Kurzgeschichte
Familienbande - - oder ist das mobbing?

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"Familienbande - - oder ist das mobbing?"
Veröffentlicht am 11. Januar 2014, 18 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Kudryashka - Fotolia.com
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Über den Autor:

Ich wohne in der Oberlausitz und schreibe gern über meine schöne Heimat, schon seit der ersten Klasse. Ich liebe meine vier Kinder und bin sehr stolz auf sie. Nun sind sie in die Welt gezogen von Berlin bis Tokio, also besorgten wir, mein Mann und ich uns zwei neue Babies: Katze Nala und Hund Willy. Jeder von uns hält einen im Arm.
Familienbande - - oder ist das mobbing?

Familienbande - - oder ist das mobbing?

Familienbande

oder ist es mobbing?

Nach einer wahren Begebenheit

Die Tafel ist festlich gedeckt, riesig, die Servietten zartgelb, passend zum beginnenden Frühling. Teller, Gläser, Besteck, alles akkurat gerichtet. Man legt Wert auf Perfektion.

Vielleicht wirkt der Saal gerade deshalb etwas kühl, die Leichtigkeit fehlt, oder weht ein Hauch kommender Stunden bereits durch dieses Haus?

Kira fröstelt, als sie den Saal betritt. Noch fehlen die Gäste, 30 an der Zahl,

hauptsächlich Freunde, sind geladen.

An der riesigen Tafel wurde Kira weit entfernt von der Oberstaatsanwältin platziert. Zum Glück übersieht die „Staatsmacht“ sie einfach. Gut so, Kira möchte keinen Streit heute.

Die Einteilung an der festtafel sorgt aber auch für einen riesigen Abstand zu Tim, ihrem Sohn.

Er ist der Mittelpunkt, das ist sein Fest.

Er hat Kira eingeladen, mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Kira beobachtet eine Weile die Gäste, nippt an ihrem Weinglas, Alkohol ist nicht so ihr Ding. Ein gutes Glas Wein genügt ihr. Dann steht sie auf, schlendert wie unabsichtlich zu Bufet,

tritt neben Tim.

Tim, den sie immer Timi nannte, früher, als er noch nicht fast 2 Meter groß und sein Rücken muskulös und breit wie ein Schrank war. Als sie ihn noch umfangen und an sich drücken konnte. Seine himmelblauen Augen blicken sie an wie vor 30 Jahren, nur seine dunklen Haare waren damals fast weißblond.

„Na Mutti“, sagt er  lächelnd. Kira muss sich abwenden, damit er ihre Gedanken nicht errät, ihre Tränen nicht sieht.

„Ich bin stolz auf dich“, sagt sie endlich. „Bist du auch wirklich glücklich? Ich habe immer Angst um dich.“ Das letzte ist ihr so herausgerutscht, am liebsten hätte sie

ihre Worte wieder zurückgenommen. Dazu ist es nun zu spät. Tim hasst solche Gespräche. Sein Gesicht verwandelt sich, auf seiner Stirn erscheint eine steile Falte. „Musst du nicht, ich bin erwachsen, längst.“ Er dreht sich von ihr weg. Sie ergreift seine Hand. „Verzeih, ich wollte dich nicht kränken.“

Reden war nicht Tims Sache, Kira hatte es oft versucht, als er klein war, als größerer Schüler, sie bekam nie eine Antwort. Irgendwann hatte sie kapituliert.

In ihrem Rücken spürt sie plötzlich die Blicke der Oberstaatsanwältin. Wie

Armbrustpfeile scheinen sie in sie einzudringen, sie zu durchbohren und zu vernichten. Sie fühlt körperlich diesen Schmerz und dreht sich um. Ihre Blicke begegnen sich sekundenlang, dann wirft die andere den Kopf zurück, hochmütig, im Bewusstsein ihrer Macht, die sie über alle ausübt

.

Kira kennt dieses herablassende Kopfwerfen. Schon, als sie Kiras Lieblingsspielzeug an sich nahm, das kleine braune Holzpferdchen, und Kira es zurückforderte, hatte sie so den Kopf geworfen. „Lass sie doch, sie ist noch klein. Sie hat bald vergessen, dann nimmst du es dir wieder. Das verstehst

du doch, du bist die Große“, hatte die Mutter gesagt und dabei ihre Kleinste fest an sich gedrückt. Die Oberstaatsanwältin, die damals noch keine war, hatte das Pferdchen nicht zurückgegeben, sondern die Holzbeinchen abgebrochen, eins nach dem anderen. Und als Kira bitterlich weinte, hatte sie schadenfroh gelacht.

Auch als sie Kiras Schreibheft aus deren Ranzen holte und als Malbuch benutzte, hatte sie so triumphierend den Kopf zurückgeworfen. „Ist nicht so schlimm“, hatte die Mutter gesagt, „schreibst es eben noch mal ab, da übst du gleich und wirst immer besser in der Schule. Du bist doch die Große.“

Später begann die Oberstaatsanwältin  Jura zu studieren. „Ich werde Karriere machen, nicht so wie du mit deinen Viechern immer stinken, du Landpomeranze.“

„Staatsanwältin, wie das klingt“, die Mutter wiegte sich im Sound des Wortes. Fortan meinte sie nur noch die Oberstaatsanwältin, wenn sie von ihrer Tochter sprach.

Nur einmal stand Kira kurz im Mittelpunkt. Kira hatte Timi zur Welt gebracht, den lange erwarteten und schmerzlich vermissten Stammhalter. „Mein Junge“, sagte die Mutter, als Kira mit dem Bündelchen aus der Klinik kam, riss ihr Timi aus dem Arm und reichte

ihn dann an die Oberstaatsanwältin weiter. Kira lächelte nachsichtig. Das ist eben die Freude der Oma. Wie hätte sie ahnen können, dass die Mutter es so meint, damals?

Als Tim erst an die Bar, dann zum Tanz geht, begibt sich auch Kira an den Rand der Tanzfläche. Das Weinglas in der Hand, die Arme verschränkt beobachtet sie die Tanzenden. Die Soundstärke übersteigt eindeutig die Verständigungsgrenze.

Kira beobachtet ihren Sohn, sieh an, er hat das Tanzen gelernt, setzt die Schritte elegant im Takt der Musik. In der Schule damals fand er das doof.

Ein junges Mädchen, übergewichtig mit grell bunten Haaren tritt auf Kira zu und stößt sie an. Die Tochter der Oberstaatsanwältin ist bereits ziemlich stark angetrunken. Ihre Augen funkeln hasserfüllt.

„Verschwinde, hau ab, du hast hier nichts zu suchen!“ schreit sie. „Lass ihn endlich in Ruhe!“

Sie torkelt leicht. Mit Betrunkenen zu diskutieren ist nicht Kiras Stil. Trotzdem, dieser Auftritt eben vor all den Gästen, was sollte das?

Tim zieht Kira zur Seite. Es tut gut, ihn jetzt bei sich zu haben. Blut ist eben dicker als Wasser.

Wenig später spricht der erste Gast Kira an: „Ich kenne Sie zwar nicht so gut, aber so hätte ich Sie nicht eingeschätzt. Ich kann das einfach nicht glauben, was ich da gehört habe.“

Ein zweiter tritt auf sie zu, dann eine Frau, ein halbwüchsiger Junge. Immer dieselben Fragen, die gleichen Formulierungen. „Ist das wirklich wahr? Ich kann das nicht glauben, so sind Sie doch gar nicht.“

Was ist hier passiert, um Himmels Willen, was werfen all diese Leute ihr denn vor?

Kira beginnt zu zittern. Dass ich Tims Mutter bin, dass ich nächtelang an seinem Bett saß, wenn er wegen des

Asthmas keine Luft bekam? Dass ich Tag und Nacht seine Ohren behandelte und ihn tröstete, wenn er vor Schmerz weinte? Timi war sehr oft krank.

Dass ich die schlechten Zensuren unterschrieb, natürlich mit Strafpredigt, ich gebe es zu und ihm nachlief, wenn er wieder mal seine Schulsachen vergaß?

Wenn Tim gesund und energiegeladen war, seine blauen Augen strahlten und er gute Zensuren vorwies, dann war er stets Mutters Junge und der der Oberstaatsanwältin. Dann war Kira überflüssig, sogar wenn sie ihm extra sein Leibgericht, Nudeln mit Tomatensoße, kochte.

„Nicht wahr Timi, bei der Oma schmeckt

es sowieso viel besser.“

Kira hatte dieses Spiel am Anfang überhaupt nicht bemerkt, als es ihr bewusst wurde, sie sich verzweifelt wehrte, dann auch ungerecht zu Tim wurde, war es bereits zu spät.

Oma und Tante kauften Tim mit süßer Westschokolade und Tim liebte süße Schokolade. Kira hatte nur ihre Liebe und süße klebrige Himbeerbonbons dem entgegenzusetzen.

Tim wählte die Westschokolade.

Kira besorgte Tim eine Lehrstelle zu einer Zeit, da Lehrstellen fast mit Gold aufgewogen wurden. Kira war froh, diese Stelle für Tim zu bekommen, er glänzte nicht gerade durch Supernoten.

„Wie kannst du dem intelligenten Jungen das antun, er ist berufen zu studieren.“, schalten sie die Mutter und die Oberstaatsanwältin. Kira nahm es klaglos hin, ihre Argumente fanden niemals Gehör.

Nach der Lehre, Tim wurde vom Betrieb nicht übernommen, organisierte Kira für Tim eine Arbeitsstelle.

Die Oberstaatsanwältin organisierte für ihn eine eigene Wohnung und richtete sie ein. Tim wählte die Wohnung und das Arbeitslosengeld und ging schwarzarbeiten.

Erneut trit ein Gast, sie kennt ihn nicht,

auf Kira zu. „Nein, so etwas habe ich noch nie gehört, das kann einfach nicht sein:“

„Was denn bitte???“

„Sie wissen schon Bescheid.“

Immer mehr Gäste stellen Fragen ohne Antworten zu erwarten, tuscheln, sehen sie herausfordernd oder vernichtend an.

Kira fühlt sich wie ausgepeitscht, ihre Haut brennt als wäre sie durch das Höllenfeuer gelaufen.

Ein Jugendlicher läuft mit versteinertem Gesicht auf sie zu. „Ich wünschte, ich hätte Sie niemals gekannt. Sie sind für mich gestorben.“

Dieser Satz trifft Kira wie eine Keule,

unwillkürlich zieht sie den Kopf ein 

G e s t o r b e n.

Die Worte, kaum ausgesprochen, durchbohren ihr Innerstes, drohen, sie zu zerreißen. Ihr Herz rast, kalter Schweiß tritt ihr auf die Stirn. Sie lechzt nach Sauerstoff wie eine Ertrinkende, doch die Luft schien dünner und dünner zu werden. Wirr schaut sie sich um und gewahrt ihren Sohn im Kreise seiner Familie, die Oberstaatsanwältin und ihre Tochter bei ihnen. Sie schienen ein unsichtbares Band um sich gelegt zu haben, gegen das Kira nicht ankommt. Blut ist dicker als Wasser?

Ich habe verloren, wieder einmal wie so

schon so oft. Es gibt keinen Ausweg mehr.

Kira will nur noch fort hier, raus aus diesem Raum, weg von diesem Ort. Sie beginnt zu laufen, immer schneller, hinein in die Dunkelheit. Nur weg von hier, die Schläge nicht mehr spüren, weiter, immer weiter, zum Licht, dem Licht entgegen Licht!!!

Der LKW-Fahrer tritt mit aller Kraft auf die Bremsen, als er die dunkle Gestalt im Scheinwerferkegel bemerkt umsonst.

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Hörbuch

Über den Autor

Albatros99
Ich wohne in der Oberlausitz und schreibe gern über meine schöne Heimat, schon seit der ersten Klasse.
Ich liebe meine vier Kinder und bin sehr stolz auf sie.
Nun sind sie in die Welt gezogen von Berlin bis Tokio, also besorgten wir, mein Mann und ich uns zwei neue Babies: Katze Nala und Hund Willy. Jeder von uns hält einen im Arm.

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Ninamy67 Sehr starke und schockierende Geschicht...sehr gut geschrieben!
LG

Nina
Vor langer Zeit - Antworten
Albatros99 Vielen Dank und liebe Grüße zurück
Christine
Vor langer Zeit - Antworten
daxana Starke Geschichte.
So einfach geht Mobbing: Ein bisschen mehr Versorgtheit und Wohlstand und viel Zeit zum Ratschen, wenig Respekt vor Anderen und komplett fehlendes Verständnis/Emphathie.
Blutgefrierend.
lg daxana

Vor langer Zeit - Antworten
Albatros99 Danke dir für deinen starken Kommentar, leider habe ich im Moment keine Zeit, um hier auf unserer schönen Seite zu schreiben. Ich hoffe sehr, ab Juli wird das wieder was.
Ich wünsche dir bis dahin ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr.
Mit lieben Grüßen Christine
Vor langer Zeit - Antworten
daxana Liebe Christine, manchmal ist es halt einfach so, ich wünsche dir ein starkes und stressfreies Jahr 2018!
LG daxana
Vor langer Zeit - Antworten
Brubeckfan Starker Tobak, plastisch beschrieben.Daß ein Geschwisterkind der "ewige Favorit" ist, ist ja gar nicht selten, aber so ...
Familie kann man sich nicht aussuchen, aber den Umgang mit ihr, und die Feiern, ja?
Viele Grüße gen Süden!
Gerd
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Was für eine Geschichte! Ich war mittendrin ... habe Gastgeber und Gäste beobachtet, Schmerz und Enttäuschung Deiner Protagonistin gefühlt. Nahtlos fügt sich Eindruck an Eindruck, Erleben an Erleben. Das Ergebnis einer flüssigen und bildhaften Erzählweise.
Chapeau, liebe Christine!
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
Gabriele WOW - *liebe Christine* - diese Geschichte hat es wirklich in sich!!
Ich habe sie als sehr fesselnd erlebt - und fühlte mich mittendrin.
Alle Hochachtung - toll verfasst.
Bis bald mal und liebe Grüße, Gabriele
Vor langer Zeit - Antworten
baesta Sehr ergreifend geschrieben. So etwas soll es ja tatsächlich geben. Deine Protagonisten hast Du großartig beschrieben, diese Schwester, die sich als Staatsanwältin auf der Überholspur wähnt, die Großmutter, die sich als Herrscherin über ihre Familienbande fühlt und die den Sohn der Mutter entfremden und ihn sogar auf die schiefe Bahn leiten. Ja ich würde schon sagen, auch in Familien gibt es Mobbing, nur dass man sich dagegen noch schwerer wehren kann.

LG Bärbel
Kleiner Hinweis: Mobbing wird als Substantiv gehandhabt: Des Weiteren schau Dir mal auf Seite 2 die Festtafel an und auf S. 13 ganz unten "tritt".
Dann den letzten Satz solltest Du etwas mehr Präsenz verleihen, indem Du das letzte Wort etwas abgrenzt, z.B." ...bemerkt.....umsonst!" oder "...bermerkt. Zu spät!"
Vor langer Zeit - Antworten
Albatros99 Vielen lieben Dank, Bärbel für deine Hinweise, mal sehen, ob ich Computerpfuscher das noch hinbekomme. Eine schöne sonnige Woche dir. Gruß Christine
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