Kurzgeschichte
Irrtum

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"Irrtum"
Veröffentlicht am 13. März 2014, 16 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Das Wichtigste in meinem Leben ist meine Familie, mein Mann, meine beiden Töchter, meine Schwiegersöhne und meine fünf Enkelkinder. Meine große Leidenschaft sind die Literatur und das Schreiben. Schon im Alter von sechs Jahren schrieb ich kleine Geschichten. Die ersten Gedichte folgten dann, als ich etwa zwölf war. An die Öffentlichkeit ging ich jedoch erst vor einigen Jahren. Nach zahlreichen Gedichten und Geschichten, die in Anthologien und ...
Irrtum

Irrtum

Mehrfach hat sie den Pavillon nun schon umrundet.

Sie kann nicht stillstehen. Auch an einem solch klaren und sonnigen Tag kündet der Spätherbst sich schon mit kühlen Temperaturen an. Sie fröstelt trotz der Sonne.

Warum nur hat er sich verspätet? Sie malt sich immer neue Gründe aus, wieso er noch nicht da ist. Er hat den weiteren Weg, sein Auto könnte eine Panne haben, er steht im Stau, jemand hat ihn aufgehalten...Das ist es auch schon. Mehr fällt ihr im Moment nicht ein, was ihn davon abhalten könnte, rechtzeitig zu kommen. Und dann gibt es ja auch

das Handy. Gestern Abend noch hat sie ihm ihre Nummer in einer PN mitgeteilt. Sicher ist sicher.

Wie er wohl aussehen mag? Eigentlich findet sie es gut, dass sie beide keine Fotos von sich als Profilbild ins Forum gestellt haben. Sein Profil ziert das Bild einer alten Eiche und sie hat natürlich ein Katzenbild eingestellt. Sie mag Katzen, nur ist es ihr bisher nicht vergönnt gewesen, eine zu besitzen. Jasper, ihr Exmann, wäre auf die Barrikaden gegangen, wenn sie mit einer Katze angekommen wäre.  Doch das kann sich ändern, nachdem sie sich vor vier Monaten endlich von ihm getrennt hat.

Sie schaut auf die Uhr, der Zeiger scheint sich nicht zu bewegen. Seit dem letzten Blick sind erst drei Minuten vergangen. Er ist nun schon zwanzig Minuten überfällig.

Langsam geht sie den Weg vom Pavillon Richtung Weiher. Auch von dort kann sie den Rundbau sehen. Die Hände hat sie tief in den Manteltaschen vergraben. Ihr inneres Zittern kommt nicht nur von der herbstlichen Kälte. Sie ist aufgeregt, angespannt. Dieses Flattern im Bauch, das Herzklopfen...jahrelang hat sie es nicht mehr gespürt.

Da war sofort ein Funke übergesprungen, als sie sich im Forum

begegnet waren. Seine Art zu schreiben gefiel ihr ausgesprochen gut und in zahlreichen Dingen lagen sie auf gleicher Wellenlänge.

Ein User hatte eines Tages eine lustige Geschichte begonnen über eine Frau, die sich in einen Metzger verliebt. Jeder durfte mitschreiben. Doch bald wurden die Beiträge immer spärlicher, nur noch sie und er schrieben abwechselnd an der Story weiter. Die anderen User lasen fasziniert mit und während des Schreibens spürte man, dass sich hier etwas anbahnte. Dann hatte er ihr eine PN geschickt. „Spürst du, wie wir uns gerade gegenseitig befruchten mit unseren Ideen?“

Ab da chatteten sie regelmäßig.

Sie öffnete sich ihm mit all ihren Empfindungen und Gedanken und er verstand es ausgezeichnet auf diese einzugehen. Allerdings hatte sie nicht ihren wirklichen Namen - Sybille - genannt, sondern im Netz trat sie als Lucy auf. Sie wusste nicht, ob sein Username Conny sein richtiger war. Das würde sich klären lassen, wenn man sich jetzt traf.

Ja, wenn.

Er kommt nicht, dessen ist sie sich nun gewiss.

Die Sonne steht tief, wärmt nicht mehr. Auf das Wasser des Teiches malt sie

goldene Lichtpunkte, die die Enten mit ihren gleichmäßigen Schwimmbewegungen zerteilen und in langen Bahnen dahinfließen lassen.

Im Park sind nur noch wenige Menschen. Sie beschließt zu gehen.

Ihre Schritte sind schwer, schleppend und das Herzklopfen ist dem dumpfen Schmerz der Enttäuschung gewichen.

Doch dann hebt sie die Schultern, richtet sich auf. Es wird eine Erklärung geben. Er wird ihr im Forum schreiben oder auch per Email.

Zuhause kocht sie sich einen Tee, dann erst schaltet sie den Computer ein. Sie sagt sich, dass vermutlich keine Nachricht von ihm da sein wird. Sie

muss sich gedulden. Plötzlich macht sich ein anderes Gefühl breit. Wenn ihm etwas zugestoßen ist? Vielleicht hat er einen Unfall gehabt? Wie würde sie davon erfahren? Jetzt wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie nichts hatte von ihm, keine Adresse, keine Telefonnummer, keine Email-Adresse. Nur seinen Namen hier im Forum.

Der Computer braucht ewig, bis er hochgefahren ist oder kommt es ihr nur so vor?

Endlich. Sie loggt sich im Forum ein, geht auf ihre Freundesliste.

Wo ist er? Wild beginnt sie hin und her zu klicken zwischen ihren Beiträgen, den PNs, der Suchfunktion. Nichts. Er

ist weg. Allenfalls sieht sie ein Umrissbild einer männlichen Figur, unterschrieben mit „gelöschter account“.

Kurz denkt sie, es kann nicht sein. Dann drängt sich ein furchtbarer Gedanke in ihr Bewusstsein. Sie wird ihn nie treffen. Wie erstarrt sitzt sie vor dem Bildschirm, eine Träne rollt über ihre Wange. Sie fühlt sich wie abgeschnitten von der Welt.  Eine grenzenlose Leere macht sich breit. So viel hat sie von sich preisgegeben, ihre Gefühle, ihre heimlichsten Gedanken, sie hat sich einem Menschen geöffnet, den sie eigentlich nicht kennt, ihre Seele bloßgelegt, von den erotischen Ergüssen ganz zu schweigen.

Wut kriecht in ihr hoch, verpufft allerdings schnell wieder, zu groß ist der Schmerz.

Sie möchte am liebsten alles ungeschehen machen, wieder da anknüpfen, wo sie gestern waren, bevor sie sich verabredet haben.

Es hatte eine so große Harmonie geherrscht zwischen ihnen. Fast konnte sie virtuell seine Gedanken erahnen, noch bevor er sie ausgesprochen hatte.

Warum nur tut es so weh?

Er sitzt am Computer, immer noch unschlüssig, was er machen soll.

Zunächst hat er seinen account im

Forum gelöscht.

Nachdem Lucy ihm gestern zum Schluss ihre Handynummer und Email- Adresse gegeben hatte, schien für ihn die Welt still zu stehen. Das konnte und durfte nicht sein. Bei der Handynummer war er noch unsicher gewesen, obwohl er diese Nummer ja in- und auswendig kannte. Die Email-Adresse zerstreute jeden Zweifel. „Syka“ das war sie.  Warum passierte das? Er hatte geglaubt, eine neue Liebe gefunden zu haben. Alles war so wunderbar gewesen, Lucy schien seine Traumfrau zu sein, er hatte sich in ihre Worte verliebt, ihre Ansichten, ihre Art zu schreiben.

Gestern war ihm sofort schmerzlich klar

geworden, dass er nicht zum Treffpunkt werde gehen können. Sie hätte ihn zerrissen, ihm böse Absichten unterstellt.

Bis vor kurzem hatte er noch sehr unter der Trennung gelitten, aber durch Lucy war Sybille ein wenig verblasst.

Die ganze Nacht hatte er nicht geschlafen, den Tag wie in Trance verbracht, hin und her überlegt.

Sein Schmerz, der Schmerz des Verlustes, war immer größer geworden und nun am Ende weiß er nicht, wem er nachtrauert, Lucy, dem Trugbild oder Sybille, seiner großen Liebe, die er verloren hat.

Schließlich schreibt er eine Email.

Er beginnt sie mit

Liebe Sybille...

Er entschuldigt sich, dass er nicht am Treffpunkt gewesen ist, er zeichnet sein Leben nach der Trennung von ihr, ist schonungslos ehrlich in seinen Gefühlen, spricht davon, wie viel Lucy ihm gegeben hat, aber auch davon, wie sehr Sybille ihm fehlt.

Die Mail unterschreibt er mit „Conny“.

Die Zeit des Wartens wird eine lange werden für ihn, vielleicht - und hierüber ist er sich im Klaren - wird sie nie

vorbei sein.










Impressum.
Text: (c) Enya K.

Coverbild:

Erika Hartmann / pixelio.de http://www.pixelio.de/media/614025

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Hörbuch

Über den Autor

Enya2853
Das Wichtigste in meinem Leben ist meine Familie, mein Mann, meine beiden Töchter, meine Schwiegersöhne und meine fünf Enkelkinder.
Meine große Leidenschaft sind die Literatur und das Schreiben. Schon im Alter von sechs Jahren schrieb ich kleine Geschichten. Die ersten Gedichte folgten dann, als ich etwa zwölf war. An die Öffentlichkeit ging ich jedoch erst vor einigen Jahren.
Nach zahlreichen Gedichten und Geschichten, die in Anthologien und Gemeinschaftsbüchern ihren Platz fanden, habe ich 2013 meinen Debütroman »Das Murmelglas« gemeinsam mit Victoria Suffrage veröffentlicht. Im März 2015 erschien das Kinderbuch »Die Abenteuer von Stups und Moni. Wenn freche Wölfe Nebel pupsen«, das ich ebenfalls mit Victoria Suffrage geschrieben habe.
Im Dezember 2017 erschien mein Roman »Julie. Am Ende ist Erinnern«, gefolgt von »Septemberblues«. Die Fortsetzung von »Julie« erschien im März 2020.
Wenn ich noch ein Ziel habe, was das Schreiben angeht, so ist es ein Psychothriller. Mal schauen.
Meine Geschichten und Romane erzählen von menschlichen Grenzsituationen, die immer von einem Funken Hoffnung begleitet werden.
Ich habe Mathematik, Psychologie und Pädagogik studiert und war im Bildungsbereich tätig. Inzwischen genießen mein Mann und ich unser Rentendasein und die Beschäftigung mit unseren lebhaften Enkelkindern.


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Feedre Hallo Enya,
eine beeindruckende Story, exzellent geschrieben
Chapeau!
Mein WLAN hier ist ein wenig wacklig
hat gestern Abend schlapp gemacht....:-))))))
südlicher Gruß
Feedre
Vergangenes Jahr - Antworten
AngiePfeiffer Was für eine Geschichte, Enya. Habe bis zum Schluß gehofft, dass alles gut wird. Aber ich bin auch manchmal ein unrealistisches Träumerchen.
Dein Schluß ist fantastisch - er passt hervorragend und lässt den Leser melancholisch zurück.
Einfach klasse
meint
Angie
Vergangenes Jahr - Antworten
Enya2853 Liebe Angie,
wie ich mich freue, dass dir die Geschichte gefällt.
Hab ganz herzlichen Dank für alles.
Sonnige Grüße in den Tag.
Enya
Vergangenes Jahr - Antworten
FLEURdelaCOEUR 
Liebe Enya,
diese tolle Kurzgeschichte habe ich sehr gern noch einmal gelesen! Da kann man immer wieder neu drüber nachdenken ...
Liebe Grüße
fleur
Vergangenes Jahr - Antworten
Enya2853 Danke, liebe Fleur, fürs erneute Lesen.
Ja, manchmal muss man auf Umwegen oder durch Irrtümer draufgestoßen werden.

Hab einen schönen Tag.
LG
Enya
Vergangenes Jahr - Antworten
AnneEulia Tja in der Ehe und in der Liebe sind Irrtümer scheinbar an der Tagesordnung...wer weiß was passiert...
Vor langer Zeit - Antworten
Enya2853 Herzlichen Dank fürs Lesen, deinen Kommentar und die coins. Ja, so mancher Irrtum hat es in sich ...
LG
Enya
Vor langer Zeit - Antworten
EllaWolke Wunderbare Gedanken ..... und alles ist Möglich!
LG Ella
Vor langer Zeit - Antworten
Enya2853 Ganz herzlichen Dank an dich. Ich freue mich.
LG
Enya
Vor langer Zeit - Antworten
Monczi Irrtum
oder auch nicht ....
mit Begeisterung habe ich diese Kurzgeschichte gelesen
und finde das offene Ende sehr gut ...
LG Monczi
Vor langer Zeit - Antworten
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