Science Fiction
Die Erlösung Kapitel 2

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""Eine Geschichte, die auch dich berühren wird."
Veröffentlicht am 28. Februar 2014, 50 Seiten
Kategorie Science Fiction
© Umschlag Bildmaterial: Gunnar Assmy - Fotolia.com
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"Eine Geschichte, die auch dich berühren wird.

Die Erlösung Kapitel 2

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Reupload. Überarbeitet. Inspiriert durch Träume. Kritik ist erwünscht, viel Spaß.

Ein ganz normaler tag

Der Wind weckt mich. Ich vergaß das Fenster zu schließen, als ich mich gestern schlafen legte. Ich las bis tief in die Nacht, saß auf der Fensterbank und beobachtete die Ereignisse auf der Straße. Da wir im 7. Stock wohnen, muss ich mir keine Sorgen machen, dass ich überfallen werden könnte. Ich sah wie eine Gruppe von Jugendlichen durch die Straßen zog. Kurz nachdem sie um die Ecke bogen, hörte ich Schüsse und Schreie. Ein Schrei war weiblich und schrill, doch so schnell er ertönte, so schnell verstummte er auch. Nur das Echo zog noch ein paar Straßen weiter,

bis es in den umherstreifenden Menschen abklang. Ich schaute weiter auf die Ecke, in die die Jugendlichen abbogen, aber es kam niemand also las ich weiter. Es war ein altes Theaterstück, Romeo und Julia von William Shakespeare. Ich las bestimmt 100 Seiten bis ich vor Müdigkeit fast das Buch aus dem Fenster fallen lies. Müde wie ich war, muss ich es wohl für nicht nötig gehalten haben, das Fenster zu schließen. Das hole ich jetzt besser nach. Ich stehe auf, taumle müde zum Fenster, das Licht blendet mich. Ich sehe sich Menschen auf der Straße bewegen. Hastig und bestimmt ihre Einkaufziele abarbeiten, ständig auf der

Hut vor bedrohlich aussehenden Personen. Die Kleidung die sie tragen, reicht von klassischen Kombinationen, wie Jeans und Bluse, bis zu ausgefallenen Kleidungsstücken, wie ein T-Shirt aus Federn. Ich will mich gerade wieder schlafen legen als ich höre, dass bereits meine Mutter wach ist. Ich erkenne sie an ihren deutlich leichteren Schritten als die meines Vaters. Es bedeutet wohl, dass sie etwas macht, und ich ihr helfen sollte. Sie hat in letzter Zeit viel zu viel zu tun, also ziehe ich mir widerwillig mein schwarzes T-Shirt mit grünen Streifen und meine Jeans an. Ich schließe meine Zimmertür auf und betrete unseren engen

Flur. In ihm steht nur ein kleiner Kleiderschrank mit angebrachtem Spiegel an der Tür und einer Garderobe. Doch die Jacke meines Vaters fehlt. Ich höre Mutter fluchen und schreite zur Küche. >So ein Idiot< flucht sie. Sie schaut mich an und blickt wieder auf die Zwiebeln die sie schneidet. Einen Moment lang dachte ich, dass sie weint. Aber das würde ihr nicht ähnlich sehen. Ohne mich anzuschauen sagt sie. >Dein Vater ist wieder ohne Waffe aus dem Haus, wieder hat er nichts gesagt und wieder weder Waffe noch Geld mitgenommen. Setz dich, du hast bestimmt Hunger. < Deutlich betonend auf das „wieder“ und dabei immer

aggressiver auf die Zwiebel einhackend sticht sie am Ende des Satzes das Messer ins Schneidebrett, holt mir eine Schüssel raus, füllt sie mit Honig- Haferflocken und stellt mir eine Packung Milch auf den Tisch. Das erledigt sie alles so flexibel, als hätte sie nur darauf gewartet, dass ich komme. Sie setzt sich zu mir an unseren kleinen, runden Holztisch und fragt mich, wie ich geschlafen habe. Erst als ich die Honighaferflocken überhaupt vor mir stehen habe, merke ich wie hungrig ich bin. > Ich weiß es nicht, ich habe wieder von ihm geträumt. < Antworte ich, während ich die Flocken und anschließend die Milch in die Schale

fülle. Mutter lehnt sich zurück in den Stuhl und seufzt >Ja, das tu ich auch ständig. < Dabei bleibt ihre Mine jedoch immer gleich, eine desinteressierte Mine, mit einem Hauch von Trauer. Sie ist in Gedanken versunken sodass ich in Ruhe meine Flocken auslöffle. Ich erhebe mich, gehe zum Waschbecken und lass Wasser in die Schale laufen. Das scheint sie aus ihren Gedanken zu reißen, denn hinter mir quietscht der Holzstuhl auf dem sie saß, über den Boden. >Wie kann ich helfen? < Ich hoffe, dass sie keine Hilfe braucht, aber dem ist nicht so. Sie steht auf, schmeißt ein paar Kartoffeln in einen Eimer, legt ein Messer oben drauf und stellt den

Eimer neben mich. Ich lasse noch kurz das Wasser in meiner Schale kreisen, und versuche dabei, es nicht überschwappen zu lassen, aber nach einer Weile ist zu viel Wasser drinnen und es schwappt über, also leere ich das Wasser aus und stelle die Schale ab. Mutter macht sich an das Karotten Schneiden. Ich nehme den Eimer, setze mich an den Tisch und fange an die Kartoffeln zu schälen. Den Umgang mit dem Messer bringt mir mein Vater schon seit einigen Jahren bei. Es ist ein Kinderspiel diese paar Kartoffeln zu schälen und in Würfel zu hacken. Es geht locker von der Hand. Kurz darauf bin ich fertig. Mutter bemerkt das und

verschwindet kurz in ihrem Schlafzimmer Sie kommt mit einer Hand voll Kräutern zurück. > Schau, was du da draußen für das Grünzeug bekommst.< Sie drückt mir den kleinen Lederbeutel mit dem Grünzeug in die Hand, fährt mir über die Wange und sagt liebevoll > Kannst dir ja ein Eis kaufen oder so. < Ich nicke, bedanke mich und zieh mich an. Meine dunkle Jeansjacke ist zwar zerfleddert, aber ich hab nichts Anderes. Ich werfe sie mir über und zieh meine Turnschuhe an. Im Treppenhaus, auf dem Weg nach unten höre ich, wie manche Nachbarn streiten, manche lachen. Im dritten Stock sehe ich das Nachbarmädchen. Sie sieht aus, wie eine

Gleichaltrige. Ihr Name ist Julia, sie hat rote Haare und grüne Augen. Sie ist ein bisschen kleiner als ich, Circa 1.80, und ziemlich schlank. Ihre Familie ist ursprünglich Deutsch und sie mag Vögel. Mehr habe ich beim Vorbeigehen an ihrer Wohnung nicht gehört und gesehen habe ich sie auch noch nie. Wieso steht sie dann jetzt draußen? Sie lehnt sich am Geländer an und schaut nach unten. Ich streife an ihr vorbei. Unsere Blicke treffen sich nicht, ich schaue ihr zwar ins Gesicht, aber sie schaut nur nach unten. Steif, da ist etwas merkwürdiges in ihrem Gesichtsausdruck. Angst? Ich laufe weiter, im Viereck runter. Ich komme in

den ersten Stock. Da ist ein Seil, das mit mehreren Knoten am Geländer des ersten Stocks festgemacht ist. Aber es hängt nicht schlaff nach unten, sondern ist gespannt. Was hängt da dran? Unten angekommen wird mir alles klar. Ein Nachbar, den ich zuvor nur einmal sah, hat sich aufgehängt. Er wohnt aber im obersten Stock, wieso hier unten? Wahrscheinlich damit er, falls das Seil reißt, nicht tief fällt. Ja, das macht Sinn. Ich blicke wieder hoch und diesmal schaut Julia mich an. Nicht lange, aber unsere Blicke treffen sich. Kurz darauf wendet sie sich vom Geländer ab. Ich weiß, was in so einem Fall zu tun ist. Ich greife in meine

Hosentasche und ziehe mein Klappmesser raus. Es ist ein Geschenk meines Vaters. Es ist ungefähr doppelt so lang, wie meine Handfläche breit ist, und verdammt scharf. Im Vergleich dazu ist unser Küchenmesser ein Knüppel. Nicht nur einmal habe ich mich damit geschnitten. Ich steige wieder ein paar Treppen hoch, greife das Seil circa 50 Zentimeter über dem Kopf des Mannes und durchtrenne es dann mit meinem Messer. Der Körper stürzt zu Boden, aber ich kann noch genug Gewicht auffangen dass der Körper kein lautes Geräusch macht. Ich muss den Körper zum Leichenhaufen bringen, also lege ich ihn auf das Rollbrett für solche Fälle.

Man kann ihn ja nicht einfach hin schleifen, er würde an der Straße aufkratzen und nach dem Weg wäre nicht mehr viel von ihm übrig. Ich öffne die Tür nach draußen. Obwohl kaum noch Sonne scheint muss ich mir die Augen zukneifen. Ich war schon lange nicht mehr draußen, denn die letzten Tage war ich dauernd zu Hause beschäftigt. Mal musste ich meiner Mutter zu Hause helfen. Ein andermal hat mich mein Vater unten im Keller trainiert. Jedenfalls ist es draußen noch viel bedrückender, als in unserer Wohnung. Hetzende Menschen, Patrouillen der Stadtwache, Züge, Busse, Schreie und irgendwo stirbt

jemand. Diese bedrückende Stimmung macht sich sofort im Köper breit. Man will nur noch schnell alles erledigen und hier verschwinden. Ich mache mich auf den Weg. Ich muss mich immer rechts halten. Ich schleife die Leiche hinter mir her, wie die Menschen früher ihre Hunde ausgeführt haben, an einer Leine. Das zeigte jedenfalls ein Bild, das mir mein Vater einmal zeigte. So viele Bäume waren zu sehen, die gerade ihre Blätter an einen Windstoß verloren. So viel Gras und so viele Sträucher, die sich mit dem Wind bewegten. Das Fell des Hundes, aufgesträubt und der fröhliche, lachende Mann. Ich werde angerempelt. Sofort bin ich aus den

Gedanken aufgetaucht, in Alarmbereitschaft. Hand am Messer. Aber es war nur eine Frau, die nicht auf den Weg geachtet hat, wie ich. War sie wohl auch versunken in ihren Gedanken? Hat auch die Gefahr vergessen? Ich lächele. Doch schnell werde ich wieder ernst. Jetzt ist keine Zeit für so etwas, und das bestimmt nicht der richtige Ort. Kurzer Blick nach links und rechts, prüfen ob ich beobachtet werde und weiter. Unterwegs schauen die Leute mich unterschiedlich an. Niemand weiß was passiert ist. Ich könnte ihn getötet haben. Ängstliche Blicke, die Leute machen einen Bogen um mich, mustern jede Bewegung von

mir, sie könnten ja die nächsten sein, und sind stets bereit ihre Waffe zu zücken. Er könnte sich aber umgebracht haben, ein nahestehender Mensch sein. Blicke voller Mitleid und Trost, und ein paar schütteln ihre Köpfe. Oder es könnte auch jemand komplett unbekanntes sein, und ich muss die Dreckarbeit machen. Gleichgültige, steife Blicke. Nach 15 Minuten komme ich zu einem ehemaligen Eingang zur Metro. Aber alles wurde beim Ausbau der Stadt zugeschüttet. Ein paar hundert Meter später kommt der Laden des Bezirksgroßhändlers und die Stadtmauer ist in Sicht. An der Stadtmauer liegt der Leichenhaufen. >Nur noch ein bisschen,

dann bist du da.< Ich weiß nicht wieso ich das gesagt habe, nur dass ich es so leise gesagt habe, dass ich es auch hätte denken können. Aber es erleichterte mich. Nach weiteren fünf Minuten bin ich an der Mauer, eine Wache auf dem Wachturm mustert mich kurz und wendet sich dann ab. Ich werfe mir Herr Halling, so glaube ich heißt er, über meine rechte Schulter. Mit der linken Hand ziehe ich mein Messer, klappe es auf und schneide hinter seinem Rücken das Seil durch. Mit einem dumpfen Geräusch schlägt der Knoten auf dem Boden auf. Der Mann ist abgemagert. Er ist leicht und ich spüre seine Knochen. Ich trage ihn zum Haufen. Der Gestank

ist unerträglich, doch ich muss mich zusammenreißen. Ich versuche ihn so vorsichtig wie möglich auf den Haufen zu legen. Der Gestank brennt in meiner Nase, das Gesumme der Fliegen übertönt alles. Viele von denen Viechern landen auf mir. Geschafft, er liegt. Kurz Blicke ich noch auf das Kreuz, dass an der Mauer befestigt ist. Es ist aus Holz und wurde von ein paar Menschen dort hingehängt, als immer mehr Tote dort abgeladen wurden. Bis jetzt hat es noch niemand zerstört. Dieses „Grab“ wird wohl in Ruhe gelassen, weil jeder Mensch hier schon jemanden hinbringen musste oder jemanden kennt, der es tat. Dies erschafft eine Verbundenheit. Ich

drehe mich um, zu gern würde ich mit dem Rollbrett zurückfahren, aber es gibt in dem ganzen Bezirk kaum befahrbare Straßen. Der große Teil ist mit Einschusslöchern und Rissen überseht. Wie ein Gesicht. Ein altes, vernarbtes Gesicht. Ich muss nur noch zum Händler, das Grünzeug meiner Mutter verkaufen und in unsere Wohnung zurückkehren. Die Tatsache, dass nur noch so wenig zu erledigen bleibt, beruhigt mich. Auf dem Weg zurück ist Hektik in der Menschenmasse, jemand wurde getötet. Ich kann nicht ausmachen wo aber viele rennen mir entgegen und weichen mir im letzten Moment aus. Es liegt also vor mir. Die Menschen schauen

mich fragend an. Wieso rennst du nicht weg du Trottel? Ja, wieso renne ich nicht weg? Es werden immer weniger entgegenströmende Menschen, und ich immer schneller. Ich muss bald am Ort des Geschehens sein. Ich halte die Augen offen, nach Blut. Mein Körper stoppt abrupt, sodass ich fast hinfalle, als meine Masse nachschwingt. Ich stehe nun zehn Meter von einem Körper entfernt. Eine Frau, die auf der Straße liegt. Um ihren Kopf eine Blutlache. Ihre Kehle durchgeschnitten. Der Mörder ist vermutlich bereits mit der Masse weggerannt. Mein Blick fällt wieder zu ihr. Die Frau ist hübsch, sie hat lange, lockige, blonde Haare und ein

zierliches Gesicht. Sie war vielleicht zehn Jahre älter als ich. Ihr weißes Blumenkleid ist nun bis zur Brust rot. Schmuck hatte sie auch, darauf lassen rote Streifen am Handgelenk und ein blutiger Ringfinger schließen. Vermutlich also Diebstahl, gegen den sie sich wehrte und dann getötet wurde. Kurz orientiere ich mich, ich stehe mit dem Rücken zum Großhändler. Kurz noch das Brett fester unter den rechten Arm packen und rein da. Es klingeln ein paar Glocken. Direkt am Eingang stehen Wachen, sie entnehmen mir mein Brett, es könnte ja gefährlich sein. Der Laden ist voll, aber niemand kauft oder verkauft etwas. Sie scheinen wohl aus

Schreck hier reingerannt zu sein. Mit dem Gefühl, als würde mich jeder beobachten, gehe ich zur Kasse. Der Händler schaut mich kurz an. > Mach’s kurz, ich hab‘ nicht ewig Zeit. < >Was bekomm' ich dafür? < Ich leere den Inhalt des Beutels auf dem Tisch vor mir aus. Er mustert mit seiner Hand kurz ob das Gras echt ist. > Eine Fünfer, zwei Einer. < sagt er und blickt wieder in seine Zeitung. So desinteressiert und gleichzeitig auffordernd, wie mir nur möglich und beide Hände auf den Tisch legend sage ich. > Mach zwei Einer mehr und wir sind im Geschäft. < Er schaut mich an, es beginnt ein Starrwettbewerb. Wer

schafft es länger ernst zu bleiben? Nach einer gefühlten Minute lässt sein Blick von mir ab, er kramt kurz unter dem Tisch rum und schmeißt die Münzen auf den Tisch. Ich pack sie in den Beutel meiner Mutter und mache mich auf den Weg. Der Wachmann drückt mir noch mein Brett in die Hand, da höre ich den Händler fluchen. > Hat der Junge ein Glück, dass das Zeug so beliebt ist. < Zufrieden laufe ich aus dem Laden, aber bloß nicht lächeln. Das ist nicht normal und nicht normal ist verdächtig. Ich will ja nicht aufgeschlitzt auf der Straße landen. Nach zehn Minuten bin ich auch wieder bei unserer Wohnung angekommen, hier hetzen die Menschen

genau so, wie am Morgen und haben wahrscheinlich nichts vom Tod der jungen Frau mitbekommen. Ich steige die Treppen auf. Schon im zweiten Stock ist Julias Lachen zu hören. Ein herzhaftes und ein bisschen quirliges Lachen. Stolz betrete ich unsere Wohnung. Meine Mutter muss mir den Stolz irgendwie anmerken und fragt mich nach meinem Erlös. Ich lasse die insgesamt 4 Münzen über den Tisch rollen. Sie ist sichtlich erstaunt. > Das ist ja unglaublich. < Ihre Augen funkeln. > Nicht wahr? Das Grüne wird immer beliebter. Kein Wunder bei so einer grauen Stadt. < Antworte ich ein bisschen überheblich. Ihr entzücken

schwindet. > Du hast dir aber nichts gekauft, wie ich sehe. < Sie mustert meine leeren Hände > Ich hielt es nicht für nötig. < Ich lächle sie an, aber sie ist gekränkt. Ich verstehe nicht wieso, und bevor ich fragen kann, geht sie schon das Geld wegbringen. Dann kommt sie zurück. Sie hat etwas in der Hand. Einen Teller mit einem Handtuch überdeckt. Das macht sie nur bei Gebäck und Gebäck gibt es wenn dann an Geburtstagen. > Wie du bestimmt mitbekommen hast, ist Tom gestorben. < > Ja, ich habe ihn zum Leichenhaufen gebracht. < Sie runzelt kurz die Stirn, aber verdaut das schnell. > Ich bitte dich kurz zu seiner Frau hoch zu gehen

und ihr diesen Kuchen zu überreichen. < Skeptisch schaue ich sie an. Wieso ist ihr das so wichtig? Und ein Kuchen bei einem Mann, der Selbstmord begangen hat? Doch bevor ich fragen kann, fällt mir meine Mutter ins Wort. > Sie haben uns damals geholfen, dich zu erziehen. Haben auf dich aufgepasst, dir Bücher besorgt und haben dir Lesen beigebracht. < Sie setzt sich an den Tisch in der Küche und fährt fort. > Du musst wissen seine Frau, Lisa, konnte keine Kinder bekommen. Dieser Gedanke hat sie innerlich aufgefressen. Sie mochte uns, aber konnte nicht damit leben, auf ein fremdes Kind aufzupassen. Ich weiß noch genau, als

wir uns kennenlernten, sagte sie dass sie Feingebäck über alles liebt. < Mutter schaut auf den Kuchen in ihrer Hand, sie lächelt. > Jedenfalls haben wir seitdem keinen Kontakt, es ging nie im Streit auseinander, also möchte ich, dass du ihr diesen hier, als Zeichen der alten Freundschaft überreichst. < Sie drückt mir den Kuchen in die Hand und wendet sich von mir ab. Es ist für sie selbstverständlich, dass ich das mache, also mache ich es auch. Ich ziehe kurz meine Schuhe an und Messer in die Hosentasche. Ich laufe die Treppen hoch, ich muss in den letzten Stock und dort ist nur eine Wohnung. Beim hochlaufen höre ich Kindergeschrei und

einen fluchenden Mann. Je höher ich steige, umso düsterer wird der Gang. Ich bin im zwölften Stock angekommen. Die Tür ist offen und es ist dunkel in der Wohnung. Ich greife zu meinem Messer und klappe es aus. Langsam öffne ich die Tür. Ist sie vielleicht auch tot? Ich befinde mich in einem kleinen Gang, direkt rechts ist eine Tür. Der Gang ist knapp sieben Meter lang und höchstens drei Meter breit. Am Ende weitet sich der Gang in ein Zimmer, aber von dem ist nicht viel zu sehen, da sich der Hauptteil des Zimmers, rechts um die Ecke befindet. Auffällig ist, dass der Boden blitzblank ist. Langsam trete ich ein. In der rechten

Hand der Kuchen und in der Linken das Messer. Für einen Außenstehenden sähe das bestimmt lustig aus. So von wegen, „Hier kommt der Tod, aber ich hab Kuchen dabei.“ Dieser Gedanke lockert meine Anspannung ein bisschen. Ich trete langsam die Tür zu meiner rechten auf. Das Badezimmer, ebenfalls sehr sauber. Vielleicht hat sie ihren Kummer beim Putzen verdrängt. Ich drehe mich wieder nach links, was wird mich am Ende des Ganges erwarten? Wenn es zu einem Kampf kommt, wird das Gebäck mich behindern. Ich stelle den Teller auf den Boden und laufe weiter. Auf einmal durchbricht ein Geräusch die Stille. Ein helles, klirrendes Geräusch. Es hört sich

so an, als würde man zwei Gläser sanft aneinander stoßen. Schnell husche ich von der Mitte des Ganges zur rechten Wand, in der Erwartung dass jemand kommt, um zu schauen wer im Gang ist. Ich bewege mich schnell zum Ende des Ganges, um einen eventuellen Feind zu überwältigen. Aber es kommt niemand. Ich atme tief durch und riskiere einen Blick um herauszufinden, was sich im Zimmer vor mir befindet. Ich sehe einen viereckigen Raum. An der Wand, parallel zu mir, steht ein Bücherregal, groß und gut gefüllt. An der rechten Wand ist eine große, prachtvolle Uhr, die über einem kleinen, hölzernen Arbeitstisch hängt. Sie steht still. Auf

dem Arbeitstisch liegen zahllose Blätter und Ordner. An der hinteren Wand steht ein Bett, es ist ordentlich gemacht. An der linken Wand ist das einzige Fenster im Raum. Ein schwacher Lichtkegel. in dem tausende Staubkörner tanzen. leuchtet auf einen kleinen Glastisch in der Mitte. Bis auf ein leeres Glas ist der Tisch frei. Direkt daneben ist ein lederner Sessel. Und auf dem Sessel sitzt eine Frau. So unauffällig als wäre sie mit dem Sessel verschmolzen. Da der Sessel zum Fenster gedreht ist, kann ich nicht erkennen, ob sie schläft oder nicht. > Lisa? < Ganz vorsichtig komme ich hinter der Ecke hervor. Ihr Kopf dreht sich zu mir. Mein Ganzer Körper

entspannt sich. Kein Kampf und sie lebt noch. > Warten sie mal, ich hab da was für sie. < Schnell gehe ich zurück in den Gang, hebe den Teller auf und gehe zurück ins Zimmer. Sie hat den Sessel mittlerweile zu mir gedreht und lächelt mich an. Ihre linke Hand greift nach dem Teller. Doch was ist das bei ihrer rechten Hand? Verdammt, eine Pistole. Schnell trete ich zurück und bin wieder angespannt. In dem modrigen Licht schimmert eine wuchtige, silberne Pistole, die sie griffbereit auf der rechten Armlehne des Sessels liegen hat. > Wissen sie, ich würde mich wohler fühlen, wenn sie die Pistole weglegen wür-

< Noch bevor ich den Satz beenden kann, zwirbelt sie die Pistole einmal, packt sie am Lauf und streckt den Arm in meine Richtung. > Nimm sie, ich habe keine Verwendung dafür, wenn du hier bist. < Sie zwingt sich so etwas, wie ein Lächeln auf. Dass ihr nicht nach lächeln zumute ist, kann ich aber verstehen. Ich nehme ihr die Pistole aus der Hand und gebe ihr den Teller. Sie entfernt das Handtuch und legt es auf den Glastisch. > Deine Mutter wusste schon immer, wie man Menschen eine Freude macht. <

Das ist mir allerdings neu. Genüsslich beißt sie in den Kuchen > Sag ihr, dass es sehr gut schmeckt. < Sie isst weiter. >

Werde ich tun. < Ich drehe mich um und will gerade gehen, als ich sie mit vollem Mund reden höre. > Warte, sei doch so lieb und leiste mir Gesellschaft.< Eigentlich will ich das gar nicht, und dennoch kann ich es nicht verneinen. Ich drehe mich um gehe zum Schreibtisch, um mir den Stuhl zu holen. Dabei werfe ich einen Blick auf die Blätter. Irgendetwas von Roze und eine Bande fällt mir ins Auge, aber um nicht aufzufallen, nehme ich den Stuhl und setzte mich zu Lisa. Sie ist fertig mit dem Brötchen. Jetzt schaut sie mich an, ein bisschen besorgt. Ihr Gesicht ist geprägt von Falten. Von solchen Leuten heißt es, sie haben viel gelacht und viel

geweint. Sie sieht müde aus, erschöpft und verheult. Mit zitternder Stimme sagt sie. > Ich kann nicht mehr. < Als hätte sie meine Gedanken gelesen. > Was kannst du nicht mehr? < Sie schaut mich mit tränenden Augen an. > Diese Welt ist nicht für solche wie mich. < sagt sie, und wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. Mir gefällt nicht, wohin das führt. Ich kann nicht mit Menschen umgehen und ihr geht es sehr schlecht. Ich sollte meinen Vater holen gehen, der kann so was, aber er ist noch weg.

> Weißt du, Tom hat mich immer umsorgt und mir versprochen, dass alles gut wird, dass ich es schaffen kann. Er kam mir immer so stark vor, und nun,

nun ist er weg. < Sie schaut beim Sprechen auf den Boden, Tränen tropfen auf ihre Hose. Ich kann nicht deuten ob sie über ihn reden will. Soll ich sie fragen? Verdammt, kämpfen hat mir mein Vater beigebracht, aber nicht wie ich mit Menschen umgehen muss. > Wissen sie, welche Gründe er hatte? < Frage ich vorsichtig. Sie schaut auf. Ihre Augen funkeln im modrigen Licht und die sonst braune Farbe wird golden. > Das weiß ich nicht genau, in letzter Zeit hat er sich verändert. Ich glaube es hängt mit einer Bande zusammen, die er gesucht hat. Beinahe krampfhaft hat er sie verfolgt, und Informationen gesammelt. Er hat kaum noch mit mir

gesprochen, nur noch das Notwendige für mich erledigt. < Ihr Tonfall verändert sich, sie weint nicht mehr, sie ist verwundert. > Was meinen sie mit das Notwendige? < Sie lächelt, diesmal etwas herzlicher. > Du weißt es nicht? Ich bin gelähmt. Abwärts der Hüfte fühle ich nichts mehr. < Entsetzen macht sich in mir breit. Wie konnte ihr Mann sie so im Stich lassen? Sie ist alleine doch aufgeschmissen. Doch dann sehe ich etwas in Lisas Blick. Sie schaut mich liebevoll an. Belustigt sagt sie

> Du kannst dich nicht an früher erinnern? Das ist sehr schade. Da hast du immer auf meinen Füßen rumgehämmert und gefragt ob es mir

nicht wehtut. < Ich schüttele den Kopf. Das ist ein lustiger Gedanke. Lange sitzen wir da und sie lächelt in die Leere dieses Raumes. Sie atmet ruckartig durch die Nase aus, schüttelt dabei den Kopf und schaut grimmig, aus dem Fenster. > Ich kann nicht glauben, dass ich so etwas auch nur in Erwägung ziehe. < Ich schaue sie fragend an, in der Hoffnung, dass sie gleich ihren Gedanken erzählt. Die Stimmung ist wieder geschwankt. Lisa ist wieder angespannt und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu warten. Mit viel Mühe bringt sie einen Satz raus > Die Pistole da, war nicht zur Verteidigung gedacht.< Sie presst ihre Lippen

zusammen. Enttäuscht, über ihre eigene Schwäche, versteckt sie ihr Gesicht in ihren Händen und weint. Ich sitze da, regungslos und beobachte, überlege. Dann setze ich mich aufrecht hin, und schaue ihr in die Augen. Sie schaut in meine. > Sind sie sicher, dass sie das wollen? < > Schau mich doch an, was gibt es für einen Grund, leben zu wollen? Ich habe keine Freunde, keinen Mann, keine Kinder. Nichts von Wert. Ich kann nicht einmal auf mich selbst aufpassen. Ich bin niemandem wichtig. < > Wir könnten uns um sie kümmern. < Werfe ich ein. Sie lächelt und schüttelt ihren Kopf. Sie hat Recht. Wir können kaum für uns selber sorgen. > Also, was

war ihre Idee? < Das was sie sagen will, ist ihr unangenehm, sie spielt mit ihren Händen. > Ich wollte dich fragen, ob du es tun kannst, aber ich weiß, dass du ein zu feinfühliges Wesen bist. Du hälst mich jetzt bestimmt für total durchgedreht. < Mist, das habe ich mir schon gedacht. Ich muss an die Worte meines Vaters denken. Er sagte mal zu mir, dass es nicht wichtig ist, was man tut, sondern wieso man es tut. Kann ich es rechtfertigen, einen Menschen zu töten? Ich habe von damaliger Sterbehilfe gelesen. Wenn ich sie jetzt töte, erfülle ich ihr einen Wunsch. Nichts hält sie hier, das hat sie selber gesagt. Außerdem, wenn ich hier schon

zögere, eine Frau umzubringen, die mich darum bittet, wie soll ich dann da draußen überleben? Da muss ich im Ernstfall töten, ohne eine Genehmigung zu haben. Unzählige Gedanken schwirren in meinem Kopf, unklar und Wild. Unzählige Entschuldigungen, für die nächste Bewegung, die ich mache, für die Wörter, die ich sage, für die Dinge, die ich fühle. > Du irrst dich Lisa. Ich bin schon lange nicht mehr der feinfühlige Junge, denn du kanntest. < Lächelnd schließt sie ihre Augen. Sie weiß, was jetzt kommen wird. Ich werde sie umbringen. Das ist das einzige Richtige. Alles ist langsam, ich stehe vom Stuhl auf, meine linke Hand mit der

Pistole erhebt sich langsam und wandert in Richtung ihres Kopfes. Mein Herz rast, mein Blut pocht mir in den Ohren. Verdammt, du sollst doch sehen, dass ich es gar nicht will. Doch sie macht sie nicht auf. Friedlich sitzt sie auf ihrem Sessel. Sie lächelt und jetzt ist es schon zu spät. Ein lauter Knall hallt durch den ganzen Raum, der Glastisch und das Glas klirren, Stofffetzen fliegen aus dem Sessel, die Staubkörner tanzen noch wilder, und Lisa sackt in sich zusammen. Diesen Knall dürfte das gesamte Haus gehört haben. Ich muss ihnen schnell sagen, dass sie Selbstmord begann. Benommen vom Knall renne in das Treppenhaus. Ich höre viele

aufgeregte Stimmen. Ich versuche aus voller Brust zu schreien, doch die Luft bleibt mir weg. Verdammt, ich habe jemanden umgebracht, einfach abgeknallt. Die Luft wird knapp, ich falle auf die Knie. Wieder versuche ich zu brüllen, diesmal klappt es. > Lisa hat Selbstmord begangen, ich konnte sie nicht aufhalten. < Es wird ruhig auf dem Gang. > Wer jetzt daran denkt hier hochzukommen und die Wohnung zu plündern, den knall ich ab. <, füge ich hinzu. Dann höre ich wie sich Türen schließen. Anschließend höre ich, dass jemand die Treppen hochsteigt. Schnell und leichtfüßig. Ich richte schon die Pistole in Richtung der Treppen, da

erkenne ich rote Haare. Es ist Julia. Mit weit aufgerissenen Augen fragt sie. > Mein Gott, was kann ich tun? < Ich überlege kurz. > Hol meine Eltern. <, und schon ist sie weg. Ich kehre zurück zum Sessel, und sehe wieder Lisa. Ich muss sie zudecken, der Anblick ist unerträglich. Ich nehme eine Decke vom Bett und lege sie über Lisa. Es sieht nicht nach Mord aus. Den Stuhl stelle ich wieder an den Tisch. Meine Eltern werde ich nicht belügen, aber die Anderen müssen nicht wissen, dass ich sie erschoss. Meine Eltern stürmen ins Zimmer. Mutter wirft sich auf mich. > Du hättest das nicht sehen dürfen, du bist doch noch ein Kind. < Ich muss es

ihnen jetzt erzählen, sonst schaff ich es nie. Sie beginnen schon die Entsorgung. > Wartet mal. < Abrupt unterbrechen sie das Verladen von Lisa auf eine Trage. > Sie hat sich nicht selbst umgebracht. Sie konnte es nicht, da hab ich es getan. < Eine Zeit lang stehe ich da, bewege mich nicht und schaue auf den Boden. Ich habe Angst, sie enttäuscht zu haben. Dann werde ich wieder in den Schatten von meinem Bruder verdrängt. Der, von dem ich und Mutter träumen. Er hätte bestimmt ein bessere Lösung gefunden, aber ich nicht. Dann sehe ich in ihre Gesichter. Überraschenderweise ist keiner von ihnen sauer oder enttäuscht. Vater schaut skeptisch, eher als würde er

mir nicht glauben. Mutter schaut kalt und emotionslos auf Lisa. > Was hätte ich denn sonst tun sollen? Sie wollte nicht mehr und ihr hättet den Blick sehen sollen, ich dachte- < da unterbricht mich Vater. > Es war eine harte Entscheidung und du hast eine Wahl getroffen, zu der bestimmt nicht jeder in der Lage gewesen wäre. Du hast Stärke und Selbstlosigkeit gezeigt, aber sei gewarnt, das wird dich noch lange verfolgen. < Sie nehmen Lisa auf der Trage mit und lassen mich im Raum alleine. Lange denke ich darüber nach, was mein Vater sagte. Je mehr ich darüber nachdenke, umso weniger bereue ich es. Wenigstens hat sie nicht

länger gelitten. Ich packe die Blätter und Ordner zusammen und trage sie runter. Mich interessiert brennend, welche Bande er verfolgt hatte und wieso er das tat, obwohl seine Frau ihn brauchte. Ich gehe das Treppenhaus runter, doch es wird kaum heller. Es ist bereits Abend und die Sonne geht unter. Noch einmal drehe ich mich um. Diesen Schatten werde ich nicht hinter mir lassen. Es soll mich prägen, denn heute habe ich mich lebendig gefühlt. In einem Leben voller Enttäuschungen, Trauer und Angst, habe ich einem Menschen etwas Gutes getan. In meinem Zimmer ist es schön warm und Mittagsessen steht noch auf dem Tisch.

Ich hab riesigen Hunger. Die Unterlagen schmeiße ich aufs Bett und nehme mir die ersten paar Blätter raus. Das wird wieder eine lange Nacht. Kurz nach 24 Uhr kommen meine Eltern heim und legen sich schlafen. Draußen ist eine Schießerei. Der Lärm von mehreren Maschinengewehren und abprallenden Kugeln, erzeugen die typische Geräuschkulisse der Nacht. Ich schließe mein Fenster und lege mich schlafen. Das war wohl ein doch nicht ganz so normaler Tag.

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btwchief

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EagleWriter Spannend und lebendig genug. Ich bleib dran
lg
E:W
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btwchief Vielen Dank, freut mich sehr.
Lg
btwchief
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