Humor & Satire
Der Einzelhändler

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"Der Einzelhändler"
Veröffentlicht am 09. November 2013, 8 Seiten
Kategorie Humor & Satire
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http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Ich bin... vor einigen Monaten nach Franken gezogen. Ich habe... alles eingepackt und mitgenommen, aber noch nicht alles wieder ausgepackt. Ich will.... davon immer noch einiges loswerden, ich habe einfach zu viel Zeugs. Ich muss... oft noch suchen, wo was ist. Ich kann... überall mein Geld verdienen, weil ich im Moment meine Schreibaufträge über das Internet bekomme Ich möchte... eigene Ideen schreiben und weiter entwickeln
Der Einzelhändler

Der Einzelhändler

Der Einzelhändler

Jetzt weiß ich, warum der Einzelhändler so heißt: Nicht etwa, weil er mit einzelnen Sachen handelt, mit Glühbirnen und Schokoriegeln, mit Hämmern und Streichhölzern. Nein, er steht mutter- und vaterseelenallein in seinem Laden. Er räumt und kramt in den Regalen, sortiert Suppentüten, pinselt den nicht vorhandenen Staub von sorgfältig sortierten Schrauben. Er ist allein. Einzeln und in Einzelhaft. Der Einzelhändler steht in seinem Laden einzeln herum, döst im Halbdämmer vor sich hin, träumt von reger Nachfrage und sammelt in den langen Pausen die

Kraft und Energie, die er braucht, wenn er mal nicht alleine ist.

Auf der Straße gehen hin und wieder Menschen vorbei, doch kaum jemand dreht den Kopf und sieht auf die Pyramide von Suppendosen und das Aquarium, in dem zwei Guppys Verstecken zwischen den Wasseralgen spielen. Der kundige Einzelhändler wartet geduldig im hintersten, im dunkelsten Eck seines Ladens, wie die Spinne - versteckt im Astloch am Rande ihres Netzes. Er schaut nicht auf die Straße, sondern poliert die Messingstangen, an denen er mit Ösen aus handgebogenem Draht die bunten Topflappen hübsch drapiert hat. Er

wartet. Er hat Zeit.

Der Einzelhändler beobachtet gerne, wie sich der Mensch langsam in einen kaufenden - und vor allem auch zahlenden Kunden verwandelt. Die Wandlung geschieht Schritt für Schritt, und der kundige Einzelhändler weiß, dass er diese Metamorphose nicht stören oder gar zu früh unterbrechen darf.

Denn manchmal geht ein Mensch erst zügigen Schrittes vorbei, zögert dann, verhält, schaut in das Schaufenster und auf das Schild an der Ladentür, legt die Hand auf die Klinke und erst nach einer Weile drückt er die Tür auf. Die meisten Menschen zögern, solange sie noch die Hand auf der Türklinke halten, und

lassen diese nur ungern los. Wenn sich die Ladentür mit einem satten Schmatzen hinter ihnen schließt, zucken sie zusammen, als wären sie jetzt gefangen.

Doch der Einzelhändler bewegt sich keineswegs, um seinen künftigen Kunden standesgemäß zu empfangen. Er weiß genau, dass er um keinen Preis die Verwandlung stören darf, bevor sie vollständig ist. Nimmt also der Mensch, der so zögernd in den Laden kam und die Tür so widerstrebend losließ, endlich etwas in die Hand, die geöffnete Packung Aspirin etwa, deren Inhalt hier auch tablettenweise verkauft wird, so beginnt die langsame Metamorphose des Menschen in einen Kunden. Dann

erschrickt dieser nicht mehr bei der Frage: "Kann ich etwas für Sie tun?" oder verlässt gar fluchtartig den Laden.

Am besten ist es allerdings, wenn der künftige Käufer etwas sucht, was er nicht sofort selbst findet. Hier ist ihm der Einzelhändler außerordentlich beflissentlich behilflich, kramt selbst in seinen Regalen, schiebt die Brille erst hoch in die Haare, dann nach vorne auf die Nase. Er murmelt leise vor sich hin und holt hier und da interessante Schachteln und Dinge aus Schubladen und Ecken. Jedes Teil wird dem Kunden ausführlich vorgeführt, während dieser von einem Fuß auf den anderen tritt und hofft, dass der Einzelhändler doch bald

fündig werden möge. Manchmal allerdings muss der Einzelhändler nach langer Suche aufgeben, weil die erwünschte Ware partout nicht aus ihrer Ecke kommen und sich zeigen möchte. Dann geht der Kunde, ob mit gesuchter Schraube oder ohne gewünschten Haken.

Nach dieser Anstrengung öffnet der Einzelhändler eine abgegriffene Pappdose mit Aluminiumdeckel und streut den beiden Fischen zwei einzelne Flöckchen Fischfutter in das Aquarium, bevor er sich selbst einen Schokoriegel greift und mit dem sechsten Schlag vom nahe gelegenen Kirchturm den Laden von außen mit seinem großen Schlüssel absperrt.


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Über den Autor

Ottilie
Ich bin... vor einigen Monaten nach Franken gezogen.
Ich habe... alles eingepackt und mitgenommen, aber noch nicht alles wieder ausgepackt.
Ich will.... davon immer noch einiges loswerden, ich habe einfach zu viel Zeugs.
Ich muss... oft noch suchen, wo was ist.
Ich kann... überall mein Geld verdienen, weil ich im Moment meine Schreibaufträge über das Internet bekomme
Ich möchte... eigene Ideen schreiben und weiter entwickeln

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NORIS Ich ziehe meinen Hut vor dieser Geschichte ... äh Autorin ... toll geschrieben ... ja, lie sind leider fast völlig ausgestorben, die Einzelhändler, aber sie fehlen uns immer mehr ... keine Kommunikation, keine Beratung ... nichts, denn wir sind No-Names geworden, von Geldräubern ausgeplündert, vom Angebot überrannt werden wir als Verbraucher gekauft ... es ist einfach grässlich ...
LG heidemarie
Vor langer Zeit - Antworten
Ottilie Vielen Dank,
ja, Läden mit einem freundlichen Inhaber sind wirklich selten geworden. In die großen Kaufhäuser gehe ich gar nicht gerne.
viele liebe Grüße
Ottilie
Vor langer Zeit - Antworten
Montag Ich kenne Einzelhändler kaum noch. Prima geschrieben.
LG Montag
Vor langer Zeit - Antworten
Ottilie Danke für Dein Lob.
Ich war mal dabei, als zwei alte Leutchen ihren kleinen Tante-Emma-Laden zugemacht haben. Den konnte niemand anders übernehmen, weil die selbst im Schlafzimmer die Waschpulverpackungen gestapelt haben. Im Laden war quasi immer nur eine Packung von allem, mehr Platz gab es nicht.
viele Grüße
Ottilie
Vor langer Zeit - Antworten
dieNiki tolle Zeilen Ottilie
Gruss aus Wien dieNiki
Vor langer Zeit - Antworten
Ottilie Vielen Dank für Dein Lob
und viele Grüße aus Bayern nach Wien :-)

Ottilie
Vor langer Zeit - Antworten
Ottilie (und auch für die coins und den Favo :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Magdalena Hallo Ottilie,
Diese Begegnung die du hier gut beschreibst - der kauzige Einzelhändler und der sich verwandelnde Mensch "zum Kunden" gibt es ja leider immer seltener.Die Selbstbedienung hat doch diese Spezie fast aussterben lassen. Heißt es eigentlich jetzt statt "Einzelhandel" "Kettenhandel" oder "Massenhandel"? Der potentiele Kunde steht jetzt vor einem großen Gebäude, deren Tür schon bei einen Abstand von 1,5 Metern automatisch aufgeht und ihn so fast gar nicht die Entscheidung lässt "aufzumachen", sondern fast hineingesogen wird. Innen im mehrgeschossigem Raum wird es von Lichtern überflutet und als Neuling erstmal völlig desorientiert. Ein Labyrinth der Angebote stehen offen da - keine Tür hemmt den Übergang in die einzelnen Zellen. Auch wenn man die Ware berührt taucht kein Berater oder Helfer auf .So wandelt man von Zelle zu Zelle und am Ende weiß man manchmal gar nicht, was man eigentlich finden wollte. Das Zusammentreffen mit einem kauzigen Einzelhändler, der einem das Gefühl wenigsten gibt Kunde zu sein - welch ein seltener Luxus.
Habe Spaß am Lesen gehabt!
LG Magdalena
Vor langer Zeit - Antworten
Ottilie Das freut mich sehr. Aber es ist nicht immer nur der Einzelhändler, der lieber ganz schnell ganz viele Kunden haben will, sondern oft auch die Industrie, die für ihre Produkte einen ganz bestimmten Rahmen wünscht. So hab ich mal einen alten Landwarenhändler erlebt, der seinen Laden, in dem es einzelne Schrauben ebenso wie ganze Traktoren gab, unter Tränen schließen musste, weil er nicht mehr beliefert wurde: Seine Verkaufsflächen waren nicht mehr zeitgemäß... (sondern in einem alten, verwinkelten, staubigen Fachwerkhaus)
viele Grüße
Ottilie
Vor langer Zeit - Antworten
Ottilie und vielen Dank auch für die Coins, liebe Magdalena!
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