen nicht völlig allein ohne jeden Grund in einem dunklem Wald spazieren. Auch wenn sie definitiv keine Hilfe brauchte, um sich selbst zu schützen, musste sie doch den Anschein vor den Menschen wahren. „Guck nicht so ernst“, unterbrach Jolina ihre Gedanken. Sie versuchte sich ein Lächeln abzuringen, brachte aber nur

eine Grimasse zustande, die Jolina lauthals lachen ließ. Dieses Lachen war so leicht, unbeschwert und mitreißend, dass sie gar nicht anders konnte als mit einzustimmen. Jolina wirkte mit sich zufrieden, denn als sie sich wieder beruhigt hatte, grinste sie munter vor sich hin. Endlich sahen sie die Lichter der Straßenlaternen, Jolina wirkte nun nicht mehr so munter und aufgeweckt. Sie war müde vom vielen Laufen und gähnte ununterbrochen. Bevor sie auf die Straße traten, ließ Amalia ihren Blick durch die Gegend wandern, um zu prüfen ob die Luft rein war. Es durfte sie niemand sehen. Was würden die Leute denken,

wenn man eine wildfremde Frau allein mir einer fünfjährigen aus den Wald treten und die Straße entlang marschieren sehen würden? Wie würden sie reagieren – auf sie losstürmen und niederringen oder die Polizei rufen? Sie musste vorsichtig sein. Doch ihre Sorge war unbegründet, die Straßen waren verlassen, die Einwohner von Glenluce befanden sich brav in ihren Häusern, sahen fern, schliefen bereits oder schlugen sich anderweitig die Zeit tot. Doch um sicherzugehen, dass die beiden nicht zufällig von einem durchs Fenster schauenden Hausbesitzer entdeckt zu werden, hielten sie sich in den Schatten auf.

Es war schon lange her, dass Amalia ihre Fähigkeiten anwenden musste, aber es steckte einfach in ihrer Natur sich unauffällig verhalten zu können. Jolina nörgelte nicht herum, wie es ein anderes Kind in ihrem Alter höchstwahrscheinlich getan hätte, als sie durch den Umweg im Schatten länger als nötig brauchten, sie fand es sogar aufregend und hielt es für eine Art Spiel, das sich Amalia eigens für sie ausgedacht hatte. Doch wenige Minuten später schafften sie es endlich in die Lacroft Lane und blieben vor einem entzückendem weißem Haus stehen. Die Hecken im Garten waren mit hoher

Präzession und Sorgfalt geschnitten, auf dem Rasen lag nicht ein einziges Blatt, die Fenster spiegelten den Sternenhimmel und ein Hund schlief dem Schnauben nach zu urteilen in einer Hundehütte hinter dem Haus. „Ist ein Fenster in deinem Zimmer geöffnet?“ fragte sie Jolina, diese sah sie verwirrt an, nickte aber. Sie gingen um das Haus herum, darauf bedacht keinen Laut von sich zu geben, um den schlafenden braunen Labrador nicht aufzuwecken und tatsächlich, im ersten Stock befand sich ein Balkon, er führte um die gesamte Rückwand der Villa. Die Fenster links und rechts waren verschlossen, doch das in der Mitte war

einen kleinen Spalt breit geöffnet worden, um frische Luft in das Kinderzimmer zu lassen. Jetzt musste sie sich nur noch überlegen wie sie Jolina da rauf bringen sollte. Sie entschied sich für die einfachste und unkomplizierteste Methode „Mach deine Augen zu“, sagte sie deshalb. Vor Müdigkeit ganz erschöpft gehorchte sie ohne Fragen zu stellen. Amalia trat an das Mädchen heran, bückte sich und nahm sie in ihre Arme. „Nicht blinzeln“, flüsterte sie. Jolina nickte. Sie trat unter den Balkon und drückte sich kraftvoll vom Boden ab, es fühlte sich herrlich an nach so vielen Jahren wieder durch die Luft zu

gleiten. Leichtfüßig landete sie vor der Glastür, die sie rasch beiseite schob und das Mädchen sanft wieder absetzte. „Du darfst wieder gucken.“ Jolina sah sich verwirrt um „Aber wie..?“ setzte sie an, verstummte jedoch und schüttelte den Kopf, dann lächelte sie Amalia noch einmal dankbar an. „Bitte behalte unser gemeinsames Abenteuer für dich Jolly. Es könnte Ärger geben, wenn deine Eltern erfahren, dass du ganz allein im Wald umher geirrt bist.“ Sie nickte und gähnte herzhaft, dann drehte sie sich um und schlich in ihr Zimmer, dort zog sie das kleine Kaninchen aus ihrer Tasche und

wollte es zurück in seinen Käfig setzen, doch als sie Sammy gerade absetzte, kratzte er mit seiner linken Pfote über Jolina´s Handgelenk. „Alles okay?“, fragte Amalia. Im nächsten Moment spürte sie das starke Brennen in ihrer Kehle, ein kleiner Tropfen Blut quoll aus dem Kratzer. Für Amalia, die nun seit vierundzwanzig Stunden kein Blut mehr getrunken hatte, war dieser eine Tropfen zu viel, sie stürzte sich mit mörderischer Gier auf das Mädchen vor ihr.

2

Sie wurde nicht ins Haus gebeten. Die Barriere, die unsichtbar zwischen Amalia und ihrem Opfer schwebte, trennte den Killer von seinem unschuldigem Opfer. Wütend hämmerte sie auf die magische Wand ein, mörderische Gier trübte ihren Blick. Der Durst machte sie wahnsinnig, ließ sie nicht mehr klar denken. Verzweifelt suchte sie nach einer Möglichkeit ins Haus zu kommen. Jolina drehte sich zu ihr um. Erschrocken sah sie Amalia an, doch dann breitete sich ein Grinsen auf ihrem süßen Gesicht aus und entblößte eine Zahnlücke neben ihrem rechten Schneidezahn.

Sie fing an zu kichern, verlor den Halt und rollte sich anschließend den Bauch vor Lachen haltend auf dem Boden herum. „Du bist sooo lustig!“, stieß sie unter unterdrücktem Lachen hervor. Diese Reaktion verwirrte Amalia so sehr, dass sie endlich wieder zur Besinnung kam, ihr Blick klärte sich, die Gier wich Erstaunen. Bevor sie wieder in ihre Raserei verfallen konnte, machte sie auf dem Absatz kehrt und verschwand in der Nacht. Jolina wischte sich die Tränen aus den Augen und setzte sich mühsam auf. Amalia war verschwunden. Sie hörte

Schritte die Treppe rauf kommen „Nein! Ich sage dir doch ich habe etwas gehört!“, die gedämpfte und aufgeregte Stimme von Lily drang an ihre Ohren. Schnell sprang sie auf ihre Füße, schleuderte ihre durch den Waldboden schlammigen Schuhe unter ihr Bett, kroch schnell unter ihre kuscheligen Decken und beruhigte ihren verräterisch schnellen Atem. Sie hatte ihrer neuen Freundin versprochen, ihre Begegnung für sich zu behalten. Die Tür wurde aufgestoßen. Lily und Nic traten in das rosa Zimmer. „Siehst du? Alles in Ordnung Babe, die Kleine schläft.“ hörte sie Nic flüstern. Lily blieb noch einen Moment

unschlüssig in der Tür stehen, dann ging sie zielstrebig auf den Balkon, sah sich in der Nacht um und schloss anschließend die Tür hinter sich als sie wieder ins Zimmer trat. Den noch offenen Kaninchenkäfig oder den Schmutz, der sich von ihm bis zum Bett auf dem Boden verteilte, bemerkte sie nicht. Gierig setzte Amalia die inzwischen kalt gewordene Tasse an ihre Lippen und kippte dessen Inhalt mit einem einzigen Zug ihre brennende Kehle herunter. Immer noch durstig riss sie die Kühlschranktür auf, holte einen weiteren Beutel heraus, öffnete den Verschluss

mit ihren Zähnen und trank auch diesen zügig leer. Als sie den nächsten Beutel leertrank, wurde sie ruhiger und ihre wirren Gedanken ordneten sich. Wie hatte das alles nur passieren können? Wie konnte es so weit kommen? Warum hatte sie zugelassen, dass sie so die Kontrolle über sich verlor? Dieses Mädchen, dachte Amalia als sie in das Wasser im Schwimmbecken glitt, sie war es gewesen. Die Antwort auf all ihre Fragen war Jolina. Ihretwegen hatte sie das erste Mal seit sechzig Jahren das Haus verlassen, sie war der erste Mensch, mit dem sie seit dieser Zeit geredet hatte, dem sie sich mehr als hundert Meter genähert hatte, mit dem

sie gelacht hatte und bei dem sie sich fühlte wie sie selbst. Doch hatte sie ihretwegen auch die Kontrolle verloren und das Monster, das in ihr lauerte heraufbeschworen. Wer war dieses Mädchen, dass Amalia so aus ihrem üblichen Muster fiel? Dazu kam noch ihre Reaktion als sie das Monster vor ihr entdeckte. Der erste Schreck war im Bruchteil einer Sekunde verschwunden, sie hatte keine Angst vor ihr gehabt, fand ihren Anblick sogar lustig. Das schallende Lachen der Kleinen hatte sie zurück in diese Welt geholt. Es war ein armes kleines süßes unschuldiges Kind, das sie da töten wollte. Jetzt, während sie stumm ihre Bahnen in

dem kalten Wasser zog, erschien ihr die Vorstellung Jolina um jeden Preis töten zu wollen unmöglich. Sie konnte nicht glauben, dass das tatsächlich sie gewesen war. Zum Glück hatte das Kind den Ernst der Lage, in der es sich befand, nicht realisiert. Amalia wollte nicht schuld daran sein, dass Jolina sich fürchtete oder gar Angst vor ihr hatte. Seltsam, denn sonst kümmerte sie sich nicht um die Gefühle anderer. Nachdem sie schließlich um 2:00Uhr nachts aus dem Becken stieg, zog sie einen purpurnen Jogginganzug an, flocht sich einen schnellen Zopf und trat erneut in dieser Nacht in die Dunkelheit der Nacht auf ihrer Veranda. Sie atmete die

abgekühlte Luft ein. Eine leichte Brise kitzelte ihre Wangen. Keine Minute später stand sie in der Lacroft Lane vor Jolina´s Haus. Ihre Eltern mussten zurückgekehrt sein, denn ein Auto, das vorhin noch nicht da gewesen war, parkte in der Auffahrt. Sie schwang sich mit einer geschmeidigen Bewegung über den Zaun in den hinteren Garten. Der Labrador gab ein leises Schmatzen von sich, rührte sich aber nicht weiter. Amalia stieß sich, wie sie es zuvor mit Jolina in ihren Armen getan hatte, vom Boden ab und landete ohne auch nur das kleinste Geräusch zu verursachen auf dem Balkon vor ihrem Zimmer. Jemand hatte die Tür zugezogen

und die Fenster geschlossen, aber vergessen, den Vorhang wieder zuzuziehen. Sie setzte sich im Schneidersitz auf den Boden, genau an die Stelle, an der sie von der Barriere zurück gehalten worden war. Jolina lag in ihrem Bett, Amalia konnte ihren ruhigen Atem hören und das stetige Heben und Senken ihrer Brust durch den Deckenberg auf ihr erahnen. Jolina beim Schlafen zuzusehen beruhigte sie, ein warmes wohltuendes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus und verteilte sich in ihrem gesamten Körper. Beinahe zwei Stunden später, nachdem sie dem

Mädchen einfach nur beim Schlafen zugesehen hatte, schreckte sie unwillkürlich auf. Ein Windhauch streifte ihren nun angespannte Körper. Sie sprang mit einer fließenden Bewegung auf ihre Füße, trat einen Schritt von der Tür weg und sackte augenblicklich in sich zusammen als sich eine harte Faust in ihr Gesicht grub. Amalia rollte sich auf dem Boden zur Seite, den Bruchteil einer Sekunde später krachte der Absatz eines schwarzen Lederstifels auf die Stelle, an der eben noch ihr Kopf gewesen war. Schnell sprang sie auf und blickte in das

schöne blasse Gesicht von Ava Shirling. Hämisch grinste diese sie an und stürzte sich auf sie, doch Amalia sprang rückwärts auf das Balkongeländer, schlug einen Salto und landete im Gras ein paar Meter von der blauen Hundehütte entfernt. Ava folgte ihr. „Was tust du hier?“ fragte Amalia flüsternd. „Wonach sieht es denn aus?“ sie machte einen Schritt auf sie zu. „Ich töte dich.“ Mit diesen Worten stürzte die blonde Frau sich auf sie. Amalia war nicht in Form, sie hatte ein ganzes Jahrhundert nicht mehr gekämpft, sie hatte bis auf sehr wenige Ausnahmen nicht mal ihre

übernatürlichen Kräfte eingesetzt. Ava verpasste ihr einen Tritt in die Magengrube. Stöhnend brach sie zusammen. „Du warst schon immer schwächer als ich.“ Hustend brach Amalia zusammen, doch sie durfte sich keine Schwäche erlauben also verdrängte sie ihre Schmerzen, stieß nach vorn und brachte Ava, die mit diesem Angriff nicht gerechnet hatte, zu Fall, rittlings setzte sie sich auf ihre Gegnerin. „Was tust du hier?“ fragte sie noch einmal. Ava schüttelte den Kopf: „Du weißt, dass ich schon immer zu ungeduldig war, um auf offizielle Befehle zu warten.“ Dieser Satz brachte

Amalia aus der Fassung. „Du meinst Dimarus schickt dich!?“ schlussfolgerte sie entsetzt. Das Grinsen auf Ava´s Gesicht wurde immer breiter. Sie hatte die Wirkung erzielt, die sie mit ihrer Antwort erhofft hatte. Amalia hatte Angst. Aber wem ginge das nicht so? Dimarus war hinter ihr her und schickte ausgerechnet Ava um sie zu töten, zu foltern oder was auch immer sein Plan war. Vielleicht wollte er sie die nächsten tausend Jahre in eine dunkle Kammer sperren, um so ihren Gehorsam zu erzwingen, sie kannte seine Methoden nur zu gut. Dass er Ava auf sie ansetzte bedeutete nichts Gutes. Wie hatte er sie gefunden und

herausbekommen, dass sie noch lebte? Vor fast einhundert Jahren war ihr die Flucht vor ihrem Erschaffer gelungen. Sie hatten viele Jahrhunderte zusammen gelebt, er hatte sie zu seiner Gefährtin gemacht, sie in die wunderbare Welt des Vampirseins eingeführt, ihr gezeigt wie viel Kraft in ihr steckte, wie schnell sie laufen konnte, wie man mit der durch die Verwandlung hervorgerufene überirdische Schönheit alles bekam was man wollte, egal ob Häuser, Autos, Geld oder die Macht über andere. Viele hundert Jahre war sie blind gewesen für seine Machenschaften. Doch eines Tages hatte sie sein wahres Wesen endlich erkannt und hatte sich von ihm befreit.

Als Dimarus bemerkte, dass Amalia nicht länger für seine Sache einstand wurde er ungeheuer wütend. Weder Mensch noch Vampir war vor seinem Zorn sicher, doch am wenigsten sie selbst. Er duldete keinen Ungehorsam, vor allem nicht von ihr. Sie war sein Prachtstück, sein Juwel, seine geliebte Tochter. Um jeden Preis wollte er sie an sich ketten und erreichte durch seine finsteren Taten nur das Gegenteil, er nahm ihr alles was sie liebte. In der schlimmsten Nacht ihres bisherigen Daseins, als sie auf der Flucht ihre große Liebe verlor, wurde sie von seinen Anhängern aufgespürt. Bereitwillig hatte sie die Männer

willkommen geheißen, die sie von ihrem Elend erlösen und zu ihrem Geliebten schicken würden. Doch sie hatte sich geirrt. Die Männer, die sie für Dimarus´ Gefolgsleute gehalten hatte, waren in Wahrheit dessen Gegner. Sie fanden sie und nahmen sie mit an einen geheimen Ort. Die nächsten zwanzig Jahre sprach sie kein einziges Wort wenn es nicht unbedingt nötig war. Dann starben plötzlich einige der Männer, die sie versteckt hielten, umgebracht von Dimarius´ Anhängern. Er hatte herausgefunden, dass sie sich bei ihnen aufhielt und tötete jeden, der ihm im Weg stand um an sie heranzukommen.

Es wurde viel gekämpft und sehr viele ließen in diesem Kampf ihr Leben. Alexej, ein stiller in sich gekehrter Vampir, der in diesen zwanzig Jahren kaum von ihrer Seite wich um sie zu beschützen, inszenierte ihren Tod und wurde dabei selbst getötet. Er gab ihr eindringlich zu verstehen, dass sie weiterleben musste und dass niemand wissen dürfe, dass sie nach dieser Nacht noch am Leben war. Amalia mochte Alexej, auch wenn sie kaum ein Wort miteinander geredet hatten konnten sie doch gut miteinander schweigen und sich trotzdem verstehen. Seine Selbstaufopferung um sie zu beschützen

irritierte sie, machte sie aber auch unendlich traurig. Alle dachten also von nun an sie wäre tot. Die nächsten zwanzig Jahre zog sie durch das Land, blieb nie lange an einem Ort, verwischte ihre Spuren immer mit höchster Sorgfalt, es war, als würde sie wirklich nicht mehr existieren. Irgendwann hatte sie es satt. Sie wollte nicht mehr davonlaufen, wollte nicht mehr reisen. In Katye blieb sie hängen und suchte sich dieses Haus in der Sunland Road. Das Haus verließ sie nicht und achtete genaustens darauf, dass niemand sie je zu Gesicht bekam, einmal abgesehen von dieser Nacht, in der sie Jolina begegnet war.

War das ihr Fehler gewesen? Hatte er sie deshalb ausfindig machen können? Aber dann fiel ihr der Schatten, den sie vom Balkon ihres Hauses aus am Waldrand gesehen hatte wieder ein und intuitiv wusste sie, dass das Ava gewesen war, die nach ihr Ausschau gehalten hatte. Und nun hatte sie sie gefunden. Sie durfte nicht gegen sie verlieren, durfte nicht zulassen, dass Alexej´s Opfer umsonst gewesen war. Wut bäumte sich in ihr auf. Ava sah sie amüsiert an. „Na, was hast du jetzt vor, süße kleine Amalia?“, fragte sie herablassend. Ja, was hatte sie nun vor? Sie konnte sie nicht einfach laufen

lassen, sie würde sofort zu Dimarius rennen und Verstärkung holen. Doch töten konnte sie sie auch nicht, selbst wenn sie die Kraft dazu hätte, worauf sie in ihrem derzeitigem Zustand nicht wetten würde, hatte sie sich doch geschworen nie wieder jemanden zu töten, egal ob Mensch oder Vampir. Unentschlossen musterte sie die Frau unter sich. Sie war von Kopf bis Fuß in hautenges schwarzes Leder gehüllt, das einst dunkelblonde hüftlange Haar war einer frechen platinblonden Kurzhaarfrisur gewichen, üppige Wimpern umrahmten ihre dunklen Augen, die vollen Lippen leuchteten scharlachrot. Was war nur aus den

beiden geworden? Ava war vor vielen Jahren ihre beste Freundin gewesen, einzig und allein für sie geschaffen, damit sie sich nicht so einsam fühlte, wenn Dimarus keine Zeit für sie hatte. Doch eines Tages veränderte sich Ava plötzlich, sie zog sich mehr und mehr von Amalia zurück, redete kaum noch mit ihr und sah sie immer mit diesem seltsamen Blick an. Es dauerte eine Weile bis sie herausfand warum sich ihre Freundin so benahm. Ava war eifersüchtig. Sie wollte die Anerkennung und Wertschätzung, die ihre Freundin von Dimarus bekam, wollte auch so eine innige Beziehung zu Amalia´s Erschaffer und nicht einfach nur die Ablenkung für

die Tochter ihres Anführers sein. So wie Amalia die Situation einschätzte, hatte Ava bekommen was sie gewollte hatte. Sie war zwar nicht durch Blut mit Dimarus verbunden so wie Amalia es war, doch machte es für sie den Eindruck, dass Ava trotzdem sein neuer kleiner Liebling war. Bevor sie eine Entscheidung treffen konnte, was sie nun mit Ava tun sollte, nutzte diese die Gelegenheit und drehte sich unter ihr so, dass sie sich leicht von Amalia´s Griff befreien konnte. Überrascht rollte sie auf die Seite und bereitete sich auf Ava´s nächsten Angriff vor, doch als sie aufblickte war sie

verschwunden. Seltsam. Um einen weiteren Überraschungsangriff von Ava zu entgehen, sprang sie zurück auf den Balkon vor Jolina´s Zimmer und blickte sich aufmerksam im Garten um. Doch es blieb still. Eine Stunde bevor die Sonne aufging dachte sie, dass es nun an der Zeit war, nach Hause zurück zu gehen. Hinter ihr hörte sie ein Geräusch. Die Alarmglocken in ihrem Kopf schrillten, aber es war nicht wie erwartet Ava, der sie in die Augen sah als sie sich umdrehte, sondern die kleine Jolina, die sie aus müden Augen anblinzelte. Sie erkannte Amalia und lächelte. Sie trug

einen rosafarbenen Schlafanzug mit dem Bild einer schwarzhaarigen Prinzessin auf ihrem Bauch. Barfuß tapste sie auf den Balkon zu, um ihre Freundin hereinzulassen. Amalia schüttelte den Kopf. „Du darfst mich nicht hereinbitten Jolina“, flüsterte sie nachdem das Mädchen die Tür aufgeschoben hatte. „Versprich mir, dass du mich niemals in dein Haus bitten wirst!“ fuhr sie fort. Sie musste Jolina vor sich schützen. Allein weil die unsichtbare Barriere zwischen ihnen bestand, war Jolina noch am Leben. In diesem Moment war sich Amalia sicher, dass sie ihr niemals etwas antun würde, dass sie es sich nie verzeihen könnte, wenn dem Mädchen

etwas passieren würde, doch man konnte nie wissen was die Zukunft bringen würde und ob sie ihrem Durst in Jolina´s Nähe immer widerstehen konnte. Jolina stellte keine Fragen, nickte stattdessen einfach nur. Dieses Kind war einfach unglaublich. Nachdem sie sich noch eine Weile unterhalten hatten, stand Amalia wieder auf. „Leg dich noch ein bisschen schlafen und pass auf dich auf. Ich schaue heute Abend noch einmal vorbei wenn du willst.“ Jolina nickte begeistert, stand ebenfalls auf und schob die Tür wieder zu. Als das Mädchen wieder im Bett lag verließ Amalia den Balkon und kehrte in die Sunland Road zurück.

3

Beinahe wäre sie über ihren langen Rock gestolpert. Leise fluchte Amalia vor sich hin: „Diese verdammte Mode! Es wird Zeit, dass sich diese Menschen etwas bequemeres ausdenken!“ Beruhigend legte ihr Begleiter eine Hand auf ihren behandschuhten Unterarm. „Du siehst bezaubernd aus meine Liebe.“ flüsterte er ihr zärtlich ins Ohr. Doch sie schüttelte nur abwehrend den Kopf. „Du hast leicht Reden! Wir können gern unsere Kleider tauschen.“ Bei dem Bild, das sich bei diesen Worten in ihren Gedanken manifestierte, musste sie lächeln. „Schon besser. Vergiss nicht warum wir

hier sind meine Schöne. Du darfst diesen Nebensächlichkeiten keine Beachtung schenken, unsere Mission ist das Wichtigste.“ Er drehte sich langsam zu ihr um, nahm sie kurz in den Arm, küsste sie sanft auf die Stirn und sah ihr tief in die Augen. Unsicher von seinem durchdringendem Blick seufzte sie. Den ganzen Weg hierher hatte sie versucht herauszufinden, warum sie ihr zuhause verlassen hatten, warum sie sich an diesen finsteren Ort begaben, doch sie hatte keine Antwort auf ihre vielen Fragen erhalten. Sollte sie es noch einmal versuchen? Gerade als sie den Entschluss gefasst

hatte und sich räusperte, um ihre Frage zu formulieren, öffnete sich die schwere Holztür vor ihnen. Ein in einer dunklen Robe bekleideter Mönch trat in den Lichtkegel vor der Tür. Er war alt, graue Stoppeln zierten sein Kinn und die Wangen. Die blassgrauen Augen weiteten sich als er sah wer da vor ihm stand. „Was wollen Sie hier?“ stieß er aufgeregt hervor. Amalia´s Gefährte nickte ihr kaum merklich zu und drückte ihren Arm. Das war ihr Zeichen. Er hatte es ihr mehrfach eindringlich eingeschärft. Als sie zögerte, drückte er fester. Seine dunklen Augen funkelten sie an. Sie durfte sich seinem Willen nicht widersetzen, also

löste sie sich von ihm, trat einen Schritt auf den Mönch zu und stürzte sich auf ihn. Der Alte wollte schreien, doch Amalia war schneller und presste ihre Hand auf seinen Mund. Speichel floss an ihrer Hand herab als ihr Opfer versuchte sich zu wehren. Angewidert verzog sie das Gesicht. „Beruhige dich alter Mann,“ zischte sie ihm ins Ohr. Ihre Worte hallten von den kalten Steinwänden wieder. Sie wollte ihm nicht wehtun, aber wenn er sich weiter wehrte, müsste sie ihm doch einen Schlag versetzen, der ihm die Sinne rauben würde. Ungeduldig blickte sie sich um. Sie waren allein, ihr Begleiter war in dem

dunklen Raum hinter der offen stehenden Holztür verschwunden. Der Mann unter ihr bewegte sich nicht länger, was ihre Aufmerksamkeit zurück zu ihm lenkte. Doch es war zu spät, er hatte ihre Unachtsamkeit genutzt, einen glänzenden Dolch gezogen und diesen in ihr Bein gerammt. Wie lächerlich. Sie war ein Geschöpf der Nacht, da müsste dieser schwache Mensch sich schon etwas besseres einfallen lassen als diese kleine Klinge. Doch irgendetwas stimmte nicht. Ein starker Schmerz durchzuckte ihr Bein und breitete sich in ihrem gesamten Körper aus. „Du verfluchter...!“ stieß sie keuchend

hervor. Hämisch grinste der Alte sie an. „Dachtest du wirklich wir wären hier völlig ungeschützt? Du dummes Mädchen.“ Panik stieg in ihr auf. Dimarus. Sie musste Dimarus warnen! Sie konzentrierte sich, blendete die immer stärker werdenden Schmerzen aus und stürzte sich auf den Mönch vor ihr. Schweißgebadet wachte Amalia auf. Desorientiert blickte sie sich in ihrem Zimmer um. Es war ein Traum, eine Vision ihrer Erinnerung. Vergangenheit. Es war das erste Mal, dass sie nicht von ihrem ständigen Alptraum heimgesucht wurde. Sollte sie erleichtert sein oder

sich vor dieser Veränderung fürchten? Hatte es überhaupt etwas zu bedeuten? Schließlich war dieser Traum nicht viel besser als der andere. Es war das erste Mal, dass sie im Auftrag Dimarus´ getötet hatte. Sie hatte es damals genossen, das Blut des Alten auszusaugen und zu spüren, wie seine Lebenskräfte ihn verließen und in sie übergingen. Doch schon kurze Zeit später quälten sie schreckliche Schuldgefühle. Zwar hatte sie gehandelt um sich und ihren Meister zu schützen, aber wie konnte sie diesen Mord noch rechtfertigen? Dimarus war so stolz auf sie gewesen. Sie war nun seine wahrhaftige Tochter

und vollwertiges Mitglied seines Zirkels. Hatte er sie damals deshalb mitgenommen? Sie wusste noch wie er darauf bestanden hatte, dass nur sie allein ihn begleitete. Wusste er, dass Amalia töten musste, aus welchem Grund auch immer? Auch in den darauf folgenden Tagen hatte Dimarus ihr keine plausible Erklärung geliefert, warum sie in jener Nacht diesen beinahe verlassenen Ort aufgesucht hatten. Als Amalia dem Mönch den letzten Tropfen Blut ausgesaugt hatte, erschien Dimarus wieder in dem engen Flur. Er hatte sie amüsiert beobachtet, seine

Augen glühten vor Freude. Er nahm sie energisch in die Arme, wobei sie den schlaffen Körper auf den kalten Boden fallen ließ, und presste ihr Küsse auf beide Wangen. „Zur Feier des Tages werden wir uns ein kleines Festmahl gönnen!“ verkündete er freudig. Berauscht willigte sie ein und folgte ihrem Meister aus dem altem Keller. Wieder an der frischen Luft, breitete sich Unbehagen in Amalia aus. Verblüfft sah sie zu wie Alexius, ein stämmiger Vampir mit zotteligen Locken, auf sie zukam, sich kurz vor den beiden verbeugte und auf Dimarus´ Nicken hin auf die alte Burg, aus der sie gerade gekommen waren, zuging. Die

Fackel in seiner Hand hatte sie gar nicht wahrgenommen, doch kurze Zeit später brannte das Gemäuer lichterloh. Sie runzelte die Stirn, um ihrer Verwirrung Ausdruck zu verleihen, aber Dimarus winkte bloß ab. „Du musst deine Spuren stets verwischen meine Liebe. Und nun komm, es wird Zeit für uns zu gehen.“ Fassungslos schüttelte Amalia den Kopf. Sie war am Rande der Verzweiflung und konnte nur starr gerade aus auf den dunklen Wandbehang gegenüber ihres Bettes starren. Die Erinnerung an diese Nacht drohte sie zu überwältigen, das durfte sie nicht zulassen.

Kurze Zeit später stand sie frisch geduscht in der Küche und wartete auf das Piepsen der Mikrowelle. Das warme Blut rann ihr wohltuend die Kehle herab. Zufrieden seufzte sie. Ihr Blick viel auf ihren linken Oberschenkel, auf dem sich eine zarte silbern schimmernde Narbe abzeichnete. Der Dolch des Mönches. Nur wenige Gegenstände konnten Vampire so verletzen, dass es überhaupt ein wenig Schmerz verursachte. Doch diese Klinge war anders als alles was sie je zuvor gespürt hatte. Dimarus hatte ihr versichert, dass sie sich keine Sorgen machen müsse, dass dies zwar eine sehr

mächtige Waffe wäre, mit dem geübte Sterbliche ein Geschöpf der Nacht ohne Weiteres töten könne, sie aber durch das sofortige Konsumieren des Blutes des geweihten Mönches nichts zu befürchten hätte, was spätere Folgen betraf. Gedankenverloren leerte sie ihre Tasse und warf einen Blick auf die Uhr. Wenn sie Jolina noch einen Besuch abstatten wollte, dann sollte sie sich jetzt auf den Weg machen. Es war gerade dunkel geworden und das kleine Mädchen müsste um diese Zeit eigentlich schon längst im Bett liegen. Sie schlüpfte in ihre schwarzen Turnschuhe und machte sich auf den

Weg. „Da bist du ja endlich!“ ungeduldig blickte Jolina sie an. „Müsstest du nicht schon längst im Bett liegen?“ Für diese Frage fing sich Amalia einen bösen Blick ein. Das Mädchen schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor ihrer Brust. „Ich habe auf dich gewartet. Warum kommst du so spät?“ Schmollend schob sie ihre Unterlippe vor. Amalia musste lächeln. Dieses Mädchen war etwas ganz besonderes. Sie erklärte ihr, dass sie vor Einbruch der Dunkelheit ihr Haus nicht verlassen könne, was Jolina zwar zu verwirren schien, sie aber auch

besänftigte. Sie griff nach Amalia´s Hand und zog sie zu sich ins Zimmer. Das hatte sie jedenfalls vor, doch der Vampir wurde von der unsichtbaren Schutzwand aufgehalten. Jolina sah sie traurig an. „Wenn du nicht zu mir herein kannst, wollen wir dann draußen spielen?“ fragte sie. Amalia schüttelte den Kopf, als ihr die gestrige Begegnung mit Ava wieder in den Sinn kam. „Tut mir leid Jolly. Es ist besser wenn du in deinem Zimmer bleibst und ich hier draußen. Aber wenn du spielen willst, können wir das trotzdem machen.“ Schon verschwand Jolina in ihrem Zimmer und kam wenige Augenblicke

später mit einem Stapel Brettspiele in den Armen wieder zurück. Sie spielten „Mensch ärgere dich nicht“ und „Memory“ mit Disney – Prinzessinnen, nachdem Jolina ihr erst einmal die Regeln erklären musste. Sie konnte gar nicht glauben, dass Amalia noch nie zuvor von diesen Spielen gehört hatte. Amalia gewann dank ihres übermenschlich guten Gedächtnisses jede Runde Memory, woraufhin Jolina schließlich die Karten zur Seite fegte und sie gespielt tadelnd anschaute. „Du schummelst!“ rief sie leise, doch Amalia schüttelte nur den Kopf und setzte eine unschuldige Miene auf. „Ich

habe eben ein sehr gutes Gedächtnis mein kleiner Schmetterling.“ Dieses Kosewort brachte Jolina zum Lächeln. Sie trug an diesem Abend einen grünen Pyjama, auf dem sich Schmetterlinge in den unterschiedlichsten Farben tummelten. Sie saßen noch eine Weile so da, spielten und redeten. Jolina erzählte von ihrem Tag im Kindergarten, von ihren Freunden dort und ihrer Familie. Plötzlich überkam Amalia eine unsagbare Traurigkeit. Niemals hätte sie sich eingestanden, dass sie sich einsam fühlte, doch genau das war es was an ihr nagte. Sie hatte niemanden, der sich für sie interessierte, niemanden dem sie von

ihrem Tag berichten konnte, der sie einfach in den Arm nahm, wenn sie es gerade brauchte. Das schlimme daran war jedoch, dass dieser Zustand der Isolation niemals ein Ende nehmen würde. Ihre gesamte Existenz würde sie allein verbringen müssen, und diese war unendlich lang. Sie war so in ihre Gedanken und Trauer vertieft, dass sie gar nicht mitbekam, dass Jolina aufgehört hatte zu erzählen, aufgestanden und auf sie zu gekommen war. Das Mädchen trat aus ihrem Zimmer in die laue Abendluft und umarmte sie fest. Erschrocken zuckte Amalia zusammen. Sie hatte Unrecht.

Jolina war hier, sie war nicht allein, hatte eine Freundin gefunden, die sie so akzeptierte wie sie war. Gerührt von dieser Erkenntnis erwiderte sie die herzliche Umarmung. Kurz vor Mitternacht entschied Amalia, dass sie Jolina nun lange genug vom Schlafen abgehalten hatte, also verabschiedete sie sich von ihrer kleinen Freundin und versprach sie auch am nächsten Abend besuchen zu kommen. Sie sah zu wie Jolly die Balkontür schloss, die Spielsachen beiseite schob und sich dann in ihrem Bett in die Decken kuschelte.

Erst als sie die Veränderung in der stetigen Atmung des Kindes bemerkte, die ihr zeigte, dass sie eingeschlafen war, wandte sie sich ab und verschwand in der Nacht. Sie hatte noch mindestens vier Stunden bis die Sonne aufging. Was sollte sie bis dahin tun? Normalerweise wäre sie in ihr Haus zurückgekehrt, doch bis vor wenigen Tagen schien es ihr auch völlig undenkbar das Haus überhaupt zu verlassen. Also entschied sie sich dagegen. Sechzig Jahre saß sie nun schon in diesem Haus wie in einem Gefängnis, in das sie sich selbst eingesperrt hatte, nun wollte sie sehen,

wie die Welt sich in dieser Zeit verändert hatte. Es war völlig berauschend für sie nach so langer Zeit wieder ihre Kräfte einzusetzen. In ungeahnter Geschwindigkeit rannte sie durch den Wald, es fühlte sich unglaublich an. So frei und losgelöst. Kaum drei Minuten später erreichte sie bereits die nächst gelegene Stadt, die zwar für Menschen mit ihren Autos eine halbe Stunde entfernt lag, für sie aber nur ein Katzensprung war. Sie verlangsamte ihre Geschwindigkeit und kam vor der letzten Baumreihe zum Stehen. Musik drang an ihre Ohren. Hätte sie nicht bereits in den

vergangenen Jahren durch ihre Nachbarn hie und da ein paar Lieder aufgeschnappt, hätten sie diese hier wohl völlig überrumpelt. Es hatte sich doch so einiges verändert. Langsam trat sie aus dem Wald auf die Straße. Ein schwarzer Sportflitzer rauschte an ihr vorbei, aus dem laute Bässe und Stimmen dröhnten. Vermutlich ein paar Jugendliche, die auf dem Weg von oder zu einer Party waren. Ihrem ersten Impuls folgend überquerte sie die Landstraße und folgte der Musik, die sie zuerst wahrgenommen hatte. In einer abgelegeneren Gasse befand sich ein großes kastenförmiges Gebäude, deren erster und zweiter Stock völlig aus

Glas zu bestehen schien. Bunte Lichter warfen Muster auf die dunkle Straße. Durch das Glas konnte man Menschen tanzen sehen. Ein Nachtclub. Auf einem Schild war der Name „The Metropolitan“ zu lesen. Eine lange Schlange bildete sich vor der Eingangstür. Amalia beobachtete die Menschen, die sich für diesen Abend in enganliegende Kleider oder lässige Hemden gekleidet hatten. Als nur noch fünf Leute vor dem Haus standen, nahm sie all ihren Mut zusammen und trat aus dem Schatten zu den Wartenden in der Schlange. Sofort drehten sich alle zu ihr um und starrten

sie mit weit aufgerissenen Augen an. Befangen sah sie an sich herunter, sie trug noch das dunkelrot enganliegende Top, die kurzen schwarzen Shorts und Turnschuhe, die sie nach dem Aufstehen angezogen hatte. Ihre schwarzen Haare fielen ihr glatt über den Rücken bis zu ihrer Taille. Hätte sie sich etwas schickeres anziehen sollen? Geschminkt wie die zwei Mädchen vor ihr war sie auch nicht, schließlich besaß sie überhaupt kein Make-up. Gerade als sie resigniert wieder nach Hause zurück kehren wollte, sprach der junge Mann ganz vorn sie an: „Du kannst gerne vor mir in den Club und ich würde mich freuen, dir später noch einen Drink

ausgeben zu dürfen.“ Damit hätte sie nicht gerechnet, die Frau an seiner Seite wohl auch nicht, denn sie stemmte wütend die Fäuste in die Hüfte und funkelte ihren Begleiter böse an. „Hast du den Verstand verloren Jared?! Du bist mit mir hier! Vergiss diese dahergelaufene Schlampe oder du kannst mich vergessen.“ Der Mann stammelte eine Entschuldigung an seine Freundin, die ihn wutentbrannt aus der Schlange der Wartenden in Richtung Parkplatz zog. Die drei Verbliebenen starrten sie weiter ungläubig an und traten dann einen Schritt zur Seite um sie durchzulassen. Irritiert ging Amalia an ihnen vorbei und

lächelte sie dankbar an. Doch als sie durch die offene Tür gehen wollte, stellte sich ihr ein stämmiger großer Kerl in den Weg. „Ausweis“ brummte er. Verdutzt runzelte Amalia die Stirn. „Ausweis?“ fragte sie in ihrer lieblichsten Stimme und sah dem Türsteher tief in die Augen, der schien völlig immun gegen ihre vampirische Anziehungskraft zu sein, denn er verschränkte die Arme vor der Brust und nickte grimmig und wiederholte sein Anliegen. Verflucht. Was sollte sie jetzt tun? Sie konnte sich nicht ausweisen, wie sollte sie ihr Alter erklären? Noch ehe sie eine

Entscheidung treffen konnte, legte sich eine Hand auf ihre Schulter „Sie gehört zu mir Ivan.“ sagte eine tiefe Stimme hinter ihr. Ivan, der Türsteher, sah den Mann hinter Amalia perplex an. Sein Blick wanderte von ihm zu zu ihr und wieder zurück. „Ähm.. ja natürlich... tut mir leid. Ich wusste nicht...“ stammelte der eben noch so Furcht einflößende Mann. Der Griff auf Amalia´s Schulter verstärkte sich als sie in den Club hereingeführt wurde. Drinnen befreite sie sich mit einer fließenden Bewegung aus seinem Griff und starrte ungläubig in das schönste Gesicht, das sie je gesehen hatte.

4

Dunkelbraunes wirres Haar, eine gerade schmale Nase, volle geschwungene Lippen, strahlend weiße Zähne, ein Dreitagebart, der ihm eine düstere Ausstrahlung verlieh. Doch das beeindruckendste waren seine Augen, eingerahmt von dichten schwarzen Wimpern strahlten sie in einem kräftigen grün. Sie verlor sich in seinem Blick, ein warmes Kribbeln breitete sich in ihrem Körper aus. Ihr Blick wanderte nach unten. Er trug ein schwarzes T-Shirt, darüber eine Lederjacke, schwarze Jeans und Turnschuhe. Der Kerl wusste wie man sich richtig kleidet, dachte Amalia

mit angehaltenem Atem. Wäre sie ein Mensch, wäre ihr bei ihren Gedanken die Röte ins Gesicht gestiegen. Er räusperte sich, Amalia zuckte zusammen und fühlte sich ertappt. Ein spöttischen Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Sie hob ihr Kinn und sah ihn herausfordernd an. „Wer bist du?“ fragte sie. Keine Antwort. Sie verdrehte die Augen und wollte auf dem Absatz kehrt machen, um die Treppe rauf in das Nachtlokal zu gehen, doch der Unbekannte streckte schnell seinen Hand nach ihr aus und hielt sie am Arm zurück. „Willst du dich nicht mal bedanken?“ fragte er, seine Augen funkelten. Benommen sah sie ihn

an. „Ah, er kann also doch sprechen.“ murmelte sie. Sein Grinsen wurde breiter. Man war der sexy! Es war nun schon fast 2:00Uhr, sie hatte also nur noch zwei Stunden und die wollte sie ganz sicher nicht in diesem Gang mit diesem seltsamen Typ verbringen. Die drei, die sie vorhin in der Schlange vorgelassen hatten, kamen jetzt an ihnen vorbeigeschlendert. Neugierig schauten sie in ihre Richtung. Als sie an ihnen vorübergingen verschlug es Amalia plötzlich den Atem, der Duft der rothaarigen Frau ließ ihre Kehle brennen. Was tat sie hier überhaupt?! So viele Jahre war sie allein gewesen und nie auch nur in die Nähe

eines Menschen gekommen und jetzt ging sie von jetzt auf gleich in ein Haus, in dem es nur so von Menschen mit frischem warmen Blut wimmelte. Sie hielt die Luft an, um dem Duft auszuweichen. In ihrem Kopf drehte sich alles. „Verdammt!“ stieß sie hervor. Amalia trat einen Schritt zurück, sie wollte davonlaufen, doch der Unbekannte hielt sie noch immer am Arm fest. Es wäre ein Leichtes für sie ihn einfach zu überrumpeln und wegzustoßen, entschied sich aber im nächsten Moment dagegen, denn ihr fiel etwas seltsamen auf. Sie gierte nicht nach seinem Blut! Sein

Geruch war verlockend, köstlich und weckte ungeahnte Sehnsüchte in ihr, doch etwas grundlegendes war anders. Verblüfft starrte sie ihn an als ihr klar wurde was an diesem Mann anders war. „Du bist ein Vampir!“ flüsterte sie entsetzt. „Na und? Du bist doch auch einer oder nicht?“ Die beiden standen sich feindselig in einem dunklem Flur im „The Metropolitan“ gegenüber. „Nein! Ich meine ja, bin ich. Woher weißt du das?“ fragte sie und stieß die Luft aus, die sie bis jetzt angehalten hatte. Endlich konnte sie wieder klarer denken, der Duft der fremden Frau war

nicht mehr wahrzunehmen. Sie starrte dem Vampir vor sich in die unglaublich grünen Augen. „Wer bist du?“ wiederholte sie die Frage, auf die sie vorhin keine Antwort erhalten hatte. „Was interessiert es dich?“ entgegnete er schroff. Amalia sog scharf die Luft ein. „Was es mich interessiert?“ griff sie seine Frage auf. „Verdammt! Ich wollte mich heute einfach unter die Leute mischen und Spaß haben und da taucht so mir nichts, dir nichts ein Typ auf, der mir Eintritt in einen Nachtclub verschafft, aus welchem Grund auch immer. Und plötzlich stellt sich heraus, dass dieser arrogante Kerl ein Vampir ist! Zumal er der erste ist,

den ich seit sechzig Jahren zu Gesicht bekommen habe! Ist doch klar, dass ich wissen will wer dieser Fremde ist! Oder meinst du nicht?“ Die Begegnung mit Ava erwähnte sie lieber nicht. Nachdenklich strich er sich mit der linken Hand über sein Kinn. Er schloss kurz die Augen und als er sie wieder öffnete, drang sein forschender Blick tief in sie ein. Diese Augen, dachte Amalia, irgendwie kamen sie ihr vertraut vor, doch das konnte nicht sein. Sie hatte diesen Vampir noch nie zuvor gesehen. „Komm, ich lade dich auf einen Drink ein.“ sagte er schließlich, zog sie am Arm aus dem Flur zurück in

den Eingangsbereich und führte sie die Treppe zur Bar hinauf. „Eine Flasche meines üblichen Whiskeys und zwei Gläser“ orderte er an der Theke. Die Blondine schenkte ihm ein kesses Lächeln und überreichte ihm seine Bestellung. Sie schlängelten sich an tanzenden Körpern und herumstehenden Nachtschwärmern hindurch und traten schließlich in eine durch einen eleganten Vorhang vom Rest des Lokals abgetrennte Ecke. Angenehm gedämmtes Licht erhellte die Nische, in der sich zwei rote Ledersofas, ein kleiner quadratischer Glastisch und ein weißer flauschiger Teppich befanden. Amalia blieb ungelenk im Eingang

stehen, doch der Fremde setzte sich sofort auf eines der Sofas, machte es sich bequem, schenkte etwas Whiskey in beide Gläser und bedeutete ihr, sich ebenfalls zu setzen. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ach komm schon“, redete er auf sie ein: „trink ein Gläschen mit mir. Das ist feinster achtjähriger „Greenore Irish Whiskey“, meine Lieblingsmarke.“ ein verführerisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Widerwillig nahm sie sein Angebot an und setzte sich auf das andere Sofa, so weit von ihm entfernt wie möglich. Nachdem er einen kräftigen Schluck genommen hatte, setzte auch sie ihr Glas an die Lippen. Der Geschmack nach

Honig, Mandeln und Getreide brannte ihre Kehle herunter. Ein wohlig warmes Gefühl breitete sich in ihr aus. Auch sie wusste einen guten Whiskey durchaus zu schätzen, hatte aber schon viele Jahre dem Alkohol entsagt. Entspannt lehnte sich Amalia zurück und wartete auf Erklärungen. „Mein Name ist Mason.“ begann er endlich zu erzählen. „Wie du ja so scharfsinnig festgestellt hast, bin ich ein Vampir, Geschöpf der Dunkelheit, Blutsauger, seelenloses Monster, oder wie auch immer du es bezeichnen magst.“ er entblößte seine spitzen Eckzähne „Ich wurde vor siebenundachtzig Jahren gar nicht weit

von hier geboren und im Alter von fünfundzwanzig von einer etwas irren Vampirin verwandelt. Seither streife ich durch die Gegend, verbringe ein paar Jahre hier ein paar Jahre da. Vor einem Jahr hat es mich schließlich wieder hierher zurück verschlagen und ich habe mir ein gewisses Ansehen aufgebaut. Bisher habe ich in dieser Gegend nicht viele Vampire getroffen also wurde ich neugierig als ich dich vor der Tür habe stehen sehen. Das ist schon die ganze Geschichte.“ Amalia forschte in seinem Gesicht, seinen Augen und seinen Bewegungen ob er die Wahrheit sprach, fand aber kein Anzeichen dass dagegen sprach,

also glaubte sie ihm und nahm noch einen Schluck der brennenden Flüssigkeit. Es war kurz vor Sonnenaufgang als Amalia durch den Wald Richtung Glenluce rannte. Die Vögel kamen bereits aus ihren Verstecken hervor und zwitscherten dem Morgen entgegen. Alles in allem war die Nacht gut verlaufen, dachte sie als sie die Haustür hinter sich schloss und in den Keller ging, um noch ein paar Bahnen zu schwimmen bevor sie sich schlafen legen wollte. Dieser Mason entpuppte sich am Ende doch als ein netter, zuvorkommender

Mann, der noch dazu verdammt gut tanzen konnte. Nachdem sie noch ein wenig geplaudert und ein paar Gläser geleert hatten, Vampire konnten einiges vertragen, trieb sie die pulsierende Musik, die sie auch in ihrer versteckten Ecke hören konnten, zu den anderen auf die Tanzfläche. Anfangs wusste sie gar nicht wie sie sich zu dieser neumodischen Musik bewegen sollte, doch schnell fand sie ihren Rhythmus und gab sich der Musik völlig hin. Mason war ein begnadeter Tänzer, der die Blicke aller anwesenden Frauen auf sich zog. Auch Amalia warfen, die Clubbesucher begehrliche Blicke zu, wie sie zu ihrer großen Überraschung

feststellte. Irgendetwas an Mason verunsicherte sie und würde ihr stets die Röte ins Gesicht treiben, wenn dies möglich wäre. Er übte diese seltsam magische Anziehungskraft auf sie aus, die sie sich beim besten Willen nicht erklären konnte. Doch sie würde schon noch dahinter kommen, was sie an ihm so faszinierte, denn sie würden sich wiedersehen. Schon morgen Nacht.

5

Es war der 31. Dezember 1899. Nur noch wenige Stunden bis zur Jahrhundertwende, alle Menschen waren schon aufgeregt und eilten durch die Straßen von Peoria. Einige Silvesterpartys fanden am Abend statt, laute Musik dröhnte vom Marktplatz, auf dem sich bereits hunderte Menschen versammelt hatten. Amalia schlenderte langsam an diversen Schaufenstern vorbei. Die Läden hatten bereits geschlossen, alles bereitete sich voller Spannung auf das neue Jahr vor. Sie selbst hatte schon viele Jahrhundertwechsel miterlebt, für sie war es also nichts besonderes mehr.

Der Saum ihres dunklen Kleides wurde vom Schnee durchnässt. Weiße Flocken schwebten auf sie herab und blieben auf ihrem zartem Gesicht liegen. Die Kristalle schmolzen nicht gleich auf ihrer Haut, die kälter als der Niederschlag war. Sie streckte die Hand aus und fing einige Schneeflocken darin auf, die sie aufmerksam betrachtete. Jeder Eiskristall unterschied sich vom anderen auch wenn es nur ein noch so kleines Detail war, das für Menschen mit ihren schwachen Augen verborgen blieb. Am Rande ihres Blickfeldes nahm sie eine Bewegung wahr. Langsam drehte sie den Kopf ein wenig nach links und

erspähte einen etwa zwölf Jahre alten Jungen mit braunem lockigem Haar und hellgrünen Augen, die sie fasziniert beobachteten. Vorsichtig lächelte sie ihn an, wollte ihn nicht erschrecken. Er fasste dies als Einladung auf zu ihr zu kommen und näherte sich ihr mit schnellen Schritten. Dimarus hatte es nicht gern wenn sie sich in seiner Abwesenheit mit Menschen unterhielt, doch dies hier war ein einfacher Junge. Was sollte es also schaden? Sie ging in die Hocke, damit sie auf einer Augenhöhe mit dem Jungen war, der für sein Alter sehr klein zu sein schien und hielt ihm ihre Hand entgegen. Er beugte sich nach vorn und

betrachtete die Schneeflocken, die noch immer auf ihrer Hand lagen. „Wie machst du das?“ fragte er begeistert. Auch er streckte eine Hand aus, um den herabfallenden Schnee darauf zu fangen. Doch kaum, dass die Flocken seine warme Haut berührten, schmolzen sie und zurück blieb eine kleine Pfütze auf seiner Handfläche, die er sich seufzend an seinem braunem Wollmantel abwischte. Amalia lachte leise. Sie mochte die Unbeschwertheit der Menschenkinder und deren Fähigkeit sich für die kleinsten Nebensächlichkeiten zu begeistern. Der Junge sah auf die große Kirchenuhr,

die in diesem Moment die volle Stunde einläutete und erschrak. „Ich hätte vor zehn Minuten zu Hause sein müssen.“ sagte er zerknirscht „Das wird Ärger geben.“ Betrübt ließ er den Kopf hängen. Mitfühlend sah sie ihm in die Augen. Noch nie zuvor hatte sie derartige Augen gesehen, von solch einem intensiven Grün, das an saftige Weiden erinnerte. „Wie heißt du Junge?“ fragte sie als er gerade gehen wollte. Er legte den Kopf in den Nacken und stieß ein herzhaftes Lachen aus. „Meine Name ist Logan Bailey. Ich habe morgen Geburtstag.“ Sein Lachen hallte von den umstehenden Häusern

wider. Der erste Januar 1913, ein kalter Wind zerzauste ihre Haare. Die Menschen um sie herum drängten sich aneinander um sich ein bisschen zu wärmen. Sie selbst fror nicht, musste aber den Schein einer gewöhnlichen sterblichen Frau wahren, also rieb sie sich die Arme und versuchte so ihren kalten Körper zu wärmen. Sie war fortgelaufen wie ein kleines Kind, das sich seinen Eltern widersetzen wollte. Seit einem Monat konnte sie keinen klaren Gedanken mehr fassen. Was sie auch tat, ob sie schlief oder wach war, jeden Moment des Tages

dachte sie an den Mönch, den sie getötet hatte. Dimarus verstand ihre Schuldgefühle nicht. Er selbst genoss es den Menschen das Leben bis zum letzten Tropfen Blut auszusaugen. Doch sie war schon immer anders gewesen. Sie konnte sich einfach nicht damit anfreunden ein wehrloses unschuldiges Wesen zu töten. Jedes Mal wenn sie wieder mit Dimarus über ihre Essgewohnheiten stritt, dachte sie über die zahlreichen Familien nach, die zerrissen wurden, wenn ein Vampir seinem Hunger nachging. Schon kurze Zeit nach ihrer Verwandlung, als sie das erste Mal von einem Menschen gekostet hatte, hörte

sie auf ehe der Mann in ihren Armen das Bewusstsein verlor. Ihr reichte es von freiwilligen oder von Menschen zu trinken, die mit Halluzinationen in einer psychiatrischen Klinik oder für einen Mord an einem unschuldigem Kind im Gefängnis saßen und auch dann hörte sie stets auf bevor sie irreparablen Schaden anrichtete. Auch wenn Dimarus anfangs noch behauptete es störe ihn nicht, dass sie sich so verhielt, wusste sie schon damals, dass es ihm ein Dorn im Auge war und er sie dadurch für schwach hielt. Es war der erste Tag im neuem Jahr und die Einwohner von Bunbury erholten sich noch von den gestrigen

Silvesterpartys. Nur träge schleppten sie ihre Körper durch die kleine Stadt um einen ausnüchternden Spaziergang oder die ersten Besuche bei den Verwandten nach den Feiertagen zu machen. Amalia schlich die Straßen entlang und blieb vor einem kleinem Pub stehen. Das „Blearly Bun“ schien ein kleiner Laden zu sein, der vor allem von Stammkunden besucht wurde. Doch es war das einzige Lokal, das geöffnet hatte also beschloss sie hier ihrem Kummer für die nächsten Stunden zu entgehen. Sie trat über die Schwelle der Eingangstür, dies war ein öffentliches Gebäude, was bedeutete, dass sie nicht erst hereingebeten werden musste und suchte sich einen Hocker am

hinterem Ende der Bar. Von hier aus hatte sie den ganzen Raum und deren Besucher gut im Blick. Der Mann hinter der Bar drehte sich zu ihr um und fragte was sie trinken wolle. Bei seinem Anblick blieb ihr der Mund offen stehen. Auch er musste erst einmal schlucken, nachdem er sie sich genauer angesehen hatte. Sie war die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Amalia blinzelte verwirrt, denn sie starrte in die unverkennbaren grünen Augen von Logan Bailey. Sie sammelte sich schnell wieder und bestellte einen Whiskey. „Lass die Flasche gleich hier“ sagte sie und legte einen Geldschein auf den Tresen. Er

musterte ihn kurz und wollte schon nach dem Wechselgeld greifen, da schüttelte sie nur den Kopf und meinte der Rest wäre für ihn. Er konnte sein Glück gar nicht fassen. So ein gutes Trinkgeld hatte er noch nie bekommen. Amalia bemerkte wie er unschlüssig von einem Fuß auf den anderen trat. Sie versicherte ihm es wäre okay, woraufhin er den Schein freudestrahlend in die Kasse gleiten ließ. Sie überschlug die Jahre in ihrem Kopf. Er musste jetzt vier-oder fünfundzwanzig sein, auf jeden Fall war er in den vergangenen Jahren ein ganzes Stück gewachsen, denn er war nun mindestens einen Kopf größer als sie. Da

erinnerte sie sich an seine Worte in der Silvesternacht der Jahrhundertwende „Ich habe morgen Geburtstag.“ hatte er gesagt. Heute war der erste Januar, was bedeutete dass heute Logan´s Geburtstag war. „Hey“ sprach sie ihn an als er die Bestellung eines älteren Mannes mit dickem Bierbauch entgegen genommen hatte. Er schob eine Flasche und ein Glas über den Tisch und kam zu ihr. „Ich kenne dich irgendwoher.“ sagte sie gespielt nachdenklich. Er sah sie verblüfft an, schüttelte dann aber den Kopf. „Das glaube ich kaum. Ich komme nicht aus dieser Gegend und du kannst mir glauben, dass ich mich an ein Gesicht wie deines erinnern würde.“

Gedankenverloren fuhr sie sich mit der Hand durchs Haar und trank einen Schluck aus dem Glas vor ihr. „Oh doch, jetzt weiß ich es. Peoria! Du kommst aus Peoria nicht wahr?“ fragte sie. Langsam nickte er und sah sie neugierig an. Im nächsten Moment stand sie allein in einer dunklen Gasse in der Nähe Peorias. Ein warmer Wind kitzelte ihre Wangen. Hinter ihr raschelte es kurz, dann hörte sie Schritte. Als sie sich umdrehte blickte sie in Logan´s Gesicht, der sie liebevoll anlächelte „Da bist du ja.“ hauchte sie leise an sein Ohr nachdem er sie in eine enge

Umarmung gezogen hatte. Seine Lippen ruhten sanft auf ihren. Doch plötzlich zuckte ihr Geliebter in ihren Armen zusammen, die grünen Augen bohrten sich unheilvoll in ihre. Den Mund zu einem stummen Schrei geöffnet fiel er auf die Knie. Bestürzt sank Amalia neben ihn und versuchte herauszufinden was geschehen war. Ihre Hände griffen nach Logan, doch von einer Sekunde auf die andere war sein Körper zur Gänze mit Blut bedeckt. Der Geruch brannte in ihrer Kehle. „Du bist ein Monster!“ hörte sie seine Stimme leise keuchen. Sie versuchte die Ursache für die Blutung auszumachen, konnte aber keine Wunde entdecken.

Der Körper in ihren nun blutverschmierten Armen verschwand, an dessen Stelle stand plötzlich Mason vor ihr und starrte sie hasserfüllt an. Weinend wachte Amalia auf, noch immer den blutigen Körper ihres Geliebten vor Augen. Überwältigt von ihren Gefühlen saß Amalia auf ihrem Bett, die Beine dicht an die Brust gezogen, den Kopf auf die Knie gestützt. Tränen rannen ihr unaufhörlich übers Gesicht, ein heftiger Schluchzer jagte den nächsten. Es hatte so schön angefangen, sie hatte im Traum gelächelt als sie jene Tage ihrer Vergangenheit besuchte, an denen alles

begann und sich ihr Leben so sehr verändert hatte. Logan zu sehen, als er noch gesund und munter war, nicht die Spur einer Ahnung welche Gefahren die Welt vor ihm verbarg, ließ ihr Herz strahlen. Es hatte sie damals ganz unerwartet getroffen in dem kleinem Pub dem Jungen zu begegnen, der sie dreizehn Jahre zuvor so fasziniert hatte. Seine Augen hatten noch immer diese Wärme ausgestrahlt. Amalia hatte den ganzen Tag an dieser Bar gesessen und sich zwischen seinen Tätigkeiten als Barkeeper mit ihm unterhalten. Nachdem sie die erste Flache Whiskey geleert hatte sah er sie überrascht an. Sie

musste sich in Erinnerung rufen sich wie eine normale Frau zu benehmen und bestellte anschließend nur noch Wasser. Er erzählte ihr von seinen Eltern, seiner liebevollen Mutter, die sehr krank war und die er über alles liebte. Über seinen Vater verlor er kaum ein Wort, erst einige Wochen später erzählte er ihr von dessen Vorliebe für Glücksspiel, harten Alkohol und leicht bekleideten Frauen. Doch an jenem Januartag sprachen sie nur über erfreuliche Dinge, Wünsche und Träume. Logan arbeitete nur als Aushilfe in diesem Pub um sich das kostspielige Medizinstudium zu finanzieren. Sein größter Wunsch bestand darin, seine kranke Mutter

irgendwann heilen zu können. Kurze Zeit bevor er den Pub schließen wollte, fragte er schließlich wovor sie davonliefe. Mit großen Augen hatte sie ihn angesehen. „Ich sehe es in deinem Blick. Du läufst vor irgendetwas davon.“ sagte er einfach. Er konnte sie nach nur wenigen Stunden bereits so gut durchschauen. Sie trafen sich in den darauffolgenden Tagen immer wieder und verabredeten sich schließlich auch an anderen Orten. Dimarus erzählte sie davon nichts. Wenn sie hin und wieder für ein paar Stunden verschwand, sagte sie, sie wollte den Wind beim Laufen spüren, so wie sie es früher immer getan hatte. Bald schon

fand Logan heraus wer sie wirklich war. Doch anstatt sich von ihr abzuwenden oder gar Angst vor ihr zu haben, nahm er sie einfach in den Arm und küsste sie. Die Erinnerung daran schmerzte Amalia. Sie hatte ihn wahrhaftig geliebt, liebte ihn noch immer nach all den Jahren. Aber er war tot. Sie hatte ihn umgebracht, rief sie sich wieder ins Gedächtnis. In drei Tagen wären es genau hundert Jahre, die seitdem vergangen waren. Plötzlich schlichen sich auch andere Gesichter in ihre Gedanken. Alexej, der zurückhaltende Vampir, der sich für sie geopfert hatte. Warum hatte er das getan? Doch das Warum war eigentlich

unwichtig, allein die Tatsache, dass er ihretwegen gestorben war, trieb sie an den Rand der Verzweiflung. Alle die ihr etwas bedeuteten starben oder wandten sich von ihr ab. Auch das Gesicht von Ava tauchte vor ihren geschlossenen Augen auf. Amalia hatte sie geliebt wie eine Schwester, doch sie hatte sich gegen sie gestellt, sie verraten. Amalia überlegte noch lange warum das Schicksal, das Leben sich gegen sie verschworen hatte, doch sie kam einfach nicht dahinter. Sie vermisste die Zeiten, in denen alles noch gut war und ihr Herz die Schmerzen des Verlusts noch nicht kannte. Ihr Blick fiel auf ihr rechtes

Handgelenk, an dem ein rosafarbenes geflochtenes Band, mit einer gelben Perle daran, befestigt war. Jolina hatte es ihr bei ihrem gestrigen Besuch geschenkt als Zeichen ihrer Freundschaft. Jolina, das Mädchen bedeutete ihr unbeschreiblich viel auch wenn sie es kaum kannte. Diese Erkenntnis ließ sie zusammen zucken. Das Mädchen schwebte in Gefahr wenn sie sich weiterhin trafen, das durfte sie nicht zulassen. Niemals würde sie es sich verzeihen können, wenn dem Kind ihretwegen etwas geschehen oder es gar sterben würde. Sie musste sich von Jolina fernhalten auch wenn es ihr das

Herz brach.

6

Lange Zeit saß Amalia einfach nur auf ihrem Bett und dachte nach, doch irgendwann ertrug sie es nicht mehr. Ihre Kehle brannte so sehr, dass sie kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte, also stand sie auf und schleppte sich in die Küche im Erdgeschoss. Sie ertrug es kaum die rote Flüssigkeit erst in der Mikrowelle zu erwärmen, am liebsten hätte sie es gleich kalt aus dem Beutel getrunken aber sie beherrschte sich und wartete bis sie das vertraute Piepen hörte, öffnete hastig die Tür und setzte die Tasse an ihre Lippen. Langsam rann die wohltuende Flüssigkeit ihren

ausgetrockneten Hals herunter, zufrieden seufzte sie. Schon fühlte sie sich ein wenig besser, wenn auch die schrecklichen Gedanken noch immer an ihr rissen. Sie lenkte sich mit achtzig Bahnen im Schwimmbecken ab. Der Drang das Haus zu verlassen und wie versprochen Jolina zu besuchen wuchs von Sekunde zu Sekunde ins Unermessliche, außerdem wollte sie zurück zum „The Metropolitan“, doch sie durfte nicht so weiter machen wie in den vergangenen Tagen. Sie hatte allen Grund gehabt die letzten sechzig Jahre das Haus nicht zu verlassen und diese Gründe musste sie sich jetzt ständig in Erinnerung

rufen. Um 1:00Uhr hielt sie es nicht länger aus. Alles in ihr schrie danach endlich das Haus zu verlassen. Die Ironie des Ganzen ließ Amalia verstimmt auflachen: die vergangenen Jahre hatte sie sich in dieser Villa vor der Außenwelt, den Menschen sowie der Vampirwelt versteckt und nun, nachdem sie einmal einen Fuß vor die Tür gesetzt hatte, wollte sie nichts sehnlicher als das alte muffige Haus zu verlassen und nach draußen gehen. Um gegen ihren inneren Drang anzukämpfen, verließ sie die Bibliothek, in der sie die letzten Stunden verbracht hatte und stellte sich nun das

zweite Mal in dieser Nacht eine Tasse in die Mikrowelle. Das war sonst nicht ihre Art und sie durfte es auch keines Falls zur Gewohnheit werden lassen, aber heute brauchte sie diese zusätzliche Energie einfach, um zu widerstehen. Berauscht ließ sie die leere Tasse sinken und wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen, auf denen sich ein einziger Tropfen Blut verirrt hatte. Sie hatte sich gerade überlegt noch ein paar weitere Bahnen zu schwimmen, da hörte sie ein leises scharrendes Geräusch auf der Veranda, leise Schritte näherten sich der Hintertür. Wie erstarrt hielt sie in ihrer Bewegung inne und starrte zur Tür. Ein lautes Klopfen ließ sie

zusammenzucken. Vor Überraschung gespannt lauschte sie in die Stille, die auf das Klopfen folgte. Ein leichtes gleichmäßiges Atmen, der Wind, der durch die Bäume im Garten wehte und ein Flüstern drang nun an ihre Ohren. „Amalia?“ Der ungebetene Besuch wusste, dass sie ein Vampir war, aus keinem anderem Grund hätte er davon ausgehen können, dass sie den nur gehauchten Namen hören konnte, selbst wenn sie direkt hinter der Tür gestanden hätte. Panik erfasste sie. Keiner wusste, dass sie hier lebte. Alle außer Ava. Doch das vor der Tür war nicht ihre einst beste Freundin und Schwester, es war ein

Mann, der da auf ihrer Veranda stand. Hatte Dimarus jemand anderen geschickt, um sie zu holen, zu töten, oder was auch immer er mit ihr vorhatte? Aber nein, diese Stimme, auch wenn es nur ein Flüstern war, kam ihr vertraut vor. Sie schlug alle Befürchtungen in den Wind und öffnete mit angehaltenem Atem die Tür. Fassungslos starrte sie den Mann vor sich an. Er trug enge dunkle Jeans, ein schwarzes T-Shirt, das sich über seine muskulöse Brust spannte und die Lederjacke, die er schon in der Nacht zuvor getragen hatte. Amalia stieß die angehaltene Luft aus und blickte Mason

in die strahlenden Augen, der erwiderte ihren Blick und lächelte sie selbstsicher an. „Hi“, sagte er gelassen. „Hi“, entgegnete sie. „Woher weißt du wo ich wohne?“, platzte es aus ihr heraus. Mason zog eine Augenbraue hoch und sah sie amüsiert an. „Naja, als du gegen Mitternacht nicht aufgetaucht bist, habe ich gedacht du hast mich vielleicht versetzt, also bin ich deinem Geruch hierher gefolgt.“ „Ah und was wenn ich dich wirklich versetzten wollte?“ entgegnete sie. Er zuckte mit den Schultern, „dann müsste ich dich entführen und solange einsperren bis du erkennst, dass es ein

Fehler wäre mich im Regen stehen zu lassen“ sagte er ohne eine Miene zu verziehen. Geschockt sah sie ihn an und wich einen Schritt zurück, doch dann breitete sich erneut dieses bezaubernde Lächeln auf seinem Gesicht aus, das sie erkennen lies, dass er nur einen Spaß gemacht hatte. „Also“, sagte er und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen, „willst du mich nicht hereinbitten lassen?“ In Amalia stiegen so viele Gedanken und Gefühle auf, dass sie sich erst einmal sammeln musste bevor sie den Kopf schüttelte und einen Schritt zur Seite trat, „Du kannst auch ohne Einladung

hereinkommen.“ Verwirrt sah er sie an. „Ich wohne allein hier, ohne einen Menschen von dem man erst hereingebeten werden muss.“ erklärte sie. Ungläubig sah er sie an, presste die Lippen zusammen und setzte ein strahlendes Lächeln auf. Dann machte er zögerlich einen Schritt nach vorn und kam schließlich ins Haus. „Ein schönes Haus hast du.“ Mason strich sanft über die Kommode im Flur neben der Treppe, die in den ersten Stock führte. Amalia war ihm mit verschränkten Armen und grimmigem Gesicht gefolgt als er durch das Erdgeschoss geschlendert und in dessen

verschiedene Räume gespäht hatte. Er setzte einen Fuß auf die erste Stufe. Sie löste sich von der Wand, gegen die sie lehnte und stellte sich ihm in den Weg. Die Hände gegen seine harte Brust gestemmt, drängte sie ihn zurück. „Tut mir leid aber das war´s erstmal mit der Besichtigung.“ Verschwörerisch zwinkerte er ihr zu. „Versteckst du eine Leiche auf dem Dachboden?“ Nicht auf seine Frage reagierend, zog sie ihn am Arm zurück in die Küche. „Ich denke es ist besser wenn du jetzt gehst.“ sagte sie bestimmt, doch Mason lächelte sie weiter einfach nur an und blieb dicht vor ihr stehen. „Was ist dein Problem Amalia?“ fragte

er sie mit rauer Stimme und hob leicht ihr Kinn mit einem Finger an. Er war jetzt so nah, dass sie seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte. Diese wunderschönen grünen Augen schienen tief in ihre Seele zu blicken und drohten Amalia sich in ihnen zu verlieren. Sie sank in ihn hinein und sehnte sich danach, einfach von ihm gehalten zu werden, sie sehnte sich nach seiner Nähe, wollte von ihm berührt werden, ihm all ihre Geheimnisse anvertrauen. Sie brauchte ihn, also stellte sie sich auf die Zehenspitzen und reckte ihm ihr Gesicht entgegen in der Erwartung, er würde sie küssen. Er blinzelte.

Der Bann war gebrochen. Schnell stieß sie ihn von sich und starrte ihn misstrauisch an. Etwas lag in seinem Blick, mit dem er sie ansah, das sie nicht deuten konnte. War das Verwirrung? Nun ja, Amalia selbst war auch im höchsten Maße verwirrt und überrascht über ihre plötzlich aufgestiegenen Gefühle für diesen fremden Mann. Sie kannte ihn nicht und sie wollte nicht, dass irgendein dahergelaufener Vampir mit ihren Gefühlen spielte. Keines Falls würde sie zulassen, dass ihre Liebe zu Logan aus ihrem Herzen verdrängt wurde.

Logan war alles was ihr je wichtig gewesen war und für den sie jederzeit auch ihr eigenes Leben gelassen hätte, so wie er es getan hatte. Trotzig streckte sie ihr Kinn nach vorn und verschränkte wieder ihre Arme vor der Brust. Mason schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zurück. „Also“, begann er seufzend „die Nacht ist noch jung. Worauf hast du Lust?“ Überrascht von seinem plötzlichem Stimmungsumschwung starrte sie ihn weiter wortlos an. Das Lächeln, das sie bereits mit ihm verband, breitete sich nun wieder auf seinem Gesicht aus, als

er auf eine Antwort wartete. Mason hatte es irgendwie geschafft sie dazu zu überreden mit ihm zusammen das Haus zu verlassen. Sie zog sich einen dünnen weißen Wollpulli über den Kopf und schlüpfte in dunkle Jeans bevor sie aus der Tür in den Garten trat, wo er bereits auf sie wartete. Anerkennend ließ er seinen Blick über ihren Körper schweifen. Sofort fühlte sie sich unwohl und wand sich unter seinen Blicken. Schnell ging sie an ihm vorbei und rannte durch die Nacht. Sie hatten nicht mehr lange Zeit bevor die Sonne aufgehen würde, aber das zählte nicht mehr ab dem Moment, in dem sie

losgelaufen war und das unbeschreibliche Gefühl der Freiheit und Zufriedenheit spürte. Hinter sich hörte sie Mason, der schnell zu ihr aufschloss und nun neben ihr lief. Amalia legte den Kopf in den Nacken und lachte, so unbeschwert und frei hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt und sie war Mason dankbar, dass er ihr diese Gefühle schenkte. Es schienen nur wenige Sekunden vergangen zu sein als sie wieder umkehrten, die Dämmerung setzte langsam ein. Mason verabschiedete sich augenzwinkernd von ihr, doch sie hielt ihn zurück. „Danke dass du heute da warst. Aber ich

bitte dich nicht wieder zu kommen.“ Traurig senkte sie den Kopf und starrte auf ihre Füße. Sie hatte sich entschieden ihr weiteres Dasein allein zu verbringen auch wenn sie anfing Mason wirklich zu mögen. Er rief längst verborgene Gefühle in ihr wach, doch sie musste ihn von sich stoßen bevor es zu spät war. Ein unergründlicher Ausdruck legte sich auf seine Züge, er nickte einfach, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand. Amalia schlief sehr unruhig an diesem Tag. Ihr sich ständig wiederholender Alptraum kehrte zurück und ließ sie

panisch im Schlaf um sich schlagen. Doch am Ende des Traumes, in dem Moment als sie erkannte, dass sie Logan getötet hatte, veränderte sich der Traum, bemerkte Amalia verwirrt. Der schlaffe Körper des Mannes, den sie so sehr liebte glitt zu Boden, sie hielt ihn noch immer im Arm, doch im nächsten Moment war sie allein in der dunklen Gasse. Suchend blickte sie sich um, konnte Logan aber nicht entdecken. Ein Schatten erregte ihre Aufmerksamkeit, sie stand auf und ging auf die Gestalt zu, die sich am Ende des Weges gegen eine Steinmauer drückte. Grüne Augen funkelten sie an, das wirre dunkle Haar fiel ihm in die Stirn. Mason

starrte sie ungläubig an. „Amalia?“ stieß er atemlos aus. Seine sonst so düstere Erscheinung wirkte desorientiert und verloren. Unsicher trat er einen Schritt auf sie zu. „Was ist denn bloß geschehen?“ sagte er mehr zu sich selbst als zu ihr. Mitfühlend legte sie eine Hand auf seine rechte Schulter. Diese Berührung schien ihn aus seiner Starre zu lösen, denn er hob ruckartig seinen Kopf, seine wunderschönen grünen Augen verdüsterten sich als er sie hasserfüllt anstarrte. Er öffnete seinen Mund und entblößte seine Reißzähne. „Du hast mir das angetan!“ brüllte er sie an und stürzte sich auf sie. Seine Hände schlossen sich um ihre

Kehle, seine tödlichen Zähne nur Millimeter von ihrem Hals entfernt. Zittrig ging sie die Treppe hinunter in die Küche. Was hatte dieser Traum zu bedeuten? Warum war Mason so plötzlich aufgetaucht? Was hatte sie seiner Meinung nach getan? Fragen über Fragen wirbelten in Amalia´s Kopf umher, jede schrie nach Beachtung, nach Antworten, doch sie fand keine logische Erklärung, so sehr sie sich auch bemühte. Doch wenn sie je Antworten auf ihre zahlreichen Fragen bekommen wollte, so wurde ihr klar, gab es nur eine Lösung: sie musste sich weiterhin mit Mason

treffen, auch wenn das bedeutete, dass sie das Haus verlassen und sich unter Menschen mischen musste. Ein kleiner Teil, in der hintersten Ecke ihres Gehirns, freute sich, dass sie nun doch nicht weiter ihre eigene Gefangene in diesem Haus war, doch der andere, der viel größere Teil, hatte Angst. Angst vor dem, was sie erwartete, vor dem Unbekannten, ihren wirren Gefühlen und davor, dass etwas schlimmes passieren könnte, wenn sie den Kontakt weiterhin aufrecht hielt, wenn er das denn überhaupt noch wollte. Schließlich hatte sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie ihn nicht wieder sehen wollte. Würde er auf sie hören oder ließ er ihre

Gesellschaft zu? Es gab nur einen Weg das herauszufinden. Also schlüpfte sie in bequeme Stiefel, die sich sanft an ihre Waden schmiegten, ein blaues knielanges Kleid, das ihren zarten Körper an genau den richtigen Stellen betonte und eine schwarze enganliegende Lederjacke, dann zog sie die Tür hinter sich ins Schloss und machte sich durch den Wald auf den Weg ins „The Metropolitan“, in der Hoffnung, dort auf Mason zu treffen. Vor dem Club ließ sie gekonnt ihren Charme spielen, zwinkerte den Männern vor ihr verführerisch zu und lächelte die Damen freundschaftlich und zuckersüß

an. Wie Amalia erwartet hatte, ließen die Wartenden sie nach vorn zum Türsteher. Sie hatte gehofft auch heute wieder den schwarzhaarigen großen Ivan an der Tür vorzufinden. Er musterte sie und hob abwehrend die Hände „Schon gut! Du kannst reingehen. Ich will keinen Ärger!“ presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und winkte sie an ihm vorbei in das große gläserne Gebäude. Das war wirklich einfach, dachte Amalia und ging die Treppe rauf zur Tanzfläche. Sie ließ ihren Blick über die Anwesenden schweifen, konnte Mason aber nirgends entdecken. Die Barkeeperin verschränkte abwehrend die

Arme vor ihrer Brust als sie sich bei ihr nach ihm erkundigte. „Was geht’s dich an wo er steckt?“ zischte sie ihr entgegen. Dieses aufgestylte Blondchen stand wohl auf ihn. Nun ja, wer täte das als menschliche Frau oder gar Mann nicht, angezogen von seiner überirdischen Schönheit? Amalia beugte sich zu der Frau vor ihr über den Tresen, diese musterte sie mit weit aufgerissenen Augen als ihr klar wurde, dass sie neben Amalia wie ein durchschnittlicher Niemand aussah. Amalia lächelte in sich hinein, dann legte sie langsam eine Hand auf das dunkle Holz zwischen den beiden und sagte:

„Ich bin eine gute Freundin von ihm und ich denke, er wird gar nicht erfreut sein wenn er hört, dass du mir nicht verrätst wo ich ihn finden kann.“ Die Blondine blinzelte ein paar Mal, biss sich auf die Unterlippe und kämpfte scheinbar innerlich mit ihren Gedanken. Doch nach kurzer Zeit nickte sie leicht und deutete in die Ecke, in der Amalia schon einmal zusammen mit Mason hinter einem Vorhang gesessen hatte. Sie schlängelte sich an den sich im Rhythmus der pulsierenden Musik bewegenden Körpern hindurch, den Vorhang, hinter dem sich Mason aufhielt, fest im Blick. Als sie direkt

davor stand überlegte sie kurz ob sie einfach hereinstürmen oder vorher auf sich aufmerksam machen sollte. Klopfen konnte sie nicht, aber ein einfaches Flüstern seines Namens, so wie er es eine Nacht zuvor vor ihrer Haustür getan hatte, würde bereits genügen, um ihn wissen zu lassen, dass sie hier war. Wenn er nicht bereits das kleine Gespräch zwischen ihr und der Barkeeperin bemerkt hatte. Sie setzte an, seinen Namen auszusprechen, als sie leise Stimmen hörte, die sich angeregt hinter dem Vorhang unterhielten. Es war Mason, dessen Stimme sie zuerst hörte: „...mache das schon! Ich bin dir keine

Rechenschaft schuldig und jetzt verschwinde von hier!“, eine tiefe männliche Stimme sagte: „Mir vielleicht nicht. Aber du weißt was alles von deinem Erfolg oder Scheitern abhängt.“ „Ich werde nicht scheitern!“ fuhr Mason ihm ins Wort. Der Vorhang wurde zur Seite gerissen. Amalia konnte noch unbemerkt einen Satz nach hinten springen, sodass es wirkte als käme sie gerade erst von der Tanzfläche hierher. Heraus kam ein hochgewachsener Mann, eine blonde Locke viel ihm in die Stirn. Sein weinrotes Hemd war an den obersten zwei Knöpfen geöffnet worden, ansonsten trug er eine schwarze

Leinenhose und Lederschuhe. Die eisblauen strahlenden Augen wirkten kalt und überheblich. Schockiert starrte Amalia den Mann an, der ohne sie weiter zu bemerken an ihr vorbei zum Ausgang eilte. Sie kannte ihn! Es waren einhundert Jahre her, dass sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, in der Nacht als sie den armen wehrlosen Mönch getötet hatte. Es war der Vampir Alexius, Diener und treuer Gefolgsmann von Dimarus. Wie angewurzelt blieb Amalia stehen und sah dem Vampir hinterher. Auch als

er schon aus ihrem Blickfeld verschwunden war, konnte sie ihre Starre nicht lösen. Was hatte das zu bedeuten? Alexius und Mason? Mason und Dimarus? Hatte Dimarus den gutaussehenden Vampir auf sie angesetzt? Ihr Magen verkrampfte sich als sie sich eingestand, dass sie in seine Falle getappt war und sich Dimarus quasi auf dem Silbertablett serviert hatte. Sie konnte nicht glauben, dass sie so blauäugig gewesen und Mason einfach so vertraut und geglaubt hatte. War Mason hier, um sie zu bewachen? Sollte er sie verführen, damit sie bereitwillig zu Dimarus zurückkehrte?

Oder sollte er sie gar töten, so wie Ava es vorhatte? Aber wenn er sie töten wollte, dann hätte er sich gewiss von Anfang an anders verhalten. Also was waren seine Absichten?! Verzweifelt versuchte sie eine Lösung zu finden, doch ihre regen Gedanken wurden von einer sanften Berührung an ihrem linken Unterarm unterbrochen. Mason stand neben ihr und sah sie besorgt aber auch irritiert an. „Hallo.“ hauchte er. Benommen schüttelte sie den Kopf und trat einen Schritt zurück. Masons Hand rutschte von ihrem Arm. Sie funkelte ihn böse an und presste die Lippen zusammen. „Was hast du?“ flüsterte er erschrocken.

Er spielte seine Rolle wirklich großartig, das musste man ihm lassen. Amalia warf wütend ihr Haar zurück. „Wer bist du und was willst du von mir?“ presste sie hervor. Mason verzog keine Miene, doch in seinen Augen flackerte etwas. War das Furcht? Dock keine Sekunde später, war davon nichts mehr zu sehen, stattdessen sah er sie unschuldig an, nickte mit dem Kopf Richtung Vorhang und bat sie somit, ihm zu folgen. Sie wollte Antworten also ging sie hinter ihm her und setzte sich mit verschränkten Armen auf das rote Ledersofa, auf dem sie das letzte Mal gesessen hatte. Mason wollte sich zu ihr setzten, aber ein eisiger Blick von

Amalia hielt ihn davon ab, sodass er auf dem anderem Sofa platz nahm. „Es freut mich, dass du es dir anders überlegt und heute hier her gekommen bist.“ sagte er freundlich und bot ihr ein Glas bernsteinfarbener Flüssigkeit an. Amalia lehnte ab. „Hör auf mit deinen Spielchen. Ich habe dich durchschaut!“ Mason hob sein Glas an die Lippen und stürzte den Inhalt in einem Zug herunter. „Ich spiele keine Spielchen Amalia.“ seufzte er. „Ach nein? Dann erkläre mir doch bitte, was zum Teufel du mit Alexius zu tun hast!“ ungehalten sprang sie auf und lief durch den kleinen Raum. Er lehnte sich mit gerunzelter Stirn zurück und betrachtete sie eingehend.

Dann schüttelte er traurig den Kopf und seufzte. „Keine Ahnung woher du ihn kennst, aber durch deine Reaktion schließe ich daraus, dass du weißt auf welcher Seite er steht.“ Sie nickte zustimmend, woraufhin er fortfuhr: „Vor einigen Jahren bin ich auf ihn gestoßen, er wollte mich in seinen Zirkel aufnehmen, versprach mir Macht und Reichtümer. Doch ich wollte nicht. Ich habe schon immer meine Freiheit geliebt und genossen und wollte mich weder ihm, noch seinem Meister anschließen. Alexius gefiel das ganz und gar nicht, also versucht er seit je her, mich auf seine Seite zu locken, was ihm jedoch

bis heute noch immer nicht gelungen ist.“ Amalia wollte ihm glauben, er trug seine Erklärung so glaubhaft vor, doch etwas stimmte da nicht. „Ihr habt von deinem Scheitern gesprochen.“ warf sie ihm vor. „Du hast uns belauscht?“ fragte er mit einem grimmigen Gesichtsausdruck. „Das tut doch jetzt nun wirklich nichts zur Sache Mason!“ Wieder schüttelte er den Kopf und sah sie eindringlich an. „Er erpresst mich Amalia.“ sagte er schließlich kaum hörbar. Fassungslos blieb sie stehen. „Ich soll irgend einen komischen Auftrag für ihn erledigen, sonst tötet er jemanden, der mir sehr viel bedeutet.“ Er sackte in sich zusammen.

Amalia setzte sich neben ihn auf das Sofa und legte ihm tröstend eine Hand aufs Knie. „Wie erpresst er dich?“ fragte sie einfühlsam. Langsam hob er den Kopf, überlegte wie er sich ausdrücken sollte, oder ob er es wagen konnte, ihr davon zu erzählen. „Kate.“ Seine Stimme war kaum zu hören als er flüsterte: „Kate ist der Grund, warum ich ihm nicht einfach den Kopf abgerissen habe.“ „Wer ist Kate?“ Seufzend lehnte er sich wieder zurück und starrte an die Decke. „Als ich noch ein Mensch war hatte ich eine Schwester, sie hieß Mary. Sie heiratete zwei Jahre nachdem ich

verwandelt wurde und spurlos verschwand. Ihre Tochter, meine Nichte, lebt noch in meiner Heimatstadt. Meine Schwester und ihr Mann starben vor vielen Jahren. Hin und wieder sehe ich nach Kate, beobachte sie aus der Ferne. Sie macht sich wirklich gut, führt ein glückliches Leben.“ Seine Stimme erstarb. „Und Alexius droht dir damit Kate etwas anzutun, wenn du nicht nach seinem Willen handelst?“ schloss sie bestürzt. Als Mason ausdruckslos nickte, stieg Wut in ihr auf. Schon damals, als sie noch bei Dimarus lebte, hatte sie den blonden Vampir gehasst. Er tat was ihm gefiel, war blutrünstig und gefährlich. Er weidete

sich am Elend anderer, genau wie Dimarus. „Es tut mir Leid.“ sagte sie schließlich, griff nach dem Glas auf dem kleinem Tisch vor ihnen, das sie zuvor abgelehnt hatte und trank es in einem Zug leer. Nachdem die beiden eine Weile still nebeneinander gesessen und in ihren Gedanken vertieft gewesen waren, erhob sich Amalia und streckte Mason eine Hand entgegen. Verwirrt starrte er auf diese, dann in ihr Gesicht. „Komm, wir bringen uns erst einmal auf andere Gedanken.“ sagte sie und zog ihn vom Sofa als er ihre Hand nahm. Zurückhaltend lächelte er sie an.

Sie verließen den Nachtclub. Als sie gemeinsam in Richtung Treppe gingen, spürte Amalia die eifersüchtigen Blicke der blonden Barkeeperin auf sich ruhen. Amüsiert lachte sie auf, was ihr neugierige Blicke von Mason einbrachte, doch sie schüttelte noch immer vor sich her grinsend den Kopf und ging weiter auf den Ausgang zu. Sobald sie das Haus hinter sich gelassen und den Wald betreten hatten, fühlte Amalia das vertraute Gefühl der Freiheit und Unbeschwertheit. Außerdem fühlte sie Glück und tiefe Zufriedenheit, ihr Körper kribbelte und entspannte sich bei

der Schnelligkeit, mit der sie durch die Nacht lief, Mason an ihrer Seite. Immer weiter liefen sie, vergaßen die Zeit und alles um sich herum. Irgendwann wurde Mason langsamer, Amalia blieb ebenfalls stehen und ging auf ihren Begleiter zu. Er reckte die Nase in die Höhe, schloss die Augen. Amalia tat es ihm gleich. Auch sie nahm den leichten blumigen Duft nach Parfum und wilder Kirsche wahr. Mason nahm ihre Hand in seine und zog sie hinter sich her. Sie folgten den Duft, der wie sich bald herausstellte, zu einer jungen brünetten Frau gehörte, die ein Zelt auf einer sonst leeren Lichtung aufgeschlagen hatte. Ein

herunter gebranntes Feuer glühte vor dem Zelt, aus dem der lockige Kopf der Frau herausschaute. Die gleichmäßigen tiefen Atemzüge verrieten ihnen, dass sie schlief. Mason legte einen Finger an seine Lippen, bedeutete ihr auf diese Art, leise zu sein. Ohne ein Geräusch zu verursachen ging er auf den Schlafplatz zu, unentschlossen folgte sie ihm. Er ging neben der schlafenden Frau in die Knie und schob sanft deren Haare zur Seite. Die Brünette zuckte kurz zusammen, schlief aber weiter. Mason leckte sich genüsslich über die Lippen und senkte seinen Kopf an ihren Hals. Amalia schreckte geschockt zurück.

„Was tust du da?“ ihre Stimme überschlug sich. Die Frau wachte auf, wehrte sich, doch Mason schloss energisch seine Arme um sie und hielt sie fest. Blut rann an seinen Lippen vorbei über ihre Schulter, tränkte den hellen Stoff tiefrot, als er seine Zähne in ihren Hals versenkte. Ein lauter Schrei drang an Amalia´s Ohren, doch sie merkte erst, dass sie selbst es war, die schrie, als Mason die nun bewusstlose Frau fallen ließ und sie unsanft an den Schultern packte. Sie schloss ihren Mund, wich zurück und starrte auf die grausame Szene vor

ihr. „Was hast du getan? Was hast du getan!? Was zum Teufel hast du getan?“Amalia´s Stimme war leise und zittrig, doch die letzten Worte stieß sie laut und voller Verachtung in Mason´s Richtung aus. Verständnislos sah er sie an und konnte gar nicht fassen, dass sie derart regierte. Wieder ging er einen Schritt auf sie zu, doch sie wich zurück. „Was hast du Amalia?“ fragte er resigniert. Sie antwortete nicht, starrte ihn einfach weiterhin an. Mason seufzte. „Wir sind Vampire und ernähren uns vom Blut der

Menschen. Da ist doch nichts weiter dabei!“ rechtfertigte er sich. Dieser Satz ließ sie zusammenzucken. „Da ist nichts weiter dabei!?“ wiederholte sie ungläubig. Ein Blick in seine Augen verriet ihr, dass er wirklich meinte was er sagte. Vielleicht kannte er es nicht anders? Für sie war es schließlich vor vielen Jahren ebenfalls normal gewesen, direkt vom Hals eines Menschen zu trinken. Konnte sie es Mason zum Vorwurf machen, dass er sich verhielt, wie jeder andere Vampir auch? Niedergeschlagen schüttelte sie den Kopf und sah ihrem Gegenüber in die Augen. „Es tut mir leid. Ich hätte nicht so heftig reagieren

dürfen.“ stammelte sie. Nun kam sich Amalia dumm vor. Sie starrte auf ihre Schuhe und vermied es Mason anzusehen. Ein leises Lüftchen wehte über die stille Lichtung. Sofort veränderte sich etwas in Amalia´s Innerem. Ihre Kehle brannte, als der warme blumige Duft des frischen Blutes in ihre Richtung getragen wurde. Sie schnappte nach Luft, was alles aber nur noch schlimmer machte, da sie dem verlockendem Geruch nun völlig ausgeliefert war. Mason bemerkte ihren plötzlichen Stimmungswechsel und sah sie irritiert an. „Was hast du?“ seine Stimme war nur ein Flüstern im Wind. „Ich muss hier weg!“ stieß sie heraus

und war im nächsten Moment auch schon verschwunden. Sie rannte, ohne zu wissen in welche Richtung sie überhaupt unterwegs war. Kurze Zeit später wurde sie von Mason eingeholt, der sie sanft an der Schulter berührte und ihr so zu verstehen gab, dass sie stehen bleiben sollte. An einen dicken Baumstamm gelehnt, glitt sie geräuschlos auf den weichen Waldboden. „Es tut mir leid.“ sagte sie abermals. Ihre Gefühle drohten sie zu überwältigen. Sie zog die Beine an ihren Körper und legte den Kopf auf ihre Knie. Mason setzte sich neben sie und strich vorsichtig über ihr Haar. Diese Geste beruhigte Amalia ein wenig,

jedenfalls so weit, dass sie die Schluchzer, die sie schüttelten, unter Kontrolle bekam. Mit dem Ärmel wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und starrte gedankenverloren in die Baumkronen über ihnen. Erschrocken sprang sie auf die Füße. „Verdammt!“ Sie hatten völlig die Zeit vergessen als sie durch den Wald gelaufen waren. Orientierungslos sah sie sich um. Um sie herum standen Bäume, Bäume und noch mehr Bäume. Sie drehte sich verzweifelt im Kreis, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Wieder warf sie einen Blick gen Himmel. Rosa Streifen durchzogen das heller werdende Blau. Die Sonne ging auf, sie waren

mitten im Wald, Kilometer von ihrem Haus oder einem sonstigem Unterschlupf entfernt. Vögel zwitscherten und kündigten den herannahenden Morgen an. Bald würde die Sonne erstrahlen und die beiden hilflosen Vampire zu Staub verwandeln. Sie waren verloren!

7

In einer fließenden Bewegung sprang Mason auf die Beine. „Verdammt“, fluchte auch er. Fahrig wischte er sich die Hände an der dunklen Jeans ab, die er trug und kam auf Amalia zu. Auch er drehte sich einmal um die eigene Achse, orientierte sich auf diese Weise. „Komm!“ Er packte ihren Arm und zog sie mit sich. „Wo gehen wir hin?“ Panik stieg in Amalia auf. Die Sonne stieg immer höher, die Bäume würden die Strahlen nicht aufhalten können. Mason antwortete nicht, zog sie einfach weiter mit sich. Sie rannten durch das trockene Unterholz, überquerten einen

rauschenden Bach und kamen schließlich vor einer kleinen alten Holzhütte zum Stehen. Eilig stürmten sie durch die Tür in das dunkle Innere. Hier war es kalt, es roch nach modrigem Holz. „Eine verlassene Jagdhütte.“ erklärte Mason. Er durchquerte das Haus, das nur aus einem einzigem kleinem Raum bestand und zog die von Motten zerfressenen Vorhänge zu. Der Stoff und die geschlossenen Fensterläden würden die Sonne draußen halten. Sie waren sicher. Amalia blickte sich im Zimmer um. Eine kleine Küchenzeile befand sich an der Wand gegenüber der Eingangstür, Spinnen krabbelten aus dem

angelaufenem Spülbecken. Die Tür des Kühlschrankes stand offen. Amalia sah durch die Öffnung eine schwarze Banane darin vor sich hin faulen. In der Ecke neben der Küche stand ein kleiner Tisch mit drei alten Stühlen darum. Ein weiterer lag auf dem Boden, ihm fehlte ein Bein. Neben der Tür befand sich ein kleines Sofa, sowie ein Sessel und ein löchriger Teppich. Auf der anderen Seite der Tür stand ein großer Holzschrank. Zielstrebig ging Mason auf das Sofa zu und ließ sich darauf nieder. „Woher wusstest du hiervon?“ fragte sie noch immer an die geschlossene Tür gelehnt und machte eine Geste mit den Armen, die die gesamte Hütte einschloss. „Ich

war früher schon einmal hier.“ sein Ton ließ darauf schließen, dass es keine weiteren Erklärungen geben würde. Amalia zuckte mit den Schultern. Sie war froh, dass Mason diesen Unterschlupf kannte, da konnte es ihr egal sein, woher er davon wusste. Das einzige was sie störte war die Tatsache, dass sie nun gezwungen war eine Nacht außerhalb ihres Hauses zu verbringen, ohne Blutvorrat und mit einem beinahe fremden Vampir. „Entspann dich mal Amalia.“ sagte Mason, der ihre Anspannung bemerkt hatte. Sie löste sich von der Tür und setzte sich in den unbequemen Sessel. Mason presste die Lippen zusammen und

schüttelte kaum merklich den Kopf. Eine ganze Weile saßen sie schweigend nebeneinander und lauschten dem regen Treiben der Waldtiere außerhalb der kleinen Holzhütte. Irgendwann beruhigte sich Amalia endlich und lehnte sich zufrieden zurück. Eine Sprungfeder bohrte sich in ihren Rücken, also rutschte sie ein Stück zur Seite. Zurückhaltend lehnte sich Mason in ihre Richtung und sah sie aufmerksam an. „Warum hast du vorhin so heftig reagiert als ich diese Frau gebissen habe?“ wollte er wissen. Sofort verkrampfte sich Amalia wieder. Sie wollte nicht darüber reden, doch ein Blick in seine wunderschönen grünen Augen ließen die

Worte einfach ungehindert aus ihrem Mund sprudeln. Sie sprach von den letzten sechzig Jahren, dass sie ihr Haus bis vor ein paar Tagen nie verlassen hatte, keinem Menschen je zu nahe kam und schon so lange Zeit von keinem Menschen mehr getrunken hatte. Doch als er nach dem Grund für ihr Verhalten fragte, schwieg sie. Dies war ein Abschnitt in ihrem Leben, den sie so schnell mit niemandem teilen würde. Mason hakte zwar noch einmal nach, doch nachdem sie die Arme abwehrend vor der Brust verschränkte, ließ er es dabei bewenden. Ein feindseliger Ausdruck lag in seinen Zügen, doch er wirkte auch überrascht über ihre

Geschichte und ihre Lebenseinstellung, aber als Amalia es nach einer Weile wagte, den Kopf zu heben und ihn anzusehen, verschwand dieser Ausdruck und wich einem zaghaften Lächeln. „Wir sollten nun ein wenig schlafen.“ sagte er schließlich. Er stand auf und ging hinüber zu dem großem Schrank neben der Tür und öffnete ihn. Heraus nahm er zwei dicke Kissen und mehrere staubige Decken, auf denen einige Flecken zu sehen waren. Eine dickere Decke breitete er auf dem Boden aus, eine dünnere legte er darauf, ebenso eines der Kissen. „Hier, ich schlafe auf dem Boden, du kannst das Sofa nehmen.“ damit reichte er ihr eine Decke

und das zweite Kissen und setzte sich anschließend auf die ausgebreitete Decke. Amalia nahm alles entgegen. „Danke.“ war alles was sie hervorbrachte. Er war wirklich zuvorkommend. Es tat ihr leid, dass er nun auf dem harten Boden würde schlafen müssen, aber sie wusste, er würde in diesem Punkt nicht mit sich reden lassen. Also machte sie es sich auf dem Sofa bequem, zog die Decke bis unters Kinn und drehte sich mit dem Rücken zu Mason. Sie hörte wie er sich auf dem Boden bewegte, um eine bequemere Schlafposition zu finden. Wieder beschlichen sie Schuldgefühle. Der letzte Gedanke, den sie hatte, bevor

sie in den Schlaf glitt war, dass in wenigen Stunden der 12.August war. Wieder wurde sie von Bildern aus ihrer Vergangenheit verfolgt. Die Gefühle, die sie dabei spürte waren so intensiv, dass sie kaum noch zwischen Traum und Realität unterscheiden konnte. Erschöpft öffnete sie die Augen. Es war dunkel geworden, das bemerkte sie an den Geräuschen der Waldtiere, die sich nur nachts so unbeschwert und leichtsinnig durch den Wald bewegten. Ein Blick auf ihre Armbanduhr bestätigte ihr, dass es auf die Minute genau Mitternacht war. Heute vor genau hundert Jahren hatte sich alles verändert, heute war Logan´s

hundertster Todestag, der Tag vor dem sie sich schon lange Zeit gefürchtet hatte. Amalia drehte sich auf die Seite, sodass sie in Mason´s Gesicht sehen konnte, der ihr zugewandt auf dem Boden schlief. Sein Mund war leicht geöffnet, er sah so friedlich und verletzlich aus. Leise, um ihn nicht zu wecken, setzte sie sich auf und erhob sich von ihrer Schlafstätte. Auf Zehenspitzen schlich sie sich an ihm vorbei zur Tür. Sie würde schon längst zu hause sein, noch bevor er sich das erste Mal strecken und die Augen öffnen würde. Der Wind strich durch ihre Haare, tief sog sie die klare Nachtluft in ihre

Lungen und lief los. Doch sie kam nicht weit. Eine starke Hand legte sich von hinten auf ihre Schulter und hinderte sie so weiterzugehen. Erschrocken fuhr sie herum und blickte in das schöne Gesicht eines älteren blonden Mannes mit blauen Augen, die an das Meer erinnerten. Seine Lippen waren fest aufeinander gepresst, die Augen zu Schlitzen verengt. Er war ein Vampir, alleine im Wald unterwegs und stieß ausgerechnet au sie? Das konnte kein Zufall sein. Dimarus schien langsam aktiv zu werden und seine Männer nach ihr auszuschicken. Sie überlegte nicht lange

und stieß ihm mit all ihrer Kraft die Faust ins Gesicht. Von ihrer unerwarteten Reaktion völlig überrumpelt, taumelte er ein paar Schritte zurück und hielt sich das Kinn. "Kräftiger Schlag" sagte er mit einem Lächeln im Gesicht und kam wieder auf sie zu. Sie nahm Kampfstellung ein und bereitete sich auf ihren nächsten Schlag vor, doch soweit kam es nicht, denn plötzlich tauchte Mason wie aus dem Nichts neben dem Fremden auf und verpasste ihm einen gezielten Tritt in die Seite. Keuchend hielt er sich die Rippen und warf seinem Angreifer einen bösen Blick zu. Mason zögerte nicht und setzte zu einem erneuten Angriff an,

doch er schlug daneben, da sich der schlanke Vampir schnell außer Reichweite bewegte. Nun stürmte er auf Mason zu und verpasste ihm einen Schlag in den Bauch, was Amalia veranlasste, ihrem Begleiter beizustehen und zu helfen, hatte es der Fremde doch eigentlich auf sie abgesehen. Sie stieß sich vom Boden ab und landete auf dem Rücken des blonden Mannes. Seine Brust mit ihren Beinen umschlingend, packte sie seinen Kopf mit den Händen und zog daran, um ihn zu enthaupten. Dimarus würde nicht gewinnen! Das würde sie nicht zulassen, selbst wenn sie dafür töten musste. Ein überraschtes Stöhnen entfuhr dem

Mann unter ihr, doch sie achtete nicht darauf. Aus den Augenwinkeln sah sie Mason, der langsam auf die beiden zukam. Ein breites Grinsen zierte seine Mundwinkel. Dicht vor ihnen blieb er stehen und sah erst Amalia, dann den Fremden an. "Du hattest niemals eine Chance Balian!" verhöhnte er ihn. Amalia stutzte. "Du kennst ihn?“ Atemlos wartete sie auf eine Antwort, die jedoch nicht wie erwartet von Mason kam. "Der Orden und Dimarus sind bereits seit Jahrhunderten verfeindet, das solltest du eigentlich wissen." sagte er mit brüchiger Stimme, die durch Amalia´s Würgeangriff etwas abgehackt klang. Verdutzt schaute sie zu Mason,

dessen Blick nun unruhig hin und her jagte. "Du bist vom Orden? Warum hast du das nicht schon früher gesagt?" Balian, wie Mason ihn genannt hatte, stieß ein bellendes Lachen aus: "Er? Wohl kaum!" Amalia´s Frage schien ihn zu amüsieren. Jetzt verstand sie gar nichts mehr, doch Mason ließ ihr keine Gelegenheit nachzudenken. Er war sich auf Balian und schlug auf ihn ein. Amalia fiel dabei von dessen Rücken auf den Boden. Wie paralysiert verfolgte sie das Schauspiel vor ihr. Was hatte Balian mit seiner Aussage gemeint? Kämpfte er am Ende gar nicht an Dimarus´ Seite, sondern an der des Ordens? Aber das

würde bedeuten, sollte sie seine Worte richtig deuten, dass Mason zu Dimarus gehörte und das war unmöglich! Balian schien beim Kampf die Oberhand zu gewinnen, Mason lag unter ihm und hatte keine Chance sich zu befreien. "Nein!" brüllte Amalia als sie sah, wie er einen spitzen Pflock aus seiner Gesäßtasche zog und damit direkt auf Mason´s Herz zielte. Balian zuckte nicht mit der Wimper, hielt in seiner Bewegung jedoch inne und schaute zu ihr herüber. "Du hast keine Ahnung Amalia! Du kannst dir nicht vorstellen wie verzweifelt der Orden war, nachdem wir dachten du seist tot. Wir haben herausgefunden, dass du noch lebst und

haben uns sofort auf die Suche nach dir gemacht. Wie erleichtert wir waren als wir dich endlich gefunden und gesehen haben, dass es dir gut geht. Doch du kannst dir unsere Überraschung, unseren Zorn nicht vorstellen als wir dich zusammen mit IHM gesehen haben!“ Mason wand sich unter ihm, doch er hatte ihn gut im Griff. "Was soll das heißen?" fragte sie verwirrt. "Ganz einfach: er gehört zum inneren Kreis von Dimarus ob du mir nun glaubst oder nicht. Seine Aufgabe ist es dich zurückzubringen.“ Amalia konnte nicht glauben was sie da hörte. Mason arbeitete für Dimarus? Er gehörte sogar zu seinen Vertrauten? Das war völlig

absurd! "Und nun", begann Balian und hob erneut den Pflock in die Höhe, "bringe ich das zu Ende wozu ich hergeschickt wurde: ich töte diesen Vampir und bringe dich zum Orden." "Das wirst du nicht tun!" sagte eine leise Stimme hinter Amalia. Sie drehte sich um und sah Ava, die sich ihr gefährlich näherte. "Ava." flüsterte sie geschockt. Angst breitete sich in ihr aus, Lähmung ergriff ihren angespannten Körper. "Ja, liebe kleine Amalia du tust gut daran Angst vor mir zu haben." Ein falsches Grinsen spielte um ihre Mundwinkel. Sie strich

sich eine Strähne ihres platinblonden Haares aus der Stirn, kam weiter auf Amalia zu und ließ sich nicht im geringsten von den beiden Männern am Boden ablenken. Mason wirkte überrascht Ava zu sehen, ebenso wie Balian, doch etwas anderes in seinem Blick ließ darauf schließen, dass er sie kannte, dass er froh war sie zu sehen, gleichzeitig aber auch wütend, dass sie anscheinend glaubte, er würde es allein nicht schaffen. Ava warf ihm eine Kusshand zu und schenkte dann Amalia wieder ihre gesamte Aufmerksamkeit. "Du kennst meinen Gefährten ja bereits." sie deutete mit einem Nicken in Mason´s Richtung.

Gefährte? Die beiden waren ein Paar? Deshalb hatte sie also anfangs diese zurückhaltenden und ablehnenden Gefühle ihm gegenüber gehabt. Offensichtlich hatte ihr Unterbewusstsein schon zu diesem Zeitpunkt gewusst auf wessen Seite er stand. Sie hätte auf ihr Bauchgefühl hören und sich von ihm fernhalten sollen. Ihre aufkommenden Emotionen unterdrückend verschränkte sie die Arme vor der Brust. "Ava und Mason - das neue Traumpaar? Hast du endlich jemanden gefunden, der es mit dir aushält und deiner würdig ist?" stieß sie sarkastisch aus. Doch Ava lachte einfach nur. Ihre glockenklare Stimme hallte von

den Bäumen wider. "Dumme kleine Amalia hat keine Ahnung. So blauäugig, so naiv wie du bist, bist du natürlich sofort auf ihn herein gefallen." "Was meinst du damit?" entgegnete sie. Ava schwieg, kostete ihre Macht aus, legte den Kopf schräg und musterte Amalia amüsiert. "Erkennst du ihn nicht wieder? Ich muss zugeben, er hat sich durch die Verwandlung sehr stark verändert. Aber ich dachte deine Liebe zu ihm sei so groß gewesen, dass du ihn trotzdem erkennen würdest. Tja da habe ich mich wohl getäuscht." Noch bevor sie begreifen konnte was Ava da gesagt hatte, hörte sie ein

gequältes Keuchen als Mason sich aus Balian´s Griff befreite und ihm seinen Ellenbogen ins Gesicht rammte und seinen Fuß in seinem Magen versenkte. Balian lag am Boden, krümmte sich vor Schmerzen. Der Pflock glitt ihm aus der Hand und rollte über den Waldboden. "Gut gemacht Liebling", lobte Ava ihren Gefährten und gesellte sich zu ihm. "Und nun zu dir", sagte Mason und kam unaufhörlich auf sie zu. Sein warmes freundliches Gesicht hatte sich in eine kalte abweisende Maske verwandelt. Er schob die Lippen zurück und entblößte seine Zähne. "Der Plan sah zwar anders aus, aber ich denke Dimarus wird nichts dagegen

haben, wenn wir seinem kleinem Püppchen eine kleine Lektion erteilen bevor wir dich zu ihm bringen." Seine Stimme war bar jeder Gefühle. Er kam auf sie zu, bereit sie zu packen. In diesem Moment wanderte Amalia´s Blick zu seinen Augen, die ihr bei ihrem ersten Treffen schon so vertraut vorgekommen waren. Es fehlten die Güte, Wärme und Liebe zu ihr darin, die sie früher immer in seinen Augen gesehen hatte. Das leuchtende Grün war strahlender als je zuvor und doch erkannte sie plötzlich ihre große Liebe in diesem Mann, so unglaublich das auch sein konnte. Es war Logan,der da vor ihr stand, da

war sie sich ganz sicher. Ihre Gedanken kreisten in einem wahnsinnigem Tempo durch ihren Kopf, keinen davon konnte sie richtig fassen, so sehr sie sich auch bemühte. Den Blick noch immer starr auf seine grünen Augen gerichtet, war sie unfähig sich zu rühren oder ihren Blick abzuwenden. Es war schwierig in diesen kalten abweisenden Vampiraugen die lieben und warmherzigen ihres Geliebten zu erkennen. Doch sie hatte sich nicht getäuscht. Das hier war Logan! Aber wie war das möglich? "Ich...ich habe dich getötet!" schluchzte sie. Er verzog seine Mundwinkel zu

einem höhnischem Grinsen. "Ganz offensichtlich hast du deine Arbeit nicht sonderlich gründlich gemacht.", sagte er mit gefährlicher Stimme. "Wie das möglich ist?", las Ava ihr die Frage vom Gesicht ab. Tränen liefen über ihre Wangen. "Er war der erste Mensch, den du in einen Vampir verwandelt hast. Du hattest keine Ahnung, kein Gefühl dafür wie es sich anfühlt, also dachtest du er wäre tot als er leblos zusammengesunken ist. Wer hat dir bloß erklärt wie man jemanden verwandelt? Dieser jemand muss ein totaler Idiot sein, andernfalls hätte er dir erklärt, dass das ganz normal ist, dass sein Körper erst sterben muss, um

wiederbelebt zu werden." Ein hinterhältiges Grinsen schlich sich in ihr Gesicht als sie fortfuhr: "Aber vielleicht wolltest du es gar nicht anders! Du wolltest Logan töten, nicht verwandeln. Du wolltest ihn loswerden und bist deshalb abgehauen und hast ihn allein zurückgelassen. Als er aufwachte war ich es, die ihm zeigte als Vampir zurecht zu kommen. Du bist untergetaucht und hast dich nur um dich selbst gekümmert, warst froh, dass du niemanden hattest, der für immer an deinem Bein hängt und nur eine unnötige Last für dich wäre." "Das ist nicht wahr!" fiel Amalia ihr ins Wort. "Ich dachte du wärst tot! Ich wollte auch sterben, aber der Orden hat

mich mitgenommen. Hätte ich gewusst, dass du überlebt hast, dann wäre ich doch nie...", ihre Stimme brach. Flehend sah sie Logan an, der jedoch ungerührt auf sie herabsah. Dann hellte sich sein Gesicht auf. "Eigentlich sollte ich dir dankbar sein! Ohne dich wäre ich nicht der, der ich heute bin. Ava wäre nicht an meiner Seite. Ich wäre tot, statt an Dimarus´ Seite zu kämpfen und das schlimmste," er machte eine kurze Pause: "ich wäre vermutlich mit dir zusammen!" Das war wie ein Schlag ins Gesicht für Amalia. "Ich bin dir auf jedem Fall dankbar." mischte sich Ava ein. "Und noch etwas: ich lüge ihm nicht das Blaue vom

Himmel und verstecke und verheimliche ihn vor Dimarus. Er war hocherfreut über unsere Verbindung. Jetzt bin ich Dimarus´ Liebling und Logan ist wie ein Sohn für ihn! Ich führe dein Leben, nur viel viel besser als du es je getan hättest." Galle stieg in Amalia auf. Sie wollte diese Lügen nicht hören. Alles wonach sie sich sehnte, war mit Logan zusammen zu sein. Die letzten hundert Jahre hatte sie sich gequält, von der Welt isoliert und sich selbst für ihre Taten gehasst. Doch Logan lebte! Sie hatte ihn nicht getötet. Warum hatte er nicht nach ihr gesucht nachdem er erwacht war? Er wurde von Ava gefunden und vermutlich direkt zu

Dimarus gebracht. Aus welchem Grund? Dimarus hatte ihn gehasst. Er wollte nicht, dass sie mit ihm zusammen war, doch die Verbindung zu Ava, seinem neuem Liebling, billigte er? Was steckte dahinter? Es war egal! Für diesen Moment reichte es ihr zu wissen, dass es Logan gut ging, ganz gleich auf welcher Seite er stand. Ihre Euphorie wurde jedoch jäh gebremst als sie sah wie Balian sich vom Boden erhob, den Pflock aufhob und ihn unbemerkt von Ava und Logan, in dessen Rücken stieß. "Nein!" brach es aus Amalia heraus. Logan brach zusammen, die Augen vor Schreck

geweitet. Ava fluchte und stürzte sich auf den Angreifer. Amalia ging neben Logan auf die Knie und betastete vorsichtig seinen Rücken. Warme Schauer durchströmten ihren Körper als ihre Haut seinen Körper berührte. Er zitterte, krümmte sich unter ihr, hatte Schmerzen. Balian hatte das Herz verfehlt, erkannte sie voller Glück. Doch auch so bereitete das Holz in seinem Körper ihm große Qualen. "Zieh ihn raus! Ich bitte dich Amalia, zieh ihn raus!" Er hob seinen Kopf und sah ihr tief in die Augen. Verzweiflung und Schmerz spiegelten sich in seinem

Gesicht. Der alte Logan, ihr Logan, steckte noch irgendwo in diesem Körper, das sah sie an dem Blick, den ihr einen Sekundenbruchteil schenkte, das Aufflackern seiner Gefühle für sie. Sie liebte ihn und wollte ihn nicht noch einmal verlieren, also legte sie eine Hand um das glatte Holz und zog es heraus. Logan stöhnte. „Das war sehr", begann er mit weicher Stimme, "...sehr dumm von dir!" endete er drohend, das Wiedererkennen war aus seinen Augen verschwunden, er sprang auf die Füße und stürzte sich auf sie.

8

Er drückte Amalia mit seinem gesamten Gewicht auf den Boden. „Bitte Logan, tu das nicht! Du musst dich doch an unsere gemeinsame Zeit erinnern!“, flehte sie ihn an, Tränen liefen noch immer über ihre Wangen und verschleierten ihren Blick. Doch sie konnte deutlich erkennen, dass er seine Lippen zurückgezogen hatte und so seine Zähne entblößte, die sich nun bedrohlich nahe an ihren Hals senkten. In seinen Augen stand purer Hass und Abscheu. Sie wand sich unter seinem Griff und versuchte sich zu befreien ohne ihm dabei weh zu tun. Doch er bewegte sich keinen Millimeter von der

Stelle. Neben sich hörte sie die Kampfgeräusche von Ava und Balian, doch sie versuchte alles um sich herum auszublenden, nur Logan war jetzt wichtig. Aber in diesem kurzem Moment der Unachtsamkeit gelang es ihm ihre Haut mit seinen Zähnen aufzureißen. Sie spürte wie Blut über ihren Hals floss und ihre Haut immer weiter aufriss. Ein schmerzerfülltes Keuchen entrang sich ihrer Kehle, doch Logan ließ nicht von ihr ab. Gerade als sie sich ihrer Niederlage bewusst wurde und sich ihres Todes sicher war, spürte sie wie Logan sich zurückzog. Verwirrt blinzelnd sah sie ihn an. Er saß noch immer rittlings

auf ihr und drückte ihre Arme fest an ihren Körper, sodass sie sich nicht bewegen konnte. Ein selbstgefälliges Grinsen breitete sich nun auf seinem Gesicht aus als er sich erhob und Amalia unsanft mit sich zog. Sie rutschte aus, doch Logans fester Griff verhinderte einen Sturz. Er zog einmal mit voller Kraft an ihrem Arm, es knackte laut und sie schrie vor Schmerz auf als sie an seine Brust prallte. „Du glaubst gar nicht wie leid mir das tut.“ säuselte Logan, doch der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören. Er drehte sie so, dass sie nun Ava und Balian gut im Blick hatte. Ava verpasste ihrem Gegner in diesem Moment einen

Faustschlag ins Gesicht, der ihn straucheln ließ. Er wirkte als hätte er schon einige Schläge einstecken müssen. Er fiel und tastete zitternd nach dem Pflock, der wie Amalia bemerkte, viel zu weit entfernt von ihm lag. Avas schwarzer Absatz bohrte sich in Balians Brust, er keuchte erschrocken auf. „Machen wir ein für alle mal Schluss damit.“ flüsterte sie und beugte sich anmutig zu ihm herunter. So schnell dass es einem Menschen unmöglich gewesen wäre dieser Bewegung zu folgen, rammte Ava die Hand in seine Brust. Balian schrie auf vor Schmerz als sie in seinem Inneren nach dem kalten Herz

griff und ihre Finger darum schloss. Sie lächelte mit sich selbst zufrieden und zog ihre Faust schwungvoll zurück. Sie öffnete die Finger und zum Vorschein kam das schon seit Jahren nicht mehr schlagende Herz Balians. Das Ordensmitglied riss noch erschrocken die Augen auf und im nächsten Moment war er schon verschwunden, an seiner Stelle bloß ein Haufen feinen Staubs, auch das Herz in Avas Händen war verschwunden. Sie wischte sich den Staub an der Hose ab und zog einen Schmollmund, aus Enttäuschung dass das Spiel nun vorbei war. Entsetzt riss Amalia ihren Mund auf,

doch kein Laut kam heraus. Sie warf sich gegen die Arme, die sie noch immer hielten und trat wild um sich. Ihre frühere Freundin kam nun auf sie zu und blieb dicht vor ihr stehen, ihr Atem strich über ihre Wange. Ava legte den Kopf in den Nacken und lachte. Sie blickte Amalia in die Augen und nahm ihr Kinn in ihre kalte Hand, die von Balians Blut rot verschmiert war. „Du warst schon immer die Schwächere von uns beiden.“ höhnte sie und strich nun mit ihren Fingern über ihr Gesicht. Ihre rot lackierten Fingernägel bohrten sich in Amalias Haut und zogen eine feine Spur ihres Blutes an ihrer Wange entlang. Amalia

rang um ihre Fassung, wollte Ava jedoch nicht die Genugtuung verschaffen und Schwäche zeigen. Also biss sie die Zähne zusammen und reckte ihr Kinn nach vorn. „Du magst vielleicht stärker sein als ich, trotzdem bist du immer noch das kleine unzufriedene Mädchen von früher, das ihre Unsicherheit stets hinter einer harten Fassade versteckt hat. Du tust mir einfach nur leid.“ Avas Lächeln erstarb. Hass flammte in ihren Augen auf als sie die Hand erhob und ihr eine schallende Ohrfeige gab. „Es reicht jetzt.“ knurrte Logan und stieß Amalia unsanft in den Rücken. „Dimarus wird ungeduldig.“ Ava nickte und stolzierte neben ihnen

her. Sie durchquerten den dunklen Wald mit weit ausgreifenden Schritten und ließen die einsame Holzhütte, in der Amalia den Tag mit Mason/Logan verbracht hatte schnell hinter sich. Sie liefen weg von Glenluce, von der kleinen Stadt in der sich das The Metropolitan befand, in eine Richtung, die Amalia nicht kannte und immer wieder stellte sie sich in Gedanken die gleiche Frage: Wie konnte das sein? Die letzten hundert Jahre waren die Hölle für sie gewesen, jeden Tag wurde ihr Leid größer und größer, die Schuldgefühle überrollten sie täglich

aufs Neue. Sie hatte in dem Glauben gelebt, ihre große Liebe getötet zu haben und nun stand er einfach so vor ihr, gab sich für einen anderen aus und wollte sie am liebsten tot sehen. Doch das schlimmste war seine anscheinende Verbindung mit Ava. Es fühlte sich an, als würde sich eine kalte starke Hand um ihr Herz schließen und es ihr aus der Brust reißen, so wie Ava es zuvor bei Balian getan hatte. Wut stieg in ihr auf, flammender Zorn, den sie gegen die brutale Tat ihrer alten Freundin verspürte. Sie hatte ihn einfach so getötet und Amalia hatte nichts dagegen getan. Dabei war er doch hier aufgetaucht, um ihr zu helfen und nun

war er tot. Noch ein Name auf Amalias Liste der Ordensmitglieder, die wegen ihr gestorben waren. Unmittelbar musste sie an Alexej denken, der sich auch für sie geopfert hatte. Sie hätte sich die letzten Jahre nicht trübsalblasend in ihrem Haus verkriechen dürfen, sie hätte den Orden ausfindig und sich ihm anschließen sollen. Doch nun war es zu spät. Sie konnte nicht fliehen, Logan hatte sie fest im Griff und auch Ava würde eine Flucht nicht zulassen. In wenigen Metern entfernt konnte sie bereits die Silhouette einer alten Burg ausmachen. Sie hatte sie nie zuvor gesehen und hatte auch nicht gewusst, dass es in dieser

Gegend überhaupt Burgen gab. Fackeln erleuchteten das große Tor, dessen schmiedeeisernen Gitter geöffnet waren und nur auf sie zu warten schienen. Dimarus mochte schon immer alte Burgen und stand jedem Fortschritt feindlich gegenüber. Es war also nur natürlich für ihn, dass er in solch einer Festung residierte. Keiner von ihnen sagte auf dem gesamten Weg ein einziges Wort, still näherten sie sich dem Gemäuer als Amalia plötzlich eine Bewegung in ihren Augenwinkeln wahrnahm. Ein Schatten huschte an ihnen vorbei, so schnell, dass selbst Amalia mit ihren schnellen Reflexen kaum erkennen konnte, was da

vor sich ging. Ava stieß einen erstickten Schrei aus als sie nach hinten geschleudert wurde. Logans Griff um Amalias Arme wurde fester. Aufmerksam sah er sich im Wald um, doch da traf ihn schon ein Schlag mitten ins Gesicht, der ihn taumeln und auf die Knie sinken ließ. Amalia spürte wie sich kräftige Hände um ihre Taille legten und sie mit sich zogen, weg von der Burg, weg von Logan, der bereits wieder auf den Beinen war und sich wütend umsah und weg von Ava, die sich aus den Büschen kämpfe, in die sie gefallen war. Amalia versuchte sich umzublicken und

herauszufinden von wem oder was sie gerettet worden war, doch der Griff um ihren Körper war eisern. Also ließ sie sich einfach weiter davontragen und konnte nur hoffen, dass weder Logan, Ava oder ein anderer von Dimarus´ Leuten ihnen folgte. Irgendwann merkte sie, dass sie an Geschwindigkeit verloren und sich einer leichten Felsformation näherten. Sie schloss für eine Sekunde die Augen und als sie sie wieder öffnete, herrschte völlige Dunkelheit um sie herum. Die Hände, die sie gehalten hatten, ließen sie so unerwartet los, dass sie einen Moment taumelte bis sie das Gleichgewicht wieder erlangte.

Ihre Augen stellten sich scharf, nun konnte sie erkennen, dass sie sich in einer Höhle befinden mussten, weit unter der Erdoberfläche. Die Wände waren von einer leichten Wasseroberfläche bedeckt und der Boden unter ihren Füßen war weich und sandig. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie ihren rechten Arm nicht richtig bewegen konnte. Sie fluchte und ließ sich stöhnend auf den Boden gleiten. Logan hatte ihr die Schulter ausgekugelt, der Riss an ihrem Hals und die Kratzer in ihrem Gesicht waren längst wieder verheilt, doch die Schulter musste sie erst wieder einrenken.

Mit den Augen tastete sie die Felswand neben sich ab und suchte nach einem Riss, einem Vorsprung, einem freistehendem Felsen, irgendetwas das ihren Arm fixieren konnte, wenn sie ihn zurück in die richtige Position schob. „Halte einfach still. Ich mach das schon.“, sagte eine raue Stimme und sofort spürte sie kalte Finger an ihrem Arm. Der Fremde wartete ihre Antwort nicht ab, sondern packte ihre Schulter fester, zog einmal kräftig, es knackte, sie stöhnte vor Schmerz auf und schon war es vorbei. Erleichtert bewegte sie ihren Arm, der schon jetzt nicht mehr

wehtat. „Danke.“ murmelte sie und ließ sich erschöpft gegen die kühle Wand gleiten. Jetzt traf ihr Blick endlich auf ihren Retter. Er trug ein graues Sweatshirt, die Kapuze bedeckte seine hellbraunen Haare, doch einige wilde Locken vielen ihm in die Stirn. Sein Gesicht war kantig und wurde von Stoppeln bedeckt, die ihm ein verwegenes Aussehen verliehen. Er hatte eine breite Nase und graue Augen, die sie fortwährend anstarrten. Amalia räusperte sich und setzte sich gerader hin. „Wer bist du?“ Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. Ein schiefes Grinsen breitete sich auf seinem hübschen Gesicht aus. „Eliano.“

antwortete er schlicht, sprang wieder auf die Füße und ließ sie allein in der Dunkelheit zurück. Na super, erst rettet er mich und dann lässt er mich mutterseelenallein in irgendeinem Loch zurück, dachte Amalia verärgert. Doch noch ehe sie sich entscheiden konnte die Höhle zu verlassen, um nach Hause zurückzukehren oder hier zu bleiben, hörte sie schwere Schritte näher kommen. Logan!, schoss es ihr durch den Kopf, er war ihr hier her gefolgt, um sie doch noch zu Dimarus bringen zu können. Aber nein, sie erkannte ihren Retter in der großen Gestalt wieder,

Eliano, wie er sich ihr vorgestellt hatte. Er ließ sich ihr gegenüber in einen eleganten Schneidersitz fallen und reichte ihr etwas unförmiges. Fragend hob sie eine Augenbraue. Er zuckte nur die Schultern und meinte: „Ich dachte du hättest vielleicht Hunger. Du hast schon eine Weile nichts mehr getrunken.“ Verwirrt nickte sie und nahm das Ding, das sich als Blutbeutel herausstellte entgegen. „Woher wusstest du, dass ich...naja..?“ sie deutete mit einer leichten Kopfbewegung auf das Blut in ihren Händen, das sie jetzt gierig in sich aufnahm. Wieder verzogen sich seine Lippen zu diesem schiefen Grinsen. „Ich beobachte dich schon längere Zeit

Amalia.“ sagte er so nebenbei als würde er sich nach der Uhrzeit erkunden. „Wie bitte!?“ keuchte sie erschrocken und nahm den Blutbeutel von ihren Lippen. Sie rutschte ein paar Zentimeter von ihm weg und starrte ihn fassungslos an. „Was soll das heißen?“ wollte sie angespannt wissen. „Es heißt, dass du nicht nur vom Orden und Dimarus beobachtet wirst. Es gibt auch noch andere, die dich für ihre Zwecke nutzen wollen.“ „Und du gehörst auch dazu?“ Abwehrend verschränkte sie die Arme vor ihrer Brust. „Nein, ich meine, ich will dass du für unsere Sache kämpfst ja, aber ich möchte dich nicht benutzen

wie die anderen.“ Sein Blick war durchdringend und schien bis tief in ihre Seele vorzudringen. „Hör auf so in Rätseln zu sprechen! Entweder du sagst mir sofort was hier los ist, oder ich bin schneller verschwunden als du blinzeln kannst.“ Amalia hatte genug. Er schien nicht anders zu sein als Dimarus auch, er wollte sie für seine Zwecke nutzen. Was dabei aus ihr wurde, war ihm egal. Sie würde diese Höhle verlassen und den Orden aufsuchen. Sie würde sich ihm anschließen und an seiner Seite kämpfen, für Alexej und Balian und die vielen anderen, die wegen ihr gestorben waren. Sie wollte sich gerade erheben, da legte

Eliano seine kühle Hand auf ihre. „Bitte bleib. Es ist da draußen nicht sicher für dich. Ich werde dir alles erzählen was du wissen willst und dann kannst du selbst entscheiden. Aber hör dir an was ich zu sagen habe. Bitte.“ Seine raue Stimme war nur ein Flüstern und doch lag so viel Intensität darin, als hätte er ihr die Worte entgegen geschrien. Sie zuckte also nur mit den Schultern, schüttelte Elianos Hand ab und blickte ihm tief in die Augen. „Dann los.“ forderte sie ihn auf und er begann zu erzählen. „Lord Oliver of Devondon lebte vor vielen hundert Jahren in einer großen Burg abseits der Bevölkerung. Immer

wenn ihm der Sinn danach stand, führte er Recherchen in seiner großen Bibliothek durch. Er war sehr bewandert in all möglichen Wissensgebieten. Doch er wollte stets immer mehr wissen, Neues entdecken und seinen Horizont erweitern. Eines Tages verweilte er wieder bis in die späten Nachtstunden herein zwischen seinen Büchern. Es war eine Nacht wie jede andere und zuvor war sie ihm nie aufgefallen. Es war, als wäre sie von einen Sekunde auf die andere plötzlich da gewesen, eine alte Schriftrolle...“ Amalia lauschte Elianos Erzählung, doch an dieser Stelle unterbrach sie ihn: „Das ist ja alles schön und gut, aber was hat

das mit mir oder Dimarus zu tun? Könntest du bitte zum Punkt kommen?“ Ungeduldig sah sie ihn an. Sie hatte keine Lust irgendwelchen sinnlosen Geschichten über einen alten Mann zu lauschen, der schon lange nicht mehr lebte. „Damit du das alles verstehst, muss ich schon von vorn beginnen und dir die ganze Geschichte erzählen.“ sagte er mit sanfter Stimme. „Na schön.“ seufzte sie und bat ihn mit einem Nicken fortzufahren. „Oliver of Devondon fand also diese Schriftrolle. Er entrollte sie und war über den Inhalt über alle Maße hinweg überrascht. Er stellte weitere Recherchen an und bemerkte schließlich wie wichtig

es war, die Schriftrolle nicht in die falschen Hände gelangen zu lassen. Der Lord hatte viel Macht und Einfluss und stieß recht bald auf Männer, die ihn in seinem Vorhaben unterstützten. Sie zogen in die Burg ein und verstärkten die Schutzmaßnahmen um ihre Mauern herum, der Schutz des Schriftstückes hatte größte Priorität.“ Wieder unterbrach Amalia seinen Redefluss. Ihr war etwas eingefallen, das sie nicht losließ. „Einen Moment mal... Devondon?“ Warum war ihr das nicht gleich aufgefallen? Der Name des Ordens. Das konnte doch kein Zufall sein. Eliano nickte. „Ja Amalia. Lord Oliver of

Devondon war der Begründer des Ordens. Er wurde einzig und allein gegründet, um die Schriftrolle zu schützen und das ist ihnen auch gelungen...naja...jedenfalls bis Dimarus sie mit deiner Hilfe gestohlen hat.“ fügte er grimmig hinzu. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sofort hatte sie das Bild des Mönches vor Augen, den sie getötet hatte. „Du meinst diese Burg, in die mich Dimarus damals mitnahm, war das Hauptquartier des Ordens? Ich habe ein Ordensmitglied getötet?“ Eliano nickte wieder. „Aber...nein... ich meine, ich war bereits im Orden, nach meiner Flucht von

Dimarus. Ich war viele Jahre da und alle Mitglieder, auf die ich gestoßen bin waren Vampire. Der Mönch, den ich damals tötete war keiner, das kannst du mir ruhig glauben!“ „Du wurdest von ihnen in einem abgelegenem Versteck untergebracht, von dem Dimarus nichts wusste. Die Burg brannte ab nachdem ihr die Schriftrolle entwendet habt und so verstreuten sich die Mitglieder an verschiedene Orte. Nach Lord of Devondons Tod stießen bald auch die ersten Vampire zum Orden und verschrieben sich den Regeln und Pflichten, die eine Mitgliedschaft mit sich brachten. Vampire und Menschen

arbeiteten zusammen. Dimarus hatte seinen Angriff damals perfekt geplant. Er legte eine falsche Fährte und lockte so die meisten Vampire aus ihrem Versteck. Es war nun ein Leichtes für euch einzudringen und die Verbliebenen auszuschalten.“ „Was ist das für eine Schriftrolle, die unbedingt beschützt werden sollte. Was steht drin und warum interessiert sich Dimarus so sehr dafür?“ fragte Amalia schließlich. Eliano lehnte sich näher zu ihr heran. „Die Schriftrolle beinhaltet eine Prophezeiung, DIE Prophezeiung. Es heißt darin, dass irgendwann ein mächtiges Wesen erscheinen wird, das

Unglück und Tod über die Welt bringen wird. Dieses Wesen wird die Menschen abschlachten und den Rest versklaven. Doch sein Aufstieg kann erst gelingen, wenn ein ebenbürtiges Wesen fällt.“ Ein kalter Schauer lief Amalias Rücken herab. „Was bedeutet das?“ hakte sie nach. „In dieser Prophezeiung ist das todbringende Wesen genaustens beschrieben: sehr alt, gefühllos, mächtig, machthungrig, es ist schnell und lebt in der Dunkelheit, es hat gesteigerte Sinne und ist ein hervorragender Kämpfer. Außerdem ernährt es sich von Blut.“ „Ein Vampir!?“ sagte Amalia außer Atem.

Elianos Miene verfinsterte sich. „Nicht irgendein Vampir. Dimarus.“ Er spuckte den Namen wie ein Schimpfwort aus. „Bist du sicher?“ wollte sie wissen. Er nickte bestätigend. „Ja, es steht wohl noch einiges mehr in der Schriftrolle, aber ich konnte nie einen Blick darauf werfen. Der Orden stellte jahrhundertelang Nachforschungen an, doch es war wohl schon sehr bald klar, dass Dimarus gemeint ist.“ „Woher weißt du das alles?“ Eliano rutschte unruhig hin und her. „Sag schon!“ forderte sie ihn auf als er weiterhin schwieg. Er seufzte und gab schließlich zu: „Ich war einmal Mitglied des Ordens.“

Überrascht stieß Amalia die Luft aus. Doch bevor sie auf dieses unerwartete Geständnis etwas erwidern konnte, fuhr Eliano fort: „Ich schloss mich dem Orden an, weil ich dachte, sie handeln zum Wohl der Menschheit und der Vampire. Ich dachte sie wollen Frieden und Dimarus deshalb daran hindern die Prophezeiung in die Hände zu bekommen. Ich dachte sie wollen das andere Wesen, von dem die Rede ist schützen, damit Dimarus nicht die Macht an sich reißen kann. Doch das ist alles eine große Lüge. Sie sind genauso schlimm wie Dimarus, jedenfalls der innere Kreis, die die alle Entscheidungen treffen und über die

anderen Mitglieder bestimmen. Alle anderen haben keine Ahnung, sie denken sie kämpfen für die richtige Sache. Der innere Kreis hingegen verfolgt andere Absichten.“ Purer Hass loderte in seinem Gesicht auf, er presste die Lippen fest aufeinander und lief nun unruhig auf dem sandigen Boden auf und ab. Bevor sie nach diesen anderen Absichten fragen konnte, erinnerte sie sich an die Worte der Prophezeiung, die er zuvor erwähnt hatte und fragte stattdessen: „Was ist das für ein anderes Wesen von dem die Rede ist und das erst fallen muss bevor Dimarus die Macht erlangt? Auch ein Vampir?“ vermutete sie. Eliano blieb stehen und sah sie traurig

an. Er kam auf sie zu, ließ sich wieder vor ihr nieder und nahm ihre Hände in seine. „Du bist es.“

9

Ungläubig sah sie ihn an. „Ich!?“ platzte es aus ihr heraus. „Was soll das heißen?“ Eliano war die Wende, die ihr Gespräch einschlug sichtlich unangenehm. „In der Prophezeiung heißt es, dass Dimarus eine ebenbürtige Kreatur erschaffen wird und somit ohne es zu wissen seinen größten Feind.“ „Aber das könnten ein Dutzend andere sein!“ stieß sie aus. Sie konnte unmöglich diejenige sein, die Dimarus ebenbürtig war und seine Niederlage herbeiführen würde. Eliano schüttelte den Kopf. „Nein Amalia. Dimarus war immer sehr zurückhaltend was Verwandlungen

angeht. Er hat selten selbst jemanden gebissen ohne ihn zu töten, das hat er immer andere übernehmen lassen. Er hat nur eine handvoll Menschen zu Vampiren gemacht, dich eingeschlossen. Selbst als er eine Freundin für dich erschaffen wollte, hat er dies von einem anderem übernehmen lassen. Er ist der Meinung sein Blut wäre zu kostbar, zu mächtig, um es an einen anderen abzutreten. Allein seine engsten Vertrauten hat er selbst verwandelt.“ Das Gesicht von Ava stieg in Amalias Gedanken. Sie war immer eifersüchtig auf ihre Bindung zu Dimarus gewesen. Sie hatte sich immer gewünscht, dass er sie selbst verwandelt hätte, so wie er es

bei Amalia getan hatte. Eliano räusperte sich und fuhr fort: „Nachdem Dimarus die Prophezeiung in die Hände bekam und verstand, was das alles bedeutete, tötete er all seine Vertrauten, all diejenigen, die er selbst mit seinem Blut erschaffen hatte mussten sterben. Er hoffte so, den zu töten, der für seinen Fall verantwortlich sein sollte. Aber auch nachdem alle tot waren bemerkte er, dass sich nichts geändert hatte. Er war noch immer der selbe, zwar mächtig, aber nicht mächtig genug, um seine grausamen Pläne umzusetzen. Ihm wurde klar, dass er einen Fehler begangen und die falschen Vampire getötet hatte. Ihm wurde klar, dass allein

du es bist, die ihm schaden konnte. Du, die einzige, die er nicht mit der Absicht erschaffen hat, sie in seinen Kriegsrat aufzunehmen. Er hat dich aus einem Bauchgefühl heraus verwandelt als du allein warst und eine rettende Hand mehr als nötig hattest. Als er jedoch bemerkte, dass du das besagte Wesen aus der Prophezeiung bist, war es bereits zu spät: du hast dich in einen Menschen verliebt und dich von Dimarus abgewendet. Du bist aus Liebe zu einem anderem geflohen. Dimarus konnte das natürlich nicht auf sich beruhen lassen, er musste verhindern, dass du von der Prophezeiung erfährst und dich gegen ihn stellen würdest. Doch du wurdest

bereits vom Orden aufgenommen und versteckt. Als er einsehen musste, dass er dich nicht finden konnte, tat er das nächst beste: er schmiedete Pläne. Ava hatte auf der Suche nach dir Logan gefunden. Er steckte noch im Verwandlungsprozess. Du weißt, dass ein Jungvampir erst einmal keinerlei Erinnerung an seine Vergangenheit hat, also war es ein leichtes für Dimarus ihn so zu manipulieren, dass er einer Lüge glaubt. Er sagte ihm, dass er als Mensch schrecklich unter einem Vampir namens Amalia leiden musste, dass sie ihn schließlich verwandeln wollte, um ihn zu ihrem Sklaven zu machen. Sie hätte ihm eine Liebe vorgespielt, die nie existiert

hatte. Doch sie hat es sich schließlich jedoch anders überlegt und wollte sich stattdessen einen Spaß daraus machen, ihn ohne Erinnerung und völlig allein zurück zu lassen, nachdem dieser Vampir zuvor vor seinen Augen seine gesamte Familie getötet hatte.“ Amalia war sprachlos. Wie konnte Dimarus ihr so etwas antun? Wie konnte er Logans Erinnerungen derart verändern, dass er sie nun hasste, sie die er einst so sehr geliebt hatte, dass er sogar für sie gestorben wäre? Konnte das alles wirklich so einfach sein, steckte Logan, ihr Logan noch irgendwo in den Tiefen dieses manipulierten

Monsters, das er nun war? Sie konnte nicht glauben, was Eliano ihr da erzählte. Es passte alles zusammen, musste sich sie eingestehen, Dimarus war schon immer hartherzig und machtgierig gewesen und Logan benahm sich plötzlich so ganz anders als sie ihn kennen und lieben gelernt hatte. Und dann war da noch die Tatsache, dass sie dieses mächtige Wesen sein sollte, das Dimarus Aufstieg der Macht verhindern sollte. Wie sollte sie das anstellen? Sie war doch nur ein ganz normaler Vampir, nicht einmal sonderlich stark, da sie es stets abgelehnt hatte, die Kriegerausbildung bei Dimarus zu

durchlaufen. Eliano hatte gesagt, dass sie auch dem Orden nicht trauen konnte, sie verfolgten ähnliche Pläne wie Dimarus. Aber konnte sie ihm glauben? Konnte sie ihm vertrauen? Er hatte sie aus Avas und Logans Fängen gerettet, hatte sie davor bewahrt in ihren sicheren Tod zu laufen und er hatte ihr endlich all die Fragen beantwortet, die ihren Geist bedrängten. Und doch: sie kannte ihn nicht, hatte ihn gerade erst kennengelernt. Sie hatte Mason vertraut, gestand sie sich ein. Aber wohin hatte sie das geführt? Sie konnte nicht innerhalb so kurzer Zeit den gleichen Fehler wiederholen! Aber was sollte sie sonst tun? Wem konnte sie

vertrauen und wem nicht? Sie brauchte Verbündete, die ihr beistanden. Sollte sie also ihr Schicksal in die Hände eines fremden Vampirs legen? Hastig stand sie auf und ging aufgeregt in der dunklen Höhle auf und ab. Ihre Gedanken überschlugen sich. Würde ihr Herz noch schlagen, würde es nun in ihrer Brust zerspringen. Tränen liefen über ihre kalten Wangen. Ihr Körper zitterte, jedoch nicht vor Kälte oder Angst. Eliano kam auf sie zu, Amalia wich zurück. Sie brauchte jetzt Zeit für sich, in der sie ihre Gedanken ordnen und sich über ihre weiteren Schritte klarwerden musste. Er schien es in ihrem

Blick zu sehen, denn er drang nicht weiter in sie ein, wandte sich von ihr ab und entfernte sich von ihr. Nach einigen Schritten blieb er noch einmal stehen und sah sie über seine Schulter hinweg an. „Kommst du?“ fragte er mit leicht amüsiertem Unterton in der Stimme. Verdattert sah sie ihn an. „Du dachtest doch wohl nicht, dass wir uns in einer kalten düsteren Höhle auf den Kampf vorbereiten?“ Sie zuckte mit den Schultern. Ja, sie hatte gedacht, dass Eliano in dieser Höhle hauste, beinahe wie ein Wilder. Doch natürlich hätte sie mehr von ihm erwarten sollen. Also nahm sie sich zusammen und folgte ihm hinein in die

Dunkelheit. „Wir leben zwar im Untergrund, aber dies können wir doch auch mit Stil tun, oder nicht?“ Amalia stand neben ihm, sprachlos nahm sie seine Worte kaum wahr. Sie waren durch einen schmalen feuchten Gang gelaufen, nur das Geräusch ihrer Schritte, die an den Wänden widerhallten, begleitete sie. Amalia hatte angenommen, dass der dunkle Gang alles war, was sie von Elianos Versteck erwarten konnte, hiermit hatte sie ganz sicher nicht gerechnet: Sie standen auf der obersten Stufe einer massiven Steintreppe, die in einen gigantischen Raum mündete. Der

Boden, die Decke, dessen Höhe man nur erahnen konnte und auch die Wände bestanden aus hellem Stein, der an Marmor erinnerte. Er war hell und glatt und spiegelte so das Licht auf seiner Oberfläche. Versteckte Strahler schufen eine angenehm beruhigende Atmosphäre. Im hinterem Drittel der Höhle durchbrach ein unterirdischer See den Stein. Das Wasser glitzerte in verschiedenen Farben, ein Effekt, der durch unter der Wasseroberfläche angebrachte Lichter erzeugt wurde. An den Wänden standen vereinzelte Sitzgruppen bestehend aus weißen Ledersofas und Glastischchen. Ein großer Flügel nahm die Mitte des

Raumes ein. Die Luft war klar und frisch obwohl sie sich viele Meter unter der Erdoberfläche befinden mussten. Das war einfach unglaublich! „Hier lebst du?“ brachte sie endlich mühsam heraus. Ihre Stimme hallte nicht wie erwartet durch die Stille, die sie umgab. Ein Schmunzeln umspielte seine Mundwinkel. „Naja nicht gerade hier, das ist nur der Aufenthaltsraum. Aber ja, hier unten lebe ich zusammen mit den anderen, die sich gegen Dimarus aber auch gegen den Orden stellen.“ „Wie viele seid ihr?“ Ihr Blick suchte nach Türen in den Wänden, die in weitere Tunnel führten,

fand aber keine. „Hier leben nur ein paar, vielleicht ein Drittel, ich würde sagen ungefähr hundert oder hundertfünfzig. Die anderen verteilen sich in der ganzen Welt, beschatten, erledigen Aufträge oder überreden andere Vampire sich uns anzuschließen.“ Eliano bemerkte ihren fassungslosen Blick. Es gab mehrere hundert Vampire, die sich gegen Dimarus und den Orden auflehnten? Damit hatte Amalia nicht gerechnet, sie hatte höchstens zwanzig andere vermutet. „Hast du genug geguckt? Ich dachte, du möchtest dich vielleicht ein wenig

zurückziehen und allein sein.“ Erleichtert nickte sie und folgte Eliano, der bereits die Stufen hinunterging. Sie brauchte Ruhe, um über alles nachzudenken und zu entscheiden, was sie nun tun sollte. Er führte sie an die linke Steinwand, doch sie konnte auch in unmittelbarer Nähe keine Tür entdecken. Er lehnte sich gegen den harten Stein, mit einem zischendem Laut glitt die Tür zur Seite und legte so einen versteckten Gang frei. „Ziemlich cool nicht wahr?“ fragte Eliano grinsend und gab ihr den Vortritt. Sie schob sich an ihm vorbei und ging den langen Gang entlang, der von in die Wände eingelassenen Lichtern erhellt

wurde. Die Lichtreihen wurden alle paar Meter von einer freien Flächen unterbrochen. Eliano bemerkte ihre Blicke. „An den freien Stellen sind Türen zu den Schlafräumen der anderen.“ erklärte er. „Von der großen Halle, in der wir gerade waren, gehen mehrere versteckte Gänge ab, in denen sich Schlafzimmer mit angrenzenden Baderäumen, Büro – und Konferenzräume und weitere Zimmer befinden. Die Tunnel nehmen eine sehr große Fläche ein, wir haben uns nicht die Mühe gemacht das alles zu vermessen aber wir haben auf jeden Fall reichlich Platz und kommen uns nicht in die Quere. Es hat eine Weile gedauert,

bis alles so eingerichtet war wie du es jetzt vorfindest. Aber ich denke es war die Mühe wert.“ Amalia konnte nur nicken. Sie war noch immer vollkommen überwältigt. Sie hielten vor einer weiteren freien Fläche, ganz hinten im Gang. Eliano deutete von Amalia zur Wand. „Versuch es.“ bat er. „Du musst dich einfach dagegen lehnen.“ sagte er als sie sich nicht regte. Unsicher trat sie auf die Wand zu und lehnte sich gegen den massiven Stein. Wieder ertönte ein zischendes Geräusch und die Wand glitt zur Seite in den Stein und verschwand. Fasziniert blieb ihr Blick an der Wand hängen, die nun nicht

mehr da war. Der Raum, in den Eliano sie geführt hatte war atemberaubend. Er betätigte ein Bedienfeld ohne Tasten an der Wand, woraufhin angenehm gedämpftes Licht den Raum erhellte, der wie alles andere auch aus diesem hellem Stein bestand. Einige wenige Stufen führten herab in ein weitläufiges Zimmer, das prunkvoll und voller Stil, jedoch nicht übertrieben überladen eingerichtet war. Ein großes Himmelbett stand in der Mitte, weiße Vorhänge hüllten es ein. Geschmackvolle Bilder hingen an den Wänden, ein großes Bücherregal zog sich an der rechten Wand entlang,

unterbrochen von einem Schreibtisch aus dunklem Holz, auf dem Papier und Stifte bereitlagen. Eine kleine Sitzecke befand sich auf der linken Seite, bestehend aus den selben weißen Ledersofas, die auch in der großen Eingangshalle gestanden hatten. „Es ist traumhaft“ flüsterte Amalia mit bebender Stimme. Sie trat in den großen Raum und nahm alles in sich auf. „Ich habe gehofft, dass es dir gefällt. Ich habe es selbst für dich eingerichtet.“ sagte Eliano und trat hinter sie. „Die anderen Zimmer sind nicht ganz so nobel ausgestattet aber ich dachte, für dich sei es genau das richtige und du sollst dich schließlich bei uns wohl

fühlen.“ Verständnislos blickte sie ihn an. Er hatte dieses Zimmer für sie eingerichtet? Wann? Wieso? Wie konnte er wissen, dass sie jemals einen Fuß in diese Höhlen setzen würde? Ging er jetzt da sie hier war davon aus, dass sie hier blieb? „Aber...?“ setzte sie an, doch Eliano unterbrach sie mit einer Handbewegung. „Ich weiß was du jetzt denkst, deine Mimik verrät so viel über deine Gedanken. Man kann dich lesen wie ein offenes Buch.“ Er lachte. „Ich konnte natürlich nicht wissen, dass du hierher kommst, aber zugegeben, ich habe es gehofft und auch irgendwie geahnt, denke ich. Ich hoffe noch immer, dass

du dich uns anschließt. Aber Amalia? Ich muss dir leider sagen, dass du wohl keine andere Wahl hast.“ Wut stieg in ihr auf. Was sollte das? Wollte er sie etwa zwingen hier zu bleiben? Bevor sie auch nur ein Wort der Empörung sagen konnte, fuhr Eliano fort: „Du weißt nun über die Prophezeiung Bescheid, du kennst ihren Inhalt und weißt, was Dimarus mit dir vorhat, wenn er dich erst einmal in die Hände bekommt. Und auch dem Orden ist nicht zu trauen. Du kannst also entweder in dein Haus zurückkehren und vielleicht ein oder zwei Tage so tun, als wäre nichts der letzten Stunden passiert und darauf warten, dass Dimarus´ Leute

kommen, um dich zu holen. Oder du bleibst hier und kämpfst um dein Überleben, um Freiheit für dich, für uns alle, die Vampire und die Menschen und für den Mann, den du auch nach all den Jahren und nach dem was du heute gesehen hast noch immer liebst.“ Er machte eine kurze Pause und trat jetzt ganz dicht an sie heran, sie konnte seinen Atem auf ihrer Haut spüren, sein Geruch drang in ihre Nase, sie blickten sich tief in die Augen. „Wofür entscheidest du dich Amalia?“ fragte er, wandte sich in der nächsten Sekunde um und stand bereits an der Tür. „Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Zwischen den beiden Bildern dort drüben ist dein

Badezimmer, wenn du dich frisch machen willst. Wenn du soweit bist, lass es mich wissen. Mein Zimmer befindet sich direkt gegenüber.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand. Sobald er das Zimmer verlassen hatte, glitt die Steintür mit einem leisen Zischen wieder zurück an ihren Platz und sie war endlich allein mit ihren umherirrenden Gedanken und Gefühlen.

10

Endlich allein stürmten all die Gefühle und Gedanken auf sie ein, die sie so gut verdrängt hatte. Überwältigt von den Ereignissen der letzten Stunden ließ sie sich auf den kalten Boden sinken und begann zu weinen. Noch vor wenigen Tagen sah es so aus, als würde sich ihr Leben niemals ändern, als würde sie auch die nächsten hundert Jahre in ihrem Haus in der Sunland Road verbringen, tagein tagaus allein in ihrem eigenem kleinem Gefängnis. Sie dachte sie würde innerlich zerreißen an dem Schmerz, der in ihr lauerte wenn sie an Logan dachte. Dann war Jolina auf der Bildfläche erschienen und hatte

ihr gezeigt, dass es auch schöne Momente geben kann, dass sie sich nicht verstecken muss und dass sie nicht allein auf dieser Welt ist. Was das kleine Mädchen wohl gerade machte? War sie traurig, dass Amalia sie nicht wie versprochen besucht hatte? Hatte sie sie bereits vergessen in ihrer kindlichen Unbeschwertheit? Dieses Kind war einfach unglaublich! Statt Angst vor ihr zu haben und sich von ihr fernzuhalten, suchte sie Amalias Nähe und wollte ihre Freundin sein. Sie war unerschrocken, hatte einen starken Willen und sie hatte sie nach so langer Zeit endlich wieder zum Lachen gebracht. Wenn das alles

vorbei war, so schwor sich Amalia, würde sie Jolina aufsuchen und ihr danken. Auch wenn sie ihre Worte vielleicht nicht verstehen würde, sollte sie doch wissen, was sie in Amalia bewirkt hatte. Ihre Gedanken wanderten zu Logan, oder Mason wie er sich ihr vor wenigen Tagen vorgestellt hatte. Schon als sie ihn an jenem Abend das erste Mal im The Metropolitan gesehen hatte, hatte sie etwas Vertrautes in seinen Augen erkannt. Sie hatte sich eingeredet, dass es Einbildung sei, doch nun wusste sie, dass sie ihn tatsächlich wiedererkannt hatte. Sein Äußeres hatte sich durch die Verwandlung und die vergangenen

hundert Jahre stark verändert. Sie hatte angenommen er sei tot. Damals hatte er in ihren Armen gelegen, regungslos und ohne jedes Zeichen des Lebens in ihm. Hätte sie nur ein wenig warten müssen? War sie wirklich zu voreilig gewesen ihn einfach so aufzugeben? Sie hätte es nicht zulassen dürfen, dass sie vom Orden von Logan getrennt wurde. Sie hätte bei ihm bleiben oder wenigstens verlangen sollen, dass sie auch ihn mitnahmen. Der Orden hatte sie weggebracht, womöglich wussten sie sogar, dass Logan noch gelebt hatte. Konnte sie ihnen das zutrauen? Sie wussten doch wie sehr sie unter seinem Verlust

gelitten hatte. Jahrelang hatte sie kein einziges Wort herausgebracht, nur Alexej ist zu ihr durchgedrungen. Alexej. Gehörte er zum inneren Kreis des Ordens? Welche Absichten hatte er gehabt? Eliano hatte gesagt, dass nicht alle Ordensmitglieder von den höheren Absichten wussten. Gehörte Alexej dazu? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er etwas getan hätte, das ihr geschadet hätte. Sicher sein konnte sie sich natürlich nicht, aber ihre Intuition verriet es ihr. Sie konnte nicht anfangen an allem und jedem zu zweifeln. Zu was würde sie dann schließlich werden? Alexej hatte sich für sie geopfert, er hatte ihr nahegelegt sich zu verstecken.

Nicht nur vor Dimarus hatte er gesagt, vor jedem. Meinte er damit auch den Orden? Wusste er doch mehr als sie angenommen hatte? Aber was könnte er denn gewusst haben, fragte sich Amalia stumm. Was waren ihre geheimen Ziele? Und was spielte sie dabei für eine Rolle? Eliano sagte, Dimarus wolle sie tot sehen, damit sein Machtaufstieg beginnen konnte. Waren das auch die Absichten des Ordens, ihr Tod? Wenn dem so wäre, sagte sie sich, hätten sie sie schon damals getötet und sie nicht vor Dimarus versteckt, Balian wäre ihr nicht zur Hilfe geeilt, sondern hätte sie schlicht weg selbst getötet. Sie

musste Eliano danach fragen. Die Prophezeiung kam ihr wieder in den Sinn. Zu gern hätte sie selbst einen Blick darauf geworfen, um den genauen Wortlaut zu lesen, der besagte, dass sie Dimarus ebenbürtig sei. Konnte das stimmen? Ein hysterisches Lachen kam über ihre Lippen. Wohl kaum! Dimarus war schon immer sehr mächtig gewesen, er tötete wenn ihm der Sinn danach stand. Er war stark und hatte eine ganze Armee, die hinter ihm stand und ihn um jeden Preis beschützen würde. Sie konnte es ja noch nicht einmal mit Ava aufnehmen. Sie war schon immer die Stärkere von den beiden gewesen. Nach ihrer Verwandlung nahm Ava nur

zu bereitwillig an der Kriegerausbildung teil, die jeder in Dimarus´ Diensten absolvieren musste. Alle außer Amalia. Sie hatte sich dagegen gewehrt, hatte Dimarus angeschrien, dass sie keine Kämpferin wäre. Widerwillig hatte er nachgegeben und auch wenn er nie mit ihren Ansichten übereinstimmte oder sie zu verstehen versuchte, so zwang er sie doch nie zu etwas, das sie nicht wollte. Mal abgesehen von jener Nacht als sie die Prophezeiung gestohlen hatten und Amalia einen unschuldigen Mann tötete, der nun wohl doch nicht ganz so unschuldig war. Und er hatte alles daran gesetzt sie von Logan fernzuhalten. Er wollte sie ganz für sich allein. Warum

hatte er also nicht einfach befohlen ihn zu töten als er die Gelegenheit dazu hatte? Jetzt gehörte Logan zu seinen treuen Gefolgsleuten und wurde von Dimarus sehr geschätzt. Gegen seine Verbindung zu Ava schien er auch nichts einzuwenden. In ihr krampfte sich alles bei diesem Gedanken zusammen. Logan und Ava. Wie hatte das passieren können? Immer mehr Tränen rannen über ihre Wangen und bildeten kleine Pfützen auf dem Steinboden unter ihr. Hatte sie ihn endgültig verloren? Sie konnte ihr Glück gar nicht fassen, als sie erfuhr, dass er noch lebte. Sie hatte ihn nicht getötet! Ihre

Schuldgefühle in den letzten hundert Jahren waren völlig unbegründet. „Nein!“, knurrte sie verzweifelt. Sie hatte allen Grund sich schuldig zu fühlen. Dass er nun so war, dass er sich derart verändert hatte und nicht mehr er selbst war, war ihre Schuld. Sie war dafür verantwortlich! Amalia kannte Logan, den richtigen Logan besser als irgendjemand sonst. Er war liebevoll und warmherzig, kümmerte sich aufopferungsvoll um die Menschen, die ihn umgaben, tat alles, um seine Familie zu beschützen und stellte seine eigenen Bedürfnisse immer an letzter Stelle. Sein Wunsch war es anderen zu helfen, Arzt zu werden und nicht ein

Monster, das sich am Unglück anderer weidete. Er verachtete den Kampf und tat alles um diesem aus dem Weg zu gehen. Mit Worten konnte er sehr gut umgehen, Streit schlichtete er auch ohne Gewalt bevor er überhaupt entstehen konnte. Hätte er damals gewusst was aus ihm werden würde, wenn er sich auf Amalia einließe, hätte er sich sicher sofort von ihr abgewandt. Mit dem Handrücken wischte sie sich die Tränen von den Wangen und setzte sich auf. Was tat sie hier eigentlich? Auf einem Boden herumliegen und darüber jammern, dass nichts so war, wie sie es sich gewünscht hatte? Es lag an ihr etwas an der Situation zu verändern!

Selbstmitleid brachte sie jetzt auch nicht weiter. Sie musste kämpfen! Wenn schon nicht für sich selbst, dann für Logan. Sie musste ihn aus Dimarus´ Fängen befreien und dafür sorgen, dass er sich daran erinnerte wer er wirklich war. Er wollte damals alles für sie aufgeben, weil er sie so sehr liebte, dass er sich nicht vorstellen konnte auch nur einen Tag ohne sie zu leben. Er wollte die Ewigkeit an ihrer Seite verbringen und hatte dafür sogar sein Leben aufgegeben. Nun war es an ihr ihm zu zeigen, dass sie ihn nicht einfach so aufgab. Sie musste ihm beweisen, dass sie ihn so liebte, wie sie es ihm immer gesagt hatte. Dimarus würde nicht

gewinnen und auch der Orden würde seine Vorsätze nicht in die Tat umsetzen. Dafür würde sie sorgen! Amalia kämpfte sich auf die Beine und ging zielstrebig auf die beiden Bilder an der Wand zu, auf die Eliano gedeutet hatte. Das linke Bild zeigte eine Frau mit traurigem Gesicht und wallender blonder Mähne, das rechte eine grüne Berglandschaft, hinter dessen Gipfeln gerade die Sonne aufging. Wie vorhin an ihrer Zimmertür lehnte sie sich gegen die harte Wand und auch diese glitt mit einem leisen Zischen zur Seite. Das Badezimmer war klein aber sehr gut ausgestattet. Ein großer Spiegel zog sich

an der linken Wand entlang, darunter war ein breites Waschbecken und kleine Kommoden, auf denen verschiedene Fläschchen mit Badezusätzen, Shampoo und Pflegeprodukten standen. Hinter dem Spiegel erstrahlte indirektes Licht. Gegenüber der Tür war ein kleines Podest, auf dem sich ein in den Boden eingelassenes Becken befand. An der rechten Wand stand eine Wäschetruhe, daneben eine bodentiefe Dusche. Sie legte ihre Kleider ab, die sie vor einer Ewigkeit angezogen hatte, wie es ihr vorkam und ließ sie in den Wäschekorb fallen. Dann machte sie die Glastür zur Dusche auf und stellte sich unter das angenehm warme

Wasser. In ein Handtuch eingewickelt trat sie an den Spiegel. Sie war schön wie eh und je aber ihre Augen zeigten nicht mehr so viel Trauer wie in den vergangenen Jahren, man konnte nun wieder Hoffnung in ihnen entdecken. Mit den Fingern fuhr sie durch ihre langen nassen Haare, um etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. In einer der Schubladen fand sie einen Fön, aber sie ließ ihr Haar lieber feucht wie es war über ihren Rücken fallen. Nun musste sie etwas zum Anziehen finden. Sicher hatte Eliano auch daran gedacht, also ging sie aus dem

Baderaum zurück in ihr Zimmer und steuerte einen großen Schrank an, der ihr zuvor nicht aufgefallen war. In ihm hingen zahlreiche Kleider, Hosen, T-Shirts und Pullover. Sie entschied sich für ein schwarzes Tanktop und graue Jeans. Passende Turnschuhe waren schnell gefunden und schon verließ sie ihr Zimmer und stand unschlüssig vor Elianos Tür. Sollte sie anklopfen? Nach ihm rufen? Oder einfach hereingehen? Sie entschied sich dafür einmal kurz zu klopfen und lehnte sich auch schon gegen die Wand, die zur Seite glitt. Schummriges Lichte erhellte den Raum nur unzureichend, aber Amalia konnte auch im Dunkeln hervorragend sehen.

Elianos Zimmer war kleiner als ihres. Ein schlichtes Doppelbett stand an einer Wand, ein Schreibtisch an der anderen. Ein gemütlich aussehendes schwarzes Ledersofa stand in einer Ecke. Aber auch hier fanden sich zahlreiche Bücher in einem Regal, das vom Boden bis zur Decke einmal um den gesamten Raum verlief. Nur an einer Stelle war eine freie Stelle, hinter der sich Elianos Badezimmer befinden musste. Zögernd blieb sie im Raum stehen und wusste nicht ob sie hierbleiben oder wieder gehen sollte. Gerade als sie sich dafür entschlossen hatte in der großen Eingangshalle nach ihm zu suchen, hörte

sie das bekanntes Zischen. Eliano kam aus seinem Badezimmer herein, nur bekleidet mit einem weißen Handtuch, das ihm locker auf den Hüften saß. Er rubbelte sich gerade mit einem anderem Handtuch die Haare trocken, weshalb er seinen Gast nicht bemerkte. Amalia räusperte sich. Erschrocken zuckte er zusammen. Doch als er Amalia entdeckte, breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Entschuldige bitte meinen Aufzug.“, lachte er und ging zu einem großen Schrank neben seinem Bett herüber. „Kein Problem.“, stammelte Amalia unbeholfen. Ihr Blick glitt von seinen breiten

Schultern über seine starke Brust, hinunter zu seinen durchtrainierten Bauchmuskeln. Wäre sie ein Mensch wäre sie jetzt rot angelaufen wie eine Tomate. Schnell schüttelte sie ihren Kopf und sammelte sich. Er war der erste Mann, den sie seit Jahren oben ohne sah, der erste Mann, den sie jemals halbnackt sah, die Momente ausgenommen, in denen Kämpfer beim Training ihr Hemd verloren oder Menschen, die sie beim Schwimmer gesehen hatte. Das hier war etwas anderes, viel intimer, zu intim. Unbehaglich trat sie von einem Fuß auf den anderen. Sie fühlte sich sichtlich unwohl in dieser Situation, was Eliano

zu bemerken schien, denn er schnappte sich ohne hinzusehen einen Kleiderbündel aus dem Schrank und war schon wieder im Bad verschwunden. Erleichtert atmete Amalia aus und ließ sich auf das Ledersofa sinken, das sich angenehm weich und beruhigend unter ihrem Körper anfühlte. Mit einem grauem Kapuzenpulli und schwarzen Jeans bekleidet, zog Eliano Amalia hinter sich aus seinem Zimmer. Seine Haare waren wie ihre noch feucht vom Duschen und gaben ihm eine wilde Erscheinung. „Wo gehen wir hin?“, fragte Amalia als sie den Gang entlanggingen. Nicht auf

ihre Frage eingehend, stellte er eine Gegenfrage: „Hast du dich entschieden ob du bleibst?“ Abrupt hielt er an und sah sie eindringlich an. Seine Augen bohrten sich in ihre und musterten sie aufmerksam. Entschlossen nickte sie. „Ja. Aber ich habe einige Fragen, die du mir beantworten musst.“ Ihre Stimme klang ungeduldig, doch er winkte ab und grinste wieder. „Klar doch. Aber später. Zuerst will ich dir jemanden vorstellen.“ Damit zog er sie weiter hinter sich her. Sofort breitete sich Sorge und Nervosität in ihr aus. Angespannt folgte sie ihm zurück in die große Halle, die nun nicht mehr leer wie bei ihrer Ankunft war. Hier und da standen kleine Grüppchen

zusammen und unterhielten sich angeregt miteinander. Auf einem der weißen Ledersofas lümmelte ein schmächtiger Mann mit schwarzen kurz geschorenen Haaren und Sonnenbrille aus der Nase. An dem kleinem See saßen ein paar Frauen zusammen und lachten. Sobald Amalia die Halle betrat, wurde es jedoch schlagartig still. Alle drehten sich zu ihr um und musterten sie neugierig. Jetzt brach überall um sie herum aufgeregtes Gemurmel aus. Sie nahm Gesprächsfetzen wie: „Sie ist es!“, „...kann es kaum glauben, dass sie hier ist!“ und „Endlich ist es soweit!“ aber auch skeptische Blicke begegneten ihr, Leute, die sagten: „Sie sieht gar nicht so

stark aus.“ oder „Ich kann mir nicht vorstellen, wie ausgerechnet sie uns alle retten soll.“ Sie ignorierte die Stimmen und Augen, die sie anstarrten um sie herum und senkte den Blick. Eliano schien nichts von all dem zu bemerken, denn er ging einfach weiter an die gegenüberliegende Wand und lehnte sich dagegen, woraufhin sich ein weiterer versteckter Gang öffnete. Gerade als sie ihre Bedenken zu ihrer Rolle in diesem Kampf äußern wollte, sagte Eliano: „Beachte sie nicht gar nicht weiter. Sie werden bald erkennen müssen, dass sie sich getäuscht haben und du mächtiger bist als du aussiehst.“ Amalia schluckte. „Und wenn ihr euch

alle irrt? Ihr setzt all eure Hoffnungen in mich. Aber was ist, wenn ich am Ende nicht einmal in Dimarus´ Nähe komme und stattdessen von irgendeinem seiner niedersten Anhänger getötet werde?“ Unbehagen breitete sich in ihr aus. Sie waren in einem weiterem großem Raum angekommen, in dem lange Tische nebeneinander standen und Flachbildfernseher an den Wänden hingen. „Du unterschätzt dich aber gewaltig!“, ertönte da plötzlich eine leise Stimme. Überrascht drehte sie sich um und entdeckte eine zierliche junge Frau, die in der Mitte des äußersten Tisches saß und sie unumwunden

anstarrte. Eliano nahm ihre Hand und ging eilig zu der Frau herüber. Er bedeutete Amalia sich neben die Fremde zu setzen und schwang sich selbst über den Tisch auf die andere Seite, um ihr gegenüber platz zu nehmen. Die Frau lächelte ihn an. „Willst du mal wieder den großen Macker raushängen lassen? Du musst hier niemanden beeindrucken El.“ Verlegen starrte er auf den Tisch. So hatte sie ihn bisher noch gar nicht erlebt. Beschämt wie ein kleiner Schuljunge, der in der Ecke stehen musste. Amalia kicherte. „Ich bin Anora.“ stellte sie sich vor und nahm ihre Hand in ihre. Sie hatte ein

schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und einer kleinen Stupsnase. Dunkle mandelförmige Augen wurden von rabenschwarzen Wimpern umrahmt. Ihr schulterlanges rotes Haar leuchtete wie Feuer und gab ihrem unschuldigem Aussehen etwas aufrührerisch Wildes. Freundlich blickte sie Amalia an und zeigte dabei ihre strahlend weißen Zähne. „Willst du auch eine?“, fragte sie schließlich als weder Eliano noch Amalia Anstalten machten etwas zu sagen. Sie schob ihr eine große ovale Schachtel zu, die gefüllt war mit verschiedenen mit Schokolade überzogenen Pralinen. Verblüfft sah sie

Anora an, die wegen ihres verdutzten Gesichtsausdrucks in ein Lachen verfiel, das an zarte Musik erinnerte. „Ich weiß, dass Vampire für gewöhnlich nicht essen“, erklärte sie, „aber ich liebe eine kleine Nascherei zwischendurch. Meine Eltern leiten eine Schokoladenfabrik und so konnte ich noch nie Nein zu etwas Süßem sagen. Und diese hier schmecken einfach himmlisch!“ „Deine Eltern leben noch?“, fragte Amalia ohne die Packung anzurühren. Sie hatte seit ihrer Verwandlung kein normales Essen mehr angerührt und würde nun nicht damit anfangen. Anora zuckte mit den Schultern. „Ja, sie leben weit weg und waren todtraurig als sie

von meinem Tod erfuhren. In den ersten Jahren habe ich hin und wieder nach ihnen gesehen aber mit der Zeit tat es einfach zu sehr weh...“ Eliano legte seine Hand auf ihren Arm und sah sie voller Mitgefühl an. „Wir sind jetzt deine Familie Anora. Wir alle lieben dich. Du musst nicht traurig sein.“, sagte er mit warmer Stimme. Anora nickte. Er wandte sich zu Amalia. „Anora war eine ziemliche Sportskanone als Mensch. Sie hatte ein Sportstipendium und war beinahe mit ihrem Studium fertig als sie einen schlimmen Unfall beim Klettern hatte. Ich war zu der Zeit gerade in der Nähe unterwegs, um ein paar der dort

lebenden Vampire zu überreden, sich uns anzuschließen. Ich roch ihr Blut und machte mich auf die Suche nach ihr.“ Er machte eine kurze Pause, in der er Anora liebevoll ansah. Eine einzelne Träne lief über ihre Wange, doch sie lächelte. „Ich gab ihr von meinem Blut und verwandelte sie. Nach ihrer Beerdigung überredete ich sie mit mir zu kommen, aber sie lehnte ab. Sie wollte bei ihrer Familie bleiben, ihnen nahe sein, obwohl sie nie mit ihnen in Verbindung treten konnte. Ich wollte sie nicht zurücklassen, doch sie drängte mich zum Gehen, damit ich meine Pflichten erledigen konnte. Zwei Jahre später sah ich sie dann wieder. Sie war

auf der Suche nach mir und wollte sich uns anschließen.“ „Und seitdem seid ihr ein Paar?“, fragte Amalia. Sie freute sich für die beiden, spürte aber einen leichten Stich ins Herz. Beide schüttelten den Kopf. „Wir sind nur Freunde.“, erklärte Anora als Eliano nichts erwiderte. „Sehr gute Freunde.“, bekräftigte er. Amalia schüttelte den Kopf. So wie die beiden sich ansahen, konnte man auf den ersten Blick erkennen, dass sie beiden mehr verband als eine enge Freundschaft. Beide schienen mehr zu wollen, sich jedoch nicht zu trauen den ersten Schritt zu machen und womöglich ihre Freundschaft aufs Spiel zu setzen, wenn

der andere nicht so fühlte wie man selbst, aber Amalia würde sich nicht in ihre Beziehung einmischen, das war ganz allein deren Sache. „Wie alt bist du?“, wollte sie von Anora wissen. Sie überlegte kurz, wobei sie sich mit der Hand, die bis eben noch Eliano gehalten hatte, durch die Haare fuhr. „Zur Zeit des Unfalls war ich fünfundzwanzig. Das ist jetzt beinahe sieben Jahre her.“, sagte sie. „Es gibt hier nur sehr wenige, die älter sind als du Amalia.“, sagte Eliano leise. „Du bist mehrere hundert Jahre alt, das allein macht dich schon stärker, als viele andere, die hier leben. Aber mit der richtigen Ausbildung...“ Amalia fiel ihm

ins Wort: „Mag ja sein, aber ich werde niemals so stark sein, um es mit Dimarus aufnehmen zu können!“ Ihre Worte kamen lauter und schärfer als beabsichtigt heraus. „Tut mir leid.“, entschuldigte sie sich „Wie ich bereits sagte,“, fuhr Anora dazwischen, „du unterschätzt dich gewaltig.“ Mit diesen Worten erhob sie sich und verschwand leichten Schrittes aus dem Raum.





11

Die nächsten Tage schlichen dahin. Amalia lernte die anderen Vampire, die hier lebten kennen und freundete sich mit einigen von ihnen an. Nur eine kleine Gruppe stand ihr ein wenig feindselig gegenüber. Sie waren nach wie vor der Meinung, dass Amalia nicht geeignet sei, um den mächtigsten aller Vampire die Stirn zu bieten. Dieses Argument verfestigte sich, nachdem Amalia ihre ersten Trainingsstunden absolvierte. Eliano schärfte ihr tagtäglich ein, wie wichtig es sei, das sie Fortschritte erzielte und lernte wie man richtig kämpfte. Doch jeder, der es mit ihr

aufnahm, hatte sie bereits nach kurzer Zeit und wenig Anstrengung besiegt. Es war aussichtslos! Gerade machte sich Leyanna bereit sie anzugreifen, sie ähnelte Amalia in ihrer Statur, hatte langes braunes Haar, das ihr in weichen Wellen über den Rücken floss, grüne Augen und trug stets Bluejeans, die heute in wadenhohen braunen Lederstiefeln steckten, ein Tanktop und darüber ein kariertes Flanellhemd. Die Haare band sie siech in einer schnellen Bewegung zu einem Pferdeschwanz zusammen und kam dann auf Amalia zu. An den Seiten drängten sich ungefähr zwanzig andere Vampire, die die Show

nicht verpassen wollten. Ein Mädchen, das mit gerade einmal sechzehn Jahren verwandelt worden war, trat ihrer aller Hoffnung in den Hintern. Seufzend trat Amalia ihr entgegen und spannte ihre Muskeln an. Sie blendete das Gemurmel um sich herum aus und richtete ihre gesamte Konzentration auf Leyanna. Sie wusste, was hinter ihrem Rücken über sie getuschelt wurde, wusste das immer mehr an ihrer Aufgabe, ihrer Funktion in der Prophezeiung zweifelten und sie nahm es ihnen nicht übel. Alle hier waren gute Kämpfer, die bereits seit Jahrzehnten trainierten. Amalia war nichts von alledem, sie hatte ihre Kräfte nicht

benutzt, hatte sich bis auf ihre täglichen Bahnen im Pool kaum bewegt und nie auch nur einen Gedanken ans Kämpfen verschwendet. Und nun sollte sie beweisen, dass sie in der Lage war einen Vampir zu töten, der laut Aussage einer alten Schriftrolle die Möglichkeit besaß, die gesamte Welt zu töten und zu versklaven? Entschlossen diesen Kampf nicht zu verlieren, trat sie Leyanna entgegen, die verstand es als Kampfansage und stürzte sich ohne mit der Wimper zu zucken auf sie. Kurz bevor sie die Stufen runter in die große Trainingshalle gegangen war,

hatte sie mit Eliano und Anora gesprochen. Sie sagten ihr, wie wichtig es sei, dass sie endlich selbst an sich glaubte und ihre innere Kraft entdeckte, die irgendwo tief in ihr schlummerte und nur darauf wartete herausgelassen zu werden. Amalia war entrüstet aufgesprungen und hatte Eliano angeschrien, dass sie nicht die war, für die alle sie hielten, dass sie zu schwach war, um sich auch nur gegen den Schwächsten der Schwachen zu bewähren. Doch die beiden wollten davon nichts hören. Anora beteuerte immer wieder, dass mehr in ihr steckte, als sie sich selbst eingestehen wollte. Sie appellierte an ihre innere Kraft und

sagte, dass sie einfach nur Zeit brauchte und herausfinden musste, wie sie an ihre Kraft herankam. Einfühlsam streichelte sie ihr über den Arm und lächelte sie an. Eliano war dagegen nicht so verständnisvoll. „Du versucht es überhaupt nicht erst!“, warf er ihr vor. „Du gibst auf, bevor du es richtig probiert hast und uns gleich mit. Wir brauchen dich und du tust so als wäre das alles nicht dein Problem!“ Daraufhin wollte Amalia auf ihr Zimmer fliehen, doch Eliano packte sie am Arm. „Wovor hast du Angst Amalia?“ Herausfordernd funkelte er sie an. Wut stieg in ihr auf als sie erkannte, dass er recht hatte und die ganze Zeit

vor sich selbst davonlief, eine Wut, die sich wie eine gierige Schlange in ihrem Körper wand und jede Ader und jede Zelle befiel. Zorn loderte in ihr auf, den sie gegen Eliano richtete. „Lasst gut sein ihr zwei.“, sagte Anora als sie begriff, dass die Sache zu eskalieren drohte. „Aber warum denn?“, Eliano lachte höhnisch auf. „Hast du denn in den letzten Tagen nicht gesehen, dass sie nicht mal einer Fliege schaden kann? Sie ist zu schwach, um auch nur den kleinsten Schaden anzurichten. Und auf sie setzen wir all unsere Hoffnungen! Dimarus wird froh sein zu hören, dass er bloß einen seiner niedersten Lakaien schicken braucht, um sie

auszuschalten.“, sein Grinsen erstarb als er sich an Amalia richtete. „Kein Wunder, dass Logan lieber mit Ava zusammen ist. Sie ist stark, sieht gut aus und ist eine hervorragende Kämpferin. Wer würde ihr dir gegenüber nicht den Vorzug geben? Er hat gut daran getan sich von dir abzuwenden. Du wärst ihm in all den Jahren doch nur ein Klotz am Bein gewesen!“ „Eliano hör auf damit!“, herrschte Anora ihn an. Aber er hörte nicht auf sie. „Sieh sie dir doch an! Zahm wie ein kleines Kätzchen!“, er lachte. Mit allem was er Amalia hätte an den Kopf werfen können, traf sie nichts so sehr wie das, was er über Logan gesagt

hatte. Wie konnte er es wagen? Er wusste doch was sie für ihn empfand, welche Qualen sie in den letzten Jahren durch machen musste und wie erschüttert sie gewesen war, als sie ihn zusammen mit Ava gesehen hatte. Er hatte sich in den letzten Tagen die gesamte Geschichte angehört, zusammen mit Anora in ihrem Zimmer sitzend. Hitze kroch durch ihren Körper, gab der zornigen Schlange in ihr Nahrung. Sie stemmte sich gegen Eliano und funkelte ihn wütend an. Mit einer einzigen fließenden Bewegung riss sie ihren Arm aus seinem Griff und warf ihn zu Boden. Es war ganz leicht, wie hatte sie es bloß zulassen können, dass diese ganzen

Vampire sie ohne große Mühe besiegten? Eliano erkannte nun, dass sich etwas in Amalias Innerem verändert hatte, aber er dachte gar nicht daran lockerzulassen und sich zu entschuldigen, im Gegenteil: er griff nach ihren Handgelenken und stieß sie von sich herunter, ließ sie aber nicht los. Das sah Amalia als Chance ihn anzugreifen, sie riss ihre Arme nach oben, schloss ihre Finger ebenfalls um Elianos Handgelenke und stieß sich vom Boden ab. Sie wirbelte über seinen Kopf und drehte ihm so die Arme auf den Rücken. Ein überraschtes Keuchen entfuhr ihm, zweifelsohne hatte er nicht mit einem Angriff ihrerseits gerechnet.

Aber Amalia war noch nicht fertig. Ruckartig zog sie seine Arme weiter nach hinten und drückte ihm das Knie in den Rücken. Es knackte als sie Elianos Schultern ausrenkte. „Es reicht!“, Anora war an ihre Seite getreten und schlug Amalia zur Seite. „Ihr beide seid wie Kinder!“, Tränen rannen ihr über die Wangen als sie sich neben Eliano kniete, der schmerzgepeinigt zusammenbrach. Sie rollte ihn auf den Rücken und nahm seine Hand. Amalia hatte damit gerechnet, dass er sie wütend anstarren würde und sich wieder auf sie stürzen wollte, aber er lächelte nur glücklich vor sich hin.

Verdutzt sah sie ihn an. „Da haben wir also endlich deinen Auslöser gefunden.“, er strahlte über beide Ohren und richtete sich auf. „Gut, dann wollen wir mal zum Training, aber davor... Anora wärst du so freundlich und renkst meine Schultern wieder ein?“ Sich die Ereignisse und ihre Gefühle, die sie vor einer halben Stunde hatte in Erinnerung rufend, machte sie sich bereit für den Kampf. Sie sah wie in Zeitlupe wie Leyanna sich auf sie stürzte. Ihr rechtes Bein schoss nach vorn und noch bevor sie das linke nachziehen konnte, raste sie auf

Leyanna zu und verhakte ihr Bein mit dem ihrer Angreiferin. Sofort fiel sie zu Boden, Amalia die auf den Stoß vorbereitet war, löste sich von dem brünetten Mädchen und stieß sich von ihr ab. Sie blieb stehen während Leyanna strauchelnd zu Boden ging. Alle Geräusche in der Halle erstarben, nur um wenige Sekundenbruchteile später in ohrenbetäubender Lautstärke wieder auszubrechen. Die Zuschauer riefen und applaudierten, hüpften begeistert auf und ab und klatschten. Eliano sah sie zufrieden an und reckte die Daumen in die Luft. Leyanna wollte sich noch nicht so leicht geschlagen geben und sprang wieder auf

die Beine. Überrascht blickte sie sie an. „Wie hast du das gemacht? Ich hab kaum gesehen wie du dich bewegt hast!“, keuchte sie mit hoher Stimme. Amalia zuckte mit den Schultern. Es war ganz leicht Leyanna zu Boden zu bringen und schließlich gab diese auf und fluchte über ihre Niederlage. Anora kam auf sie zu und fiel ihr um den Hals. „Großartig!“, strahlte sie. „Du hast es geschafft!“ Amalia befreite sich aus ihrem Klammergriff und trat einen Schritt zurück. Sie mochte Anora, sie war ihr schon jetzt eine gute Freundin geworden, aber manchmal überwältigte sie ihr Überschwang ein wenig. „Ja, ich

musste mich nur auf die Gefühle, die Eliano vorhin in mir wachgerufen hat konzentrieren, da ging es auch schon von ganz allein.“, sagte Amalia grimmig. Anora presste die Lippen fest zusammen. „Sei ihm bitte nicht böse. Er wollte dich nur provozieren, damit du mal so richtig ausrastest und merkst dass du gar nicht so schwach bist, wie du dir die ganze Zeit einredest. Vielleicht ist er dabei ein wenig übers Ziel hinausgeschossen aber immerhin, es hat funktioniert. Du hast endlich einen Kampf gewonnen!“ Amalia senkte den Blick. „Meinst du echt, dass ich stark genug bin, um gegen Dimarus anzutreten?“, fragte sie schließlich. Diese Frage geisterte ihr schon seit

Tagen im Kopf herum. Anora war bisher immer ehrlich zu ihr gewesen, ihre Meinung war ihr wichtig. Sie zog eine Augenbraue nach oben und legte den Kopf schief. „Natürlich denke ich das! Nein, ich weiß es! Wenn jemand Dimarus ausschalten kann, dann du. Du warst ihm einmal näher als sonst irgendwer, du kennst seine Schwächen und trägst sein Blut in dir. Du bist stärker als du denkst und du musst endlich anfangen aufzuhören deine Macht zu hinterfragen und dein Schicksal annehmen. Wenn du es nicht tust, wird es nie eine Zukunft für dich und Logan geben.“, fügte sie hinzu. Sie hatte ihr erzählt, dass sie das alles nur

für ihn tat, dass sie ihn retten und zurückgewinnen wollte. Amalia nickte. „Es fällt mir einfach so schwer das alles zu glauben verstehst du? Wenn ich nur mal einen Blick in diese Prophezeiung werfen könne, dann könnte ich mir vielleicht endlich sicher sein, dass wirklich ich gemeint bin und vielleicht finde ich dann auch einen Hinweis, wie ich Dimarus töten kann.“ Anora nickte verstehend. „Ich weiß was du meinst, aber ich fürchte das wird nicht möglich sein. Keiner kennt den genauen Wortlaut der Schriftrolle und sie wird von Dimarus gut versteckt und mit guten Kriegern bewacht. Tut mir leid.“ „Das ist wohl mein Stichwort“, sagte

eine raue Stimme hinter Amalia. Eliano war unbemerkt an sie herangeschlichen und sah sie betreten an. „Es tut mir leid, was ich vorhin alles über dich und Logan gesagt habe. Ich weiß, dass es dich sehr verletzt haben muss und ich kann dir versichern, dass kein Wort davon ernst gemeint war. Aber ich musste einen Versuch wagen, um dich mal richtig auf die Palme zu bringen und das ist mir auch ziemlich gut gelungen, ein bisschen zu gut vielleicht.“, setzte er hinzu und rieb sich seine Schulter, die schon längst wieder verheilt war, aber nichtsdestotrotz Schuldgefühle in ihr weckten. Sie wandte ihren Blick ab. „Mach dir

darüber keine Gedanken. Es war wahrscheinlich bitter nötig, dass mir mal jemand in den Hintern tritt.“, er lachte und Anora nickte zustimmend. „Allerdings!“, sagte sie und stimmte in sein Lachen ein. Nach ihrem ersten Sieg wollten nun auch andere ihr Glück versuchen, sie wollten testen, ob sie wirklich endlich ihre Kräfte entdeckt hatte, oder ob es einfach nur Glück war. Doch auch Faye, eine große Blondine, Paxton, der Jungvampir mit den schwarzen wirren Haaren und der stets präsenten Lederjacke sowie Warrick, ein breitschultriger Mann mit sehr kurzem

Haar und Bodybuilderarmen, schafften es nicht sie zu besiegen. Es war als hätte sich etwas in ihrem Körper verschoben. Sobald sie an Logan dachte und was Dimarus ihm angetan hatte, spürte sie die böse Schlange in sich erwachen, die kampfbereit ihre Zähne in jedem versenken wollte, der ihr zu nahe kam. Nachdem sich auch Eliano selbst noch einmal an ihr versucht hatte und sie ihm am Ende aus Versehen einen Arm gebrochen hatte, klatschte er in die Hände und sagte, dass es für heute genügte. Aber da hatte er die Rechnung ohne die Zwillinge gemacht, die bisher still in einer Ecke gestanden und alles

beobachtet hatten. Nun schlenderten sie herüber und nahmen vor Amalia Aufstellung. Die beiden sahen sich unglaublich ähnlich. Die gleichen breiten Nasen, schmalen Lippen, braune Augen und Haare, ihres glatt und lang, seines kurz und etwas lockig. Die beiden blieben die meiste Zeit unter sich, nicht zuletzt deshalb, weil man kaum ein Gespräch mit ihnen führen konnte ohne, dass beide sich angesprochen fühlten, wenn man ihre Namen nannte. Ihre Eltern waren nach ihrer Geburt auf die irrwitzige Idee gekommen die beiden Tyla und Tyler zu nennen. „Hast du nicht Lust auf eine letzte

Runde?“, fragte Tyla mit zuckersüßer Stimme. Amalia nickte ihr und ihrem Bruder kurz zu, woraufhin Eliano mit grimmiger Miene das Feld räumte. Mit zwei Gegnern gleichzeitig fiel es Amalia schon um einiges schwerer sich auf den eigentlichen Kampf zu konzentrieren. Die beiden hatten den selben Rhythmus und bewegten sich in vollkommener Harmonie miteinander. Sobald Amalia einem von ihnen nahe genug kam, um einen Angriff zu wagen, tauchte plötzlich der andere auf und lenkte sie ab. Zwar hatten sie es bisher ebenso wenig geschafft einen Angriff zu wagen aber sie waren klar im Vorteil. Schließlich machte Amalia einen kleinen

Fehler, sie achtete zu sehr auf Tyler, der sie mit schnellen Schritten zurückdrängte und vergaß dabei ganz auf Tyla zu achten, die sich nun dank der Ablenkung ihres Bruders, von hinten an Amalia heranschleichen konnte. Sie sprang ihr von hinten auf den Rücken und legte ihre Hände so um den Kopf, dass sie bloß eine kräftige Bewegung machen müsste, um ihr das Genick zu brechen. Amalia hob die Hände als Zeichen ihrer Kapitulation, woraufhin Tyla sofort von ihrem Rücken sprang und sich Tyler in die Arme warf. Beide strahlten übers ganze Gesicht. Eliano und Anora kamen zu ihnen

herüber. „Wahnsinns Kampf!“, sagte Eliano und legte Amalia einen Arm und die Schultern. „Solange hat es noch keiner gegen die beiden ausgehalten.“, schwärmte Anora. Kurz bevor sie sich schlafen legen wollte, setzte sich Amalia an den kleinen See in der großen Halle. Sie schob die Schuhe von ihren Füßen und ließ ihre Beine in das kalte Wasser gleiten. Es fühlte sich angenehm beruhigend an . Zugleich erfüllte es sie mit Sehnsucht. In den letzten Jahrzehnten schwamm sie täglich mehrere Bahnen in ihrem großen Pool, seit Tagen war ihr das jedoch verwehrt. Seufzend schloss sie die

Augen und entspannte sich ein wenig als sie hinter sich Schritte hörte. Sie erkannte den leichten federnden Gang von Anora. Ohne etwas zu sagen zog auch sie ihre Schuhe aus und ließ ihre Füße ins Wasser gleiten. „Ich liebe es mich hier kurz vorm Schlafengehen etwas zu entspannen.“, sagte sie schließlich mit leiser Stimme. Amalia nickte. „Ja es ist sehr schön hier.“ „Das stimmt, aber ich vermisse die frische Luft, den Wind auf meiner Haut, die Sterne am Himmel, den Geruch einer Blumenwiese, die Geräusche des Meeres, wenn es sich an den Klippen bricht. Ich bin schon so lange hier und habe kaum die Höhlen verlassen.“ Sie

machte eine kurze Pause. „Ich finde es toll, dass Eliano das alles hier mit aufgebaut hat und dass er sich um alle kümmert und am Laufen hält, aber manchmal wünschte ich, er wäre ein ganz normaler Kerl, der mich nicht dazu bringt in einer Höhle zu leben.“ Tiefe Trauer klang in ihren Worten mit. „Du könntest einfach gehen.“, lenkte Amalia ein, doch Anora schüttelte sofort den Kopf. „Das könnte ich ihm niemals antun! Er hat so viel für mich getan und mich nie schlecht behandelt. El braucht jemanden, der sich um ihn kümmert und ihn manchmal ein wenig zurückhält wenn er mal wieder übers Ziel hinausschießt. Als ich damals

hierherkam war er ein anderer Mann. Hauptsächlich hat er sich um sich selbst gekümmert und die anderen sich selbst überlassen. Versteh mich nicht falsch, er hat immer gut für seine Leute gesorgt,“, fügte sie schnell hinzu, „er war schon immer liebevoll und so weiter, aber er ist, sagen wir, er war ein sehr roher Diamant, der erst in den letzten Jahren zurecht geschliffen wurde. Er ist zwar nicht perfekt, aber dennoch genau richtig.“ Verlegen senkte sie den Kopf. Aber Amalia wurde hellhörig. „Genau richtig für dich?“, hakte sie nach. Anora sah sie mit großen Augen an. „Was!? Nein! Ich habe doch schon gesagt, dass wir nur Freunde sind.“, ihre

Stimme überschlug sich beinahe, auch wenn sie nur flüsterte. Amalia nickte verstehend. „Warum sagst du ihm nicht, was du für ihn empfindest?“, fragte sie. Anora zog ihre Beine aus dem Wasser und zog sie dicht an ihren Körper. Sie stützte ihr Kinn auf ihre verschränkten Arme und betrachtete ihre lackierten Zehennägel. „Er könnte in mir nie das sehen, was ich gern von ihm hätte.“, eine Träne stahl sich aus ihrem Augenwinkel und tropfte auf ihren Arm. Amalia rutschte näher an sie heran und legte ihr einen Arm um die Taille. „Es ist schon viele Jahre her, aber er hatte eine Frau, weißt du.“, ein Zittern ging durch Anoras Körper. Die

beiden heirateten als er noch ein Mensch war. Er liebte sie und trug sie auf Händen. Doch sie starb bei einem Überfall, bei dem er verwandelt wurde. Sie war schwanger. Er verlor also nicht nur die Liebe seines Lebens, sondern auch sein ungeborenes Kind.“ Sie schloss die Augen und sank in sich zusammen. Amalia hielt sie fest und fuhr ihr sanft über den Rücken. „Ich weiß es ist nicht leicht über seine große Liebe hinweg zu kommen, vielleicht sogar unmöglich, aber könnte es nicht sein, dass er genau dich dafür braucht? Eine Frau, die ihn liebt und ihm hilft wieder zu lieben?“






12

Ausgeruht und frisch geduscht schlenderte Amalia am nächsten Tag durch die große Halle, sie war unterwegs in den Kühlraum, um sich einen Blutbeutel zu besorgen. Als sie damit in das Zimmer ging, in dem sie Anora kennengelernt hatte, verharrte sie jedoch an der offenen Tür. Ein wildes Stimmengewirr war zu hören. Es waren drei Personen, die sich gedämpft miteinander unterhielten. Allerdings konnte auch der Flüsterton den Zorn in ihrer aller Stimmen nicht verbergen. Es war Eliano, den sie als erstes hörte. „Das ist einfach nur grausam, selbst für ihn! Bist du dir hundertprozentig

sicher?“. Ein anderer Mann antwortete, es war Warrick, wie Amalia erkannte. „Ja, Faye war beim Lieferanten. Sie sagte, sie habe Alexius gesehen als sie ging. Er unterhielt sich mit einem Typen namens Emerson. Sie hat die beiden belauscht und ihre Worte lassen keinen Zweifel zu: Sie haben das Kind entführt.“ Amalia stockte der Atem. Alexius? Kind entführt? Wovon redeten sie da bloß? Sie hörte, wie Anora unruhig auf und ab ging. „Was willst du jetzt machen?“, fragte sie schließlich an Eliano gewandt. „Ich weiß es nicht Herrgott nochmal! Wir können nicht zulassen, dass wir Amalia verlieren, genauso wenig können

wir dieses Kind opfern!“, rief er verzweifelt. „Eliano,“ setzte Warrick an, „ich weiß es klingt herzlos und in mir sträubt sich alles bei diesem Gedanken, aber Amalia ist wichtiger als dieses Kind. Das ist ganz sicher eine Falle, damit sie kommt, um sie zu retten.“ Anora fuhr dazwischen: „Willst du damit sagen, du willst so tun als wüssten wir von nichts und das Kind sterben lassen? Amalia wäre am Boden zerstört! Wir können nicht zulassen, dass unschuldige Kinder für unsere Sache sterben!“, flehend wendete sie sich an Eliano. „El, das darfst du nicht zulassen!“ Für einen quälend langen Moment war

es still. Keiner sagte etwas oder rührte sich. Amalia hielt den Atem an, um sich nicht zu verraten. In ihrem Körper schrie jede Faser danach, in den Raum zu stürmen und alle Anwesenden wachzurütteln. Konnten sie wirklich darüber nachdenken, ein Kind zu opfern? Ein Kind, um sie in die Falle zu locken. Gerade als ihr klar wurde was das bedeutete, hörte sie Elianos Stimme. „Wir werden es ihr sagen und dann versuchen wir das Mädchen da rauszuholen.“, sagte er entschlossen. „Ich hoffe du weißt was du tust.“, sagte Warrick und stürmte Richtung Tür, direkt auf Amalia zu. Sie wich zurück und versteckte sich in einer kleinen

Nische. Kaum dass er an ihr vorbei gegangen war, trat sie hervor und eilte zu ihren Freunden. „Amalia!“, Anora schrak über ihr plötzliches Auftauchen zusammen. „Es ist Jolina, nicht wahr!?“, sprudelte es auch schon aus ihr heraus. Die beiden machten große Augen, nickten dann aber. „Du hast es gehört?“, fragte Eliano zerknirscht. „Ja und ich danke dir, dass du es nicht vor mir geheim halten wolltest.“ Sanft zog Anora sie in eine feste Umarmung, um sie zu trösten. „Du magst dieses kleine Mädchen sehr.“, stellte sie nüchtern fest. „Woher wisst ihr von ihr?“, wollte Amalia

wissen. Eliano räusperte sich. „Ich habe dir doch neulich gesagt, dass ich dich schon eine Weile beobachte. Also, eigentlich nicht nur ich. Viele von uns haben ein Auge auf dich geworfen.“, gab er zu. Sie seufzte. „Und ich dachte, ich hätte mich in den letzten Jahren gut versteckt.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Die ersten Jahre schon, aber vor etwa dreißig Jahren sind wir dann doch auf dich aufmerksam geworden, du warst zu lange am selben Ort.“ Sie wurde wieder ernst. „Dimarus hat also Jolina? Was machen wir jetzt?“ Die beiden sahen sie verständnislos an. „Wir?“, fragte er und machte eine

ausgreifende Handbewegung, die Amalia mit einschloss, „Wir machen überhaupt nichts!“ Aufgebracht starrte Amalia ihn an. „Was? Aber du hast doch gesagt...“, Eliano unterbracht sie: „Du tust nichts, meine ich damit. Du bleibst hier und überlässt das den anderen.“ Ungläubig sah sie ihn an. „Ist das dein Ernst? Sie ist nur meinetwegen in Gefahr und du verlangst, dass ich hier herum sitze und Däumchen drehe?“ „Dimarus hat sie nur entführt, um an dich heranzukommen Amalia.“, sagte Anora ruhig. „Er wird damit rechnen, dass du kommst um sie zu retten. Willst du es ihm wirklich so einfach machen?“ Sie hatte ja recht, dennoch konnte

Amalia es nicht einfach so hinnehmen, dass sie hierbleiben und nichts tun sollte. Jolina war ihretwegen in Gefahr, sie hatte vermutlich Angst, war allein und wusste nicht einmal was vor sich ging. Sie hatte sich geschworen, dass sie nicht zulassen würde, dass dem Mädchen etwas passierte und daran würde sie sich auch halten. „Ihr habt recht.“, sagte sie schließlich, woraufhin beide sie überrascht anstarrten. „Du bestehst nicht darauf mitzukommen?“, fragte Eliano erstaunt. Er hatte sich offenbar schon auf eine lange Diskussion eingestellt. Amalia zuckte mit den Schultern. „Es hat doch sowieso keinen Sinn mit dir zu streiten

oder?“, bestätigend schüttelte er den Kopf. „Also gut,“ sagte er und war schon auf dem Weg zur Tür. „ich trommle ein paar Leute zusammen und dann entwerfen wir einen Plan.“ ...Fortsetzung folgt...

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Über den Autor

LilaLilime
22 Jahre jung und Studentin im 6.Semester Soziale Arbeit. Schon als ich klein war, habe ich es geliebt mir Geschichten auszudenken und diese aufzuschreiben, außerdem lese ich viel und gerne. Es ist einfach ein tolles Gefühl neue Welten, Charaktere und Handlungen zu erschaffen. Ich liebe das Gefühl völlig ins Schreiben vertieft zu sein und sowohl die Zeit als auch alles andere um mich herum zu vergessen.

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trixi1303 Wirklich tolle Geschichte. Vampire haben mir schon immer gefallen.
Dein Schreibstil gefällt mir. Gibt es bald die Fortsetzung?
Ich will wissen wie es mit Amalia, Jolina, Mason und den anderen weitergeht.
Vor langer Zeit - Antworten
AnniSorglos Ich bin erst bis Kapitel 5 gekommen und kann mich den Vorrednern nur anschließen!
Bis jetzt gefällt mir die Geschichte super und ich werde in den nächsten Tagen auch die anderen Kapitel lesen!
Weiter so! :)
Vor langer Zeit - Antworten
LilaLilime danke schön, das freut mich sehr :)
Vor langer Zeit - Antworten
minimaus21 Eine echt gute Geschichte. Ich bin nicht mehr davon losgekommen, bis ich alles fertiggelesen hatte ...
Geht es noch weiter? Ich wäre sehr gespannt auf eine Fortsetzung!!
LG minimaus21
Vor langer Zeit - Antworten
LilaLilime Hallo minimaus, schön dass dir meine Geschichte gefällt. Ja irgendwann geht es weiter. Bei meinen größeren Projekten muss ich nur hin und wieder mal pausieren und wechseln, um einen anderen Blick zu bekommen. Gerade ist Bruxa an der Reihe :)
LG
Andrea
Vor langer Zeit - Antworten
Alfred Habe die ersten drei Kapitel gelesen und kann mich den anderen nur anschließen.
Schöner Schreibstil, flüssig - mit nur wenigen Rechtschreib- und Grammatikfehlern, die leider viel zu oft den Lesefluss hemmen. Gute Wortwahl, angenehme Sprache.
Story ist düster und noch ohne Höhepunkte - kommt aber sicherlich noch.
Der Beginn mit Tod des Geliebten ist gut gewählt, weckt Emotionen und trotz Schuld Amalias Sympathie für sie. Ihre Seelenqualen sind gut nachvollziehbar.
Ich werde auf jeden Fall später weiterlesen.
Viel Glück, viele gute Einfälle für dich...und weiter so!
Vor langer Zeit - Antworten
TaraMerveille Ich bin sehr begeistert von deiner Story. Du hast einen sehr guten Schreibstil. Bin schon gespannt, wie es weiter geht.
Vor langer Zeit - Antworten
LilaLilime Vielen Dank :-D
Vor langer Zeit - Antworten
Zebra Wunderbars Buch!
Ich konnte mich nicht mehr davon losreißen und freue mich auf mehr Kapitel :)
Vor langer Zeit - Antworten
LilaLilime Danke, habe gestern Abend bereits ein neues Kapitel hinzugefügt :-)
Vor langer Zeit - Antworten
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