Beschreibung
Geschwisterliebe (die jedoch nicht auf eigener Erfahrung beruht)
"Warum?", frage ich mit bebender Stimme und presse gequält die Lippen aufeinander.
Er streicht mir schweigend über den Rücken, hält mich fest. Seine wohltuende Wärme strömt durch meine Kleidung, kriecht unter meine Haut und breitet sich kribbelnd in meinem ganzen Körper aus.
Unaufhörlich laufen mir brennende Tränen aus den Augen und fallen wie Regentrofen auf seine Schulter. Er fängt sie auf, trägt die schwere Last meiner Trauer ohne sich zu beschweren. Er hat sich nie beschwert.
Wenn er nur wüsste, was der Ursprung meiner Trauer ist...
Gleich werde ich ihm die scharfe Klinge der Wahrheit in den Rücken rammen und uns beide umbringen.
"Warum?", frage ich wieder und ersticke mein erbärmliches Schluchzen im Stoff seines Oberteils. Ich schäme mich. Und das er mich seine Ungeduld nicht spüren lässt, dass er seine Jacke um meinen zitternden Körper legt und behutsam die salzige Feuchtigkeit von meinen Wangen wischt, macht alles nur noch schlimmer.
Er ist immer für mich da und er würde alles für mich tun, das weiß ich. Und trotzdem will ich noch mehr. Ich schäme mich so. Weil ich den besten Bruder auf der ganzen Welt habe und mir das nicht reicht.
Bin ich undanbar? Egoistisch? Oder verrückt?
Er sieht mich sanft an und die Ehrlichkeit in seinen Augen macht mir Mut. Ich bin schuldig - und zwar schulde ich ihm eine Erklärung.
Hier und jetzt.
"Du bist etwas ganz Besonderes für mich", beginne ich schließlich und er lächelt mich so liebevoll an, dass es weh tut. Ich schlucke den Schmerz. Und was übrig bleibt, ist die ewige Trauer und die Scham, die sich durch meinen Brustkorb frisst und mir das Herz einschnürt.
"Ich darf dir nah sein, wenn du niemanden in deiner Nähe haben willst und ich darf dich anschreien, ohne dass du mir deswegen böse wärst. Ich darf deine Geheimnisse aufbewahren und dir meine anvertrauen. Ich darf meine Freude mit dir teilen und dich trösten, wenn deine Kräfte dich mal verlassen haben."
Ein kehliges Schluchzen verlässt meine Lippen - ich konnte es nicht länger zurückhalten. Es kostet mich so viel Mühe, doch ich muss das jetzt zu Ende bringen.
Er hält mich fest. Noch.
"Ich darf alles." Er nickt und lehnt seine Stirn gegen meine, fast berühren sich unsere Nasenspitzen. Mein Herz zerrt mit aller Macht an seinen Fesseln. Flüsternd spreche ich unser Todesurteil.
"Aber ich darf dich nicht lieben!"
Sein Gesicht verschwindet, genauso, wie seine Hände und auch die Wärme ist auf einmal weg. Der Mut, der mir geholfen hat, diesen Moment zu überstehen, verlässt meine Knochen und ich sinke auf die Knie. Das war´s.
Ein paar lächerliche Minuten habe ich gebraucht, um so viele, glückliche Jahre zunichte zu machen.
Er hat mich sofort verstanden- wie immer. Der beste Bruder auf der ganzen Welt...
Ich bin undankbar, egoistisch und verrückt.
Langsam fällt die Tür ins Schloss.
Und ich bin tot.